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Die Mär vom bösen Hybridsaatgut

11. April 2012, 23:34

Kunstdünger und Pestizide? Teufelszeug! Jeglicher, wenn auch nur peripherer Kontakt von Saatgut zu einem Labor? Blasphemie! "Bio-Saatgut" sei das einzig Wahre, lernen wir in diesem haarsträubenden Artikel von "Nachhaltigleben". Der Text stammt eigentlich von unseren Berufslobbyisten "VielfaltErleben", generelle Vorsicht ist also angeraten und auch angebracht, wenn man solche Phrasen lesen muss:

Die Hybride aus dem Labor indes, sind eine genetische Sackgasse.

Neben solchen Nebensächlichkeiten, und dass man "Hybrid" mit dem griechischen "Hybris" gleichsetzt (ernsthaft!), dass Hybridsorten nicht im Labor gezüchtet werden und einfach mal die Supermarkt-Tomate pauschal als "geschmacksneutral" abstempelt, findet man auch echte Juwelen, bei denen kein Auge trocken bleibt. Hier etwa erklärt man dem ungebildeten Leser, weshalb Schädlingsbekämpfung ganze Ökosysteme bedroht:

Schädlinge fressende Nützlinge kommen nicht mehr zu gespritzten Pflanzen, leiden unter Nahrungsmangel, werden weniger und dienen somit nicht mehr als Futter für nächst größere Tiere wie beispielsweise Vögel. Deren Art ist dann auch wieder bedroht und so weiter.

Ohje. Muss man wirklich erklären, warum das im besten Fall hanebüchener Mumpitz ist? Dass landwirtschaftlicher Flächenverbrauch praktisch immer die Zerstörung von natürlichen Biotopen bedeutet? Dass Hochertragssorten genau das vermeiden sollen und dass Bio-Landbau dabei nicht unbedingt am besten abschneidet? Dass resistente Pflanzen ja exakt bedeuten, dass sie Schädlinge abtöten oder zumindest sich nicht von ihnen auffressen lassen? Und dass im Bio-Landbau auch - wenn auch möglichst schonende - Schädlingsbekämpfung praktiziert wird?

Aber gut, sehen wir darüber ganz großzügig hinweg und kümmern uns um die Kernaussage des Artikels: traditionell gezüchtetes und samenfestes Saatgut sei viel besser als moderne Sorten, die oft Hybrid-Sorten sind. Samenfestigkeit bedeutet hier, dass man im ersten Jahr gewonnene Samen wieder aussäen ("nachbauen") kann, wofür man beim Züchter in der Regel eine Gebühr entrichten muss. Schließlich hat dieser viele Jahre bis Jahrzehnte in die Entwicklung der Sorte investiert und möchte dafür auch etwas zurück bekommen. Der Sortenschutz bietet diese Möglichkeit. Hybrid-Sorten dagegen nutzen den Heterosis-Effekt der Pflanzen aus: kreuzt man zwei genetisch reinerbige Elterpflanzen, haben die Nachkommen (Hybride, von lat. hybrida = Mischling, nix mit Hybris) mitunter sehr viel mehr Ertrag als die Elternpflanzen. Die Genotypen der nachfolgenden Generationen vermischen sich aber zunehmend, sodass diese in der Regel weniger Ertrag bringen. Also kauft der Landwirt das Saatgut beim Hersteller nach. Das lohnt sich, denn er muss sein Saatgut sonst selbst ernten, reinigen, beizen und hat weder eine garantierte Reinheit, noch eine garantierte Keimfähigkeit. Das Nachkaufen hat also einen echten Mehrwehrt für den Landwirt, nicht nur Nachteile, wie im Artikel suggeriert.

Die Kehrseite ist die Abhängigkeit vom Hersteller, den man aber für mistige Ware auch zur Rechenschaft ziehen kann. Aber natürlich ist es immer gut, auf samenfeste Sorten zurückgreifen zu können, um weniger abhängig sein zu können. Man ist schließlich auch auf die Auwahl an Sorten durch die Hersteller festgelegt, im Sinne der Arten- und Sortenvielfalt ist die Entwicklung dieser nachbaufähigen Sorten zu begrüßen.

Aber trotzdem: Niemand hindert einen daran, sortenfestes Saatgut anzubauen und zu verkaufen. Dass diese Sorten offensichtlich so unpopulär sind, kann man nicht ausschließlich damit erklären, dass Konzerne ihre Macht um Abhängigkeitsverhältnisse ausspielen. Ich vermute, dass aus der Sicht des Landwirts zu wenig gegen die zahlreichen Hybridsorten spricht und traditionelle Sorten einfach unökonomisch sind, aus welchen Gründen auch immer. Denn die Einstellung auf "Bodengegebenheiten", eine "planbare Erntezeit, bestmöglicher Geschmack sowie wertvolle Inhaltstoffe, und, nicht zuletzt, ein ansprechendes Aussehen" sind nicht etwa Alleinstellungsmerkmal von konventionellem "Bio-Saatgut", damit wird in der Regel Hybridsaatgut beworben.

Ich finde, die Situation ist durchaus komplexer, als es der tendenziöse Artikel darstellt. Etwas Differenzierung hätte ihm gut zu Gesicht gestanden. Warum also werden in dieser Art von Artikeln vor allem dumme Vorurteile bedient? Warum muss immer an "Natürlichkeit" und das Idyll der Landwirtschaft des vorletzten Jahrhunderts apelliert werden? Ganz einfach: um es dem Leser leicht zu machen und ihm den Bauch zu pinseln. Und weil "VielfaltErleben" ein Lobbyverein ist, der nicht anders kann.

Hinweis: Heute vormittag habe ich mich gegenüber dem geschätzten Twitter-User @entropie42 recht negativ über den Artikel geäußert. Hier kann ich aber viel besser erklären, was mich an dem Artikel gestört hat, als in dem 140-Zeichen-Medium. Dass ich nun wenig erklärt hab, und viel mehr gemeckert, ist nicht so schlimm, finde ich, denn ich fühle mich schon gleich viel besser.

Hinweis 2: Der Artikel ist auf einem iPad mit Textastic erstellt worden, und von Hand escaped, weil unser Blogsystem kein Unicode kann und auch keine iPads mag. Man möge mir eventuelle Fehler und die niedrige Zahl Links nachsehen. Geflattred werden darf natürlich trotzdem, einfach den Link in der Seitenleiste nehmen.



Geschrieben in Ernährung , Bio , Pflanzenphysiologie | 23 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Bio-Mondscheinkäse, an Lichtblüten-Tagen gekäst

18. April 2011, 21:00

Ein ziemlicher Ausnahmekäse hat mich in einem Berliner Supermarkt angeschaut: Ein laktosefreier Biologisch-dynamischer Mondscheinkäse, der dazu noch an Licht-Blütentagen gekäst wurde, und dessen Rinde mit Aqua-Luna-Wasser gepflegt wurde! Kein Witz, der folgende superesoterische Wunderkäse steht vermutlich tausendfach in deutschen Supermärkten.

Mondscheinkaese

Leider hab ich das Demeter-Zeichen ganz oben nicht mitfotografiert.Der Käse ist damit auch „Bio-Dyn“ und ganz besonders esoterisch. 

Fotografiert hab ich's und bei Twitter gepostet – nachdem das Bild dann sogar auf der Twitter-Startseite aufgetaucht ist, und ich mich vor Retweets nicht mehr retten konnte, dachte ich mir, mache ich doch einfach einen eigenen Blogartikel draus! Offenbar amüsiert der Eso-Käse die Leute :) 

Was steckt dahinter?

Über „Bio“ müssen wir uns nicht weiter unterhalten, ich denke, jeder weiß, was das ist. Darüber, dass Bio-Produkte vor allem ein gutes Image haben und  bei umweltbewussten Kunden besonders gut ankommen, hatte ich ja letztens erst berichtet.

Nächster Punkt: Der Mondschein im Mondkäse – was soll das denn bitte sein? Mit etwas Phantasie lässt sich das „Aqua-Luna-Wasser“ damit in Verbnindung bringen, mit der die Rinde behandelt wurde. Laut Esowatch ist „Mondwasser“ bei Vollmond abgefülltes Wasser, besondere Kräfte inklusive. Gerade bei Rudolf Steiners anthroposophischer Heilslehre haben die Himmelskörper eine besondere Bedeutung, auch der Mond. Im Anthrowiki liest man:

Die Ätherströme, die von regelrecht entwickelten Geistern der Weisheit vom Mond herabgesendet werden, haben auf Erden das Silber erzeugt. Silber ist gleichsam verdichtetes Mondenlicht. In der Sprache entspricht dem Mond der Vokal EI. Im Pflanzenwachstum werden die Wachstumsknoten bzw. der Fruchtknoten durch den Mondeneinfluss gebildet, und unter den Bäumen entspricht die Kirsche dem Mond.

Ich rate im Übrigen dringend davon ab, die Originalzitate von Steiner zum Mond zu lesen – die Gefahr einer akuten Gehirnverschwurbelung besteht!

Nun ist die Molkerei „Andechser Natur“ offenbar kein ausdrücklich anthroposophisches Unternehmen, anders als etwa der Kosmetikhersteller Weleda. In Andechs wird wohl nach biologisch-organischem Standard gearbeitet, und nicht biologisch-dynamisch. Kein Eso-Käse ist perfekt, wie es scheint, bio-dyn wäre doch wohl das Mindeste gewesen, wenn man schon so einen Käse fabriziert, oder? Nachtrag: Wie Mona in einem Kommentar weiter unten schreibt, ist der Käse laut Produktseite mit Demeter-Kuhmilch hergestellt (das Demeter-Zeichen auf der Packung hab ich wohl beim Fotografieran abgeschnitten). Und alles was „Demeter“ heißt, ist, soweit ich weiß, biologisch-dynamisch und anthroposophisch-steinerianisch. Also doch der perfekte Bio-dynamische laktosefreie Mondscheinkäse? 

Die Andechser-Molkerei hat womöglich versucht, sich mit dieser erstaunlichen Anhäufung von Esoteriker-Vokabeln (nach dem Motto „viel hilft viel“?) die Hardcore-Klientel der Reformhäuser zu angeln. Anders kann ich mir den letzten Punkt, nämlichen das Käsen an „Wärme-Fruchttagen“ und „Licht-Blütentagen“ nicht erklären. Eine Googlesuche nach dem letzen Begriff fördert nur Berichte über den Käse selbst zutage. Noch ein Nachtrag: Wärmetage und Blütentage stammen offenbar aus dem Mondkalender (Dank an Kommentator Schwurbel).

Trotzdem: das ist alles wohl nur ein ausgesprochen plumper Griff in den Grabbeltisch der esoterischen Marketingbegriffe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand den Käse kauft, weil er den Käse glaubt, der da vorn aufgedruckt ist. 

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Bio-Lebensmittel profitieren vom Halo-Effekt

13. April 2011, 21:05

Den Halo-Effekt, also dass bestimmte als positiv wahrgenommene Eigenschaften andere Eigenschaften überstrahen, kennt wahrscheinlich jeder aus seiner eigenen Erfahrung. Es fällt einem leicht, gutaussehenden oder charismatischen Menschen mehr Kompetenz zuzuschreiben. Das gute Image von Apple's iPod soll auf andere, weniger erfolgreiche Apple-Produkte abfärben. Oder sogar dokumentiert: man nimmt in als „gesund“ beworbenen Fast-Food-Restaurants mehr Kalorien zu sich, als in „normalen“ Fast-Food-Restaurants, weil offenbar das Gesundheitsversprechen die negativen Aspekte des Junk-Foods überstrahlt.

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Demonstration der Wohlstandsmaden

22. Januar 2011, 13:42

Man muss nur die richtigen Knöpfchen drücken, dann kommen die Demonstranten von ganz allein: Heute gehen in Berlin die Menschen auf die Straße, weil sie Gentechnik, industrialisierte Landwirtschaft und billige Lebensmittel voll blöd finden.

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Objektive Bewertung von Pestizidrückständen vs. gefühltes Risiko

22. August 2010, 13:54

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist eines meiner Lieblingsquellen, wenn es um alltäglich relevante Informationen zu Gefahren durch Inhaltsstoffe in Lebensmitteln geht.

Das BfR führt seit einigen Jahren regelmäßig sogenannte Stakeholderkonferenzen durch, welche übergeordnete gesellschaftspolitische Fragestellungen thematisieren. In einem Tagungsband werden diese Veranstaltungen dokumentiert, und derjenige für die Konferenz von 2009 wurde kürzlich veröffentlicht. Das Thema lautete „Sicherer als sicher? – Recht, Wahrnehmung und Wirklichkeit in der staatlichen Fürsorge“ und beinhaltet hübsch zusammengefasst wichtige Punkte zum Risiko von Pestizidrückständen und der Kommunikation dieses Risikos. Der Vortrag von Andreas Hensel, Präsident des BfR, thematisiert Pestizidrückstände im Rahmen von „gefühlten und subjektiven Risiken“. Ich gebe hier ein paar interessante Punkte wieder. » weiter

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Ist „Bio“ besser (3): Produktionsqualität und Umweltschutz

15. August 2010, 12:36

Anknüpfend an meinen früheren Artikel über die gesundheitlichen Effekte von Bio-Lebensmitteln will ich endlich den Artikel über Umweltaspekte auf die Halde schieben. Ich werde sowieso nie fertig mit der Recherche ... » weiter

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Untergang des Abendlandes: Pestizidrückstände auf Strauchbeeren

11. August 2010, 19:50

Greenpeace erklärte Ende Juli aufgrund einer hauseigenen Untersuchung, dass Strauchbeeren aus konventioneller Landwirtschaft gesundheitsgefährdende Rückstände von teilweise illegalen Pestiziden aufweisen würden. Politisch korrekte Bio-Produkte seien dagegen pestizidfrei gewesen. » weiter

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Ist „Bio“ besser? (2): Ist Bio-Essen gesünder?

05. April 2010, 15:51

Folgendes Bild wird einem von Bio-Produkten vermittelt: „Bio“ ist ein Garant für saubere, natürliche und politisch korrekte Lebensmittel. Bio-Käufer haben das Gefühl,etwas gutes für sich und die Umwelt getan zu haben. Das geht so weit,dass an anderer Stelle moralische Entscheidungen darunter leiden können.Vor allem soll Bio aber gesund sein. Dabei gibt es keinen Grund,anzunehmen, dass der Verzehr von Bio-Lebensmitteln anstelle von„konventioneller“ Kost einen signifikanten gesundheitlichen Effektbewirkt. » weiter

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Ist „Bio“ besser? (1): Was ist Bio?

04. April 2010, 15:10

Wohl jeder ist inzwischen mit Produkten aus „biologischer“ oder„ökologischer“ Landwirtschaft in Berührung gekommen und hat gewisseVorstellungen von dieser Thematik. In der folgenden Artikelreihe willich versuchen, einen rationalen Hintergrund für oder gegen eineKaufentscheidung von Bio-Lebensmitteln zubegründen. Dabei will ich als erstes auf gesundheitliche Aspekteeingehen, später betrachten, ob es Vorteile für Bauern, Händler undUmwelt gibt und (wenn alles gut geht) ob es neben der biologischen Landwirtschaft auch andere Alternativen zur konventionellen Ackerbau und Tierhaltung existieren. » weiter

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