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Wissenschaftskommunikation 2.0 oder: Black Box mit Gucklöchern

von Jan Schmirmund, 09. Juli 2009, 12:09

Dieser Beitrag ist auch in meinem Schmirblog erschienen. 

Wissenschaft findet zunehmend in der Öffentlichkeit statt. Im vorhergehenden Artikel habe ich versucht deutlich zu machen, wie durch die Verwendung von Blogs und anderen Web 2.0 Anwendungen die Grenzen von interner Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus aufgebrochen werden. In diesem Kontext sind nun zwei Hauptphänomene erkennbar. Zum einen findet Wissenschaftskommunikation immer mehr im öffentlichen Raum statt und zum anderen tritt dass Individuum immer stärker aus dem Schatten der Institutionen hervor. Nachfolgend will ich versuchen, das Ganze mal anhand eines Bildes zu verdeutlichen.

Schwarze Kisten
Für die Öffentlichkeit stellen sowohl der Wissenschaftsbetrieb als auch das System des (Wissenschafts)journalismus eine BlackBox dar. Auch der wissenschaftliche Output ist in der Regel für den Normalbürger weder verständlich noch zugänglich (natürlich kann jeder in öffentliche Bibliotheken gehen und sich über die neuesten Entwicklungen in der Wissenschaft informieren, praktisch benötigt man dafür aber schon grundlegende Fachkenntnis und am besten auch ein Studium in welchem man die Benutzung von Bibliothekskatalogen erlernt hat). Der Output des Wissenschaftssystems bedarf daher der Bearbeitung durch den Wissenschaftsjournalismus, welcher das "gemeine Volk" über die wichtigen Ergebnisse aus der Forschung in verständlicher Sprache informiert. Nur so kann die Öffentlichkeit wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Diskurse miteinbeziehen. 

Man stelle sich nun die BlackBoxes Wissenschaftsbetrieb und Wissenschaftsjournalismus einmal bildlich als riesige schwarze Kisten vor in deren Innern Menschen leben, die mit Hilfe von komplizierten Maschinen und unbekannten Werkzeugen aus Input Output produzieren. Aus der Wissenschaftsbox fällt in kurzen Abständen aus einer entfernten Ecke bedrucktes Papier heraus, um kurz danach an einer anderen Stelle wieder in der selben Box zu verschwinden um dort erneut bearbeitet und verändert zu werden.

Aus der Journalismusbox kommen in einem steten Strom deren Bewohner zur Output-Klappe der Wissenschaftsbox herübergelaufen und begutachten die sich dort sammelnden Drucksachen. Die Journalisten machen sich von dem einen oder anderen Paper eine Kopie und verschwinden dann wieder in ihrer Box um sie in eigenen Output zu transformieren. Dieser verlässt in Form populärwissenschaftlicher Artikel die Box an einer für die Öffentlichkeit gut sichtbaren Stelle. Immer wieder kommt auch jemand - mit Papier wedelnd - aus der Wissenschaftsbox heraus gerannt und läuft zur Journalismusbox herüber und wirft die Zettel in den, scheinbar extra dafür vorgesehen, Einwurfschlitz.
 
Gucklöcher
Was genau in den Kisten passiert, wer dort wie mit wen was tut, ist für Außenstehende nicht ersichtlich. In letzter Zeit tauchen jedoch vermehrt kleine und große „Gucklöcher“ in den Wänden der Box auf. Die Löcher werden von den Menschen gemacht die im Inneren der Boxen leben. Ihre Werkzeuge heißen Blogs, Twitter oder Friendfeed. Die Fenster geben dabei den Blick in beide Richtungen frei. So kann erstens die Öffentlichkeit so aus ganz speziellen Blickwinkeln Ausschnitte von dem erfassen, was genau sich in den Kisten abspielt. Bisher musste sie sich mit dem offiziellen Output begnügen, welcher über geregelte Kanäle veröffentlicht wird. Die Kiste “Wissenschaft” legt ihre Produkte jedoch so versteckt ab (in kaum zugänglichen Fachzeitschriften und in Form von kryptischen Abhandlungen die oft nur für Fachkollegen verständlich sind), dass es dem Wissenschaftsjournalismus bedarf, diese Ergebnisse zu sichten und zu bewerten um dann der Öffentlichkeit in verständlichen Worten die Quintessenz näher zu bringen. Mittels der „Gucklöcher“, also z.B. Blogs, lassen sich nun die Gedankengänge der Forscher mitverfolgen – die Teilhabe der Öffentlichkeit an den sich in der Box vollziehenden Prozessen, wird dadurch ermöglicht. Ähnliches gilt auch für die Fenster in der Box Wissenschaftsjournalismus.
 
Außerdem kann man erkennen, wer die Menschen sind, die da in den Kisten leben und man versteht besser, was sie warum mit wem tun. Man kann als Öffentlichkeit besser nachvollziehen wie die kryptischen Zettel entstehen, die am Ausgang herauspurzeln und gleich wieder eingesaugt werden um als Rohstoff für neue Zettel zu dienen. Aber auch den Bewohnern der Box wird durch die Fenster ein Blick nach draußen ermöglicht. Feedback in Form von Kommentaren zeigt dem Wissenschaftler bzw. dem Wissenschaftsjournalisten was die Öffentlichkeit von ihrer Arbeit hält, was sie nicht verstanden hat, oder wo offene Fragen liegen. 

Man kann dieses Bild noch weiter zeichnen uns sich vorstellen, dass die Boxen sehr sehr groß sind und die Beleuchtung im Inneren eher diffus ist, sodass man Schwierigkeiten hat weiter als ein paar Meter zu schauen. So bekommt man oft nicht mit, was die anderen Bewohner tun. Die Gucklöcher lassen nun Licht ins Innere, sodass die beleuchteten Stellen auch intern besser sichtbar sind. Oft merken Kollegen erst so, dass man am gleichen Thema arbeitet und kommen dann gemeinsam schneller voran. Man stelle sich die Boxen aber nun nicht so vor, dass sie irgendwann aufgrund der vielen Löcher in sich zusammenbrechen, denn das Grundgerüst der Kisten ist massiv und hält die "Kiste" auch dann noch in sich zusammen, wenn sie wie ein Sieb durchlöchert ist. Es wird also weiterhin einen offiziellen Output geben, (der weiterhin) auch als neuer Input und Treibstoff für die Systeme selbst dient. Allerdings wird durch das neue Licht, welches in die Boxen fällt klar, dass einige der Maschinen ganz schön eingerostet sind und mal gründlich gereinigt oder sogar gegen verbesserte Modelle ausgetauscht werden müssen. Ein Hersteller einer solchen neuen Maschine heißt z.B. Open Access.
 
Was ich mit diesem Bild sagen will sind drei Dinge.
Erstens: Es ist unzweifelhaft so, dass Wissenschaftler in Blogs über ihre Arbeit berichten und sich öffentlich mit Kollegen austauschen und es gibt Journalisten (oder solche die sich dafür halten), die an den vorgegebenen Wegen ihres Systems „vorbei publizieren“. Sprich: die Löcher existieren!
 
Zweitens: Wissenschaftsblogs und Forscher die ihre Ergebnisse und Zwischenergebnisse via Social Media verbreiten und mit ihrer Hilfe erzeugen (wie es z.B. Jean-Claude Bradley in diesem Video oder Mary Canady und Wiliam Gunn in dieser Präsentation anschaulich darstellen. ) tragen dazu bei, dass ihre öffentlich finanzierte Forschung auch öffentlich zugänglich ist. Darüber hinaus wird es auch Fachkollegen vereinfacht, auf die Ergebnisse anderer zurückzugreifen, da sie leicht zu finden und frei zugänglich sind.
 
Drittens: Das ist gut so, weil so Wissenschaft effizienter, transparenter und demokratischer werden kann.




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Kommentare

  1. Alf Köhn versteckte black box?
    10.07.2009, 14:07

    Eine schöne Idee, die black box mit den Gucklöchern. Allerdings muss ich dazu sagen, dass man nur selten Kommunikation mit anderen Wissenschafltern durch diese Löcher betreibt, die auf demselben Fachgebiet arbeiten. Das gilt zumindest für meinen Fachbereich, der allerdings auch noch eine übersichtliche Größe hat, was dazu führt, dass man eh die meisten Leute kennt, die auf dem eigenen Fachgebiet arbeiten.
    Allerdings ist es manchmal ja gerade die Kommunikation mit Leuten, die nicht auf dem eigenen Fachgebiet arbeiten, die einem eine andere Sichtweise auf gewisse Dinge aufzeigt, was dann wiederum sehr hilfreich sein kann. Genau diese Kommunikationen findet durch die Gucklöcher statt.
    Eine wichtige Rolle spielt auch die Dicke und die Farbe der Fensterscheibe ;-)

  2. Carsten Könneker kein Betreff
    10.07.2009, 15:18

    Hallo Jan,

    willkommen bei den SciLogs! Ich freue mich auf anregende Diskussionen - und fange gleich mal damit an: Dein Bild der zwei Black Boxes gefällt mir im Großen und Ganzen sehr gut. Auch der Vergleich der soz. Netzwerke mit Gocklöchern, die beide Systeme sowohl für Außenstehende, aber auch für die Leute in den dunklen Boxen transparenter machen. Dennoch zwei kleine Anmerkungen. Du schreibst: "Der Output des Wissenschaftssystems bedarf daher der Bearbeitung durch den Wissenschaftsjournalismus, welcher das "gemeine Volk" über die wichtigen Ergebnisse aus der Forschung in verständlicher Sprache informiert. Nur so kann die Öffentlichkeit wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Diskurse miteinbeziehen."
    Hier würde ich gern 2 Dinge anmerken:
    1) Nicht unbedingt. Das „System“, also Wissenschaftler, Studenten, ja ganze Institutionen, können das ja auch in die eigene Hand nehmen. Tun sie ja auch mehr und mehr. In Deinem Bild: Sie werfen also nicht nur in die „Journalismusbox“ ihre Informationen und hoffen, dass diese darin weiterverarbeitet werden und vermittelt an die breite Öffentlichkeit gelangen, sondern sie haben auch selbst direkte Mittel und Wege, ihre Themen an die „Menschen da draußen“ zu bringen. Das kann ein Blog sein, wie Du ja auch selbst schreibst, aber auch ganz klassisch eine Institutspublikation für die Menschen in der Stadt, eine Veranstaltung vor Ort (zB Kinderuni) oder auch ein populäres Sachbuch.
    2) Die Bedeutung des Wissenschaftsjournalismus erschöpft sich keineswegs in der Übersetzerrolle, im "Umschreiben" von Texten, die man aus der anderen Black Box bezieht und die man am Ende selbst aus der eigenen Black Box entlässt. Natürlich ist es eine Kunst, hermetische Sachverhalte anderen Menschen zu erschließen. Das sollten Wissenschaftsjournalisten können!! (Wissenschaftler aber eigentlich auch.) Aber sie müssen noch mehr: Sie müssen als in der Sache unabhängige Berichterstatter auch kritische Distanz in die Wissenschaftskommunikation hineinbringen: die zweite Meinung einholen, Seilschaften transparent machen usw. Wie ein Wirtschaftsjournalist nicht nur die Bilanzen von Banken "übersetzen" können sollte, sondern seinen Lesern auch unabhängige Berichterstattung mit Kritik kredenzen sollte, sollte auch ein Wissenschaftsjournalist nicht nur allgemein verdaulich wiederkauen, was ihm durch die geöffnete Labortür herausgereicht wurde.

  3. Michael Markert kein Betreff
    21.07.2009, 11:36

    Lieber Herr Schmirmund,

    die Blackbox-Idee ist mir als Wissenschaftshistoriker natürlich bekannt, nicht nur inhaltlich als Teil der Kybernetiktradition, sondern auch in der Rede über Wissenschaft, etwa in Bruno Latours Studien zu Forschungsprozessen. Dort beschreibt die Blackbox jedoch bestimmte Prozesse am Forschungsprozess, gewissermaßen das Unsichtbarmachen einzelner 'unscharfer' Elemente von Forschung für die Naturwissenschaftler selbst - als Fakten und gesicherte Methoden.
    Allerdings: Gucklöcher in den Kasten sind - wenn überhaupt - die Arbeiten von Wissenschaftsforschern wie Latour. Was Sie hingegen beschreiben, sind alte Kommunikationsmustern in neuen Kanälen. Wir schauen auf diesem Weg nicht in die geblackboxte Welt hinein, sondern Naturwissenschaftler halten uns ständig Bilder ihrer eigenen Vorstellung davon, was wir von ihnen erwarten, vor die Löcher in den Wänden. Die damit erzeugte Offenheit kann kaum mehr als vorgegaukelt sein.

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