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Hirnleistungen sind "begrenzt und eklektisch" - Wolf Singer in Heidelberg

von Reinhard Breuer, 26. März 2010, 10:43

Der Hirnforscher Wolf Singer, seines Zeichens Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt, ist populär und podiumserprobt. Als er sich kürzlich auf das Podium des Deutsch-Amerikanischen Instituts in Heidelberg begibt und den Fragen des Moderators Manfred Osten stellt, ist der Saal gerammelt voll.

Osten zieht den Hirnforscher gleich auf das Thema der Meditation, über das Singer mit dem Mönch Matthieu Ricard einen Dialog geführt hat („Hirnforschung und Meditation“, Suhrkamp Verlag). Doch Singer wiegelt ab: Meditation sei sicher eine gute Art, mal abzuschalten, sich auf sich zu besinnen und zu entschleunigen; aber es gebe so viele Arten von Meditation – und dabei viel Scharlatanerie. Außerdem: Wenn man meditiere, könne man nichts anderes tun – eine Frage des Zeitaufwands.

Wolf SingerWolf Singer betont die Grenzen, innerhalb der unser Bewusstsein versuche, Klarheit über sich selbst zu gewinnen. Der Hirnforscher spricht vom „epistemischen Kaveat“. Klingt gelehrt, bedeutet aber nur: Das Gehirn versucht, sich mit seinen eigenen Fähigkeiten zu begreifen. „Da wird man schon bescheiden“, sagt Singer. „Manches, was die Hirnforschung zutage fördert, ist uns nicht angenehm.“ 

Es geht ihm um eine erkenntnistheoretische Warnung: „Wir können nur erkennen, erdenken, uns vorstellen, was die kognitiven Leistungen unserer Gehirne zu fassen erlauben. Diese kognitiven Leistungen verdanken sich evolutionären Prozessen, für die nur jene Aspekte der Welt relevant waren, die für das Überleben wichtig sind. Folglich müssen unsere kognitiven Leistungen begrenzt und eklektisch  sein – und sie sind es!“

Wie sehen diese Grenzen aus, was fehlt unserem Gehirn? Wir können, berichtet Singer als wichtigsten Punkt, nicht auf große Entfernungen Empathie empfinden. Die Katastrophe am anderen Ende der Welt interessiert uns zwar, aber nach dem Umblättern der Zeitungsseite ist der Fall schnell vergessen. Zum zweiten sind wir unfähig, nichtlineare Phänomene zu erfassen. Das klingt zwar abstrakt, erklärt sich aber aus der Evolution: Im Kleinen, und nur darauf ist unser Gehirn eingestellt und nur daran ist es angepasst, verhält sich die Welt linear. Diese Unfähigkeit sei auch kein Wunder, denn nichtlineare Vorgänge sind nicht vorhersagbar, das Hirn als prädiktives System wäre also überfordert.

Dritter Punkt: Das Hirn ist selbst ein komplexes, nichtlineares System, das sich nicht von einer Hierarchie steuern lässt, sondern selbst organisieren muss. Die Konsequenz: Es kann gar keine zentrale, hierarchische Steuerungseinheit im Kopf geben, den berühmten Homunkulus, auch wenn wir subjektiv überzeugt sind, dass es diese Zentrale im Hirn gibt. Vielmehr treten jeweils auseinander liegende Bereich des Großhirns zueinander in Beziehung, um das zu erzeugen, was wir als „bewusst“ erleben.

Aber auch dieses Bewusstsein ist sehr beschränkt, erfasst nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Geschehen in Hirn. Wir alle tragen zwei Entscheidungsmechanismen in uns: Bewusste, rationale Überlegungen kommen dort zum Tragen, wo wir uns Einflussfaktoren und Gründe explizit klarmachen. Unbewusste Mechanismen treten in Aktion, wenn wir sehr viele Variablen in kurzer Zeit abwägen müssen. „Das sind die berühmten Bauchentscheidungen!“ Beide Entscheidungsprozesse laufen zwar parallel, nicht immer aber in Übereinstimmung miteinander. Dies produziert die berühmten Konflikte zwischen Gefühl und Verstand, angesichts derer wir oft in scheinrationale Erklärungen ausweichen.

Interessantes berichtet Singer auch zur Erziehung: „Tiere erziehen nicht, sondern machen vor“, sagte der Forscher. Sie lernen durch Nachahmung, ein Modus, der aber auch bei Menschenkindern nicht ungewöhnlich ist. Menschen erziehen jedoch über symbolische Inhalte, die über die Sprache vermittelt werden. „Das macht uns zu Kulturwesen.“ Zur Reformpädagogik merkt Singer an, dass sie ja derzeit etwas umstritten sei. Loben allein sei vielleicht gar nicht das Allerbeste. „Ab und zu a Watsch`n“ sei manchmal vielleicht auch hilfreich. „Loben und Strafen – im Tierversuch jedenfalls wirkt beides.“





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Kommentare

  1. Stephan Schleim kognitive Begrenzheit
    26.03.2010, 14:58

    Wir können nur erkennen, erdenken, uns vorstellen, was die kognitiven Leistungen unserer Gehirne zu fassen erlauben.

    Wir können aber auch Hilfsmittel gebrauchen, die unseren Leistungen auf die Sprünge helfen. Schon wenn ich mir einen Einkaufszettel schreibe, kann ich mir damit mehr behalten, als wenn ich mich allein auf mein Gedächtnis verlasse.

    Diese kognitiven Leistungen verdanken sich evolutionären Prozessen, für die nur jene Aspekte der Welt relevant waren, die für das Überleben wichtig sind.

    Dennoch können wir zweifellos Dinge, die wir nicht im Zuge der biotischen Evolution gelernt haben, beispielsweise Computer bedienen.

    Folglich müssen unsere kognitiven Leistungen begrenzt und eklektisch sein – und sie sind es!

    Die spannende Frage ist doch nicht, ob unsere Leistungen beschränkt sind, sondern inwiefern. Zur Beantwortung der Frage des Ob brauchen wir weder Hirnforschung noch Evolutionsbiologie. Eine Portion gesunder Menschenverstand ist schon hinreichend.

    Ohne auf die Frage des Inwiefern einzugehen, hört sich die Rede vom "epistemischen Kaveat" vielleicht ganz nett an, ist sie inhaltlich aber ziemlich leer.

  2. Balanus Computer bedienen /@ Stephan Schleim
    26.03.2010, 22:29

    » Dennoch können wir zweifellos Dinge, die wir nicht im Zuge der biotischen Evolution gelernt haben, beispielsweise Computer bedienen. «

    Das unterscheidet eben das Menschenhirn vom Tierhirn—dass es sehr viel mehr lernen kann. Technik fällt unter Werkzeuggebrauch.

    Wie ist es denn mit dem Philosophieren? Das könnte doch eine kognitive Leistung sein, die sich nicht evolutionären Prozessen verdankt. Oder siehst Du da irgendwo einen evolutiven Überlebensvorteil für den, der philosophieren kann?

  3. Edgar Dahl Philosophie als Epiphänomen
    26.03.2010, 23:35

    Wie die Religion, so ist sicher auch die Philosophie ein bloßes Epiphänomen. Sie ist kein unmittelbares Produkt der natürlichen Selektion, sondern nur ein Nebenprodukt unseres Verstandes, der vor allem zur Lösung kognitiver und sozialer Probleme im Mesokosmos evolvierte.

  4. Edgar Dahl @ - Stephan Schleim: Hilfsmittel
    26.03.2010, 23:40

    "'Wir können nur erkennen, erdenken, uns vorstellen, was die kognitiven Leistungen unserer Gehirne zu fassen erlauben.'

    Wir können aber auch Hilfsmittel gebrauchen, die unseren Leistungen auf die Sprünge helfen. Schon wenn ich mir einen Einkaufszettel schreibe, kann ich mir damit mehr behalten, als wenn ich mich allein auf mein Gedächtnis verlasse.'

    Das schließt Singer ja auch nicht aus! Dank der Mathematik können wir Theorien entwickeln, die wir uns nicht einmal mehr anschaulich vorstellen können (s. Quantentheorie).

  5. Edgar Dahl @ - Stephan Schleim: Harsches Urteil
    26.03.2010, 23:50

    "'Folglich müssen unsere kognitiven Leistungen begrenzt und eklektisch sein – und sie sind es!'

    Die spannende Frage ist doch nicht, OB unsere Leistungen beschränkt sind, sondern INWIEFERN. Zur Beantwortung der Frage des OB brauchen wir weder Hirnforschung noch Evolutionsbiologie. Eine Portion gesunder Menschenverstand ist schon hinreichend."

    Warum so harsch? Singer untersucht doch gerade die Frage, INWIEWEIT unsere affektiven und kognitiven Fähigkeiten begrenzt sind!

    Ein "vom Himmel gefallener Geist" kann beispielsweise nur schwer erlären, warum uns die Not der einen berührt, die Not der anderen aber kalt lässt. Von der natürlichen Selektion geformte Emotionen erklären dies dagegen ohne weiteres.

  6. Stephan Schleim @ Balanus: Philosophie und Evolution
    27.03.2010, 07:25

    Gute Frage -- wenn die Philosophie in einen Skeptizismus oder Pessimismus mündet, in dem man die Existenz einer unabhängigen Außenwelt oder die Möglichkeit des Wissens davon leugnet, dann ist sie wohl kaum adaptiv. Siehe Zenon, der, so heißt es, in ein Loch fiel und dort liegen blieb und dessen Jünger darauf achten mussten, dass er regelmäßig isst und trinkt.

    So kann man sich freilich kaum fortpflanzen, sofern nicht gerade eine Skeptikerin ins selbe Loch gefallen ist. :-)

    Es gibt aber natürlich auch ganz andere unter den Philosophen. Lässt sich nicht allgemein beantworten. Was das Projekt selbst mit biotischer Evolution zu tun haben könnte, das mag ich jedenfalls nicht zu sehen.

  7. Stephan Schleim @ Dahl: Evolution und Moral
    27.03.2010, 07:35

    Ein "vom Himmel gefallener Geist" kann beispielsweise nur schwer erlären, warum uns die Not der einen berührt, die Not der anderen aber kalt lässt. Von der natürlichen Selektion geformte Emotionen erklären dies dagegen ohne weiteres.

    Siehe beispielsweise Greenes Erklärung, ja.

    In der neuen Nature traut sich nun aber mal endlich jemand, ins andere Horn zu blasen und darauf hinzuweisen, wie defizitär diese Erklärung ist (Bloom, P. [2010]. How do morals change? Nature 464: 490.). Denn Fakt ist doch, dass es sehr wohl Menschen gibt, die sich um das Schicksal anderer kümmern, auch wenn sie sie nicht kennen und wahrscheinlich niemals etwas von ihnen zurück kriegen werden.

    Emotionen allein, so Bloom, erklären eben nicht den historischen Wandel -- vielleicht darf man sagen: Fortschritt -- moralischer Überzeugungen (siehe Sexismus, Speziezismus, Rassismus usw.).

    Diese schnell geschossenen evolutionären Erklärungen sind inzwischen so prävalent, ich fühle mich beinahe an Poppers Kritik der Psychoanalyse erinnert: Eine Theorie, die jedes nur denkliche Ergebnis irgendwie erklärt, ist die überhaupt noch wissenschaftlich?

    Und warum so harsch? Weil Singer hier meines Erachtens die relevanten Punkte umschifft. Für das Publikum, vor dem er sprach, war das vielleicht angemessen; für mich nicht.

  8. Karl Bednarik Philosophishe Seescheiden
    27.03.2010, 08:13

    Philosophishe Seescheiden:

    Die Seescheiden, die unsere fernen Vorfahren sind, machen es so ähnlich wie Zeno.

    In ihrer Jugend interessieren sie sich für ihre Umwelt, und im reifen Alter legen sie alles Wissen (und ihr Gehirn) ab, und setzen sich zur Ruhe (Futter und Keimzellen schwimmen vorbei).

    Bild:

    http://members.chello.at/....bednarik/SEESCH-1.JPG

  9. Edgar Dahl @ - Stephan: Nature-Artikel
    27.03.2010, 08:29

    Kannst Du mir die PDF des Artikels von Bloom zuschicken? Ich nehme an, es handelt sich um Paul Bloom, der "Descartes Baby" geschrieben hat und dessen Arbeiten ich sehr schätze, oder? Meine Email-Adresse ist: edgardahl@yahoo.com

  10. Edgar Dahl @ - Stephan: Evolutionäre Ethik
    27.03.2010, 08:46

    Das eine muss das andere ja nicht ausschließen, wie etwa Peter Singer in seinem Buch "The Expanding Circle" gezeigt hat. Unsere Empathie ist aus evolutionären Gründen begrenzt, kann aber durch ethische Theorien und vor allem durch soziale Institutionen erweitert werden.

    Anders als Singer glaube ich jedoch, dass die Reichweite oder, wie er es auszudrücken beliebt: "Die Kraft des moralischen Arguments", recht beschränkt ist.

    Wenn ich den Speziesmus als unhaltbar erkenne und beispielsweise zum Vegetarier werde, tue ich dies aus theoretischen Gründen: Ich will nicht inkonsistent sein - mein Mitleid erweitert sich hierdurch jedoch nicht.

    Ähnlich scheint es mir mit dem Rassismus und Sexismus zu sein: Auf Grund der theoretischen Unhaltbarkeit dieser Formen der Diskriminierung errichten wir soziale Intitutionen, die dann ihrerseits dafür sorgen, dass sich rassistisches und sexistisches Verhalten in Grenzen hält - und zwar nicht so sehr, weil sich unsere Gefühle plötzlich geändert hätten, sondern weil wir plötzlich mit Sanktionen bedroht werden.

  11. Stephan Schleim @ Edgar: Grenzen überwinden
    27.03.2010, 09:34

    Unsere Empathie ist aus evolutionären Gründen begrenzt, kann aber durch ethische Theorien und vor allem durch soziale Institutionen erweitert werden.

    Wunderbar! Aber das zeigt doch gerade, dass -- um auf (W.) Singer zurückzukommen -- nicht so leicht auf den Schluss kommen kann: "Folglich müssen unsere kognitiven Leistungen begrenzt und eklektisch sein – und sie sind es!" Jedenfalls dann, wenn man eine bestimmte Grenze zieht und nicht allgemein behauptet, dass es eine Grenze gibt (was trivial ist).

    Provokant formuliert: Gibt es etwas, was wir Menschen qua evolutionärer Vergangenheit und neurobiologischer Konstitution partout nicht denken können?

    Und wenn ja, wer hat sich das dann ausgedacht? :-)

  12. Edgar Dahl @ - Staphan Schleim: Gute Frage
    27.03.2010, 16:34

    "Provokant formuliert: Gibt es etwas, was wir Menschen qua evolutionärer Vergangenheit und neurobiologischer Konstitution partout nicht denken können?

    Und wenn ja, wer hat sich das dann ausgedacht? :-)"

    Klingt fast wie Woody Allen: "Ist das Wissen wissbar? Wenn nicht, wie können wir das wissen?"

    Egal, es ist eine gute Frage. Nach der Evolutionären Erkenntnistheorie ist es ja nicht so sehr unser Wissen als solches, sondern vor allem unser Vermögen, uns etwas anschaulich vorstellen zu können, das begrenzt ist: akausale Prozesse etc.

    Sind nicht aber zumindest die Grundregeln der Logik etwas, an die wir gebunden sind, so dass es uns beispielsweise unmöglich ist, etwas zu denken, dass den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch oder den Satz vom ausgeschlossenen Dritten verletzt?

  13. Edgar Dahl @ - Stephan: Grenzen überschreiten
    27.03.2010, 16:44

    "'Unsere Empathie ist aus evolutionären Gründen begrenzt, kann aber durch ethische Theorien und vor allem durch soziale Institutionen erweitert werden.'

    Wunderbar! Aber das zeigt doch gerade, dass -- um auf (W.) Singer zurückzukommen -- nicht so leicht auf den Schluss kommen kann: "Folglich müssen unsere kognitiven Leistungen begrenzt und eklektisch sein – und sie sind es!" Jedenfalls dann, wenn man eine bestimmte Grenze zieht und nicht allgemein behauptet, dass es eine Grenze gibt (was trivial ist)."

    Ich denke, dass Wolf Singer dies so verstanden wissen wollte, dass unsere kognitiven und affektiven Fähigkeiten "von Natur aus" begrenzt sind, ohne auszuschließen, dass wir diese Grenzen überschreiten können, wenn wir Hilfsmittel verwenden (kognitiv etwa ein Mikroskop, affektiv etwa ein Televisonsgerät, das uns selbst den Fernsten noch nahe zu bringen vermag).

  14. Stephan Schleim @ Edgar: (un-)logisch Denken
    27.03.2010, 16:51

    Sind nicht aber zumindest die Grundregeln der Logik etwas, an die wir gebunden sind, so dass es uns beispielsweise unmöglich ist, etwas zu denken, dass den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch oder den Satz vom ausgeschlossenen Dritten verletzt?

    Wozu gibt es dann parakonsistente Logiken, die mit Widersprüchen rechnen?

    Davon abgesehen wüsste ich gerne Helmuts Meinung zum kreativen Potenzial von Widersprüchen. :-)

    Und tertium non datur gilt doch in den meisten nicht-klassichen Logiken nicht, siehe bsp. Fuzzy Logic.

  15. Edgar Dahl @ - Stephan: "Un-Logisches Denken"
    27.03.2010, 17:20

    Mag sein! Mit Fuzzy Logic kenne ich mich nicht aus.

    Aber um auf Dein Paradoxon zurückzukommen: Natürlich mag es Dinge geben, die wir einfach nicht denken können. Aber Dir ein Beispiel dafür zu geben, würde ja Deine Prämisse verletzen - schließlich würde das Undenkbare damit ja zum Denkbaren gemacht!

    Denkst Du bitte noch einmal an die PDF von Bloom?

  16. KRichard temporärer Homunculus
    27.03.2010, 17:46

    Einen Homunculus (aktuelles Selbstbild/Selbstmodell) muss es zumindest in temporärer Form im Gehirn geben.
    Denn um alte, gespeicherte Erfahrungen mit dem aktuellen Zustand vergleichen zu können, muss dieser in irgendeiner Form als Vergleichsbasis vorhanden sein.

  17. Karl Bednarik Die Grundregeln der Logik
    27.03.2010, 18:12

    Die Grundregeln der Logik sind viel zu kompliziert, um unser Verhalten zu beschreiben.

    Jede beliebige Kombination von Eingabesignalen kann mit jeder beliebigen Kombination von Ausgabesignalen verbunden werden.

    Als Matrix sieht das dann aus wie ein ohne Empfang rauschendes Fensehbild.

    Das sind dann schon etwa zwei hoch eine Million möglicher Zustände, wenn nur tausend Bit hinein und tausend Bit hinaus gehen.

  18. Karl Bednarik Dinge, die wir denken können
    28.03.2010, 15:40

    Dinge, die wir denken können:

    Die Anzahl der Zustände, die unser Gehirn haben kann ist (Zustände die eine Gehirnzelle haben kann) hoch (Anzahl aller Gehirnzellen).

    Das sind etwas mehr als zwei hoch hundert Milliarden Zustände.

  19. Balanus Erkenntnisgrenzen /@Stephan Schleim
    28.03.2010, 18:50

    » Provokant formuliert: Gibt es etwas, was wir Menschen qua evolutionärer Vergangenheit und neurobiologischer Konstitution partout nicht denken können?«

    Nun ja, "denken" können… käme drauf an, was darunter zu verstehen ist. Es gibt "Dinge", die wir uns partout nicht "vorstellen" oder die wir niemals "wissen" können.

    Beispielsweise kann ich mir das Universum nur als Kugel vorstellen, mit uns mitten im Zentrum. Dabei gibt es gar kein Zentrum—oder doch?

    Anderes Beispiel: Ich kann nicht wissen, wie es anfühlt, ein Eichhörnchen zu sein.

  20. Karl Bednarik Erkenntnisgrenzen
    28.03.2010, 20:55

    Erkenntnisgrenzen gibt es nicht.

    Jedes Gehirn kann jeden Zustand annehmen.

  21. Stephan Schleim @ Bednarik: Rechnung
    28.03.2010, 21:51

    Erstens haben wir im Mittel eher nur 80 anstatt 100 Milliarden Neuronen -- dazu kommen aber beispielsweise noch die Gliazellen.

    Zweitens kann eine Zelle natürlich viel mehr als nur zwei Zustände annehmen.

    Drittens finden permanent im Gehirn Umbaumaßnahmen statt, wodurch sich auch die potenziell einnehmbaren Zustände verändern.

    Wenn ferner zutrifft, dass sich unsere Gedanken über das Gehirn ausstrecken (extended mind), dann müssen viertens andere Faktoren in die Rechnung eingeschlossen werden.

    Können Sie unter diesen Umständen die Rechnung noch einmal durchführen? Aber zugegeben: die 2^100.000.000.000 wären schon recht viel gewesen. :-)

    Allerdings ist davon auszugehen, dass es kein 1:1-Verhältnis von Gedanken- zu Hirnzuständen gibt, sondern eher 1:n. Die Anzahl der Hirnzustände müsste dann also durch n geteilt werden, um auf die Anzahl der Gedanken zu kommen.

  22. Stephan Schleim @ Balanus: evolutionäre Grenzen
    28.03.2010, 21:53

    Anderes Beispiel: Ich kann nicht wissen, wie es anfühlt, ein Eichhörnchen zu sein.

    Und ist das nun evolutionär bedingt...?

    Es gibt übrigens sehr wohl Philosophen, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Zufällig habe ich gerade sogar so ein Fledermaus-T-Shirt an.

    Wie ist es eigentlich, ein Balanus zu sein? Weißt du das wenigstens? ;-)

  23. Markus A. Dahlem nichtlineare Phänomene erfassen
    28.03.2010, 23:10

    Oh, hier sind aber schon viele Kommentare, da mag meiner fast profan erscheinen:

    Aber sei es drum:

    Menschen sind natürlich sehr wohl fähig nichtlineare Phänomene zu erfassen.

    Jedes Kind tastet sich an die Schwelle seiner Eltern heran und kann dann damit meisterhaft umgehen. Das allein ist schon ein nichtlineares Verhalten (das der Eltern, also eine Schwelle zu haben), das wir sehr sehr früh in unserer Entwicklung kennen lernen.

    Ein weiteres Beispiel. Ich erinnere mich noch sehr gut, dass ich als Kind fasziniert war von einer Schatzkiste in Miniatur die in einem Aquarium stand. Deren Deckel ging periodisch auf und zu und entließ dabei Luftblasen. Ich beobachtete, dass diese Luftblasen kontinuierlich in den Deckel blubberten und doch dieser darauf mit einer Oszillation reagierte. Gut, ich verstand nicht, wie dass ging. Aber dass dies etwas sehr besonderes war, erfasste ich schon. Es war nichtlinear. Das es eine Schatzkiste war, war mir völlig egal dabei.

    Wir machen also schon Erfahrungen mit nichtlinearen Phänomenen. Nur werden diese so schnell komplex, dass wir meist nicht mehr nachkommen mit unserer Gabe, sie zu erfassen. Die Grenzen sind aber doch recht unterschiedlich und ein Studium dieser Phänomene kann eine gute Intuition bilden.

  24. Balanus @Stephan Schleim
    29.03.2010, 00:35

    » Und ist das nun evolutionär bedingt...?«

    Klar, weil alles Organische nun mal evolutionär bedingt ist.

    » Wie ist es eigentlich, ein Balanus zu sein? «

    Ein ausgewachsener Balanus führt ein wenig bewegtes Leben. Aber immerhin hat sich einst Darwin intensiv mit mir beschäftigt ;-)

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