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Von Cyberscience noch weit entfernt - Digitale Wissenschaftskommunikation in Deutschland

von Gerd Fritz, 20. Januar 2012, 13:42

Gestern ist wieder ein Band zur digitalen Wissenschaftskommunikation erschienen, online und in Open Access:

Anita Bader, Gerd Fritz, Thomas Gloning: Digitale Wissenschaftskommunikation 2010-2011 – Eine Online-Befragung. Unter Mitarbeit von Jurgita Baranauskaite, Kerstin Engel und Sarah Rögl. URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2012/8539/

Die hier ausgewertete Online-Befragung zur digitalen Wissenschaftskommunikation in Deutschland wurde in der Zeit vom 23.06.2010 bis 09.03.2011 durchgeführt. Insgesamt beteiligten sich 1053 WissenschaftlerInnen, ein ziemlich guter Rücklauf für eine derartige Befragung. Die Auswertung und Analyse gibt Aufschluss darüber, wie unterschiedliche Gruppen von WissenschaftlerInnen digitale Formate wie Mailinglists, Blogs, digitale Rezensionsportale und Open-Peer-Review-Zeitschriften in ihrer wissenschaftlichen Praxis nutzen und wie sie das Potenzial und die tatsächlichen Nutzung dieser Formate in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen einschätzen.

Hier in Kurzform die wichtigsten Ergebnisse, von denen uns einige überraschend erscheinen. Detaillierte Zahlen gibt es im Auswertungsteil des Bandes und im Anhang. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse in Vortragsform gibt es hier: http://connect1.hrz.uni-giessen.de/p53682457/

  1. E-Mail hat sich als Kommunikationsmedium Nummer eins in den Wissenschaften durchgesetzt und hat das Telefon deutlich überflügelt. Das ergab sich quasi nebenbei aus den Antworten zu einer allgemeinen Frage zu genutzten Kommunikationsmedien.
  2. Eine erste Überraschung: Die von Manchen schon abgeschriebenen Mailinglists sind in ihrer Funktion als „Servicelisten“ mit Tagungsankündigungen, Stellenausschreibungen usw. weiterhin ziemlich erfolgreich, allerdings mehr im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften (73% Nutzer) als bei den Naturwissenschaften (53%). In dieser Servicefunktion sind sie sowohl für aktive als auch passive Nutzer effizient und ihre Nutzung ist wenig zeitintensiv – ein entscheidender Faktor angesichts des schmalen Zeitbudgets vieler WissenschaftlerInnen. Als Diskussionsformat spielen die Mailinglists allerdings keine bedeutende Rolle, obwohl viele von ihnen in ihren Anfängen (auch) als Diskussionsforen gedacht waren.
  3. Nutzung von Mailinglists

  4. Die Nutzung wissenschaftlicher Blogs ist praktisch zu vernachlässigen. Nur 8% der WissenschaftlerInnen unserer Stichprobe nutzen Blogs in irgendeiner Form in ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Und auch hier eine Überraschung: Die jungen WissenschaftlerInnen, DoktorandInnen und Postdocs ("digital natives"?), machen in der Nicht-Nutzung von Blogs keine Ausnahme. Das Lesen und Schreiben von Blogposts gilt bei vielen Wissenschaftlern als Zeitverschwendung, da Blogs im Ruf stehen, kein ausreichendes wissenschaftliches Niveau zu erreichen. Insbesondere gilt die aktive Teilnahme an Diskussionen oder gar Kontroversen als wenig attraktiv, weil sie zeitintensiv und im Hinblick auf die Reputation auch risikoträchtig sein kann. Auch ein Potenzial von Blogs in einer Unterhaltungs- und Identifikationsfunktion für eine Wissenschaftler-Community wird kaum gesehen. Dieser negative Befund steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu der Tatsache, dass es international durchaus ernstzunehmende Forschungsblogs gibt, beispielsweise in Disziplinen wie der Mathematik (vgl. http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2011/8227/) oder der Meteorologie.
  5. Open Peer Review ist in den Naturwissenschaften inzwischen recht gut etabliert. Dagegen zögern die Geistes- und Kulturwissenschaften noch, dieses Modell für die Begutachtung von wissenschaftlichen Aufsätzen vor ihrer (endgültigen) Publikation anzunehmen. Die Vorteile der größeren Transparenz von Open Peer Review sehen insbesondere die jüngeren WissenschaftlerInnen. Die ProfessorInnen dagegen, die ja mehrheitlich die Gutachten zu erstellen und die öffentlichen Diskussionen mit den AutorInnen zu führen hätten, sprechen sich aus der Gutachterperspektive insgesamt nur zu 37% für die Veröffentlichung von Gutachten aus. Aus der Autorenperspektive ("Als AutorIn befürworte ich ...") sind es nur 35%, bei den Geistes- und Kulturwissenschaften sogar nur 27%. Auch hier schlägt die zeitliche Belastung dieses interaktiven Verfahrens negativ zu Buche. Darüber hinaus zweifeln viele WissenschaftlerInnen am Nutzen der zusätzlichen Veröffentlichung von Gutachten und Diskussionen vor der Publikation eines Artikels. Angesichts des Erfolgs von Open-Peer-Review-Zeitschriften wie ACP ist diese Einschätzung bemerkenswert (vgl. den Aufsatz von Ulrich Pöschl unter: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2011/8227/)
  6. Aus der Gutachterperspektive sprechen sich nur 37% der befragten Professoren für die Veröffentlichung von Gutachten aus.

Zusammenfassend kann man sagen: Nach den Daten unserer Befragung haben Service-Formate wie Mailinglists oder auch digitale Rezensionsorgane eine relativ gute Akzeptanz. Dagegen scheint die interaktive und kollaborative Nutzung von geeigneten digitalen Formaten (Mailinglists, Blogs, Wikis) bisher noch wenig verbreitet zu sein. Dies hängt wohl primär mit der individualisierten Leistungsanerkennung in vielen Zweigen der Wissenschaft zusammen. Open Peer Review als interaktives Format spielt bisher nur in den Naturwissenschaften eine bedeutendere Rolle. Grundlegende Veränderungen der Wissenschaftspraxis, die man von der Nutzung von digitalen Formaten in der Wissenschaftskommunikation erwarten könnte, scheinen bisher in der Breite der Wissenschaften in Deutschland noch nicht eingetreten zu sein. Es fällt auf, dass es einerseits international erfolgreiche Modelle für die wissenschaftliche Nutzung digitaler Formate gibt, andererseits aber diese Formate nur zögerlich aufgenommen werden. Wir scheinen uns noch in der Frühphase eines Verbreitungsprozesses zu befinden. Von Cyberscience sind wir noch weit entfernt.





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Kommentare

  1. Martin Holzherr Fehlt die Killer-App der Science-Comm.?
    21.01.2012, 10:55

    In der Science-Kommunikation fehlt wahrscheinlich einfach die Killer-App.
    Ein häufig erlebtes Phänomen mit neuen Technologien, vor allem digitalen, ist das vor sich hinschlummern einer neuen Technologie bis dann irgendein Gerät oder eine Software kommt die das Potential erst erschliesst.
    Vor dem Erscheinen des iphones wurden beispielweise Smartphones kaum genutzt.

    Ich könnte mir aber vorstellen, dass es keine allgemeine Killer-App für alle Wissenschaftsbereiche gibt. Mathematiker haben wahrscheinlich ganz andere Bedürfnisse als Biologen. Der Ansatzpunkt müsste doch der Arbeits- und Forschungsbereich des Wissenschaftlers sein. Es muss eine Art der Kommunikation über die Inhalte geben mit denen sich die Wissenchaftler eines Fachbereichs beschäftigen. Und es scheint ja im Bereich der Mathematik schon Wikis zu geben, die rege benutzt werden.
    Oft sind die Zirkel der Wissenschaftler, die sich mit einem Gebiet beschäftigen allerdings sehr klein. Eine Weile scheint eine rege Kommunikation über gewisse Aspekte der String-Theorie stattgefunden zu haben (entnehme ich Green's Buch), allerdings meist per EMail innerhalb eines sehr kleinen Kreises.

  2. BLugger Zuversicht
    22.01.2012, 17:17

    Zunächst mal danke für die Auszüge - wenngleich dies einmal mehr eine traurige Erhebung zum Online-Verständnis deutscher Forscher (größtenteils)ist. Ich bin jedoch sicher, dass sich das ändern wird. Deutschland steht nicht isoliert und seine Forscher schon gar nicht. International entwickeln sich genau solche Killer-Apps, wie @Martin sie herbeibeschwört - für verbesserte Kooperationen und Profilbildung etwa. Ich bin davon überzeugt, dass sich hier zeitnah einiges bewegen wird.

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