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Wir müssen reden: über Tierversuche

23. April 2012, 22:52

Von Zeit zu Zeit wird der gemeine Laborbiologe mit der harten Realität ausserhalb des Elfenbeinturms konfrontiert, und so eine Situation ist letztens auf unserem Campus eingetreten. Es hatte sich eine Delegation aus Tierversuchsgegnern angekündigt, die gegen die „unnötige Tierquälerei“ am Max-Delbrück-Zentrum und den Neubau eines neuen Tierhauses demonstrieren wollte. 

Es fanden sich dann vor dem Pförtnerhäuschen um die acht Leute ein, die sich in Position brachten, ein wenig filmten und anschießend wieder abzogen. Das Resultat darf bei YouTube bewundert werden:


Direktlink

Es fällt schwer, so etwas ernst zu nehmen, weshalb Aktionen dieser Art von Wissenschaftlern und Involvierten gern als Spinnerei abgetan werden. Es ist für Mediziner/innen oder Biolog/innen, die tagtäglich mit Ergebnissen von Tierversuchen hantieren, schwer vorstellbar, dass jemand die Wichtigkeit von Modellorganismen anzweifelt. 

Denn wer radikal gegen Tierversuche ist, ist für Menschenversuche. Das gilt vor allem für die Arzneimittelforschung. Es reicht nicht, nur einen Wirkstoff zu finden, es muss anschließend geprüft werden, ob er auch gefahrlos einzunehmen ist. Und das macht man idealerweise nicht in Menschen. Die Entwicklung eines Medikaments vollzieht sich heute über mehrere Stufen, in denen es zuerst in verschiedenen zell- und computerbasierten Verfahren getestet wird, dann in verschiedenen Tiermodellen und zuletzt in Affen und dann in Menschen. Ziel ist es, schädliche Wirkungen möglichst früh zu erkennen. Ziel ist es, schädliche Wirkungen am Patienten zu vermeiden.

Analog gilt das auch für die Lebensmitteltoxikolgie: Sichere Lebensmittel werden zwar gefordert, dass aber für die Tests, ob Substanzen krebserzeugend oder fruchtschädigend sind, tausende Nager ihr Leben lassen müssen, wird in diesem Moment ausgeblendet. Zell-Assays können keinen Organismus abbilden, aber es gibt schon allein wegen der EU-Maßnahme REACH einen großen Bedarf an ökonomisch und ethisch vetretbaren Alternativen. Man kann darüber streiten, ob in der Vergangenheit genug in Alternativen investiert wurde. Fakt ist aber, dass der Stand der Wissenschaft es nicht erlaubt, auf Tiermodelle voll zu verzichten. Zellen haben keine Sinneswahrnehmungen, kein Verhalten, betreiben keine Fortpflanzung und haben nicht einmal einen Stoffwechsel.

Selbst wenn man fordert, dass Tierversuche nur einen direkten Nutzen haben dürfen, macht das nur oberflächlich gesehen Sinn. Schließt man die Grundlagenforschung aus, schneidet man den Weg zu neuen Erkenntnissen ab, die mitunter zu neuen Therapiemöglichkeiten führen können. Hier kann man vermutlich am wenigsten auf Modellorganismen verzichten. 

 

Tierschutzorganisationen wie die „Ärzte gegen Tierversuche“ bestimmen die öffentliche Meinung, wenn es um dieses Thema geht. Wissenschaftler und die an Tierversuchen beteiligten Firmen, Behörden, Universitäten und Forschungsinstitute haben es versäumt, in der Öffentlichkeit ein entsprechendes Gegengewicht zu etablieren. Das führt so weit, dass Fluggesellschaften den Transport von Primaten zu Forschungszwecken verweigern, mit der Folge, dass die nötigen Versuche ins Ausland mit einem weniger starken Tierschutz verlagert werden.

Wir Wissenschaftler/innen täten gut daran, dieses Thema ernster zu nehmen und die Notwendigkeit von Tierversuche nach außen zu kommunizieren. Das Thema ist unangenehm, und niemand wird gern öffentlich erklären wollen, warum er oder sie täglich Mäusen den Kopf abschneiden muss. Es ist schwierig, Leute zu finden, die sich  öffentlich für das Thema einsetzen. Was wir bräuchten, ist eine Initiative „für“ Tierversuche, ähnlich der britischen ProTest-Bewegung.

Eine Gelegenheit, Position zu beziehen, bietet sich morgen (24. April), wenn in der Urania Berlin eine Podiumsdiskussion stattfindet: „Die Zeit ist reif für eine Forschung ohne Tierversuche.

Auf dem Podium wird man antreffen:

  • Undine Kurth (MdB, Grüne)
  • Prof. Horst Spielmann, Institut für Pharmazie, FU Berlin und ehemaliger Leiter der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatzmethoden zu Tierversuchen ZEBET
  • Roman Kolar, Stellvertretender Leiter der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes
  • Gerald Hübner, 2. Vorsitzender der Tierversuchskommission des Landes Berlin
  • und als Moderatorin Ines Krüger vom MDR.

Wer kommt mit und lockert das Publikum mit etwas Insider-Informationen auf?

Update: Vorraussichtlich werde ich nicht mitkommen können (zu kurzfristig für die üblichen Babysitter), es wäre aber schön, wenn ich mit diesem Beitrag jemand animieren könnte, an der Diskussion teilzunehmen.



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Der Sprung von der akademischen Wissenschaft in die Industrie

28. März 2012, 20:55

Nicht wenige junge Naturwissenschaftler/innen versuchen nach der Promotion in der Industrie Fuß zu fassen. Man verspricht sich davon, die zeitraubende universitäre Lehre, den Publikationswahnsinn und die oft endlosen Überstunden gegen ein geregeltes Arbeitsleben zu tauschen, auch wenn dabei etwas Freiheit verloren geht. Im Gegenzug kann man produktorientiert arbeiten und dabei Grundlagenforschung in etwas direktNutzbares umsetzen.

In Deutschland stehen die Chancen dafür vergleichsweise gut: es wird sogar traditionell in vielen Bereichen der außeruniversitären Forschung ein Doktorgrad vorausgesetzt, während etwa in den USA darauf eher weniger Wert gelegt wird.

Meine Gastautorin Maria H. ist eine Freundin von mir, Biologin, derzeit noch Doktorandin an einem Max-Planck-Institut und im Bereich der Pflanzenforschung und Molekularbiologie tätig. Sie berichtet von der Stellensuche in der Industrie und hat, wie ich finde, einige wertvolle Hinweise für angehende Industrie-Wissenschaftler. In ihrem neuen Blog " From Science to Business" wird man ihre Erfahrungen verfolgen können.

Ende Februar habe ich meine Dissertation nach guten 3 Jahren Laborarbeit eingereicht, und zu diesem Zeitpunkt bin ich auf ein neues Problem gestoßen:

Während langer Abende, Wochenenden oder einfach bloß anstrengenden Tagen in meinem Institut geisterte immer eine Illusion durch meinen Kopf: nach der Doktorarbeit arbeite ich in der Industrie! "Magische Industrie" nenne ich sie auch gerne, denn so richtig weiß eigentlich keiner, was das sein soll und wie man da hinkommt. Genau das probiere ich gerade aus und möchte mein Wissen darüber gern teilen, vermehrten und vielleicht muss ich es einfach auch nur loswerden.

Beginnen sollte man wahrscheinlich damit, sich zu überlegen, was man eigentlich den ganzen Tag bei der Arbeit in der "Industrie" tun möchte und kann. Oder eben damit, Stellen zu suchen, die irgendwie passend und spannend klingen. Ich hab mit letzterem angefangen und fleißig das Internet durchsucht. Sehr empfehlen möchte ich die Suchmaschinen auf JobVector und Academics.de auch SCIENCE-JOBS-DE, die Jobbörse der Uni Heidelberg, ist ganz hilfreich.

Ich bin ein Fan von Seiten, die einem automatisch nach einmaligem Speichern meiner Suchwörter wöchentlich ganz von alleine neue Stellenanzeigen zuschicken. Man kann auch ewig selbst suchen, aber dafür gehen Tage drauf, und ich bin immer noch im Labor und "beende" noch einige Projekte. Außerdem läuft mein Stipendium zum Glück noch bis zu meiner Verteidigung, ich kann mir also ein wenig Zeit lassen.

Hat man dann also eine schicke Stelle gefunden, kommt der nächste Schritt: Bewerbung schreiben, Zeugnisse einscannen, Lebenslauf und Publikationsliste (wenn vorhanden), alles muss fehlerfrei und perfekt formatiert aussehen, mal abgesehen vom Inhalt. Wichtig im Anschreiben sind Ergebnisse, vor allem wenn man wie ich in die „Industrie“ möchte. Teamfähig sind wir heute ja fast alle, furchtbar fleißig und motiviert sowieso, wichtig sind hier Belege. Fachpublikationen, Studentenbetreuung, Public Relations, Lange Nacht der Wissenschaften – alles Resultate, die einen Personaler oder Chef beeindrucken können.

Schlechte Erfahrung habe ich mit Firmenportalen, in die man sich eintragen soll, statt einer Bewerbung auf eine ausgeschriebene Stelle. Noch heute bekomme ich von manchen Firmen standardisierte Mails, von wegen "... wir begutachten ihre Unterlagen, und bitten sie daher noch um etwas Geduld ... ". Außerdem weiß man bei solchen Portalen nicht genau, wer überhaupt gesucht wird und kann nur sehr unpersönlich eine riesige Mengen an Daten hinterlassen, der Aufwand lohnt meiner Meinung nach nicht. Bei größeren Firmen sollte man auch mit einer etwas längeren Bearbeitungszeit rechnen.

Nach etwas 2 Monaten hatte ich eine Bewerbung schon gedanklich beerdigt, als ich einen Anruf bekam und zu einen Bewerbungsgespräch eingeladen wurde. Ich war relativ fassungslos, aber eingeladen wurde ich trotzdem und hatte dann mein erstes Interview. Dafür hatte ich mich vorher auf diversen Websites belesen, Freunde und Eltern befragt, und mich auf jeden Fall ziemlich stark unter Druck gesetzt, mehr gelernt als jemals zu einer Biologie-Prüfung und am Ende war ich ziemlich fertig. Für das Gespräch musste ich nach Berlin fahren, und mein Vorstellungsgespräch war eigentlich ein ganzer Vorstellungstag, mit einem Vortrag über meine Arbeit und mehreren Einzelgesprächen. Klingt gruselig, war dann aber relativ milde, denn ich musste fachlich fast nichts wissen, dafür sollte ich wiederholt beantworten, wie ich Probleme lösen würde, mit Kritik umgehen könnte und die ganz große Frage war immer wieder: Warum möchten sie in unserem Unternehmen arbeiten und nicht weiter in der Akademie bleiben? Da kann man ja schlecht sagen, weil ich Geld verdienen möchte für die Zeit, die ich arbeite, weil diese Zeit begrenzt wäre, weil man Anspruch auf Urlaub hätte und ein Arbeitsvertrag sowie ein langfristiges Arbeitsverhältnis das sind, was ich will. Merkwürdigerweise musste ich lang und breit erklären wieso ich nun in die angewandte Forschung möchte, obwohl fast alle der Befragenden selbst eine akademische Laufbahn hinter sich hatten. An dieser Stelle sollte wohl getestet werden, ob ich bloß aus dem Hamsterrad ausbrechen möchte, oder ob ich auch wirklich in einem Unternehmen arbeiten will.

Aber mal ehrlich, woher soll ich das eigentlich wissen? Ich war doch nie in einem Unternehmen tätig. Hätte ich hier als Student ein Praktikum absolvieren sollen? Und wer hat die Gelassenheit und das Geld, direkt nach dem (Bio-) Studium auf Jobsuche zu gehen, so ganz ohne Berufserfahrung? Also sucht man sich ein nettes Thema für seine Doktorarbeit, weiß, dass man erst mal für drei bis vier Jahre versorgt ist und begreift dann nach und nach, dass man entweder direkt in die „Industrie“ hätte gehen sollen, oder aber man fängt dann an, sich Methoden anzueignen, die später von Nutzen außerhalb der Forschung sein könnten (Zeitmanagement, Projektmanagement, Lehrqualifikationen). Aber vor Beginn meiner Thesis hätte ich mir auch eine Laufbahn in der Akademie vorstellen können.

Nun muss ich zwei bis drei Wochen auf eine Entscheidung warten, ich habe allerdings auch noch andere Bewerbungen laufen und gerade wieder eine abgeschickt, diesmal nach München.

Wichtige Punkte, die ich noch klären möchte, sind zum Beispiel:

  • Die Höhe des Gehalts einer ausgebildeten Doktorandin in der Industrie: da sagt einem keiner was dazu! In manchen Instituten scheint es sogar ein Kündigungsgrund zu sein, über das Gehalt zu reden. Warum?
  • In welchen Berufen kann man als fertiger Doktor überhaupt arbeiten? Wer will mich?
  • Was können andere besser (wie geht man mit Absagen um)?

Einige dieser Fragen hoffe ich im Laufe der nächsten Wochen und Monate beantworten zu können, für hilfreiche Kommentare wäre ich sehr dankbar. Außerdem ist jeder dazu eingeladen, mich auf meinem neuen Blog zu begleiten.



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Was soll eigentlich das Gestrüpp da oben?

10. März 2012, 02:13

Die Kringel und das wirre Gestrüpp, die den Header dieses Blogs zieren, sind Darstellungen von Proteinstrukturen. Momentan ist es HLA-B2705 im Komplex mit dem Peptid pVIPR, und während meiner Promotionszeit arbeite ich unter anderem an eben diesem Protein. Darüber habe ich hier schon mal gebloggt. Der Artikel verdient ein paar Updates, die ich bei Gelegenheit gerne nachreiche.

Da ich in der strukturbiologischen Forschung arbeite, ist für mich eine Struktur-Darstellung naheliegend gewesen, daneben zeigt sie meine generelle Technikaffinität und außerdem finde ich diese Renderings einfach hübsch. Was nicht heißt, dass man so etwas nicht auch in hässlich findet ...

Hier nocheinmal die Struktur in „Cartoon“-Darstellung des Aminosäure-Rückgrats in voller Pracht, gerendert weitestgehend mit Standardeinstellungen in PyMol. Was aus diesem Programm rausfällt, sieht eigentlich immer recht gut aus.

Die drei Komponenten des Komplexes, nämlich die „schwere Kette“ HLA-B (die so gern mutiert) in cyan, das kleine beta-2-Microglobulin (das Dialysepatienten mitunter Ärger macht) in hellblau und das Peptid – der variabelste Teil des Komplexes – in magenta. In diesem Fall ist es „pVIPR“ (das bedeutet  in etwa vasointestinal peptide receptor-derived peptide – so viel zu bedutungsvollen Abkürzungen in der Biologie, es könnte aber schlimmer sein).

Banner

Die Kringel in der Cartoon-Darstellung stellen alpha-Helices dar, die Pfeile beta-Faltblätter. Das sind Strukturelemente, bei denen die Aminosäuren in bestimmten Mustern miteinander interagieren und so typische feste Motive erzeugen.

Alternativ kann man das Molekül auch raumfüllend darstellen, indem man statt des sich elegant windenden Backbones alle Atome des Komplexes als Kugeln darstellt und noch ein paar Effekte draufklatscht. Hier wird deutlich, was für ein fetter und kompakter Klops das eigentlich ist, obwohl noch nicht einmal die Wasserstoffe dargestellt sind:

Klops2

Das ist natürlich alles nur Spielerei, genauso wie die folgende Draufsicht der Bindetasche mit entferntem Peptid. QuteMol kann durch diffuses Umgebungslicht („ambient occlusion“) nur so hübsch Hohlräume darstellen. Schade, dass das Feature noch nicht überall Einzug gehalten hat, es erleichtert meiner Meinung die räumliche Wahrnehmung sehr.

1OF2 09hc b2m pvipr fusion pdb

Hier poppt einem die Bindetasche doch richtig entgegen, oder?

Nützlich wird die ganze Sache zum Beispiel, wenn man wissen will, wie bestimmte Aminosäuren über das Protein verteilt sind. In der folgenden Darstellung habe ich zum Beispiel die Amid-Stickstoff der Aminosäuren Isoleucin, Leucin und Valin als grüne Kugeln dargestellt, sowie Alanine in rot, weil ich wissen wollte, wo sich diese in dem Bereich der Bindungstasche aufhalten.

Ilva top

In diesem Fall finde ich: Nicht hübsch, aber nützlich.

***

Das Protein, was bis vor kurzem noch die Kopfzeile zierte, spielte auf meine Diplomarbeit über die photosynthetische Elektronentransportkette an. Die grünen Kringel waren ein Protein, das an der Elektronentransportkette der Photosynthese beteiligt ist, und in höheren Pflanzen auch so etwas wie ein Signalprotein ist: Cytochrom c6. Wer darüber mehr wissen will, kann auch einen der wenigen von mir verfassten Wikipedia-Artikel dazu lesen. Da die Photosynthesezeit schon so lange zurück liegt, habe ich wenig Lust, das nochmals aufzudröseln. Nur so viel: Alles, was ich damit angestellt habe, hat nicht geklappt.

Das Bild wurde mit VMD gerendert. Da VMD keine transparenten Hintergründe kann (schlecht für Präsentationen) und auch sonst nicht für meine Zwecke geeignet ist, weil es so wenig interakitv ist, ist es bei mir schnell in Ungnade gefallen. Hübsch sind bei VMD aber zum Beispiel die vielen Materialien, aus denen man für die Oberflächen auswählen kann. In diesem Fall ist es etwas kreidiges geworden.

Cytochrome c6 from Chlamydomonas reinhardtti

Wie oben bereits erwähnt, ist das Protein ein Elektronenüberträger. Die grüne Kugel in der Mitte ist ein Eisen-Ion, das ein Elektron aufnehmen und wieder abgeben kann. Festgehalten wird vor allem durch das Protoporphyrin IX, das blaue-bunte Gestrüpp, das zusammen mit dem Eisen ein Häm bildet. Häm sollte jedem aus Hämoglobin, dem roten Blutfarbstoff, bekannt sein. Der Name „Cytochrom“ bedeutet eigentlich nur „Zellfarbe“ und wurde ihm in den 1920er Jahren von dem Briten David Keilin verpasst, der einen nahen Verwandten des Cytochrom c6 als wichtigen Bestandteil einer anderen Elektronentransportkette erkannte: der Zellatmung, die im Mitochondrium stattfindet und dort chemische Stoffwechsel-Energie für die Zelle bereitstellt.

Soweit zu der Frage, was das Gestrüpp dort oben soll.

 



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Boykottiert Elsevier! Unterstützt Open Access!

01. Februar 2012, 22:06

Wie macht ein Wissenschaftler seine Arbeit bekannt? Er/sie publiziert zum Beispiel einen Artikel in einem Fachjournal, das Gutachter bestellt, die die Arbeit bewerten, Fehler finden und Verbesserungen vorschlagen. Weder Gutachter, noch die Editoren oder die Autoren bekommen dafür Geld. Überwiegend öffentlich finanzierte Wissenschaftler liefern Inhalt, Begutachtung, und meistens sogar die Formatierungsarbeit kostenlos an das Journal.

Wer gibt diese Fachjournale heraus? Überwiegend sind das große Verlagshäuser, die Nature Publishing Group, der Elsevier-Verlag oder Springer-Verlag gehören zu den größten und bekanntesten. Es sind die größten und bekanntesten Blutsauger!

Die Verlage praktizieren eine Kultur des Diebstahls

Diese Verlage kassieren, nicht zu knapp und vor allem für den Zugriff auf die Artikel. Sowohl der Abruf einzelner Artikel etwa durch Privatpersonen, als auch der dauerhafte Abruf durch Uni-Bibliotheken kosten viel Geld. Die Gebühren für die Abonnements sind in den letzten Jahren stark gestiegen, während die Finanzierung der Bibliotheken oft immer weiter zusammengekürzt wurde.

Sicher entstehen den Verlagen auch Kosten durch die Veröffentlichung und Bereitstellung. Da der Wechsel von gedruckten Journalen zu elektronischen Publikationen weitgehend abgeschlossen ist, kann man aber davon ausgehen, dass die Kosten eher gesunken, als gestiegen sind. Nicht ohne Grund gilt das wissenschaftliche Verlagswesen als hochprofitabel. Elsevier allein macht einen Reinprofit von mehr als einer Milliarde Dollar pro Jahr (das sind etwa 3 Millionen pro Tag!), denn schließlich kostet so ein „Instituts-Abo“ für ein einziges Journal durchschnittlich ein paar Tausender. Das teuerste, das ich finden konnte, ist Brain Research mit mehr als 21.000€ pro Jahr, nur für den Online-Zugriff. Oftmals sind die Journale nur in Paketen zu haben: Wer Cell haben will, muss für einen saftigen Aufpreis auch ein paar Ladenhüter dazu nehmen. Wer das Geld nicht hat, hat Pech oder muss jemanden finden, der das Geld hat. Auch wenn die Forschung – das, was den eigentlichen Wert der Publikation ausmacht – bereits aus öffentlicher Hand bezahlt wurde, muss man nochmals Geld in die Hand nehmen, um sich die Resultate anzusehen.

Das Verlagswesen praktiziert eine Kultur des Diebstahls. Die Verlage stehlen die Arbeitszeit der Editoren und Referees. Sie stehlen der Bevölkerung die Ergebnisse der Arbeit, die sie selbst aus eigener Tasche bezahlt haben. Und natürlich stehlen sie mit ihrer Geschäftspraxis Steuergeldern aus den Kassen der Bibliotheken. Dieses Geld wird wiederum in das Lobbying investiert, damit die Pfründe der Großen geschützt werden.

Ein öffentliches Bekenntnis

Seit einigen Jahren grollt nun der Unmut unter Wissenschaftlern und es kam wiederholt zu Boykottaufrufen gegen Elsevier. Es geht bei einer neuen Aktion TheCostOfKnowledge.com darum, Farbe zu bekennen, und öffentlich die Position zu vertretern, dass man keinen Handschlag für diese Verbrecher mehr tun wird. Die Liste der Namen ist nun gerade mal 2700 Einträge lang. Das ist viel zu wenig!

Hier unterzeichnen: 
TheCostOfKnowledge.com

Ich habe in einer Instituts-weiten Mail zum Unterzeichnen aufgerufen, und außer mir hat gerade mal eine einzige Person unterschrieben.

Ist die Kraft besser in Open Access investiert?

Vielleicht sind meine Kollegen aber auch der Meinung, dass sich die Mühe nicht lohnt. Twitterer und Neurowissenschaftler Björn Brembs findet, dass diese Art Aktionen viel zu sehr von dem Kernproblem ablenkt und ruft dazu auf, sich weniger auf Opposition gegen die großen kommerziellen Verlage zu konzentrieren, sondern seine Kraft in die Unterstützung offenerer Modelle zu investieren. Kommerzielle Verlage sollte man schlicht links liegen lassen und stattdessen Bibliotheksleiter davon überzeugen, Abonnements nicht mehr zu erneuern und von dem verfügbaren Geld ein paar Server zu kaufen, die die Literatur und Daten hosten können.

Er schreibt:

Die akademische Kommunikation muss zurück in die Hände der Wissenschaftler! Man muss die Verlage dort treffen, wo es ihnen am meisten schmerzt: in ihren Brieftaschen.*

***

* Let's bring our scholarly communication system back into our hands! Hit the publishers where it hurts: their pocketbooks.

Read on, my dear ...



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Du weißt, Du bist Laborbiologe

11. Dezember 2011, 22:39

… wenn Du Dich hier wieder erkennst:

  • Du öffnest die Zahnpastatube mit einer Hand.
  • Du wäschst dir die Hände vor und nach dem Toilettengang.
  • Sowieso wäschst Du Dir Hände öfter als andere.
  • Du denkst bei „Medien“ an deine Zellkulturen.
  • Du hast eine Schwiele an deinem Daumen.
  • Das Wort „Aliquot“ ist in deinen allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.
  • Du verschwindest plötzlich in der Kaffeepause, um eine Probe zu ziehen.
  • Du hast keine Angst vor Nagern, die haben Angst vor dir.
  • Das Wort „Größenordnungen“ ist in deinen allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.
  • Du zuckst zusammen, wenn du „signifikant“ hörst.
  • Du findest, um zehn auf Arbeit zu kommen und Kaffee zu trinken, zählt als ein produktiver Tag.
  • Du verachtest die arroganten Mediziner, beneidest sie aber heimlich um ihren Job.
  • Du bist sehr gut darin, Dinge zu verdünnen.
  • Du bist auch sehr gut darin, sehr geringe Mengen von Flüssigkeiten zwischen kleinen Plastikbehältern hin- und her zu pipettieren.
  • Du hasst es, wenn Leute „Alkohol“ sagen und „Ethanol“ meinen.
  • Du denkst nicht an Zähne, wenn du „Molar“ hörst.
  • Du denkst bei „SOC“ nicht an Socken, sondern an deine Trafo.
  • Keiner in deiner Familie versteht, was du eigentlich tust.
  • Du findest, ein grüner Präsentationslaser ist das wissenschaftliche Äquivalent eines Heckspoilers.
  • Für wusstest nicht, dass „Falcon“ was mit Vögeln zu tun hat.
  • Du hast fünf von den Dingern, jedes mit einer unterschiedlichen Sorte Wasser.
  • Sitzen auf deinen Früchten Fruchtfliegen, musst du ihre Augenfarbe überprüfen.
  • Du findest, Drosophila-Genetiker haben Sinn für Humor.
  • Du besitzt T-Shirts von Invitrogen und trägst sie auch.
  • Du redest von deinen Kindern als „die F1-Generation“.
  • Du hattest eine Sehnenscheidenentzündung vom Pipettieren.
  • Du benutzt Kimwipes als Taschentücher.
  • Dich erinnert der Geruch von Latex an die Arbeit und nicht an Sexspielchen.
  • Dein Lieblingskochbuch stammt von Maniatis.
  • Du benutzt einen sehr, sehr sauberen Löffel, wenn du Marmelade aus dem Glas nimmst.
  • Vor flüssigem Stickstoff hast du längst jeden Respekt verloren.
  • Beim Kochen in der Küche sehnst du dich nach einem Magnetrührer und Parafilm.
  • Beim Abmessen von Flüssigkeiten in der Küche schaust du nach dem Meniskus und achtest auf die korrekte Augenhöhe.
  • Du würdest dir dein Gel nie in die Haare schmieren.
  • Du denkst bei „Western“ nicht an Winnetou.
  • Für dich ist Zucker nicht synonym mit Saccharose.
  • Du hantierst bei der Arbeit mit Rezepten, machst aber nichts zu Essen.
  • Trockeneis wird von dir zum Bombenbau oder zum Krach machen benutzt.
  • Du hast viele Freunde an Trockeneisbomben verloren ...

Ich bekenne: Ich bin ein Laborbiologe. ;)

Jetzt seid ihr Laborratten an der Reihe – was fehlt oben in der Liste?

Kompiliert aus den Einträgen bei D&A Lab < bayblab < chemistry blog und den Kommentaren darunter

Danke, John R.!



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Video: Existiert moralische Objektivität? Woher kommt Moral?

12. November 2011, 22:12

Es gibt einen dritten Teil der „Morality“-Serie von Video-Blogger QualiaSoup, die ich hier vorgestellt hatte.

Er fragt, gibt es ein objektives Maß für moralisches Handeln? Und: was ist Quelle von Moral: Gott, die Intuition oder hat das Seiende normative Kraft für unser Handeln? Damit schneidet er zentrale Probleme an, wie eben das „sein-sollen-Problem“ von David Hume oder auch, dass wir uns intuitiv teilweise ganz falsch verhalten. Hier verweist er auf den Aufsatz von Paul Slovic „If I look at the mass I will never act – psychic numbing and genocide“, in dem ein bekanntes und verstörendes Phänomen diskutiert wird: Wir können uns sehr gut in Einzelschicksale einfühlen, aber ein Schicksal unter vielen – wie etwa bei einem Genozid – berührt uns längst nicht so stark. Das haben Hilforganisationen schon längst erkannt.

Mir fehlt im Video die Diskussion der Ansichten von Sam Harris, der in seinem Buch „The Moral Landscape“ objektive moralische Maßstäbe in der Neurobiologie sucht. Das hat im letzten Jahr ziemliche Furore in einigen Blogs verursacht.

Ein schwieriges Thema, für mich als philosophisch Unbefleckten erst recht.


Direktlink zuMorality 3: Of objectivity and oughtness



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Wissenschaftsverlage - die Blutsauger des Wissenschaftsbetriebs

26. Oktober 2011, 22:50

Vor ein paar Jahren noch hatte ich keine Ahnung, wie es in der Wissenschaft mit dem Publizieren läuft: Dass man eine Arbeit bei einem Verlag einreicht, um ihn von „peers“ – also andere Wissenschaftler – anonym prüfen zu lassen, also ein „review“ durchführen zu lassen.

Die Lieferung der Inhalte und die Prüfung geschieht unentgeltlich durch Wissenschaftler. Die Verlage haben damit nur noch die Aufgabe, Kandidaten aus den eingereichten Arbeiten auszuwählen, das peer review zu organisieren und das fertige Endprodukt zu verteilen. Selbst die Formatierung darf man als Bewerber größtenteils selbst übernehmen.

Das wäre vielleicht alles nicht so schlimm, wenn die Verlage nicht so exorbitant hohe Summen für ihre Artikel und Zeitschriften verlangen würden. Wenn man als Privatperson einzelne Artikel herunterladen will, bezahlt man in der Regel zwischen 30 und 40 Euro. Kein Pappenstiel, jede E-Tageszeitung ist da weit billiger.

Universitätsbibliotheken verbraten einen Großteil ihres Budgets für die unfassbar hohen Kosten der Abonnements. So bezahlt man für ein Chemie-Journal durchschnittlich um die 3.000 Dollar pro Jahr, das renommierte Biochimica et Biohysica Acta verlangt sogar mehr als 20.000 Dollar. Diese Abo-Preise steigen seit Jahren an, obwohl man meinen müsste, dass die schöne neue Welt der elektronischen Distributionswege die Kosten stark senken müsste.

Zecke

Blutsauger. Bildquelle

Die ganze Misere des ökonomischen Parasitismus der Wissenschaftsverlage hat eine ganze Latte von unangenehmen Konsequenzen: Es sind natürlich vor allem öffentliche Gelder, die sich die Verlagen unter den Nagel reißen. Der Zugang zu dem Wissen, was bereits teuer erworben wurde, muss ein zweites Mal bei den Verlagen gekauft werden. Dabei sind öffentliche Gelder immer knapp. In der Regel sind die Journale mit dem höheren Renommee auch die teureren; der Ruf des Wissenschaftlers hängt damit von den Schlimmsten aus dieser Riege ab. Diese Umstände haben auch zur Folge, dass sich an weniger gut betuchten Universitäten die Mitarbeiter theoretisch noch nicht einmal ihre eigenen Publikationen einsehen können. An der Uni Potsdam hatten wir nur Zugang zu einer Handvoll Zeitschriften und wir mussten immer unsere Bekannten an MPIs und in der Industrie nach PDFs von Artikeln fragen. Dazu kommt: Arme Länder können sich die Abos nicht leisten, ganz normale Menschenvon der Straße, ohne Zugang zu Universitätsbibliotheken können sich nicht ohne Weiteres informieren, und so weiter und so fort.

Wenn man es wie Peter Murray-Rust von der Uni Cambridge zuspitzen möchte, dann kostet diese Publikationspraxis auch Leben. Denn seiner Meinung nach ist die freie Verfügbarkeit von Information eine Grundvorraussetzung für ein gut funktionierendes Gesundheitswesen, die wissenschaftlichen Verlage haben wiederum zum Geschäftsmodell, diesen Zugang zu beschränken, also bedeutet das im Endeffekt, dass eine schlechtere Gesundheitsversorgung Menschen das Leben kostet.

Der Gegenentwurf zum klassischen Publikationsmodell nennt sich „Open Access“, also „Freier Zugang“. Hier bezahlt der Einreichende eine gewisse Gebühr, um seinen Artikel zu veröffentlichen. In den letzten Jahren hat es viele neue Open-Access-Journale gegeben, von denen es vor allem diese von PLoS zu Ruhm und Ehre gebracht haben und sich recht gut neben den Traditionalisten wie Elsevier, Springer und Nature behaupten konnten. Die erhoffte Revolution, nämliche der Sturz der genannten Überkapitalisten, blieb jedoch leider aus.

Richtig aus den Socken hat es mich gehauen, als Mike Taylor vor kurzem in seinem Blog vorrechnete, dass man allein mit den Profiten der Elsevier-Gruppe sämtliche erscheinende Artikel der Publikationswelt frei verfügbar machen könnte. Wenn man die 2 Milliarden Dollar Profit, die Elsevier jedes Jahr macht, durch die Zahl der jährlich erscheinenden Arbeiten – 1,5 Millionen – teilt, landet man bei etwa 1300 Dollar. Das entspricht in etwa der Gebühr, die man sonst an das renommierte Open-Access-Journal für eine Publikation in PLoS ONE abdrücken würde.* Dabei arbeitet PLoS One profitabel und ist nicht mehr, wie in seiner Anfangszeit, auf Spenden angewiesen.

Die Revolution kostet so viel, wie ein oder zwei große Verlage an Gewinn machen. Gewinn. Ein oder zwei Verlage.

Das ist in der Tat schockierend und skandalös und schreit nach einer wie auch immer gearteten Aufarbeitung. Ich konnte es in meiner Anfangszeit vor ein paar Jahren gar nicht fassen – die Wissenschaftler machen die ganze Arbeit, die Verlage kümmern sich nicht einmal um benutzerfreundliche Zugänge zu den Publikationen, und dafür muss man auch noch bezahlen?

Die Verlage haben es in der Abhängigkeit des gesamten Wissenschaftsbetriebs sehr gemütlich und ein äußerst lukratives Geschäft daraus gemacht. Die Frage ist natürlich, wie man solche Strukturen aufbrechen kann. Boykottversuche etwa an Elsevier scheiterten.

Am wichtigsten erscheint mir,  dass sich Wissenschaftler von dem Zwang befreien müssen, möglichst nur in den renommiertesten Journals – wie Cell, Nature, Science – zu publizieren. Allerdings gilt z.B. eine Nature-Publikation als der heilige Gral und wer einmal eine hatte, wird hoch angesehen und gleichzeitig wieder danach streben, wieder „hoch“ zu publizieren. Kopf-Noten, die aus Noten/Scores der Journals errechnet werden, und nach denen die Leistung eines Wissenschaftlers oftmals berechnet wird, lassen die Forderung, weniger auf das Renommee der einzelnen Journale zu schielen, schnell zur Utopie werden.

Die öffentliche Hand sollte im eigenen Interesse Open-Access-Publikationen fördern, wo es nur geht, auch wenn dadurch erst einmal Kosten für die Publikationsgebühr entstehen. Möglicherweise ist das ein entscheidender Anreiz, auch die Qualität der Open-Access-Journals weiter zu steigern.

Zum Weiterlesen:

George Monbiot im Guardian berichtet unter dem treffenden Titel „Academic publishers make Murdoch look like a socialist“ (Verglichen mit Wissenschaftsverlagen ist Murdoch wie ein Sozialist). The Guardian, 29. August 2011

Mike Taylor rechnet vor, dass man mit den reinen Erlösen der Verlage Springer und Elsevier die gesamte Publikationswelt finanzieren könnte: „Economics of open-access publishing“, Sauropod Vertebra Picture of the Week vom 22. Oktober 2011

Anmerkungen

*Dass sich Taylor etwas verrechnet hatte, tut seinem Argument keinen Abbruch.



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„Auskreuzung“ - Gentechnik und Wissenschaft im Tatort

25. September 2011, 22:37

Der Tatort ist seit einigen Jahren mein wöchentliches Sonntag-Abend-Ritual. Und wenn es um Wissenschaftler und Pharmaforschung ging, wurden in der Regel die üblichen Klischees und Mythen bedient: Haustiere, die als Versuchstiere von der Straße gefangen werden oder etwa Firmen, die über Leichen gehen, um ihre Medikamente zu schützen, und das mehr als nur ein Mal. Das sind dann die Sendungen, bei denen ich mir normalerweise im Minutentakt an die Stirn greife.

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Szene aus dem Tatort: Pipettierarbeit mit Nitrilhandschuhen

Der heutige Tatort mit den Kölner Komissaren Ballauf und Schenk hat mich in dieser Hinsicht positiv überrascht. Es wurden einige ganz reale Probleme des Wissenschaftsbetriebs angesprochen, wie der Erfolgsdruck, der bei vielen die Familienplanung durchkreuzt, die Konkurrenz zwischen Arbeitsgruppen, die am selben Thema arbeiten, die Hatz nach Forschungsgeldern, oder die Wichtigkeit von Beziehungen, wenn es um die Vermittlung von neuen Stellen geht.

Und auch viele Laborhandgriffe wurden recht realistisch dargestellt: Das Blätterstanzen, um Blattproben in flüssigem Stickstoff wegzufrieren, was ganz zu Beginn gezeigt wird – das habe ich während meiner Diplomarbeit bestimmt einige hundert Male gemacht.

Der wissenschaftliche Berater dieses Tatorts hat nicht geschlafen, das kann man wohl feststellen. Außer vielleicht in der Szene, in der eine Wissenschaftlerin ein Gel „gießt“ und Unmengen Probe in irgendeine glibberige Pampe pipettiert.

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Das da zwischen den Glasplatten soll ein Polyacrylamid-Gel sein? So sieht das nicht aus! Eher so, wie in diesem Video.

Eine weitere offensichtliche Abweichung von der Realität, wie ich sie erlebt habe: dass sich dahergelaufene Wissenschaftler, so lange sie nicht gerade Max-Planck-DirektorInnen sind, sich solche grässlichen Luxus-Designerwohnungen leisten können, wie jene, in denen die Protagonisten der Sendung wohnen. Das gemeine Fußvolk wird in Wirklichkeit nach Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bezahlt; und der überwiegende Teil von diesen Personen sind Doktoranden, die in der Regel über halbe oder zwei-Drittel-Stellen (natürlich bei voller Arbeitszeit und noch mehr Unannehmlichkeiten) angestellt sind.

Nein, ich wohne in keiner Luxusvilla. Ich habe zwar ein neues Fahrrad, aber keine Luxusvilla.

In dieser Folge des Tatort ging es jedenfalls um grüne Gentechnik, sogar um öffentlich finanzierte Forschung an „Pharmapflanzen“. In der Regel eine Steilvorlage für die Drehbuchautoren, um irre Wissenschaftler von selbsternannten Weltverbesserern um die Ecke bringen zu lassen.

Aber im Gegenteil – wenn auch die Gentechnikgegner mit ein paar Argumenten zu Wort kommen – es wurde viel Richtiges zu den Vorteilen und den Potenzialen der Gentechnik gesagt. Oder auch, dass der Mensch die Genome seiner Nutztiere und -Pflanzen seit Jahrtausenden formt, und Gene natürlicherweise zwischen verschiedenen Organismus wechseln können. Und auch, dass einige Gentechnikgegner mitunter zu nicht zu rechtfertigenden Mitteln greifen, wenn Felder „befreit“ werden sollen. Dass Naturschutz und Gentechnik sich nicht ausschließen, müssen die meisten wohl erst noch begreifen.

Den Tatort, der zwar nicht gerade unkonventionell, aber immerhin nicht arg realitätsverzerrend war, kann man sich noch wenige Tage in der Mediathek anschauen.

Wie fandet ihr das Setting des neuen Tatorts?

Nachtrag: Alexander Gerber von den deutschen ScienceBlogs hat mich darauf hingewiesen, dass der Tatort im Rahmen eines Medienforschungsprojekts entstanden ist. Geht rüber und lest seinen Artikel darüber! Ganz konkret geht es um ein Fellowship im Rahmen des „MINTiFF“-Forschungsprojekts, mehr Infos dazu auch hier und hier.

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Die Bibel hat keine moralische Autorität

29. Juli 2011, 22:50

Aus den hier tobenden Diskussion um Glauben und Religion halte ich mich für gewöhnlich raus, weil mich das Epiphänomen Religion weder wirklich interessiert, noch je eine Rolle in meinem Leben gespielt hat – weder das Christentum, noch irgend eine andere Glaubensrichtung. Natürlich kommt man zwangsläufig damit in Kontakt und fängt an, sich damit zu beschäftigen, aber meine engere Familie ist im Grunde schon in der dritten Generation „religiös indifferent“,  daher musste ich mich dahingehend nie emanzipieren und konnte relativ unbelastet an die Sache herangehen. Die eigenartigen christlichen Riten zur Taufe und Trauung, das gestelzten Predigen der PastorInnen und die Indoktrination der Kinder durch Christenlehre und Kinderbibeln verwundert mich zwar, aber an der geistigen Gesundheit hat mich das Verhalten meiner Mitmenschen noch nicht zweifeln lassen. Sowieso unterscheiden sich aufgeklärte Christen wahrscheinlich nicht so sehr von Agnostikern oder Atheisten, wenn es um die meisten Fragen der Lebensführung geht: Sex vor der Ehe oder Toleranz gegenüber Homosexuellen beißen sich zwar mit der Bibel, aber das hat im Alltagsleben kaum Relevanz.

In den USA scheint das angesichts der großen Kreationismus-Debatte und den lautstarken Anti-Schwulen-Kampagnen etwas anders zu sein. Aber klar, auch bei uns gibt es Extremisten etwa in Form von Missionaren, die mir erzählen wollten, dass alle anderen Religionen „Irrglaube“ seien, weil es ja nur ein Gott gibt. Denn alle anderen Religionen sind ja Irrglaube. Denn es gibt ja nur einen Gott. Und so weiter.

Ein anderes häufiges Beispiel für ein religiöses Extrem sind die fast sprichwörtlichen Zeugen Jehovas, die einem oft wie hirngewaschen vorkommen in ihrer aufdringlichen Missionstätigkeit.

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Eine entfernt verwandte Zeugin hat meine Familie vor Jahren einmal mit vielen „kindergerecht“ aufbereiteten Bibelgeschichten beglückt – meine Mutter war über die verquere Moral darin entsetzt und steckte die Bücher letztendlich ins Altpapier. Vorher konnte ich aber noch über sprechende brennende Sträucher, Menschen, die zu Salzsäulen erstarren und zu Abermillionen ersäufte Tiere (und Menschen) staunen.

Umso erstaunlicher ist, wenn sich manche Christen angesichts dieser Horrormärchen als moralisch überlegen aufspielen und etwa behaupten, all unsere Moralvorstellungen wären nur auf dem Christentum begründet. Dass das Christentum selbst Moralvorstellungen aus vorchristlicher Zeit absorbiert haben könnte, wird ignoriert.

Dass die Bibel keine gute moralische Autorität ist, und im Gegenteil voller Inkonsistenzen und ganz offensichtlich falschen Handlungsanweisungen steckt, dass man „Gut auch ohne Götter“ sein kann, das legt der Video-Blogger QualiaSoup in den ersten zwei Teilen einer Serie über Moral dar. Mit Logik und scharfer Analyse rückt er „Schwächen in populären religiösen Argumenten und Lehren“ zu Leibe.

Nach dieser viel zu lang geratenen Einleitung hier also die beiden Videos – oder vielleicht besser: die „animierten Essays“ – die ich mit diesem Beitrag vorstellen wollte:


Direktlink zuMorality 1: Good without Gods


Direktlink zu Morality 2: Not-so-good books

Auch die anderen Videos von QualiaSoup sind absolut sehenswert!

Edit: Vermerkt, dass mit dem Blogbeitrag lediglich die Videos vorgestellt werden sollten, sowie missverständliche Stellen überarbeitet.



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Größensortierung von Biomolekülen und ein Hilferuf

29. Juli 2011, 01:04

Ich habe wohl schon hunderte Gele gegossen und laufen lassen – die Elektrophorese von Biomolekülen ist für mich die Labor-Standardmethode schlechthin. Trotzdem sorgt sie immer wieder für Überraschungen. Ein Rätsel des Laboralltags, das ich bisher noch nicht gelöst habe, gibt's am Ende dieses Posts.

Das grundlegende Prinzip der Elektrophorese (darin steckt griech. phoresis, „getragen werden“), das ist recht einfach. Geladene Teilchen – wie etwa DNA – wandern im elektrischen Feld: positiv geladene Teilchen zur negativ geladenen Kathode, und negativ geladene Teilchen zur positiv geladenen Anode. Stellt man den Teilchen etwas in den Weg, etwa ein molekulares Sieb in Form eines Gels, dann werden sie in ihrer Bewegung behindert.

File TEM image of a polyacrylamide gel

Ein Polyacrylamidgel unter dem Transmissions-Elektronenmikroskop. Die Poren des Gels sind gut erkennbar. (Bild von Reinhard Rüchel)

Je größer das Molekül, desto öfter bleibt es in den Poren des Gels „hängen“ und desto langsamer wandert es auch. Kleinere Teilchen wandern demnach schneller. So kommen auch die berühmten Bilder von „genetischen Fingerabdrücken“ zustande – jeder Streifen („Bande“) steht für eine Menge DNA-Moleküle einer bestimmten Länge. Je intensiver die Bande, desto mehr DNA enthält sie.

Ich lasse momentan lieber Proteine wandern, ich bin froh, dass ich die Nukleinsäuren vorerst (?) hinter mir gelassen habe. Ulrich Lämmli hat diese Methode mit einem neuartigen Puffersystem fast perfektioniert und dabei in der Bildunterschrift (!) eines 1970 publizierten Nature-Artikels beschrieben. Der Artikel, in dem es eigentlich um Bakteriophagen geht, zählt mit mehr als 167000 Zitationen zu den meistzitierten Arbeiten überhaupt!
Lässt man ein „modernes“ Minigel laufen, dann sieht es so aus, wie in diesem Zeitraffervideo:

Der blaue Farbstoff, der sich dort bewegt, dient nur dazu, die meist farblose Probe einfacher pipettierbar zu machen. Die Proteine und eigentlichen Subjekte des Experiments muss man später separat färben. Wenn man aber genau hinschaut, dann sieht man am rechten Rand eine schmale Reihe aus farbigen Streifen, die sich langsam auftrennen. Das sind bereits vorgefärbte Proteine, die man als Standard einsetzt, als Vergleich zu seinen unbekannten Proteinen.

gel

In dem obigen Schwarzweißbild sieht man links die Leiter aus Standardproteinen, und rechts einen Proteinextrakt mit allerhand Verunreinigungen und meinem Protein, das in so hoher Konzentration vorliegt, dass die Bande über ihre Grenzen quillt. Anhand der Standardleiter links kann ich sehen, dass es etwa 11 Kilo-Dalton groß ist. Das ist jetzt kein besonders schönes Beispiel, aber wie es auch richtig schief gehen kann, demonstriert die Hall of Shame der Proteingele von David R. Caprette.

Und folgendes Phänomen hatte ich bei einem Gel, das eine Woche im Kühlschrank lag:

Was ist denn da mit meinem Gel passiert Dreifarbiges Bromphenolblau

Gleich drei Farbstoffbanden! Wie kommt das? Bislang konnte mir niemand erklären, woher diese zusätzlichen Banden, die schneller laufen als der 2-kDa-Standard, herkommen.

File BromophenolBlue

In dem Video ganz oben sieht man, dass dort ebenfalls ganz schwach eine geisterhafte Bande mitläuft, etwas schneller als das eigentlich blaue Bromphenolblau (siehe rechts). Die Farbe von Bromphenolblau ist abhängig vom pH-Wert: Im sauren Milieu ist er gelb, im neutralen und basischen Bereich ist er blau. Die schneller laufenden Banden könnten unterschiedlich geladenen Spezies des Bromphenolblaus darstellen, das passt aber nicht mit dem Farbumschlag in Richtung gelb bei stärkerer Protonierung. Von lila und rosa habe ich auch nirgends gelesen.

Wer weiß, was die zusätzlichen Banden bedeuten?



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