SciLogs International .eu.be.es.de
scilogs Detritus spektrum.de

aktuelle Artikel RSS

Grüne lehnen grüne Gentechnik ab, ob cis oder nicht

20. Mai 2012, 12:20

Harald Ebner, Experte der Bündnisgrünen für „Agrogentechnik“ hat vor ein paar Tagen den offiziellen Standpunkt der Grünen gegenüber der Cis-Gentechnik dargelegt, nachdem ich danach fragte. Man kann den Beitrag hier nachlesen. Ebners Fazit, so wie ich es verstanden habe: Gentechnik, ob cis oder nicht, ist generell überflüssig und unsicher. Es existierten Alternativen, die über Jahrhunderte erprobt und sicher seien.

Apple in the grass

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Der offizielle Standpunkt der Grünen war vorhersehbar. (Bild von erix!, CC-BY)

Konventionelle Verfahren führen nicht immer zum Erfolg

Ich finde, wir sollten uns die Sache nicht so leicht machen, denn die Wirklichkeit da draußen ist oft zu komplex, als dass sie sich in solche vermessenen Pauschalurteile pressen lassen würde. Grüne Gentechnik als überflüssig zu bezeichnen, halte ich für sehr gewagt. Mit molekularbiologischen Verfahren haben wir viel mehr Möglichkeiten, Pflanzen nach unseren Vorstellungen zu verändern, denn nicht immer führt Züchtung zum Erfolg. Bei der BASF-Kartoffel mit Knollenfäule-Resistenz hatte man über Jahre hinweg versucht, die Resistenz aus Wild- in Kulturkartoffeln hineinzukreuzen, ohne Erfolg. Bananen, Grundnahrungsmittel für Millionen von Menschen und bedroht durch verschiedene Pilzkrankheiten, können praktisch gar nicht mehr gezüchtet werden. Hier gibt es wenig Alternativen zur Gentechnik. Wenn die Verfahren erst etabliert werden müssen, wie im Fall des schorfresistenten Apfels von Professor Cesare Gessler von der ETH Zürich, dauert es natürlich etwas länger. Aber verlieren sie deshalb gleich ihre Daseinsberechtigung?

Angesichts der Herausforderungen der Zukunft (Energiewende, Ertragssteigerungen, Umweltschutz) können wir es uns aber nicht leisten, eine bestimmte Technologie als unnütz abzustempeln, wenn sie ihren Nutzen bereits unter Beweis gestellt hat. Es führen schließlich viele Wege nach Rom. Die Grünen geben vor, zu wissen, welcher Weg der falsche ist. Die Begründung dafür sind aber fadenscheinig und bei näherer Betrachtung nicht haltbar. 

Lebensmittelgefahren durch Gentechnik? Eher nicht.

Ebner sagt richtig, dass sich cis- und transgene Verfahren nur in der Herkunft der Gene unterscheiden. Das Verfahren an sich berge aber Gefahren, so würde das fragliche Gen während der Transformation an einer beliebigen und unkontrollierbaren Stelle eingefügt. Das ist vielleicht nicht ganz falsch, aber diese Aussage ignoriert, dass der Ort der Insertion (des „Events“) sehr genau charakterisiert werden kann. Die Genetikerin Dr. Anastasia Bodnar liefert hierzu Informationen aus erster Hand:

So machen wir es in unserem Labor [an der Universität Iowa], andere Labore machen es vielleicht anders. [...] Jedes Event wird geprüft und die mit offensichtlichen Problemen (Insertion in einem wichtigen Gen) werden verworfen. Die Events ohne diese Probleme werden über viele Generationen rückgekreuzt. Jedes Genfragment, das an anderen Stellen als der primären Insertionsstelle gelandet sein könnte, wird so herausgekreuzt. Das ist schon deshalb notwendig, weil die transformierte Sorte schlechte agronomische Eigenschaften hat [...] und die Zellkultur Mutationen und epigenetische Effekte erzeugen kann. (Quelle, frei übersetzt)

Nach drei Generationen verbleiben nur etwa sechs Prozent der transformierten Pflanze, nach sechs Generationen sind es etwa ein Prozent. Die Agroindustrie hat durch ihre finanzielle Situation noch bessere Werkzeuge: Hier bleibt von der transformierten Pflanze nichts mehr außer des Transgens übrig, da man marker-assisted selection verwendet.

Und so bleibt auch von Harald Ebners Argument nicht viel übrig.

Konventionelle Verfahren sind auch nicht ohne Risiko

Es mag sein, dass die Forscher etwas übersehen. Doch so schwer es auch zu akzeptieren sein mag, nichts im Leben ist ohne Risiko. Es macht keinen Sinn, die Gentechnik stets nur isoliert zu betrachten, also ganz ohne Vergleich zu konventionellen Verfahren. Auch hier gibt es unerwünschte Effekte, besonders wenn mit Mutagenese gearbeitet wird. Auch hier muss rückgekreuzt werden, weil durchaus durch veränderte Stoffwechseleigenschaften Allergene oder Gifte entstehen können.

Für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) existieren – ganz im Gegensatz zu konventionellen Pflanzen – eine Reihe von Pflichtuntersuchungen, in denen die Veränderungen genau unter die Lupe genommen werden. Hier werden intensiv die Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit geprüft, wobei die konventionellen Sorte stets die Referenz darstellt. Das Verfahren kostet Millionen. Keine gezüchtete Pflanzensorte musste je so ein Verfahren durchlaufen, obwohl die Eigenschaften teilweise durchaus vergleichbar sind.

Vielleicht holt die Grünen die Realität schneller ein, als ihnen lieb ist. Auf der ganzen Welt werden GVOs angebaut, auf Millionen von Hektarn Ackerfläche und das seit Jahrzehnten. In dieser ganzen Zeit hat es nicht einen einzigen Hinweis darauf gegeben, dass zugelassene Gentech-Pflanzen ein Risiko für die Lebensmittelsicherheit darstellen. Wohlgemerkt sind es transgene Pflanzen, die weltweit und trotz der vielen Versäumnisse der großen Biotechkonzerne mit großem Erfolg angebaut werden. Wo das Gen nun herkommt, ist in der Tat völlig nebensächlich. Relevanz hat es nur in den Köpfen der Verbraucher, wo eine Kombination von Genen weit entfernter Arten Unbehagen hervorruft.

Deswegen sind Einzelfallentscheidungen und individuelle Prüfungen nötig und nicht pauschales Abstempeln, wie es die Grünen tun. Sie täten gut daran, ihren Standpunkt ab und zu an der Realität messen. Es kann auch nicht schaden, mit Fachleuten zu reden, die ihnen die Grundlagen molekularbiologischen, biotechnologischen und genetischen Fachwissens vermitteln könnten.

Harald Ebner hat mit einem Recht: Im Thema Gentchnik ist in der Tat der Wurm drin. Es liegt offensichtlich an der Diskussionskultur der Diskussionsgegner – etwa „Big Agro“ wie Monsanto und die „Grünen“ im weiteren Sinne – die kaum an einer neutralen Darstellung und unvoreingenommenen Wahrheitssuche interessiert sind. 



Geschrieben in grüne Gentechnik | 21 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Äpfel & Kartoffeln: Die Grünen und die cis-Gentechnik

12. Mai 2012, 13:03

Das Wort „cis-Gentechnik” macht in letzter Zeit wiederholt die Runde. Cis-Gentechnik ist etwas anders, als das, was man sonst so als „grüne Gentechnik“ kennt. Was unterscheidet cis- von der transgenen Technik? Welche Rolle spielt dabei die konventionelle Züchtung? Vergleichen wir hier Äpfel mit Äpfeln oder Äpfel mit Kartoffeln?

448820990 099a4aa69f b

Wie unterscheidet sich die cis- von der transgenen Technik? Welche Rolle spielt die konventionelle Züchtung? Der Unterschied ist nicht groß: Beide Äpfel sind gleichermaßen genießbar. (Bild: cc von msr)

Wurden etwa bei transgenem Bt-Pflanzen noch Gene des Bakteriums Bacillus thuringiensis in eine Pflanze eingeschleust, findet man in cisgenen Kartoffeln und Äpfeln lediglich Gene aus Kartoffeln und Äpfeln. Im Prinzip hätte man sie also mit den Mitteln normaler Züchtung herstellen können, nur handelt man sich damit stets unerwünschte Nebeneffekte ein, die man durch langwierige Rückkreuzung beseitigen muss.

Naiv betrachtet nimmt die cis-Gentechnik eine Mittelstellung zwischen konventioneller Züchtung und transgenen Ansätzen ein. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es zwar keinen Grund, weshalb sich die Biosicherheit von trans- und cisgenen unterscheiden sollte, aber sie hat das Potential, die Vorbehalte gegenüber der grünen Gentechnik als unnatürlichen Eingriff in die Schöpfung abzubauen. Die Hauptbedenken zielen ja gerade darauf ab, dass das Kombinieren genetischer Information weit entfernter Organismen irgendwie „falsch“ sein müsste.

Der Nutzen für den Verbraucher

Die neue Generation gentechnisch veränderter Pflanzen hat mitunter echte Vorteile für den Konsumenten.

Die Firma Simplon hat etwa Kartoffeln entwickelt, in denen sie gezielt Gene „ausschaltete“, die die Synthese der Aminosäure Asparagin regulieren. Aus den Kartoffeln hergestellte Pommes frites oder Chips sind arm an Acrylamid, einem krebserregenden Stoff in einigen Lebensmitteln. Hier findet man eine frei zugängliche Publikation von Simplon dazu.

Die Äpfel, die Andrew Allan an dem neuseeländischen Forschungsinstut Plant & Food Research entwickelt hat, haben leuchtend rotes Fleisch, wie einige Wildapfelsorten. Sie enthalten sehr viel Anthocyane, denen gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben werden. Man hat diesen Effekt erreicht, indem man die Genregion, die die Herstellung des „Anthocyan-Enzym“ reguliert, vervielfacht hat. Das ist dem natürlichen Mechanismus in den roten Wildäpfeln nachempfunden. Näheres dazu hier im Prof. Pamela Ronalds Blog.

Der Nutzen für Umwelt und Landwirte

Die bestehenden, klassischen gentechnisch veränderten Pflanzen bedienen vor allem die Bedürfnisse des Landwirts: Herbizidtoleranz (Roundup-Ready) und Insektenresistenz (in Bt-Mais, Bt-Baumwolle, Bt-Soja) sind Erzeugermerkmale. Dass diese Merkmale beim Konsumenten nicht sonderlich beliebt sind, ist verständlich. In der Regel sind diese Merkmale aber gut für die Umwelt: Insektizide werden eingespart und ein höherer Ertrag auf dem Feld spart am Flächenbedarf.

So hat BASF eine Kartoffel entwickelt, die resistent gegen Knollenfäule ist, eine Pilzerkrankung, die die Hungersnot in Irland auslöste. Auch heute gibt es signifikante Ernteeinbußen durch Knollenfäule. In die BASF-Kartoffel wurde ein Merkmal einer Wildkartoffel eingeschleust, das sich über Jahre hinweg partout nicht einkreuzen lassen wollte. Ein Einsatz auf dem Feld spart Pestizide, was der Umwelt zugute kommt, dazu kommen noch die vermiedenen Ernteausfälle. Hier habe ich mich schon einmal mit der Kartoffel befasst.

An der ETH Zürich haben Wissenschaftler unter Professor Cesare Gessler eine schorfresistente Apfelsorte entwickelt, die vor allem Biobauern helfen könnte. Der konventionelle Landbau setzt erfolgreich Fungizide gegen die Pilzkrankheit ein, dem Biolandbau bleibt da nur Kupfersulfat. Das Kupfer belastet aber das Bodenleben und ist auch nicht besonders gesund. Der neue Apfel macht Fungizide überflüssig. Der schweizerische Tagesanzeiger berichtete.

Die so erzeugten Sorten kann man kaum noch als GVO im herkömmlichen Sinne bezeichnen. Die Bedenken hinsichtlich unvorhersehbarer Effekte durch Fremdgene entfallen, ebenso die Angst vor Allergenen. Immerhin sind es nur Apfelgene, die da im Apfel sind. Verglichen mit den Methoden der Mutationszüchtung sind die Methoden der Molekularbiologie eher sanft und vor allem präzise. Trotzdem sind es nach dem Gentechnikgesetz gentechnisch veränderte Organismen, und bedürfen ebenso einer Prüfung und Zulassung. Ob sie nicht aber besser als Züchtungsprodukte behandelt werden sollten, wird offenbar international diskutiert. Dass hier Bedarf für Präzisierung auf Gesetzesebene besteht, findet zum Beispiel auch mein ehemaliger Molekularbiologie-Professor Bernd Müller-Röber. Er stellt sinnvollerweise nicht die Methode der Erzeugung, sondern die Merkmale in den Vordergrund:

Wie beeinflussen wir mit klassischer Züchtung die Pflanzeneigenschaften, und welchen Einfluss hat im Vergleich dazu der transgene oder cisgene Ansatz? Und wenn ich zu dem Ergebnis komme, dass ich eine physiologische Veränderung genauso oder ähnlich mit klassischer Züchtung erreichen kann, dann sollte das auf jeden Fall in die Bewertung mit einfließen. (Quelle: biosicherheit.de)

Wie sehen das die Grünen und die Umweltverbände wie Greenpeace oder BUND? Eine klare Antwort zu bekommen, ist schwierig. Auf den Websites der Umweltschutzorganisationen konnte ich keinen cis-spezifischen Standpunkt finden. Mehrere Male habe ich versucht, den Sprecher der Bundestagsfraktion für Agrogentechnik Harald Ebner eine Antwort abzuringen ([1], [2], [3]), leider ohne Erfolg.

Mag sein, dass er mich ignoriert, weil ich mit ihm allgemein wegen Gentech aneinadergeraten bin, nachdem er die üblichen Plattitüden und widerlegten Scheinargumente der Gentech-Gegner wiederholte. Es kann natürlich auch sein, dass die Grünen noch keinen Standpunkt zum Thema ausformuliert haben.

Heute hat Sabine Niels, eine grüne Twitterin aus Brandenburg und keine ausgesprochene Expertin in Sachen Gentechnik, mir den offiziellen (?) Standpunkt der Grünen zum Thema mitgeteilt, den sie freundlicherweise im Verlauf der Woche für mich in Erfahrung gebracht hat:

Wir Grüne lehnen die CIS-Gentechnik grundsätzlich ab. Unserer Ansicht nach kommen bei der CIS-Gentechnik die gleichen Techniken zum Einsatz wie bei der Trans-Gentechnik. CIS-Gentechnik ist sehr komplex, wie auch unsere Kritik. Nächste Woche mehr. Folge doch dem @ebner_sha - unser MdB fs Fach (leicht verändert, aus [1], [2], [3])

Das ist eigentlich kaum nachvollziehbar. Entscheidend ist, wie Prof. Müller-Röber sagt, das Merkmal, und nicht die Technik.

Ich hoffe, dass in laufe der nächsten Woche noch eine substanziellere Begründung hindurchsickert. Vermutlich wird sie nur lauten „wir wissen ja nicht, was wir da mit der Pflanze anstellen, das ist alles nicht kontrolliert genug“, obwohl das natürlich nicht stimmt.

Noch mehr hoffe ich, dass die Grünen einen differenzierten Standpunkt zur grünen Gentechnik entwickeln, denn sie bietet Potential für eine bessere Zukunft für Mensch und Umwelt. Bei der gentechnischen Produktion von Humaninsulin hat es eine Weile gedauert, bis die Grünen ihren Widerstand aufgegeben haben. Die Realität hat sie inzwischen längst eingeholt, denn durch den unbestrittenen Nutzen für Diabetiker hat sich auch der Widerstand in der Bevölkerung in Luft aufgelöst.

Links



Geschrieben in grüne Gentechnik | 17 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Wir müssen reden: über Tierversuche

23. April 2012, 22:52

Von Zeit zu Zeit wird der gemeine Laborbiologe mit der harten Realität ausserhalb des Elfenbeinturms konfrontiert, und so eine Situation ist letztens auf unserem Campus eingetreten. Es hatte sich eine Delegation aus Tierversuchsgegnern angekündigt, die gegen die „unnötige Tierquälerei“ am Max-Delbrück-Zentrum und den Neubau eines neuen Tierhauses demonstrieren wollte. 

Es fanden sich dann vor dem Pförtnerhäuschen um die acht Leute ein, die sich in Position brachten, ein wenig filmten und anschießend wieder abzogen. Das Resultat darf bei YouTube bewundert werden:


Direktlink

Es fällt schwer, so etwas ernst zu nehmen, weshalb Aktionen dieser Art von Wissenschaftlern und Involvierten gern als Spinnerei abgetan werden. Es ist für Mediziner/innen oder Biolog/innen, die tagtäglich mit Ergebnissen von Tierversuchen hantieren, schwer vorstellbar, dass jemand die Wichtigkeit von Modellorganismen anzweifelt. 

Denn wer radikal gegen Tierversuche ist, ist für Menschenversuche. Das gilt vor allem für die Arzneimittelforschung. Es reicht nicht, nur einen Wirkstoff zu finden, es muss anschließend geprüft werden, ob er auch gefahrlos einzunehmen ist. Und das macht man idealerweise nicht in Menschen. Die Entwicklung eines Medikaments vollzieht sich heute über mehrere Stufen, in denen es zuerst in verschiedenen zell- und computerbasierten Verfahren getestet wird, dann in verschiedenen Tiermodellen und zuletzt in Affen und dann in Menschen. Ziel ist es, schädliche Wirkungen möglichst früh zu erkennen. Ziel ist es, schädliche Wirkungen am Patienten zu vermeiden.

Analog gilt das auch für die Lebensmitteltoxikolgie: Sichere Lebensmittel werden zwar gefordert, dass aber für die Tests, ob Substanzen krebserzeugend oder fruchtschädigend sind, tausende Nager ihr Leben lassen müssen, wird in diesem Moment ausgeblendet. Zell-Assays können keinen Organismus abbilden, aber es gibt schon allein wegen der EU-Maßnahme REACH einen großen Bedarf an ökonomisch und ethisch vetretbaren Alternativen. Man kann darüber streiten, ob in der Vergangenheit genug in Alternativen investiert wurde. Fakt ist aber, dass der Stand der Wissenschaft es nicht erlaubt, auf Tiermodelle voll zu verzichten. Zellen haben keine Sinneswahrnehmungen, kein Verhalten, betreiben keine Fortpflanzung und haben nicht einmal einen Stoffwechsel.

Selbst wenn man fordert, dass Tierversuche nur einen direkten Nutzen haben dürfen, macht das nur oberflächlich gesehen Sinn. Schließt man die Grundlagenforschung aus, schneidet man den Weg zu neuen Erkenntnissen ab, die mitunter zu neuen Therapiemöglichkeiten führen können. Hier kann man vermutlich am wenigsten auf Modellorganismen verzichten. 

 

Tierschutzorganisationen wie die „Ärzte gegen Tierversuche“ bestimmen die öffentliche Meinung, wenn es um dieses Thema geht. Wissenschaftler und die an Tierversuchen beteiligten Firmen, Behörden, Universitäten und Forschungsinstitute haben es versäumt, in der Öffentlichkeit ein entsprechendes Gegengewicht zu etablieren. Das führt so weit, dass Fluggesellschaften den Transport von Primaten zu Forschungszwecken verweigern, mit der Folge, dass die nötigen Versuche ins Ausland mit einem weniger starken Tierschutz verlagert werden.

Wir Wissenschaftler/innen täten gut daran, dieses Thema ernster zu nehmen und die Notwendigkeit von Tierversuche nach außen zu kommunizieren. Das Thema ist unangenehm, und niemand wird gern öffentlich erklären wollen, warum er oder sie täglich Mäusen den Kopf abschneiden muss. Es ist schwierig, Leute zu finden, die sich  öffentlich für das Thema einsetzen. Was wir bräuchten, ist eine Initiative „für“ Tierversuche, ähnlich der britischen ProTest-Bewegung.

Eine Gelegenheit, Position zu beziehen, bietet sich morgen (24. April), wenn in der Urania Berlin eine Podiumsdiskussion stattfindet: „Die Zeit ist reif für eine Forschung ohne Tierversuche.

Auf dem Podium wird man antreffen:

  • Undine Kurth (MdB, Grüne)
  • Prof. Horst Spielmann, Institut für Pharmazie, FU Berlin und ehemaliger Leiter der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatzmethoden zu Tierversuchen ZEBET
  • Roman Kolar, Stellvertretender Leiter der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes
  • Gerald Hübner, 2. Vorsitzender der Tierversuchskommission des Landes Berlin
  • und als Moderatorin Ines Krüger vom MDR.

Wer kommt mit und lockert das Publikum mit etwas Insider-Informationen auf?

Update: Vorraussichtlich werde ich nicht mitkommen können (zu kurzfristig für die üblichen Babysitter), es wäre aber schön, wenn ich mit diesem Beitrag jemand animieren könnte, an der Diskussion teilzunehmen.



Geschrieben in Sonstiges | 17 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Die Mär vom bösen Hybridsaatgut

11. April 2012, 23:34

Kunstdünger und Pestizide? Teufelszeug! Jeglicher, wenn auch nur peripherer Kontakt von Saatgut zu einem Labor? Blasphemie! "Bio-Saatgut" sei das einzig Wahre, lernen wir in diesem haarsträubenden Artikel von "Nachhaltigleben". Der Text stammt eigentlich von unseren Berufslobbyisten "VielfaltErleben", generelle Vorsicht ist also angeraten und auch angebracht, wenn man solche Phrasen lesen muss:

Die Hybride aus dem Labor indes, sind eine genetische Sackgasse.

Neben solchen Nebensächlichkeiten, und dass man "Hybrid" mit dem griechischen "Hybris" gleichsetzt (ernsthaft!), dass Hybridsorten nicht im Labor gezüchtet werden und einfach mal die Supermarkt-Tomate pauschal als "geschmacksneutral" abstempelt, findet man auch echte Juwelen, bei denen kein Auge trocken bleibt. Hier etwa erklärt man dem ungebildeten Leser, weshalb Schädlingsbekämpfung ganze Ökosysteme bedroht:

Schädlinge fressende Nützlinge kommen nicht mehr zu gespritzten Pflanzen, leiden unter Nahrungsmangel, werden weniger und dienen somit nicht mehr als Futter für nächst größere Tiere wie beispielsweise Vögel. Deren Art ist dann auch wieder bedroht und so weiter.

Ohje. Muss man wirklich erklären, warum das im besten Fall hanebüchener Mumpitz ist? Dass landwirtschaftlicher Flächenverbrauch praktisch immer die Zerstörung von natürlichen Biotopen bedeutet? Dass Hochertragssorten genau das vermeiden sollen und dass Bio-Landbau dabei nicht unbedingt am besten abschneidet? Dass resistente Pflanzen ja exakt bedeuten, dass sie Schädlinge abtöten oder zumindest sich nicht von ihnen auffressen lassen? Und dass im Bio-Landbau auch - wenn auch möglichst schonende - Schädlingsbekämpfung praktiziert wird?

Aber gut, sehen wir darüber ganz großzügig hinweg und kümmern uns um die Kernaussage des Artikels: traditionell gezüchtetes und samenfestes Saatgut sei viel besser als moderne Sorten, die oft Hybrid-Sorten sind. Samenfestigkeit bedeutet hier, dass man im ersten Jahr gewonnene Samen wieder aussäen ("nachbauen") kann, wofür man beim Züchter in der Regel eine Gebühr entrichten muss. Schließlich hat dieser viele Jahre bis Jahrzehnte in die Entwicklung der Sorte investiert und möchte dafür auch etwas zurück bekommen. Der Sortenschutz bietet diese Möglichkeit. Hybrid-Sorten dagegen nutzen den Heterosis-Effekt der Pflanzen aus: kreuzt man zwei genetisch reinerbige Elterpflanzen, haben die Nachkommen (Hybride, von lat. hybrida = Mischling, nix mit Hybris) mitunter sehr viel mehr Ertrag als die Elternpflanzen. Die Genotypen der nachfolgenden Generationen vermischen sich aber zunehmend, sodass diese in der Regel weniger Ertrag bringen. Also kauft der Landwirt das Saatgut beim Hersteller nach. Das lohnt sich, denn er muss sein Saatgut sonst selbst ernten, reinigen, beizen und hat weder eine garantierte Reinheit, noch eine garantierte Keimfähigkeit. Das Nachkaufen hat also einen echten Mehrwehrt für den Landwirt, nicht nur Nachteile, wie im Artikel suggeriert.

Die Kehrseite ist die Abhängigkeit vom Hersteller, den man aber für mistige Ware auch zur Rechenschaft ziehen kann. Aber natürlich ist es immer gut, auf samenfeste Sorten zurückgreifen zu können, um weniger abhängig sein zu können. Man ist schließlich auch auf die Auwahl an Sorten durch die Hersteller festgelegt, im Sinne der Arten- und Sortenvielfalt ist die Entwicklung dieser nachbaufähigen Sorten zu begrüßen.

Aber trotzdem: Niemand hindert einen daran, sortenfestes Saatgut anzubauen und zu verkaufen. Dass diese Sorten offensichtlich so unpopulär sind, kann man nicht ausschließlich damit erklären, dass Konzerne ihre Macht um Abhängigkeitsverhältnisse ausspielen. Ich vermute, dass aus der Sicht des Landwirts zu wenig gegen die zahlreichen Hybridsorten spricht und traditionelle Sorten einfach unökonomisch sind, aus welchen Gründen auch immer. Denn die Einstellung auf "Bodengegebenheiten", eine "planbare Erntezeit, bestmöglicher Geschmack sowie wertvolle Inhaltstoffe, und, nicht zuletzt, ein ansprechendes Aussehen" sind nicht etwa Alleinstellungsmerkmal von konventionellem "Bio-Saatgut", damit wird in der Regel Hybridsaatgut beworben.

Ich finde, die Situation ist durchaus komplexer, als es der tendenziöse Artikel darstellt. Etwas Differenzierung hätte ihm gut zu Gesicht gestanden. Warum also werden in dieser Art von Artikeln vor allem dumme Vorurteile bedient? Warum muss immer an "Natürlichkeit" und das Idyll der Landwirtschaft des vorletzten Jahrhunderts apelliert werden? Ganz einfach: um es dem Leser leicht zu machen und ihm den Bauch zu pinseln. Und weil "VielfaltErleben" ein Lobbyverein ist, der nicht anders kann.

Hinweis: Heute vormittag habe ich mich gegenüber dem geschätzten Twitter-User @entropie42 recht negativ über den Artikel geäußert. Hier kann ich aber viel besser erklären, was mich an dem Artikel gestört hat, als in dem 140-Zeichen-Medium. Dass ich nun wenig erklärt hab, und viel mehr gemeckert, ist nicht so schlimm, finde ich, denn ich fühle mich schon gleich viel besser.

Hinweis 2: Der Artikel ist auf einem iPad mit Textastic erstellt worden, und von Hand escaped, weil unser Blogsystem kein Unicode kann und auch keine iPads mag. Man möge mir eventuelle Fehler und die niedrige Zahl Links nachsehen. Geflattred werden darf natürlich trotzdem, einfach den Link in der Seitenleiste nehmen.



Geschrieben in Ernährung , Bio , Pflanzenphysiologie | 23 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Der Sprung von der akademischen Wissenschaft in die Industrie

28. März 2012, 20:55

Nicht wenige junge Naturwissenschaftler/innen versuchen nach der Promotion in der Industrie Fuß zu fassen. Man verspricht sich davon, die zeitraubende universitäre Lehre, den Publikationswahnsinn und die oft endlosen Überstunden gegen ein geregeltes Arbeitsleben zu tauschen, auch wenn dabei etwas Freiheit verloren geht. Im Gegenzug kann man produktorientiert arbeiten und dabei Grundlagenforschung in etwas direktNutzbares umsetzen.

In Deutschland stehen die Chancen dafür vergleichsweise gut: es wird sogar traditionell in vielen Bereichen der außeruniversitären Forschung ein Doktorgrad vorausgesetzt, während etwa in den USA darauf eher weniger Wert gelegt wird.

Meine Gastautorin Maria H. ist eine Freundin von mir, Biologin, derzeit noch Doktorandin an einem Max-Planck-Institut und im Bereich der Pflanzenforschung und Molekularbiologie tätig. Sie berichtet von der Stellensuche in der Industrie und hat, wie ich finde, einige wertvolle Hinweise für angehende Industrie-Wissenschaftler. In ihrem neuen Blog " From Science to Business" wird man ihre Erfahrungen verfolgen können.

Ende Februar habe ich meine Dissertation nach guten 3 Jahren Laborarbeit eingereicht, und zu diesem Zeitpunkt bin ich auf ein neues Problem gestoßen:

Während langer Abende, Wochenenden oder einfach bloß anstrengenden Tagen in meinem Institut geisterte immer eine Illusion durch meinen Kopf: nach der Doktorarbeit arbeite ich in der Industrie! "Magische Industrie" nenne ich sie auch gerne, denn so richtig weiß eigentlich keiner, was das sein soll und wie man da hinkommt. Genau das probiere ich gerade aus und möchte mein Wissen darüber gern teilen, vermehrten und vielleicht muss ich es einfach auch nur loswerden.

Beginnen sollte man wahrscheinlich damit, sich zu überlegen, was man eigentlich den ganzen Tag bei der Arbeit in der "Industrie" tun möchte und kann. Oder eben damit, Stellen zu suchen, die irgendwie passend und spannend klingen. Ich hab mit letzterem angefangen und fleißig das Internet durchsucht. Sehr empfehlen möchte ich die Suchmaschinen auf JobVector und Academics.de auch SCIENCE-JOBS-DE, die Jobbörse der Uni Heidelberg, ist ganz hilfreich.

Ich bin ein Fan von Seiten, die einem automatisch nach einmaligem Speichern meiner Suchwörter wöchentlich ganz von alleine neue Stellenanzeigen zuschicken. Man kann auch ewig selbst suchen, aber dafür gehen Tage drauf, und ich bin immer noch im Labor und "beende" noch einige Projekte. Außerdem läuft mein Stipendium zum Glück noch bis zu meiner Verteidigung, ich kann mir also ein wenig Zeit lassen.

Hat man dann also eine schicke Stelle gefunden, kommt der nächste Schritt: Bewerbung schreiben, Zeugnisse einscannen, Lebenslauf und Publikationsliste (wenn vorhanden), alles muss fehlerfrei und perfekt formatiert aussehen, mal abgesehen vom Inhalt. Wichtig im Anschreiben sind Ergebnisse, vor allem wenn man wie ich in die „Industrie“ möchte. Teamfähig sind wir heute ja fast alle, furchtbar fleißig und motiviert sowieso, wichtig sind hier Belege. Fachpublikationen, Studentenbetreuung, Public Relations, Lange Nacht der Wissenschaften – alles Resultate, die einen Personaler oder Chef beeindrucken können.

Schlechte Erfahrung habe ich mit Firmenportalen, in die man sich eintragen soll, statt einer Bewerbung auf eine ausgeschriebene Stelle. Noch heute bekomme ich von manchen Firmen standardisierte Mails, von wegen "... wir begutachten ihre Unterlagen, und bitten sie daher noch um etwas Geduld ... ". Außerdem weiß man bei solchen Portalen nicht genau, wer überhaupt gesucht wird und kann nur sehr unpersönlich eine riesige Mengen an Daten hinterlassen, der Aufwand lohnt meiner Meinung nach nicht. Bei größeren Firmen sollte man auch mit einer etwas längeren Bearbeitungszeit rechnen.

Nach etwas 2 Monaten hatte ich eine Bewerbung schon gedanklich beerdigt, als ich einen Anruf bekam und zu einen Bewerbungsgespräch eingeladen wurde. Ich war relativ fassungslos, aber eingeladen wurde ich trotzdem und hatte dann mein erstes Interview. Dafür hatte ich mich vorher auf diversen Websites belesen, Freunde und Eltern befragt, und mich auf jeden Fall ziemlich stark unter Druck gesetzt, mehr gelernt als jemals zu einer Biologie-Prüfung und am Ende war ich ziemlich fertig. Für das Gespräch musste ich nach Berlin fahren, und mein Vorstellungsgespräch war eigentlich ein ganzer Vorstellungstag, mit einem Vortrag über meine Arbeit und mehreren Einzelgesprächen. Klingt gruselig, war dann aber relativ milde, denn ich musste fachlich fast nichts wissen, dafür sollte ich wiederholt beantworten, wie ich Probleme lösen würde, mit Kritik umgehen könnte und die ganz große Frage war immer wieder: Warum möchten sie in unserem Unternehmen arbeiten und nicht weiter in der Akademie bleiben? Da kann man ja schlecht sagen, weil ich Geld verdienen möchte für die Zeit, die ich arbeite, weil diese Zeit begrenzt wäre, weil man Anspruch auf Urlaub hätte und ein Arbeitsvertrag sowie ein langfristiges Arbeitsverhältnis das sind, was ich will. Merkwürdigerweise musste ich lang und breit erklären wieso ich nun in die angewandte Forschung möchte, obwohl fast alle der Befragenden selbst eine akademische Laufbahn hinter sich hatten. An dieser Stelle sollte wohl getestet werden, ob ich bloß aus dem Hamsterrad ausbrechen möchte, oder ob ich auch wirklich in einem Unternehmen arbeiten will.

Aber mal ehrlich, woher soll ich das eigentlich wissen? Ich war doch nie in einem Unternehmen tätig. Hätte ich hier als Student ein Praktikum absolvieren sollen? Und wer hat die Gelassenheit und das Geld, direkt nach dem (Bio-) Studium auf Jobsuche zu gehen, so ganz ohne Berufserfahrung? Also sucht man sich ein nettes Thema für seine Doktorarbeit, weiß, dass man erst mal für drei bis vier Jahre versorgt ist und begreift dann nach und nach, dass man entweder direkt in die „Industrie“ hätte gehen sollen, oder aber man fängt dann an, sich Methoden anzueignen, die später von Nutzen außerhalb der Forschung sein könnten (Zeitmanagement, Projektmanagement, Lehrqualifikationen). Aber vor Beginn meiner Thesis hätte ich mir auch eine Laufbahn in der Akademie vorstellen können.

Nun muss ich zwei bis drei Wochen auf eine Entscheidung warten, ich habe allerdings auch noch andere Bewerbungen laufen und gerade wieder eine abgeschickt, diesmal nach München.

Wichtige Punkte, die ich noch klären möchte, sind zum Beispiel:

  • Die Höhe des Gehalts einer ausgebildeten Doktorandin in der Industrie: da sagt einem keiner was dazu! In manchen Instituten scheint es sogar ein Kündigungsgrund zu sein, über das Gehalt zu reden. Warum?
  • In welchen Berufen kann man als fertiger Doktor überhaupt arbeiten? Wer will mich?
  • Was können andere besser (wie geht man mit Absagen um)?

Einige dieser Fragen hoffe ich im Laufe der nächsten Wochen und Monate beantworten zu können, für hilfreiche Kommentare wäre ich sehr dankbar. Außerdem ist jeder dazu eingeladen, mich auf meinem neuen Blog zu begleiten.



Geschrieben in Sonstiges | 10 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Was soll eigentlich das Gestrüpp da oben?

10. März 2012, 02:13

Die Kringel und das wirre Gestrüpp, die den Header dieses Blogs zieren, sind Darstellungen von Proteinstrukturen. Momentan ist es HLA-B2705 im Komplex mit dem Peptid pVIPR, und während meiner Promotionszeit arbeite ich unter anderem an eben diesem Protein. Darüber habe ich hier schon mal gebloggt. Der Artikel verdient ein paar Updates, die ich bei Gelegenheit gerne nachreiche.

Da ich in der strukturbiologischen Forschung arbeite, ist für mich eine Struktur-Darstellung naheliegend gewesen, daneben zeigt sie meine generelle Technikaffinität und außerdem finde ich diese Renderings einfach hübsch. Was nicht heißt, dass man so etwas nicht auch in hässlich findet ...

Hier nocheinmal die Struktur in „Cartoon“-Darstellung des Aminosäure-Rückgrats in voller Pracht, gerendert weitestgehend mit Standardeinstellungen in PyMol. Was aus diesem Programm rausfällt, sieht eigentlich immer recht gut aus.

Die drei Komponenten des Komplexes, nämlich die „schwere Kette“ HLA-B (die so gern mutiert) in cyan, das kleine beta-2-Microglobulin (das Dialysepatienten mitunter Ärger macht) in hellblau und das Peptid – der variabelste Teil des Komplexes – in magenta. In diesem Fall ist es „pVIPR“ (das bedeutet  in etwa vasointestinal peptide receptor-derived peptide – so viel zu bedutungsvollen Abkürzungen in der Biologie, es könnte aber schlimmer sein).

Banner

Die Kringel in der Cartoon-Darstellung stellen alpha-Helices dar, die Pfeile beta-Faltblätter. Das sind Strukturelemente, bei denen die Aminosäuren in bestimmten Mustern miteinander interagieren und so typische feste Motive erzeugen.

Alternativ kann man das Molekül auch raumfüllend darstellen, indem man statt des sich elegant windenden Backbones alle Atome des Komplexes als Kugeln darstellt und noch ein paar Effekte draufklatscht. Hier wird deutlich, was für ein fetter und kompakter Klops das eigentlich ist, obwohl noch nicht einmal die Wasserstoffe dargestellt sind:

Klops2

Das ist natürlich alles nur Spielerei, genauso wie die folgende Draufsicht der Bindetasche mit entferntem Peptid. QuteMol kann durch diffuses Umgebungslicht („ambient occlusion“) nur so hübsch Hohlräume darstellen. Schade, dass das Feature noch nicht überall Einzug gehalten hat, es erleichtert meiner Meinung die räumliche Wahrnehmung sehr.

1OF2 09hc b2m pvipr fusion pdb

Hier poppt einem die Bindetasche doch richtig entgegen, oder?

Nützlich wird die ganze Sache zum Beispiel, wenn man wissen will, wie bestimmte Aminosäuren über das Protein verteilt sind. In der folgenden Darstellung habe ich zum Beispiel die Amid-Stickstoff der Aminosäuren Isoleucin, Leucin und Valin als grüne Kugeln dargestellt, sowie Alanine in rot, weil ich wissen wollte, wo sich diese in dem Bereich der Bindungstasche aufhalten.

Ilva top

In diesem Fall finde ich: Nicht hübsch, aber nützlich.

***

Das Protein, was bis vor kurzem noch die Kopfzeile zierte, spielte auf meine Diplomarbeit über die photosynthetische Elektronentransportkette an. Die grünen Kringel waren ein Protein, das an der Elektronentransportkette der Photosynthese beteiligt ist, und in höheren Pflanzen auch so etwas wie ein Signalprotein ist: Cytochrom c6. Wer darüber mehr wissen will, kann auch einen der wenigen von mir verfassten Wikipedia-Artikel dazu lesen. Da die Photosynthesezeit schon so lange zurück liegt, habe ich wenig Lust, das nochmals aufzudröseln. Nur so viel: Alles, was ich damit angestellt habe, hat nicht geklappt.

Das Bild wurde mit VMD gerendert. Da VMD keine transparenten Hintergründe kann (schlecht für Präsentationen) und auch sonst nicht für meine Zwecke geeignet ist, weil es so wenig interakitv ist, ist es bei mir schnell in Ungnade gefallen. Hübsch sind bei VMD aber zum Beispiel die vielen Materialien, aus denen man für die Oberflächen auswählen kann. In diesem Fall ist es etwas kreidiges geworden.

Cytochrome c6 from Chlamydomonas reinhardtti

Wie oben bereits erwähnt, ist das Protein ein Elektronenüberträger. Die grüne Kugel in der Mitte ist ein Eisen-Ion, das ein Elektron aufnehmen und wieder abgeben kann. Festgehalten wird vor allem durch das Protoporphyrin IX, das blaue-bunte Gestrüpp, das zusammen mit dem Eisen ein Häm bildet. Häm sollte jedem aus Hämoglobin, dem roten Blutfarbstoff, bekannt sein. Der Name „Cytochrom“ bedeutet eigentlich nur „Zellfarbe“ und wurde ihm in den 1920er Jahren von dem Briten David Keilin verpasst, der einen nahen Verwandten des Cytochrom c6 als wichtigen Bestandteil einer anderen Elektronentransportkette erkannte: der Zellatmung, die im Mitochondrium stattfindet und dort chemische Stoffwechsel-Energie für die Zelle bereitstellt.

Soweit zu der Frage, was das Gestrüpp dort oben soll.

 



Geschrieben in Sonstiges | 5 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Re: Was an der Gentechnik schlecht ist

26. Februar 2012, 14:49

Es ist das Image, sagt Jürgen Schönstein von Geograffitico.

Und wisst ihr was? Im Großen und Ganzen hat er da Recht. Ich ergreife hier oft Partei* „für“ die grüne Gentechnik und vergesse dabei: Dem Verbraucher entstehen praktisch keine direkten Vorteile durch die Technologie, die kommerziell erhältlichen Merkmale sind vor allem Erzeuger-Merkmale. Die Herbizidtoleranz erleichtert die Kultur, Pilz- und Insektenresistenz spart Pestizide, wovon vor allem der Geldbeutel und die Gesundheit der Erzeuger profitieren.

Dass insektenresistenter Mais (wie Monsanto MON810) deutlich weniger krebserregende Schimmelpilztoxine enthält, oder dass man aus Fortuna-Kartoffel längere Pommes machen kann sind bestenfalls Sekundäreffekte. Für die virusresistente Papaya, die einen ganzen Industriezweig in Hawaii rettete, und gleichzeitig auch positive Auswirkungen auf die Kultivierung von Bio-Papaya hatte, gilt das gleiche.

Medizinische Produkte wie das gentechnisch hergestellte Humaninsulin oder Lebensmittelzusatzstoffe wie von GMO-Bakterien hergestelltes Lab (für Vegetarier interessant) sind rote und weiße Gentechnik, finden praktisch ausschließlich in abgeschlossenen Laboren statt und erreichen den Konsumenten stets als hochaufgereinigter „Extrakt“. Das wahrgenommene Risiko spielt hier in einer ganz anderen Liga.

Der auch von Jürgen vernachlässigte Aspekt, der immer wieder ins Gegenteil verkehrt wird, sind die positiven Umweltwirkungen gentechnisch veränderte Pflanzen. Sie sind in der Tat besser als ihr Ruf. Die Zahlen sprechen eigentlich für sich: In China ist der Pestizidbedarf kleiner Baumwollfarmen um 80% gesunken, seitdem GMO-Baumwolle eingesetzt wird. In den USA sieht es ähnlich aus, dort ist der Pestizidbedarf in der Soja- Baumwoll- und Maiskultivierung seit der GMO-Einführung ebenfalls stetig gesunken. Der Einsatz von Breitbandherbiziden wie Glyphosat, die im Boden und im Grundwasser nicht überdauern, hat gefährlichere und persistente Pestizide wie Atrazin oder Diuron abgelöst. Diese Errungenschaften werden regelmäßig geleugnet, wie etwa in diesem Report von Navdanya International, der von vielen Umweltverbänden brav wiedergekäut wurde.

Natürlich gibt es Beispiele für verbraucher-orientierte Merkmale, die sind aber entweder vor Jahrzehnten wie die FlavrSavr-Tomate gegen den Baum gefahren worden oder für uns reiche und überversorgte Westler schlicht uninteressant. Reis angereichert mit Vitamin A? Maniok mit erhöhtem Mineralstoffgehalt? Schön und gut, das sind aber Lösungsansätze für Probleme, die wir in Deutschland nicht haben.

Womit kann man den deutschen Verbraucher noch hinter dem Ofen hervorlocken? Vielleicht mit einem blutroten Royal-Gala-Apfel, der 5000 mal mehr Antioxidantien besitzt, als ein normaler Royal Gala? Höchstens, wenn man den Gentechnik-Aspekt nicht in den Vordergrund stellt.

Wie Anastasia Bodnar schilderte, gibt es eine Unmenge von fertig entwickelten Merkmalen, die wie in einer vergessenen Schatzkiste nur darauf warten, ausgehoben und kommerzialisiert zu werden. Das Problem: Sie müssen durch den „regulatorischen Falschenhals“ und sind somit für die großen Konzerne uninteressant. Die Zulassungskosten und das Risiko eines Mißerfolgs am Markt sind zu hoch.

Die Gentechnik-Branche hat hier einige Parallelen zur Pharma-Industrie: Hohe Entwicklungs- und Zulassungskosten verführen zu Monopolen und unmoralischem Verhalten, um das Produkt zu schützen; nützliche Produkte werden gar nicht weiterentwickelt, weil der Markt nicht lukrativ genug ist; viel Geld wird verschwendet, weil viele Firmen parallel dasselbe entwickeln. Wäre die kommerzielle Entwicklung vor allem durch Non-Profit-Organisationen gestemmt worden, hätte man heute eine stärker an den Bedürfnissen des Verbrauchers, und weniger an denen der Hersteller orientierte Produktlandschaft. Außerdem hätten sich die Kritiker nicht auf das Bild des gierigen Kapitalisten mit Doctor-Evil-Blick und Zylinderhut zurückziehen können.

Abgesehen, dass ein ausschließlich durch Non-Profit-Organisationen oder sogar staatlich finanzierte Entwicklung ganz andere Probleme mit sich bringt: Es hätte besser laufen können.

Ja, „die Gentechnik“ hat ein großes Imageproblem, und zwar nicht erst seit gestern. Aber wer hat die Schuld daran? Wirklich die „Gentechnik“ selbst, weil sie am Markt vorbei produziert?

Kann man ihr nicht zumindest eine partielle Opferrolle zugestehen, in der die Angst vor ihr – die natürliche Skepsis vor allem Unbekannten – durch politische Parteien und Umweltverbänden gezielt ausgenutzt wurde, um das eigene Image aufzubessern? Fakt ist: Es werden gezielt Lügen und Halbwahrheiten verbreitet, um die Gentechnik als Ganzes zu miskreditieren.

Und nicht zuletzt: Verhindern nicht die gerade äußeren Umstände, allen voran die exorbitant hohen Zulassungskosten, eine Einführung von Merkmalen, die für den Verbraucher interessant sind? Ist es nicht an der Zeit, die Zulassungsbedingungen den Befunden der Realität anzupassen, fast vierzig Jahre nach der Konferenz von Asimolar?

Jürgen trifft den Kern der Sache ganz gut, wie ich finde, sein Artikel wird der Komplexität des Themas aber nicht ganz gerecht.

Anmerkungen

* Ich „ergreife Partei“ für die grüne Gentechnik nicht etwa, weil ich sie für die beste Lösung für alle Probleme halte, sondern weil ich sie im öffentlichen Diskurs oft als falsch dargestellt empfinde.



Geschrieben in grüne Gentechnik | 19 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


Gentechnik: Die taz erklärt Wissenschaftlern die Welt

09. Februar 2012, 23:24

Die taz titelte heute „Gentechnik kein Allheilmittel – Innovationen auf dem Acker“, was bei mir alle Alarmglocken schrillen ließ, denn niemand behauptet ernsthaft, dass Gentechnik ein Allheilmittel sei, weswegen es wenig Sinn macht, diese Aussage zu widerlegen. Das ist ein argumentativer Pappkamerad, ein Strohmann, den man leicht abbrennen kann, um das Gegenüber zu diskreditieren: Man schiebt dem „Gegner“ eine unmögliche Position unter, die er nicht vertritt, um sie dann zu demontieren und sich im Recht zu fühlen.

In der Anfangszeit der Gentechnik mag dieser Enthusiasmus in Fachkreisen durchaus vorgekommen sein – man denke nur daran, welche Hoffnungen an der Sequenzierung des Humangenoms hingen – aber Wissenschaftler sind nicht die ideologisch verblendeten technikgläubigen Spinner, die erst von der Realität eingeholt werden müssen, als die sie die taz darstellt.

Forscher begreifen, dass gentechnisch veränderte Nutzpflanzen nicht ausschlaggebend sind für die Welternährung. […]

unter Wissenschaftlern hat sich klammheimlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass gentechnisch veränderte Nutzpflanzen kaum eine Rolle spielen werden, wenn es darum geht, in 40 Jahren 9 Milliarden Menschen zu ernähren, was eine Mehrproduktion von 50 Prozent bedeutet. […]

Tatsächlich diskutieren viele Wissenschaftler kaum noch mit ideologischen Scheuklappen. […]

Ein Paradigmenwechsel hat sich in den Laboren vollzogen.

Diese Aussagen sind eine unglaubliche Frechheit. Kathrin Burger sollte sich schämen, den Wissenschaftlern und technischen Kräften eine solche Position unterzujubeln, und ihnen zu sagen, dass sie endlich begreifen sollen, dass Gentechnik so furchtbar überflüssig ist. Und dass es ja viel bessere Werkzeuge gibt, mit denen man die großen Probleme der Landwirtschaft lösen könne.

Frau Burger hat ganz richtig erkannt, es geht nicht um „Bio vs. konventionelle Landwirtschaft“ oder „Gentechnik ja oder nein“ – diese dämlichen Konflikte haben in die Fachdiskussionen der Forschergemeinde nie Einzug gehalten. Das wäre auch völliger Blödsinn: Allein die so genannte „konventionelle Landwirtschaft“ umfasst ein derartig breites Spektrum an Methoden und Ansätzen, dass es eigentlich wenig Sinn macht, die alle in einen Topf zu werfen. Vielmehr muss man das beste aus allen Welten kombinieren, situationsabhängig und unter Berücksichtigung der Bedingungen im Einzelfall, um eine optimale Lösung zu finden. 

Es geht in der Forschung allgemein um die Lösung von Problemen, wie etwa wie man die Nährstoffzusammensetzung der Pflanzen verbessert; oder sie resistent gegen Pilze, Bakterien, Viren oder Insekten zu machen, um den Pestizideinsatz zu verringern; sie gegen Überflutung oder Dürre tolerant zu machen, um Ernteausfälle zu vermeiden; oder einfach einen Apfel gesünder zu machen, indem man ihn bestimmte Substanzen vermehrt herstellen lässt. Selbst die Etablierung von den vielgescholtenen Herbizidresistenzen macht Wirtschaftsformen möglich, die besonders schonend für den Ackerboden sind. 

Dass sich bestimmte Probleme mit Züchtungsmethoden schneller oder einfacher lösen lassen, als mit der Gentechnik, ist alles andere als eine neue Erkenntnis. Jeder, der nur zwei Artikel zum Thema gelesen hat, wird das kapiert haben. Hier wird durch die taz etwas als Neuigkeit verkauft, nein, als Argument gegen die ach so unnütze grüne Gentechnik, was in Fachkreisen vermutlich seit Jahrzehnten common sense ist. Dass die Verbesserung der Anbaumethoden zur Verbesserung der Nachhaltigkeit vor allem in weniger entwickelten Ländern riesiges Potential ist so offensichtlich, dass man es kaum fassen kann, dass einem die taz als etwas verkaufen will, was der gemeine Wissenschaftler erst jetzt realisiert haben soll.

Es liegt auf der Hand: Die Gentechnik macht vieles möglich, was man mit den altgedienten traditionellen Methoden zur Genom-Modifikation (also „Züchtung“), nicht erreichen konnte. Man kann mit ihr Gene zwischen sexuell inkompatiblen Spezies austauschen, sogar Gene weit erntfernter Arten kombinieren. Wer aber einmal eine Idee davon bekommen hat, wie komplex die Regulationsmechanismen in einer Pflanze sind, wird einsehen, dass die Möglichkeiten der Technologie trotzdem recht begrenzt sind. Wer ein Grundverständnis davon hat, wie verschieden sich Genprodukte in unterschiedlichen Umgebungen verhalten können, wird ein Allheilmittel-Versprechen nicht ernst nehmen können. 

Denn es ist vielmehr so, dass durch sich durch die Züchtung entscheidet, ob man einen pflanzlichen Oldtimer oder einen Formel-Eins-Wagen auf dem Acker fährt. Durch die Gentechnik kann man Heckspoiler oder andere Gimmicks anbringen, aber das Modell substanziell zu ändern, ist ziemlich schwierig. Die traditionelle Kreuzung, bei der einfach mal alle Gene gut durchgeschüttelt und ungerichtet kombiniert werden, kann bei komplexen Eigenschaften viel schneller zum Ziel führen.

Die Art des Problems bestimmt die Wahl der Werkzeuge: Es gibt einige Beispiele, wo Züchtung schlicht und einfach nicht weiterhilft. So werden Bananenpflanzen derzeit von einigen desaströsen Krankheiten heimgesucht, und weil Bananenpflanzen steril sind, kann man keine Resistenzgene einkreuzen. Deswegen liegt viel Hoffnung in transgenen Ansätzen. Über Jahre hinweg hat man versucht, eine Knollenfäule-Resistenz aus Wildkartoffeln in normale Kulturkartoffeln einzukreuzen – ohne Erfolg. Vor kurzem hat BASF nun eine Kartoffelsorte mit eben dieser Resistenz zur Zulassung eingereicht – das Wildkartoffelgen wurde aber mit gentechnischen Scheren und Pinzetten verpflanzt. Umgekehrt hat ebern auch die moderne „Präzisionszucht“ Erfolge gefeiert  – im Artikel wird der überflutungstolerante sub1-Reis genannt. Wäre dieser Reis gentechnisch erzeugt worden – hätte ihn die taz wie den Golden Rice als „Imagekampagne“ verunglimpft?

Beweist der eine oder andere Fall eine generelle Überlegenheit einer bestimmten Methode? Natürlich nicht – wie gesagt, entscheidet das konkrete Problem über die Wahl der Werkzeuge.

Die unzureichende Trennung von Agrarindustrie und staatlich finanzierter Forschung ist ein weiterer Punkt, der mich am Artikel stört. Nicht nur die Industrie forscht an Ackerpflanzen, es gibt eine Menge unabhängiger Forschung zu dem Thema! So wird richtig gesagt, dass die Entwicklung bestimmter gentechnisch modifizierter Ackerfrüchte wie Banane, Yams oder Teff für die Industrie nicht lohnenswert sind – verschweigt aber, dass daran wahrscheinlich vor allem die immensen Kosten der Zulassungsbedingungen Schuld sind. Es gibt eine Vielzahl von Merkmalen, die fertig entwickelt auf die Kommerzialisierung warten. Und dass an gentechnisch modiiziertem Maniok und Bananen schon seit vielen Jahren geforscht wird, und zwar staatlich oder von nicht-staatlichen non-profit-Organisationen finanziert – wird ebenfalls unterschlagen.

Liebe taz, es ist schön, dass ihr begriffen habt, dass die Gentechnik nicht alle Agrar-Probleme der Welt lösen kann. Die Agrarwissenschaftler, Genetiker und Pflanzenwissenschaftler dieser Welt wussten das schon etwas länger. Vielleicht hättet ihr mal früher jemanden fragen sollen, der mit dem Thema professionell befasst ist? Wissenschaftler diskutieren nämlich ungern mit euren „ideologischen Scheuklappen“, das liegt in der Natur der Sache, Probleme lösen zu wollen und Lösungsansätze möglichst unvoreingenommen zu diskutieren.

Links und Literatur



Geschrieben in grüne Gentechnik | 26 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Boykottiert Elsevier! Unterstützt Open Access!

01. Februar 2012, 22:06

Wie macht ein Wissenschaftler seine Arbeit bekannt? Er/sie publiziert zum Beispiel einen Artikel in einem Fachjournal, das Gutachter bestellt, die die Arbeit bewerten, Fehler finden und Verbesserungen vorschlagen. Weder Gutachter, noch die Editoren oder die Autoren bekommen dafür Geld. Überwiegend öffentlich finanzierte Wissenschaftler liefern Inhalt, Begutachtung, und meistens sogar die Formatierungsarbeit kostenlos an das Journal.

Wer gibt diese Fachjournale heraus? Überwiegend sind das große Verlagshäuser, die Nature Publishing Group, der Elsevier-Verlag oder Springer-Verlag gehören zu den größten und bekanntesten. Es sind die größten und bekanntesten Blutsauger!

Die Verlage praktizieren eine Kultur des Diebstahls

Diese Verlage kassieren, nicht zu knapp und vor allem für den Zugriff auf die Artikel. Sowohl der Abruf einzelner Artikel etwa durch Privatpersonen, als auch der dauerhafte Abruf durch Uni-Bibliotheken kosten viel Geld. Die Gebühren für die Abonnements sind in den letzten Jahren stark gestiegen, während die Finanzierung der Bibliotheken oft immer weiter zusammengekürzt wurde.

Sicher entstehen den Verlagen auch Kosten durch die Veröffentlichung und Bereitstellung. Da der Wechsel von gedruckten Journalen zu elektronischen Publikationen weitgehend abgeschlossen ist, kann man aber davon ausgehen, dass die Kosten eher gesunken, als gestiegen sind. Nicht ohne Grund gilt das wissenschaftliche Verlagswesen als hochprofitabel. Elsevier allein macht einen Reinprofit von mehr als einer Milliarde Dollar pro Jahr (das sind etwa 3 Millionen pro Tag!), denn schließlich kostet so ein „Instituts-Abo“ für ein einziges Journal durchschnittlich ein paar Tausender. Das teuerste, das ich finden konnte, ist Brain Research mit mehr als 21.000€ pro Jahr, nur für den Online-Zugriff. Oftmals sind die Journale nur in Paketen zu haben: Wer Cell haben will, muss für einen saftigen Aufpreis auch ein paar Ladenhüter dazu nehmen. Wer das Geld nicht hat, hat Pech oder muss jemanden finden, der das Geld hat. Auch wenn die Forschung – das, was den eigentlichen Wert der Publikation ausmacht – bereits aus öffentlicher Hand bezahlt wurde, muss man nochmals Geld in die Hand nehmen, um sich die Resultate anzusehen.

Das Verlagswesen praktiziert eine Kultur des Diebstahls. Die Verlage stehlen die Arbeitszeit der Editoren und Referees. Sie stehlen der Bevölkerung die Ergebnisse der Arbeit, die sie selbst aus eigener Tasche bezahlt haben. Und natürlich stehlen sie mit ihrer Geschäftspraxis Steuergeldern aus den Kassen der Bibliotheken. Dieses Geld wird wiederum in das Lobbying investiert, damit die Pfründe der Großen geschützt werden.

Ein öffentliches Bekenntnis

Seit einigen Jahren grollt nun der Unmut unter Wissenschaftlern und es kam wiederholt zu Boykottaufrufen gegen Elsevier. Es geht bei einer neuen Aktion TheCostOfKnowledge.com darum, Farbe zu bekennen, und öffentlich die Position zu vertretern, dass man keinen Handschlag für diese Verbrecher mehr tun wird. Die Liste der Namen ist nun gerade mal 2700 Einträge lang. Das ist viel zu wenig!

Hier unterzeichnen: 
TheCostOfKnowledge.com

Ich habe in einer Instituts-weiten Mail zum Unterzeichnen aufgerufen, und außer mir hat gerade mal eine einzige Person unterschrieben.

Ist die Kraft besser in Open Access investiert?

Vielleicht sind meine Kollegen aber auch der Meinung, dass sich die Mühe nicht lohnt. Twitterer und Neurowissenschaftler Björn Brembs findet, dass diese Art Aktionen viel zu sehr von dem Kernproblem ablenkt und ruft dazu auf, sich weniger auf Opposition gegen die großen kommerziellen Verlage zu konzentrieren, sondern seine Kraft in die Unterstützung offenerer Modelle zu investieren. Kommerzielle Verlage sollte man schlicht links liegen lassen und stattdessen Bibliotheksleiter davon überzeugen, Abonnements nicht mehr zu erneuern und von dem verfügbaren Geld ein paar Server zu kaufen, die die Literatur und Daten hosten können.

Er schreibt:

Die akademische Kommunikation muss zurück in die Hände der Wissenschaftler! Man muss die Verlage dort treffen, wo es ihnen am meisten schmerzt: in ihren Brieftaschen.*

***

* Let's bring our scholarly communication system back into our hands! Hit the publishers where it hurts: their pocketbooks.

Read on, my dear ...



Geschrieben in Sonstiges | 3 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


Gentechnik in Europa: BASF kapituliert

18. Januar 2012, 22:45

Nachdem sich in den letzten Jahren die Ablehnungshaltung der Europäer gegenüber gentechnisch veränderten Pflanzen in der Landwirtschaft verhärtete, schließt BASF nun alle entsprechenden Forschungseinrichtungen und richtet seinen Fokus auf andere Regionen. Deutschlands Äcker sind damit ab 2012 nun endgültig Gentechnik-frei. Greenpeace frohlockt und wiederholt mantraartig „Agro-Gentechnik ist keine Zukunftstechnologie“ und „Koexistenz ist nicht möglich“ – als wenn es dadurch wahr werden würde. NGOs wie Greenpeace oder Foodwatch haben maßgeblich dazu beigetragen, in der Bevölkerung und Politik eine nicht rational zu rechtfertigende Abwehrhaltung gegen alles was „Gen“ im Namen hat, aufzubauen. Der Abzug von BASF nach Nordamerika ist letztlich eine geschäftstaktische Reaktion, die ich nachvollziehen, aber nicht gutheißen kann, denn es ist eine Kapitulation vor der Unvernunft.

Demo

Nicht nur mit dieser Art von Protest musste sich BASF auseinandersetzen, Argumente spielen beim Fähnlein schwenken eine eher untergeordnete Rolle (Bildquelle: CC-BY-SA by Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg)

Ablehnung hat in den letzten Jahren zugenommen

Freilandversuche durchzuführen ist für Universitäten und Forschungsinstitute zu einem unkalkulierbaren Risiko geworden. Aktivisten zerstörten wiederholt Versuchsfelder und sabotierten damit öffentliche Forschung. Zuletzt richtete sich die Gewalt nicht nur gegen Versuchspflanzen, sondern auch gegen Menschen: Im Sommer 2011 brachen Aktivisten in den „Schaugarten Üplingen“ in Sachsen-Anhalt ein, bedrohten den Wachschutz mit Pfefferspray und zerstörten anschließend Gen-Weizen und Killer-Kartoffeln. Ein Jahr zuvor gab es Übergriffe auf das private Umfeld des ETH-Professors Wilhelm Gruissem, der Risikoforschung an gentechnisch veränderten Pflanzen betreibt. Die Militanz der Gentechnik-Gegner hatte damit definitiv ein neues Level erreicht. Damit sind die Felder inzwischen nicht nur ein finanzielles, sondern ein persönlich bedrohendes Risiko. 

Von der Kommerzialisierung von gentechnisch veränderten Ackerpflanzen kann man hierzulande nur träumen: Kleinunternehmen haben es längst aufgegeben, auf diesem Gebiet zu arbeiten. Nur die Großkonzerne mit ihren prall gefüllten Kassen können darüber nachdenken, eine neue Pflanzensorte durch den Zulassungswahnsinn zu prügeln. Selbst nach erfolgreicher Zulassung sind die Firmen nich nicht sicher: Gegen Monsantos insektenresistenten Mais MON810 gibt es in vielen europäischen Ländern politisch begründete Anbauverbote.

BASF kapituliert – das falsche Signal

Nun hat BASF als das letzte Großunternehmen, das in europäische Agrar-Gentechnik zuletzt mehr als eine Milliarde Euro investiert haben will, endgültig das Handtuch vor der Ignoranz der Europäer geworfen. Der Konzern stampft damit auch alle auf den europäischen Markt ausgerichteten Projekte ein, wie die Papierstärke-Kartoffel Amflora, die nach 13 Jahren endlich eine EU-Zulassung bekam, oder auch die mit Wildkartoffelgenen versehene Fortuna, die resistent gegen Knollenfäule ist. Amflora wollte keiner haben und wurde nach nur zwei Jahren nicht mehr vermarktet. Die Pommes-Kartoffel Fortuna, deren Zulassung erst im November 2011 beantragt wurde, wird gar nicht erst am Markt eingeführt werden.

Damit ist auch nicht zu erwarten, dass die Bürger durch den Kontakt mit dem Produkt die Scheu vor ihm verlieren.

Auch aus anderen Gründen ist der BASF-Rückzug bedauerlich: Arbeitsplätze und damit auch Perspektiven für Jungforscher in Deutschland gehen verloren, und in der Konsequenz wandert das Know-How in das Ausland ab. Ein Kommentar, den ich vor kurzem von einer „nachwachsenden“ Pflanzengenetikerin gehört habe, lautete: „Naja, dann gehe ich halt auch in die USA, um da zu arbeiten“. Nicht zuletzt waren die schlechten Perspektiven auf dem Gebiet auch für mich der Hauptgrund, weshalb ich mich nach meiner Diplomarbeit am MPI für molekulare Pflanzenphysiologie von diesem Themenfeld abwandte, um am Forschungsinstitut für molekulare Pharmakologie an einem Projekt mit medizinischer Relevanz zu arbeiten.

Natürlich ist es auch ärgerlich, dass sich der Konzern nun unter dem öffentlichen Druck gebeugt hat und die Gentechnikgegner sich gegenseitig auf die Schultern klopfen können. Die Panikmache in der Öffentlichkeit war erfolgreich. 

Wer hat Schuld an der Misere?

Ich glaube nicht, dass die Ablehnung bei entsprechender Aufklärung der Bevölkerung aufrecht zu erhalten wäre – die existierenden Vorurteile richten sich meistens gar nicht gegen die Technologie an sich, und kann man sie dementsprechend auch abbauen. Leider wird der Themenkomplex von NGOs, vorgeblich „naturnah“ operierenden Unternehmen und nicht zuletzt die Politik für ihre Zwecke instrumentalisiert und missbraucht. Damit sind die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern verhärtet und die extremen Meinungen der Aktivisten beider Seiten sind in die öffentliche Meinung gesickert. Sicher kommt auch den Großkonzernen, die durch massive Lobbyarbeit und aggressive Patentpolitik auffallen, ein Teil der Schuld am Imageverlust der grünen Gentechnik zu.

Dabei liegt es auf der Hand, warum wir Gentechnik brauchen, auch in Europa. Eine Landwirtschaft, die in summa nachhaltiger ist, als die „konventionelle“ oder die „biologisch-organische“, wäre damit möglich. Ein Beispiel ist die bereits erwähnte BASF-Kartoffel Fortuna, die die Verwendung von giftigen Pilz-Pestiziden verringern könnte, deren erfolgreiche Marktzulassung nun aber wieder fraglich ist.

Stattdessen ziehen die Wohlstandsmaden am 21.01. wieder ums Rote Rathaus, demonstrieren gegen Gentechnik und für „Bauernhöfe statt Agrarindustrie“. Macht dieser Slogan denn überhaupt Sinn?

Lesenswert



Geschrieben in grüne Gentechnik | 28 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


szmtag