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Ich hab's im Urin: Es ist Spargelzeit!

07. Mai 2011, 16:46

Manchmal sitzt man einfach da und der schönste Moment des Tages passiert Revue“ – und zwar auf der Toilette. Zur Spargelzeit wird man dann durch einen charakteristischen Geruch daran erinnert, ob man innerhalb der letzten Stunden das leckere Stangengemüse verzehrt hat. Der Urin scheint durch Spargel verändert zu werden und bestimmte volatile Stoffe zu enthalten, denen man zu anderen Jahreszeiten nicht begegnet.

 

Spargel dynet

 

Yeah, Baby: lecker Spargel.

Man kann hergehen und einfach jeden Spargelurin analysieren, und anhand der gefundenen Moleküle die Ursache für den Geruch identifizieren. Mir ist besonders Methanthiol in diesem Zusammenhang bekannt, aber wie es aussieht, sind aber seit 1956 noch viel mehr solcher Stoffe in Spargel-Urin gefunden worden. Eine Auflistung findet sich hier bei Pelchat et al. (2011) – es sind vor allem Schwefelverbindungen.

Aber: nicht jeder scheint dieses Phänomen aus eigener Erfahrung zu kennen, und man vollzieht „das Geschäft“ ja für gewöhnlich nicht in Gesellschaft. Damit steht die folgende Frage im Raum:

Gibt es Menschen, die a) diese schwefeligen Stoffe nicht produzieren, weil sie einen besonderen Stoffwechsel haben, oder b) können Einige diese Stoffe einfach nicht riechen?

Es gibt Versuche, bei denen verschiedenen Personen Spargelurin und normaler Urin unter die Nase gehalten wurde. Dabei stellte sich heraus, dass einige Menschen den Geruch von Spargelurin nicht wahrnehmen können, auch wenn die jeweilige Probe von anderen Versuchspersonen eindeutig als Stinke-Urin identifiziert wurde (Lison et al. 1980). Zurückgeführt wurde das Vermögen, den Geruch wahrnehmen zu können, vor allem auf ein Genvariante mit dem Namen rs4481887. Mehr zu speziell zu dieser Genvariante und wie man Heimversuche durchführt nebenan bei Bastian Greshake.

In anderen Untersuchungen soll aber gezeigt worden sein, dass es auch Unterschiede im Stoffwechsel der Geruchsmoleküle gibt. Spektrum Direkt berichtete, dass etwa 70% der Bevölkerung die Geruchsmoleküle nicht produzieren könnten.

Diese beiden Hypothesen schließen sich nicht gegenseitig aus. In der Tat ist es sogar denkbar, dass beide Eigenschaften die selbe Ursache haben. So könnten Enzyme, die am biochemischen Abbauweg beteiligt sind, gleichzeitig auch in der Riechschleimhaut sitzen und dort Geruchsmoleküle so verändern, dass sie detektiert werden können. In dem Fall hätte also die Unfähigkeit, die Stinkestoffe zu produzieren, und die Stoffe auch wahrzunehmen, die selbe Ursache – nämlich die Abwesenheit eines bestimmten Enzyms. Es ist aber genauso gut denkbar, dass beide Merkmale unabhängig voneinander in der Population vorliegen.

Marcia Pelchant und ihre Kollegen untersuchten beide Eigenschaften an 37 Frauen und Männern. Die Versuchspersonen mussten an einem Tag Spargel essen und viel Wasser trinken, um dann eine Spargelurin-Probe abzugeben. An einem zweiten Termin aßen sie Brot, tranken wieder viel Wasser und gaben eine Nicht-Spargelurin-Probe ab. Beide Proben wurden später gleichzeitig in den Geruchstests verwendet, bei denen die Versuchspersonen entscheiden mussten, welche der beiden Proben nun der Spargelurin ist. Als eine Positivkontrolle wurde eine dritte, neutrale Urinprobe mit Basilikum-Extrakt versetzt – damit sollte sichergestellt werden, dass die Versuchspersonen die Aufgabenstellung verstanden haben und nicht unter einer generellen „Riechschwäche“ litten. Außerdem wurden DNA-Proben genommen, um die Genvarianten des oben genannten Geruchsrezeptors festzustellen.

Insgesamt drei Person haben im Test offenbar nicht genug Spargel-Geruch in den Urin abgeben, denn deren Urin konnte von den Versuchspersonen nicht sicher als Spargelurin identifiziert werden. Der Spargelurin der anderen Versuchspersonen konnte sicher als solcher identifiziert werden, auch wenn deutliche Varation in der Stärke des Geruchs beobachtet wurde.

Zwei Personen von 31 konnten Spargelurin nicht von dem neutralen „Brot-Urin“ unterscheiden. Auch hier gab es Variation in dieser Wahrnehmungsfähigkeit. Eine Person konnte den Geruch sowohl nicht wahrnehmen, als auch nicht produzieren. Sechs Leute fanden das Urinschnüffeln so widerwärtig, dass sie aus dem Versuch ausstiegen.

Bei der genetischen Analyse wurde bestätigt, was vorher schon entdeckt worden war: Die genetische Variante rs4481887, die zwischen zwei Geruchsrezeptoren-Genen liegt, verbessert über die Wahrnehmungsfähigkeit für Spargelurin. Allerdings gab es auch hier Variationen, man muss wohl auf beiden Chromosomen die Variante „A“ (für Adenin) tragen, um besonders sensibel auf Spargelurin zu reagieren. 

Schlusswort

Der Versuchsaufbau ist nach Auskunft der Autoren besonders wenig anfällig für Verfälschungen, womit sie erklären, weshalb ihre Ergebnisse weniger eindeutig sind, als bei anderen Experimenten. Natürlich ist das beschriebenen Experiment auch ziemlich klein, aber es liefert einem deutliche Hinweise drauf, dass die Sache mit dem Spargelgeruch im Urin keine einfache Erklärung zu bieten hat.

Die Welt ist meistens doch komplexer, als man denkt! Im Endeffekt holt uns die Realität mit ihren Zwischentönen ein: Die Versuchspersonen unterschieden sich sowohl in der Produktion der als Spargelgeruch charakterisierten Stoffe, als auch in der Wahrnehmung, und zwar entlang eines Spektrums.

Was brauchen wir also? Richtig – mehr Experimente zu Spargelgeruch im Urin!

Literatur:

Lison, M., Blondheim, S. H., & Melmed, R. N. (1980). A polymorphism of the ability to smell urinary metabolites of asparagus BMJ (Clinical research ed), 281(6256), 1676-1678.

 

Pelchat, M. L., Bykowski, C., Duke, F. F., & Reed, D. R. (2011). Excretion and perception of a characteristic odor in urine after asparagus ingestion: a psychophysical and genetic study. Chemical senses, 36(1), 9-17. doi:10.1093/chemse/bjq081

Joachim Schüring: Warum hat der Urin nach einer Spargelmahlzeit so einen merkwürdigen Geruch? - Spektrum Direkt/NaKlar! 18.05.2003

Bildnachweis: CC-BY-SA-Spargel von dynet.

 



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Der Blick in die Zukunft ist nicht reproduzierbar

25. April 2011, 14:48

Präkognition – das Vorhersehen von in der Zukunft liegenden Ereignissen – hat durch die Versuche des Psychologen Daryl Bem jüngst wieder einiges an Aufmerksamkeit erfahren. Lars Fischer hat im Januar darüber nebenan im Fischblog berichtet:

Der neueste Versuch, sich der Präkognition wissenschaftlich zu nähern stammt von Daryl J. Bem von der Cornell University, einem angesehenen Sozialpsychologen, der sich unter anderem mit Arbeiten zur sexuellen Orientierung einen Namen gemacht hat. Bem hat im Journal of Personality and Social Psychology eine Reihe von Experimenten publiziert (pdf), die nach seiner Interpretation darauf hindeuten, dass seine Probanden - insgesamt über 1000 - in der Lage waren, zukünftige Ereignisse vorauszuahnen.

Der Psychologe Ben Goldacre meinte, dass ihn das nie sonderlich interessierte, und zwar aus den selben Gründen, aus denen mich das ziemlich kalt gelassen hat: Signifikanz hin oder her, ein Einzelergebnis hat eigentlich keine Relevanz. Negative Ergebnisse werden praktisch nicht publiziert. Es kann gut sein, dass solche Tests schon seit Jahren gemacht werden, aber nie Präkognition gezeigt haben, und somit nie das Tageslicht gesehen haben, in der Schublade vergammelt sind. Und in einen statistischen Test ist schließlich eine Irrtumswahrscheinlichkeit eingebaut, das heißt, falsch-positive Ergebnisse sind immer vorhanden. Falsch-positive Ergebnisse, die Effekte beschreiben, die reiner Zufall sind. Falsch-positive Ergebnisse, die man erwartet, und die man widerlegen oder bestätigen kann. Werden sie bestätigt – mehrmals, unabhägig, und mit verschiedenen Verfahren – dann ist es wohl kein „falsch-postives“ Ergebnis, sondern ein positives, ganz reales, ein echter Effekt.

Die Ergebnisse zu reproduzieren, ist essentiell: Können die Versuche unabhängig bestätigt werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Zufall handelt. So funktioniert (induktive) Wissenschaft.

Stuart Richie, Chris French und Richard Wiseman haben nun Daryl Bems Ergebnisse nachgekocht und keinerlei Belege für Präkognition gefunden. Sie haben ihre Ergebnisse zum Journal of Personality and Social Psychology geschickt, also genau dem Fachjournal, in dem Bem publizierte. Das Manuskript wurde allerdings sofort abgelehnt – das Journal würde grundsätzlich keine replizierten Arbeiten veröffentlichen.

Es kollidieren hier also der Wunsch des Journals, nur Bahnbrechendes, Neues, und Spektakuläres zu veröffentlichen, und die unbedingte wissenschaftliche Notwendigkeit, negative Ergebnisse ebenfalls bekannt zu machen. Das ist leider der Alltag und ein Mißstand, den ich kaum glauben konnte, als ich das erste Mal davon erfuhr. Andererseits können die Journale auch schlecht jeden Mist veröffentlichen, der an sie herangetragen wird – eine Vorselektion muss stattfinden. Was ist der Ausweg aus dem Dilemma? Ein Wissenschaftswiki, das die Publikationen in Journalen ersetzt? Wohl kaum.

Außerdem veranschaulicht der Fall ein zweites Problem, nämlich, dass Widerlegungen, und sogar widerrufene Artikel, die auf erfundenen oder gefälschten Daten basieren, generell gern übersehen und ignoriert werden. Das gilt natürlich vor allem für die Mainstreammedien, für die nur das allerspektulärste gut genug ist, aber denen kann man sowieso nichts glauben.

Jedenfalls konnte man über Bem's Orakelforschung allerorten lesen, aber über die Widerlegung bzw. die fehlgeschlagene Reproduktion der Ergebnisee werden wieder alle schweigen. Denn es interessiert ja niemanden.

Ben Goldacre ist da recht negativ und titelt „I foresee that nobody will do anything about this problem“ – also „ich sage hervor, dass niemand irgendetwas gegen dieses Problem unternehmen wird“. Ich denke, dass die Einsicht ein erster Schritt zur Besserung ist. Hoffen wir also das Beste ...

Quellen und Links



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Kiffen: Werden die gesundheitlichen Risiken unterschätzt?

16. April 2011, 16:07

„Kiffen macht blöde“ - sagen die einen, „alles halb so wild“ sagen die anderen. Über den Konsum von Haschisch und Marihuana kursieren viele Mythen. Der Videoblogger C0nc0rdance hat sich des Themas angenommen und sich die Arbeit gemacht, die wissenschaftliche Literatur nach entsprechenden Studien zu durchforsten.

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Tim Minchins "Storm" als Animationsfilm

08. April 2011, 20:18

Tim Minchin ist ganz große Klasse®. Vor einem Jahr habe ich im alten Blog sein Gedicht/Lied „Storm“ verlinkt, wo er sich wunderbar über esoterisches Geschwafel auslässt. Das Gedicht ist so etwas wie eine Hymne für kritisches Denken geworden und das Audiofile hat bei Youtube eine halbe Million Views bekommen.

Seit Monaten (oder sind es Jahre?) basteln die Leute von stormmovie.net an einem Animationsfilm, der Trailer war schon vielversprechend, alle paar Wochen habe ich die Website gecheckt – und endlich, endlich ist er fertig, der Film.

Viel Spaß bei „Tim Minchin's Storm: The Animated Movie“!

Direktstorm bei Youtube

via @fatmike128 (Tweet habe ich aber verbummelt).



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Plagiat und Fälschung - zwei verschiedene Paar Schuhe?

25. Februar 2011, 21:33

Obwohl mich die Diskussion um Plagiator Guttenberg nun schon etwas nervt, weil der Fall eigentlich nicht klarer sein könnte, will ich versuchen, mich dem Thema auf etwas andere Weise zu nähern.

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Verknüpfung von Esoterik und Lifestyle: nach "Power Balance" kommt "Energy Bean"

15. Februar 2011, 22:23

Das Phänomen des "Power Balance"-Armbands, mit dem die Brüder Josh und Troy Rodarmel Millionen einfahren, obwohl es keine Wirkung hat, demonstriert die erfolgreiche Vermählung von Esoterik und Lifestyleprodukt. Ein Arzt aus Österreich will auf den Zug aufspringen und vermarktet etwas ganz ähnliches, aber viel besseres: Ein bohnenförmiger Aufkleber gegen bösen Elektrosmog. Wo „Power Balance“ an eine Verbesserung der Leistung appelliert, spielt „energy bean“ mit den Ängsten vor Handystrahlen.

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Stand-Up-Comedy zu Homöopathie und Placeboeffekt

06. Februar 2011, 13:25

Passend zum gestrigen Anlass des weltweiten versuchten Massenselbstmordes durch wirkstofffreie Zuckerkügelchen hier drei Videos zum Thema „Homöopathie“. Das sind zwar keine Neuheiten und ich hab sie vielleicht schon mal gepostet, aber lustig sind sie auf jeden Fall immer noch.

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Über die Nobelpreiskrankheit und die Selbstverliebtheit von Wissenschaftlern

15. Januar 2011, 22:51

Schon mal aufgefallen, das jeder mögliche Humbug mit irgendwelchen Autoritäten gerechtfertigt wird? Prominente Schauspieler finden Impfungen doof, Oberärzte mögen die Homöopathie und Nobelpreisträger leugnen den Zusammenhang zwischen HIV und AIDS.

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Die Erde, ein blassblaues Staubkorn.

14. Januar 2011, 16:00

Das hat weniger mit dem üblichen Themenbereich zu tun, aber dieses tolle Video habe ich kürzlich in meiner Twitter-Timeline gefunden und will es den „normalen Bloglesern“ nicht vorenthalten. 

„Earth – the Pale Blue Dot“ bezieht sich auf dieses berühmte Foto der Erde, das aus 6,4 Milliarden Kilometern Entfernung gemacht wurde. Carl Sagan liest aus seinem gleichnamigen Buch und Michael Marantz hat das ganze mit Klaviermusik und Zeitrafferaufnahmen noch etwas eindrücklicher gestaltet.

EARTH: The Pale Blue Dot from Michael Marantz on Vimeo.



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Bakterien mit Stechrüssel

11. Oktober 2010, 12:51

Viele pathogene Bakterien produzieren Virulenzfaktoren. Das sind Moleküle, die die Wirtszellen manipulieren, um so zum Beispiel das Immunsystem auszutricksen oder eine Aufnahme des Bakteriums in die Wirtszellen zu veranlassen. Einige Bakterien, darunter die Erreger von Ruhr (Shigella), Pest (Yersinia) und Typhus (Salmonella), haben ein erstaunliches System entwickelt, um diese Moleküle in die Wirtszelle zu bekommen: sie injizieren sie mit Hilfe einer Nano-Spritze direkt in die Wirtszellen. » weiter

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