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Das Elend der Theologie

von Edgar Dahl, 03. März 2008, 12:38

Sigmund Freud hat einmal gesagt: „Wenn es sich um Fragen der Religion handelt, machen sich die Menschen aller möglichen Unaufrichtigkeiten und intellektuellen Unarten schuldig.“ Der Bestseller „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“ von dem Theologen und Psychiater Manfred Lütz dürfte ein Paradebeispiel für Freuds Beobachtung sein. In seinem Bemühen, uns von dem Glauben der römisch-katholischen Kirche zu überzeugen, bedient sich Lütz aller unredlichen Tricks, die sich christliche Apologeten über die Jahrhunderte hinweg haben einfallen lassen.

Der erste Kunstgriff besteht bekanntlich darin, sich das Vertrauen seiner Leser zu erschleichen, indem man sich ausdrücklich von dem salbungsvollen Ton und dem frömmelnden Gehabe typischer Kleriker distanziert. Unglücklicherweise geht die Rechnung nicht ganz auf, da der Leser während der Lektüre den vom Autor mit gespielter Jovialität um die Schulter gelegten Arm zu spüren meint und seinen etwas zu kumpelhaften Ton schlicht als zudringlich erlebt. Die Sprache ist da auch nicht sonderlich hilfreich. Vermeintlich „coole“ Interjektionen wie „Wow“, „Woom“ und „Super-GAU“ geben dem Leser das Gefühl, abermals ein mit Pickeln übersäter Halbstarker im Konfirmandenunterricht zu sein. Die einzig werbewirksame Phrase, die dem Buch noch fehlt, ist: „Gott ist geil!“

Der zweite, ebenfalls hinreichend bekannte Kunstgriff besteht darin, rasch einen frei inszenierten Sieg zu erringen. So „beweist“ Lütz seinen Lesern mit sichtlicher Genugtuung, dass Feuerbach, Marx und Freud die Existenz Gottes nie widerlegt haben. Darin hat er freilich recht. Doch ist dies selbstverständlich kein Grund zum Triumphieren, da die genannten Religionskritiker auch nie den Anspruch erhoben hatten, die Existenz Gottes zu widerlegen. Sie haben sich für die Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht, noch nicht einmal interessiert. Vielmehr sind sie schon immer von seiner Nichtexistenz ausgegangen und haben sich die wissenschaftlich weit interessantere Frage vorgelegt: „Wie kommt es eigentlich, dass so viele Menschen an einen Gott glauben?“

Der dritte Kunstgriff besteht darin, sich gegen jede Kritik immun zu machen, indem man seinen Gegnern kurzerhand unterstellt, lediglich einen Strohmann zu bekämpfen. Nach Lütz haben Religionskritiker wie Holbach, Voltaire oder Hume nur dem auf der Wolke sitzenden Gott mit dem Rauschebart etwas anhaben können, doch nicht dem Gott der einzig wahren Kirche. Der Gott der römisch-katholischen Kirche sei nämlich ganz anders. Wie jeder weiß, richteten sich die Argumente von Holbach, Voltaire und Hume jedoch keineswegs gegen irgendwelche „selbstgemachten Götter“, sondern durchaus gegen den Gott des Nicäischen Glaubensbekenntnisses, dem sich die Christen aller Konfesionen noch heute verpflichtet fühlen.    

Der vierte Kunstgriff besteht darin, seinen Kontrahenten mit einer falschen Alternative zu erpressen. Wer nicht an Gott glaubt, habe sich nach Lütz noch gar keine wirkliche Vorstellung von den verheerenden Konsequenzen seines Unglaubens gemacht. Ohne Gott bleibe uns nämlich nur noch der Nihilismus eines Friedrich Nietzsche: „An Gott glauben oder Nietzsche folgen, das scheint die wirkliche Alternative zu sein. Wenn man aber Nietzsche folgt, dann muss man auch bereit sein, den bitteren Kelch des Atheismus bis zur Neige zu trinken. Dann hat man keine Argumente gegen Hitler, Stalin oder Mao Tse-Tung mehr.“ Es bedarf hoffentlich keiner besonderen Erklärung, dass der Nihilismus keineswegs die logische Konsequenz des Atheismus ist. Der säkulare Humanismus eines Bertrand Russells ist beispielsweise eine durchaus gangbare Alternative zum moralischen Nihilismus.

Der fünfte Kunstgriff besteht darin, seinen Gegner moralisch zu diskreditieren, indem man sein Weltbild diffamiert und für menschenverachtend erklärt. So bezeichnet Lütz den Faschismus und den Kommunismus als „atheistische Freilandversuche“, die womöglich mehr unschuldige Menschen auf dem Gewissen haben „als alle Religionen zusammen“. Dass sowohl der Faschismus als auch der Kommunismus zwei quasi-religiöse Heilslehren waren, die mit dem Atheismus säkularer Humanisten nicht das geringste zu tun haben, ficht ihn dabei nicht an. Auch scheint er bequemerweise ganz zu vergessen, dass die Soldaten der Wehrmacht „Mit Gott und dem Führer“ in den Krieg gezogen sind und über ein Viertel der SS-Angehörigen treu ergebene Mitglieder seiner katholischen Kirche waren.

Der sechste Kunstgriff besteht darin, ein argumentatives Zugeständnis zu machen, das man bereits im nächsten Satz möglichst unbemerkt wieder zurücknimmt. So gesteht Lütz bereitwillig zu, dass der Vatikan selbstverständlich nicht immer von Engeln regiert wurde. Er nennt die Kirche in seiner erwähnt hemdsärmeligen Art sogar einen „Saustall“, doch selbstverständlich nur, um sogleich hinzuzufügen, dass es ja auch „total frustrierend“ wäre, wenn sie nur von Heiligen geleitet würde. Ich fürchte, man darf mit guten Gründen bezweifeln, dass die Juden „total frustriert“ gewesen wären, wenn der Vatikan zur Zeit des Dritten Reiches wenigstens ein einziges Wort gegen den Holocaust gesagt hätte.

Der siebte Kunstgriff besteht darin, dass man vermeintliche oder tatsächliche Autoritäten für seine Sache vereinnahmt. Die am häufigsten missbrauchte Autorität dürfte zweifellos Albert Einstein sein, dessen metaphorisches Reden von einem „Schöpfer“ – „Gott würfelt nicht!“ – geradezu wie eine Einladung an die Christen wirken musste. Lütz schreibt denn auch: „Albert Einstein war zuerst natürlich Atheist geworden. Aber je tiefer er in die Wissenschaft eindrang, desto mehr entwickelte er sich zu einem Bewunderer des Göttlichen.“ Lütz weiß natürlich so gut wie jeder andere, dass Einstein alles andere als ein Christ war. Wenn Einstein überhaupt an einen Schöpfer glaubte, dann an den von Lütz verlachten „Rentnergott Epikurs“.

Der achte Kunstgriff besteht darin, die ganze Hand zu ergreifen, sobald einem der kleine Finger gegeben wird. Dass Wissenschaftstheoretiker wie Karl Popper offenherzig von der Fehlbarkeit unserer Vernunft und der Vorläufigkeit all unseres Wissens sprechen, nutzt Lütz sogleich dazu aus, um einige aus der Vordertür herausbeförderte Dogmen rasch durch die Hintertür wieder hineinzuholen. So sei etwa die „Himmelfahrt Christi“ zwar „höchst unwahrscheinlich“, doch nicht „prinzipiell unmöglich“. Die Bescheidenheit der Wissenschaft dient jetzt also als intellektueller Freifahrtschein der Theologen.

Der neunte Kunstgriff besteht darin, dass man sich auf die Bildungslücken seiner Leser verlässt und schwer verständlichen naturwissenschaftlichen Theorien kühn einige Implikationen unterstellt, die sie nicht haben. So dürfte es beispielsweise die Physiker überraschen zu hören, dass die Quantentheorie „die Ehe zwischen Atheismus und Wissenschaft argumentativ zerrüttet“ habe. Nach Lütz ist der Zweifel an Gott als „intellektuelle Option zusammengebrochen“, weil die Quantentheorie zum „argumentativen Super-GAU des Atheismus“ geführt habe. Natürlich ist nichts von alledem wahr. Und man fragt sich wie Schopenhauer bei der Lektüre von Hegel: „Ist das nun Dummheit oder Niedertracht?“ Wie jeder Abiturient weiß, hat die Quantenphysik die klassische Physik Newtons erweitert und – zumindest nach einigen ihrer Interpretationen – den Determinismus des mechanistischen Weltbildes in Frage gestellt. Doch der Determinismus der mechanistischen Physik hat nichts mit dem Atheismus der naturalistischen Philosophie zu tun.

Der zehnte und letzte Kunstgriff besteht darin, seinen Gegner, wenn nötig, zu beschämen. So zitiert Lütz bei der Behandlung des Theodizee-Problems sein philosophisches Vorbild Robert Spaemann, der auf die Frage „Wo war Gott in Auschwitz?“, kurz mit „Am Kreuz!“ antwortete. Angesichts dieser entwaffnenden Antwort verbietet sich freilich jede weitere Frage; es sei denn, man nimmt es in Kauf, als herzlos zu gelten. So geschickt dieser moralistische Schachzug auch sein mag, dass Gott ebenfalls gelitten hat, kann selbstverständlich keine Antwort auf die Frage sein, warum Millionen von Juden in den Tod gehen mussten, wenn ihnen ein ällmächtiger und allwissender Gott doch problemlos hätte zur Hilfe eilen können.  

Für den Fall, dass ein Leser auf Lützens Kunstgriffe hereingefallen ist, sollte man annehmen, dass er jetzt vor der Wahl stehe und entscheiden müsse, ob er nun Christ, Muslim, Jude, Hinduist, Buddhist, Jainist oder was auch immer werden wolle. Doch Lütz ist derart zuvorkommend, dass er seinen Lesern die Qual der Wahl auch hier gerne abnimmt. Die anderen Religionen seien keine wirkliche Option. Sie seien „religiöser Ramsch“. „Das Wirrwarr des hinduistischen Götterhimmels“ etwa sei schlichtweg „abstoßend“. Der Buddhismus habe zwar einige „tiefe Einsichten“, sei aber letztlich „unbefriedigend“. Und im Islam sei der Mensch einfach „zu weit entfernt“ von Gott. Gegen das Judentum sagt Lütz eigentümlicherweise nichts. Wahrscheinlich schweigt er sich aber nur deshalb aus, weil man in einer „Theologie nach Auschwitz“ mit solcher Kritik vorsichtig sein muss.

Die erste Frage, die man sich nach der Lektüre, stellt, ist: Wie kann ein so billiges Buch nur so teuer sein?



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Kommentare

  1. E.T. Kunstgriffe
    03.03.2008, 15:02

    Der 11. Kunstgriff, vor dem Sie sich hüten müssen, ist, dass er Sie wegen Ihrer vehementen Religionskritik pathologisiert - schließlich ist er Psychiater! Was haben Sie nur gegen diesen netten Herrn und seine Frömmigkeit? Haben Sie ein Problem damit, dass andere an etwas Großes, Höheres glauben? Was machen Sie denn so einen Aufstand darum?? Immer wieder hacken Sie in Ihren BLOGS auf anderer Leute Glauben rum, anstatt den lieben Gott einfach mal einen guten Mann sein zu lassen. Ist schon auffällig...

  2. Fischer Das...
    03.03.2008, 15:53

    ...mag daran liegen, dass der Autor zwischenzeitlich spitzgekriegt hat, wieviel Resonanz man mit dem Thema bekommen kann. ;)

    Auf jeden Fall ein sehr schöner Verriss, da will man das Buch glatt selbst mal lesen. Wenn ich es mal für nen Euro auf dem Grabbeltisch seh, kauf ich es mir.

  3. Michael Blume In einem Punkt...
    03.03.2008, 16:52

    ...muss ich auch als Christ Herrn Dahl völlig Recht geben: die deutsche Theologie könnte gegen den kruden, zunehmend selbst fundamentalistischen Neoatheismus sehr viel subtiler argumentieren als bisher. Nur müsste sie dann eben mehr bieten als Geschichte & Rhetorik.

    Wer sich z.B. durch die Pseudo-Naturwissenschaft von Richard Dawkins gequält hat (keine Definition z.B. von Memen, keine einzige empirische Studie, kein Experiment - fast nur als Wissenschaft getarnte Polemik), der fragt sich schon, warum die Debatten in Deutschland immer noch kein höheres, naturwissenschaftliches Niveau erreicht haben. Warum musste erst ein Mit-Atheist wie D.S. Wilson den dawkinschen Spuk aufdecken?

    Lassen Sie mich also Ihre Abschlussfrage variieren, Herr Dahl: Wie kann ein so wertvolles und spannendes Thema wie Religion nur von allen Seiten oft so billig diskutiert werden wie bisher?

  4. rotfell kein Betreff
    03.03.2008, 22:14

    Religiöse Forschung bedient sich anderer Mittel als Naturwissenschaftliche, wodurch religiöse Betrachtungen für mich zum Beispiel oft undurchsichtig und wenig glaubwürdig erscheinen. Zuviel Interpretationen ohne Daten und Fakten.

    *in Deckung geh*

    Wobei ich zugeben muß, daß mich der psychologische Aspekt von Religion interessiert. Diesen kann man immerhin mithilfe von Daten und Fakten(?) belegen.

  5. Edgar Dahl @ - E.T.
    04.03.2008, 00:11

    Ja, ich fürchte, es ist wirklich schon eine Krankheit von mir, aber eine Berufskrankheit.

    Ich schätze, jeder ist vor allem auf seinem eigenen Gebiet empfindlich. Und wer, wie ich, auf dem Gebiet der Moral-, Rechts- und Religionsphilosophie tätig ist, dürfte seine liebe Mühe damit haben, Lützens Traktat kommentarlos hinzunehmen.

    Wer in der Physik, Chemie oder Biologie zu Hause ist, wird wahrscheinlich müde lächelnd sagen: "Lass die Pfaffen doch um Gottes Bart streiten - wen interessiert's schon?"

    Das klingt gut! Aber ist es auch richtig?

    Ich habe meine Zweifel! Dass die Physiker, Chemiker und Biologen heute ihrer Wissenschaft unbehelligt nachgehen können und sich nicht länger vor religiöser Einmischung und kirchlicher Zensur fürchten müssen, ist ein Privileg, das sie den Religionskritikern und ihrem Kampf um eine strikte Trennung von Staat und Kirche verdanken. Ohne Männer wie Voltaire, Hume und Kant hätten wahrscheinlich sogar Einstein, Planck und Heisenberg ihre Arbeiten noch posthum publizieren müssen.

    Während die Trennung von Staat und Kirche in der Physik und der Chemie längst vollzogen worden ist, hat sie sich in der Ethik und dem Recht noch immer nicht wirklich durchgesetzt. Ganz gleich, worüber wir diskutieren - ob über Empfängnisverhütung, Schwangerschaftsabbruch, Sterbehilfe oder Stammzellforschung -, der kirchliche Druck auf die Politik ist nach wie vor deutlich spürbar.

    Wie auch immer, dieser Blogeintrag beruht auf einer Rezension, die ich bereits im vergangenen Herbst geschrieben hatte, aber keine Zeitung abdrucken wollte. Da das Thema Religion hier auf recht großes Interesse zu stoßen scheint, habe ich sie hier veröffentlicht, damit sie nicht ganz umsonst geschrieben worden ist.

  6. Edgar Dahl @ - rotfell
    04.03.2008, 01:00

    Lütz macht aus den Kriterien, nach denen er Religionen beurteilt, ja keinen Hehl. Für ihn zählen weder interne noch externe Konsistenz, sondern allein ästhetische Kriterien: Die anderen Konfessionen sind, wie er wortwörtlich sagt, "religiöser Ramsch". Woher Lütz wissen will, dass der Buddhismus falsch, der Katholizismus aber wahr ist, wissen freilich "allein die Götter".

  7. Edgar Dahl @ - Fischer
    04.03.2008, 01:18

    Kommt Dir wirklich nicht die Galle hoch, wenn jemand wie Lütz den Faschismus und den Kommunismus als "atheistische Freilandversuche" bezeichnet? Das soll doch bedeuten: "Wir wissen, wohin der Atheismus führt - zu Auschwitz und den Gulags!"

  8. E.T. Berufskrankheit @Dahl
    04.03.2008, 08:36

    "Ohne Männer wie Voltaire, Hume und Kant hätten wahrscheinlich sogar Einstein, Planck und Heisenberg ihre Arbeiten noch posthum publizieren müssen."

    Sie haben mit Ihren Ausführungen voll und ganz Recht. Ohne mutige Geister wie Sie verschwindet die Meinungsfreiheit, Denkfreiheit, Forschungsfreiheit usw. ganz schnell wieder im Dunkel der Geschichte. Lassen Sie sich bloss nicht heilen von Ihrer Berufskrankheit!

  9. Fischer @ Edgar:
    04.03.2008, 13:34

    Ehrlich gesagt finde ich das eher amüsant.

    Es ist schon erstaunlich, was für einen Sturm der Entrüstung zum Beispiel Dawkins ausgelöst hat. Vor allem, wenn man mal betrachtet, wie regelmäßig und vehement von religiöser Seite gegen Atheismus und Säkularismus ausgeteilt wird (Stichwort "entartete Kunst" etc).
    Da gibt's dann normalerweise ein paar halbherzige Proteste und allgemeines Schulterzucken. Mehr ist mir sowas auch nicht wert.

    Aber da schreibt der Dawkins mal ein Buch und alles was auch nur so halb an Götter glaubt, geht die Wände hoch.

    Ich seh da vor allem Angst und Schwäche.

  10. Michael Blume Ja, aber...
    04.03.2008, 15:09

    Wie gesagt: bei der Beurteilung der interdisziplinären Schwäche liegen wir beieinander. Das sehe ich auch so. Fehlendes Niveau auf beiden Seiten.

    Nur wird die eine Einseitigkeit nicht durch die andere kompensiert.

    "Dass die Physiker, Chemiker und Biologen heute ihrer Wissenschaft unbehelligt nachgehen können und sich nicht länger vor religiöser Einmischung und kirchlicher Zensur fürchten müssen, ist ein Privileg, das sie den Religionskritikern und ihrem Kampf um eine strikte Trennung von Staat und Kirche verdanken."

    Das ist eine sehr verkürzte Geschichtsdeutung. Alle genannten Wissenschaften sind über Jahrhunderte hinweg unter religiösen Vorzeichen, in und von religiösen Institutionen betrieben worden. Klöster, kirchliche Schulen und Universitäten (und davor und daneben ebenso Tempel, Jeschiwas, Medressen etc.) entwickelten und tradierten Wissen bis zu den Schriften selbst (wir verwenden z.B. hier lateinische Buchstaben - und arabische Ziffern...).

    Klar gab es einen institutionellen und inhaltlichen Konflikt, als sich die Naturwissenschaften dann zu Recht aus theologischer Vereinnahmung zu emanzipieren begannen. Aber atheistische Regime a la "Herrschaft der Vernunft" im nachrevolutionären Frankreich, der DDR & Co. und heute China und Nordkorea standen und stehen auch nicht für Wissenschaftsfreiheit.

    Also, liebe Religionskritiker: Auch Ihr unterliegt Gruppendynamiken, in denen sehr einseitige Geschichtsbilder entwickelt und (Anders-)Glaubende tendenziell abgewertet werden. Als Schaf unter Euch Wölfen lasst Ihr das mich ja auch oft spüren... (-;

    Naja, dafür pflanzen wir (vermeintlich "dummen") Religiösen uns halt durchschnittlich deutlich erfolgreicher fort! Bio-logisch! (-;

  11. Michael Blume Gedankenhappen
    04.03.2008, 15:18

    Die Beobachtung der Sterne und das aus ihr abgeleitete Wissen war eine maßgeblich priesterliche Aufgabe schon in vorschriftlichen Kulturen.

    Maßgeblich religiöse Spekulationen erlaubten den Indern den Zugang zur Null, die dann von der islamischen und später christlichen Welt (gegen Ängste) erlernt wurde.

    Die Alphabete entwickelten sich aus der ägyptischen Hieroglyphen (Heilige Zeichen!)-Schrift - und die Alphabetisierung wurde maßgeblich durch die Verbreitung religiöser Schriften und Schulen gefördert.

    Pythagoras leitete eine religiöse Bewegung, die Mathematik betrieb.

    Auch Newton entdeckte Meilensteine der Physik mit der Auffassung, göttliche Gesetzen nach zu spüren.

    Einstein war mindestens spirituell aktiv, Francis Collins -der Leiter des Humane Genome Project- ist zugleich gläubiger Christ. (Rezi hier:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/...282763/ )

    Man kann all diese und Tausende andere für dumm und vorgestrig halten. Oder die Geschichte der Wissenschaft(en) etwas differenzierter betrachten...

  12. Michael Blume @ Lars zu: Kritik an Dawkins
    04.03.2008, 15:28

    Du schriebst: "Aber da schreibt der Dawkins mal ein Buch und alles was auch nur so halb an Götter glaubt, geht die Wände hoch."

    Nun bin ich aber ehrlich verwirrt. Ich dachte immer, Kritik sei erlaubt, sogar heilsam - und wenn sie auf dem Niveau vom Ferkelbuch daherkommt?

    Dawkins tritt dagegen mit einem wissenschaftlichen Anspruch auf (den er dann nicht einlöst) - und soll nun über jede Kritik erhaben sein? Kein Widerwort dem Guru der undefinierbaren und unbeweisbaren Meme?

    Bezeichnend für das "Elend der Theologie" finde ich vielmehr, dass die bisher beste Entlarvung der dawkinschen Pseudo-Wissenschaft eben nicht von einem Theologen, sondern von einem anderen Atheisten (David Sloan Wilson) verfasst wurde. Hier fehlt es - da kann ich Dahl nur zustimmen - auf religiöser Seite zu oft noch am naturwissenschaftlichen Niveau.

  13. Edgar Dahl @ - Michael Blume
    04.03.2008, 17:18

    "Klar gab es einen institutionellen und inhaltlichen Konflikt, als sich die Naturwissenschaften dann zu Recht aus theologischer Vereinnahmung zu emanzipieren begannen. Aber atheistische Regime a la "Herrschaft der Vernunft" im nachrevolutionären Frankreich, der DDR & Co. und heute China und Nordkorea standen und stehen auch nicht für Wissenschaftsfreiheit."

    Stimmt, aber beim nachrevolutionären Frankreich und den sozialistischen Ostblockstaaten sprechen wir von Diktaturen. Der Atheismus ist ein Weltbild, keine Regierungsform!

    Sie haben natürlich Recht, dass es zwischen Religion und Wissenschaft nicht immer Konflikte gab. Die Religionen, insbesondere der frühe Islam, waren mitunter sogar ein Hort der Wissenschaft. Was ich vor Augen hatte war eher, dass Wissenschaftler wie Spinoza ins Ausland flüchten mussten, Thomas Hobbes' Werke nur in Holland gedruckt werden durften und David Humes Essay über den Selbstmord erst posthum veröffentlicht werden konnte. Ja, selbst Darwin hat mit der Veröffentlichung seiner Autobiographie noch bis zu seinem Tode warten müssen, weil er die Folgen seines Skeptizismus fürchten musste.

  14. Fischer Genau das ist der Punkt
    04.03.2008, 17:26

    Es sind sich längst alle einig, dass der Gotteswahn ein Fehlschuss war. Und wie lang ist das Buch jetzt auf dem Markt? Monate! Das Thema ist durch. Gegessen.

    Kritik ist erlaubt. Man darf sie auch ein- zwei- oder gar fünfmal wiederholen. Aber die allgemeine DawkinsDawkinsDawkinsDawkins-Fixierung driftet so langsam ins absurde... ;-)

    Wie hoch ist wohl die Chance, dass Edgar die nächsten neun Monate auf Lütz rumreitet?

  15. Edgar Dahl @ - Blume: Intellektuelle Redlichkeit
    04.03.2008, 18:08

    "Man kann all diese (Pythagoras, Newton, Einstein) und Tausende andere für dumm und vorgestrig halten."

    Bitte missverstehen Sie mich nicht - ich halte religiöse Menschen keineswegs für "dumm" oder "vorgestrig"! Wie könnte ich auch? Es gibt zahllose religöse Menschen, denen ich intellektuell nicht das Wasser reichen kann.

    Ich hege auch keinen persönlichen Groll gegen religiöse Menschen. Um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern: Mein bester Freund ist Christ. Meine Frau ist religiös. Und ich hatte keinerlei Bedenken, als meine Tochter die Sonntagsschule besuchen wollte.

    Ich kann mir sogar selbst vorstellen, religiös zu sein. Wenn ich es wäre, wäre es jedoch eher eine Art "Privatreligion". Mein Glaube, dass es einen Gott gäbe, würde mich nicht in die Kirche führen. Ich würde Jesus Christus nicht für Gottes Sohn halten, der sich für unsere Sünden hingegeben hat. Ich würde nicht auf die Idee verfallen, die Bibel als das "Wort Gottes" zu betrachten. Ich würde zugestehen, dass sich mein Glaube rational eigentlich nicht rechtfertigen lässt und dass ich - wider alle Vernunft! und trotz all des Leids und Eends in dieser Welt -, glaube (oder zumindest hoffe), dass alles für einen guten Zweck geschah. Und schließlich würde ich mir auch nicht anmaßen zu wissen, was Gott von uns will, und anderen Menschen Vorschriften machen.

    Kurz um: Mir geht es nur um die intellektuelle Redlichkeit! Ich kann nicht beanspruchen, etwas zu wissen, wovon ich nichts weiß. Und ich muss mich dementsprechend auch davor hüten, anderen Menschen Überzeugungen aufzuzwingen, von denen ich selbst weiß, dass sie auf recht tönernen Füßen ruhen.

  16. Michael Blume Wissenschafts- und Religionsfreiheit
    04.03.2008, 22:01

    @ Dahl

    "Stimmt, aber beim nachrevolutionären Frankreich und den sozialistischen Ostblockstaaten sprechen wir von Diktaturen. Der Atheismus ist ein Weltbild, keine Regierungsform!"

    Ja, da stimme ich zu! Denn letztlich besteht ein sehr enger Zusammenhang zwischen Wissenschafts- und Religionsfreiheit. Regime, die das eine beschränken, beschränken stets auch das andere. Und zwar ganz egal, ob sie das religiös oder atheistisch rechtfertigen. Deswegen: Ja zur Freiheit! Des (Anders-)Denkenden und (Anders-)Glaubenden! Und ich glaube, da sind wir uns einig! (-:

  17. Michael Blume Ja, das ist der Punkt
    04.03.2008, 22:10

    @ Lars Fischer

    "Es sind sich längst alle einig, dass der Gotteswahn ein Fehlschuss war. Und wie lang ist das Buch jetzt auf dem Markt? Monate! Das Thema ist durch. Gegessen."

    Tja, und genau da triffst Du den wahren Kern, den ich (Herrn Dahl zustimmend) beklage. Denn: unter seriösen Naturwissenschaftlern ist Dawkins tatsächlich "durch" und hat seine Anhängerschaft fast nur noch im naturwissenschaftlich halbgebildeten Bereich.

    Auf atheistische Seite nennt sich das dann "Brights" und auf religiöser Seite Theologie - die Argumente, die die meisten seriösen Wissenschaftler über Dawkins den Kopf schütteln lassen, sind an der Basis nicht präsent. Und das ist m.E. das eigentliche Armutszeugnis - dass wir auch in Deutschland ein riesiges Manko an naturwissenschaftlicher Bildung haben. Und darin liegt (s. oben) durchaus auch "ein Elend der Theologie"...

  18. Fischer Zustimmung
    04.03.2008, 22:32

    Es nervt einfach. Aber was will man machen? Das Problem gibt's ja nicht nur in der Atheismus-Debatte. Ich weiß schon sehr genau, warum ich über gewisse Themen nicht schreibe.

    @ Religionsfreiheit:
    Ich kenn ja deine Idee vom freien Wettbewerb der Religionen, der in den USA ja auch recht gut funktioniert. Aber was passiert eigentlich, wenn sich die gesellschaftliche Lage verschlechtert und (wie in der Politik) radikale Gruppen vermehrt Zulauf bekommen? Ich sehe da durchaus ein gewisses Potential für Unannehmlichkeiten (schließlich werden jetzt schon in den USA Abtreibungsärzte aus religiösen Gründen ermordet).

    Ist so eine Art religiöser Verfassungsschutz denkbar, oder müssen wir Ungläubigen uns in so ner Gesellschaft auf Treu und Glauben (ausgerechnet) drauf verlassen, dass da schon nichts passiert?

  19. Beate T. kein Betreff
    05.03.2008, 15:07

    Wenn ich nicht in gewisser Weise selbst von der Herrschaft christlicher Religionsgemeinschaften in unserem Land auch über Nichtchristen betroffen gewesen wäre, hätte ich mich möglicherweise nie für Religionskritik interessiert. So aber muss ich mich zwangsläufig damit auseinandersetzen. Wahrscheinlich werde ich dies auch weiter tun, solange die Herrschaft der christlichen Kirchen in unserem Land nicht beendet ist. Würden sie ihr Süppchen nur für sich selber kochen, wären sie mir doch sowas von egal. ...

    Da ich selbst in der DDR aufgewachsen bin, komme ich auch nicht mit der Behauptung klar, die Unterdrückung dort hätte auf Atheismus beruht. Ich habe eher den Eindruck, dass man sich in der DDR christliche Unterdrückungschemata zu Nutze gemacht hat. Genau aus diesem Grund wurde dort auch keine nennenswerte Religionskritik betrieben.

  20. Michael Blume Genau!
    05.03.2008, 20:28

    Lieber Lars,

    danke für Deine Frage, die m.E. genau in die richtige Richtung zielt. Und es ist ja nicht nur die USA, auch nicht nur die islamische Welt: Denken wir an die Schicksale vieler Scientology-Anhänger auch in Europa oder die Giftgasattentate der Aum Shinrikyo in Japan, den Massenselbstmord der Sonnentempler, Heavens Gate etc. Gerade weil Religion eine buchstäblich "natürliche" Angelegenheit des Menschen ist, kann sie wie andere Fähigkeiten auch immer wieder auch fehlgehen bzw. missbraucht werden.

    Letztlich scheint mir, dass wir religionsbezogen vor der gleichen Frage stehen, wie wir sie auch im Bezug auf politische Parteien und Wirtschaftsunternehmen lösen mußten: Freiheit und Wettbewerb ermöglichen und gerade deshalb (!) auch eine Rahmenordnung schaffen, die Regelverstöße erkennt und abwehrt (z.B. Kartellämter, Verfassungsgerichte). Zugegeben: Der amerikanische, religiöse Markt ist auch demografisch atemberaubend leistungsfähig (2,1 Geburten pro Frau praktisch ohne staatliche Familienförderung!), dennoch halte ich ihn in vielen anderen Aspekten (z.B. Gefahren einer Verflachung der Theologie, Kreationismus, Bildungs- und Wissenschaftsfeindlichkeit etc.) für problematisch. Idealerweise würden wir Europäer einen eigenen Weg entwickeln, der Freiheit mit einem sorgfältigen Ordnungsrahmen verknüpft - was zu Entwickeln ein interdisziplinäres und auch überkonfessionelles Unterfangen wäre. (Libertarians - to the front! (-: )Den Bedarf dafür sehe ich und hoffe, den einen oder anderen Anstoß dazu geben zu können. Deswegen - wirklich Danke für Deine ermutigende Frage! (-:

  21. Michael Blume @ Beate T. - DDR - Religionskritik
    05.03.2008, 20:37

    Liebe Frau T.,

    Sie schrieben:

    "Da ich selbst in der DDR aufgewachsen bin, komme ich auch nicht mit der Behauptung klar, die Unterdrückung dort hätte auf Atheismus beruht. Ich habe eher den Eindruck, dass man sich in der DDR christliche Unterdrückungschemata zu Nutze gemacht hat. Genau aus diesem Grund wurde dort auch keine nennenswerte Religionskritik betrieben."

    Nun kommt auch meine Familie aus den neuen Ländern - und ich habe es anders erlebt. Die Religiosität, die bei meinen Großeltern noch da war, wurde bei meinen Eltern gezielt entzogen. Und mehr noch: oft habe ich das Gefühl, dass gerade die Erfahrung einer aufgedrängten Ideologie die Vergemeinschaftung in Religionen und Weltanschauungen traumatisch erschwert. Man will nicht mehr missbraucht werden.

    Aber Fakt ist eben auch: Das Regime hat sich atheistisch definiert, ohne deswegen freiheitlich zu sein. Der freiheitliche Widerstand sammelte sich vor allem in und um die Kirchen - dort begannen auch die Demonstrationen. In Polen stürzte die katholische Solidarnosc die kommunistische Diktatur. Und in Birma stellen sich buddhistische Mönche gegen das atheistische Regime. Und für die atheistischen Diktaturen in Birma, China oder Nordkorea wird man kaum die Kirchen verantwortlich machen können, oder!?

    Was wir beide offensichtlich gemeinsam ablehnen, sind Monopole oder Kartelle, die den Staat nutzen, um eine religiöse oder weltanschauliche Ideologie anderen aufzudrängen. Gerade deswegen aber kämpfe ich für die Religionsfreiheit: jeder Mensch muss das Recht haben, selbst zu entscheiden, ob und wie er oder sie religiös sein möchte. Deswegen reagiere ich allergisch sowohl auf religiöse wie atheistische Fundamentalisten, die je Andersglaubende herabwürdigen und "zwangsbeglücken" wollen. Ich bin für den Mut zu Freiheit und damit Vielfalt.

  22. Fischer @ Michael:
    05.03.2008, 21:03

    Die Idee mit dem überkonfessionellen Ordnungsrahmen klingt vernünftig, da gibt es ja auch durchaus schon Ansätze, z.B. interkonfessionelle Konsultationen. Sowas ist ja auch Teil Deines Jobs, wenn ich mich recht erinnere.

    Wie siehst Du denn die Rolle des Staates da? Kriegen die Religionen das allein auf die Reihe oder sollte da ein starker Staat als neutraler, übergeordneter Akteur die Einhaltung der Regeln überwachen (was ja durchaus in gewissem Maße wiederum eine Einschränkung der Religionsfreiheit bedeutet)?

    Ich tendiere persönlich sehr stark zum letzteren (was daran liegen mag, dass alle naslang irgendwelche Freaks mit flackerndem Blick versuchen, mir was von Jesus zu erzählen. Irgendwie zieh ich die an :-( ).

  23. MountainKing kein Betreff
    05.03.2008, 21:15

    "Bezeichnend für das "Elend der Theologie" finde ich vielmehr, dass die bisher beste Entlarvung der dawkinschen Pseudo-Wissenschaft eben nicht von einem Theologen, sondern von einem anderen Atheisten (David Sloan Wilson) verfasst wurde."

    Es ist ja nachvollziehbar, dass man sich vom theistischen Standpunkt aus besonders darüber freut, wenn ein Atheist den einem selbst unbequemen Dawkins kritisiert. Nur sollte man dabei die Kirche im Dorf lassen und auch genau vergleichen, was Wilson kritisiert und was das Hauptanliegen von Dawkins ist und auch seine Erwiederung darauf berücksichtigen.

    Wilson zielt vor allem auf seine eigene Theorie der Entstehung von Religion und eventueller evolutionärer Vorteile ab. Die zentrale Frage in Dawkins' Buch ist allerdings die nach der Existenz Gottes und der diesbezüglichen Beleglage, was mit dem eben genannten Aspekt nicht unbedingt verknüpft ist. Dasselbe gilt für Dawkins Meme-Theorie. Aus der Tatsache, dass im Hinblick auf diese beiden Hypothesen auch unter Atheisten bzw. Evolutionsbiologen verschiedene Meinungen herrschen, zu schließen, dass sich damit auch der zentrale Aspekt der äußersten Unwahrscheinlichkeit einer Existenz Gottes (und damit Dawkins eigentliches Thema) quasi (mit)erledigt hätte, ist schon arg gewagt.

    "The central theme of the book is the question of whether God exists. I agree that it is also interesting to ask whether religion has some kind of Darwinian survival value. But whatever the answer to that might turn out to be, it will make no difference to the central question of whether God exists. Religious belief might have a positive survival value and God might or might not exist. Religious belief might have a negative survival value and God might or might not exist. Moreover, other important aspects of my critique, dealt with in other chapters of The God Delusion, are also unaffected by religion’s possible evolutionary advantages."

    Richard Dawkins Replies to David Sloan Wilson

  24. Edgar Dahl @ - Fischer
    06.03.2008, 02:31

    "...alle naslang versuchen irgendwelche Freaks mit flackerndem Blick, mir was von Jesus zu erzählen."

    Amüsante Vorstellung, wie Dich jemand "mit flackernden Augen" an die Wand presst und Dich fragt: "Bist Du gerettet!"

    Die Religionsfreiheit ist ja hierzulande in der von Dir gewünschten Weise beschränkt. Jeder hat das Recht, seine Religion frei auszuüben, SOFERN DIES NICHT DIE RECHTE ANDERER VERLETZT! Angriffe auf Abtreibungsärzte werden bei uns strafrechtlich genauso verflgt wie religiöse Menschenopfer, Gehirnwäsche oder Tierquälerei.

  25. Beate T. @ Michael Blume
    06.03.2008, 11:21

    Ich bin auch dafür, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, selbst zu entscheiden. Auch im Punkt Weltanschauung und Religion. Die Freiheit hört für mich erst da auf, wo die Freiheit anderer beeinträchtigt wird.

    Das, was jeder für sich selbst entscheidet, ist aber nur die eine Seite. Auf der anderen Seite steht der Staat oder die Kirche oder wer auch immer noch den Menschen etwas von oben aufdrücken will. Ich kritisiere nicht die Menschen mit ihrer persönlichen Entscheidung, sondern die Seite dieser „Zwangsbeglückung“, um das Wort mal zu übernehmen.

    Zitat: „dass gerade die Erfahrung einer aufgedrängten Ideologie die Vergemeinschaftung in Religionen und Weltanschauungen traumatisch erschwert.“

    Dem möchte ich nicht widersprechen. Die Erfahrung einer aufgedrängten Ideologie macht uns vorsichtig gegenüber weiteren Ideologien, in denen es ebenfalls Bevormundungen gibt. Ist das aber ein Fehler? Gegen Lebensweisen ohne Bevormundung macht es uns nicht immun.

    Zitat: „Das Regime hat sich atheistisch definiert, ohne deswegen freiheitlich zu sein.“

    Das war möglicherweise ein Kunstfehler. Ich kann mir vorstellen, dass es damals eine Reihe von Menschen gab, die sich von der christlichen Unterdrückung befreien wollten, daher das Christentum beiseite gelegt haben, ohne sich jedoch von den Unterdrückungsmechanismen zu befreien. Vielleicht haben sie das zuerst nicht mitbekommen, dass das keine echte Befreiung war. Wahrscheinlich ist es auch nicht einfach, sich von so was zu lösen. Ein Kind, das von seinen Eltern geschlagen wurde, schlägt wohl in den meisten Fällen seine Kinder auch wieder.

    Zitat: „Der freiheitliche Widerstand sammelte sich vor allem in und um die Kirchen - dort begannen auch die Demonstrationen.“

    Das ist aber kein Beweis dafür, dass christliche Kirche = Freiheit bedeutet. Vielmehr waren die christlichen Kirchen in der DDR als Institutionen am meisten daran interessiert, das Regime zu stürzen, da sie ja selbst unterdrückt wurden. Im Wesentlichen ging es ihnen nicht um Freiheit für die Menschen von Unterdrückung allgemein, sondern um ihre eigene Freiheit, christlich missionieren zu können und nicht mehr vom Staat unterdrückt zu werden. Die Menschen, die damals in die Kirchen geströmt sind, wollten aber was anderes. Die wollten eine echte Befreiung.

  26. Fischer @ Edgar:
    06.03.2008, 13:16

    *Amüsante Vorstellung, wie Dich jemand "mit flackernden Augen" an die Wand presst und Dich fragt: "Bist Du gerettet!"*

    So richtig lustig ist das nicht. Die sind labil, reden inkohärentes Zeug* und oft auch ziemlich aggressiv, wenn man ihnen sagt, dass man kein Interesse hat.

    *Also jetzt nicht inkohärent im Sinne von man muss schon dran glauben, sondern inkohärent im Sinne von ganz massiv Schraube locker.

  27. Edgar Dahl @ - MountainKing
    06.03.2008, 18:00

    Ganz ausgezeichneter Kommentar! Obgleich (oder gerade weil!) hier schon mehrmals behauptet worden ist, Dawkins habe sich erledigt, würde ich gerne noch einen kurzen Text zum "Gotteswahn" auf den Blog stellen. Bei der Diskussion von Dawkins' Buch sollten wir uns, wie MountainKing schon andeutete, auf sein Hauptanliegen konzentrieren. Schließlich misst man ein Buch immer an seinem eigenen Anspruch.

  28. Michael Blume @ MountainKing - Dawkins Ausweichmanöver
    06.03.2008, 18:01

    Sie schrieben:

    "Es ist ja nachvollziehbar, dass man sich vom theistischen Standpunkt aus besonders darüber freut, wenn ein Atheist den einem selbst unbequemen Dawkins kritisiert."

    Nein, wie geschrieben fand ich es nicht gerade nicht erfreulich, sondern erschreckend, dass kein deutscher Theologe in der Lage war, die scheunentorgroßen Widersprüche in der dawkinschen Präsentation aufzuzeigen. Wir haben immerhin Dutzende Lehrstühle dazu in Deutschland, aber offenbar kaum Interesse bzw. eine vorwiegend defensive Haltung in Richtung Naturwissenschaft.

    Stattdessen gab es Unmengen peinlicher Rhetorik und Schaumschlägerei - ein von Herrn Dahl zu Recht diagnostiziertes "Elend der Theologie".

    Und gerade die von Ihnen zitierte Dawkins-Erwiderung hat mich den Kopf schütteln lassen.

    Das geht schon mit dem Satz los: "I agree that it is also interesting to ask whether religion has some kind of Darwinian survival value."

    Es ist also für einen evolutionsbiologisch argumentierenden Naturwissenschaftler, der sich selbst als "Ultradarwinisten" feiern lässt, "auch interessant" den Gegenstand seiner Kritik überhaupt evolutionstheoretisch zu verstehen? Hand aufs Herz: Ist das überzeugend - einen Gegenstand unter wissenschaftlicher Flagge zu kritisieren, und dabei auch noch stolz kundzutun, dass man ihn weder versteht noch wirklich verstehen möchte?

    Aber es kommt - in dem Absatz nach dem von Ihnen zitierten - ja noch dicker.

    "But a page and a half was all I could spare because I had more interesting matters to talk about, for example the “moth in the candle flame” theory of the origins of religion."

    Dass Dawkins gegen Wilsons Gruppenselektion (ein Begriff, den ich durchaus auch schwierig finde) zurück beisst, geschenkt. Nur: dann erklärt uns Dawkins, dass die Motten-Kerzen-Theorie "viel interessanter" sei.

    Und, nein, das lasse ich nicht mehr als Metapher gelten - der Mann ist schließlich Zoologe! Und da ist das Verhalten von Motten zu Kerzen ganz klar evolutionsbiologisch zu beschreiben: Die Orientierung am Mondlicht ist adaptiv, die dann aber erfolgende Fehl-Orientierung am Kerzenlicht maladaptiv. Wenn Dawkins hier von einer Religionstheorie spricht, dann wäre es also das Gebot wissenschaftlicher Redlichkeit, genau das empirisch zu testen: Haben religiöse Menschen Überlebens- bzw. Reproduktionsnach- oder vorteile?

    Aber das, wir haben es gehört, interessiert ihn nur am Rande. Selbst die Zoologie, sein Fachgebiet, dient ihm nicht als Ausgangsbasis für wissenschaftlich testbare Hypothesen, sondern nur als Arsenal für Polemik... Traurig...

    Dawkins nehme ich das nicht übel - immerhin ist er damit reich und berühmt geworden und hat manch muntere, ggf. auch nützliche Debatte angestossen. Aber dass sowohl atheistische "Brights" wie Theologen in Deutschland immer noch scharenweise auf diese Scharade hereinfallen, ist m.E. ein gravierender Hinweis auf den Mangel naturwissenschaftlicher Bildung in unserem Land...

  29. Michael Blume @ Beate T.
    06.03.2008, 18:13

    In vielen Punkten sind wir uns ja einig. Aber dass Sie die Tyrannei der atheistischen Diktaturen mit Millionen von Toten als "Kunstfehler" bezeichnen und dem Christentum unterschieben wollen, kann ich nicht akzeptieren. Sie schreiben:

    "Ich kann mir vorstellen, dass es damals eine Reihe von Menschen gab, die sich von der christlichen Unterdrückung befreien wollten, daher das Christentum beiseite gelegt haben, ohne sich jedoch von den Unterdrückungsmechanismen zu befreien."

    Ich bitte nur noch einmal zu reflektieren: Vor der DDR stand kein Kirchenstaat, sondern die NS-Diktatur und davor die säkulare Weimarer Republik. Und die noch bestehenden Regime, die sich derzeit auf atheistische Weltanschauungen berufen, sind neben Kuba v.a. China, Nordkorea und Birma. Keines der drei letztgenannten Länder war vorher christlich oder gar kirchlich regiert.

  30. Michael Blume @ Dahl: Dawkins Anspruch
    06.03.2008, 18:23

    "Schließlich misst man ein Buch immer an seinem eigenen Anspruch."

    Und Dawkins Anspruch, das hat er ja nun eingeräumt, kann sich eben nicht mehr auf Naturwissenschaften stützen, in denen empirisch testbare Thesen erstellt, geprüft und ggf. falsifiziert werden.

    Der Zoologe Dawkins tut dagegen sogar so, als wären Vergleiche aus dem Tierreich nicht empirisch zugänglich...

    Toller "Anspruch" für einen Naturwissenschaftler, kann ich da nur sagen...

  31. kamenin @Dr. Michael Blume
    06.03.2008, 21:30

    Ist Dir eigentlich aufgefallen, dass Du hier Dawkins als erster ins Spiel gebracht hast -- nur um Dich danach zu beschweren, dass Dawkins doch schon "durch" sei und Du gar nicht verstehen könntest, warum alle immer mit Dawkins anfangen? Ich find's schon etwas ironisch.

    Und weil Du's immer noch nicht einsehen willst, obwohl Du die Diskussion auch schon auf Deinem Blog genauso hast führen müssen: Der Gotteswahn ist kein wissenschaftlich-empirisches Buch. Nicht mal in der 10 Geboten steht geschrieben, dass Wissenschaftler keine kulturrelevanten Bücher schreiben können, in denen sie aus ihrer wissenschaftlich informierten Meinung heraus argumentieren können, aber eben nicht empirisch wissenschaftlich. Wenn Du ein anderes Buch erwartet hast, weil Du mit dem Grundtenor nicht übereinstimmst -- schade. Ist aber mehr Deine Sache als Dawkins' oder die von Atheisten.

    Im Übrigen finde ich Deine Plädoyers für Religionsfreiheit hier leicht anmaßend; niemand hat sich dafür ausgesprochen, Dir Deine Freiheit zu nehmen oder durch die Stadt zu gehen und Kirchen anzuzünden. Was Du meinst ist Kritiklosigkeit der Religion gegenüber, weil Du Dich wohl von Kritik daran schon angegriffen fühlst. Die wird's aber wohl nicht mehr geben; schon gar nicht, solange auf der anderen Seite Bischöfe alle Nase lang verbreiten dürfen, dass sie Ethik, Anständigkeit und alles Menschliche für sich gepachtet hätten und entsprechend Stuss über Nichtgläubige verbreiten.

  32. Edgar Dahl @ - Michael Blume: Dawkins' Anspruch
    06.03.2008, 23:56

    "Und Dawkins Anspruch, das hat er ja nun eingeräumt, kann sich eben nicht mehr auf Naturwissenschaften stützen, in denen empirisch testbare Thesen erstellt, geprüft und ggf. falsifiziert werden."

    Nur um dies ein für allemal zu klären und tatsächlich einen Schlussstrich unter den "Gotteswahn" ziehen zu können, habe ich heute eine letzte Diskussion zu Dawkins angezettelt.

    Worin genau Dawkins' Anspruch besteht, sollten wir aus dem Vorwort seines Buches "Der Gotteswahn" entnehmen, nicht aus seiner Replik an David Sloan Wilson.

    Ich stelle gleich die drei relevanten Passagen, in denen Dawkins den Anspruch seines Buches erläutert, online.

  33. MountainKing kein Betreff
    07.03.2008, 07:51

    Zunächst mal heisst es in meinem vorherigen Beitrag natürlich "Erwiderung" (meine Augen tun weh)...

    @ M. Blume

    "Es ist also für einen evolutionsbiologisch argumentierenden Naturwissenschaftler, der sich selbst als "Ultradarwinisten" feiern lässt, "auch interessant" den Gegenstand seiner Kritik überhaupt evolutionstheoretisch zu verstehen? Hand aufs Herz: Ist das überzeugend - einen Gegenstand unter wissenschaftlicher Flagge zu kritisieren, und dabei auch noch stolz kundzutun, dass man ihn weder versteht noch wirklich verstehen möchte?"

    Ich kann ihr Problem nicht wirklich nachvollziehen. Wie Dawkins ausführt, schreibt er lieber sein eigenes Buch als das von Wilson und in SEINEM ist die Frage nach der Existenz Gottes zentral. Trotzdem enthält es ein ganzes Kapitel zu dieser Frage, man kann Dawkins doch dann nicht vorwerfen, dass er ihr ausweicht? Auch wenn es verschiedene Sichtweisen zur Entstehung von Religion gibt und selbst wenn sie unglaubliche evolutionäre Vorteile brächte, entsteht daraus doch trotzdem kein Beleg für die Existenz Gottes.

    "Und Dawkins Anspruch, das hat er ja nun eingeräumt, kann sich eben nicht mehr auf Naturwissenschaften stützen, in denen empirisch testbare Thesen erstellt, geprüft und ggf. falsifiziert werden."

    In der Frage, um die es Dawkins eigentlich geht, ist dies tatsächlich nicht möglich und das ist IMO auch der Anspruch seines Buches.

  34. Beate T. @Michael Blume:
    07.03.2008, 08:34

    Zitat: "Ich bitte nur noch einmal zu reflektieren: Vor der DDR stand kein Kirchenstaat, sondern die NS-Diktatur und davor die säkulare Weimarer Republik. Und die noch bestehenden Regime, die sich derzeit auf atheistische Weltanschauungen berufen, sind neben Kuba v.a. China, Nordkorea und Birma. Keines der drei letztgenannten Länder war vorher christlich oder gar kirchlich regiert."

    Nun, wir Menschen identifizieren uns ja auch nicht nur durch die Staatsform, in der wir leben. Wir identifizieren uns zusätzlich durch viele Einzelheiten, die uns in unserem Lebenslauf geprägt haben. Zu damaliger Zeit gab es noch viel mehr Menschen als heute, die in der Kirche drin waren. Die Kirchen haben sich auch damals noch radikaler verhalten als heute. Sie haben offener als heute mit dem Mittel der Angst operiert. Sie haben für autoritäres Verhalten und Angst vor Autoritäten gesorgt.

    Ich gebe ehrlich zu, mein Geschichtswissen ist nicht so 100%-ig. Aber so weit, denke ich, kann ich das auch mit meinem Halbwissen einschätzen. Von Stalin habe ich z.B. mal gehört, dass der sehr kirchlich aufgezogen worden sein soll. Der ist in irgend so einer kirchlichen Anstalt aufgewachsen. Dort hat er ganz sicher viel darüber gelernt, wie man Menschen unterdrücken kann. ...

  35. 07.03.2008, 21:28

    Liebe Frau T.,

    Stalins Massenmorde wurden also durch seine kirchliche Erziehung ausgelöst.

    Und Mao? Pol Pot? Die Militärjunta in Burma? Vietnam? Nordkorea?

    Alles atheistische Regime, die ihre Völker brutal unterdrückten und abertausende ermordeten.

    Nur "Kunstfehler"? Und wie sollen denn an den atheistischen Tyranneien in den genannten Ländern die Kirchen Schuld gewesen sein?

    Liebe Frau T. - wollen Sie da Ihre Ausgangsthese nicht vielleicht doch noch einmal überdenken?

  36. Edgar Dahl @ - Michael Blume
    07.03.2008, 23:10

    "Alles atheistische Regime, die ihre Völker brutal unterdrückten und abertausende ermordeten."

    Was diese Regime gekennzeichnet hat, war nicht ihr Atheismus, sondern ihr Kommunismus - es waren kommunistische Diktaturen!

    Millionen von Menschen sind im Namen des Kommunismus getötet worden (als vermeintliche "Kapitalisten", "Regimegegner", "Klassenfeinde", "Ausbeuter" oder "Unterdrücker"), doch nicht ein einziger Mensch dürfte "im Namen des Atheismus" getötet worden sein.

  37. Theophil Isegrim @ Blume
    08.03.2008, 00:02

    "Stalins Massenmorde wurden also durch seine kirchliche Erziehung ausgelöst.

    Und Mao? Pol Pot? Die Militärjunta in Burma? Vietnam? Nordkorea?

    Alles atheistische Regime, die ihre Völker brutal unterdrückten und abertausende ermordeten. "

    Hitler und seine Helfer & Co darf man ruhig auch hinzuzählen und Hitler war kein Kommunist. Aber ich habe vor Kurzem anderswo gelesen (ich weiß es leider nicht mehr so genau wo, man liest soviel und bei Blödsinn setzt mein Gedächtnis aus), er sei eigentlich ein gläubiger Christ gewesen. Nach dem Fall von Rußland wollte er in die Katholisch Kirche eintreten.

    Nunja, das ist nicht der Grund meines Kommentares. Das Christentum wird ja ständig angeschuldigt für irgendetwas schuldig zu sein. Das fing mit Jesus an, dafür haben sie ihn ans Kreuz genagelt. Dann haben einige Juden (der Klerus) die ersten Christen (die eigentlich auch Juden waren) verfolgt, gefoltert und teilweise umgebracht. Später wurden sie in Rom den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Die Zeiten und die Regierungen änderten sich, aber Christen hatten eigentlich immer Probleme. Auch heute gibt es Christenverfolgung, die im Gefängnis oder auch im Mord endet. Der brutale Mord an einigen Christen in der Türkei ist nicht sehr lange her. Und China, Nordkorea und Vietnam möchte ich nur erwähnen (und das ist nicht das Ende der Fahnenstange).

    Wie sagte Jesus? Der Sklave ist nicht höher als sein Meister. Wenn er verfolgt wurde, werden auch seien Jünger verfolgt werden.

    Doch nun zum eigentlichen Thema. Das Christentum ist auch in die Irre gegangen, hat viel Schuld auf sich geladen, weil Menschen an der Führung waren, die sich für Christen ausgaben, aber keine waren oder weil sie als Christen fehl gingen. Beispiele davon gibt es genug und das bekommt man heute immer vorgehalten, als wäre man persönlich dafür verantwortlich. Doch was ist überhaupt das Christentum? Was ist das wahre und welches das falsche? Kann jeder seine eigene Meinung zum Christentum erheben? Nein! Eigentlich ist es ganz einfach. Das Christentum muß sich immer an Jesus Christus messen. Was hat er gesagt, wofür hat er gelebt, wofür ist er gestorben. Das ist die Richtschnur, das Maß, der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben. Deshalb heißt es auch Christentum, weil es von Christus kommt. Das ist fair und nachprüfbar. Jeder kann im NT nachlesen, was Jesus meinte. Er hat meistens eine leicht verständliche Rede benutzt.

    Doch nun habe ich auch mal eine Frage an den Atheismus bzw. an seine Vertreter. Wir Christen haben mit Jesus das Maß aller Dinge, aber wo ist beim Atheismus das Maß aller Dinge? Was ist das Atheismus? Gibt es da eine Linie? Wandelt es sich alle fünf Jahre oder gibt es allgemeingültige Aussagen?

    Naja, so langsam bekomme ich eine Vorstellung was in der Bibel mit Antichrist gemeint ist.

    Um es mal einfach zusammenzufassen. Christen müssen sich an Christus messen. An wen messen sich Atheisten? (das ist aber keine Frage an Blume)

  38. Edgar Dahl @ - Theophil Isegrim: Atheismus
    08.03.2008, 00:45

    "Doch nun habe ich auch mal eine Frage an den Atheismus bzw. an seine Vertreter. Wir Christen haben mit Jesus das Maß aller Dinge, aber wo ist beim Atheismus das Maß aller Dinge? Was ist das Atheismus? Gibt es da eine Linie? Wandelt es sich alle fünf Jahre oder gibt es allgemeingültige Aussagen?

    Um es mal einfach zusammenzufassen. Christen müssen sich an Christus messen. An wen messen sich Atheisten? (das ist aber keine Frage an Blume)"

    Der Atheismus besteht nur in einer einzigen Aussage: Der Glaube an einen Gott lässt sich rational nicht rechtfertigen!

    Darüber hinaus hat der Atheismus keinen weiteren Inhalt - keine Ethik, keine Politik, keine Ideologie, keine Utopie.

    Wenn es um die Frage der Werte geht, sind Atheisten daher auch grundsätzlich für alle ethischen Theorien offen - sie sind Hedonisten, Utilitaristen, Kontraktualisten oder was auch immer.

    Einige Atheisten, die sogenannten "säkularen Humanisten" (zu denen etwa Edward O. Wilson, Richard Dawkins und Steven Weinberg gehören), haben dagegen ein klares Bekenntnis - nämlich zur Garantierung der durch die Aufklärung erkämpften Menschenrechte, einschließlich der Religionsfreiheit.

  39. Andreas Müller Christliche Apologie
    20.03.2008, 02:30

    Sieh mal an, hier ist ja die Crème de la Crème der christlichen Online-Apologie anwesend. E.T., Michael Blume und weitere berüchtigte Namen.

    Unabhängig von früheren Diskussionen zwischen uns und anderen sind die Argumente identisch. Alleine schon um nicht einzuschlafen, könnte sich die religiöse Seite doch auch einmal bemühen, sich etwas Neues auszudenken. Aber nein.

    Immer wieder Stalin und Hitler, Stalin und Hitler, Stalin und Hitler. Das Argument war von Anfang an nicht überzeugend und es wird nicht besser. Noch mehr: Allmählich beginnt es auch die mäßig informierte Öffentlichkeit anzuwidern. Aber ihr hört nicht auf.

    Es gibt keinen logischen Weg vom Nicht-glauben-an-Gott zum Völkermord. Auf die selbe Weise könnten auch Feengläubige argumentieren: Stalin und Hitler glaubten nicht an Feen. Deshalb haben sie all diese Morde begangen. Wer nicht an Feen glaubt, ist ein potenzieller Massenmörder.

    Aber es gibt natürlich einen logischen Weg von den Grausamkeiten des jeweiligen "heiligen" Buchs zu realen Grausamkeiten.

    Und der "Ultradarwinist" von Gould ist auch wieder da. Wahnsinn. So hat er Anhänger eines Darwinismus bezeichnet, der eine langsame, schrittweise Entwicklung annimmt, im Gegensatz zu Goulds gelegentlich schnelleren Evolution in ebenfalls kleinen Schritten, dem punktuierten Equilibrium. Das sind zwei Mechanismen innerhalb der naturalistischen Evolutionstheorie, die Gould keineswegs bezweifelte. Jetzt übernimmt man einfach "Ultradarwinist", weil es ideologisch klingt, und meint, ein Argument zu haben. Billig ist kein Ausdruck.

    Dass ihr euch nicht schämt! Das werde ich zu allerletzt verstehen.

  40. Martin Huhn Andreas Müller
    20.03.2008, 17:15

    Nur damit keine Mißverständnisse aufkommen. Der Andreas Müller über mir ist nicht der Andreas Müller aus den KOSMOlogs, sondern ein anderer.

    Andreas Müller, der andere

    Ich habe mich nämlich schon gewundert, warum da so ein harter Ton angeschlagen wurde. So habe ich Andreas den I. nicht kennengelernt. ;-)

  41. Edgar Dahl Andreas Müller auch der andere genannt
    22.03.2008, 20:07

    Bin gerade mal auf Ihren Link gegangen und habe gesehen, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Würde mich sehr freuen, wenn Sie öfter mal vorbeischauen würden.

    Hier ein Link zu einem Text, der gerade auf den Seiten des Humanistischen Pressedienstes erschienen ist: "Von Saulus zu Paulus oder: Wie man Christen macht": http://hpd.de/node/4155

    Herzlichst

    EDgar Dahl

  42. Ingo-Wolf Kittel, FA für Dr. Lütz'ens Blick auf Atheisten
    25.03.2008, 02:30

    Die Sowjets hatten zweifellos den Missbrauch der Psychiatrie auf die Spitze getrieben: Systemgegner konnten bei ihnen nur geistesgestört sein und wurden kurzerhand als solche auch behandelt: als Dauerinternierte beispielsweise in sibirischen Lagern. Der Kölner Klinikleiter Dr. Lütz ist auch Psychiater. Und auch er hat seine Fachkompetenz dazu missbraucht, die zu pathologisieren, die er als seine Gegner ansieht - vor Monaten in der Dezemberausgabe 2007 von "chrismon", dem "evangelischen Magazin" (auf Seite 52f).

    "chrismon" hat seinen Beitrag erfreulicherweise hier auch online und angesichts des Inhalts des Beitrags unter die ausgesprochen sinnige Frage gestellt "Die Welt im Gotteswahn?"

    Lütz ist phantasievoller als seine Kollegen in der ehemaligen Sowjetunion. Statt der bei ihnen beliebten Diagnose Schizophrenie hält er deren drei bereit, wenn auch diese jener ziemlich ähnlich sind; denn er schreibt dort: "Atheismus ein merkwürdiges Phänomen. Man könnte psychiatrisch von schwerem Realitätsverlust sprechen, von tiefgreifender Beziehungsstörung, von depressivem Nihilismus." Borderliner ist man dann als Atheist wohl allemal!

    Ein deutscher Psychiater macht selbstredend keine halben Sachen. Dr. Lütz sichert sich zusätzlich ab - und das mit einer Charakterdiagnose! Sie ist allerdings von eher alltagspsychologischer und damit recht gewöhnlicher Natur; denn Atheisten könnten nach ihm möglicherweise auch bloß charakterlose Schw..., pardon: banale Lüstlinge sein. Für das Motiv, das Kaleidoskop unzähliger Vorstellungen von umhergeisternden Ahnen, Göttern oder auch nur eines einzelnen davon, dafür dann in seiner Allwissenheit und Allmächtigkeit allerdings umso potenteren, mitsamt einer mehr oder weniger großen (schier unüberblickbare Heerscharen umfassenden) Entourage aus Engeln aller und Heiligen sonderbarster Art, mindestens einem Teufel, Satan oder Luzifer und vielleicht noch mancherlei Dämonen samt von solchen Besessenen als Produkte ausufernder Phantasie abzulehnen, vermag er als erfahrener Psychotherapeut nämlich in folgendem einfachen Umstand "...gute psychologische Gründe (zu) finden: mal "sturmfreie Bude" haben, ohne jemanden, der unsere kleinen und großen Charakterlosigkeiten mitbekommt."

    Sein Blick schweift vom Kleinen freilich auch hinweg und aus Schlafzimmern hinaus, wird zeitgemäß global, und da geraten ihm dann die wirklich großen Möglichkeiten des Atheismus in den silbrigen Blick, wenn er entdeckt: "Gott außen vor zu lassen, kann sich auch im Wirtschaftsleben auszahlen, wenn man skrupellos die eigenen Interessen durchsetzen will."

    Dann könnte es sich ja einmal sogar auszahlen, Atheist zu sein!

  43. Stefan Wirklich schlecht das Buch
    05.09.2009, 08:58

    Ich stoße leider jetzt erst auf diese brilliante Rezension!
    Was Herrn Lütz angeht ist mir während einer Fernsehdiskussion ein elfter Kunstgriff seinerseits aufgefallen: Je nachdem wie es argumentativ passt, als Theologe oder als Psychater zu sprechen. Der Mann bringt es fertig, in einer einzigen Diskussionsrunde fünf mal zu erinnern "Ich bin ja Psychiater", um so seinen persönlichen Glaubensüberzeugungen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.

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