Anthroposophische Weisheiten
In der Heftbeilage der Frauenzeitschrift „Für Sie“ fand ich einige Schätze über die sanfteste aller Heilmethoden des Querdenkers, geheim- und geisteswissenschaftlichen Vorreiters Rudolf Steiner, der uns materialistischen Naturwissenschaftlern in so vielem voraus war. Es geht um Anthroposophische Medizin, besser gesagt, was davon kompatibel mit dem heutigen Lifestyle erscheint.
Die Erkenntnisse der modernen Immunologie bestätigen all das, was der Philosoph Rudolf Steiner und die Frauenärztin Dr. Ita Wegmann schon vor fast 90 Jahren in eine neue individuell geprägte Medizin umsetzten. [FürSie-Beilage]
Steiner war eben Hellseher, was soll ich sonst noch dazu sagen? Seine Vorraussagen sind ausnahmslos eingetroffen, wie etwa diese über die Renaissance der Quecksilbertherapie (Steiner war bekanntermaßen ein Verfechter der Heilung mit Schwermetallen, „Planetenmetallen“):
Und in Bezug auf eben diese Wirkung des Quecksilbers bei syphilitischen Erkrankungen muss man ja erwähnen, dass in der neueren Zeit vieles an die Stelle von Quecksilber gesetzt worden ist. Die berühmten neueren Mittel, die an die Stelle gesetzt worden sind, nicht wahr, sind aber schon heute durchaus erkannt in ihrer nicht ganz einwandfreien Wirksamkeit, und sehr bald wird die Medizin auch auf diesem Gebiete durchaus wiederum zu den Quecksilberkuren zurückgegangen sein. [Steiner, nach Hansson]
Das Heft empfiehlt aber gar keine Einnahme von giftigen Schwermetallen, ganz entgegen Steiners Lehre. Vielleicht sollte man anfragen, weshalb man sich so entschieden hat.
Auch über die Tatsache, dass die Anthroposophische Medizin vor allem auf dem Glauben an Ideen basiert, die sich ein gescheiterter Philosoph einfach nur ausgedacht hat, ohne sie zu überprüfen, geschweige denn, sie einer Kritik zugänglich zu machen, darüber schweigt sich das 35 Seiten starke Beilagenheftchen freilich aus.
Wichtig: Das Auseinandersetzen mit der Krankheit, nicht das Ausrotten […] „Bakterien gelten in der Anthroposophischen Medizin nicht als Ursache von Krankheit, sondern als Ausdruck gestörter Verhältnisse im Organismus, die den Erregern Gelegenheit geben, Fuß zu fassen“, so Prof. Dr. Fintelmann. Antroposophische Medizin ermuntere den Patienten vor allem, sich aktiv mit seiner Krankheit auseinanderzusetzen. [FürSie-Beilage]
Diese menschenverachtende Auffassung von Krankheit – nämlich dass die Ursache für diese bei einem selbst liegt – und die geforderte „Auseinandersetzung“ als Notwendigkeit zur Menschwerdung gipfelt dann etwa in der Praxis, Kinder nicht zu impfen. Infolgedessen gibt es immer wieder Fälle von lokaler Masernepidemien, deren Ursprung man zu Waldorfschulen und Waldorfkindergärten zurückverfolgen konnte. Dass in der Folge sogar Kinder gestorben sind, interessiert den gemeinen Anthroposophen weniger, denn die Wiedergeburt ist einem toten Kind sicher.

Nein, keine Kinderzeichnung einer Glühbirne und einer hässlichen Voodoopuppe, sondern eine Wandtafelzeichnung Steiners zur Anordnung seiner fantastischen Wesensglieder. Nach etwas Hinsehen zu erkennen: Die Anordnung der Glieder ist im Kopfbereich genau umgekehrt zur Anordnung im restlichen Körper. Weshalb das so sein muss, und weshalb sich jeder Idiot auch jede andere beliebige Erklärung hätte ausdenken können, erfährt man im Anthrowiki, von dort stammt auch dieses Bild.
Die feinstofflichen Wesensglieder kann man sich aber auch ganz anders ruinieren, etwa durch zu viel kritisches Denken und Verkopftsein:
Intellektuelle Menschen mit einem überaktiven Kopfpol etwa neigen dazu, im unteren Stoffwechsel-Gliedmaßen-System zu schwächeln. Das führt leicht mal zu Bauchweh, Durchfall oder Verstopfung. [FürSie-Beilage]
Unsere bloggenden Professoren hätten damit die Ursache ihrer ständigen Verdauungsprobleme gefunden!
Die Verdauung und Ernährung spielt natürlich eine große Rolle, wenn man nach der eigenen Schuld an einer Krankheit sucht:
Eher abgeraten wird von konservierten Nahrungsmitteln, Fertiggerichten, Weißmehlprodukten, zu viel Fleisch und Gemüse aus der Gattung der Nachtschattengewächsem wie Kartoffeln, Tomaten und Paprika. [FürSie-Beilage]
Besonders die Ablehung von Nachtschattengewächsen macht stutzig. Nach kurzer Suche findet man in Steiners Vorträgen aber die Begründung für diese Auffassung:
Also sehen Sie, während wir beim Menschen vom Bauch zum Kopfe gehen müssen, von unten herauf, müssen wir bei der Pflanze den umgekehrten Weg machen. Die Wurzel der Pflanze ist mit dem Kopf verwandt. Wenn wir das bedenken, wird uns gewissermaßen ein Licht aufgehen über die Bedeutung der Wurzel. Denn die Kartoffel, die hat Knollen; das ist etwas, was nicht ganz Wurzel geworden ist. Man ißt also, wenn man viel Kartoffel ißt, vorzugsweise Pflanzen, die nicht ganz Wurzel geworden sind. Wenn man sich also beschränkt auf das Kartoffelessen und zuviel Kartoffeln ißt, kriegt man nicht genug in den Kopf hinein. Es bleibt unten im Verdauungstrakt. So daß es also so ist, daß mit dem Kartoffelessen die Menschen in Europa ihren Kopf, ihr Gehirn vernachlässigt haben. Diesen Zusammenhang sieht man erst, wenn man Geisteswissenschaft treibt. Da sagt man sich: Seit Europa diese Kartoffelnahrung immer mehr und mehr überhand genommen hat, seit der Zeit ist der Kopf des Menschen unfähiger geworden. [Steiner, GA 350, Vortrag 18.06.1923]
Hört sich wahnsinnig einleuchtend an, oder? Zumindest für einen Wahnsinnigen tat es das wohl.
Ich kann nur vermuten, Steiner meinte damit, dass die Kartoffel eine Sprossknolle ist, und keine Wurzelknolle wie das Speicherorgan von Rettich oder Möhre. Die Kartoffelknolle ist lediglich verdickter „Stängel“, der in die Erde hineingewachsen ist. Also, liebe Blogger-Professoren: Plagt euch das nächste Mal der Magen, esst Rettich statt Kartoffeln!
Jedenfalls musste ich bei diesem abstrusen Unsinn an einen schönen Ausspruch von Karl Popper denken, den man sogar in der Wikipedia findet:
Jeder Intellektuelle hat eine ganz besondere Verantwortung. Er hatte das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren; dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder „der Gesellschaft“), die Ergebnisse seiner Studien in der einfachsten und klarsten und verständlichsten Form darzustellen. Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann. […] Was ich oben (Punkt 1) die Sünde gegen den heiligen Geist genannt habe – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen. Das Kochrezept ist: Tautologien und Trivialitäten gewürzt mit paradoxem Unsinn. Ein anderes Kochrezept ist: Schreibe schwer verständlichen Schwulst und füge von Zeit zu Zeit Trivialitäten hinzu. Das schmeckt dem Leser, der geschmeichelt ist, in einem so ‚tiefen‘ Buch Gedanken zu finden, die er selbst schon mal gedacht hat.
Dem will ich gar nichts hinzufügen. Im Verschwurbeln von Trivialitäten und paradoxem Unsinn war Steiner ganz groß.
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