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Die Diktatur der Naturwissenschaften?

von Jörg Ewers, 12. September 2011, 18:38

Ursprünglich war dieser Beitrag als Kommentar auf diesen Beitrag drüben bei Stephan Schleim gedacht. Allerdings hat er dann so sehr an Volumen gewonnen, dass ich ihn doch eher als eigenen Blogbeitrag veröffentlichen möchte, da er eher meine Sicht auf Naturwissenschaften wiederspiegelt als den dortigen Beitrag zu kommentieren.

Mein Problem beginnt damit zu differenzieren, wo Naturalisten, Brights, Humanisten, Transhumanisten und Naturwissenschaftler nun gemeinsame bzw. unterschiedliche Positionen per Definition vertreten, Synonym für Weltanschauungen stehen oder die gleiche Weltanschauung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen darstellen.

Deshalb beziehe ich mich schlicht und einfach auf die Naturwissenschaften, zu denen mein Gebiet der Chemie nunmal gehört.

Hier habe ich den Eindruck, das eine sehr dogmatische Sichtweise der Naturwissenschaften vorherrscht.

Alleinvertretungsanspruch

Das beginnt mit dem Anspruch die ganze Welt zu erklären, was nun jeder ernste Naturwissenschaftler meiner Meinung nach nur als Anspruch an sein eigenes Arbeiten legen kann. Dieser Anspruch ist eine Grundmotivation der Naturwissenschaften, wobei gleichzeitig jedem Naturwissenschaftler klar sein sollte, das dieser Zeitpunkt einer vollkommenen Beschreibung nicht bestimmbar ist. Theoretisch müsste man jeden infintisimalen Flecken des Universums gesehen/gemessen haben um Absolutheitsansprüche zu stellen. Solange kann man lediglich annehmen, dass gefundene Gesetzmäßigkeiten auch wirklich jeden entwaigen Sonderfall berücksichtigen.

Die Güte einer (natur-) wissenschaftliche Theorie misst sich darin, Vorhandenes korrekt beschreiben zu können.

Gleichzeitig vermisse ich bei der Darstellung der Naturwissenschaften den Praxisbezug. In erster Linie beschäftigt sich die Naturwissenschaften mit dem was den Wissenschaftler umgibt, dessen Wechselwirkung er derart sichtbar machen kann, dass er daraus nachvollziehbare und konsistente Gesetzmäßigkeiten ableiten kann.

Dabei ist mir bisher noch kein Modell untergekommen, das in seiner einfachsten Form die komplexesten Vorgänge erklären könnte.

Modelle

Modelle, so ist zumindest mein bisheriges Wissen, sind immer eine Vereinfachung des zu beschreibenden Systems und haben in der Regel Grenzen, die durch diese Vereinfachungen gegeben sind. Ihr Vorteil liegt darin, solche Aspekte die erforscht sein sollen genau genug zu beschreiben, während sie deren Umgebung annähern.

Wenn also von einem Tiermodell die Rede ist, so finde ich das nur logisch, dass dieses nicht 100% dem Zielorganismus entspricht, sonst würde die Verwendung des Modells zumindest rein wissenschaftlich (wenn man Ethik /Moral auslässt) keinen Sinn machen, da es lediglich mehr Ungenauigkeiten, aber keiner einfachere Beschreibung erlauben würde.

Um aus dem chemischen Bereich heraus zu argumentieren, ich kann eine Reaktion von Stoffen mit sphärischen Atomkernen erklären, um die sphärische Elektronen auf festen Bahnen kreisen, doch kann ich damit nicht alle Reaktionen erklären. Ich kann Reaktionen auch mit der Schrödinger- oder Dirac-Gleichungen erklären, doch sind diese aufgrund ihrer Genauigkeit so voluminös in ihrer Anwendung, dass die beschreibaren Systeme klein sind.

Selbst die Funktion eines Auquaporins semiquantenmechanisch zu modellieren, dauert rechnergestützt Wochen.

Modelle und Theorien sind also nur soweit überprüfbar, wie wir in der Lage sind, sie auf unsere Umwelt anzuwenden.

Differenzierung

Deshalb ist die Ausdifferenzierung der Naturwissenschaften ebenfalls nachvollziehbar. Sie folgt direkt aus der Begrenztheit der Mittel. Da wir nicht die Mittel haben, einzelne Moleküle mit der selben Präzision zu beobachten, wie das komplexe System eines Organismus, der aus Milliarden Molekülen aufgebaut ist, folgen zwangsläufig verschiedenstarke Abstraktionsstufen. Das naturwissenschaftliche Prinzip fordert lediglich, das diese Modelle einander nicht wiedersprechen dürfen.

Die Daseinsberechtigung der Naturwissenschaften folgt daraus, dass ich in der Lage bin, auf polymere Alkane zu drücken, was Halbleiterschaltkreise dazu veranlasst elektrische Ströme zu regulieren, die letztlich eine Änderung der Ausrichtung einer innerlich geordneten Flüssigkeit vor mir bewirken.

Mit anderen Worten, sie helfen die Umwelt zu verstehen und auf diesem Verständnis aufbauend Veränderungen der Umwelt zu unserem Vorteil zu ermöglichen.

Schlüsse

Aus dem Erfolg dieser Methode mögen manche einen Anspruch auf Wahrheit stellen, meiner Meinung wiederspricht dies aber explizit dem naturwissenschaftlichen Gedanken, das jede Theorie grundsätzlich falsifizierbar sein sollte. Etwas als wahr anzunehmen, negiert nun gerade diesen Anspruch Theorien und Modelle fortwährend zu prüfen und kritisch zu hinterfragen.

"Alternative Phänomene, alternative Weltbeschreibungen" sind also für einen Naturwissenschaftler keine Gegner, sondern letztlich der willkommene Prüfstein für Methoden und Modelle.

Ihre Relevanz für die Naturwissenschaften dagegen begrenzt sich durch ihre (sichtbare) Interaktion mit dem, was wir als Realität betrachten.

Ich sehe die Naturwissenschaften also weder in der Rolle der erklärenden Allmacht, noch in der Rolle des Wahrheitsliferanten. Wären sie das, so wären Naturwissenschaftler nurnoch Handwerker, die anzuwenden haben, was fest steht.

Wenn jemand eine Geisteshaltung abseits der Naturwissenschaften für sich entdeckt, die ihm eine bessere Persönlichkeitsentfaltung, eine angenehmere Gestaltung seiner Lebensverhältnisse ermöglicht, so bin ich libertär liberal genug ihm dies ohne Einschränkung zu gönnen.

Letztlich hat auch die Gesellschaft allgemein kein Problem damit, Früchte der naturwissenschaftlichen Arbeit zu pflücken ohne sich groß um die Wurzeln dieser Erkenntnisse zu kümmern. Bei PID, Gentechnik, Atomkraft, Endlagerung und ähnlichen Themen sind die Naturwissenschaften nur ein Ansprechpartner unter Vielen.

Die Naturwissenschaftler sind daran gewöhnt. Der Ehrgeiz, Erklärungen mit den begrenzten zur Verfügung stehenden Mitteln zu finden, bleibt.





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Kommentare

  1. Lars Fischer Ich sehe hier ein Kategorienproblem
    12.09.2011, 19:05

    Die Naturwissenschaft ist ja erst einmal eine Ansammlung von Methoden, eine bestimmte Klasse von Aussagen zu generieren. Was Stephan nebenan karikiert ist aber eine Weltanschauung, die auf den Methoden der Naturwissenschaft basiert.

    Es ist schon ein Unterschied, ob man für naturwissenschaftliche Erkenntnisse einen Wahrheitsanspruch postuliert (was per Definition nicht geht) oder sich auf den Standpunkt stellt, dass das Universum nach prinzipiell erfahrbaren universellen Regeln funktioniert. Letzteres ist eine Prämisse, die einer Weltanschauung zugrunde liegt, und das kann man sehr wohl machen.

    Das charmante an einer Weltanschauung, die auf dieser Prämisse basiert ist, dass sie zwar nicht beweisbar, aber zumindest prinzipiell widerlegbar ist.

  2. Jörg @Lars
    12.09.2011, 20:19

    Genau darauf wollte ich hinaus.
    Wir gehen davon aus, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt, nach denen das Universum funktioniert und das diese kontinuierlich genug sind, um damit bisher unbekannte Sachverhalte vorherzusagen und zu interpretieren.

    Wir wissen aber nicht, ob die gefundenen Regeln die letztgültigen sind und auch nicht, ob sie wirklich überall gelten.

    Dort wo Naturwissenschaften die 'Deutungshoheit' besitzen, wurde sie ihnen zugewiesen aufgrund der Ergebnisse die sie dort brachten, nicht weil sich jemand hinstellte und sie als 'wahr' postuliert hat.

  3. Martin Huhn kein Betreff
    13.09.2011, 14:13
    Ich sehe die Naturwissenschaften also weder in der Rolle der erklärenden Allmacht, noch in der Rolle des Wahrheitsliferanten. Wären sie das, so wären Naturwissenschaftler nurnoch Handwerker, die anzuwenden haben, was fest steht.

    Das habe ich jetzt nicht verstanden, was Du damit sagen willst.

  4. Jörg @Martin
    13.09.2011, 14:33

    Der Gedanke dahinter war folgender:
    Wenn Naturwissenschaften bereits alles erklären könnten, wir also eine komplette Theorie vom Kleinsten bis ins Größte hätten, die wir überall anwenden könnten, wäre zumindest theoretisch naturwissenschaftliche Forschung nicht mehr nötig.
    Es gälte nurnoch bekannte Zusammenhänge anzuwenden.
    Zugegebenermaßen finde ich das Wort Handwerk in diesem Zusammenhang nicht perfekt gewählt.

  5. Martin Huhn kein Betreff
    13.09.2011, 14:53

    Ach so, jetzt verstehe ich das. Das wird von den Forschern - teilweise abfällig - als Ingenieursarbeit bezeichnet. Ingenieure forschen nicht, sondern wenden "nur" bekanntes an. Wobei das so auch nicht ganz stimmt.

    Ja, das hört sich alles vernünftig an, was Du da geschrieben hast. Ich mag es nämlich überhaupt nicht, wenn die Grenzen der Methoden nicht beachtet werden und als nächster Schritt, dann die (Natur)wissenschaft mißbraucht wird, indem sie die eigene Weltsicht bekräftigen soll.

  6. Jörg kein Betreff
    13.09.2011, 21:04

    Nun ja, auch wenn der Eine oder Andere Vorurteile pflegt, bin ich schon froh, das es Ingenieure gibt.

    Auch die "Bio ist Chemie, Chemie ist Physik und Physik ist Mathematik"- Fraktion möchte sich wohl nicht vorstellen, wie ein Teilchenphysiker versucht E.coli zu transformieren.
    Genauso wie ich mir ein Haus lieber vom Dachdecker decken lassen würde, auch wenn der nicht studiert hat.

    Ein bischen Wertschätzung würde das Miteinander manchmal einfacher gestalten.

  7. Arnd Wahrheit
    14.09.2011, 09:13

    Ich teile deine Anschauung im Grunde genommen. Absolute Wahrheit lässt sich weder naturwissenschaftlich noch irgendwie sonst gewinnen. Wenn wir Wahrheit aber so definieren und benutzen, dann wird der Begriff "Wahrheit" an sich nutzlos.

    Jeder darf natürlich jede Geisteshaltung jenseits der Naturwissenschaften einnehmen die er/sie will. Ich würde aber trotzdem eine Einschränkung definieren: Es darf niemand schaden. Vor allem wenn ich eine Vorbildfunktion habe (Eltern/Lehrer).

  8. Joachim Abgrenzung
    14.09.2011, 09:37

    Ich versuche seit ich diesen Beitrag gelesen habe, ein Kriterium zu finden, das Naturwissenschaften eindeutig von Religion und Pseudowissenschaften abgrenzt. Schließlich machen sich diese ja auch plausible Modelle von der Wirklichkeit.

    Zunächst dachte ich, dass Quantifizierbarkeit fehlt. In Ingenieurwesen, Chemie und Physik kann jede Theorie mathematisiert werden, indem man quantitative Größen wie Temperatur, Druck, Stoffmenge... schafft und diese in mathematische Verhältnisse zueinander setzt.

    Schon in der Biologie klappt das aber nicht immer. Die Klassifikation der ganzen Lebensformen oder die evolutionäre Entwicklung kann man beschreiben, sie aber in Formeln zu fassen dürfte schwer sein.

    Dann wäre Falsifizierbarkeit ein Kriterium. Dann aber würden schon in der Physik einige Ansätze der mathematischen Physik herausfallen. Es gibt in der Kosmologie viele Modelle, für die bisher kein Kriterium zur Falsifikation angeben werden kann. Auch in der Biologie dürfte es im Bereich Verhaltensbiologie oder eben Evolution Schwierigkeiten geben, konkrete Kriterien zur Falsifikation anzugeben.

    Was meinst du? Wodurch grenzen sich Naturwissenschaften von Nicht-Wissenschaften ab? Oder müssen wir einfach Teile der Physik und Biologie den Geisteswissenschaften zuschlagen?

  9. Jörg @Arnd
    14.09.2011, 11:22
    Jeder darf natürlich jede Geisteshaltung jenseits der Naturwissenschaften einnehmen die er/sie will. Ich würde aber trotzdem eine Einschränkung definieren: Es darf niemand schaden. Vor allem wenn ich eine Vorbildfunktion habe (Eltern/Lehrer).

    Klingt einfach, ist aber auch die Frage, wie man "Schaden" definiert.
    Schade ich einem Kind schon, wenn ich ihm erzähle, dass die Erde 6000 Jahre alt ist, Evolution nicht existiert und Homosexualität eine Krankheit ist, die gotteslästerliche Menschen befällt?
    Im Sinn das ich einer Erziehung, die konträr zu gesellschaftlichen Konsens steht betreibe, die diese Kinder isoliert.
    Oder fängt Schaden erst bei aus Überzeugungen zugelassenem /zugefügtem körperlichen Gebrechen an (wo wir eindeutige Gesetze haben)?

    Ich denke man muss auf jedenfall vorsichtig sein mit diesen Definitionen, nicht alle Beispiele sind so extrem, wie die von mir gewählten.

  10. Jörg @Joachim
    14.09.2011, 11:56
    Oder müssen wir einfach Teile der Physik und Biologie den Geisteswissenschaften zuschlagen?
    Auch dafür würden sich bestimmt Beführworter finden. (Scherz)

    Spontan würde ich sagen Naturwissenschaften funktionieren und sind bereit bestehenden Theorien zu verändern oder umzuwerfen, wenn diese nicht mehr funktionieren.

    Offenheit zur Veränderung?

    Mir fällt zumindest momentan keine Religion oder Pseudowissenschaft ein, die ein Immaterielles Kernelement enthält und bereit wäre darauf zu gunsten einer "genaueren/besseren/präzisieren/realeren" Beschreibung der "Realität/stofflichen-energetischen Umgebung" zu verzichten.

    Oder denke ich da gerade zu eng?
    Mir fällt keine Religion/ Pseudowissenschaft ein, die nicht versucht die Realität an ihre Vorstellungen anzupassen.

  11. M. Schneider Theorie - Wissenschaft
    14.09.2011, 14:04

    Hallo Jörg

    Man stellt immer wieder fest, dass Begriffe sehr verschieden verwendet werden. Auch hier wieder der Begriff „Theorie“.

    Lassen Sie mich daher die wissenschaftliche Vorgehensweise mal aufzeigen und dabei auch mal das Wort Theorie zur Basis nehmen.

    Hierbei muss man wirklich streng zwischen dem Umgangsgebrauch Theorie und dem Begriff Theorie in der Wissenschaft trennen.
    In der Wissenschaft ist eine Theorie das Endprodukt.

    Dort gehen wir folgendermaßen vor.

    Wir tragen zuerst einmal Beobachtungen die gemacht wurden zusammen und versuchen Schlüsse daraus zu ziehen.

    Wir unterscheiden dabei zwischen Deduktion und Reduktion.
    Bei der Deduktion ist die Gültigkeit des Vorsatz bekannt, auf die des Nachsatzes wird geschlossen.

    Als Beispiel: Wenn jemand Fieber hat, ist er krank.
    Nun hat jemand Fieber, also schließe ich daraus, dass er krank ist.

    Der umgekehrte Fall heißt Reduktion, ich schließe also vom Nachsatz auf den Vordersatz.

    Wenn jemand krank ist, dann hat er Fieber.
    Man sieht daran, während die Deduktion richtig ist, führt die Reduktion keineswegs immer zu einem richtigen Schluss, obwohl er logisch scheint.

    Aus diesen Vorgehensweisen entstehen aus den sogenannten Protokollen zuerst einmal Hypothesen. Diese Hypothesen sind vermutete Gesetzmäßigkeiten.

    Nach Überprüfung einer Hypothese durch Versuche wird sie zum Gesetz erhoben.

    Trage ich nun eine ganze Reihe von solchen Gesetzen, die sich ergänzen, in sich schlüssig sind, zur Erklärung eines Gesamtvorganges zusammen, dann ist das eine Theorie.

    Eine Theorie ist also deduktiv, ist zuerst ein mal ein axiomatisches Gebilde (Axiom = unbeweisbar aber als gültig angesehene Grundsätze)

    In der klassischen Thermodynamik ist eine solche Axiomatisierung gelungen.

    Man sieht also im Umgangsdeutsch ist die Aussage das ist nur Theorie im Grunde gleichbedeutend mit, das ist Unsinn, während die Theorie in der Wissenschaft die Krönung eines Forscherlebens ist, so sie denn gelingt. Z.B. Einstein gelang sie auch mit seiner Relativitätstheorie.

    Man muss sich natürlich darüber im klaren sein, dass eine wissenschaftliche Theorie möglicherweise noch nicht vollständig ist. Dann gelten zwar sicherlich die schon als Gesetz postulierten Aussagen, es sind aber noch nicht alle Gesetzmäßigkeiten erkannt und damit die Theorie möglicherweise auch noch nicht vollständig. So etwas kommt vor, könnte auch bei der Relativitätstheorie durchaus denkbar sein.

    Herzlich
    Dipl. Ing.(TU) M.Schneider
    Energie und Verfahrenstechnik

  12. David Unglaublich!
    14.09.2011, 15:45

    So, Herr Ewers, damit dürften sich dann wohl auch die letzten Vorbehalte gegen Ingenieure erledigt haben, wa?

  13. Jörg @M.Schneider
    14.09.2011, 17:58
    Man muss sich natürlich darüber im klaren sein, dass eine wissenschaftliche Theorie möglicherweise noch nicht vollständig ist. Dann gelten zwar sicherlich die schon als Gesetz postulierten Aussagen, es sind aber noch nicht alle Gesetzmäßigkeiten erkannt und damit die Theorie möglicherweise auch noch nicht vollständig.

    Ein schönes Beispiel ist die Beschreibung der Intensität der Schwarzkörperstrahlung.
    Während Wilhelm Wien ein empirische Gleichung dazu aufstellte(Wiensches Strahlungsgesetz), welche die Strahlungsverteilung für kleine Wellenlängen/hohe Temperaturen korrekt wiedergibt, versagte diese bei großen Wellenlängen/niedrigen Temperaturen.

    Rayleigh und Jeans dagegen leiteten die Abghängigkeit der Strahlungsintensität von der Wellenlänge/Temperatur aus der klassischen Elektrodynamik ab.

    Das Rayleigh-Jeans Gesetz funktioniert wunderbar für große Wellenlängen bzw. niedrige Temperaturen, führt aber bei kleinen Wellenlängen/hohen Temperaturen zur berüchtigten Ultraviolettkatastrophe.

    Beides vereinigen konnte erst Max Planck indem er den von ihm ungeliebten Hilfsfaktor h einführte.

    h nennen wir heute Plancksches Wirkungsquantum, ist eine fundamentale Naturkonstante und das Plancksche Strahlungsgesetz war quasi die Geburtsstunde der Quantenphysik.

  14. Jörg @David
    14.09.2011, 18:12

    Ich persönlich habe nie Vorbehalte gegen Ingenieure gehegt und tue das auch jetzt nicht.

    Wenn ich individuell fragwürdiges Verhalten auf ganze Berufsgruppen beziehen und dementsprechend abwatschen würde, gäbe es wahrscheinlich nurnoch sehr wenige Menschen, mit denen ich etwas zu tun haben wollte.

  15. David @Jörg
    14.09.2011, 18:34

    So richtig ernst war das auch nicht gemeint.

  16. Jörg @David
    14.09.2011, 21:34

    Dann bin ich ja beruhigt. ;-)

  17. Stephan Schleim Reaktion
    21.09.2011, 09:26

    Hallo Jörg, vielen Dank für diese schöne Erörterung deiner Gedanken. Ich bin erst jetzt über den Trackback darauf gestoßen. Mir hat insbesondere auch dein Verweis auf die Wahrheit gefallen.

    Ich weiß nicht, ob ein Naturwissenschaftler wirklich zumindest prinzipiell diesem All-Erklärungsanspruch folgen muss. Man kann doch auch einen Teil des Ganzen zu erklären versuchen, ohne damit eine Aussage über das Ganze treffen zu müssen.

    Meine Erfahrung war, dass je tiefer ich in die Hirnforschung einstieg, es umso komplizierter und schwieriger wurde. Da meine Arbeitsgruppe anwendungsorientiert war, gab es dafür leider keine Ansprechpartner. Deshalb bin ich jetzt wieder auf die theoretische Ebene zurück und denke mehr über unser Nichtwissen nach.

    Joachim hat hier auf das Abrenzungsproblem – in der Wissenschaftstheorie nennt man das das Demarkationsproblem – hingewiesen. Bisher ist kein wirklich befriedigendes Kriterium gefunden worden. Auch Popper (bsp. Falsifizierbarkeit) hat man vorgeworfen, dass seine Gedanken des stets kritischen Nachprüfens (v.a. die eigenen Gedanken zu widerlegen versuchen) eigentlich eher zur Philosophie als zur (praktischen) Naturwissenschaft passen.

    Ferner kann eine Theorie zu einem bestimmten Zeitpunkt durch Beobachtungen falsifiziert werden, weil die vorhandenen Messinstrumente beschränkt sind. Dafür gibt es Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte (bevor ich Fälle aus der Astronomie anführe, möchte ich das erst noch einmal genau nachlesen). Die Forscher hatten aber in diesen Fällen guten Grund zu der Annahme, daran festzuhalten und in einigen Fällen haben spätere Untersuchungen ihre Voraussagen bestätigt.

    Manche religiöse Äußerungen (z.B. über das Alter der Erde, die Evolution des Lebens) sind direkt überprüfbar (und auch widerlegt); sehr viel ist aber gar nicht wissenschaftlich. Da Religion ihrem Anspruch nach eben auch keine Wissenschaft ist, sehe ich darin ein geringeres Problem als in Philosophen, die ihre Ideologie als Wissenschaft verkaufen (siehe mein Blog-Beitrag über Naturalismus). Insofern sich Wissenschaft und Religion nicht aufeinander beziehen, können sie sich auch nicht widersprechen.

    Jemand kann natürlich sagen, dass er/sie in seinem Weltbild nur das zulässt, was wissenschaftlich gestützt ist; dann würde es aber schon bei einem Arztbesuch schnell schwer werden. Er oder sie sollte aber meines Erachtens andere in Ruhe lassen, die das anders sehen – und damit sind wir bei deinem liberalen (meinst du wirklich "libertär" = extrem freiheitlich; anarchistisch?) Schlusswort angekommen.

  18. Stephan Schleim P.S. Titel
    21.09.2011, 20:20

    Den Titel finde ich übrigens insofern unpassend, als ich ja nicht sage, dass Naturwissenschaften oder Naturwissenschaftler mit dem Alleingeltungsanspruch auftreten, sondern bestimmte Philosophen (die oft nicht mal Ahnung davon haben, wie naturwissenschaftliches Arbeiten funktioniert); insofern wäre "Die Diktatur der Naturphilosophen?" oder "…Naturalisten?" meines Erachtens zutreffender.

    Aber du darfst natürlich deinen Titel so wählen, wie du willst. ;-)

  19. Joachim @Stephan, Jörg
    21.09.2011, 21:45
    Joachim hat hier auf das Abrenzungsproblem – in der Wissenschaftstheorie nennt man das das Demarkationsproblem – hingewiesen. Bisher ist kein wirklich befriedigendes Kriterium gefunden worden.

    Stimmt, nicht einmal von mir :-)

    Mich kann deine Antwort, Jörg, nicht befriedigen: "Offenheit zur Veränderung?"

    Gerade diese Offenheit nehmen nämlich viele, die ich für Pseudowissenschaftler halte, für sich in Anspruch. Diese werfen den Naturwissenschaftlern Dogmatismus vor, weil sie an bewährten Theorien in der Regel lange festhalten.

    Die Naturwissenschaft neigt eben nicht dazu, bewährte Thesen beim ersten Anzeichen von Widersprüchen aufzugeben. So hat die Entdeckung, dass beim Betazerfall die Energiebilanz nicht zu stimmen scheint, nicht zur sofortigen Aufgabe des Energieerhaltungssatzes geführt. Dazu war niemand bereit. Statt dessen wurde die Existenz eines unscheinbaren Teilchens, des Neutrinos postuliert. Der Konservativismus hat sich damals bewährt. Man hat das Neutrino dann tatsächlich nachweisen können.

    Naturwissenschaftler überprüfen jede neue Messung sehr exakt und eingehend, bevor sie sie zum Anlass nehmen, eine Theorie als falsifiziert aufzugeben.

  20. Jörg @Stephan
    22.09.2011, 13:49

    Hallo Stephan!
    Ich freue mich, dass du noch auf meinen Beitrag reagiert hast.

    Du hast natürlich recht, dass man nicht zwingend Aussagen über das Ganze treffen muss, um einen Teil des Ganzen naturwissenschaftlich erklären zu können. Darum ging es mir auch nicht.

    Ich habe deinen Beitrag so interpretiert, dass du dich daran störst, das (einige/ viele) Naturwissenschaftler grundsätzlich "das Ganze" für naturwissenschaftlich erklärbar halten. Dieser erstmal theoretische Anspruch folgt für mich einfach daraus, dass wir nicht wissen, ob es eine Grenze dafür gibt, was naturwissenschaftlich erklärbar ist. Wir wissen, was wir jetzt in der Gegenwart naturwissenschaftlich erklären können und wo unsere Erklärungen an Grenzen stoßen, weil unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Wir wissen nicht, ob diese Grenzen in gewissen Bereichen auch bis in die ferne Zukunft erhalten bleiben oder durch Fortschritt weiter verschoben werden können.

    Deswegen sehe ich auch keine Kriterien, nach denen man den Anspruch auf naturwissenschaftliche Erklärbarkeit einschränken kann.

    Ich muss zugeben, das Demarkationsproblem war für mich ein Grund diesen Beitrag zu schreiben. Auch ich habe Probleme bei dir die Trennung zwischen Philosophie und (praktischer) Naturwissenschaft zu finden.
    Mein Eindruck war hier, dass du versuchst eine Weltanschauung zu kritisieren, die sich der Naturwissenschaften als Argumentationspool bedient. Die Beispiele, die du dafür wähltest schienen mir zum Teil aber mehr die Naturwissenschaften (ungerecht) zu kritisieren, als sich mit den Grenzen ihrer Verwendbarkeit für eine philosophische Weltanschauung zu beschäftigen.

    Die Trennung zwischen Naturalisten, Brights, Humanisten, Transhumanisten und Naturwissenschaftler, war für mich als philosophisch wenig bewanderten Menschen schlicht nicht erkennbar.

    Dein Beispiel bezüglich der Falsifizierung von Theorien aufgrund von Beschränkungen der Messinstrumente, bzw. das Festhalten trotz "Mangel an Beweisen", was sich durch spätere Beobachtungen dann als richtig herausstellte, sind keine Gedanken, bei denen man bis zu den Sternen schauen muss.
    Letztlich hat jedes Messinstrument einen Messfehler und gerade in den Biowissenschaften ist man auf Statistik angewiesen, um monofaktorielle Zusammenhänge in multifaktoriellen Systemen überhaupt mit einiger Signifikanz feststellen zu können. Am Ende bleibt immer eine Irrtumswahrscheinlichkeit. Zumindest die Größenordnung in der sich der mögliche Irrtum bewegt, lässt sich damit erahnen.

    Auch im Bereich des Religiösen sehe ich das Abgrenzungsproblem ähnlich wie du. Wenn der Papst (wo er gerade im Land ist) sagt, Kondome wären kein Mittel gegen AIDS, weil der Kampf gegen die HIV-Infektion nicht so schlimm wäre, wenn Kondome nicht die Sexualität banalisieren würden, mag das aus seiner religiösen Sicht für ihn schlüssig sein. Für mich stellt sich dabei die Frage, ob die religiös motivierte Sexualmoral über den Schutz von Menschenleben steht. Aus der naturwissenschaftlichen Sicht zählt für mich dann die Statistik, welche hier einen Schutz als gesichert darstellt.

    Kann man Philosophie betreiben ohne sich auf Naturwissenschaften als Werkzeug zur Beschreibung der Umgebung zu beziehen ?
    Kann man Naturwissenschaften betreiben ohne sich bei der Frage was Naturwissenschaften sind oder nicht sind auf Philosophie zu beziehen?

    Eine komplette Trennung von Religion, Philosophie und Naturwissenschaften halte ich nicht möglich. Letztlich bewegen wir uns alle in dieser Welt. Unsere Umgebung regt uns zum Denken an und unser Denken beeinflusst unser Handeln in dieser Umgebung.

    Mit dem libertär hast du recht, da habe ich mich im Wort vergriffen und korrigiert.

    Was das "in Ruhe lassen" wiederum angeht, sehe die Sache nicht so einfach.
    Letztlich hält hier keine Seite "die Füße still". Aus der Überzeugung heraus recht zu haben, lässt sich nur selten der Wunsch zu schweigen ableiten. Gerade in Fällen, wie der von dir erwähnten religiösen Äußerungen zum Erdalter wird kein Wissenschaftler auf die Idee kommen das stillschweigend abzunicken. Das Problem ist hier einfach, das die Beführworter der "Jungen Erde" die Kompetenz über das Alter der Erde bescheid zu wissen schlicht nicht anerkennen. Mag das bei solchen eher geologischen Fragen unproblematisch für die Mehrheit sein, ist es bei medizinischen Fragestellungen ein ernstes Problem. Da geht es im schlimmsten Fall um Menschenleben.

    Der Beitragtitel entstand dann im direkten Nachgefühl auf deinem Beitrag, in dem du dich ziemlich gründlich an der schwammigen Definition von "rechten Dingen" abgearbeitet hast, während mir die Unterscheidung von Naturalismus, Naturwissenschaften, Brights und Humanismus den ganzen Beitrag über schleierhaft blieb.

    Aber vllt. unterlag ich da nur einem Dunning-Kruger.

  21. Jörg @Joachim
    22.09.2011, 14:51

    Es hätte mich auch gelinde gesagt sehr überrascht, wenn ich da nach ein paar Minuten nachdenken überzeugendere Antworten parat gehabt hätte, als du der sich mit der Thematik schon etwas länger beschäftigst.

    Wer offen für alles ist, muss immer auch aufpassen, dass ihm dabei keine Tassen aus dem Schrank fallen.

    Natürlich heißt "Offenheit zur Veränderung" nicht wahllos jede Idee oder jeden Gedanken aufzunehmen und als richtig zu akzeptieren.

    Hast du mit meiner Antwort auch nicht gemacht.
    Du hast sie gedreht und gewendet, mit deinem Kenntnisstand verglichen, überlegt wo sie befriedigende Antworten liefern würde und wo nicht.

    Wie wär es mit folgender Abgrenzung:
    Religionen postulieren zumeist übernatürliche Entitäten oder Kräfte, die sich der Messbarkeit entziehen.
    Naturwissenschaft beschränken sich in ihren Modellen der Wirklichkeit auf (zumindest prinzipiell) beobachtbare Faktoren, die einer inneren Gesetzmäßigkeit folgen?

    Pseudowissenschaft nehmen für sich in Anspruch wissenschaftlich zu sein und verwenden zum Teil wissenschaftliche Methoden, ignorieren aber bewusst wissenschaftliche Prinzipien oder Erkenntnisse, die ihrem Modell wiedersprechen.

  22. Stephan Schleim @ Jörg: Definitionen
    22.09.2011, 18:05
    Die Trennung zwischen Naturalisten, Brights, Humanisten, Transhumanisten und Naturwissenschaftler, war für mich als philosophisch wenig bewanderten Menschen schlicht nicht erkennbar.

    Weißt du, auch Philosophen sind sich oft nicht einig darüber, wie ein Begriff definiert wird; mein Artikel sollte die folgenden beiden Einsichten transportieren:

    Erstens verwenden Brights, Naturalisten und evolutionäre Humanisten diese Begriffe in undeutlicher Weise. Von jemandem, der sich derart mit einer Strömung identifiziert, sollte man doch etwas mehr Klarheit erwarten dürfen. Ich habe zum Beispiel schon sehr deutlich die Haltung eines Agnostikers definiert, mit der ich mich bisher am besten identifizieren kann.

    Zweitens erheben manche Menschen (insbesondere diejenigen, die unter die genannten Kategorien fallen), eine naturwissenschaftliche Sicht zur Philosophie. Dadurch ist diese Philosophie aber nicht naturwissenschaftlich und man muss ihr auch nicht folgen, wenn man Naturwissenschaftler ist.

    Wir stoßen hier natürlich auf ein Induktionsproblem, wenn wir aus dem bisherigen Verlauf der Wissenschaft auf die Zukunft schließen wollen. Da der Induktionsschluss (von einzelnen Beobachtungen auf allgemeine Gesetze) in der Naturwissenschaft aber sehr zentral ist, ist meines Erachtens auch der Verweis darauf berechtigt: Dass nämlich viele (die meisten?) Experimente mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten, und man hinterher oft weiß, dass es irgendwie doch komplexer ist, als man vorher dachte.

    Hierüber müsste ich sicher noch etwas genauer nachdenken aber Beispiele wie das Dreikörperproblem oder die – trotz Determinismus – Unvorhersagbarkeit chaotischer Systeme zeigen doch, dass unsere Erkenntnisfähigkeit beschränkt ist. Wer dann immer noch dem Naturalismus frönt, der muss das meines Erachtens schon etwas genauer erklären, warum er denkt, die Naturwissenschaft könnte prinzipiell alles erklären.

    Eine Nebenerkenntnis, also gewissermaßen drittens, besteht darin, auf die soziale Gefahr hinzuweisen, aufgrund dieser spekulativen Weltanschauung Menschen mit anderen Meinungen aus dem öffentlichen Diskurs auszuschließen (eben weil sie Spinner, Dumme, Supers, Hinterwäldler… sind). Schau dich doch in manchen Wissenschaftsblogs um, wie es da zugeht (damit meine ich nicht SciLogs).

    Ich bin kein Christ aber ich will offen mit Christen über die Vereinbarkeit von Wissenschaft und religiösem Weltbild diskutieren können; und ich bin auch kein Vertreter der Homöopathie, will aber offen mit einem Homöopathen über die fehlende wissenschaftliche Grundlage seiner Theorie sowie die Bedürfnisse seiner Patienten sprechen können.

  23. Jörg @Stephan Weltanschauung vs Methoden
    23.09.2011, 12:19

    Danke, das du nochmal versucht hast deine Intention zu verdeutlichen.

    Grundsätzlich hast du recht mit der Aussage, dass viele Experimente mehr/weitere Fragen aufwerfen. Du interpretierst diesen Satz meiner Ansicht nach aber zu einseitig.
    Aus dem Auftauchen neuer Fragen folgt nicht zwingend, das die Ursprungsfrage des Experiments nicht beantwortet werden konnte.
    Weitere Fragen negieren nicht den Erkenntnisgewinn, sie sind einfach der Ansatzpunkt für neue Forschung.

    Das Dreikörperproblem lässt sich bisher nicht exakt lösen. Trotzdem können wir iterativ die exakte Lösung annähern. Das funktioniert bei Planeten und auch bei Atomen.

    Ich denke ich habe begriffen, dass diese Beispiele für dich die fehlende Eignung der Naturwissenschaften für eine geschlossene Weltanschauung belegen sollen.

    Ich stimme mit dir darin überein, dass man es sich oft zu leicht macht Menschen anderer Auffassungen als "Spinner" abzustempeln, anstatt sich dezidiert mit diesen Auffassungen auseinander zu setzen. Viele Menschen schreckt dieses energische Auftreten ab, so dass ein Nachdenken über vorgebrachte Argumente garnicht mehr stattfindet.

    Gleichzeitig bin ich nicht der Meinung, dass Wissenschaftsrelativismus eine Option ist um Diskussionseinladungen auszusprechen.

    ich bin auch kein Vertreter der Homöopathie, will aber offen mit einem Homöopathen über die fehlende wissenschaftliche Grundlage seiner Theorie sowie die Bedürfnisse seiner Patienten sprechen können.


    d'accord

    In den überwiegenden Diskussionen zu alternativer/komplementärer Medizin die ich hier auf den Scilogs mitbekam, ist das auch geschehen. Meiner Meinung nach ist es möglich über diese Dinge offen zu reden und die Beweggründe von Menschen ernst zu nehmen, ohne den wissenschaftlichen Standpunkt dabei zur Disposition zu stellen. Letzteres ist, wie Lars schon erwähnte, ein Einfalltor für Fundamentalisten, welche damit ihre eigene Weltanschauung absolutieren wollen.

    Ich erkenne das an, das du dich nicht auf die (populäre) Kritik an pseudowissenschaftlichen Weltanschauungen beschränkst, sondern auch die Grenzen und Probleme einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung thematisierst.
    Problematisch finde ich es, wenn diese Kritik den Eindruck erweckt, naturwissenschaftliche Arbeiten wären das Produkt von Beliebigkeit, so dass jede Alternative dem automatisch gleichwertig wäre.

  24. Stephan Schleim @ Jörg: Grenzen vs. Relativismus
    23.09.2011, 15:12

    Mir geht es nicht darum, Wissenschaft zu relativieren, sondern in die Grenzen zu verweisen, in die sie meines Erachtens gehört.

    Ich könnte beispielsweise – wie es unter dem Stichwort des Deismus auch viele bekannte Wissenschaftler getan haben – an einen Schöpfergott glauben, der bloß das Universum geschaffen hat und sich seitdem "heraushält". Dann würde dieser Gott vor jeder wissenschaftlichen Untersuchung stehen; durch Experimente würden wir seine Gesetze untersuchen. Du kannst natürlich sagen, dass dich die Vorstellung eines solchen Gotts nicht überzeugt (ich selbst hätte da sicher noch ein paar mehr Gründe für nötig), aber du kannst eben nicht sagen, dass so ein Gott wissenschaftlich unmöglich oder widerlägt wäre. Das wäre ein logischer Fehler.

    Ein anderes Beispiel: Selbst wenn wir irgendwann alle Naturfragen beantworten könnten, was wäre dann mit Fragen der Ethik oder Ästhetik? Sind das Gute, Wahre und Schöne etwa keine Teile unserer Welt? Das Problem ist auch damit nicht gelöst, darauf zu verweisen, dass Menschen auch bei diesen Vorgängen des Wahrnehmens und Bewertens Gehirnprozesse haben (übrigens Thema meiner kognitionswissenschaftlichen Doktorarbeit), denn die Frage nach den Kriterien fürs Gute, Wahre (im Sinne von authentisch) und Schöne sind eben keine naturwissenschaftlichen Kriterien.

    …ohne den wissenschaftlichen Standpunkt dabei zur Disposition zu stellen. Letzteres ist, wie Lars schon erwähnte, ein Einfalltor für Fundamentalisten, welche damit ihre eigene Weltanschauung absolutieren wollen.

    Soll ich mir von "Fundamentalisten" etwa den Mund verbieten lassen? Gemäß dieser Logik ist alles, was nicht auf eine einseitige Verherrlichung der Wissenschaft hinausläuft, verboten. Damit wären dann beispielsweise auch Berichte über Forschungsskandale tabu, denn natürlich können auch diese von "Fundamentalisten" missbraucht werden; ebenso Poppers Idee vom Fallibilismus (d.h. der prinzipiellen Fehlbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnis). Da mache ich nicht mit!

    …wenn diese Kritik den Eindruck erweckt, naturwissenschaftliche Arbeiten wären das Produkt von Beliebigkeit, so dass jede Alternative dem automatisch gleichwertig wäre.

    Diesen Standpunkt habe ich nicht vertreten und ich kann auch nicht ausschließen, dass es irgendjemanden auf der Welt gibt, der meine Artikel anders versteht als ich sie meine.

    Im Zweifelsfall ist es für mich ausschlaggebend, weniger auf die "Eindrücke" und "Gefühle" zu achten, die mit einem Artikel einhergehen, sondern auf die Inhalte. Mir ist das tatsächlich schon vorher aufgefallen, dass die Kritiker meines Beitrags über die wissenschaftliche Autorität und Pluralität in der Medizin vor allem impulsiv-emotional argumentieren.

  25. David kein Betreff
    23.09.2011, 18:28

    Betreffend den Hintergrund der ganzen Diskussion würde mich ein Stimmungsbild interessieren.

    Die Aggressivität der Brights wird, etwa von Dennett, mit der in den USA vorherrschenden Haltung gegenüber Atheisten begründet. Atheisten müßten ihre Überzeugung verbergen, weil sie sonst i.d.R., drastisch formuliert, als moralamputierte, verkommene Subjekte angesehen würden. Als einzige Möglichkeit, aus dieser Schmuddelecke herauszukommen, werden ein offensives Bekenntnis zur eigenen Überzeugung und die Benennung der moralischen Defizite der Regligiösen gesehen.

    Wenn die Umstände in den USA tatsächlich so extrem sind (ich war nie dort und maße mir darum kein Urteil an), dann kann ich diese Haltung der Brights durchaus nachvollziehen. Kurios erscheint mir hingegen deren Auftreten etwa hierzulande. Es ist nämlich nicht mein Eindruck, daß man sich als Atheist bei uns besonders verstecken müßte - vielleicht eher im Gegenteil. Papamanie hin und unerfreulich unvollständige Säkularisierung her. Die Attitüde, sich gegen ein übermächtiges religiöses Kartell behaupten zu müssen, wird aber - so scheint mir - oft fast eins-zu-eins übernommen, was mitunter amüsierend deplaziert wirkt.

    Das ist aber natürlich nur mein eigener Eindruck von der Situation hierzulande. Mich würde darum sehr interessieren, ob jemand zu ganz anderen Einschätzungen in dieser Hinsicht kommt. Oder ob jemand den Eindruck hat, daß ein wirklich ernsthafter Backlash zu befürchten oder im Gang ist.

  26. Michael Blume @Jörg
    23.09.2011, 19:14

    Danke für den sehr gelungenen Blogpost. Mir fällt immer wieder auf, dass Naturwissenschaftler selbst oft viel differenzierter und auch bescheidener denken als jene, die sich auf Basis von Naturwissenschaften ein geschlossenes Weltbild zu errichten versuchen.

    Nur die wenigsten Physiker sind Physikalisten...

  27. Stephan Schleim @ David: USA
    23.09.2011, 20:34

    Hmm, wessen Schuld ist es wohl, dass es in den USA so viele Menschen mit niedrigem Bildungsniveau gibt? Ich habe dort jedenfalls auch genügend Menschen kennengelernt, mit denen man vernünftig diskutieren kann.

    Aus dem Lager, dem Dennett angehört, habe ich jedoch schon gehört, dass man dort als Philosoph besser seine religiöse Weltanschauung verbergen sollte, denn sonst wird es mit dem Finden einer Stelle schnell schwierig.

    Aus dem WikiHow How to Become an Academic Philosopher:

    Do not advertise your religious beliefs or political convictions at any stage of your career, especially if you have centrist or conservative political views (unless, of course, you are a philosopher of religion or a political philosopher). Most philosophers are social democrats or greens, just as most philosophers are atheists. But make no assumptions! This is just common sense.

    Über die geringe Zahl christlicher Fundamentalisten in Deutschland hat übrigens der MPI-Professor Nils Brose (bei mir schon mal Gastautor bei Menschen-Bilder), einen Essay geschrieben, zusammen mit dem Mineralogen Thomas Fritzsche. Darin ist von siebentausend die Rede. (Rheinischer Merkur, 6/2008, S. 24)

  28. Jörg @Stephan Verständigung
    23.09.2011, 22:11

    Dann möchte ich dich vielleicht einfach bitten diese Grenzen einmal eindeutig zu benennen.
    Wo darf für dich Wissenschaft anfangen, wo soll sie aufhören?

    Ich sehe schlicht keinen Sinn darin Dinge, die per Definition außerhalb der naturwissenschaftlichen Erfassbarkeit liegen, naturwissenschaftlich erfassen zu wollen.
    Die Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens halte ich für vergleichbar mit dem Versuch, Licht säckeweise in einen dunklen Raum zu tragen.

    Wenn du Ethik oder Ästhetik außerhalb von "Naturfragen" positionierst, ist auch hier die Frage bereits beantwortet.

    Soll ich mir von "Fundamentalisten" etwa den Mund verbieten lassen? Gemäß dieser Logik ist alles, was nicht auf eine einseitige Verherrlichung der Wissenschaft hinausläuft, verboten.

    Lieber Stephan, ich glaube du weißt sehr wohl (trotz allem Extremismus auf der Welt), das wir in der Lage seien sollten, Dinge differenziert darzustellen, ohne dabei zu verherrlichen oder zu verteufeln.

    Gerade wenn du deinen Kritikern eine impulsive und emotionale Argumentation vorwirfst solltest du auf die Sachlichkeit nicht unnötig verzichten.

    Ich denke wir können uns zumindest darauf einigen, dass die besten Inhalte nichts bringen, wenn wir nicht in der Lage sind, uns derart zu artikulieren, dass man unsere Argumente auch versteht.

    Sonst können wir auch gleich Monologe führen.

  29. Jörg @David Atheismus/Deismus, Naturwissensch
    23.09.2011, 23:21

    Bewegungen provozieren immer Gegenbewegungen, deswegen wundert es mich nicht, das die zum Teil fundamentalistisch auftretenden Religiösen in den USA auf Gegenwind stoßen.

    Vom Misstrauen gegenüber Atheisten in den USA hört man öfter mal, ist allerdings auch in sich plausibel, wenn man Moral für gottgegeben hält, anzunehmen das "Gottlose" dann amoralisch wären.

    In Deutschland wird vielleicht leiser getreten, grundsätzlich gibt es aber auch hier religiös motivierte Bevormundung.
    Aktuell habe ich noch die SPD im Kopf, wo den Laizisten verboten wurde das SPD Logo zu verwenden.
    Dann hätten wir noch das kirchliche Arbeitsrecht, welches immer wieder für Fälle sorgt, in denen Verstöße gegen Glaubens-und Moralvorstellungen zur Kündigung führen, auch wenn es sich dabei um Altenpfleger, Erzieher oder Ärzte handelt. Von Tarifverträgen und Streikrecht brauchen wir garnicht erst reden.
    Es kann auch durchaus vorkommen, das konfessionelle Krankenhäuser schonmal die ärztliche Hilfe verweigern, wenn Frau am Samstagmorgen die "Pille danach" haben will.

    Da gibt es also durchaus einige kritikwürdige Punkte.

    Ob man für diese Kritik explizit ein naturwissenschaftliches Weltbild benötigt, halte ich erstmal für fraglich.

  30. Stephan Schleim @ Jörg: Zustimmung
    23.09.2011, 23:30
    Ich sehe schlicht keinen Sinn darin Dinge, die per Definition außerhalb der naturwissenschaftlichen Erfassbarkeit liegen, naturwissenschaftlich erfassen zu wollen.

    Genau. Warum tun es Naturalisten also ständig?

    Lieber Stephan, ich glaube du weißt sehr wohl (trotz allem Extremismus auf der Welt), das wir in der Lage seien sollten, Dinge differenziert darzustellen, ohne dabei zu verherrlichen oder zu verteufeln.

    Und genau das versuche ich, was man mit etwas Gutwillen vielleicht schon einmal dadurch anerkennt, dass ich mich (als einer der wenigen in der jüngsten Debatte) auch auf wissenschaftliche Quellen berufe.

  31. Jörg @Michael
    23.09.2011, 23:32

    Bitte.
    Ich denke prinzipiell ist das keine Frage von Bescheidenheit, sondern von differenzierter Sachlichkeit und da sollte man als Wissenschaftler unabhängig vom Fachgebiet eigentlich prädestiniert für sein.

    Was die Häufigkeitsverteilung von verschiedenen Weltanschauung unter Wissenschaftlern angeht habe ich allerdings gerade keine belastbaren Zahlen zur Hand.

  32. Hel (Zu-)Stimmungsbild @David
    23.09.2011, 23:41

    *sowas von zustimm*

    ... und das sogar aus eigener quotenprotestantischer Jugenderfahrung unter katholischer Beschulung (wg Staatsknete für konfessionelle Lehranstalten) heraus... Bin im Erwachsenenalter raus aus der Kirche, als ich schon längst dem Agnostizismus verfallen war und mir die Kirchensteuer zunehmend wehtat *ggg*

    Auf jener katholischen Schule hatte ich in den 80ern Religionsunterricht durch Nonnen und gleichzeitig Biologie mit Evolutionstheorie und Sexualkunde bei weltlichen LehrerInnen.

    Ich war auch noch nie in den USA, aber das Indernett sagt, dass es dort homegrown ernste Probleme mit religiösem Fundamentalismus gibt - Säkularisierung hin oder her, doch Kreationisten, freie evangelikale Radikale, ganz weltliche Sekten sowie orthodoxe Fraktionen aller Weltreligionen treten da, hmm, unangenehm ungeniert forsch in den Debatten auf. Sie beanspruchen Augenhöhe. Dies hat ja in manchen US-Bundesstaaten andauernd böse Folgen für Gesetzgebung und Rechtssprechung - und bisweilen gar für die Kunst :-(

    Und dabei könnse nicht mal die selbst von Papa Ratzi abgelehnte Todesstrafe abschaffen...

    In Europa scheint mir das Debattenniveau diesbezüglich dann doch aufgeklärter und entspannter zu sein. In Osteuropa sowieso, in den skandinavischen Ländern mit ihren evangelisch-lutherischen Staatskirchen erst recht, und Italien und Spanien sind irgendwie auch schon lange nicht mehr so richtig erzkatholisch.

    "Die Attitüde, sich gegen ein übermächtiges religiöses Kartell behaupten zu müssen, wird aber - so scheint mir - oft fast eins-zu-eins übernommen, was mitunter amüsierend deplaziert wirkt."

    Yep, drum kommen die Brights u/o die Dawkins-Vergötternden außerhalb der USA irgendwie auch so obsolet und hysterisch rüber...

  33. Hermann Aichele Befürchtungen von/gegen Atheisten
    24.09.2011, 18:17

    Zur David /Jörg/Hell-Debatte: An dem denke ich auch schon lange rum. Von meinem Background her - europäische, protestantische Theologie – wundere ich mich immer wieder über den verbissenen oder verbiesterten Ernst mancher („neuer“) Atheisten. Und denke auch an das Böll zugeschriebene Bonmot: An den Atheisten könne er es nicht leiden, dass die so viel von Gott reden. Aber er konnte sich noch das Bonmot leisten. Inzwischen ist das Diskussionsklima z.T. doch zu sehr vergiftet.
    Dazu gibt’s natürlich die amerikanische Perspektive. Wirklich ein gefährliches Klima dort. Und das bei strikter Trennung von Staat und Kirche – die Fundis dort können viel effektiver aufheizen und einheizen! Manche inneramerikanischen Debatten selbst in besseren Diskussionsplattformen (Huffington-Post) lassen mich manchmal fragen: Habt ihr wirklich noch diese Probleme (etwa ob es Adam und Eva als gemeinsame Stammeltern der Menschheit gegeben habe)? Fatale Anwürfe aus jener Ecke auch gegen Michael Blume in seinem englischen Blog .
    Verharmlosen soll man so Zeug nicht – gerade wegen der politischen Implikationen. Jetzt kann man natürlich sagen – und in der Richtung möchte ich gerne denken: Das trifft uns in Europa gerade so doch nicht. Aber ist das verharmlosend? Manche Leute sagen: Es kommt über den Atlantik alles Mögliche und eben auch sehr viel Unmögliches zu uns herüber. Manche sehen Anzeichen, dass tatsächlich etwas auch zu uns kommt - etwa wegen der fundamentalistisch-christlichen Privatschule in Gießen oder wegen der oder jenen ungeschickten Äußerung eines thüringischen Ministerpräsidenten oder einer hessischen Kultusministerin (ich mag jetzt nicht nach den genauen Namen suchen). Sind das Einzelfälle, die man nicht übertrieben sehen oder sie überzeichnen soll oder Warnzeichen? Ich weiß es nicht.
    Im Internet-Bereich ist es durchaus auch schwierig, Religiöses zu vertreten. Und es geht ja manchmal heiß her – heiß und fies. Aber gleichzeitig verstehe ich die Gesprächspartnerin, die mir mal in einer Diskussion sagte, sie möchte von mir bitte nicht als Atheistin bezeichnet werden. Ja, sie merke, dass diese Bezeichnung für mich kein Schimpfwort sei; aber sie wisse nicht, wie sich die gesamtgesellschaftliche Stimmung in den nächsten Jahren ändere; und was es für sie dann bedeute, wenn ich sie als solche bezeichne – gar in eine Internet-Diskussion. Das Internet vergisst ja nichts. Es könnte sich also schädigend auswirken.
    Ich möchte natürlich mit daran arbeiten, dass diese ehrlichen Ängste unnötig werden. Gleichzeitig aber auch die Frage, ob nicht manche ihre Ängste und die Bedrohungen theatralisch aufplustern, um sich dann umso besser im Kampf dagegen bewähren zu können. Für gewisse nachpubertäre Lebensalter wäre das schon zu überlegen. Ich kenne da etwas aus den 68-ern... Und vielleicht zeigt sich da auch etwas vom „Neandertaler in uns“ (H.v.Dithfurth) bzw. dass manche ihre Hahnenkämpfe eben brauchen.
    Aber – s.o. – es ist sicher zu billig, alles damit erklärt haben zu wollen. Die genannte Vergiftung des Diskussionsklimas findet ja schon immer wieder konkrete Anlässe. Bloß, zumindest soll man es nicht den Feuerwehrleuten/Brandstiftern nachmachen, die den Brand legen, in dessen Bekämpfung sie sich dann als Helden aufspielen wollen.

  34. Jörg @Stephan
    24.09.2011, 23:28
    was man mit etwas Gutwillen vielleicht schon einmal dadurch anerkennt, dass ich mich (als einer der wenigen in der jüngsten Debatte) auch auf wissenschaftliche Quellen berufe.
    Das ist natürlich löblich.
    Wobei man fragen kann, wie in einer Debatte, in der du gerade Wissenschaft in ihre Schranken weisen willst, wissenschaftliche Quellen weiterhelfen.

    Ich weiß auch nicht ganz, ob ich diese Diskussion überhaupt grundsätzlich zielführend finden soll.

    Wenn es schlicht um Weltanschauungen geht, so kann man diese weder aufoktruieren noch wegdiskutieren.

    Die Gedanken sind frei.

  35. Jörg @Hermann Aichele
    24.09.2011, 23:34

    Ich denke das Phänomen, das verschiedene soziale Gruppen sich heute härter angehen, ist nicht auf Atheisten und Christen, respektive andere Religionsangehörige beschränkt.

    Die Gesellschaft stellt sich heute weniger homogen dar als früher. Ob sie inhomogener geworden ist oder man sich einfach eher traut, aus dem was als gesellschaftliche Norm angesehen wird herauszutreten, sei dahin gestellt.

    Auf jedenfall scheint mir vielerorts die Sensibilisierung dafür zu fehlen, andere Sichtweisen zu akzeptieren.

    Während die Einen auf nicht mehr selbstverständlichen Konsens bauen wollen, fordern die Anderen gesamtgesellschaftliche Entscheidungsbefugnisse, die sie gerade bei anderen Gruppen erst in dieser Art abgelehnt haben oder abbauen möchten.

    Wenn in einer diversen Gesellschaft von einzelnen Gruppen Alleinvertretungsansprüche gestellt werden, wird das zwangsläufig auch in Zukunft zu Konflikten führen.

    Gerade online wird leicht sichtbar, wieviele bereit sind, diese Konflikte auch unterhalb der Gürtellinie zu führen.

  36. Stephan Schleim @ Jörg: Wissenschaft über Wissenschaft
    25.09.2011, 03:51
    Wobei man fragen kann, wie in einer Debatte, in der du gerade Wissenschaft in ihre Schranken weisen willst, wissenschaftliche Quellen weiterhelfen.

    Ich sage es noch mal, dass es nicht um Wissenschaft geht, sondern um eine missverstandene wissenschaftliche Autorität, die nicht mehr Wissenschaft, sondern Weltanschauung ist.

    Wie meine Quellen im internen Forum, die mich übrigens selbst überrascht haben, belegen, sind manche Wissenschaftler sehr gut dazu in der Lage, über Verfahren der Alternativmedizin zu wissenschaftlich reflektieren und damit in erstklassigen Journals zu publizieren.

    Mit manchen Blogbeiträgen selbsternannter Aufklärer hat das freilich nicht mehr viel zu tun.

  37. M. Schlederer kein Betreff
    25.09.2011, 22:50

    Über diverse Dinge wie Homöopathie oder Astrologie wurde nun doch schon längst genug "wissenschaftlich reflektiert" um sagen zu können, dass es sich dabei um Pseudowissenschaften handelt, die wissenschaftlich unhaltbaren Unsinn verbreiten.

    Dir und mir mag das längst klar sein und die Kritik daran übertrieben und nervig erscheinen. Doch sehr viele Leute wissen das überhaupt nicht. Die sind überrascht wenn man ihnen erzählt, dass z. B. Homöopathie auch nicht wissenschaftlicher ist als (heute belächelte) archaische Rituale wie z.B. Regentanz, Geisterbeschwörungen oder Teufelsaustreibungen. Also weit entfernt von tatsächlich wirksamen pflanzlichen Präparaten, die aber oft in die gleiche Schublade "alternativ" geschoben werden.

    Eigentlich ist es sogar noch etwas fieser als bei den genannten Beispielen: Viele der heutigen "alternativen" Verfahren versuchen sich einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen um vom (offenbar doch nicht so schlechten) Ruf der empirischen Forschung zu profitieren. Das ist dann eher ein bisschen so wie vor hundert Jahren die Phrenologie: Sah für Laien furchtbar wissenschaftlich aus, war es aber nicht. Da muss nicht mal Absicht dahinter stecken, denn manche Leute die so etwas verbreiten, glauben wahrscheinlich selbst was sie sagen.

    Bei modernen Verschwörungstheorien, die gekonnt mit echten wissenschaftlichen Tatsachen vermischt werden, ist das für Unbedarfte sogar noch wesentlich schwerer zu erkennen. Z.B. im Buch "(R)Evolution 2012". Da kann man eigentlich nicht mal von einer Verschwörungstheorie sprechen.

    Ich finde man sollte die aufklärerischen Blogs und Magazine ("Skeptiker") lieber mal für ihre Arbeit würdigen, anstatt sie nur für ihre natürlich vorhandene Einseitigkeit und die angebliche Verherrlichung von Naturwissenschaft und Naturalismus zu kritisieren. Aus unserer Perspektive sind sie wie gesagt recht überflüssig, aber diese Perspektive ist nicht so verbreitet wie es scheint.

  38. Stephan Schleim @ Schlederer
    26.09.2011, 17:24

    Weise Worte und tatsächlich befand sich unter den Reaktionen auf den strittigen GEO-Artikel wenigstens ein Post der Skeptiker, der einem unvoreingenommenen Leser erklärt, warum der Artikel wissenschaftlich problematisch ist; das gilt leider nicht für die Mehrheit der anderen, teilweise sehr lautstarken Reaktionen.

    Mir geht es gar nicht darum, Werbung für die Alternativmedizin zu machen, sondern die (größtenteils) vernünftigen Bedürfnisse ihrer Kunden ernst zu nehmen. Die meisten Gegner echauffieren sich doch nur über die Dummheit dieser Menschen und übersehen dabei diesen wichtigen Punkt, der zumindest bei ein paar praktizierenden Ärzten längst angekommen ist.

  39. metepsilonema kein Betreff
    27.09.2011, 20:26

    Ich sehe die Naturwissenschaften also weder in der Rolle der erklärenden Allmacht, noch in der Rolle des Wahrheitsliferanten. Wären sie das, so wären Naturwissenschaftler nur noch Handwerker, die anzuwenden haben, was fest steht.

    Theoretisch ist das richtig, praktisch allerdings stößt man bald auf Probleme, wenn ethische Aspekte mit ins Spiel kommen: Wenn z.B. ein Wunderheiler ein krebskrankes Kind heilen möchte, er es aber - aus der Sicht westlich-naturwissenschaftlich fundierter Medizin - in den sicheren Tod schickt.

    Es lassen sich sicher noch weitere Beispiele finden, die eine Grundlage, auch wenn man sie Vermutungswissen nennen mag, notwendig machen. Zumindest dann, wenn etwas wie Verbindlichkeit Bedeutung haben soll, wenn wir allgemeine Entscheidungen in gewissen Bereichen für unabdingbar halten - wir brauchen also irgendetwas wie Wahrheit, wissen gleichzeitig aber, dass wir sie nicht besitzen können, so würde ich das Dilemma beschreiben.

  40. Jörg @metepsilonema
    28.09.2011, 15:25

    Ich denke, was hier die ganze Zeit durcheinander geht, ist die Unterscheidung zwischen der naturwissenschaftlichen Methodik/ Sichtweise, die wir alltäglich verwenden und der daraus abgeleiteten Weltanschauung.

    Ersterer verdanken wir, unser bequemes Leben und das wir eine Lebenserwartung von um die 80 Jahre haben.
    Letztere erfreut sich ihrer Beliebtheit aufgrund dieser Erfolge.

    Eine irgendwie geartete Weltanschauung rechtfertigt keine unterlassene Hilfeleistung, auch wenn sowas immer wieder behauptet wird.

    Was wir als Gesellschaft an weltanschaulich begründeten Handlungen tollerieren, müssen wir miteinander ausmachen und haben wir auch bereits in der Vergangenheit ausgemacht (in dem genannten Beispiel z.B. Sorgerechtsentzug etc. pp.)

  41. metepsilonema @Jörg
    29.09.2011, 21:35

    Ich glaube, dass man das in letzter Konsequenz nicht trennen kann, weil naturwissenschaftliche Modelle und Gesetzmäßigkeiten Gültigkeit jenseits von Individualität beanspruchen: In Australien kocht Wasser bei derselben Temperatur (unter vergleichbaren Bedingungen) wie hierzulande; Gegenstände werden nicht von der Erde abgestoßen und schweben ins All...

    Gesellschaften benötigen Verbindlichkeit und allgemeine Regeln; und sie benötigen eine Basis um diese zu begründen, um sie für alle verständlich und nachvollziehbar zu machen - (Natur)wissenschaft liefert diese Basis, das beste Wissen, das wir besitzen (Popper). Und daher sind Verwissenschaftlichung und Spezialistentum typisch für demokratische Gesellschaften.

    Um bei dem fiktiven Beispiel zu bleiben: Wenn Eltern das Sorgerecht aberkannt wird, dann sollte für alle Bürger der Gesellschaft nachvollziehbar sein warum. Sagen wir, dass sie grob fahrlässig in Bezug auf eine schwere Erkrankung ihres Kindes handelten. Ja, und wie stellen wir fest was Krankheit ist? An welcher das Kind leidet und wie man ihr am besten entgegenwirkt? Durch naturwissenschaftlich fundierte medizinische Untersuchungen.

    Den Naturalismus kann man aus dem Allgemeinheitsanspruch von (Natur)wissenschaft ableiten, man muss es freilich nicht; trotzdem: Eine schwache Variante bildet eine der Grundlagen unserer Gesellschaft (Spezialistentum, Verwissenschaftlichung). Man kann das verschiedentlich stark oder schwach formulieren, aber ist es nicht so, dass wir ohne vorläufige Wahrheit (Vermutungswissen) gar nicht können? Und dass wir das zwar relativieren, in der Praxis, wenn überhaupt, aber nur gelegentlich tun?

  42. Jörg @metepsilonema
    30.09.2011, 09:32

    Aber man trennt doch jeden Tag das Eine von dem Anderen. Jedes mal wenn jemand "Bio" kauft, weil das "gesünder" ist, jedes mal wenn jemand PID ablehnt wird, weil die "Seele" mit der Vereinigung von Spermium und Eizelle beginne.
    Jedes mal wenn Menschen ihr Horoskop suchen, sich im dunkeln vor immateriellen Geist hinter der nächsten Ecke fürchten oder xyz nicht haben wollen, wegen der "Chemie" darin.
    Das begründet für die Wenigsten eine Ablehnung naturwissenschaftlicher Ergebnisse, so lange sie nützen.

    Das wir für naturwissenschaftliche Modelle und Gesetzmäßigkeiten allgemeine Gültigkeit beanspruchen, heißt doch nicht, das diese nicht trotzdem im Kopf eines jeden Menschen eingeschränkt werden können.
    Diese Art Zwiedenk ist standard.

    Natürlich benötigen Gesellschaften Verbindlichkeiten und Regeln, die Wenigsten leiten diese aber vorsätzlich aus einem Naturalismus ab. Es wird viel mehr auf wahlweise christlich-jüdische Wurzeln der Moral oder griechisch-vorchristliche Wurzeln der Demokratie verwiesen.
    Die Naturwissenschaften sind in dieser Betrachtung mehr Lückenfüller, derweil sie nachvollziehbare Gesetzmäßigkeiten liefern, die einer übernatürlichen Entität nicht zuschreibar ist.
    "Gott hilft denen, die sich selbst helfen".

    Was das Beispiel der Kindesmisshandlung angeht kann man natürlich ewig den Zaunpfahl verschieben, wo man von Krankheit spricht und wo nicht. Das ändert aber nichts daran, das es klare und unklare Fälle gibt.
    Was wäre zum Beispiel mit der Beschneidung?
    Bei der männlichen Vorhaut ist die Akzeptanz allgemein hoch, es wird nicht als Misshandlung verstanden, es gibt auch "normale" Ärzte, die soetwas praktizieren. Bei der Beschneidung der weiblichen Genitalien (die meist sehr viel invasiver ist) redet man Misshandlung.
    Wie definiert man die naturwissenschaftliche Sicht? Unnötiger Eingriff, langfristige positive/negative Eigenschaften?

    Genauso dürfen z.B. Scientologen für ihre Kinder sorgen, auch wenn der offizielle Standpunkt ist, das psychische Erkrankungen nicht existieren, diese dort schlussfolglich auch nicht behandelt werden.

    Am Ende sind wir uns einig, das man Naturalismus ableiten kann, aber nicht muss/ viele es nicht tun.
    Gerade im Bereich Spezialistentum würde ich denken, ist diese misstrauische Ablehnung eines naturwissenschaftlichen Erklärungsanspruchs am größten.
    "Tausend Experten, tausend Meinungen"

    Gentechnik ist nur das bekannteste Beispiel, wo vom wissenschaftlichen Standpunkt eine, wie jetzt betriebene, Totalablehnung nicht gerechtfertigt ist.

  43. metepsilonema @Jörg
    03.10.2011, 20:39

    Können wir uns darauf einigen, dass es bestimmte Entscheidungen allgemeiner oder verbindlicher Natur in unserer Gesellschaft (u.a.) darauf beruhen, dass (Natur)wissenschaft einen akzeptierten, gültigen Stand von Wissen etablieren, auf wenn nicht immer alles eindeutig entschieden werden kann (klar, kann man das privat ablehnen, aber eben nur privat und solange die Konsequenzen beschränkt bleiben)?

    Die Naturwissenschaft kann die Auswirkungen einer Beschneidung beschreiben und diese Beschreibung ist dann Bezugspunkt für eine Regelung oder ein Gesetz (falls notwendig). Klar, hier spielen auch andere Vorstellungen mit herein, aber wenn Mediziner zu der Erkenntnis kämen, dass eine Beschneidung dramatische Auswirkung hätte, dann würde sich das auf die Gesetzgebung auswirken, weil wir dieser Erkenntnis vertrauen (das ist jetzt natürlich fiktiv).

  44. Jörg @metepsilonema
    04.10.2011, 17:34

    Ja, darauf können wir uns einigen.

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