Erfolgreicher Wissenschaftsblog – Texttypen im „Language Log“
Was macht einen erfolgreichen Wissenschaftsblog aus? Nun, die aktuellen Themen, die richtige Mischung von Texten unterschiedlicher Art, der lockere Tonfall und – natürlich – die zuverlässigen Verfasser von Beiträgen, die die Kontinuität sichern. Alle diese Merkmale sind beim „Language Log“ erfüllt, dem wohl international attraktivsten Linguistenblog. (Ein schöner Sprachblog in Deutschland ist auf WissensLogs natürlich wohlbekannt: http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/).
Der erste Eindruck beim Lesen des „Language Log“ ist der einer unüberschaubaren Vielfalt von Textelementen und Textvarianten, von der wissenschaftlichen Beschreibung eines sprachlichen Sachverhalts über die Kritik an einer grammatischen Auffassung, den Buchtipp und die wissenschaftshistorische Skizze bis hin zu Witzen und Nachrufen. Das Produktionsprinzip scheint zu sein: Anything goes!
Ich wollte mir das einmal genauer anschauen und habe eine kleine Fallstudie zu den Texttypen gemacht. Diese Fallstudie erscheint in ein paar Wochen in einem Sammelband mit dem Titel „Digitale Wissenschaftskommunikation – Formate und ihre Nutzung“, online und mit Open Access. Wir werden darüber berichten. Hier schon einmal eine „sneak preview“ auf die Fallstudie.
„Language Log“ wurde im Sommer 2003 von den Linguisten Mark Liberman, einem Phonetiker und Computerlinguisten, und Geoffrey K. Pullum, einem Grammatiker, an der Universität von Pennsylvania eingerichtet. Es handelt sich um einen Gruppenblog, d.h. neben den Initiatoren postet auch immer eine kleine Anzahl von anderen Personen, darunter recht bekannte Linguisten. Liberman und Pullum wollten „a small high-quality Internet magazine“ einrichten, genauer gesagt „a magazine devoted entirely to linguistic topics like syntax and phonetics but aimed entirely at a general non-linguistic readership”. Neben diesem Ziel, eine größere Öffentlichkeit mit linguistischen Themen und Arbeiten vertraut zu machen und damit auch Werbung für das Fach Linguistik zu machen, spielte auch ein zweites Ziel eine Rolle. Der Blog sollte es den Verfassern von Beiträgen ermöglichen „to have a place where preliminary thoughts of a not too-serious nature can be laid out and viewed by a few thousand close friends“. Vor allem sollte die Veröffentlichung schneller gehen als bei wissenschaftlichen Zeitschriften, wo es mindestens 15 Monate dauert, bis ein Beitrag das Licht der gedruckten Welt erblickt und mindestens nochmals 15 Monate, bis jemand im Druck reagiert. Das Blog-Format dagegen ist für “speed freaks”: „On “Language Log”, you can see your stuff published where everyone in the world can see it for free just 15 seconds after you write it, and you often have some feedback in 15 minutes. That’s improvement of four or five orders of magnitude. It’s scholarship on methamphetamins. Publication for speed freaks”. „Language Log“ ist in seiner Funktion nicht primär ein Forschungsblog („research blog“) wie etwa das „n-Category Café“ im Bereich der mathematischen Kategorientheorie, wohl aber ein „(sprach)wissenschaftsbasierter“ Blog, dessen Beiträge von professionellen Linguisten geschrieben und zum Teil auch von solchen gelesen und kommentiert werden.
Wenn man sich die einzelnen Beiträge anschaut, dann lassen sich immer wiederkehrende Elemente feststellen:
- Es wird beschrieben, wie ein Wort auf neue Art verwendet wird (z.B. das englischer Wort random),
- es wird ein sprachlicher Zweifelsfall erklärt,
- es wird ein Sprachnörgler kritisiert, der völlig normalen Sprachgebrauch dogmatisch ablehnt,
- es werden Argumente vorgebracht, warum man eine bestimmte sprachliche Form ruhig verwenden kann,
- es wird darüber geklagt, dass die USA-Bevölkerung zu wenig Grammatikkenntnisse besitzt usw.
Daneben finden wir in Texten dieses Blogs nicht selten Vorwürfe, Beschimpfungen und Äußerungen negativer Gefühle eingefügt, was für wissenschaftliche Texte sonst eher ungewöhnlich ist, aber zu dem engagierten Tonfall des Blogs beiträgt.
Solche funktionalen Bausteine, wie wir Textstücke mit Beschreibungen, Erklärungen, Kritik, Argumentation, Klagen usw. nennen, kommen entweder als zentrales Element eines ganzen Blogposts vor – also in einem Blogpost, der im Wesentlichen aus einer Beschreibung besteht – oder in Verbindung miteinander, z.B. als Kritik plus Argumentation für diese Kritik. Man kann also unterschiedliche Texttypen danach klassifizieren, welche funktionalen Bausteine aus diesem Baukasten vorkommen, allein oder in Verbindungen. Auf diese Art und Weise kann man auch Cluster von Texttypen identifizieren, die untereinander verwandt sind, also etwa alle Texte, in denen argumentiert wird. Wenn man dieses Verfahren anwendet, kann man ein kleines Familienbild der Texttypen im Blog zeichnen, was ich am Ende dieses Posts auch tun werde.
Wie in vielen Wissenschaftsblogs dienen kleinere funktionale Elemente der Textorganisation, dem Themenmanagement und dem Wissensaufbau, beispielsweise:
- die Eröffnung mit einem Bezug auf aktuelle Ereignisse (sehr häufig),
- die Themenangabe in der Überschrift,
- die Kennzeichnung eines Posts mit einem oder mehreren thematischen Tags,
- der Querverweis auf frühere Behandlungen des Themas im Blog oder die Behandlung des Themas in anderen Blogs (mithilfe eines Links),
- eine bibliographische Angabe (mithilfe eines Links),
- ein ergänzender Verweis auf einschlägige Literatur (mithilfe eines Links),
- ein Verweis auf sonstige Hintergrundinformationen (mithilfe eines Links).
Der einzelne Blogbeitrag kann beispielsweise nach folgendem Muster gebaut sein:
Der Verfasser des Posts eröffnet mit dem Hinweis auf einen aktuellen Fund aus den Medien, der ein Beispiel für ein sprachliches Problem darstellt. Zu diesem Fund – einer Videosequenz mit einer Äußerung eines Politikers – gibt er einen Link. Der Verfasser beschreibt dann das sprachliche Problem und den gängigen Sprachgebrauch. Schließlich macht er sich über den Politiker lustig und beklagt dann die verbreitete linguistische Unkenntnis.
Derartige Muster und mannigfaltige Varianten und Erweiterungen lassen sich aus dem beschriebenen funktionalen Baukasten aufbauen.
Mit diesem Arsenal an Handlungsmöglichkeiten können vielfältige kommunikative Aufgaben gelöst und kommunikative Bedürfnisse von Wissenschaftlern (Verfassern und Lesern) befriedigt werden, von der Information über aktuelle Diskussionen in der Wissenschaft und die Aufklärung über Probleme des Sprachgebrauchs, die Werbung für das eigene Fach und die Stärkung einer linguistischen Community bis hin zur wissenschaftsnahen Unterhaltung. In dieser Vielfalt der befriedigten Bedürfnisse liegt ein wesentlicher Grund für die Attraktivität dieses Blogs.
Zum Abschluss also das versprochene Familienbild in Form einer kleinen Netzgraphik. Die Kanten zwischen den Knoten zeigen jeweils eine funktionale Verwandtschaft. Außenseiter, die nur durch das Thema Sprache und Sprachwissenschaft mit dem Rest verknüpft sind, haben keine solche Kante.
Texttypen
(1) Beschreibung
(2) Beschreibung/Bewertung
(3) Erklärung/Beschreibung
(4) Erklärung/Argumentation
(5) Kritik/Argumentation
(6) Kritik/Argumentation/Beschreibung
(7) Diskussion
(8) Satire
(9) Sich-Beklagen
(10) Rezension
(11) Wissenschaftsgeschichte
(12) Persönliches Erzählen
(13) Witz
(14) Nachruf
Familienbild
Vielleicht war das doch alles ein wenig zu komprimiert? Hoffentlich kein Problem, denn die längere Fallstudie ist ja demnächst zugänglich. Oder war der Post zu lang? Er umfasst ca. 1000 Wörter, ist also knapp halb so lang wie der längste Post im „Language Log“ mit 1994 Wörtern.
Ähnliche Artikel:
- Digitale Wissenschaftskommunikation - Potenziale und Barrieren
- Wissenschaftskommunikation 2.0 oder: Black Box mit Gucklöchern
- Bloggen Biologen mehr?
- Ein anderer Vorläufer der Präsentation: die Folien-Präsentation
- „science blogging“ und „research blogging“

zu sehen, daß sich auf SciLogs langsam die Gewohnheit entwickelt, auch andere gute blogs zu kommentieren und dem deutschsprachigen Publikum vorzustellen. :-)