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„science blogging“ und „research blogging“

von Gerd Fritz, 06. Juni 2011, 09:46

Seit kurzem wundern sich meine Familie und meine Freunde, dass ich dauernd Geschichten aus den Naturwissenschaften erzähle – also etwa zur Evolution des Halses der Giraffen und zu ihren Schwimmfähigkeiten, zum elektrosensorischen System der Haifische, zur Bildung von Canyons, zur Verwendung von Dispergierungsmitteln bei Ölkatastrophen oder zur Beobachtung von Kometen –, während ich mich doch eigentlich auf meine Arbeiten zur Texttheorie konzentrieren sollte. Nun, die Erklärung ist einfach. Ich habe mir ein Exemplar von „The Open Laboratory 2010. The Best of Science Writing on the Web“ schicken lassen (Chapel Hill, North Carolina: Coturnix 2011) und lese das jetzt. Eine großartige Print-Sammlung von 55 Blogposts, ausgewählt aus 900 Vorschlägen und herausgegeben von Jason G. Goldman und Bora Zivkovic. Verfasser der Blogposts sind professionelle Wissenschaftsautoren und Wissenschaftsjournalisten, etablierte Wissenschaftler mit Blogpraxis und Nachwuchswissenschaftler und -blogger. Es fällt auf, dass einige Posts unter so prominenten Adressen wie „scientificamerican.com“ erschienen sind. In seinem Vorwort schreibt Bora Zivkovic einige interessante Dinge, z.B. die Feststellung „2010 was a year of upheavals and large changes in the science blogosphere“ (vii). Dazu gehörte die (verdeckte) Einrichtung eines kommerziellen Blogs durch die Firma PepsiCo auf dem ScienceBlogs Network und der darauf folgende Skandal. Aber auch sehr allgemeine Entwicklungen: „But with the growth and professionalization of science blogging, and with many science writers and journalists now blogging about science as well as publishing in mainstream press, the lines have begun to blur” (viii). Journalismus und Bloggen als Kontinuum. Ein bemerkenswerter Trend!
Dass diese Blogposts erfolgreiches (Natur-)Wissenschaftsblogging darstellen, sieht man schon daran, dass ich als Laie diese Sachen mit Interesse und ohne große Verstehensprobleme lese – ein Sprachwissenschaftler mit allgemeinen naturwissenschaftlichen Interessen und einem Sohn, der Bioinformatik studiert, das steckt natürlich an. Aber wie würde das ein Naturwissenschaftler sehen? Offensichtlich gehören diese Blogposts eher zum journalistischen Genre als zum Typ des Forschungsblogs. Natürlich sind da die Grenzen fließend. Manche Posts haben lange Literaturlisten wie ein richtiger wissenschaftlicher Aufsatz. Aber es wird mehrheitlich doch über Forschung berichtet und nicht Forschung betrieben. Diesen Genreunterschied haben vor einiger Zeit die Mathematiker, Physiker und Blogger John Baez und Urs Schreiber in einem Interview betont: Über einen anderen wissenschaftlichen Blog sagt Baez: „Anyway, that blog is nice, but they don't actually do cutting edge research on the blog. They tend to explain ideas from physics in ways that laymen can understand. So as a result their blog's much more popular than ours –“ und ergänzt: “Those other blogs are very good. They're a great way for people to learn about physics. But we're doing something a little different.” Direkt anschließend erläutert Schreiber: “Many blogs are run as a kind of magazine or newspaper. Right? As a journalist would do. You know, recording all sorts of things. But that's not what we're doing.” 
In einer Online-Umfrage unter deutschen Wissenschaftlern haben wir kürzlich nach der Nutzung von Blogs gefragt. Die Antwort war ernüchternd. Blogs werden kaum genutzt, sie gelten als Zeitverschwender. Ein ähnliches Ergebnis brachte übrigens eine Untersuchung von Harley u.a in den USA. Wo sind also die erfolgreichen „research blogs“? Sie müssten die wirklichen Bedürfnisse der Forscher befriedigen und in den normalen wissenschaftlichen Arbeitsprozess integriert sein. Wie macht man das? Jason Goldman schreibt in seinem Vorwort zum „Open Laboratory 2010”: „Naysayers and curmudgeons would triumphantly declare that blogs are dead, but they could not be more wrong“ (x). Der Mann hat sicher recht. Aber wie sieht es mit den Forschungsblogs aus?




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Kommentare

  1. Elmar Diederichs @Gerd: Schöner post ...
    06.06.2011, 10:24

    "Wo sind also die erfolgreichen „research blogs“? Sie müssten die wirklichen Bedürfnisse der Forscher befriedigen und in den normalen wissenschaftlichen Arbeitsprozess integriert sein. Wie macht man das?"

    Das sind die wichtigen Fragen: Nach meiner Ansicht lebt ein blog-Netzwerk von drei Dingen:

    i) der richtigen Topologie des Netzwerkes
    ii) der Anregung der blogger untereinander durch posts und einen Austausch, den Laien nicht unbedingt verstehen müssen
    iii) gutem Wissenschaftsjournalismus, der verständlich ist

    Insofern würde ich sagen, daß der Erfolg eines blog-Netzwerkes gemessen wird

    a) in Termen der Leichtigkeit, mit der ein Thema in die community eindringen und gehypt werden kann
    b) in Termen der Geurtenrate neues Ideen und Projekte innerhalb des Netzwerkes
    c) in Termen des Häufigkeit des Rückgriffs von Politik und Medien auf die blogger-Szene
    d) in Termen von click-Zahlen als Indikator für Breitenwirksamkeit

    Wie haben denn das die von dir angeführten Studien gemacht?

  2. Markus A. Dahlem Ideen öffentlich denken
    06.06.2011, 17:47

    Ich versuche recht nah an meiner täglichen Forschung zu bloggen, auch wenn dass (noch) nicht die Mehrheit meiner Beiträge ausmacht.

    Viele Beiträge kommen auch aus der Lehre heraus oder aus Vorträgen, die ich mit Anekdoten und Bildern schmücke, die sich dann eben auch verbloggen lassen.

    Hätte ich eine Festanstellung, würde ich wohl noch mehr Ideen im Blog "verraten", d.g frühzeitig öffentlich durchdenken. So bin ich aber vorsichtig, denn dass ist mein Kapital. Mich macht diese Tatsache als Wissenschaftler etwas traurig, ist aber schlicht eine ehrliche Feststellung.

  3. Markus A. Dahlem Tippfehler
    06.06.2011, 17:49

    "d.g" soll "d.h." heißen.

  4. Thomas Wo sind die „research blogs"?
    08.06.2011, 19:13

    >> Wo sind also die erfolgreichen „research blogs“?

    Ich habe gerade über eine Mailingliste eine Neuerung erfahren, die auf dem Blog einer Bibliothek steht. Soweit ich sehe, wird dieser Blog vor allem genutzt, um neue Entwicklungen in der Digitalisierung bekannt zu machen. Ein Service-Blog also, der sich auf die Infrastruktur der Forschung bezieht.

    _Wenn_ es so ist, dass Blogs derzeit vor allem zu anderen Zwecken genutzt werden (zur Bekanntmachung, zur Popularisierung), dann kann man sich fragen, woran das liegt.

    Mögliche Erklärungsgesichtspunkte:

    Blogs werden unter den gegenwärtigen Bedingungen der personalen Autorschaft vielleicht nicht als gute Forschungsumgebungen wahrgenommen.

    Auch die verbreitete Unterscheidung von "Ergebnis" und "Prozess" mag eine Rolle spielen. Für die Öffentlichkeit (und Blogs sind öffentlich) sind in dieser Perspektive nur die Ergebnisse bestimmt, nicht aber die zum Teil vielfach verschlungenen Prozesse, die dazu geführt haben. (Ich selbst bin der Meinung, dass die Diskussionen, die Kontroversen usw. auf dem Weg zu "Erkenntnissen" natürlich sehr lehrreich sein können; aber zur Erklärung, warum es so wenige Forschungsblogs im engeren Sinne gibt, ist die Auffassung von der Ergebnis-Orientierung vielleicht hilfreich.)

    Schließlich das etablierte Reputations- und Belohnungssystem, das erfolgreiche und anregende Forschungs-Blogs bislang nicht zu den relevanten Leistungen zählt.

    Thomas

  5. Thomas Houghton Library Blog
    08.06.2011, 19:24

    Hier noch der Link zu dem Blog, den ich eigentlich vorher schon einfügen wollte:

    http://blogs.law.harvard.edu/...ly-digitized-june/

    Das Beispiel zeigt mir auch, dass die Nutzung der Mailinglist und des Blogs in diesem Fall eher _Anregungscharakter_ hat, dass ihre Nutzung aber nicht als Teil der systematischen Beobachtung eines Forschungsfeldes gelten kann.

    Was weiß man über die Rolle der _Anregung_ im Getriebe der Wissenschaft?

    Thomas

  6. Hans-Jürgen Bucher Wissenschaftler als Journalisten
    09.06.2011, 09:48

    Wenn sich Wissenschaftler offensichtlich zunehmend selbst als Journalisten betätigen (weil sich die "richtigen" Journalisten zu wenig um sie kümmern?), so ist das ein weiterer Beleg dafür,dass die Selbstvermarktung inzwischen zum Kerngeschäft der Wissenschaft gehört. Solang das zu so wunderbaren Leseerlebnissen führt, ist das möglicherweise ziemlich unschädlich.

  7. Thomas Rupp Funktionen von Blogs
    12.06.2011, 19:44

    Wo sind die erfolgreichen Forschungsblogs? Viele gehen ebenso unter wie viele Papers im Zuge des Publizierdrangs/-wahns. Viel Information scheint unnötig oder redundant. Aber Suchmaschinen machen auch Fortschritte, google kann mittlerweile wiss. Informationen nur in Blogs suchen und auch nach dem "Reading level" filtern. Von daher liegt Redundanz immer im Auge des Betrachters, aber lieber zuviel als zuwenig davon ;)

    Ich find v.a. die Frage spannend welche Funktion die Blogs in Bezug auf wiss. Journale jetzt schon haben und erreichen können. Letztes Jahr gab es da einen ganz spannenden Disput Die berechtigte Kritik aus der Blogosphäre konnte die Publikation letztendlich nicht verhindern, aber man sah eben doch, dass die wiss. Blogosphäre ganz schnell das Peer-Review übernimmt und damit eine Forschungsfunktion ausfüllt. Wer up to date sein will, kommt an Blogs nicht mehr vorbei. Die Behauptung der NASA, dass wiss. Diskurs nur in den Journalen stattzufinden hat ist so sinnvoll wie die Behauptung das politische Probleme nur im Parlament verhandelt werden, institutionalisiert und reglementiert und beschränkt. Jeder Prozess braucht aber imo eine OFFENE Meta-Ebene, wie wäre sonst Optimierung und Veränderung desselben überhaupt möglich? Openscience/Science 2.0 Legitimation und Fortschritt findet letztendlich wesentlich in der Blogosphäre statt, die alteingessenen Journale haben offensichtlich kein Interesse daran, nutzen ihre Systemfunktion gekonnt aus.

    Aber es gibt ja auch mittlerweile Forscher und Gruppen die Ideen und Freiwillige über eine Website akquirieren, ihre Rohdaten und Logbücher öffentlich einsehbar machen.

    Die deutschen Forschungsblogs werden auch weiterhin rar bleiben natürlich, weil Deutsch ausser in der Philosphie keinen internationale Bedeutung mehr hat. Eine Forschungsfunktion und Metaebene wie sie die engl. Blogosphäre einnimmt bleibt imo surreal. Aber ein Wirken auf universitären Strukturwandel/Politik scheint mir grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Die Arbeitsverhältnisse an den Unis werden ja auch immer prekärer, aber solange das niemand artikuliert und Parallelen zur Copy&Paste Logik zieht bleibt die Wirkung aus. Problematisch wirds dann wenn promovierte Schummler hinter dem Steuerungspult von Reaktoranlagen landen oder milliardenschwere Ministerien verwalten. Da spart man am falschen Ende.

    Gerade daher rührt imho der Denkfehler vieler scienceblogger, dass viel Wirkung primär über viel Einschaltquoten/Clicks erreichen zu sei oder dass per se noch ein Beurteilungskriterium darstellt (Kleine Welt Phänomen in Netzwerken). Wichtig ist, wen man im Netzwerk anzutriggern vermag, woher der Blog seine Autorität bezieht, eine Aufmerksamkeitsschwelle überschreibten anfangs. Aber Trackbacks/Zitierhäufigkeit seh ich in der dt. Blogosphäre eher selten, scheint in der engl. weitaus selbstverständlicher zu sein.

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