Kitsch reichen
Von Björn Kröger,
22. November 2007, 23:11
Nehmen wir das Hirschgemälde - dazu gehört natürlich ein Rauchverzehrer, vorzugsweise als Eule, - eine Kuckucksuhr könnte noch passen und Motivtapete "Waldbach".
Hier das Hirschdiorama:

Hier der Waldbach:

Eule und Kuckuck gibt es natürlich auch.
Womit wir in der Dauerausstellung des Naturhistorischen Museums Stockholm wären. Das ist nicht anders im American Museum of Natural History in New York, in der Grande Galerie des Muséum National d'Histoire Naturelle in Paris und auch das neue Museum für Naturkunde Berlin macht da keine Ausnahme, selbst wenn frisch aufgestellte ausgestopfte Tiere besser aussehen als welche im Gips der 1960iger.
Warum mag ich diese Daueraustellungen nicht, oder besser, warum mag ich so vieles daran nicht? Es hat immer etwas von Rummelplatz dort. Es ist ein Aspekt den man im Adorno'schen Sinn vielleicht am besten mit Kitsch bezeichnen könnte, der mir in all den Museen sauer aufstößt in denen ich mein Brot verdiene.
Es wird mir etwas aufgedrängt, was ich zu sehen habe, und wie ich es zu sehen habe. Ein aufklärerischer Imperativ verkittet die Präparate, die hinten in den Sammlungen voller Geheimnisse stecken.
Wie soll ich, frag ich mich mehr oder weniger peinlich berührt, hier die Faszination und das Besondere das von den Objekten ausgeht und mich zum Forschen (!) anregt, repräsentiert finden? Genau darüber wurde schon Vieles und sehr Witziges geschrieben und ich brauche mich darin nicht zu wiederholen.
Aber seltsamerweise finde ich in vielen populären wissenschaftlichen Texten und Filmen genau diese verkitschende Verkittung wieder.
Ich meine, und damit bin ich am Punkt meines posts, dass Wissenschafts-outreaching sich vielleicht besser gar nich so sehr auf die Ergebnisse und "Produkte" des Forschens werfen, sondern die Prozesse und Motivationen des Forschens nachfühlbar machen sollte. Outreaching muss sozusagen haptisch sein und statt mich fraglos und beeindruckt machen neugierig und fragend.
Es gibt im Pariser Naturkundemuseum diese wunderbare Galerie d' Anatomie Comparée in der in einem wildem Durcheinander an die tausend Skelette gezeigt werden, ganz wie in einem Sammlungssaal. Wenn man da hindurch gegangen ist, weiß man nicht sehr viel mehr von all den Tieren, aber man ist ganz aufgeregt und möchte gerne Wissen, was diese Vielfalt, diese Formen zu bedeuten haben.
Jere Lipps, Paläontologe und Kurator in Berkeley hat einen sehr lesenswerten Artikel [hier] zu seinem Eindruck von der Galerie geschrieben, den ich hier nur empfehlen kann.
Vielleicht sind diese Ausstellungen erst dann interessant, wenn sie unser Nichtwissen zeigen und Neugierig darauf machen, etwas wissen zu wollen. Aber ist das dann noch etwas fürs Museum?



Hm, da bin ich nicht ganz deiner Meinung. Klar, dich faszinieren allein schon die Knochen an sich - du bist nicht umsonst Paläontologe, du hast damit aber auch schon ein gewisses Bild, einen inneren Eindruck von dem, was du vor dir siehst. Aber viele andere wären davon einfach nur überfordert, sie würden frustriert die Ausstellung verlassen und sich im Zweifelsfall sogar fragen: Und warum forscht man an so etwas? Wissenschaft in Museen zu vermitteln, hat immer etwas mit anschaulich machen zu tun. Ideal finde ich es, wenn beides verknüpft ist, dem Besucher praktisch der Weg vom Knochenhaufen zum - zugegeben echt kitschigen - Hirschdiorama sichtbar wird. Und möglichst sollte ein Besucher auch selbst Hand anlegen, fühlen, riechen, .. können. Tolles Beispiel: das Natural History Museum in London. Neidvolle, weil reiselustige Grüße nach Stockholm!
Ausgestopfte Tiere in den Museen sollen ja immer die Pracht repräsentieren, die unsere Lebewelt draussen so bietet und zeigen was es da so gibt. Dahinter steht immer der Gedanke, der Zuschauer kennt keinen Hirsch in der Natur, na dann zeig ich ihm Mal, wie einer so aussieht, wenn ich da mit dem Fernglas als Biologe auf der Expedition bin.
Ich fände es schön wenn die Ausstellungsmacher mit dem Metier ironischer umgehen würden.
Im Smithsonian ist es ja Politik, dass die Wissenschaftler die Ausstellung inhaltlich gestalten, auch am Naturkundemuseum habe ich das aus der Nähe miterlebt (ohne das ich mich eingebracht hätte). Da ist es dann immer so, dass versucht wird inhaltlich den state of the art zu repräsentieren, also z.B. das Massenaussterben möglichst "rein" wissenschaftlich darzustellen.
Das beinhaltet aber immer eine Lüge. Die Lüge besteht darin, dass die ausgestellten Objekte vortäuschen wissenschaftliche Erkenntnis zu repräsentieren, sie sind aber in Wirklichkeit Repräsentation der wissenschaftlichen Erkenntnis durch Wissenschaftler und Ausstellungsmacher. Also der Hirsch täuscht vor er würde so aussehen, in Wirklichkeit ist er aber eine Installation von dem wie sich der Gestalter das vorstellt, wie er einen Hirsch gerne repräsentieren möchte. Der Hirsch, den der Biologe sieht würde ja niemals in einem dunklem muffigen Museum in einem Glaskasten damit anfangen zu röhren. Und mit diesen Brüchen sollte eben spielerisch oder wie auch immer umgegangen werden. Anders wird das Publikum meiner Meinung nach auch nicht ernst genommen.
Aber wie willst du es dann darstellen? Im Innenhof des Museums eine Waldlichtung anlegen und darauf den ausgestopften Hirsch stellen, einen Buntspecht an einen Baumstamm pinnen und einen Fuchs im Gebüsch verstecken? Das wäre ganz klar viel besser, weil erheblich anschaulicher als ein Hirsch im Glaskasten - aber auch viel platzaufwändiger. Ich bin völlig deiner Meinung, dass diese Hirschdarstellungen nicht das Optimale sind - und mir wäre es eh lieber, die Leute gingen in den Wald und schauten sich das Ganze in vivo an. Wobei es schon erschreckend ist, wie blind und taub viele Leute durch den Wald rennen.
Nur - was mach ich dann mit Rekonstruktionen von Ausgestorbenem? Das kann ja nur in der Darstellung auftauchen, die sich der gestaltende Wissenschaftler und Museumsbauer selbst davon machen - sie waren ja nicht dabei. Insofern ist es schon Darstellung von Wissenschaft, der Erkenntnisse dessen, wie man sich die damalige Zeit vorstellt. Ob das so stimmt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Dieses Problem lässt sich nun mal nicht lösen.
Und Ironie - sicher ist hier vieles zu verbissen, zu trocken, zu verstaubt. Kreative Ansätze, den Besucher mal durch verblüffende Darstellungen zum Nachdenken anzuregen, sind klasse - und noch immer viel zu selten. Ironie aber ist gefährlich, sie wird oft nicht bemerkt. Ich denke aber, das Konzept "Museum" wandelt sich gerade gewaltig: weg vom puren "Ausstellen" hin zum "Erlebbar machen". Und das ist gut so. Nur: Dafür braucht man entsprechend findige Leute, und man braucht Geld. Beides ist rar in diesem Metier...
Tja, wenn ich wüsste wie man die Sachen am besten darstellen könnte, wäre ich wohl Ausstellungsdesigner. Aber ich kann das ja mal konkretisieren.
In vielen naturhistorischen Museen sind die Fenster verhangen oder zugebaut und man läuft durch eine Pappmasché-Welt die die Tiefsee, den Wald, die Kreidezeit oder das Verdauungssystem eines Menschen imitieren soll. Ich denke die Motovation ist die, dass es eben nachempfindbar gemacht werden soll wie das dort ist, und zeigen was wir darüber wissen.
Vielleicht ist es besser das Tageslicht ins Museum hineinzulassen, die meist schönen großen Fenster zu zeigen, die Vitrinen sichtbar zu machen, unsere Konstruktion sichtbar zu machen und das Aufstellen selbt auch zu thematisieren. Den Hirsch zum Beispiel muss man nicht im Diorama platzieren, man kann ihn in der Architektur des Raumes arrangieren, dann kommt er als Objekt vielleicht viel mehr zur Geltung und man bekommt Lust mal in den Wald zu gehen, sich einen Hirsch anzuschauen.
Eine Waldlandschaft, oder eine kreidezeitliche Welt muss vielleicht auch begehbar dargestellt werden und mit Geräuschen erfühlbar gemacht werden. Aber auch hier kann zum Beispiel durch eine interaktive Form das Arrangierte bewusst gemacht werden. Eine ganz tolle Idee in dieser Hinsicht finde ich den Zwitschersaal im Müritzeum in Waren. Dort ist ein dunkler Raum mit vielen Vogelpräparaten an der Wand. Man kann die Vögel einzeln oder im Konzert zum Zwitschern bringen, zum Beispiel als Heckencombo, oder Laubenpieperband. Da wird, ohne zu versuchen das Authentische zu simulieren, die Authenzität die ja Museumsobjekte immer auch repräsentieren, wunderbar spielerisch hergestellt.
Ein anderes positives Beispiel noch: Die Biodiversitätswand im Museum für Naturkunde, ist ja wie die Grand Galerie eine ikonenhafte Darstellung der Vielfalt des Lebens und soll anhand der Masse Eindruck und Ehrfurcht erwecken, es eine ganz deutliche Installation. Das finde ich gut und man kann dort viele kleine Details entdecken. Die Präparatoren haben da zum Beispiel einen Maulwurf versteckt.
Ja, wo ich das so schreibe merke ich, du hast recht: Die Konzepte wandeln sich gerade gewaltig und ich bin eigentlich immer wieder begeistert, wenn ich neue Ausstellungen sehe (z.B. das Müritzeum in Waren). Und vielleicht ist dieses Kitsch-Naturkundemuseum auch schon lange tot, überlebt in den großen Museen nur, weil sie eben nicht das Geld haben alles neu zu gestalten.
Auch mit dem Geld und den Ressourcen hast du recht. Ich finde das Potential des Naturhistorischen Museums ist noch lange nicht ausgeschöpft. Vielleicht sollte auch konkreter mit Künstlern zusammengearbeitet werden.
Anyway - danke für deinen Kommentar. Ohne den hätte ich wohl nicht nochmal so darüber nachgedacht.