Wechselwirkung zwischen zwei Kulturen
von Henning Lobin, 09. April 2010, 10:13
Im Jahr 1959 stellte der britische Physiker und Autor C. P. Snow die These auf, dass sich die naturwissenschaftlich-technische Sphäre und die Sphäre von Geisteswissenschaften und Literatur wie zwei völlig fremde Kulturen einander gegenüberstehen. Grundlegende Kenntnisse und Auffassungen der einen Kultur würden von der anderen nicht geteilt, ja oftmals nicht einmal wahrgenommen. Die geisteswissenschaftlich-literarische Kultur präge dabei die öffentliche Wahrnehmung von Wissenschaft – für die meisten Intellektuellen sei das Unwissen über den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik überhaupt kein Problem, aber könne man sich einen „gebildeten“ Menschen vorstellen, kein einziges Stück von Shakespeare oder Goethe zu kennen?
Natürlich ist es leicht, diese These zu entkräften, gibt es doch genügend literarisch gebildete Naturwissenschaftler oder mathematisch-technisch versierte Literaten. Bestseller wie „Gödel, Escher, Bach“ von Douglas Hofstadter oder Hans Magnus Enzensbergers mathematische Essays zeigen, dass manche Autoren mit Leichtigkeit den angeblichen Abgrund zwischen den beiden Kulturen überbrücken können. Schaut man allerdings an die Basis der wissenschaftlichen Arbeit, sucht man also derartige Brückenbauten in der alltäglichen Arbeit, den Forschungsprojekten an Universitäten, Akademien und Großforschungseinrichtungen, kann man daran zu zweifeln beginnen, ob Snows These so abwegig ist. Das Hohelied der Interdisziplinarität, ja „Transdisziplinarität“ wird zwar überall gesungen, und vor allem Großprojekte wie die Sonderforschungsbereiche der Deutschen Forschungsgemeinschaft und die durch die Exzellenzinitiative geförderten Vorhaben bewegen sich allein schon personell in Dimensionen, durch die die Überschreitung einzelner Fachdisziplinen unumgänglich wird, will man die für eine Antragstellung notwendige kritische Masse überhaupt erreichen. Die dabei praktizierte Interdisziplinarität spielt sich allerdings zumeist innerhalb der disziplinären Großbereiche ab. Der Anglist kooperiert mit dem Germanisten und allenfalls noch mit dem Historiker, aber doch kaum jemals mit dem Physiker oder dem Biologen. Und selbst wenn einmal ein Verbundprojekt so mutig ist, tatsächlich die Grenzen der wissenschaftlichen Großbereiche zu überschreiten, bleibt doch die eigentliche Forschung meistens disziplinär gebunden, indem ein interdisziplinäres Globalthema in disziplinär zu bearbeitende Teilprobleme zerlegt wird. Interdisziplinarität wird in Gremiensitzungen und Quartalsworkshops ausgelagert und im abschließenden Sammelband durch geschickte Kapitelbildung vielleicht überhaupt erst konstruiert.
Deshalb hat vor zwei Jahren ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung aufgelegtes Förderprogramm besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Im Förderschwerpunkt „Wechselwirkungen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften“ werden seit 2008 Projektteams gefördert, in denen sich Geistes- und Naturwissenschaftler in der täglichen Arbeit gemeinsam über Texte, Daten oder Tabellen beugen und dabei das Ziel verfolgen, zu Ergebnissen zu kommen, die ohne die andere „Kultur“ nicht erreicht werden können. Die ministerielle Förderung war dabei sicherheitshalber zunächst auf zwei geisteswissenschaftlicher Fächer konzentriert worden, in denen von vornherein eine gewisse Affinität zu naturwissenschaftlichen Herangehensweisen besteht: Sprachwissenschaft und Ärchäologie. Auf einem Statussymposium in Bad Honnef wurden am 15. und 16. März nun die ersten Ergebnisse der linguistischen Projekte vorgestellt, und manches dort Vorgetragene war tatsächlich atemberaubend.
Eine Aachener Arbeitsgruppe um Walter Huber, Christian Stetter und Martina Ziefle konnte etwa zeigen, dass die Unterschiede der lateinischen Buchstabenschrift und des japanisches Schriftsystems offensichtlich zu Unterschieden in den Erkennungsleistungen durch die Leser führen, die den immer noch in der Forschung vorherrschenden Alphabet-Zentrismus stark relativieren. Chinesische Schriftzeichen, wie sie im japanischen Schriftsystem verwendet werden, sind zwar schwerer zu erlernen, führen aber zu einer erheblich schnelleren Lesegeschwindigkeit. Um auch die Fehlerraten mit neuropsychologischem Instrumentarium bestimmen zu können, wandten die Aachener eigentlich für Buchstabenschriften entwickelte linguistische Untersuchungsverfahren für die japanische Schrift ab und konstruierten Pseudo-Schriftzeichen, die einem deutschen Pseudo-Wort wie „Nolle“ entsprechen.
Gleich zwei Projekte befassen sich mit Fragen der Sprachentstehung im Zusammenhang mit Evolution und Genetik. Das Team um William Martin, Hans Geisler (Düsseldorf) und Heiner Fangerau (Ulm) gelang es, Modelle des Gen-Transfers in evolutionären Prozessen auf die Evolution von Sprachen zu übertragen. Wie in biologischen Prozessen zwischen Genen spielt auch bei der Sprachevolution die gegenseitige Beeinflussung von Sprachen durch Entlehnungen eine sehr große Rolle, was in einem reinen Stammbaum-Modell unterschlagen wird. Mithilfe von Verfahren, die in der Bioinformatik entwickelten worden sind, gelang es ihnen zu zeigen, dass etwa 60 Prozent des Wortbestandes der Sprachen der Welt auf solche nicht durch die schon bekannten Gesetze der Sprachentwicklung erklärbaren Übertragungswege zurückzuführen sind.
Als Instrument zur praktischen Integration von sprachbezogenen Modellen und Daten und naturwissenschaftlichen Verfahren scheinen sich vor allem Netzwerke zu bewähren. Fast in allen Projekten fungieren diese mathematisch gut verstandenen Strukturen als tertium comparationis der interdisziplinären Kooperation. In einem Bielefelder Vorhaben werden sprachliche Netzwerke selbst zum Gegenstand der Forschung gemacht, was zu einer völlig neuen Art sprachwissenschaftlicher Erkenntnisbildung führt. Der Physiker Philippe Blanchard, die Linguistin Barbara Job und der Informatiker Alexander Mehler überführten sprachliche Daten von der Laut- und Buchstabenebene bis hin zu Textkonglomeraten, wie sie im Internet zu finden sind, in formale Netzwerke und untersuchen diese mit aus der Physik entlehnten Methoden. Durch die Analyse von Netzwerken, die aus den Kategoriensystemen der verschiedenen einzelsprachlichen Wikipedia-Versionen gebildet sind, können sie die Ähnlichkeiten zwischen Sprachen berechnen, die verblüffend genau den tatsächlichen Verwandtschaftsverhältnissen von Sprachen entsprechen.
Die Verwendung von Massendaten neuer Art wie den in sozialen Netzwerken entstehenden, aber auch großer digitaler Sammlungen historischer Texte stellt überhaupt die größte Veränderung dieser „neuen“ Geisteswissenschaften dar. In einem Projekt an der Universität Leipzig (Gerhard Heyer und Charlotte Schubert) werden riesige Korpora antiker Texte mit Verfahren durchsucht, wie sie auch von Google angewendet werden. Den Altertumswissenschaftlern hilft die Informatik, die „Nadel im Heuhaufen“ (Heyer) zu finden – so etwa ein bislang nicht erkannter Widerspruch zwischen dem offiziellen historischen Selbstverständnis des antiken Athens zu den „Atthidographen“, den attischen Lokalhistorikern. Schubert und Heyer fiel bei einer statistischen Analyse von deren Texten auf, dass darin überdurchschnittlich häufig von „Nomaden“ die Rede ist. Eine genauere Analyse der betreffenden Textstellen zeigte, dass die Atthidographen in ihren Schriften tatsächlich vom offiziellen attischen Selbstverständnis abweichen und eine Abstammung der Athener von Nomadenvölkern nahelegen – eine Auffassung, die sich erst viel später in der historischen Forschung durchgesetzt hat.
Die Projekte im Wechselwirkungen-Programm zeigen, dass interdisziplinäre Forschung auch auf ganz elementarer Ebene möglich ist. Wie intensiv die Zusammenarbeit wirklich betrieben wird, kann man erahnen, wenn man die Gräzistin flüssig über Analyse-Verfahren aus der Informatik oder den Biologen über die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Sprachen referieren hört – nicht jeder Wissenschaftler ist dazu bereit, sich so weit aus seinem vertrauten Fachgebiet herauszulehnen. Dass sich die Mühe aber lohnt, haben die Vorträge in Bad Honnef deutlich gezeigt.
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Danke für den hervorragenden und ermutigenden Beitrag!
Aus der notwendig interdisziplinären Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen kann ich die Beobachtungen nur bestätigen: Wo immer sich die Vertreter verschiedener Disziplinen auf ernsthafte Zusammenarbeit einlassen, entstehen unerwartete Dynamiken und Erkenntnisse.
Das Problem sehe ich daher auch nicht vorwiegend in "Verständigungsschwierigkeiten", die u.a. durch einen erfreulich wachsenden Bereich fachübergreifender und populärwissenschaftlicher Angebote (z.B. Filme über die Evolution der Arten oder die Biografien bedeutender Forscher und Forscherinnen etc.) zunehmend abgemildert werden. Auch ideologische Vorbehalte (a la "Evolution = Sozialdarwinismus" oder "Geisteswissenschaftler sind keine echten Wissenschaftler" o.ä.) treten zunehmend zurück. Was allerdings m.E. bleibt, sind falsche Anreizstrukturen: Noch immer haben Kolleginnen und Kollegen zu oft das Gefühl, dass sie ihren Ruf riskieren, wenn sie sich auf "das andere Lager" einlassen. Der Biologe, der Religiosität erkundet, muss sich dann fragen lassen, ob er jetzt "etwa auch Intelligent Design macht". Und der Kulturwissenschaftler, der sich auf die Erkundung evolutionärer Prozesse einlässt, steht unter dem "Verdacht des Biologismus". Gute Leute werden sich davon nicht aufhalten lassen, aber solche Vorbehalte kosten Kraft und lähmen, lassen den Ruf nach "Interdisziplinarität" dann auch manchmal als Sonntagsreden erscheinen.
Ich lese derartige Aufrufe zur Interdisziplinarität ja häufiger, aber das ist oft alles ziemlich weltfremd. Was genau soll der Biologe denn in der Praxis mit dem Anglisten genau anfangen, wenn er, sagen wir, die benthischen Foraminiferen des Pazifiks erforscht?
Es gibt viele Bereiche, in denen Natur- und Geisteswissenschaftler sinnvoll zusammenarbeiten können, aber da wird das meinem Eindruck nach bereits praktiziert. Die Leute sind ja nicht doof. Aber das betrifft eben nur einen Bruchteil der Forschungsthemen.
Ich war während meiner Diplomphase oft bei den Germanisten und hab da auch Seminare gehört etc, aber das war für mich schlicht irrelevant. Was soll ich machen? Meine Arbeit auf Mittelhochdeutsch schreiben?
Dieser Ruf nach Interdisziplinarität um der Interdisziplinarität willen klingt mir inzwischen zunehmend schal.
Diplomarbeit auf Mittelhochdeutsch, die benthischen Foraminiferen des Pazifiks „anglizistisch“ erforschen? Es ist leicht, das Projekt „Interdisziplinarität“ lächerlich erscheinen zu lassen, indem man groteske Beispiele konstruiert und sich darüber schlapplacht. Nach dem Motto: Schokopudding schmeckt gut, Heringsdipp schmeckt gut – aber warum bitteschön sollte ich das in einen Napf schmeißen und durcheinander essen?
Aber das ist doch gar nicht der Punkt.
Der Punkt ist, dass es eine weit verbreitete Doppelmoral gibt innerhalb der Wissenschaft. „Nach draußen“, in Drittmittelanträgen, auf festlichen Podien usw. werden Loblieder auf den interdisziplinären Dialog gesungen. Denn das Schlagwort kommt bei vielen gut an – und wird daher viel zu oft viel zu leichtfertig in den Mund genommen. Aber kommt innerhalb der Institutsmauern einmal ein Doktorand daher und schlägt vor, eine wissenschaftshistorische Arbeit in Pharmazie zu schreiben oder einen bestimmten Dichter hinsichtlich seiner Affinität zur Mathematik seiner Zeit abzuklopfen, erntet er ratlose Blicke oder rennt in offene Ablehnung hinein.
Natürlich ist nicht alles, was theoretisch an interdisziplinären Projekten machbar wäre, auch wirklich sinnvoll. Aber vieles, das sinnvoll wäre, wird entweder nicht erkannt – oder ausgebremst.
Insofern habe ich den Beitrag von Henning Lobin mit Freude gelesen – und danke mit einem netten Link, den ich meinerseits Arvid Leyh verdanke.
...aus meiner Sicht eines Third-Culture-Apologeten weniger, "eine wissenschaftshistorische Arbeit in Pharmazie zu schreiben oder einen bestimmten Dichter hinsichtlich seiner Affinität zur Mathematik seiner Zeit". Da stimme ich Lars Fischers Kritik durchaus zu, das erscheint mir auch ein bißchen wie Kuschelinterdisziplinarität.
Mein Hauptpunkt wäre: wie können Mathematiker, Naturwissenschaftler und Ingenieure ihre Arbeit in der Gesellschaft implementieren?
Eine wichtige Frage, zu deren Beantwortung sie u.a. mit Soziologen kooperieren müßten, lautete, warum große Teile der Bevölkerung Kernenergie oder Antibiotika ablehnen oder den Klimawandel leugnen, oder warum "Ist keine Chemie drin" das konsensfähigste Qualitätsurteil für Produkte aller Art ist. Um nur einige hier aktuell diskutierte Beispiele herauszugreifen.
Offenbar ist dieses Problem nicht nur mit Aufklärung oder der Bereitschaft, die Fakten hier auf einem Blog zu präsentieren und zu diskutieren, zu lösen. Da würde ich mir wünschen, daß verstärkt interdisziplinär gearbeitet, d.h. spezifische Fachkompetenz von Geisteswissenschaftlern und Künstlern rekrutiert würde.
Und da sind manche Kollegen immer noch ein bißchen unsensibel. Ich war vor zwei Wochen bei einem Künstler zu Gast, der die Gelegenheit bekommen hatte, mit der Polarstern in die Antarktis zu fahren, und er erzählte mir, wieviel Hartnäckigkeit und Fantasie dazu nötig gewesen war. Schließlich war es ein Gespräch mit dem damaligen Bundesforschungsminister Riesenhuber, das ihm die entscheidende Unterstützung gebracht hatte. Das gute Argument dieses Künstlers war, daß nicht eine einzige Berufsgruppe den Zugang zu einem ganzen Kontinent monopolisieren könne.
Danke übrigens, Carsten Könneker, für das interessante Link. Das kannte ich trotz meiner großen Sympathie für die verlinkten Wissenschaftler und Künstler bisher nicht.
Vielen Dank für diesen erhellenden und ermutigenden Beitrag, Henning Lobin. Dazu ein paar Anmerkungen (kürzer kann ich das leider nicht machen - womit wir wohl schon mitten im Thema sind).
1
Die Realität sieht jedoch leider - noch immer - völlig anders aus. Anfang der 1960-er Jahre habe ich mich, als Psychologe, intensiv mit Kybernetik (und Informationspsychologie) befasst, in der Hoffnung, den wirklich gigantischen Abgrund zwischen diesen „Zwei Welten“ zu überwinden, von denen Snow sprach. Aus der Sicht der Naturwissenschaftler nahm und nimmt sich das jedoch noch immer anders aus: Snow wagte es, darüber sprechen, „aber der ist doch Geisteswissenschaftler und hat von Naturwissenschaften in Wahrheit keine Ahnung“ (so redet man dann nach den freundlich beklatschten Gastvorträgen auf Kongressen in den Pausen).
"Das Hohelied der Interdisziplinarität, ja „Transdisziplinarität“ wird zwar überall gesungen"
- aber wenn man ernsthaft krank wird, hört das rasch auf, obwohl inzwischen (man geht ja mit der Zeit) der Begriff „Interdisziplinarität“ sogar groß in dem entsprechenden Klinikbereich angeschrieben steht. Zumindest bei den Medizinern heißt „Interdisziplinarität“ nur dies: der eine Spezialist (Neurologe z.B.) konsultiert den Kollegen aus der anderen Abteilung (Pharmakologe z.B.) - aber nicht einmal der in der Klinik vielleicht noch vorhandene Psychologe oder gar Psychotherapeut wird einbezogen - was ja echte Interdisziplinarität bedeuten würde. Das Interesse, bei Verdacht (!) auf Depression oder Parkinson nach psychischen Ursachen zu fragen ist = null. So vor einigen Monaten selbst als Begleiter einer Kranken erlebt im Münchner Kinikum „Rechts der Isar“. Dabei war Albert Görres, der Psychoanalytiker, einer der Gründer des damals, in den 1960-er Jahren, mit der Münchner Universität verbundenen „neuen“ Klinikums". Aber diese Zeiten sind längst dem „Freud bashing“ und dem „Roll back“ der traditionellen Mediziner zum Opfer gefallen.
2
Noch einsamer wird es auf der „Brücke zwischen den Zwei Kulturen“, wenn es um extreme Erfahrungen aus der menschlichen Innenwelt (etwa Träume) geht.
Johannes Nikel hat das beispielsweise soeben in seinem Buch "Die Mystik der Physik" (Kiel 2010 [Ludwig Verlag]) versucht. DAS ist „interdisziplinäres“ Denken und Argumentieren, und zwar auf höchstem Niveau.
Aber: Die Physiker in ihrer Mehrheit finden das sicher Blödsinn. Ein Physiker, der sich - wie Heißenberg, Weizsäcker, Dürr und Fritjof Capra ("Populärwissenschaftler") - mit Philosophie oder gar - horribile dictu! - mit "Mystik" befasst (Weizsäcker: mit Kundalini-Yoga), der ist sofort "out" - "alte Männer, die Angst vor dem Tod haben und deshalb über den Sinn des Lebens nachzugrübeln beginnen" oder so ähnlich verläuft dann die Argumentation.
Ich möchte den Naturwissenschaftler sehen, der wirklich ernsthaft auf die "andere Seite" geht - und dabei in seiner Urheimat "Physik" noch voll akzeptiert wird. Das Etikett "Science Fiction" ist dann noch das Beste, was ihm/ihr passieren kann. Die fraglos exzellenten Erfolge der Naturwissenschaften und der aus ihnen gespeisten Technologien sind so überwältigend, dass alles andere bedenkenlos plattgemacht wurde.
Wenn von "Dritter Kultur" geredet wird, dann ist damit stets gemeint, dass man die "Erste Kultur" (der Geisteswissenschaften") zu sich herüberzieht und eingemeindet, in Formeln und Statistiken presst. Und meint dann, man habe „menschliche Phänomene“ damit verstanden.
3
Bei Roland Barthes ("Die Vorbereitung des Romans“, Frankfurt a.M. 2008 [Suhrkamp]) fand ich ein schönes Zitat: "... werde ich immer die Art, wie Proust von Kummer spricht, der Art, wie Freud von der Trauer spricht, vorziehen." (Barthes S. 101).
Hier wird ein grundsätzlicher Unterschied schon zwischen Erzählen (Proust) und Berichten resp. Erklären (Freud) aufgezeigt: Jemand wie Freud (also jeder wissenschaftlich arbeitende Psychologe) schreibt "über" den Gegenstand seines Interesse, gwissermaßen "von oben herab", aus der Vogelperspektive, analysiert, vergleicht, ordnet ein - macht im besten Falle (wie es Freud ja erstaunlich gut gelingt) ein Phänomen wie Trauer verständlich. (Deshalb hat Freud seine Fallgeschichten bezeichnenderweise ja auch mal als „Novellen“ bezeiochnet - was sie natürlich überhaupt nicht sind.)
Ein guter Erzähler hingegen drückt sich so aus, dass der Leser IN SICH die Trauer entstehen fühlt.
Bei diesem Gegensatz "Erzählen" (Proust) vs. "Berichten / verständlich machen" (Freud) bewegen wir uns aber noch innerhalb eines vergleichbaren Feldes (Geisteswissenschaften oder ähnlich zu benennen).
Was kann ein Neurophysiologe oder Neuropsychologe, was (moderner) ein Informationspsychologe oder Kybernetiker dazu sagen - oder gar ein Physiker über die "Physik der Trauer"?
Nichts, was wirklich brauchbar ist!
4
Wenn es dann gar darum geht, einen Traum zu erzählen, zu deuten, zu erklären - oder einen LSD-Trip - da ist es dann endgültig aus mit der Interdisziplinarität. Den Naturwissenschaftler interessiert nur das, was mit Hilfe der Naturgesetze und der Mathematik "von außen her" objektivierbar, im Experiment überprüfbar, statistisch zu extrahieren ist (unter Eliminierung jeder Individualität und Subjektivität).
Das schließt jedoch alles, was man als Mensch "in sich erlebt" absolut aus.
5
Es gibt nur eine Brücke: die andere Seite durch empathisches Einfühlen zu verstehen suchen. Diese ist jedoch vielen (allen?) Naturwissenschaftlern verbaut, wie ich in vielen Gesprächen erfahren musste.
Das Umgekehrte gilt natürlich ebenfalls: Psychologen machen sich in der Regel schon in die Hosen, wenn das Wort „Mathematik“ nur genannt wird - und nicht ganz zu Unrecht, wie ich meine, denn die heutige Mathematisierung resp. Statistik-Besessenheit der „modernen“ Psychologen und ihrer „Psychologie ohne Seele“ hat keine Ahnung davon „was der Mensch ist“ (wonach Kant so intensiv fragte). (Ich habe die Ochsentour dieses Studiums vor vier Jahrzehnten absolviert und weiß, wovon ich rede - und das ist heute nicht anders, wie mir ein Blick in das Vorlesungsverzeichnis irgendeiner Uni zeigt und der Kontakt mit jungen Psychologen).
6
Weiß ich, was Hochbegabung ist, wenn ich die Ergebnisse eines Intelligenz-Tests von ein oder zwei Stunden Dauer und einen „IQ“ von 135“ vor mir habe? Oder weiß ich das, nachdem ich ein paar Hundert Stunden mit einem erst einmal gescheiterten Hochbegabten verbracht habe? Die Zeit, die man aufbringt ("investiert") - ist das Kriterium!
7
Die paar Gegenbeispiele (Enzensbergers Interesse für Mathematik und seine Fähigkeit, verständlich darüber zu schreiben, etwa im wunderbaren „Zahlenteufel“) sind einsame „Primzahlen“ im Meer der normalen „Zahlen“.
Die jeweilige „déformation professionelle“ schließt dies jedoch in der Regel aus, und deren Wurzeln liegen in der frühesten Kindheit: warum wird jemand Psychologe - oder Physiker?)
8
"Was unter Kultur zu verstehen ist, haben seit jeher die Intellektuellen geisteswissenschaftlich-literarischer Provenienz bestimmt. Der Amerikaner C.P. Snow hinterfragte diesen traditionellen Kulturbegriff, indem er der ersten Kultur der "Hommes de lettres" die zweite der Naturwissenschaftler gegenüberstellte und gleichsam als Synthese beider eine neue "dritte Kultur" propagierte. John Brockman hat den Ausdruck "dritte Kultur" übernommen, aber er beansprucht ihn ausschließlich für die moderne Naturwissenschaft, die unser Weltbild immer mehr verändert."
Der Klappentext zu John Brockmanns Reader „Die dritte Kultur“ von 1995 (München 1996 [Beck]) sagt doch alles.
9
Schon das Wort Mystik" verursacht den "hartgesottenen" (= "richtigen") Naturwissenschaftlern verständlicherweise Gänsehaut. Niemand aus diesem Lager wird Nikels "Mystik der Physik" ernst nehmen und so ernsthaft diskutieren, wie es das Buch m.E. verdient hat.
10
Sigmund Freud und die Psychoanalytiker (wie überhaupt die Psychotherapeuten jeder Couleur) werden von den Medizinern ja selbst heute, mehr als 100 Jahre nach Freuds ersten Arbeiten zur Psychoanalyse (1895: Irma-Traum") bestenfalls skeptisch zur Kenntnis genommen, genau wie jede "Tiefenpsychologie" und Psychotherapie-Variante. Man informiert sich (Fortbildung ist ja notwendig) und redet über "Psychosomatik" und „Interdisziplinarität“ - aber man verschreibt Pillen, weil man für ein "therapeutisches Gespräch" nur fünf oder zehn Minuten abrechnen kann und deshalb im Zeit-Budget der Praxis zu Verfügung hat. Das ist medizinischer Alltag und wird es - in Anbetracht von mehr als sechs Milliarden Menschen - noch lange (immer?) bleiben.
11
Erst wenn man selbst krank ist, merkt man erst, wie gigantisch dieser Abgrund zwischen "naturwissenschaftlichem Erklären" und "Verstehen"/ Einfühlen" tatsächlich ist. Man durchläuft in einer bestens ausgestatteten Klinik die diversen Stationen an modernster Medizintechnik (DAT-Scan etc.) und Künstlicher Intelligenz, lässt sich das Rezept für die neueste Pille verschreiben - und ist dann alleingelassen.
Da müssen erst noch viele Ärzte und Naturwissenschaftler in den nächsten Jahrhunderten massiv ins Grübeln geraten, bevor sich da etwas ändert und „Interdisziplinarität“ den Stellenwert bei „beiden“ Lagern bekommt, der in Ihrem so hoffnungsfrohen Beitrag, Hening Lobin, anklingt. Aber so beginnt es, denke ich, wie Sie es machen.
Ich möchte noch etwas nachtragen zu meinem Kommentar von eben:
Was die moderne Medizin und ihre Ärzte in vielen Fällen leisten, ist fraglos bewundernswert. Sie können zwei von einer Bombe abgerissene Hände voll funktionsfähig trasplantieren (gedtern in der Süddeutschen Zeitung gelesen) und einen vom Omnibus zerschmetterten Ellbogen fast völlig wieder herstellen. Viele Medikamente, die heute verabreicht werden, wirken ebenfalls Wunder, machen reduziertes Leben wieder lebenswert.
Wo die "Brücke" zwischen den "Zwei Kulturen" fehlt, das ist in Hinblick auf die Medizin all jenes, was nicht so eindeutig "repariert" werden kann, sondern eigentlich das ausführlichen Gesprächs und Verständnisses bedürfte. Damit meine ich nicht die unzähligen einsamen Alten (und Jungen) welche Ärzte missbrauchen und ihrer kostbaren Zeit berauben, um ihrer Einsamkeit für ein paar Minuten zu entgehen - sondern die wirklich Kranken, denen nicht richtig geholfen wird, weil ihr Leiden eben psychisch (mit-)bedingt ist - was auf fast alle Krankheiten zutrifft.
Die letzten Kommentare haben mich an ein schönes Erlebnis erinnert - die Schmöker-Lektüre der beiden Universitätsromane des Hirnforschers Prof. em. Gerald Wolf, z.B. "Glaube mir, mich gibt es nicht":
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Würden solch wundervolle Bücher mehr Leserinnen und Leser erreichen, könnten sie viel dazu beitragen, den Abgrund zwischen den Wissenschaftskulturen und auch Teilen der Öffentlichkeit abzubauen. Es gibt sie, die erfreulichen Beispiele - und wir können sie weiter sagen. :-)