05. April 2011, 20:40
Zwei französische Wissenschaftler, die jeweils zwei Lobbygruppen angehören, bekriegen sich vor Gericht. Professor Gilles-Eric Séralini von der gentechnikkritischen CRIIGEN sah seinen Ruf durch eine „Schmierenkampagne“ der Gentechnikbefürwortergruppe AFBV bedroht. Diese hätte Séralinis Arbeiten in Presseschreiben als unwissenschaftlich beschrieben. Prof. Marc Fellous von AFBV meinte, dass Séralini „in erster Linie Aktivist“ sei und er keine unabhängige Forschung betreiben würde: Immerhin würde ein Teil seiner Arbeit von Greenpeace finanziert werden und damit seine Unabhängigkeit fragwürdig. Dagegen zog Séralini vor Gericht.
Das Gericht befand im Januar 2011, dass die Aussage, dass Séralinis „intellektuelle Integrität“ durch die Abhängigkeit zu Greenpeace beeinträchtigt würde, in der Tat diffamierend sei. Die restlichen Vorwürfe seien allerdings Teil der „wissenschaftlichen Debatte“. Fellous bzw. AFVB müssen 1000 Euro Strafe zahlen, haben aber das Recht, Berufung einzulegen.
Die Studien - wirklich kein Interessenskonflikt?
Um welche Studien handelt es sich überhaupt? In den Jahren 2007 und 2009 veröffentlichte Séralini zwei Studien, die teilweise durch Greenpeace finanziert worden sind [1,2]. Dabei ging es um die Neu-Bewertung von Daten aus einer Fütterungsstudie an Ratten, die im Rahmen des Zulassungsverfahrens zu transgenem Mais von Monsanto erhoben wurden. Diese eigentlich vertraulichen Daten wurden im Jahr 2005 durch ein Gerichtsverfahren in Deutschland freigeklagt und Séralini wurde von Greenpeace ermuntert, diese Daten neu auszuwerten. Man muss dabei natürlich nicht lange rätseln, welche Ergebnisse Greenpeace am Ende gern gesehen hätte – und vielleicht auch, weshalb die Wahl dabei auf Séralini fiel.
In den Acknowledgements, in denen meist die Verbindungen und Finanziers der Arbeit dargelegt werden, sieht man folgendes:
This work was supported by Greenpeace Germany who, in June 2005, won the Appeal Court action against Monsanto, who wanted to keep the data confidential. [2]
und
Greenpeace contributed to the start of the investigations by funding first statistical analyses in 2006, the results were then processed further and evaluated independently by the authors. [1]
Mag sein, dass wirklich keine finanzielle Abhängigkeit von Greenpeace vorlag, aber zumindest eine ideologische scheint es doch zu geben. Séralini ist Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der bereits erwähnten Lobbyorganisation CRIIGEN. Diese lief Anfang des Jahres Sturm gegen einfache Gentechnik-Experimente in französischen Klassenzimmern [3] – man hatte dort Angst, dass die Technologie „trivialisiert würde“. Seralini foderte jedenfalls ein Moratorium gegen die trivialen Experimente mit ungefährlichen Organismen und hatte keinerlei Argumente vorzuweisen. Es wurden damit nur Ängste vor der neuen Technologie geschürt. Lars Fischer von nebenan bescheinigte den Initiatoren „wissenschaftsfeindlichen Fundamentalismus“ [4] – zu Recht.
In den Publikationen der letzten Jahre zeigte Seralini immer wieder, dass etwa das Pestizid Glyphosat oder eben gentechnische veränderte Pflanzen schädlich für die Gesundheit seien, offenbar im Gegensatz zu dem herrschenden Konsens.
In der europäischen Zulassungsbehörde EFSA lägen laut CRIIGEN außerdem zu viele personelle Interessenskonflikte vor. Die EFSA sei nicht unabhängig genug. Der EFSA eine zu laxe Zulassungspraxis vorzuwerfen, scheint aber ziemlich vermessen zu sein: Die Zulassungsforderungen der EU zählen als die strengsten weltweit, und im Gegensatz zu den USA sind gentechnisch veränderte Pflanzen ziemlich unpopulär. Für mich passt hier die Realität mit den Vorwürfen nicht so recht zusammen.
Validität der Ergebnisse
Aber ganz abgesehen von den möglichen Interessenskonflikten und ideologischen Eventualitäten ist an den fraglichen Arbeiten von 2007 und 2009 offenbar nicht viel dran. Es scheint, als hätte Seralini Monsantos Daten so lange mit statistischen Methoden geschunden, bis er ein statistisch signifikantes Ergebnis in der Hand hielt. Mir fehlt aber das statistische Handwerkszeug, seine Ergebnisse wirklich bewerten zu können.
Statistische Signifikanz hat auf jeden Fall nicht unbedingt eine praktische Bedeutung, so viel ist klar. Die Relevanz von Séralinis Ergebnissen wurde deshalb von vielen Seiten angezweifelt. Auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sah keinen Anlass für eine Neubewertung:
Nach der Erfahrung des BfR sind Veränderungen und natürliche Schwankungsbreiten, wie sie in der in Rede stehenden 90-tägigen Fütterungsstudie aufgetreten sind, grundsätzlich nicht ungewöhnlich. Außerdem zeigten die bei den Blut- und Urinanalysen beobachteten statistisch signifikanten Unterschiede kein konsistentes Muster, insbesondere hinsichtlich einer Dosis-Abhängigkeit.
Eine „hepatorenale Toxizität“ von dem Mais MON863 würde die Neuanalyse nicht ergeben, befand nicht nur Monsanto selbst, sondern auch die australisch-neuseeländischen Zulassungsbehörde FSANZ (hier die Stellungnahme zur 2009er-Studie), und die europäische EFSA. In Blogs wie Academics Review und GMO Pundit wurden die Ergebnisse auch ordentlich auseinandergenommen.
Statistische Signifikanz ist eben nicht dasselbe, wie „praktische Signifikanz“ [5]. Statistische Signifikanz bedeutet in der Biologie nichts ohne den jeweiligen biologischen Kontext. Ein P-Wert sagt ohne eine Einordnung in das Große Ganze® nichts darüber aus, wie relevant die Ergebnisse im echten Leben sind. Ioannidis [6] und Goodman [7] haben einige lesenswerte Dinge zu diesem Thema geschrieben, Goodman im Hinblick auf medizinische Studien, was der Sache aber keinen Abbruch tut.
Dazu kommt, dass die Gültigkeit eines publizierten Ergebnisses mit seiner Reproduzierbarkeit steht und fällt. Soweit es meine Recherchen ergeben haben, sind keine derartigen Effekte nochmals publiziert worden.
[Frage an die Leser: Wisst ihr mehr?] Eher im Gegenteil: es gab weitere Fütterungsstudien mit den von Seralini
et al. untersuchten transgenen Maissorten, wie ich bei Academics Review [8] lesen konnte. Diese dort genannten Studien stammen allerdings von Monsanto.
Es scheint, als wäre Séralini entweder „Überzeugungstäter“ oder ein Whistleblower, der sich mit einer weitgehend bezahlten Wissenschaft anlegt. Egal, welches Bild nun wirklich besser zutreffen sollte, es ist klar, welches das populärere ist.
Das Kreuz mit der Unabhängigkeit
Ich finde die Auseinandersetzung insgesamt sowieso ziemlich albern. Denn ich halte es für zweitrangig, ob Ergebnisse nun unabhängig erlangt worden sind, oder eben nicht. Die Wissenschaft ist ein langfristig selbstreinigender Prozess, und Daten fälschen oder erfinden darf selbst die Industrie nicht – das ist zu plump und würde jedem, der versucht, die Ergebnisse nachzuvollziehen, sofort auffallen. Umgekehrt ist wissenschaftliche Unabhängigkeit auch im Gentech-Bereich noch lange kein Garant für hochwertige Ergebnisse, wie man an der kontroversen Pusztai-Studie gesehen hat. Pusztai hatte seine Versuchstiere fehlernährt und versuchte dann, die Effekte auf das Transgen zu schieben.
Natürlich hat die Pharma- und Gentechnikindustrie einen gewissen Spielraum, um zu tricksen, schließlich will man die teuer entwickelten Produkte nicht gleich auf den Müll werfen. Experimente kann man zum Beispiel einfach abbrechen, wenn man die gewünschten Resultate hat, obwohl diese sich im späteren Versuchsverlauf ja noch ändern könnten. Man kann diese positiven Ergebnisse dann geschickt mehrmals an mehreren Stellen veröffentlichen, um das Gesamtbild der Publikationen zu verzerren. Oder man publiziert nur noch solches, was das gewünschte Resultat erbracht hat und lässt negative Ergebnisse einfach in der Schublade.
Bedenkt man, dass Séralinis gefundene Signifikanzen wohl keine biologische Relevanz haben, kann man ihm vorwerfen, das gemacht zu haben, was „die Industrie“ auch gern macht: eine Überhöhung der Ergebnisse. Die Daten geben in diesem Fall gar nicht her, was man in der Diskussion so schön ausgeschmückt hat. Hier zeigt sich besonders deutlich, ob der Versuchsleiter mit Vorurteilen an die Untersuchung heran gegangen ist, finde ich
Schlusswort
Jemand, der allen anderen Abhängigkeit durch Interessenskonflikte vorwirft, kann mit diesem Vorwurf selbst nicht umgehen und muss seine „Wissenschaftlerehre“ durch ein Gerichtsverfahren wiederherstellen lassen? Muss das denn sein?
Ich bleibe jedenfalls skeptisch und traue Séralinis Unabhängigkeit mit Gerichts-Gütesiegel immer noch nicht über den Weg. Denn schaut man in eine seiner 2010 erschienenen Veröffentlichungen, in der er ein paar Kritikpunkte zu diskutieren scheint, fällt mir auf, dass schon seine Prämissen für die Notwendigkeit umfassender Tests ziemlich zweifelhaft sind:
Nutritional tests with weight, bone mass, and for instance milk or meat production are available, as well as acute toxicological tests with recombinant proteins, in vitro digestibility of transgenic proteins, and limited compositional analysis among other data. However, the possible chronic side effects of pesticide residues are not scientifically assessed, whereas these edible GMOs were modified in order to either tolerate or produce such residues in the first place. In addition, unpredictable metabolic effects, such as metabolic interferences, or direct or indirect insertional mutagenesis consequences cannot be excluded. [...] The frequency of such events in comparison to classical hybridization is by nature unpredictable and new proteomic technologies have shown to be effective in evaluating the potential collateral effects due to insertional mutagenesis.
Also auch wenn man das neue, rekombinante Genprodukt toxikologisch getestet habe, seien bestimmte Wechselwirkungen mit Pestiziden irgendwie nicht ausgeschlossen, und sowieso seien die disruptiven Effekte auf das Pflanzengenom unvorhersehbar.
Das ist hanebüchener Unsinn: Nicht alle GMOs werden gemacht, um ohne Ende mit Pestiziden besprüht zu werden. Und die Gefahr, die von einem transgenen Organismus ausgeht, hängt in allererster Linie von seinem Transgen ab. Ein Apfel, der ein Gen für ein hochtoxisches Protein enthält, ist fraglos gefährlicher, als etwa ein Apfel, der ein Gen für die Farbstoffproduktion in seinem Fruchtfleisch von einer anderen Apfelsorte bekommen hat.
Der letzte Punkt in dem obigen Zitat bezieht sich darauf, dass Gentechnik per se invasiver sein müsste, als etwa normale Züchtungsmethoden. Die genannten „Kollateraleffekte“ durch die Integration des fremden Gens in das eigene Genom an zufälliger Stelle erscheinen geradezu lächerlich, wenn man sich überlegt, wie Pflanzen in der Mutationszüchtung malträtiert werden. Zudem haben Proteomanalysen gezeigt, dass „genetische Manipulation“ weniger invasiv sind, als Züchtung oder sogar Umwelteinflüsse.
Und der Ruf nach immer mehr, immer umfangreicheren, und vor allem immer längeren Langzeitstudien ist uns eigentlich schon von den Impfgegnern und anderen Aktivistengruppen bekannt. Die wollen am liebsten Langzeitstudien über mehrere Jahrhunderte. Dabei ist es viel wichtiger, dass man vernünftige Standards zur Risikobewertung etabliert und auch einhält. Die Monsanto-Studie scheint sich an diese Standards gehalten zu haben.
Literatur und Links
[1] de Vendômois, J. S., Roullier, F., Cellier, D., & Séralini, G. (2009). A comparison of the effects of three GM corn varieties on mammalian health. International journal of biological sciences, 5(7), 706-726. PMID: 20011136
[2] Séralini, G., Cellier, D., & de Vendômois, J. S. (2007). New analysis of a rat feeding study with a genetically modified maize reveals signs of hepatorenal toxicity. Archives of environmental contamination and toxicology, 52(4), 596-602. doi:10.1007/s00244-006-0149-5
[3] Barbara Casassus, Transgenic bacterium sparks row in French schools. Nature News doi:10.1038/news.2011.61
[4] Lars Fischer, Gentechnik in die Schule! SpektrumDirekt, 03.02.2011
[5] David Tribe, GMO statistics Part 10: The King of Hearts is NOT equivalent to the King of England.
[6] Ioannidis, J. P. A. (2005). Why Most Published Research Findings Are False. PLoS Medicine, 2(8), e124. doi:10.1371/journal.pmed.0020124
[7] Goodman, S. N. (1999). Toward evidence-based medical statistics. 1: The P value fallacy. Annals of internal medicine, 130(12), 995-1004. PMID: 10383371
[8] Academics Review.com: 1.3—Bt Corn Statistics Don’t Lie
[9] de Vendômois, J. S., Cellier, D., Vélot, C., Clair, E., Mesnage, R., & Séralini, G. (2010). Debate on GMOs health risks after statistical findings in regulatory tests. International journal of biological sciences, 6(6), 590-598. PMID: 20941377
Geschrieben in
Molekularbiologie
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