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Anthroposophische Weisheiten

03. Oktober 2011, 01:44

In der Heftbeilage der Frauenzeitschrift „Für Sie“ fand ich einige Schätze über die sanfteste aller Heilmethoden des Querdenkers, geheim- und geisteswissenschaftlichen Vorreiters Rudolf Steiner, der uns materialistischen Naturwissenschaftlern in so vielem voraus war. Es geht um Anthroposophische Medizin, besser gesagt, was davon kompatibel mit dem heutigen Lifestyle erscheint.

Die Erkenntnisse der modernen Immunologie bestätigen all das, was der Philosoph Rudolf Steiner und die Frauenärztin Dr. Ita Wegmann schon vor fast 90 Jahren in eine neue individuell geprägte Medizin umsetzten. [FürSie-Beilage]

Steiner war eben Hellseher, was soll ich sonst noch dazu sagen? Seine Vorraussagen sind ausnahmslos eingetroffen, wie etwa diese über die Renaissance der Quecksilbertherapie (Steiner war bekanntermaßen ein Verfechter der Heilung mit Schwermetallen, „Planetenmetallen“):

Und in Bezug auf eben diese Wirkung des Quecksilbers bei syphilitischen Erkrankungen muss man ja erwähnen, dass in der neueren Zeit vieles an die Stelle von Quecksilber gesetzt worden ist. Die berühmten neueren Mittel, die an die Stelle gesetzt worden sind, nicht wahr, sind aber schon heute durchaus erkannt in ihrer nicht ganz einwandfreien Wirksamkeit, und sehr bald wird die Medizin auch auf diesem Gebiete durchaus wiederum zu den Quecksilberkuren zurückgegangen sein. [Steiner, nach Hansson]

Das Heft empfiehlt aber gar keine Einnahme von giftigen Schwermetallen, ganz entgegen Steiners Lehre. Vielleicht sollte man anfragen, weshalb man sich so entschieden hat.

Auch über die Tatsache, dass die Anthroposophische Medizin vor allem auf dem Glauben an Ideen basiert, die sich ein gescheiterter Philosoph einfach nur ausgedacht hat, ohne sie zu überprüfen, geschweige denn, sie einer Kritik zugänglich zu machen, darüber schweigt sich das 35 Seiten starke Beilagenheftchen freilich aus.

Wichtig: Das Auseinandersetzen mit der Krankheit, nicht das Ausrotten […] „Bakterien gelten in der Anthroposophischen Medizin nicht als Ursache von Krankheit, sondern als Ausdruck gestörter Verhältnisse im Organismus, die den Erregern Gelegenheit geben, Fuß zu fassen“, so Prof. Dr. Fintelmann. Antroposophische Medizin ermuntere den Patienten vor allem, sich aktiv mit seiner Krankheit auseinanderzusetzen. [FürSie-Beilage]

Diese menschenverachtende Auffassung von Krankheit – nämlich dass die Ursache für diese bei einem selbst liegt – und die geforderte „Auseinandersetzung“ als Notwendigkeit zur Menschwerdung gipfelt dann etwa in der Praxis, Kinder nicht zu impfen. Infolgedessen gibt es immer wieder Fälle von lokaler Masernepidemien, deren Ursprung man  zu Waldorfschulen und Waldorfkindergärten zurückverfolgen konnte. Dass in der Folge sogar Kinder gestorben sind, interessiert den gemeinen Anthroposophen weniger, denn die Wiedergeburt ist einem toten Kind sicher.

GA 317 30 6 1924

Nein, keine Kinderzeichnung einer Glühbirne und einer hässlichen Voodoopuppe, sondern eine Wandtafelzeichnung Steiners zur Anordnung seiner fantastischen Wesensglieder. Nach etwas Hinsehen zu erkennen: Die Anordnung der Glieder ist im Kopfbereich genau umgekehrt zur Anordnung im restlichen Körper. Weshalb das so sein muss, und weshalb sich jeder Idiot auch jede andere beliebige Erklärung hätte ausdenken können, erfährt man im Anthrowiki, von dort stammt auch dieses Bild.

Die feinstofflichen Wesensglieder kann man sich aber auch ganz anders ruinieren, etwa durch zu viel kritisches Denken und Verkopftsein:

Intellektuelle Menschen mit einem überaktiven Kopfpol etwa neigen dazu, im unteren Stoffwechsel-Gliedmaßen-System zu schwächeln. Das führt leicht mal zu Bauchweh, Durchfall oder Verstopfung. [FürSie-Beilage]

Unsere bloggenden Professoren hätten damit die Ursache ihrer ständigen Verdauungsprobleme gefunden!

Die Verdauung und Ernährung spielt natürlich eine große Rolle, wenn man nach der eigenen Schuld an einer Krankheit sucht:

Eher abgeraten wird von konservierten Nahrungsmitteln, Fertiggerichten, Weißmehlprodukten, zu viel Fleisch und Gemüse aus der Gattung der Nachtschattengewächsem wie Kartoffeln, Tomaten und Paprika. [FürSie-Beilage]

Besonders die Ablehung von Nachtschattengewächsen macht stutzig. Nach kurzer Suche findet man in Steiners Vorträgen aber die Begründung für diese Auffassung:

Also sehen Sie, während wir beim Menschen vom Bauch zum Kopfe gehen müssen, von unten herauf, müssen wir bei der Pflanze den umgekehrten Weg machen. Die Wurzel der Pflanze ist mit dem Kopf verwandt. Wenn wir das bedenken, wird uns gewissermaßen ein Licht aufgehen über die Bedeutung der Wurzel. Denn die Kartoffel, die hat Knollen; das ist etwas, was nicht ganz Wurzel geworden ist. Man ißt also, wenn man viel Kartoffel ißt, vorzugsweise Pflanzen, die nicht ganz Wurzel geworden sind. Wenn man sich also beschränkt auf das Kartoffelessen und zuviel Kartoffeln ißt, kriegt man nicht genug in den Kopf hinein. Es bleibt unten im Verdauungstrakt. So daß es also so ist, daß mit dem Kartoffelessen die Menschen in Europa ihren Kopf, ihr Gehirn vernachlässigt haben. Diesen Zusammenhang sieht man erst, wenn man Geisteswissenschaft treibt. Da sagt man sich: Seit Europa diese Kartoffelnahrung immer mehr und mehr überhand genommen hat, seit der Zeit ist der Kopf des Menschen unfähiger geworden. [Steiner, GA 350, Vortrag 18.06.1923]

Hört sich wahnsinnig einleuchtend an, oder? Zumindest für einen Wahnsinnigen tat es das wohl.

Ich kann nur vermuten, Steiner meinte damit, dass die Kartoffel eine Sprossknolle ist, und keine Wurzelknolle wie das Speicherorgan von Rettich oder Möhre. Die Kartoffelknolle ist lediglich verdickter „Stängel“, der in die Erde hineingewachsen ist. Also, liebe Blogger-Professoren: Plagt euch das nächste Mal der Magen, esst Rettich statt Kartoffeln!

Jedenfalls musste ich bei diesem abstrusen Unsinn an einen schönen Ausspruch von Karl Popper denken, den man sogar in der Wikipedia findet:

Jeder Intellektuelle hat eine ganz besondere Verantwortung. Er hatte das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren; dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder „der Gesellschaft“), die Ergebnisse seiner Studien in der einfachsten und klarsten und verständlichsten Form darzustellen. Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann. […] Was ich oben (Punkt 1) die Sünde gegen den heiligen Geist genannt habe – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen. Das Kochrezept ist: Tautologien und Trivialitäten gewürzt mit paradoxem Unsinn. Ein anderes Kochrezept ist: Schreibe schwer verständlichen Schwulst und füge von Zeit zu Zeit Trivialitäten hinzu. Das schmeckt dem Leser, der geschmeichelt ist, in einem so ‚tiefen‘ Buch Gedanken zu finden, die er selbst schon mal gedacht hat.

Dem will ich gar nichts hinzufügen. Im Verschwurbeln von Trivialitäten und paradoxem Unsinn war Steiner ganz groß.



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Wunderheilungs-Kolonialismus: Homöopathen ohne Grenzen missionieren in Sierra Leone

30. Mai 2011, 15:15

An manchen Tagen bereue ich, überhaupt einen Blick ins Web zu werfen. Heute schwappt die Gülle besonders hoch – und ich rede nicht von den EHEC-Infektionen. Eine Meldung aus dem ARD Hörfunkstudio Westafrika auf Tagesschau.de mit dem Titel „Homöopathen ohne Grenzen: Mit Milchzuckerkugeln gegen Malaria" hat mich vor Entsetzen die Haare raufen lassen.

Malaria

Malaria: nicht etwa „schlechte Luft“ ist für die Erkrankung verantwortlich, sondern der hier abgebildete Erreger Plasmodium falciparum. Zauberei kann gegen ihn nichts ausrichten. (Bild von Ute Frevert und Margarete Shear)

Die inzwischen leidlich bekannten Homöopathen ohne Grenzen, die sich berufen fühlen, in armen und vom Krieg gezeichneten Ländern wie Sierra Leone den Aberglauben in Form von wirkstoff- und wirkungslosen Milchzuckerkügelchen verbreiten, haben in der Blogosphäre eine gewisse traurige Berühmtheit erlangt. Bei Stephan Schleim diskutierten wir darüber, ob sie in medizinisch unterversorgten Gegenden nicht immerhin Trost spenden. Jörg Rings und Florian Freistetter haben sich berechtigterweise über das Treiben der Missionare ausgelassen.

Aktive Schädigung des Gesundheitssystems

Es steht außer Diskussion, dass die Missionstätigkeit der Homöopathen ohne Grenzen überaus schädlich ist, wie dem Tagesschau-Artikel von Alexander Göbel zu entnehmen ist:

Mittlerweile haben die Homöopathen ohne Grenzen auch Sierra Leones Gesundheitsminister überzeugt. Nebenbei bilden sie Krankenschwestern und -pfleger in klassischer Homöopathie aus.

Diese Leute betreiben offenbar aktive Verhinderung von wirkungsvollen Maßnahmen, indem sie medizinisches Personal in vorwissenschaftlichem Hokuspokus unterrichten und Einfluss auf das unzureichende Gesundheitssystem des Landes nehmen. Die infolgedessen für die Homöopathie aufgewendeten Ressourcen sind damit verloren. Wohin die Reise führen kann, wenn Regierungen auf Alternativmedizin statt wirkungsvoller Therapien setzt, kann man an den 300.000 südafrikanischen AIDS-Toten unter Thabo Mbeki ablesen.

Wir lesen im Artikel:

Im Busch von Sierra Leone gibt es oft weder sauberes Wasser noch Strom, dafür unzählige Krankheiten.

Es fehlt also am Nötigsten! Das letzte, was diese Menschen brauchen, sind Leute, die sich vom großen Hahnemann erleuchtet fühlen, und sich am Vertrauen der Unwissenden befriedigen und emotional bereichern. Der Gesundheitsminister sollte sich um wirksame Medizin und Hygienemaßnahmen kümmern, und nicht um die Zauberlehre eines Mannes, dessen Irrlehre nach 200 Jahren nicht falscher sein könnte.

Der scheinbare Gegensatz zwischen Schulmedizin und Alternativmedizin

Das Weltbild der westlichen Homöopathen ist erfahrungsgemäß in eine tiefe Abneigung gegen die „Schulmedizin“ eingebettet, die vom Homöopathie-Erfinder Samuel Hahnemann „Allopathie“ genannt wurde. Vor zweihundert Jahren war es unter Umständen von Vorteil, Placebos zu schlucken, anstatt sich von den damaligen Ärzten behandeln zu lassen. Die vorwissenschaftliche Medizin bestand unter anderem aus solchen ungesunden Praktiken wie Aderlässen oder der Kauterisierung von Wunden, und hat den Patienten oftmals effektiver umgebracht als die Krankheit.

Die moderne, in weiten Teilen wissenschaftlich begründete Medizin ist zwar nicht ohne Makel, hat aber mit Hahnemann's Allopathie nichts mehr gemein. Dagegen bewahrt die Lehre des verdünnten Nichts – ohne Nebenwirkungen, sanft und ganzheitlich – Eltern vielmehr davor, Mittelohrentzündungen mit Antibiotika zu behandeln oder mit anderen ernsthaften Erkrankungen zu einem Arzt zu gehen.

Ich kann nichts gutes daran finden, Bedürftigen wirksame Maßnahmen abspenstig zu machen.

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Homöopathie: Scheiße und Zucker.

Man kann jedenfalls davon ausgehen, dass diese verquere Einstellung auch in Sierra Leone vermittelt wird, obwohl die dortige Situation natürlich unvergleichlich schlechter ist. Während sich die Impfverweigerer und Gobulischlucker hierzulande auf einem Sicherheitsnetz der Normalmedizin ausruhen können, sind die Menschen in Sierra Leone auf sich gestellt.

Missionierung und Wunderheilungs-Kolonialismus

Neben der unzweifelhaft unethischen Einflussmaßnahme auf die Regierung des Landes sehe ich auch im kolonialistischen Gebaren der westlichen Wunderheiler ein Problem. Wie man im Artikel lesen kann, wird den vorgeblich wundertätigen Homöopathen viel Vertrauen entgegengebracht, während den Eingeborenen werden Glasperlen – pardon – Milchzuckerperlen als Medizin verkauft werden. Die sich der indigenen Medizin überlegen wähnenden Homöopathen verarschen die Bewohner eines der ärmsten Länder nach Strich und Faden. Anders kann man es nicht sagen. Denn die Homöopathie ist ein Aberglauben, und jeder der sie wider das Wissen, dass sie nicht besser wirkt als ein Placebo, verbreitet, ist ein Lügner.

Kann man nicht erwarten, dass Belogene und Betrogene skeptisch sein werden gegen andere „westliche“ Wunderdinge wie die antiretroviraler Therapie gegen AIDS?

Immerhin muss man den Verwirrten zugute halten, sie haben erkannt, bei „schweren Verletzungen, bei Diabetes oder Aids“ versagt die Therapie mit Wasser und Zucker. Man hat wohl noch nicht beobachtet, dass Gliedmaßen durch Milchzucker nachwachsen.

Tagesschau.de scheitert an grundlegenden journalistischen Tugenden

Neben der Tätigkeit der Homöopathen ohne Grenzen kann auch die Berichterstattung der ARD kritisieren. Erst einmal tappt der Korrespondent in die Falle der vorgeblich „ausgewogenen Berichterstattung“. Nicht jede Meinung ist gleichermaßen gültig, und auch wenn er einem Zerrbild der „Schulmedizin“ zwar die Rolle der Kritiker einräumt, haben die Argumente der Homöopathen ein ungesundes Übergewicht.

Ich bin schon gespannt, wenn Tagesschau.de ausgewogen über die verschiedenen gleich gültigen und gleich wahren kosmologischen Theorien berichtet.

Ttc

Teach the controversy!

Der geschilderten Erfolgsgeschichte des von Malaria kurierten Dorfältesten darf man ruhig eine Portion Skepsis entgegenhalten. Anekdoten sind das A und O des Scharlatans, und ob es wirklich Malaria war, oder ob der Mann nicht drei Tage später tot umgekippt ist, werden wir wohl nicht erfahren.

Der Autor lässt sich vom Vokabular der Homöopathen vereinnahmen: „Schulmedizin“, „chemische Keulen“, „ganzheitlich“, „ohne Nebenwirkungen“ darf man da lesen. Auch das Popularitätsargument taucht auf. Dabei sind diese hohlen Phrasen und logischen Fehlschlüsse nicht mehr als Täuschungen, auf die man bei oberflächlicher Betrachtung allzu leicht hereinfällt.

Etwas mehr kritisches Hinterfragen des Treibens der Homöopathen wäre angebracht. Im derzeitigen Zustand liest sich der Artikel wie eine Werbeschrift für den Verein, zumal er am Ende prominent verlinkt wird.

Alexander Göbel droht am Ende seines Artikels „die Heilpraktikerinnen lassen sich nicht beirren“ – und da muss man ihm wohl Recht geben. Mit Gläubigen lässt schwer über die Nichtexistenz Gottes streiten.

Den Homöopathen ohne Grenzen ist nicht zu helfen. Ein erster Schritt zur Besserung besteht bekanntermaßen in der Selbsterkenntnis, und Homöopathin Kristina Lotz bringt es im Artikel eigentlich ganz gut auf den Punkt wenn sie sagt „Homöopathie ist Wahnsinn“.

Der Artikel

Tagesschau.de: „Homöopathen ohne Grenzen: Mit Milchzuckerkugeln gegen Malaria

Dank an @mcantwitt, der mich auf den Tagesschau-Artikel hinwies.



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Cranberrysaft nicht wirksam gegen Blasenentzündung

29. Mai 2011, 12:35

Cranberrysaft oder auch Preiselbeersaft* wird ja gern zur Vorbeugung von Harnwegsinfekten empfohlen. In meiner Verwandtschaft und im Freundeskreis scheint das recht beliebt (ok, Stichprobe ist recht klein), wodurch ich mich genötigt sah, das mal etwas eingehender nachzuforschen.

preiselbeeren

Schwedische Preiselbeeren, keine nordamerikanischen Cranberries*

Diese tolle Infografik über Nahrungsmittelergänzungen von „Information is Beautiful“ basiert auf verschiedenen Studienergebnissen, die man öffentlich in dieser Google-Tabelle einsehen kann. Eigentlich ist die Grafik einen eigenen Blogeintrag wert, so toll finde ich die. Die Blasen auf der Grafik konkurrieren um den besten Platz (oben), und je weiter oben die Blase ist, desto stärker die Belege für eine Wirksamkeit.

snakeoil

Was äußerst interessant ist: In der neuesten Version vom 9. Mai 2011, die wohl in Zusammenarbeit mit der Cochrane Collaboration entstanden ist, findet man die Blase für Cranberry nicht mehr auf Höhe der „starken“ sondern nur noch unter den „geringfügigen“ Hinweisen. Ich hatte mich über die alte Version gewundert und Autor David McCandles kontaktiert, der eine Überarbeitung in Aussicht stellte. Mit der neuen Version kann ich mich sehr viel besser anfreunden.

Alt

Die alte Version, hier läuft die Blase noch bei strong, also starker Evidenz.


Neu

Neue Version: Die Blase ist nur noch bei slight, also unter „geringfügigen“ oder „etwas“ Belegen.

In die neue Version sind neue Studiendaten eingeflossen:

Zum ersten Punkt muss man noch sagen: haben die Cochrane-Analysen in der Regel auch eine hohe Qualität, hat Mark Crislip recht, wenn er die Studie mit „man werfe Fäkalien gegen eine Wand, prüfe, ob etwas hängen geblieben ist, und male dann eine Zielscheibe darum herum“, beschreibt. Die Qualität der Meta-Analyse hängt natürlich maßgeblich von der Qualität des Ausgangsmaterials ab. In diesem Fall war das Ausgangsmaterial wohl nicht mehr wert, als eine Palette spanischer Gurken und damit sind selbst die „geringfügigen“ Belege, die die Autoren gefunden haben wollen, mit Vorsicht zu genießen.

Der zweite Punkt ist interessant, und wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es in der EU folgende Regelung: Wenn mit gesundheitlichen Effekten geworben wird, müssen diese zukünftig auch belegt werden. Und zwar mit wissenschaftlicher Literatur! So soll der Verbraucher vor möglicherweise leeren Versprechen wie Joghurt, der „Abwehrkräfte strärkt“, oder Margarine, die den Cholesterinspiegel senkt, geschützt werden. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bewertet die Arbeiten und fällt das Lebensmittel bei der Expertenprüfung durch, ist es vorbei mit der vollmundigen Werbung.

Das Urteil der EFSA-Experten zu der Wirkung von Cranberryprodukten auf Blasenentzündungen war eindeutig: Auf Basis der eingereichten Studien könne man solche Behauptungen nicht stützen. Der Cranberry-Produzent Ocean Spray erhielt also eine Abfuhr, und ich bin sicher, dass es nicht an der mangelnden Literaturrecherche des Herstellers gelegen hat.

Eine dritte Untersuchung kann man hier sicher noch anführen, die dazu auch noch ganz frisch ist, praktisch alle Ansprüche an eine Studie bedient und im Titel schon den Ausgang der Untersuchung verrät: „Kranbeerensaft versagt bei der Vorbeugung von Harnwegsinfekten: Ergebnisse einer randomisierten placebo-kontrollierten Studie“. Cranberrysaft wurde über einen Zeitraum von sechs Monaten an weibliche College-Studenten verabreicht, und die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Einnahme von Kranbeerensaft nicht besser gegen Harnwegsinfekte hilft, als ein Placebosaft. Die Wahl eines Placebosafts (anstatt eines „echten“, neutralen Placebos) halte ich für eine gute Idee, schließlich ist man auf der Suche nach einem spezifischen Effekts von Cranberries.

Das erinnert mich irgendwie an das Phänomen von Studien über die Homöopathie, denn dort gilt: Je besser die Studie, desto kleiner der Effekt.

***

*Preiselbeeren (wissenschaftlicher Name: Vaccinium vitis-ideae, englisch: lingonberry) und Cranberries (Kranbeere, Vaccinium macrocarpon) sind nicht dasselbe, gehören aber der gleichen Gattung Vacciunium aus der Familie der Heidekrautgewächse an. Kranbeeren werden unsinnigerweise oft als Kulturpreiselbeeren vermarktet. Allerdings kommen eine Reihe der möglicherweise wirksamen Stoffe – Proanthocyanide, Tannine, Ascorbinsäure, etc. – typischerweise auch in anderen Angehörigen von Vaccinium wie Preiselbeeren oder Heidelbeeren vor.

Quellen und Links



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Trubel um Heilpflanzenverbot hört nicht auf

29. April 2011, 16:42

Hurra, es gibt eine neue Petition zum nichtexistenten Heilpflanzenverbot! Ich habe bereits an den Zugriffszahlen hier im Blog bemerkt, dass da was im Busch ist. Diesmal wird eine großangelegte Aktion durch Avaaz.org organisiert, nach eigener Auskunft ein „weltweites Kampagnennetzwerk“, das Bürgerstimmen auf politischer Ebene hörbar machen soll, via Mail, Twitter, Facebook, was weiß ich. Schlecht kann ich das basisdemokratische Konzept der Plattform nicht finden, allerdings lässt der aktuelle Fall vermuten, dass bei solcher „Sofa-Demokratie“ die Hemmschwelle zum Mitmachen so niedrig ist, dass sich kaum jemand die Mühe macht, sich mit den Hintergründen des Anliegens vertraut zu machen. Ein Klick ist schnell gemacht, und man kann sich freuen, sich an einer guten Sache beteiligt zu haben.

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Kaum Studien zur Alternativmedizin - wirklich ein Problem der Finanzierung?

02. März 2011, 13:15

Wer hat es nicht schon einmal gehört: Die Pharmaindustrie erforscht nur solches, was sich patentieren und zu Bergen an Geld machen lässt. Mit Homöopathika und Naturstoffen wie Aminosäuren oder Vitaminen ließe sich nicht genug Geld verdienen – der Grund für das mangelnde Interesse der Schulmedizin an diesen Mitteln und Verfahren. Die Hersteller von Alternativmedizin und Nahrungsergänzungsmitteln dagegen hätten keine große Portokasse und könnten sich die teuren Studien zum Wirksamkeitsnachweis nicht leisten. Aber stimmt das?

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Homöopathiekritik in der neuesten Eltern-Zeitschrift!

29. Januar 2011, 14:39

Auf die Eltern-Zeitschrift bin ich meist nicht gut zu sprechen – einige Male habe ich mich über deren unkritische Haltung zu alternativmedizinischen Themen aufgeplustert: hier über verdünnte Blattläuse und hier über die homöopathische Misshandlung von Babys. Umso überraschter war ich, als ich in der jüngsten Ausgabe (02/2011) doch wirklich einen Homöopathie-kritischen Artikel lesen konnte!

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Hopi-Ohrenkerzen – gefährlicher Schwachsinn

01. Januar 2011, 22:56

Ohrenkerzen sie sind für mich der Prototyp der pseudomedizinischen Produkte, die keinerlei Wirkung oder historische Grundlage haben, aber trotzdem einigermaßen populär sind. Zumindest trifft man sie regelmäßig in einschlägigen Katalogen für Naturprodukte und angeblich auch in Reformhäusern an.

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Mistelextrakte gegen Krebs

27. Dezember 2010, 22:02

Was ist Medizin? Ist es Hokuspokus, der auf Magie und vorwissenschaftlichen Aberglauben beruht? Ist es lediglich die Exekutive der Pharmaindustrie, und damit alle Ärzte Erfüllungsgehilfen? Oder ist es ein Heilsystem, basierend auf dem besten Kenntnisstand über unsere Physiologie, basierend auf der Erforschung von Substanz- und Therapiewirkungen, und der kritischen Überprüfung von Wirksamkeit, Sicherheit und Nutzen? Sicherlich ist es derzeit ein Mischung aus alledem, zweifelsohne ist doch aber der letzte Entwurf der erstrebenswerte Zustand. Bezweifelt das jemand ernsthaft?

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Placeboeffekt ohne Täuschung des Patienten?

27. Dezember 2010, 12:12

An dieser Stelle will ich einen kurzen Hinweis auf die derzeit kursierenden Berichte zu dieser Studie hier in PLoS One über die Wirkung des Placeboeffekts geben.

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Häufige Naturheiler-Argumente, eine Zusammenstellung

18. November 2010, 22:21

Zahlreiche Verfechter der Komplementär- oder Alternativmedizin neigen zu gewissen argumentativen Fehlleistungen, wenn es um die Verteidigung ihres Tätigkeitsfeldes geht.

Ich habe versucht, mal zusammenzustellen, was die meistgehörten Pseudo-Argumente sind, denen ich begegnet bin. Eigentlich sind es fast immer dieselben. Viele ähneln sich, aber wenige sind es leider nicht. » weiter

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