Paul Michael Lützeler: Humanities vs. Geisteswissenschaften
Vor 2 Monaten besuchte mich Paul Michael Lützeler in der Guten Stube und schätzte die Erfolgsaussichten der neuen B.A.-Studiengänge in den Geisteswissenschaften ab. Schon damals brannte mir auf den Nägeln, den seit vielen Jahren in den USA lehrenden Literaturwissenschaftler einzuladen, uns über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den amerikanischen Humanities einerseits und den hiesigen Geisteswissenschaften aufzuklären. Auch in den Kommentaren wurde das Thema bereits gestreift. Kurzum: Heute ist es soweit – lieber Mike, abermals herzlich willkommen in der Guten Stube! Du hast das Wort.
Humanities vs. Geisteswissenschaften
Der Unterschied zwischen den amerikanischen Humanities und den deutschen Geisteswissenschaften ist wohl geringer als man gemeinhin annimmt. Beides sind Sammelbegriffe für jene historischen und hermeneutischen Wissenschaften, die sich mit Sprachen und Literaturen (das vor allem), mit den Künsten (Bildende Kunst, Theater, Musik), der Philosophie und Religion sowie der Geschichte beschäftigen. Sie haben ihren Ursprung in den sieben freien Künsten, wie sie an den mittelalterlichen Universitäten Europas gelehrt wurden, also im Trivium (Grammatik, Rhetorik, Logik) und dem Quadrivium (Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie). Durch die Ausdifferenzierung der Wissenschaften sind allerdings viele der sieben freien Künste in Gebiete abgewandert, die heute direkt (wie etwa die Astronomie) oder indirekt (Geometrie und Arithmetik) zu den Naturwissenschaften zählen. Zudem hat die Renaissance ein ganz anderes Wissenschaftsverständnis herbeigeführt: War man im Mittelalter an der praktischen Ausübung der sieben freien Künste interessiert, verwandelten diese sich nun in Fächer, deren Geschichte man studierte.
Vor allem im Lauf des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der naturwissenschaftlichen Fächer mit der rapiden Industrialisierung zu, und im 20. Jahrhundert wurden die Jurisprudenz sowie neuere Fächer wie Soziologie, Psychologie, Anthropologie, Politologie und Wirtschaftswissenschaften unter dem Begriff der “Sozialwissenschaften” aus den Geisteswissenschaften ausgegliedert. Sowohl in Deutschland wie in Amerika wurden für die Lehre der praktischen Künste spezialisierte Hochschulen oder Akademien gegründet, an denen man sich als Musiker, Bildhauer, Photograph oder Theater- bzw. Filmschauspieler ausbilden lassen konnte. Öfters als in Deutschland werden diese Künste allerdings in Amerika auch an den Universitäten unterrichtet, die dann allerdings nur selten zu den Humanities gezählt werden und meistens ihre eigenen “Schools”, die in Deutschland den Fakultäten entsprechen, haben.
Wie in Deutschland die Geisteswissenschaften, so spielten auch in den USA die Humanities bei der Ausbildung der nationalen Identität eine wichtige Rolle. Innerhalb der Geisteswissenschaften war es wiederum die Germanistik wie in Amerka die Anglistik/Amerikanistik, die hier jeweils eine Hauptrolle spielten. Letztere waren für die Ausformung der amerikanischen nationalen Identität wohl noch ausschlaggebender als die Germanistik in Deutschland, denn in Amerika gab es zahllose Einwanderer-Subkulturen, die sich über die unterschiedlichsten Sprachen und Dialekte verständigten. Das Englische musste als nationale Sprache in den USA erst durchgesetzt werden, während die deutsche Sprache im Bereich des 1871 gegründeten Kaiserreiches (sieht man von wenigen Ausnahmen ab) als akzeptierte Sprache der Nation galt.
Die Ähnlichkeit der Humanities mit den Geisteswissenschaften hat mit mehreren Faktoren zu tun. Zum einen führten die amerikanischen Universitäten gegen Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts die sog. Graduate Schools ein, d.h. auf das nach englischem Vorbild gebaute College wurde eine Weiterbildung (Magister- und Doktorgrad) gesetzt, die nach deutschem Muster strukturiert wurde. Zudem haben tausende von jüdischen Emigranten, die durch Hitler aus Deutschland und Österreich vertrieben worden waren, in den Jahrzehnten zwischen 1940 und 1990 die amerikanischen Humanities mit ihren aus Deuschland stammenden Methoden stark beeinflusst. Anders als die Geisteswissenschaften in Deutschland hatten die Humanities in Amerika nach 1945 keinen Kulturbruch und keine Kompromittierung aufzuarbeiten. Was ihre Methoden in der Nachkriegszeit betrifft, waren sie jedoch relativ ähnlich: in beiden Ländern dominierten immanent-strukturelle Methoden.
Das änderte sich erst in den 1960er Jahren im Zuge der Studentenbewegung,
die in beiden Ländern kulturell ihre Spuren hinterließ. Von nun an
machte sich ein starkes interfachliches, multi-, inter- und
transdisziplinäres Interesse bemerkbar. Es führte in beiden Ländern
dazu, dass man immer mehr für sich in Anspruch nahm, “cultural studies”
bzw. Kulturwissenschaften zu betreiben. Sowohl in den USA wie in
Deutschland wurden hie und da die übergeordneten Begriffe Humanities
bzw. Geisteswissenschaften durch Cultural Studies oder
Kulturwissenschaften ersetzt, doch scheint das eine Tendenz zu sein, die
in beiden Ländern wieder rückläufig ist. Diesseits wie jenseits des
Atlantiks kann man im Augenblick eine Besinnung auf die Einzelfächer,
ihre methodischen Eigenarten und ihre Geschichte in den Humanities und
Geisteswissenschaften beobachten, gerade weil man am Dialog der Fächer
und an verstärkt transdisziplinärer Arbeit interessiert ist. Auch die
Internationalisierung der Wissenschaft hat dazu geführt, dass die
Unterschiede in den Methoden der Geisteswissenschaften und der
Humanities immer geringer geworden sind. Übergreifende
wissenschaftliche Diskurse, zu denen aus vielen Ländern Beiträge
geliefert worden sind (wie Poststrukturalismus, Geschlechterstudien,
Postmoderne, Multikultur, Medienstudien, Postkolonialismus und
Globalisierung) haben in beiden Ländern zu vergleichbaren
Methodendiskussionen und Interpretationsansätzen geführt. Momentan ist
ein starker Pluralismus sowohl in den Humanities wie in den
Geisteswissenschaften zu konstatieren. Das zeigt, dass man bei der
Forschung sich mehr vom Gegenstand her zu bestimmten Herangehensweisen
inspirieren lässt, als dass man – der Mode folgend – eine gerade
dominierende Fragestellung an alles heranträgt bzw. eine aktuelle
Methode auch auf unpassende Objekte anwendet.
Homepage von Prof. Dr. Paul Michael Lützeler
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