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Kunst und Wissenschaft brechen gemeinsam ins Anthropozän auf

28. April 2012, 18:59

Und noch ein Kulturprojekt zum Anthropozän, diesmal am Haus der Kulturen der Welt in Berlin - hierzu die aktuelle Pressemeldung

Berlin, 26. April 2012

AUFBRUCH INS ANTHROPOZÄN - Kulturelle Grundlagenforschung mit den Mitteln der Kunst und der Wissenschaft


Haus der Kulturen der Welt (Wikimedia Commons, Autor Farbkonstrast)
Haus der Kulturen der Welt, Berlin
(Wikimedia Commons, Autor: Farbkonstrast)

Die Natur, wie wir sie kennen, ist eine Idee der Vergangenheit. Der Mensch macht die Natur. Das ist der Kern der Anthropozän-Theorie, ein Paradigmenwechsel, dessen Reichweite mit Darwins Evolutionstheorie vergleichbar ist. Mit dem Langzeitprojekt „Aufbruch ins Anthropozän“ erforscht das Haus der Kulturen der Welt erstmals das Menschenzeitalter aus Sicht der Kultur.

In Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft, dem Deutschen Museum und dem Rachel Carson Center, München, wird das Haus der Kulturen der Welt 2012-2014 die grundlegenden Fragen des Menschenzeitalters transdisziplinär mit den Mitteln der Kunst und der Wissenschaft erkunden. Mit Diskursreihen, Ausstellungen, Thementagen und Filmprojekten wird ab Januar 2013 öffentlich ausgelotet, was es für unser Selbstverständnis und unsere Zukunft bedeutet, wenn die Natur menschengemacht ist.

Intendant Bernd Scherer zum neuen Projekt des Haus der Kulturen der Welt: „Dass der Mensch die Natur macht klingt wie eine explosive Nachricht. Diese Denkweise fordert uns auf, anders zu handeln, die Zukunft zu gestalten. Für dieses Denkmodell brauchen wir neue kulturelle Strategien, ästhetische und theoretische Ansätze.“

Ermöglicht wird dieses einmalige Langzeitprojekt durch eine besondere Zuwendung, die der deutsche Bundestag bewilligt hat. Dazu Rüdiger Kruse MdB: „Es gibt wenige Fragestellungen, die weltweit von Relevanz sind. Die Anthropozän-Debatte ist eine solche und es war mein Anliegen, das Zentrum der weltweiten Diskussion nach Deutschland zu holen. Ich freue mich, bei meinen Kollegen im Haushaltsausschuss die nötige Unterstützung dafür bekommen zu haben.“

Das Leitungsteam des Projektes bilden Prof. Dr. Bernd Scherer (Humboldt-Universität und Haus der Kulturen der Welt), Prof. Dr. Reinhold Leinfelder (Freie Universität Berlin und Rachel Carson Center, München), sowie die Kuratoren Detlef Diederichsen, Anselm Franke und Katrin Klingan. Kooperationspartner ist das Institute for Advanced Sustainability Studies, Potsdam. Der Nobelpreisträger Paul Crutzen, der den Begriff 2002 prägte, hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen. Die Zeitschrift TIME bezeichnete den Anthropozän-Ansatz im Januar 2012 als eine der „zehn Ideen, die unser Leben verändern werden“.

„Aufbruch zum Anthropozän“ ist ein Projekt des Haus der Kulturen der Welt in Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft, dem Deutschen Museum und dem Rachel Carson Center, München. Kooperationspartner ist das Institute for Advanced Sustainability Studies, Potsdam.
Das Haus der Kulturen der Welt wird durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie durch das Auswärtige Amt gefördert.
Pressekontakt: Haus der Kulturen der Welt, Anne Maier, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin,
Fon +49 30 397 87-153, Fax ++49 30 3948679, presse@hkw.de, www.hkw.de

> Haus der Kulturen der Welt



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Große Anthropozän-Ausstellung am Deutschen Museum geplant

21. April 2012, 10:00

Für die Jahre 2014/2015 plant das Deutsche Museum eine große Sonderausstellung , die in enger Kooperation mit dem Rachel Carson Center konzipiert wird. Weitere Partnerschaften zeichnen sich ab, vor allem mit dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin, das in den kommenden beiden Jahren das Thema des Anthropozäns in den Mittelpunkt seines Gesamtprogramms rücken wird.

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Abb. 1: Die historische Abbildung zeigt Fördertürme auf einem Ölfeld in Texas um 1960 als Insignien des industriellen Komplexes. Davor friedlich grasende Kühe. Natur versus Technik? Nur scheinbar! Zum einen gelten heute auch in der Landwirtschaft die Spielregeln industriellen Wirtschaftens. Zum anderen wird durch die massenhafte Haltung von Tieren zum Verzehr mittler- weile fast ebenso viel CO2 produziert wie durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe.



Mit dieser Ausstellung werden mehrere Ziele verfolgt. So sollen

  • die Einmaligkeit der heutigen Phase am Beginn planetarer Gestaltung vermittelt,
  • das Bewusstsein für Zeitskalen und Dimensionen der Umweltveränderungen gestärkt,
  • eingefahrene Denkschemata der Nachhaltigkeitsdebatte überwunden,
  • die zentrale Rolle von Wissenschaft und Technologie sowie die Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Natur-, Technik-, Sozial- und Geisteswissenschaften für die Welt von morgen hervorgehoben,
  • Faszination für menschliche Erfindungs-/Lernfähigkeit geweckt und
  • ein Horizont für persönliche Verantwortung, Mitbestimmung und Lebensstilwahl eröffnet werden.


Ein denkbares Grundprinzip ist die Gestaltbarkeit durch das Publikum, um den offenen Charakter des Anthropozäns zum Ausdruck zu bringen. Neben wichtigen Fakten, die zum Verständnis der unterschiedlichen Phänomene des Anthropozäns vermittelt werden, sollen die Besucher und Besucherinnen durch verschiedene Formen der direkten Partizipation zum Nachdenken über die »Unswelt« angeregt werden.

Durch den Einsatz zum Beispiel von Smartphone-Technologien und Social Media bieten sich für die Anthropozän-Idee spannende Möglichkeiten, die Ausstellung über das Museum hinaus in die Gesellschaft und andere Aktionsformate zu tragen. So ist denkbar, dass Besucherinnen und Besucher eine eigene Version »ihrer« Ausstellung erstellen und in sozialen Netzwerken mit anderen teilen, einen digitalen »Selfmade-Katalog« erstellen oder auch ihre eigene Meinung in Echtzeit in die Ausstellung einbringen. Mit ihrem Blick auf den anthropozänen Planeten – seine historische Entstehung, seine gegenwärtige Lage und seine zukünftige Gestaltung – will die Ausstellung sowohl informieren als auch hinterfragen und zum Handeln animieren.

In einer Ausstellung, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet, spielen historische Exponate eine wichtige Rolle. Technologien der Vergangenheit, mit denen die Menschen das Anthropozän geprägt, ja erschaffen haben, wie die Dampfmaschine oder das Haber-Bosch- Verfahren zur industriellen Herstellung von Ammoniak, verdeutlichen den menschlichen Eingriff in die ehemals als natürlich empfundene Umwelt und werfen die Frage nach unserem Technik-, Menschen- und Naturbild auf. In jedem Fall werden auch in der Anthropozän-Ausstellung in der bewährten Tradition des Deutschen Museums Objekte im Mittelpunkt stehen, historische Exponate aus seinen reichen Schatzkammern und aktuelle Artefakte aus den Laboratorien von Wissenschaft und Industrie. Die auf Originalobjekten basierende Ausstellung bietet zudem die große Chance, das bislang noch recht theorielastige Konzept des Anthropozäns zu konkretisieren und mit handfestem Leben zu füllen. Sie führt den Besucherinnen und Besuchern ganz unmittelbar vor Augen, was es heißt, die menschengemachte Unswelt für künftige Generationen verantwortlich zu gestalten.


Anregungen für die Gestaltung der Zukunft

Die Globalität, die Verschränkung von natur-, technik-, sozial- und geisteswissenschaftlichen Fragen und der Zeithorizont des Anthropozäns eröffnen vielfältige Darstellungsmöglichkeiten für eine Sonderausstellung. Um die dem Anthropozän eigenen systemischen Verschränkungen zu verdeutlichen, will die Ausstellung die einzelnen Teilthemen weniger »sektoral« als integrativ vermitteln. Nicht statisch gefasste Einzelthemen wie Klima, Ernährung, Urbanisierung, Biodiversität etc. sollen im Mittelpunkt stehen, sondern eine handlungorientierte Bündelung von Themen. Die grundlegende Verschränkung der Probleme in der »Unswelt« ist auch eine Chance, um neue, integrative Lösungen zu entwickeln. Kategorien, die dabei im Vordergrund stehen, sind der Mensch als Zerstörer, aber auch als Gestalter; der anthropozäne Planet, der tiefgreifend durch den Menschen geformt und verändert wird; historisch gewachsene Konsummuster und Lebensstile; die Zeit als wichtiger Faktor im Anthropozän und die Zukunft als Herausforderung, aber auch als Chance für die Menschheit und ihre politischen Institutionen, sozialen Netzwerke und persönlichen Lebensträume.
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Abb. 2: Die Kraftmaschinenhalle im Deutschen Museum zeigt die Geschichte der Energieerzeugung.


Auch wenn die Ausstellungsplanungen erst begonnen haben: Mit dem Anthropozän greifen das Deutsche Museum und das Rachel Carson Center gemeinsam ein wichtiges politisches, wissenschaftliches, gesellschaftliches und kulturelles Thema auf. Sie nehmen ihre Aufgabe als Vermittler und Denkanstöße gebende Institutionen ernst und bieten der Öffentlichkeit die Möglichkeit, an vorhandenem Wissen teilzuhaben, sich eine Meinung zu bilden, Fragen zu stellen, Antworten abzuwägen und entscheidungsfähig zu sein. So werden die Grundlagen geschaffen, um das heutige Wirken des Menschen auf der Erde zu verstehen, verschiedenste Haltungen dazu einzunehmen und in einen offenen Gestaltungsprozess für Optionen und Szenarien der Zukunft einzutreten. Für das Anthropozän ist nicht nur die Frage nach der Zukunft von Wissenschaft und Technik zentral, sondern auch deren Einbettung in einen Gesamtprozess, in dessen Verlauf sich die überkommenen Grenzen von Natur und Kultur auflösen.

Ausschnitt aus: Die menschengemachte Erde - Das Anthropozän sprengt die Grenzen von Natur, Kultur und Technik.
Von Reinhold Leinfelder, Christian Schwägerl, Nina Möllers und Helmuth Trischler, in Kultur & Technik 2/2012 (Themenheft Mensch und Natur), S. 12-17, München (Verlag Deutsches Museum)
(© Verlag Deutsches Museum, used with permission)

> zum gesamten Artikel als pdf

> zur Webseite von Kultur und Technik (Themenheft Mensch und Natur 2/2012)



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Das Anthropozän nimmt Fahrt auf - Medienspiegel

20. April 2012, 17:13

In der nachfolgenden kleinen Medien- und Presseschau zeigt sich, dass das Anthropozän-Konzept so richtig Fahrt aufnimmt. Wissenschaftliche Konferenzen, Medienberichte, wissenschaftliche Publikationen, aber auch Kunst und Kulturprojekte verwenden das Konzept zunehmend:

Im Zentrum des anthropozänen Interesses war sicherlich die "Planet under Pressure"-Konferenz in London (26.-29.3.2012; www.planetunderpressure2012.net, "..the world’s largest gathering of experts on global environmental and social issues in advance of the major UN Summit Rio+20 in June), in der viele Begründungen fur ads Anthropozän vorgestellt warden. Auch die Deklaration benutzt die Metapher.

Eine Auswahl von Medienberichten und Blogs hierzu:
www.wienerzeitung.at/themen_channel/wzwissen/natur/447073_Nur-der-Mensch-ist-schuld.html
www.vielfalter-blog.de/?p=408
www.europeonline-magazine.eu/umweltforscher-fordern-verbindliche-internationale-richtlinien_201926.html
www.pressetext.com/news/20120327005

//Nachtrag vom 26.4.: Anthropozän-Video der Planet under Pressure-Konferenz:

(aus http://www.onsline.de/2012/04/26/welcome-to-the-anthropocene/ ) //


Auch der Vater des Anthropozäns Paul Crutzen wird in den Medien nochmals vorgestellt, z.B.:
Willkommen im Anthropozän
klima.blog.nzz.ch/2012/04/05/willkommen-im-anthropozaen/

HR2 Kulturradio stellte das Anthropozänkonzept ebenfalls vor:
www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=9980924

Eine kritische Einschätzung findet sich im Blog Kalte Sonne des Hoffmann und Campe-Verlags:
Umbenennung unserer Epoche in “Anthropozän”: Nützlich oder grobe Selbstüberschätzung?
www.kaltesonne.de/?p=2197

Franz Maulshagen hat eine interessante kulturwissenschaftliche Publikation zum Anthropozän verfasst, die vorab ins Netz gestellt wurde:
Zeithistorische Forschungen - Franz Mauelshagen „Anthropozän“(: Plädoyer für eine Klimageschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
www.zeithistorische-forschungen.de/site/40209224/default.aspx

Auch für die Stadt der Zukunft ist das Anthropozän-Konzept wesentlich:
Tagung Stadt Kultur Zukunft - im Anthropozän
www.nordbayern.de/nuernberger-zeitung/stadtleben/stadtkultur-die-kleinen-pflanzen-am-nurnberger-weg-1.1964370

Und nun noch zur Kunst. Wie wäre es mit:

Kunstprojekt anthropozäne Landschaftskaleidoskopteppiche
www.thecreatorsproject.com/de/blog/aerial-landscapes-become-kaleidoscopic-persian-rugs-in-ianthropocenei

oder einem Besuch auf der Documenta 2012 in Kassel mit Anthropozän-Bezug
www.cicero.de/salon/documenta-13-carolyn-christov-bakargiev-schluss-mit-gesellschaftskritischen-botschaften/48930

Und in der Musik gibt's auch neues: das Debut-Album von Post-Hardcore/Screamo-Band BigSpin heißt Anthropocene
www.ownblood-magazine.de/Big%20Spin-Anthropocene%20review
Hörproben unter: http://www.big-spin.com/

Oder falls dies ein bisschen zu heavy für Sie ist, vielleicht eher Paul Eno - Late Anthropocene
abmp3.com/download/10827331-late-anthropocene.html

Sind Sie hungrig aufs Anthropozän geworden?

Dann empfehle ich noch dies:
Video-Vortrag Eating in the Anthropocene: http://wn.com/Early_anthropocene
(siehe auch www.genomicgastronomy.com)

(zusammengestellt von Reinhold Leinfelder)



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Geowissenschaften müssen noch interdisziplinärer arbeiten

18. Januar 2012, 01:39

Wir haben es in diesem Blog bereits erwähnt, hier sei es nochmals vertieft: 77% der Landfläche sind vom Menschen genutzt bzw. überprägt; die Meere befinden sich spätestens seit der Zeit von Christoph Kolumbus nicht mehr im natürlichen Zustand; der Wasserkreislauf ist stark durch den Menschen reguliert; Sedimente werden durch Staudämme abgefangen und gelangen zunehmend nicht mehr ins Meer; Berg- und Tagebau reloziert viermal so viel Material wie alle Flüsse und Gletscher der Welt bewegen; Küstenbereiche sinken durch Trinkwasser-, Erdöl- und Erdgasentnahme ab; menschenbeeinflusste Stoffflüsse verändern Temperatur und Chemie von Atmosphäre, Böden, Süßgewässern und Meeren. Der Mensch war, wie jedes andere Lebewesen auch, immer schon ein biologischer Faktor. Spätestens seit der Industrialisierung sind anthropogene Prozesse jedoch global und derart intensiv wirksam, dass der Mensch darüber hinaus zu einem geologischen Faktor geworden ist. Planetare Funktionsgrenzen sind dadurch gefährdet.

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Abb. 1: Der Mensch als geologischer Faktor: Die mittlere Denudationsrate während des Phanerozoikums liegt bei 24 Metern pro Million Jahr. Die heutige anthropogene Denudationsrate läge hochgerechnet bei etwa 700 Metern pro Million Jahr. Zum Vergleich sind die Volumina der Eruptiva einiger großer historischer Vulkanausbrüche mit aufgeführt. Leicht verändert nach Wilkinson, B., 2005, Geology, 33, 161-164


Daher sollten gerade auch Geowissenschaftler besonders intensiv über den Anthropozän-Vorschlag nachdenken und in ihm herausragende Chancen der Kooperation untereinander, mit anderen Naturwissenschaften, aber auch mit den Ingenieurs-, Sozial-, Wirtschafts-, und Geisteswissenschaften sehen. Basierend auf einem Vorschlag von Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen sowie dem Paläontologen und Limnologen Eugene Stoermer aus dem Jahr 2002 für das International Geosphere-Biosphere Programme (IGBP) sollte die Epoche des von natürlichen Prozessen dominierten Holozän etwa bis zum Jahr 1800 n. Chr. begrenzt und danach vom Anthropozän abgelöst werden. Dieser Ansatz wird durch eine internationale Gruppe von Geologen vorangetrieben und formalisiert, aber auch Geografen, Historiker, Sozioökonomen, Juristen, Umweltpolitiker und andere greifen das Konzept nutzbringend auf. So stand nicht nur die Jahrestagung der Geological Society of America 2011 unter dem Thema „From the Archaean to the Anthropocene“, sondern auch der internationale Medienimpakt ist beachtlich: The Economist brachte das Anthropozän im Mai 2011 sogar als Titelgeschichte, andere folgten.

Das Anthropozän-Konzept bietet für also auch für die Geowissenschaften große Chancen, daher kann angenommen werden, dass nicht nur die Internationale Subkommission für Quartärstratigraphie (mit der bereits gegründeten Anthropozän-Arbeitsgruppe), sondern auch das IGBP hier weiter voranschreiten werden. Es geht allerdings nicht nur darum, das aktuelle Anthropozän samt seiner Prozesse geowissenschaftlich zu beschreiben, so wichtig es auch ist, die menschengemachten Umgestaltungen an Land und in den Ozeanen zu erfassen und zu verstehen. Das Konzept geht durch seinen ganzheitlichen, interdisziplinären Ansatz weiter darüber hinaus: Im Unterschied zu klassischen Ansätzen der Umweltvorsorge, die entweder auf Vermeidung setzen, um die Welt im bisher so stabilen Holozän zu belassen oder technikbasierte Adaptation vorantreiben wollen, um der menschenveränderten Umwelt Rechnung zu tragen, stärkt das Anthropozän-Konzept den systemischen Bezug, berücksichtigt unterschiedliche Zeitskalen und generiert Zukunftsverantwortung, indem der Mensch und sein industrieller Metabolismus in das Natursystem mit einbezogen werden. Insgesamt soll dadurch eine verträgliche und nachhaltige Gestaltung der zukünftigen Menschenwelt erreicht werden. Hierzu müssen allerdings Skalierungen, Systeme, Entwicklungen und Dynamiken der Natur sowie deren Interaktion mit der „Anthroposphäre“ bzw. „Soziosphäre“ hervorragend bekannt sein bzw. genauer erforscht werden.  Darauf hat kürzlich auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen in seinem Transformationsgutachten hingewiesen.


Anthropozän-Wissenschaften sind also inter- und transdisziplinär, systemisch und zeitbezogen. Zur wissensbasierten Gestaltung des Anthropozän muss sowohl aus der Zukunft (Zukunftsszenarien unterschiedlicher Handlungspfade) als auch der Vergangenheit (natürliche Fallbeispiele) gelernt werden. Alle geowissenschenschaftlichen Bereiche, darunter die Geologie, Geochemie, Geophysik, Mineralogie, Paläontologie, Geobiologie, Stratigraphie, Quartärgeologie sowie die Geographie mit all ihren Teilgebieten sollten sich daher aktiv an Anthropozän-Forschungen beteiligen. So bietet die Erdgeschichte hervorragende Fallbeispiele für unterschiedliche Skalierungen, für Dynamiken und Tipping-Points sowie für Klassifikations- und Korrelationsmöglichkeiten. Beispiele mit Anthropozän-Bezug gibt es zuhauf, etwa die Reaktivität und Evolution mariner Ökosysteme auf Umweltveränderungen, die Rekonstruktion „teleskopierter“ rascher Umweltereignisse insbesondere in kondensierten Schichten, Meeresversauerungen, Fluktuationen der Karbonatkompensationstiefe und Plankton-Reaktivität, Sauerstoffzehrung bei Meeresspiegelanstiegen, aber auch Anpassungen und Organismenmigrationen nach geologischen und klimatischen Veränderungen oder Adaptations- und Diversifikationsmuster nach lokalen und regionalen Aussterbeereignissen. Auch aktuopaläontologisch-geobiologische Studien sollten in den Kontext der Anthropozänforschung einbezogen werden, wie  z.B. „atavistisches“ Adaptationsverhalten von Organismen und Ökosytemen, umweltrelevante geo- und biochemische Stoffflüsse oder die Abhängigkeit biologischer Wirkstoffproduktion von Umweltstressparametern.
Das Anthropozän-Konzept hat, sofern es konsequent verfolgt wird, auch umfassende Konsequenzen, wie wir in Zukunft Forschung und Bildung verstehen, wie wir Natur, Technik und Kultur ganzheitlich miteinander verbinden müssen, welche Verantwortung wir zu übernehmen haben und wie die Zukunftsaufgabe des nachhaltigen Wirtschaftens vielleicht doch bewältigt werden kann.
Wenn wir als geologischer Faktor die Welt an den Rand ihrer planetaren Grenzen bringen können, so müssten wir doch, eben gerade wegen dieses großen Einflusses, die Nutzung der Welt zukünftig auch nachhaltig gestalten können, und zwar global und generationenübergreifend. Die ganze Stärke der Anthropozän-Idee liegt darin, eine Plattform für ein wissensbasiertes und bewusstes planetares Gestalten dieses Erdsystems zu schaffen. Eine derartige Plattform sollte gerade auch in Deutschland mit aufgebaut werden. Hier wurde das Konzept des Anthropozäns ersonnen. Deutschland hat durch zahlreiche wissenschaftliche und technologische Durchbrüche selbst zivilisationsbildend gewirkt. Als dicht besiedelte Industriegesellschaft ist es eines anthropozänsten Gebiete der Welt. Die Beteiligung auch der deutschen Geowissenschaften an diesem Konzept ist gleichermaßen Chance wie Herausforderung: Es liegt an uns allen mitzubestimmen, ob das Anthropozän nur ein blitzlichtartiger geologischer Event ist, oder ob wir es als langandauerndes Erdalter mitgestalten können.

Reinhold Leinfelder, Berlin/München


Dieser Blogbeitrag stellt die erweitere Version eines zum Jahresende im gemeinsamen Nachrichtenblatt der deutschen geowissenschaftlichen Gesellschaften und Verbände erschienenen Artikels dar (Leinfelder, R. 2011: Das “Anthropozän” – ein neues Forschungsfeld für die Geowissenschaften.- Geowissenschaftliche Mitteilungen (GMIT), 46, S. 20-22)



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Integrative Anthropozän-Wissenschaften – Forschung und Bildung für die Transformation zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft

11. Dezember 2011, 17:21

Im Jahr 1815 bewirkte der gigantische Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa eine kurzfristige globale Klimaverschlechterung. Im Jahr 1816, dem „Jahr ohne Sommer“ kam es durch Missernten und erhöhter Nutztiersterblichkeit zur schlimmsten Hungersnot im 19. Jahrhundert. Als Reaktion wurde 1818 die Landwirtschaftliche Versuchs- und Lehranstalt Hohenheim, heute Universität, von König Wilhelm I. gegründet, um wissenschaftsbasiert die Ernährung im Lande „radikal zu verbessern“.


Viele Universitäten haben sich auch im 21. Jahrhundert dem Leitbild verschrieben, durch Forschung und Lehre dem Dienst am Menschen verpflichtet zu sein und an zukunftsorientierten Themen zu arbeiten. Im Unterschied zum 19. Jahrhundert müssen wir heute aber nicht nur aus vergangenen und aktuellen Befunden, sondern zusätzlich auch aus globalen Zukunftsmodellen lernen, wie sie etwa in den Klima- und Klimafolgen-Berichten des Weltklimarats IPCC, aber auch vielen anderen Szenarien zusammengestellt wurden. Trotz hinreichend großem Wissen, etwa auch um die ökonomischen Kosten von Klima- und Biodiversitätskrise ist dieses Wissen bislang jedoch kaum in politisches und gesellschaftliches Handeln umzusetzen. UN-Konventionsverhandlungen haben wenig Erfolg, die Zeit für Vermeidungslösungen läuft davon und rein technokratische Szenarien wie „Solar Radiation Management“ - also das Einblasen von Schwefelaerosolen in die Atmosphäre zur Abschirmung der Sonnenstrahlung -  greifen meist gefährlich kurz. Governance-Strukturen und wirtschaftliche Anreize für neue Technologien werden die notwendige Transformation zu einer nachhaltig wirtschaftenden Gesellschaft nicht alleine bewerkstelligen können, verbunden sein müssen ein Wertewandel, aber auch neue Lebensweisen und innovative, klimaneutrale, ressourcenschonende Ernährungstechnologien sein, wie der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem aktuellen Gutachten betont hat.
Somit wird die Wissensbasiertheit der Gesellschaft dafür entscheidend sein, ob wir solche Zukunftsaufgaben meistern können. Dies kann nur durch entsprechende Forschung und (Früh-, Aus-, Weiter-)Bildung sowie breiten Wissenstransfer in die Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene erreicht werden. 


Wie kann universitäre Forschung dazu beitragen, diese Wissensbasiertheit zu systemischen Zusammenhängen aller Prozesse dieser Welt zu erreichen? Eines der Grundprobleme liegt in der klassischen dualistischen Betrachtungsweise von Natur und Kultur, auf der einen Seite steht der anthropozentrische Mensch, auf der anderen die „gute“ Natur, die nicht unsere Welt, sondern nur unsere Umwelt ist. Mit der industriellen Revolution verbreitete sich die mechanistische Weltsicht, die den Ingenieur als Weltgestalter pries, welcher die Natur im Dienst der Menschheit unterwarf. Als Gegenreaktion kam die Umweltdebatte, in der die technisierte Menschheit vor allem als Störer und Zerstörer gesehen wird. Auch in der universitären Forschung wird weiterhin meist stark zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften (i.w.S.) unterschieden. Diesen Dualismus gilt es zu überwinden und durch systemische Denkweisen zu ersetzen. Dazu könnte ein radikal neuer wissenschaftlicher Ansatz hilfreich sein: das Anthropozän-Konzept, welches von Chemienobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2000 aufgestellt wurde, von Wissenschaftsautor Christian Schwägerl in seinem Buch „Menschenzeit“ popularisiert wird und derzeit in rascher wissenschaftlicher Ausarbeitung ist.


Kaum einem ist klar bewusst, dass wir uns tatsächlich mitten in der Verschmelzung von Natur und Kultur befinden, unsere Umwelt wird zur „Unswelt“: Der Mensch ist nicht mehr nur Objekt von Wetter und Klima, sondern tritt selbst als Klimamacher in Erscheinung. Das Fortbestehen der (bezogen auf das eisfreie Festland) zu 77% nicht mehr natürlichen Natur hängt direkt von ökonomischen Entscheidungen oder bewusstem Management ab. Der westliche Lebensstil reorganisiert die Biosphäre allein schon durch die dadurch generierten Abfälle in Höhe von etwa 12 Milliarden Tonnen pro Jahr. Auch die Meere haben ihren Charakter als ungestörte Gegenwelt zur Landzivilisation längst verloren. Die Optimierung von Kulturpflanzen und Nutztieren ist auf molekulare Ebenen vorgedrungen. Die vom Menschen geschaffenen Maschinen werden mehr und mehr zu „technologischen Polulationen“, die neben den Organismen als eigene Kraft im Stoffwechsel der Erde präsent sind. Und in der digitalen Revolution hat der Mensch der Biosphäre eine Digitalsphäre hinzugefügt, die zunehmend mit bisher natürlichen Prozessen in Wechselwirkung tritt.


Transformationsforschungetc WBGU 2011

Aus dem aktuellen WBGU-Transformationsgutachten (WBGU 2011).
Näheres siehe Kap. 8 des Gutachtens.

 

Forschen im Lichte dieses Anthropozän-Bewusstseins benötigt zum einen im Gesamtzusammenhang, also „systemisch“ arbeitende, interdisziplinär kooperierende Wissenschaften, zum anderen eine aktivere Rolle der Bevölkerung an der Gestaltung einer zukunftsfähigen Welt. Damit wird Transformationsforschung, so wie sie der WBGU in seinem jüngsten Gutachten definiert, nicht nur inter- sondern auch transdisziplinär. Sektorale Forschungsbereiche müssen deutlich enger interagieren und sozioökonomische wie gesellschaftliche Folgenabschätzungen von Naturgebrauch und Techniknutzung auf ein globales und systemisches Niveau angehoben werden. Wertschöpfungsketten von freier Grundlagenforschung über Anwendungen bis hin zu industriellen Metabolismuskreisläufen gilt es wissenschaftlich zu untersuchen, um sie zukunftsverträglich gestalten zu können. Einbeziehung von praktischem und traditionellem Wissen und echte Internationalisierung ist notwendig. Neuland muss bei Wissenskommunikation und Wissenschaftslegitimation beschritten werden. Auch gilt es, kreative Forschungsumgebungen für „zündende Ideen,“ deren Anwendungsorientiertheit sich ggf. erst später ergibt, zu schaffen. Insbesondere muss Forschung im Dialog mit der Gesellschaft die  Zielvision einer Transformation zur Gestaltung eines zukunftsfähigen Anthropozäns entwickeln und beschreiben helfen sowie durch technische und soziale Innovationen die nächsten Schritte der Transformation ermöglichen und einen gesamtgesellschaftlichen Suchprozess zur Entwicklung von Visionen und Wertewandel unterstützen. Der WBGU sieht diesen Transformationsprozess in Teilen bereits eingeleitet, jedoch müssen das existierende Wissen stärker gebündelt, existierende relevante Forschungsprozesse deutlich verstärkt und deren Ergebnisse global verbreitet werden. Der gesamte Transformationsprozess muss daneben wissenschaftlich beobachtet, begleitet, reflektiert und ggf. nachjustiert werden. Der WBGU legt daher in seinem Gutachten zur Transformation einen besonderen Schwerpunkt auf Forschungs- und Bildungsempfehlungen, die folgendermaßen zusammenfassbar sind: existierende nachhaltigkeitsrelevante Forschung und Bildung muss um systemische Aspekte ergänzt und somit zu transformationsfördernder Forschung bzw. Bildung werden;  die Prozesse, Voraussetzungen und Machbarkeiten der Transformation selbst sind in den neu zu schaffenden bzw. zu vereinenden Bereichen Transformationsforschung und – bildung zu untersuchen.

Die universitäre Landschaft erscheint hierfür allerdings bislang überwiegend ungeeignet. Gerade in Deutschland ist die Versäulung innerhalb der fachlich häufig eng definierten Fakultäten immer noch sehr hoch. Geeignete inter- und transdisziplinäre, regional und international verknüpfende Strukturen, wie Center, Colleges, Schools nehmen zwar zu, sind aber immer noch wenig entwickelt. Dasselbe gilt für Kooperationen zwischen Universitäten und Fachhochschulen. Viele Universitätsleitungen, Fakultäten, Wissenschaftler und Studierende sind häufig eher gegen die Einrichtung neuartiger inter- bzw. transdisziplinärer Schools und Colleges, wie sie etwa der Wissenschaftsrat im Jahr 2010 empfohlen hat. Sie sind einer erweiterten interdisziplinären Kombination von Bachelor- und Masterstudiengängen oft nur sehr eingeschränkt zugeneigt und führen gerne fehlende Berufsfelder für interdisziplinär ausgebildete Absolventen an. In einem Essay mit dem trefflichen Titel „Die ungeliebte Artenvielfalt“ sieht FAZ-Autor Florian Vollmers (FAZ vom 22.1.2011) dahinter auch Angst vor Unübersichtlichkeit und Statusverlust. In der Regel müssen interdisziplinär arbeitende Forscher heute schon eine geglückte disziplinäre Karriere, sozusagen als Absicherung hinter sich haben. Entsprechend schlagen nur wenige junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von vorne herein den interdisziplinären Weg ein.
Erfreulicherweise diskutiert der Wissenschaftsrat seit einigen Jahren stärker integrative Kriterien für Forschungsrating, bei dem auch das Kriterium „Transfer an außerwissenschaftliche Adressaten“ hinzukommen soll. Dennoch wird auch in den Rahmenvorschlägen des Wissenschaftsrats Interdisziplinarität eher indirekt erwähnt. Der WBGU regt an, dass Hochschulrektorenkonferenz, Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Akademien der Wissenschaften Empfehlungen und Vorgaben zur Implementierung und zum Rating entsprechender Forschung erarbeiten. So sollten etwa Kriterien für leistungsbezogene Zuweisungen auch Inter- und Transdisziplinarität honorieren.  Möglicherweise könnten verbesserte Laufbahnchancen für interdisziplinär arbeitende Nachwuchswissenschaftler angeboten werden. Inter- und transdisziplinär arbeitende Wissenschaftler sollten auch in strukturgebenden Gremien verankert werden.

Das Humboldt’sche Ideal, universitäre Lehre müsse sich aus der Forschung ergeben, ist an vielen Universitäten auch im Bologna-Prozess noch gut implementiert. Im Sinne einer Transformationsrelevanz sollte aber die Lehre stärker auf eine auf Wahrscheinlichkeiten basierende Wissensgesellschaft ausgerichtet werden. Der Weg von sektoraler zu stärker systemischer Lehre und Bildung kann  über  Ergänzungsmodule bzw. verbesserte Kombinationsmöglichkeiten von Studiengängen angegangen werden. Forschung und Lehre muss sich auch mit dem Thema Motivation der Gesellschaft und Wissenschaftsskeptizismus stärker auseinandersetzen. Im Gegensatz zum Humboldt’schen Ansatz, der Zivilgesellschaft nur bereits generiertes Wissen zu vermitteln, muss auch für die schulische Bildung, für die berufliche Weiterbildung, aber auch für die gesellschaftliche Orientierungsbildung der Forschungsprozess stärker in den Vordergrund gerückt werden und die Gesellschaft, etwa durch geeignete partizipative Monitoring-Projekte (z.B. partizipative Biodiversitätsstationen, siehe FAS-Artikel „Wir lieben nur was wir kennen“ vom 31.1.2010) oder durch partizipative wissenschaftliche Experimentierfelder einbezogen werden, etwa der Einrichtung eines Anthropozän-Studierendenheims als kombinierter Lebens-, Lern- und Forschungsbau, bei denen neue Lebens-, Arbeits- und –Sharing-Formen auf Machbarkeit und Akzeptanz getestet und gemessen werden und damit gleichzeitig als empirische Datenbasis für weitere Forschung zur Verfügung steht.

Sinnvoll erschiene es, an geeigneten Standorten Integrative Zentren für Anthropozän-Wissenschaften  einzurichten. Sollte das Thema Bundesunversitäten zukünftig relevant werden, wovon der Autor ausgeht, ist zu bedenken, dass Alleinstellungskriterien für die Förderung wesentlich sein werden. Etliche Universitäten haben ein geeignetes Fächerspektrum sowie eine gute Einbindung außeruniversitärer Forschungs-Einrichtungen, um in einem fokussierten, aufeinander abgestimmten, integrierten, „unhierarchisch“ organisierten und innovativen Umfeld hier ein qualifizierter Kandidat werden könnte. Der WBGU hat in seinem aktuellen Gutachten vorgeschlagen, eine entsprechende Bundesuniversität mit dem Schwerpunkt Transformation einzurichten.

Die ganze Stärke des Anthropozän-Konzeptes liegt darin, eine Arena für ein wissensbasiertes, zukunftsverantwortliches Gestalten des Erdsystems zu schaffen. Diese Arena verdient es, in Deutschland auch wissenschaftlich ausgebaut zu werden. Hier wurde das Konzept des Anthropozäns ersonnen. Deutschland hat durch zahlreiche wissenschaftliche und technologische Durchbrüche selbst zivilisationsbildend gewirkt. Als dicht besiedelte Industriegesellschaft ist es eines anthropozänsten Gebiete der Welt. Zudem profiliert sich Deutschland seit einigen Jahren als Antreiber der globalen Umweltpolitik, ohne aber bisher eine ideelle Einbettung dieses Handels anbieten zu können.
Der Imperativ zu wissenschaftlichem und kulturellem Gestalten, der sich aus dem Anthropozän ergibt, könnte größer kaum sein. Oder geologisch gesprochen: diese Erdepoche hat gerade erst begonnen, es liegt auch in den Händen der Wissenschaft, sie möglichst lange auszudehnen.

Eine in Teilen gekürzte und leicht veränderte Version dieses Artikels erschien am 12.10.2011 unter dem Titel "Von der Umweltforschung zur Unsweltforschung" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


Beispiele aus der Rechercheliteratur

Crutzen, P. J. (2002): Geology of mankind.- Nature 415: 23.

Crutzen, P. J., & E. F. Stoermer (2000); The 'Anthropocene'.- Global Change Newsletter 41: 17–18.

Doughty, C. E.; Wolf, A.; Field, C. B. (2010): "Biophysical feedbacks between the Pleistocene megafauna extinction and climate: The first human-induced global warming?". Geophysical Research Letters 37 (L15703): 1–5

Dukes, P., (2011). Minutes to midnight/: history and the Anthropocene era from 1763, 166 S., London, New York: Anthem Press.

Ellis, E.C. (2011): Anthropogenic transformation of the terrestrial biosphere. -Philosophical Transactions of the Royal Society A: Mathematical, Physical and Engineering Sciences, 369(1938), S.1010 -1035.

Cleaner Productions: Green-tech-atlas 2.0: Kreislaufwirtschaft.- Umweltbundesamt, http://www.cleaner-production.de/green-tech-atlas/green-tech-leitmaerkte/leitmarkt-kreislaufwirtschaft/ (abgefragt am 16.8.2011)

Jonas, H. (1984 2.Aufl.): Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt/M. 1979. Neuauflage als Suhrkamp Taschenbuch, 1984

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Das Anthropozän - Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört

22. November 2011, 12:11

Eine kleine allgemeine Einführung ins Anthropozän-Konzept

Klimaänderung, Artensterben, Überfischung, Ölkatastrophen, Verstrahlung – wer wäre nicht von der Umweltkrise aufgeschreckt! Ja, „man“ müsste handeln, aber es gibt doch noch soviel andere Probleme: Hunger, brennende Großstädte, Kriege, Finanzkrisen. Schon richtig, wir brauchen die Natur, aber müssen unsere ureigenen menschlichen Angelegenheiten in Krisenzeiten nicht doch eher vorgehen, schließlich muss es mit der gerade auf 7 Milliarden Mitglieder gewachsenen Menschheit ja weitergehen? So leid es uns tut, die Natur muss daher noch etwas warten. So oder so ähnlich denken vielleicht viele. Der Mensch mit seinem Sozialgefüge, seiner Technik und seiner Kultur steht auf der einen, uns sehr nahen Seite, die Natur, die wir als Heimat oder im Urlaub zwar alle lieben, ansonsten aber je nach Lesart nutzen dürfen oder verbrecherisch ausbeuten, steht auf der anderen, entfernteren Seite. Auch der klassische Umweltschutz denkt weitgehend in diesen dualistischen Kategorien, der anthropozentrische, egoistische Mensch und die gute Natur, ein unüberbrückbarer Gegensatz?

 

Transformation der Biosphäre. Effekte menschlicher Tätigkeit auf das eisfreie Festland.
Nach Jones 2011, basierend auf Ellis 2011, verändert.


Es ist richtig, der Natur geht es nicht gut, und der Mensch hat einen übergroßen Anteil daran. Die Menschheit hat die Natur viel stärker und dauerhafter beeinflusst, als wir das wahrhaben wollen: nur noch 23 Prozent des eisfreien Festlandes können als echte Wildgebiete bezeichnet werden. Die Meere werden immer leerer. Der Mensch ändert durch Verbrennung fossiler Treibstoffe die Atmosphäre, durch Überdüngung die Stoffkreisläufe von Stickstoff und Phosphor, durch Landnutzung die Artenvielfalt. Er reguliert fast alle Flusssysteme, er gräbt den Untergrund um und verfrachtet um Größenordnungen mehr Sediment als es natürlichen Prozessen entspricht. Der Mensch ist also spätestens seit der industriellen Revolution zu einem geologischen Faktor geworden, daher soll diese Zeit nach einem Vorschlag von Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen einen neuen geologischen Zeitbegriff bekommen, das Anthropozän, die Menschenzeit. Aber wozu eigentlich? Dient der Name nur dazu, diese besonders kritische Zeit mit einem plakativen Begriff zu versehen, um uns ein noch schlechteres Gewissen zu machen? Nein, keinesfalls. Das Anthropozän-Konzept hat umfassende Konsequenzen, wie wir in Zukunft Forschung und Bildung verstehen, wie wir Natur, Technik und Kultur ganzheitlich miteinander verbinden müssen, welche Verantwortung wir als Teil des Erdsystems zu übernehmen haben und wie die Aufgabe des nachhaltigen Wirtschaftens doch bewältigt werden kann.

Dazu müssen wir allerdings die Zusammenhänge noch besser verstehen, denn alles hängt mit allem zusammen. Wie interagieren Klima, Biodiversität, Bodenbeschaffenheit und Migrationswege, wie weit geht die Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen, wo beginnt der Absturz? Wie vertragen sich Biodiversitätserhalt und Ackerbau? Könnten wir auch High-Tech-Landwirtschaft betreiben, bei denen,  etwa durch GPS-gesteuerte Traktoren biodiversitätsfördernde Hecken und Tümpel überhaupt kein Hindernis sind? Könnten wir Erholungs-, Agrar- und Wohnlandschaften zu neuen Lebenslandschaften verknüpfen? Und können wir neue Formen der Aufgabenteilung und der gemeinsamen Nutzung erdenken? Vieles gibt es hierzu aus der Vergangenheit zu lernen, aus der geologischen, biologischen, kulturellen und sozialen Evolution. Natur-, Technik-, Sozial-, Kultur-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften müssen gemeinsam über Skalen, Geschwindigkeiten und Wechselwirkungen diskutieren und forschen. Aber auch die Jetztzeit birgt ermutigendes: wir beginnen die Bedingungen unseres Daseins in molekularer und neuronaler Auflösung zu verstehen und wir sind gerade dabei eine neue globale Wissens- und Kreativsphäre zu erschaffen, die im raschen Austausch steht. Zu erforschen gilt es, wie wir neue Identitäten schaffen können, die uns neben unserer Heimat, die häufig durch Natur- und Kulturlandschaften definiert ist, auch eine globale Verortung ermöglichen. Und wir können, ja müssen, aus den Zukunftsszenarien lernen. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft als Wissensdatenbank, eine gigantische Chance für systemische Forschung und für die verantwortliche Entwicklung des Anthropozäns.

Aber können wir überhaupt Verantwortung für die Welt übernehmen, um sie zukunftsfähig zu gestalten? Grundsätzlich ja,  denn wenn wir als „geologischer Faktor“ die Welt an den Rand ihrer planetaren Grenzen bringen können, so müssten wir doch genauso wirkmächtig die Nutzung der Welt auch nachhaltig gestalten können, und zwar global und generationenübergreifend. Kunst und neue Kulturformen, wie etwa soziale Netzwerke, kulturelle und soziale Austauschprogramme und stark erweiterte Teilhabe der Gesellschaft  in vielen Ebenen, wie etwa der Wissenschaft, dem Umweltmonitoring, der Raumordnung und sonstigen politischen Entscheidungen können helfen, neue Identitäten zu schaffen.

Die seit dem Beginn der industriellen Revolution verbreitete mechanistische Sicht, die den Ingenieur als Weltgestalter pries, welcher die Natur im Dienst der Menschheit unterwarf, hat sich selbst überholt. Als Gegenreaktion kam die Umweltdebatte, in der der Mensch vor allem als Störer und Zerstörer der Natur in Erscheinung tritt. Tatsächlich aber erleben wir die zunehmende Verschmelzung von Natur und Kultur. So ist der Mensch nicht mehr nur Objekt von Wetter und Klima, sondern tritt selbst als Klimamacher in Erscheinung. Das Fortbestehen der weitgehend nicht mehr natürlichen Natur hängt direkt von ökonomischen Entscheidungen oder bewusstem Management ab. Der westliche Lebensstil reorganisiert die Biosphäre allein schon durch die dadurch generierten Abfälle in Höhe von etwa 12 Milliarden Tonnen pro Jahr. Auch die Meere haben ihren Charakter als ungestörte Gegenwelt zur Landzivilisation längst verloren. Die Optimierung von Kulturpflanzen und Nutztieren ist auf molekulare Ebenen vorgedrungen. Die vom Menschen geschaffenen Maschinen sind inzwischen so dominierend, dass von technologischen Polulationen gesprochen werden kann, die neben den Organismen als eigene Kraft im Stoffwechsel der Erde präsent sind. Und in der digitalen Revolution hat der Mensch der Biosphäre eine Digitalsphäre hinzugefügt, die zunehmend mit bisher natürlichen Prozessen in Wechselwirkung tritt.

Damit wird das Anthropozänkonzept zu einem organisierenden Prinzip für Gesellschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur und Individuen.  An diesem Punkt wird das primär aus der Wissenschaft entstehende Konzept bewusst politisch. Viele Wissenschaftler werden möglicherweise davor zurückschrecken, die Konsequenzen ihrer Forschung weiter zu denken, liegt dies doch außerhalb ihrer Zuständigkeit. Aber was, wenn nicht Wissensbasiertheit soll dann die Grundlage für zukünftige Entscheidungen sein? Niemand hat es den Medizinern verübelt, dass sie ihr erforschtes Wissen zu den Gesundheitsrisiken des Rauchens nicht für sich behielten, sondern selbständig Kampagnen gegen das Rauchen starteten.  Warum also soll aus den Ergebnissen der Erdsystemwissenschaften heraus keine Kampagne gegen das Verqualmen fossiler Energien gestartet werden, wenn deren Risiken auf der Hand liegen und bestens erforscht sind? Der Anthropozän-Ansatz geht also weit über ein klassisches Forschungskonzept hinaus, er beinhaltet zugleich einen kollektiven Gestaltungsprozess, der in Form von Verhandlungen, Teilhabe, Reflektionen und Nachjustierungen abläuft. In diesem Sinne überschreitet die Anthropozän-Idee die tradierten Grenzen nicht nur innerhalb der Wissenschaft, sondern zwischen Wissenschaftssphäre und nicht-akademischer Gesellschaft. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen bezeichnet in seinem neuesten, ebenfalls in der Idee des Anthropozängedankens geschriebenen Gutachten entsprechende neue Forschungs- und Bildungsansätze als Transformationsforschung bzw. -bildung. Hierbei geht es um ein besseres Verständnis von gesellschaftlichen Transformationsprozessen, um das Anthropozän zukunftsfähig zu gestalten und leben zu können. So muss die Industrie ihren „industriellen Metabolismus“ in Rechnung stellen, also den Weg von der Rohstoffgewinnung bis zum Abfallrecycling mit in die Geschäftsmodelle aufnehmen. Natürlich ist auch eine Rahmengestaltung durch Staat und Staatengemeinschaft wichtig. Wesentlich für das Gelingen einer Anthropozän-Transformation ist jedoch die starke Beteiligung der Gesellschaft. Das Anthropozän braucht Vordenker, Pioniere und Experimentierfreudige auf allen Ebenen. Partizipation sowohl an Forschung zum Anthropozän, als auch an gesellschaftlichen und kulturellen Diskursen und Suchprozessen ist hierbei eine der wesentlichen Voraussetzungen. Hiermit ist die Kultur ein wesentlicher Motor zur Gestaltung eines zukunftsfähigen, gleichermaßen vernunftbasierten wie lebenswerten Anthropozäns.

Die Anthropozän-Idee hat das Potenzial, zur Basis für ein reflektiertes, verantwortliches und nachhaltiges Gestalten des Erdsystems werden. Der Anspruch zu wissenschaftlichem und kulturellem Gestalten, der sich aus dem Anthropozän-Konzept ergibt, könnte größer kaum sein. Oder wie es Autor Christian Schwägerl in seinem lesenswerten Buch „Menschenzeit“ ausdrückt: „Der Weltaufgang hat erst begonnen“. Es liegt an uns allen, dieses aufgehende Zeitalter des Anthropozäns möglichst lange auszudehnen.

 

(Dank an Christian Schwägerl für vielfältige Anregungen und konstruktive Kommentare zu diesem Essay)

 Kleine Auswahl an weiterführender Literatur 

  • „Menschenzeit. Zerstören oder gestalten. Die entscheidende Epoche unseres Planeten.“ Christian Schwägerl, Riemann Verlag, 2011, € 19,95
  • „Die Erde nach uns. Der Mensch als Fossil der fernen Zukunft“. Jan Zalasiewicz, Spektrum Akad. Verlag, 2009, € 29.90
  • „Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, 2011, kostenlos via www.wbgu.de

Literatur zu Abbildungsherkunft:

  • Jones, N. (2011): Human Influence comes of age. Geologists debate epoch to mark effects of Homo sapiens, Nature 473, 133, doi:10.1038/473133a
  • Ellis, E.C. (2011): Anthropogenic transformation of the terrestrial biosphere. -Philosophical Transactions of the Royal Society A: Mathematical, Physical and Engineering Sciences, 369(1938), S.1010 -1035. doi: 10.1098/rsta.2010.0331


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Das Anthropozän - von der Umwelt zur Unswelt

21. November 2011, 16:52

Ein Anthropozentriker unterscheidet sich von einem "Anthropozäniker" zwar sprachlich nur durch wenige Buchstaben, inhaltlich jedoch gewaltig. Ich bin überzeugt davon, dass wir vom Dualismus (gute) Natur versus (böser) Mensch (samt seiner Technik und Kultur) wegkommen und statt dessen den Menschen und seine Aktivitäten als Teil der Natur verstehen lernen müssen. Daraus darf jedoch keine Rechtfertigung für das bisherige Handeln der Menschheit abgeleitet werden, sondern ganz im Gegenteil ein überaus hohes Verantwortungsbewusstsein für jeden einzelnen von uns.

Die umfassenden menschengemachten Veränderungen dieser Erde im bisherigen Teil des Anthropozäns zeigen uns, dass der Mensch zu einem wesentlichen Erdsystem-Faktor geworden ist. Nun liegt es an uns, diesen enormen Einfluss auf die Natur ins Positive zu drehen und wissensbasiert, gesellschaftlich legitimiert und nachjustierbar in verantwortungsvoller Weise die Welt zukunftsfähig zu gestalten. Mit anderen Worten: es liegt an uns, ob das Anthropozän nur einen geologischen Event markiert oder zu einer erdgeschichtlichen Zeiteinheit werden kann.

Ich freue mich, von nun an bei den Wissenslogs mitzumachen. In diesem Blog soll es um ganz verschiedenen Aspekte des Anthropozäns gehen - also um die "Unswelt" anstelle von Umwelt. Daher sind die Wechselwirkungen zwischen Natur, Kultur, Technik und Gesellschaft von herausragender Bedeutung, aber auch deren bisherige Entwicklung und mögliche nachhaltige zukünftige Gestaltung. Insgesamt geht es den in den Startlöchern stehenden Anthropozän-Wissenschaften darum, von der Vergangenheit,  der Gegenwart und  der Zukunft (bzw. den Zukunftsszenarien) gleichermaßen zu lernen und daraus Lehren zu ziehen. Von besonderer Bedeutung sind hierbei unterschiedliche Skalen, keine einzelne ist allein als Wissensgrundlage ausreichend, in ihrer Kombination ist aber Wissen aus den Archiven der Erdgeschichte, der Menschengeschichte, der Kultur- und Technikgeschichte, aber auch der Geschichte jedes einzelnen von großer Relevanz für die verantwortliche Gestaltung des Anthropozäns.
Dieser Blog wird auch für Gastautoren zum Anthropozän geöffnet sein.

Da das Anthropozän seit einiger Zeit in aller Munde ist, soll hier keine eigene Einführung gegeben werden. Wer sich einlesen möchte, mag dies über einige der nachfolgenden Links tun:

Einiges aus der Feder des Blogautors

Ich freue mich auf Ihr Interesse und Ihre Kommentare

Reinhold Leinfelder



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