Ideenschnipsel – Plädoyer für Kurztexte in der Wissenschaft
Die heutige Wissenschaft scheint die mittelgroße bis große Form zu verlangen, vom 25-Seiten-Aufsatz, vielleicht im klassischen „research-article“-Format, bis zur 400-Seiten-Monographie. (Warum werden die Dissertationen immer länger?) Aber was ist mit den kleinen Ideenschnipseln, die eigentlich zu klein für ein großes Format sind, die aber zu schade zum Wegwerfen sind und vielleicht den Keim für Größeres in sich tragen? Nun, sie werden zum Aufsatz ausgewalzt oder sie verschwinden in den Fußnoten der großen Formate. Beides erscheint nicht optimal.
Bei manchen Forschern gibt es das Bedürfnis, den Ideenschnipseln dieses traurige Schicksal zu ersparen. Ein Beispiel im Bereich der Linguistik ist die Online-Zeitschrift „Snippets“, die das in ihrem „Editorial Statement“ folgendermaßen formuliert: „The aim of Snippets is to publish specific remarks that motivate research or that make theoretical points germane to current work. The ideal contribution is the ideal footnote: a side remark that taken on its own is not worth lengthy development but that needs to be said. One encounters many short comments of this kind in the literature of the seventies. We feel that there no longer is a forum for them. We want Snippets to help fill that gap.” (http://www.ledonline.it/snippets/index.html) Die dort publizierten “Schnipsel” zur Syntax und Semantik im Bereich der Generativen Grammatik, meist ca. eineinhalb Seiten lang, sind von guter Qualität und gut zu lesen.
Leider gibt es für viele Forschungsbereiche (z.B. die historische Sprachwissenschaft) kein vergleichbares Organ, und man könnte fragen, ob es nicht auch noch kleinere Formen der forschungsrelevanten „idealen Fußnote“ gibt. Im Bereich der Sprachwissenschaft etwa: gute Beobachtungen zum aktuellen oder historischen Wortgebrauch, Mitteilung linguistisch relevanter Funde aller Art (z.B. lehrreiche Lesefrüchte aus älteren wissenschaftlichen Werken), kleinere systematische Datenzusammenstellungen, Analyseskizzen, Summaries, kurze kritische Bemerkungen, Skizzen von Projektideen usw. Wo ist der Ort für solche Kurztexte?
Hier im Umfeld der „WissensLogs“ lautet die naheliegende Antwort natürlich: Genau dafür sind wissenschaftliche Blogs da. Und in der Tat findet man solche Sachen ab und zu auch auf Blogs und ihren Verwandten. Beispielsweise teilte Anatol Stefanowitsch am 23. Dezember 2010 auf der „Außenstelle“ seines Sprachlogs einen auffallenden Beleg für die Verwendung der Konstruktion „unabhängig + Genitiv“ mit: „unabhängig jeder Religion“ (http://sprachlog.posterous.com/unabhangig-des-genitivs). (Diese „Außenstelle“ ist explizit gedacht für „Sprachliches, das für Twitter zu lang und fürs Sprachlog zu kurz ist“.) Anschließend postete er am 27. Dezember auf dem Blog zur Konstruktionsgrammatik (http://konstruktionsgrammatik.wordpress.com/log/) eine kleine Analyse dieser Verwendung von unabhängig und verwandter Ausdrücke, u.a. unter Benutzung des „Google Books Ngram Viewer“. Allerdings gab es dazu bisher keine Kommentare. Auf Kristins Sprachblog (http://schplock.wordpress.com/2011/01) gab es am 18. Januar 2011 eine ganz interessante Zusammenstellung von Daten zum Gebrauch des Verbs ausrollen in Bezug auf Technik (z.B. ein Update ausrollen). Und auch auf dem „Language Log“ werden öfters interessante Daten vorgeführt und mit Unterstützung von „comments“ ergänzt und analysiert, z.B. eine für viele Sprecher noch ziemlich neue Verwendungsweise des englischen Adjektivs random im Sinne von ‚unerwartet‘ oder ‚ungewöhnlich‘ (Post vom 10. November 2010, mit 122 „comments“) (http://languagelog.ldc.upenn.edu/nll/?p=2764). Auch in Mailinglists gibt es derartige Beiträge. Zum Beispiel werden in ARGTHRY, einer Mailinglist zur Argumentationstheorie, dann und wann Hinweise auf auffällige Formen der Argumentation gegeben, die dann manchmal auch diskutiert werden.
Das ist sehr erfreulich, aber diese schönen Beitragstypen bilden meist nicht den Nutzungsschwerpunkt dieser Formate, wenn man von einigen spezialisierten „Forschungsblogs“ absieht, wie etwa dem „n-Category Café“ für mathematische Grundlagenforschung. Forschungsblogs für Ideenschnipsel scheinen sich noch nicht durchgesetzt zu haben. (Oder gibt es noch mehr erfolgreiche Blogs dieser Art, die wir nur nicht kennen?) Aber vielleicht sind sie ein zukunftsträchtiges Modell? Und was könnte dagegen sprechen?
1. Man hat keine Zeit. OK. Aber wenn Aufwand und Nutzen in einem vernünftigen Verhältnis stehen würden?
2. Man hat nicht dauernd kreative Ideen oder findet attraktives Datenmaterial. Aber wenn die Community von qualifizierten und engagierten Beiträgerngroß genug wäre?
3. Gerade junge Wissenschaftler haben vielleicht Angst vor dem Ideenklau. Man präsentiert ein geniales Ideenschnipsel, und schon schreibt ein anderer einen Aufsatz darüber. Nun gibt es den Ideenklau auch jetzt schon. Und man könnte auch sagen: Mit der Schnipsel-Präsentation kann man gerade seinen Ideenbesitz dokumentieren. Und die etablierten Wissenschaftler sollten sich da ohnehin weniger Sorgen machen. Eine gute Einstellung in dieser Sache zeigt Urs Schreiber in einem Interview (mit John Baez und Bruce Bartlett):
John: Well my theory is that Urs figures he can generate ideas so much faster than anyone else can possibly catch up with them, that - [laughter]
Urs: Well, actually sometimes I would rather like somebody to catch up with them [laughs]. I mean, I would like to throw away an idea like a ball and see it come back to me.
Die Barrieren scheinen also nicht unüberwindbar zu sein, und vielleicht sind konzentrierte Kurztexte doch ein gutes Modell für die digitale Wissenschaftskommunikation. Wer liest schon diese 400-Seiten-Wälzer?
Abschließend ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, Leibniz hätte seine vielen Projektentwürfe und Diskussionsbeiträge regelmäßig auf seinem GWL-Blog publiziert oder Wittgenstein hätte jede Woche ein paar philosophische Bemerkungen online gestellt. Unglaublich! Aber natürlich geht es auch ein paar Nummern kleiner.
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Spannender Artikel! Das mit den Schnipseln ist so eine Sache. Sie haben ja schon Posterous erwähnt, daneben gibt es noch Tumblr oder auch Blogs, deren Autoren Ideen über Facebook-Seiten verbreiten. Hier ist meiner Meinung nach noch vieles sehr neu und muss erst auf seine Tauglichkeit für Wissenschaft abgeklopft werden. Und das passiert ja auch schon. Nur ist das eben noch so eine Art Beta-Phase^^
Ansonsten habe ich hier bei den Scilogs die Erfahrung gemacht, dass sich viele tolle Ideen auch in Kommentaren entwickeln können. Von daher ist so ein Blog sicherlich schon mal ein guter Start...
Sehr intressanter Artikel. Ich schreibe gerade meine Masterarbeit in Kommunikationswissenschaften und versuche etwas über Twitter zu erfahren. Mein "Forschungstagebuch" führe ich online als Blog. Damit möchte ich genau das erreichen was mein Vorredner angetönt hat: eine aktive Teilnahme der Leser. Durch Kommentare können neue Ideen etnstehen und neue Denkrichtungen ausfgeleutet werden. Gerade bei Arbeiten die nicht so breit recherchiert werden kann das ein sehr zeit- und nervensparender Punkt sein.
Desweitern bietet ein Blog den Lesern in der Zukunft auch die Möglichkeit von den erarbeiteten Inhalten erneut zu profitieren.
Die Idee mit den Snippets finde ich echt super! Ich bin schon am überlegen, wie man so etwas in der Naturwissenschaft anwenden bzw. umsetzen könnte. Dort gestaltet es sich nämlich etwas schwieriger, da man, wenn man über ein Thema schreibt viel mehr Hintergrundwissen und Zusammenhänge aufführen muss, da Naturwissenschaft eben "komplex" ist. Ich denke daher, dass solchen Snippets insbesondere der Wissenschaftskommunikation dienen können. Man könnte z.B. gezielt Themen oder Begriffe oberflächlich mit sagen wir mal 10 Sätzen behandeln, schliesslich soll man die Leser ja nicht mit Fachwissen zu Tode langweilen. Solche Snippets lassen sich ja aber auch überall in Wissenschaftszeitschriften finden. Mir fällt da spontan die Zeitschrift MaxPlanckForschung ein, wo es auf 2 Seiten immer sehr kurze Artikel zu mehreren Themen gibt. Die Herausforderung bei der Sache liegt ja, das Thema auf eine gewisse Wortzahl runterzubrechen, so dass der Artikel trotzdem noch wissenschaftlich korrekt, aber gleichzeitig interessant ist. Ich überlege mir mal, ob ich für meinen Blog eine Kategorie "Snippets" erstelle und dort Wörter aus der Naturwissenschaft kurz erkläre, so wie es z.B. bei Biotechnologie.tv mit der Kreidezeit getan wird. Ich halte dies für sehr sinnvoll, weil der Leser sich den wenigen Inhalt normal besser merken kann.
Vielen Dank für diese Anregung!
Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Blogs werden meines Erachtens durchaus für das Festhalten solcher Schnipsel in der Wissenschaft eingesetzt, nur eben mit anderem Publikum vor Augen (siehe hinzu die Arbeiten von Jil Walker/Toril Mortensen, Sara Kjellberg, und von Lilia Efimova zu Personal Knowledge Management). Ein kurzer Blogbeitrag, der relativ wenig Kontextinformationen liefert und kaum in ein Thema einführt, sondern sich ganz auf eine wesentliche Idee/Information oder Frage konzentriert, ist für den Blogger selbst und andere Experten vielleicht verständlich, für eine breitere Öffentlichkeit aber nicht unbedingt. Und Blogs mit einem großen Publikum (oder mit dem Ziel, ein großes Publikum anzuziehen) liefern in der Regel mehr Hintergrundinformationen und führen den Leser bewusst ein, weil sie in der relativen Breite ihrer Leserschaft ihren Auftrag sehen.
Im Gegensatz dazu veröffentliche ich beispielsweise inzwischen Code-Schnipsel und anderes Material in meinem Blog, dass ich gerne für den späteren Wiedergebrauch festhalten würde, auch wenn das für eine breite Leserschaft vermutlich uninteressant (und auch mitunter kryptisch) sein dürfte.
Für die Blogforschung insgesamt sollte die Devise m.E. lauten: mehr Untersuchung von Nischenkommunikation. Die "großen" Blogs orientieren sich ohnehin stark an den Massenmedien, spezialisierte Kommunikation läuft eher in kleinen Gruppen ab.
@Michael:
>
Wo finden wir das? Ich würde sehr gerne einen Blick werfen!
Merci!
Hallo Thomas,
Du musst einfach nur auf den Namen klicken, dahinter befindet sich der Link zu seinem Blog^^
Es könnte sich vielleicht auch lohnen, die unterschiedlichen Weisen des Umgangs mit vorläufigen, unfertigen, ungesicherten, ... Ideen, die aber gleichwohl als produktiv gelten, in den unterschiedlichen Medien und Ausprägungsformen der Wissenschaft zu vergleichen. Ein kleiner Fund (!) hierzu:
Stephen Levinson, Presumptive meanings, 2000, S. xviii:
"I have tried to lay out a wide range of data ... The danger, on the other hand, is that many of the examples will be found to be underanalyzed, but I felt it was better to point (possibly with a wobbly finger) in the direction of many future dissertations than to withhold such directions in the interest of more scholarly reticence. My inadequacies, dear student, are your opportunities!".
Ein zweiter Gedanke. Wenn die Ideenschnipsel im überregionalen Stoffwechsel der Wissenschaft eine nennenswerte Rolle spielen sollen, dann käme es darauf an, sie "findbar" zu machen. Verschlagwortung, "findability" und all die komplizierten Probleme, mit denen Bibliographen, Wissenschaftssystematiker und andere seit langer Zeit kämpfen, hängen daran. Aber es sind ja auch neue, kollaborative Formen der Verschlagwortung und der Markierung im Entstehen... Ob sie hier helfen könnten? Wem nützen Schnipsel, wenn sie nicht gefunden werden können, wenn man sie braucht?
ES
Hallo, ich glaube der Link:
http://languagelog.ldc.upenn.edu/nll/?p=2764
ist kaputt. Er verweist nämlich auf: http://www.wissenslogs.de/...upenn.edu/nll/?p=2764
Oder war das Absicht?
@Osla Lupp
Vielen Dank für den Hinweis. Wir werden das checken. Wenn Sie die URL in Ihren Browser eingeben, kommen Sie zum richtigen Artikel.
GF
@Michael
Das klingt sehr gut. Viel Erfolg!
@Sebastian R.
Die Frage, wie man in Kurztexten Hintergrund gemeinsam verfügbar macht, ist ein besonders interessanter Punkt, scheint mir.
@Cornelius Puschmann
"Für die Blogforschung insgesamt sollte die Devise m.E. lauten: mehr Untersuchung von Nischenkommunikation." Sehr einleuchtender Hinweis! Vielen Dank! Die interessanten Sachen sind halt oft schwer aufzufinden.
Vor dem http stand eine öffnende, runde Klammer und damit wurde der Link wie ein Relativlink behandelt und die Adresse von Wissenlogs davorgesetzt. Nun ist alles ok.
@Martin Huhn
Vielen Dank!
GF
Mit wissensdialoge probieren wir in der Kategorie wissensblitze genau diese snippet-Idee umzusetzen. Allerdings ist hier das Ziel nicht, neue Ideen zu publizierten, sondern etablierte Theorien oder aktuelle Forschungsergebnisse kurz und prägnant aufzubereiten.
@ Johannes Moskaliuk
Gefällt mir sehr gut!
GF