Powerpoint macht nicht dumm - aber auch nicht klug
Für eine multimodale Rhetorik des Präsentierens
Nachdem die kurz nach der Jahrtausendwende aufgekommenen Parolen wie „Powerpoint is evil“ und „Powerpoint makes you dumb“ von einer umfassenden und seriösen Powerpoint-Forschung abgelöst wurden, hat nun der Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung, Thomas Steinfeld, die alte Kulturkritik an der Präsentationssoftware wieder aufgewärmt. Das Programm teile, kürze und verflache jeden Gedanken so lange, „bis er sich in eine überschaubare Zahl sofort löslicher Brühwürfel verwandelt“. (SZ vom 30.11.09). Das Ergebnis davon: „die Powerpoint“-Kultur hat die Kunst der Rede zerstört“. Behauptungen dieser Art spiegeln einen Technikdeterminismus, wie er in der Mediengeschichte nicht mehr vertreten wird. Nicht Programme verflachen Gedanken und zerstören die Kunst der Rede, sondern allerhöchstens Menschen, die diese Programme anwenden.
Im Rahmen eines von der VW-Stiftung geförderten Projektes „InteractiveScience“ forschen Wissenschaftler der Universitäten Trier und Gießen seit fast zwei Jahren über Powerpoint-gestützte wissenschaftliche Vorträge. Für mehr als 60 Vorträge aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen wurde mit einer Blickaufzeichnungskamera dokumentiert, wie Zuhörer diese Vorträge rezipieren. Die Befunde lassen in keinster Weise auf eine Zerstörung der Kunst der Rede durch Powerpoint schließen. Was die Befunde sehr wohl zeigen: schlechte Redner halten schlechte Vorträge mit schlechten Powerpoint-Folien.
Die Befunde zeigen aber auch, dass die Parallelität von visuellem Angebot über Powerpointfolien und gesprochenem Vortrag erhebliche Anforderungen an die Aufmerksamkeitsverteilung der Zuhörer stellt. Wer, wie Steinfeld, ausschließlich auf die Folien Bezug nimmt, und nicht berücksichtigt, dass diese nur in Verbindung mit dem gesprochenen Vortrag Sinn machen, übersieht das tatsächliche Problem, das solche Powerpointvorträge erzeugen: das Problem sinnvolle Zusammenhänge zwischen dem Gesprochenen und dem Gezeigten herzustellen. Die in dem VW-Projekt erhobenen Befunde zeigen, dass das Problem einer kohärenten Integration von Rede und Projektion nur dann gelingt, wenn der Vortragende selbst ein gekonntes Kohärenzmanagement praktiziert. Neben angemessen gestalteten Folien gehört dazu auch ein synchronisiertes Zeigen und Sprechen und eine angemessene Referenzierung der Projektionen durch den Vortragenden. Interessanterweise gelingt das eher den Naturwissenschaftlern als den Kultur- und Sozialwissenschaftlern. Offensichtlich sind sie im Umgang mit dem Visuellen aus ihrer Wissenschaftstradition heraus geübter. Das Problem in der Verwendung von Powerpoint ist nicht ein technischer Determinismus, der hinter unserem Rücken die Gedanken verflacht,sondern die fehlende multimodale Rhetorik. Es ist natürlich einfacher, einen Text vorzutragen als verschiedene mediale Modi zu orchestrieren.
Die von Thomas Steinfeld geäußerte Powerpoint-Kritik steht ganz in der abendländischen Tradition der Zeige- und Visualisierungsskepsis, mit der nachweislich bis zurück ins 11. Jahrhundert die Überlegenheit des Textmodus gegenüber visuellen Modi behauptet wurde. Diese Skepsis zieht sich über Zwinglis Auffassung des Visuellen als “Stab und Stecken fürdie Blöden” bis hin zu Neil Postmans “Wir-amüsieren-uns-zu-Tode-Verdikt gegenüber dem Fernsehen. Im Übrigen findet sich das verwendete Argumentationsmuster, dass das Visuelle den Text degradiere, bereits inden Abwehrdebatten gegen die Übernahme der Fotografie in die Tageszeitungen zu Ende des 19. Jahrhunderts: Befürchtet wurde damals die Schwächung der journalistischen Texte durch eine Dominanz der Fotografien – eine Auffassung, die sich ja heute noch in manchen Zeitungsredaktionen findet.
Steinfelds Befürchtung, dass die derzeitige Handhabung von Powerpoint die Differenz zwischen einem Vortrag und einer Präsentation aufhebt, trifft nicht den Punkt des Problems. In einem musiktheoretischen oder philosophischen Vortrag kann es tatsächlich albern wirken, wenn Powerpoint-Folien mit redundanten Textfragmenten neben den Redner projiziert werden. Bei einem geo-, natur- oder medienwissenschaftlichem Thema wird die Qualität des Vortrags aber gerade dadurch gesteigert, dass er mit sinnvollen Visualisierungen begleitet wird, die das zeigen, was nur mit erheblichem Aufwand zu formulieren ist. Präsentation und Vortrag bilden keinen Gegensatz, sondern sind jeweils unterschiedliche Strategien der unmittelbaren Wissensvermittlung – die man gut oder schlecht ausführen kann.
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