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Der Judaskuss

von Edgar Dahl, 26. April 2008, 05:22

Ein ambitionierter amerikanischer Regisseur hat sich zur anstehenden Premiere seines Off-Broadway-Stücks „Der Judaskuss“ etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Um seiner Inszenierung größtmögliche Authentizität zu verleihen, hat er die Rolle des Judas Ischarioth doppelt besetzt: Mit einem bekannten Schauspieler, der Jesus für 30 Silberlinge mit einem Kuss verrät, und einem unbekannten Lebensmüden, der sich danach tatsächlich auf offener Bühne erhängt – ein echter Selbstmord vor den Augen des Publikums!

Keine Sorge, dies ist reine Fiktion! Diese frei erfundene Geschichte hat lediglich die Funktion, ein theoretisches Problem der Politischen Philosophie zu illustrieren. Wo genau liegen eigentlich die Grenzen staatlicher Macht? Inwieweit ist der Gesetzgeber moralisch befugt, die Freiheit seiner Bürger mit den Mitteln des Strafrechts einzuschränken?

Nach den Vätern des Liberalismus sind dem Staat sehr enge Grenzen gesetzt. Danach darf der Gesetzgeber die Freiheit seiner Bürger nur einschränken, wenn dies zum Schutze Dritter unbedingt erforderlich ist. Oder, wie es John Stuart Mill in seiner berühmten Schrift „Über die Freiheit“ formulierte:

„Der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft ausüben darf, besteht darin, eine Schädigung anderer zu verhüten. Sein eigenes Wohl ist keine genügende Rechtfertigung. Man kann ihn nicht rechtmäßig zwingen, etwas zu tun oder zu lassen, weil dies besser für ihn wäre. Um das zu rechtfertigen, müsste das Verhalten, wovon man ihn abbringen will, darauf berechnet sein, anderen Schaden zu bringen. Nur insoweit sein Verhalten andere in Mitleidenschaft zieht, ist jemand der Gesellschaft verantwortlich. Über sich selbst, seinen eigenen Körper und Geist, ist der einzelne souveräner Herrscher.“

Wenn der Staat die Freiheit seiner Bürger aber ausschließlich zum Schutze anderer einschränken darf, muss er es selbstverständlich dulden, wenn sie sich selbst schaden. Solange die Betroffenen freiwillig handeln, sich in einem urteilsfähigen Zustand befinden und sich über die Folgen ihres Tuns im Klaren sind, muss er sie gewähren lassen. Wenn dem so ist, müsste sich aber jemand auch auf offener Bühne erhängen können.

Die Geschichte vom „Judaskuss“ ist offensichtlich eine ernste Herausforderung an den Liberalismus. Sie scheint ihn geradezu ad absurdum zu führen. Denn jeder fragt sich sofort: „Wo kämen wir hin, wenn jeder mit sich machen könnte, was er wollte? Erst erhängen sie sich zur Unterhaltung anderer, dann versklaven sie sich an irgendeinen Despoten und schließlich verkaufen sie ihre Lungen und Herzen auf einem offenen Markt für Organe.“

Der Liberalismus hat offenbar nur drei Optionen. Er könnte eingestehen, das sein Ideal einer freien Gesellschaft schlichtweg weltfremd ist, er könnte einen Kompromiss zu finden suchen oder er könnte die scheinbar verheerenden sozialen Folgen einfach billigend in Kauf nehmen und als den notwendigen Preis der Freiheit betrachten. Welche Option sollte er wählen?






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Kommentare

  1. kamenin Selbstbestimmung vs äußere Zwänge
    26.04.2008, 09:12

    Die Geschichte vom „Judaskuss“ ist offensichtlich eine ernste Herausforderung an den Liberalismus. Sie scheint ihn geradezu ad absurdum zu führen.
    Das sehe ich so nicht. Wogegen unser moralisches Empfinden hier rebelliert ist ja weniger der Selbstmord an sich als die Inszenierung darum herum. Für den Selbstmord selbst gilt erst mal schon, dass er auch in einer psychischen Situation erfolgen kann, in der das Individuum nicht mehr frei aus sich heraus handeln kann, etwa aus einer Erkrankung heraus, und man darum auch gegen das gestörte Empfinden des Kranken erst Heilung versuchen kann oder muss. Zumindest bis klar ist, dass keine solche Erkrankung ursächlich ist.

    Im beschriebenen Fall kommt aber noch dazu, dass damit auch Geld verdient wird und Leute unterhalten werden sollen. Hier steht der Lebensmüde dann auch noch unter finanziellem wie gesellschaftlichem Druck, sich tatsächlich umzubringen und es sich nicht in letzter Minute anders zu überlegen. Es ist allerbester Liberalismus, der sagt, dass in einer so entscheidenden Frage eben solcher Druck nicht zulässig und damit zu verbieten ist.

    Ebenso im Sinne der Versklavung, wo der Despot zur Rechenschaft gezogen wird, der die Versklavung danach aufrechterhält, nicht der sich versklavende. Dass Menschen dazu tendieren, sich Ideologien zu unterwerfen oder andere anzubeten, lässt sich sowieso durch den Liberalismus nicht verhindern, der kann nur aufklären und es bestrafen, Abhängigkeitsverhältnisse auszunutzen und gegen den Willen des Betroffenen fortzusetzen.

    Gleichermaßen kann niemand einen Selbstmörder aufhalten, weil er einen Organspendeausweis ausgefüllt hat. Man kann aber verbieten, ihn mit Geldversprechungen dazu zu bringen, weil dadurch immer die Gefahr besteht, jemanden durch finanzielle Nöte zum Selbstmord zu zwingen.

    Liberalismus ist ja nicht zuletzt der Ansatz, Menschen durch Bildung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in eine Situation zu bringen, in der er mündig und frei sein kann. Vielleicht gibt es irgendwo einen naiven Wirtschaftsliberalismus, der das anders sieht und tatsächlich mit den gewählten Beispielen Probleme hat. Für einen humanistischen Liberalismus gilt das meines Erachtens nach nicht.

    Vor allem ist der Wunsch nach einer widerspruchsfreien Philosophie eh etwas hoch gegriffen. Das mag ja schwierig wirken, das hier auszudifferenzieren. Aber dann zeige man mir doch die nichtliberale Gesellschaftsphilosophie, die nicht mindestens genau so viele Widersprüche trägt.

    Beste Grüße,
    k.

  2. Dieter Option "weltfremd" @Dahl
    26.04.2008, 12:11

    "Wenn der Staat die Freiheit seiner Bürger aber ausschließlich zum Schutze anderer einschränken darf, muss er es selbstverständlich dulden, wenn sie sich selbst schaden. Solange die Betroffenen freiwillig handeln, sich in einem urteilsfähigen Zustand befinden und sich über die Folgen ihres Tuns im Klaren sind, muss er sie gewähren lassen."

    Ich plädiere jetzt mal für die Option: "Der Liberalismus ist weltfremd"

    Begründung:

    1. Wann handeln wir schon freiwillig? Immer, wenn uns keiner eine Waffe an den Kopf hält? Auch dann, wenn uns die Dorfgemeinschaft, der Vater, die Freundin oder sonstwer massiv unter sozialen Druck setzt?

    2. Wann sind wir schon in einem urteilsfähigen Zustand? Wenn wir verliebt sind und heiraten? Wenn wir, von der Natur mit einem IQ von 80 ausgestattet, uns von Versicherungsvertretern uns letztlich völlig unverständliche Produkte andrehen lassen?

    3. Wann sind wir uns schon über die Folgen unseres Tuns im Klaren? Weiss ein Raucher, wie stark sein Infarktrisiko steigt? Hat er nicht nur eine vage Vorstellung von der Schädlichkeit - die zu hoch wie auch zu niedrig angesetzt sein kann? Verdrängen nicht die meisten Leute ununterbrochen die Folgen ihres Handelns und hoffen, dass es gut ausgeht (wenn sie Motoradfahren, Fremdgehen, Wetten abschließen, Lügen, Bestechen...was der durchschnittliche Mitteleuropäer so den ganzen Tag treibt)

    Der Liberalismus geht vom aufgeklärten, gebildeten, nicht-alkoholkranken, finanziell unabhängigem Individuum aus. Wenn wir Glück haben, trifft das auf 10 Prozent der Bevölkerung zu.

  3. Edgar Dahl @ - kamenin: Verwandte Seelen
    26.04.2008, 22:43

    Ich sehe es genauso. Der "Judaskuss" soll den Liberalismus nicht so sehr intellektuell ad absurdum führen, als ihn vielmehr ethisch diskreditieren. Wie Du schriebst, gelingt dies dem "Judaskuss", wenn überhaupt, dann nur dadurch, dass er an unsere moralische Empörung gegenüber der Kommerzialisierung des Todes appelliert.

    Beispiele wie "Der Judaskuss" leben von dem Schock, der intuitiven Aversion, die sich nahezu unweigerlich einstellt, wenn wir etwas hören, das wir als "unerhört" oder gar "ungeheurlich" empfinden.

    Gerade die Tatsache, dass sich nahezu ausnahmslos jeder von der Vorstellung eines echten Selbstmordes auf offener Bühne angewidert abwendet, scheint mir ein gutes Indiz dafür zu sein, dass sich so etwas nie wirklich ereignen könnte. Niemand, der etwas auf sich hält (und Off-Broadway-Besucher halten recht viel auf sich), wäre bereit, ein Stück zu besuchen, in dem sich jemand buchstäblich in theatralischer Manier den Garaus macht.

    So wie es keines Gesetzes gegen das Kopulieren in der Öffentlichkeit bedarf, so bedarf es auch keines Gesetzes gegen das Erhängen auf der Bühne - die moralische Empörung gegenüber derlei reicht vollkommen aus, um es zu verhindern.

  4. kamenin @Edgar Dahl
    27.04.2008, 13:03

    Ja. Allerdings würde ich die Theorie des Liberalismus nicht unbedingt an unser moralisches Empfinden binden, weil das letztlich auch nur kultur- und zeitbedingt ist. Meinem Empfinden nach ist es zum Beispiel arg zweifelhaft, was um die "Plastinierung" herum so alles abläuft. Aber solange damit nicht nachweislich jemandem geschadet wird, soll da meinetwegen geschehen was will.

    Das öffentliche Kopulieren soll gerüchteweise ja auch Freunde haben. Aber da das Verbot desselben wohl kaum einen unangemesseneren Eingriff in die Privatsphäre anderer darstellt als der Akt selbst, kann man das auch sehr wohl theoretisch begründen und muss sich nicht darauf verlassen, dass es eh keiner tut.

    Beste Grüße,
    k.

  5. Dieter Optionen @Alle
    28.04.2008, 17:29

    "Der Liberalismus hat offenbar nur drei Optionen. Er könnte eingestehen, das sein Ideal einer freien Gesellschaft schlichtweg weltfremd ist, er könnte einen Kompromiss zu finden suchen oder er könnte die scheinbar verheerenden sozialen Folgen einfach billigend in Kauf nehmen und als den notwendigen Preis der Freiheit betrachten. Welche Option sollte er wählen?"

    Was is´n nun Eurer Meinung nach mit den Optionen?!!

  6. Michael Blume Vor den Optionen...
    28.04.2008, 18:44

    Lieber Edgar,

    nun, ich sehe keinen endgültigen Widerspruch "des Liberalismus" an sich, sondern allenfalls des rationalistischen Liberalismus, der behauptet, die Welt abschließend nach unhinterfragbaren Axiomen ordnen zu können. Und ich finde es großartig von Dir, dass Du auch hier zunehmend erkennst und einräumst, dass eben das nicht geht.

    Die Widersprüche eines axiomatischen Individualismus gehen schon beim zitierten Ausgangssatz los: "Der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft ausüben darf, besteht darin, eine Schädigung anderer zu verhüten."

    1. Zwang gegen Mitglieder "unzivilisierter Gesellschaften" sind also okay?

    2. Ist mit "Schädigung anderer" auch die Umwelt gemeint? Oder gilt nur der (zivilisierte) Mensch als mit Rechten begabt, der Rest der Schöpfung hat nur abgeleitete Existenzrechte? Wie wird das begründet?

    3. Auf welcher Grundlage bestimmen Mills und der von Dir vertretene Liberalismus was ein Staat bzw. Menschen zu Menschen "dürfen"? Wer gibt Euch das Recht dazu, anderen entsprechens vor schreiben zu wollen? Oder ist dieser Liberalismus nur eine Meinung unter anderen?

    Diese drei Fragen sind mir wichtig und ich bin gespannt, wie Du das siehst.
    Persönlich trete ich für einen evolutionären Liberalismus nach Hayek ein, der vom Leben an sich ausgeht und feststellt, dass Freiheit und Vielfalt sowohl in der individuellen wie sozialen Organisation immer die Voraussetzung von erfolgreichen Evolutionsprozessen und damit Lebensentfaltung waren.

    Das Leben selbst ist damit der maximale Wert und die Freiheit sowohl des Einzelnen wie der Gemeinschaften, sich selbst zu organisieren, ist die unabdingbare Folge dieses Prinzips. Denn oktroyierte, rationalistische Normierung und Planung, die dem Einzelnen und frei gegründeten Gemeinschaften keine Freiheitsräume mehr lassen, stellte in Vergangenheit und Gegenwart einen Verstoß gegen das evolutive Lebensprinzip selbst dar - und hatte entsprechend stets katastrophale Konsequenzen.

    Das wäre zumindest meine ad hoc-Bekenntnis zu einer nicht-rationalistischen Engführung des Liberalismus. :-)

  7. Edgar Dahl @ - Dieter: Die 3 Optionen
    28.04.2008, 23:35

    "Was is´n nun Eurer Meinung nach mit den Optionen?!"

    Ich selbst schwanke zwischen Option 2 und Option 3. Am sinnvollsten erscheint mir jedoch eine Kombination von beiden. Ich begründe dies gleich noch einmal näher.

  8. Edgar Dahl Paternalismus
    29.04.2008, 00:51

    Vielleicht ist es das geschickteste, wenn ich das Problem erst noch einmal etwas konkretisiere. Das rechtsphilosophische Problem um das es hier geht, ist das des sogenannten "Paternalismus": Inwiefern ist der Staat befugt, seine Bürger "vor sich selbst" zu schützen? Inwieweit darf der Staat also die Rolle eines "Vaters" übernehmen und seinen Bürgern wie unmündigen Kindern vorschreiben, wie sie ihr Leben zu leben haben?

    Der Liberalismus ist der Auffassung, dass der Staat seine Bürger ausschließlich vor anderen, nicht aber vor sich selbst schützen sollte. Dies ist zunächst einmal auch einleuchtend. Was wir vom Staat erwarten ist schließlich, dass er uns vor Betrug, Diebstahl, Raub, Körperverletzung, Vergewaltigung und Mord schützt. Dies sind alles Dinge, die andere uns antun können. Und vor diesen "anderen" soll er uns bewahren. Mit Hilfe der Armee soll er uns vor Feinden außerhalb der Grenzen unseres Landes und mit Hilfe der Polizei soll er uns vor Feinden innerhalb der Grenzen unseres Landes schützen.

    Weshalb sollten wir dem Staat nun auch das Recht zugestehen, uns nicht nur vor anderen, sondern uns auch vor uns selbst zu schützen?

    Nun, wie Dieter schon ausführte, handeln nicht alle Menschen vernünftig und verantwortlich. Sie trinken, sie rauchen, sie spielen und setzen damit nicht nur ihr Hab und Gut, sondern oft auch ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel.

    Der Staat könnte daher Gesetze erlassen, die seine Bürger vor den Folgen ihres unverantwortlichen Tuns schützen. Er kann das Rauchen, das Trinken, das Schlemmen, das Glücksspiel, das Bergsteigen, das Tiefseetauchen und was sonst noch gefährlich ist, verbieten.

    Darauf antwortet der Liberalismus mit drei Einwänden. Erstens, wie spätestens die Prohibition gezeigt hat, sind paternalistische Gesetze dazu angetan, mehr Schaden anzurichten als zu verhindern. Das Alkoholverbot hat beispielsweise lediglich zu einem Schwarzmarkt geführt, auf dem sich Kriminelle tummelten und auf dem gepanschtes Zeug für Wucherpreise vertrieben wurde, das so viele Menschen ins Unglück gestürzt hat, dass man die Prohibition wieder aufgegeben hat.

    Zweitens, wehrt sich der Liberalismus dagegen, Unschuldige zu bestrafen. Mag sein, dass einige Menschen zu viel trinken oder zu viel rauchen. Doch kann dies eine Rechtfertigung dafür sein, es allen Bürgern gleichermaßen zu verbieten? Was ist mit all denen, die Maß zu halten wissen, die, sagen wir, nur zum Kaffee eine Zigarette rauchen oder beim Abendessen ein Glas Wein trinken möchten?

    Und drittens, verweist der Liberalismus darauf, dass es neben den Mitteln des Rechts auch die Mittel der Moral gibt. Wir müssen nicht alles per Gesetz verbieten. Unsere moralische Praxis des Lobens und Tadelns ist in aller Regel wirkungsvoll genug, um, sagen wir, Männer davon abzuhalten, ihr Geld auf Kosten ihrer Frau und Kinder zu vertrinken, zu verrauchen oder zu verspielen. In Fällen, in denen Menschen sich selbst schaden, muss es genügen, dass ihre Familie, ihre Freunde und ihre Bekannten ihnen Vorhaltungen machen. Hier dem Staat ein Einmischungsrecht zu geben, würde nur zu einer Diktatur führen.

    Mit anderen Worten: Auch wenn es viele Menschen geben mag, die sich wünschen durchs Leben "geführt" zu werden, glaube ich doch, dass die überwiegende Mehrheit
    von uns nicht in einem Staat leben wollte, der uns um 7:00 Uhr zum Frühsport zwingt, um 8:00 Uhr zur Arbeit treibt und uns vorschreibt, wie wir mit unserer Freizeit umzugehen haben: keine Zigarette, kein Bier, keinen Burger, nicht zu viel Fernsehen und spätestens um Mitternacht das Licht aus und schlafen gehen.

    Im Unterschied zu anderen Politischen Philosophien, wie etwa dem Kommunismus, verfolgt der Liberalismus keine Utopie, die er, wenn nötig, auch gegen den Willen der Bürger durchsetzt. Der Liberalismus ist nicht weltfremd, sondern realistisch. Er sieht, dass die Bürger ganz unterschiedliche Vorstellungen von einem guten Leben haben, dass sie, wenn man so will, ihre eigenen Utopien verfolgen, und beschränkt sich daher auch darauf, die Bedingungen zu schaffen, die es jedem Bürger gleichermaßen erlauben, entsprechend seiner eigenen Utopie zu leben - und alles, was dazu notwendig ist, ist, dass er sie vor Gewalt und Zwang vor anderen schützt.

  9. Dieter Paternalismus @Dahl
    29.04.2008, 12:09

    "Im Unterschied zu anderen Politischen Philosophien, wie etwa dem Kommunismus, verfolgt der Liberalismus keine Utopie, die er, wenn nötig, auch gegen den Willen der Bürger durchsetzt. Der Liberalismus ist nicht weltfremd, sondern realistisch."

    Gut argumentiert in Ihrer Erwiderung, bravo, Herr Dahl! So bekommen Sie meine volle Unterstützung! Nur - von den freiwilligen Handlungen im urteilsfährigen Zustand etc. war jetzt nicht mehr die Rede. Insofern habe ich den Verdacht, dass zumindest die Altmeister des Liberalismus getrickst haben und ein Idealbild des Menschen gezeichnet haben, um ihre Theorie zu begründen. So wie man bestimmt auch mit hehren Worten über die Mündigkeit der Wähler mal die Demokratie eingeführt hat und jetzt manch einer (zum Beispiel ich) fassungslos RTL-Mittag-Talkshows oder DSDS-Castings im Fernsehen verfolgt und sich fragt, wer um alles in der Welt solchen Leuten - von denen es Millionen in unserem Land gibt und immer gegeben hat - je das Wahlrecht zugestanden hat.

    Bitte nicht falsch verstehen: Ich halte den Liberalismus wie die Demokratie für eine gute Sache. Sie wird oder wurde aber auf etwas fragwürdige (zumindest angreifbare) Weise begründet. Ihre Begründung für den Liberalismus überzeugt mich jedenfalls weit mehr als die verwegene Behauptung, die Leute würden sich vernünftig verhalten, wenn man sie in die Freiheit entlässt. Wir Menschen sind mindestens zur Hälfte närrische Wesen!

  10. Edgar Dahl @ - Michael Blume: Liberalismus
    29.04.2008, 15:46

    Lieber Michael,

    bevor ich auf Deine drei Fragen eingehe, kurz eine Frage meinerseits: Was meinst Du mit dem "rationalistischen" Liberalismus? Wer wären Deiner Ansicht nach Vertreter dieser Form von Liberalismus? Ich selbst betrachte mich als einen "klassischen" Liberalen im Sinne von Locke, Kant, Mill, Mises, Hayek und Nozick, die einen "Minimalstaat", manchmal auch etwas verächtlich "Nachtwächterstaat" genannt, fordern.

  11. Edgar Dahl @ - Dieter a.k.a. Christian
    29.04.2008, 16:17

    Ich denke, mein Hauptargument gegen Ihren ursprünglichen Einwand ist, dass das von Ihnen skizzierte Menschenbild einen "Freibrief für die Diktatur" darstellte. Wenn man die Menschen für unmündig erklärt und meint, dass sie außerstande seien, vernünftig, urteilsfähig und verantwortungsvoll zu handeln, glaubt sich der Staat das Recht anmaßen zu können, für seine Bürger zu entscheiden: "Vater Staat weiß, was gut für Dich ist - er kennt Deine Interessen besser als Du selbst!"

    Als Ex-Ossi bin ich ja gewissermaßen "ein gebranntes Kind". All unsere Freiheitsbeschränkungen - vom Reiseverbot bis hin zum Verbot bestimmter Literatur - sind damit gerechtfertigt worden, dass wir "noch nicht so weit" seien. Regimegegner sind daher auch nicht so sehr als "böse", als vielmehr als "verstockt" betrachtet worden - als Leute, die einfach noch nicht die Wahrheit des Marxismus-Leninismus begriffen haben und zu ihrem eigenen Besten einer Gehirnwäsche in einem durch die Stasi geleiteten Gefängnis bedurften.

  12. Dieter und John DDR @Dahl
    29.04.2008, 17:21

    "Ich denke, mein Hauptargument gegen Ihren ursprünglichen Einwand ist, dass das von Ihnen skizzierte Menschenbild einen "Freibrief für die Diktatur" darstellte."

    Klar, verstehe ich. Deshalb meinte ich ja auch, dass die Altväter des Liberalismus getrickst haben, um gegen den vorherrschenden Paternalismus ihrer Zeit (vermutlich in der Gestalt "der König passt auf Euch auf") ein schlagkräftiges Argument in der Hand zu haben. Doch das ein Argument geschickt oder wirkungsvoll ist, sagt doch nichts über seinen Wahrheitsgehalt aus. Es könnte doch schlicht stimmen, dass viele Menschen eigentlich der Führung durch eine gute, wohlwollende, starke Hand bedürften (am besten durch einen allmächtigen, allgütigen, allwissenden Gott), weil sie sich sonst ins Unglück stürzen - nur dass alle Versuche, eine solche Führung zu etablieren, historisch im Desaster endeten.

    Es ist ja eher ein resignatives Argument, dass ich bei Ihnen zwischen den Zeilen heraushöre: Die Menschen können sich tatsächlich nicht alle anständig um ihr eigenes Leben kümmern, aber wenn wir das an den Staat deligieren, wird es nur noch schlimmer.

    Stimmt´s? Dann wäre es mit meiner Sicht eigentlich komplett kompatibel.

  13. Michael Blume @ Edgar: Rationalistischer L.ismus
    29.04.2008, 19:01

    Lieber Edgar,

    ich folge hier der Unterscheidung von Hayeks selber, der den "echten" (klassischen, evolutiven) Liberalismus vor allem des angelsächsischen Raumes vom "rationalistischen" Liberalismus Frankreichs und dann Kontinentaleuropas unterschied. Zitat Hayek schon 1959 (!):

    "Der ursprünglich englische Liberalismus war an sich weder demokratisch noch auch egalitär, noch war ihm der aggressiv rationalistische und antireligiöse Charakter eigen, den später der kontinental-europäische Liberalismus zeigte. Diese Verwandlung hängt eng mit dem Einfluß der französischen Schriftsteller zusammen, die im 18. Jh. zunächst (in der Generation Voltaires und Montesquieus) die englischen Ideen für den Kontinent interpretierten und später (in der Generation Jean-Jacques Rousseaus und der Physiokraten) jene Ergebnisse langer politischer Erfahrung konstruktiv nach "Vernunftprinzipien" umgestalteten. In vieler Beziehung bedeutete das nicht viel weniger als eine Umkehrung der ursprünglichen Ideen."

    Das ausführliche Zitat hier:
    Der "echte", evolutive Liberalismus und das lange, rationalistische Scheitern des Kontinents

    bzw. beim Mises-Institut hier:
    http://docs.mises.de/Hayek/Hayek_Politischer_Liberalismus.pdf

    Und ich kann von Hayek da nur zustimmen: "Freiheit" und "Rationalismus" sind ein Widerspruch in sich, da der Rationalist beansprucht, unüberbietbare "Vernunftaussagen" machen zu können - und damit wiederum ein stählernes Gehäuse errichtet, dem sich das evolvierende, biologische Leben zu fügen habe. Dass "Vernunft" bzw. "Rationalität" dabei nicht einmal eindeutig definiert wurde und wird, macht diesen Ansatz zusätzlich zum Einfallstor aller möglichen Ideologien.

    Der echte, evolutive Liberale erkennt dagegen an, dass das Leben selbst den evolutionären Prinzipien aus freier Entfaltung, Wettbewerb und Weitergabe (Reproduktion, Tradition etc.) gehorcht und auch Menschen also eine Vielzahl von individuellen wie gemeinschaftlichen Wegen einschlagen werden und einschlagen sollen - wie immer bei der Evolution lässt sie sich nicht planen, sondern zeigt ihre Genialität meist erst im Rückblick.

    Entsprechend schätzt und achtet der evolutionäre Liberale auch bewährte (also bislang evolutiv erfolgreiche!) Traditionen, ohne sie zu verabsolutieren - während der rationalistische Liberale sie in seiner "Anmaßung von Wissen" meint abschaffen zu können.

    Deswegen beeindruckt mich Deine ehrliche Reflektion hier im "Judaskuss" auch so. Mutiger als andere erkennst Du m.E. an, dass sich auch der Liberalismus nicht "widerspruchslos abschließen" lässt - und hast damit das stählerne Gehäuse des Rationalismus bereits aufgebrochen. Noch ein Schritt und von Hayek würde Dich einen "echten Liberalen" nennen! :-)

    Mit herzlich-liberalen Grüßen!

    Michael

  14. Edgar Dahl @ - Dieter: Resignation
    30.04.2008, 08:45

    "Es ist ja eher ein resignatives Argument, dass ich bei Ihnen zwischen den Zeilen heraushöre: Die Menschen können sich tatsächlich nicht alle anständig um ihr eigenes Leben kümmern, aber wenn wir das an den Staat deligieren, wird es nur noch schlimmer.

    Stimmt´s? Dann wäre es mit meiner Sicht eigentlich komplett kompatibel."

    Ja, der Liberalismus ist nicht blind für die Schwächen der Menschen. Einige sind dumm, faul und unselbständig, andere lügen, stehlen und morden. Die meisten und größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte sind jedoch nicht von einzelnen Menschen, sondern von Staaten verübt worden, die die Macht, die ihnen verliehen wurde, missbrauchten und gegen ihr eigenes Volk verwendeten.

  15. Dieter Resignation - der Videobeweis @Dahl
    30.04.2008, 16:15

    "Ja, der Liberalismus ist nicht blind für die Schwächen der Menschen. Einige sind dumm, faul und unselbständig, andere lügen, stehlen und morden."

    Der Liberalismus hat offenbar Zugriff auf YouTube. Wer sich dieses kurze Video anschaut, sollte endgültig davon überzeugt sein, dass wir Menschen nicht alle Tassen im Schrank haben:

    http://www.youtube.com/watch?v=x-JGUM9mX1o

  16. Michael Blume Aufmunterndes
    01.05.2008, 16:43

    Aber aus evolutiver Sicht ist (auch) der Mensch nie nur ein "Sein", sondern stets auch ein "Werden".

    Und solche "begabten Zauberer" wie in Dieters Video werden in den kommenden Generationen möglicherweise eher unterrepräsentiert sein... ;-)

  17. Edgar Dahl @ - Michael Blume: Deine drei Fragen
    04.05.2008, 01:34

    Höchste Zeit, auf Deine drei Fragen einzugehen. Hier zunächst einmal eine Antwort auf Deine erste Frage:

    "'Der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft ausüben darf, besteht darin, eine Schädigung anderer zu verhüten.'

    1. Zwang gegen Mitglieder 'unzivilisierter Gesellschaften' sind also okay?"

    Mill beschränkt die Anwendbarkeit des Schadensprinzips bewusst auf mündige Menschen und mündige Gesellschaften. Kinder, Jugendliche und Bürger unmündiger Gesellschaften dürfen - ja, müssen mitunter sogar! - vor sich selbst geschützt werden. Das ist alles, was das Prinzip impliziert.

    So wie Du die Frage formulierst hast, scheinst Du das Prinzip bewusst missverstehen zu wollen. Deine Frage impliziert, dass es nach dem Liberalismus ganz in Ordnung wäre, wenn zivilisierte Gesellschaften unzivilisierte Gesellschaften erorbern und ihrer Freiheit berauben würden. Das ist jedoch gar nicht gemeint. Nach dem Liberalismus haben alle Bürger eines Staates das Recht, vor Schaden durch andere geschützt zu werden. Ihr Recht, nicht vor sich selbst geschützt zu werden, muss aber natürlich auf mündige Menschen beschränkt bleiben.

    Mit anderen Worten: Alle Menschen, ob mündig oder unmündig, haben ein Recht darauf, vor Übergriffen anderer (wie etwa Diebstahl, Körperverletzung oder Mord) geschützt zu werden. Das Recht, sich selbst zu schaden (wie etwa durch Nikotin, Alkohol oder Suizid) haben dagegen nur mündige Bürger.

  18. Edgar Dahl @ - Michael: Zweite Frage
    04.05.2008, 02:05

    "2. Ist mit "Schädigung anderer" auch die Umwelt gemeint? Oder gilt nur der (zivilisierte) Mensch als mit Rechten begabt, der Rest der Schöpfung hat nur abgeleitete Existenzrechte? Wie wird das begründet?"

    Ja, mit den "anderen" sind immer nur Menschen gemeint. Nur der Mensch gilt als Träger von Rechten. Dies leitet sich aus der Funktion von Rechten ab. Insofern Rechte dazu da sind, besonders elementare Interessen zu schützen, können nur die Träger von Interessen auch Träger von Rechten sein. Pflanzen, Bäume, Seen oder Gebirgslandschaften haben jedoch keine Interessen. Daher können sie auch keine Rechte haben. Dass sie keine eigenständigen Rechte haben, bedeutet jedoch nicht, dass es in Bezug auf sie keine Pflichten geben kann. Nur sind es, wie Du schon sagst, abgeleitete Pflichten. Du hast kein Recht, einen Baum in meinem Garten zu fällen. Nicht weil, Du damit das "Lebensrecht" des Baumes verletzen würdest (Bäume haben keine Interessen), sondern weil Du dadurch mein Eigentumsrecht verletzen würdest. Du hast keine Verpflichtung GEGENÜBER dem Baum, doch eine Verpflichtung IN BEZUG auf den Baum, und zwar eine Verpflichtung, die sich aus meinem Eigentumsrecht ergibt. Was für den Baum gilt, gilt auch für den Virunga Regenwald, den Grand Canyon oder die Cheops Pyramide.

  19. Edgar Dahl @ - Michael: Dritte Frage
    04.05.2008, 03:06

    "3. Auf welcher Grundlage bestimmen Mills und der von Dir vertretene Liberalismus was ein Staat bzw. Menschen zu Menschen 'dürfen'? Wer gibt Euch das Recht dazu, anderen entsprechens vor schreiben zu wollen? Oder ist dieser Liberalismus nur eine Meinung unter anderen?"

    Ja, der Liberalismus ist nur eine Ansicht unter vielen. Nach dem Faschismus hatte der Staat die Aufgabe, der Herrenrasse zur Weltherrschaft zu verhelfen. Nach dem Kommunismus hatte der Staat die Aufgabe, dem Proletariat zur Weltherrschaft zu verhelfen. Nach dem Liberalismus hat der Staat dagegen nur eine einzige Pflicht, nämlich die individuellen Rechte seiner Bürger zu schützen. Ich schreibe bewusst die "individuellen Rechte", weil es um den Schutz eines jeden einzelnen Bürgers geht. Anders als im Faschismus, im Kommunismus oder irgendeiner anderen Form des Kollektivismus, dürfen niemandes Rechte verletzt werden, selbst wenn dies zur Erreichung eines vermeintlich höheren Ziels erforderlich sein sollte. Menschen gehören sich selbst und sind kein bloßes Mittel zum Zweck - sie dürfen weder der Herrschaft der Herrenrasse, der Diktaur der Proletariats oder der Errichtung eines Himmelreichs auf Erden geopfert werden. Der Liberalismus ist, so gesehen, die Lehre, die man aus mehr als tausendjähriger Tyrannei gezogen hat. Die Bemühungen von Staaten, den Himmel auf Erden zu errichten, haben regelmäßig nur die Hölle auf Erden hervorgebracht.

    Der Ausgangspunkt des Liberalismus beginnt mit der ganz einfachen Frage: Wozu haben wir überhaupt einen Staat? Wofür bezahlen wir ihn? Und: Was erwarten wir uns von ihm? Insofern die Bundesrepublik Deutschland etwa 80 Millionen Einwohner hat, könnte man im Prinzip 80 Millionen verschiedene Antworten auf diese Frage erhalten. So haben Angela Merkel, Gregor Gysi, Hans-Olaf Henkel, Hubert Markl, Günter Grass, Wolfgang Huber, Nina Hagen, Karl Lagerfeld, Boris Becker, Alice Schwarzer, Dieter Bohlen, Marcel Reich-Ranicki und der unbedarfte Magier aus Dieters YouTube-Video sicher ganz unterschiedliche Vorstellungen von einer Gesellschaft, in der sie gerne leben möchten. Wenn sie sich überhaupt auf irgendeinen gemeinsamen Nenner einigen können, dann wohl auf den, dass sie in einer Gesellschaft leben möchten, in der der Staat ihre Rechte schützt und es ihnen erlaubt ist, nach ihren je eigenen Vorstellungen zu leben (sofern sie damit nicht die Rechte anderer verletzen).

  20. Dieter Rechte @Dahl und alle
    05.05.2008, 09:21

    "So haben Angela Merkel, Gregor Gysi, Hans-Olaf Henkel, [...] und der unbedarfte Magier aus Dieters YouTube-Video sicher ganz unterschiedliche Vorstellungen von einer Gesellschaft, in der sie gerne leben möchten. Wenn sie sich überhaupt auf irgendeinen gemeinsamen Nenner einigen können, dann wohl auf den, dass sie in einer Gesellschaft leben möchten, in der der Staat ihre Rechte schützt und es ihnen erlaubt ist, nach ihren je eigenen Vorstellungen zu leben (sofern sie damit nicht die Rechte anderer verletzen)."

    Mich beeindruckt und überzeugt dieses Plädoyer für den Liberalismus. Eine Bemerkung kann ich mir aber nicht verkneifen: Der Magier auf YouTube wäre im Nachhinein sicher froh gewesen, wenn jemand ihn davor bewahrt hätte, seine RECHTE zu verletzen :)

  21. Edgar Dahl @ - Dieter: "Schutz vor uns selbst"
    05.05.2008, 12:00

    "Der Magier auf YouTube wäre im Nachhinein sicher froh gewesen, wenn jemand ihn davor bewahrt hätte, seine RECHTE zu verletzen."

    Das würde ich in diesem Fall bezweifeln. Doch die Frage, die Sie damit in den Raum stellen, ist in der Tat die Frage, um die es wirklich geht: Obgleich sich kaum jemand wünschen dürfte, auf Schritt und Tritt vom Staat gegängelt zu werden oder gar von der Partei, die bekanntlich immer recht hat, vorgeschrieben zu bekommen, wie er sein Leben leben soll, mag es doch Fälle geben, in denen es tatsächlich in unser aller Interesse ist, wenn der Staat unser Recht auf Selbstbestimmung einschränkt. Ein gutes Beispiel hierfür ist natürlich der Gebrauch von Drogen. Nach dem Schadensprinzip des Liberalismus geht es den Staat schlechterdings nichts an, wenn wir uns mit Drogen zudröhnen, es sei denn, ihr Genuss führt dazu, dass wir zu einer Gefahr für andere werden. Dies ist aber bei vielen Drogen, wie etwa bei Marihuana, nicht der Fall. Wenn überhaupt, dann schaden wir nur uns selbst durch das Rauchen eines Joints. Sollen wir den Genuss von Marihuana also weiterhin kriminalisieren oder sollen wir ihn entkriminalisieren? Ich denke, bei der Beantwortung dieser Frage denken wir nicht nur an uns selbst, sondern zumeist immer auch an unsere Kinder. Niemand von uns würde es wollen, dass unsere Kinder durch die regelmäßige Einnahme von Drogen eventuell daran gehindert werden, ihr Abitur oder ihr Studium zu absolvieren. Doch genügt ein solcher Einwand?

  22. Michael Blume Unmündige Gesellschaften
    06.05.2008, 09:34

    Lieber Edgar,

    Du schreibst: "Kinder, Jugendliche und Bürger unmündiger Gesellschaften dürfen - ja, müssen mitunter sogar! - vor sich selbst geschützt werden."

    ...und bist damit mitten im Thema. Wer bestimmt, wann ein Mensch und vor allem wann eine Gesellschaft "mündig" ist? Wie lauten die objektiven Kriterien? War es der Magier im YouTube-Video? Ist es eine Gesellschaft, die solche Sendungen produziert? Oder eine Gesellschaft, die ihre ökologischen Grundlagen verzehrt und vernichtet?

    Deine Empörung in allen Ehren: Aber Du weisst sehr wohl, dass diese "Einschränkungen" gerade auch in der praktischen Politik der Vergangenheit und Gegenwart enorme Unterschiede gemacht haben! Darauf wird man hinweisen dürfen, oder!?

    Letztlich berührt also auch die Mündigkeits-Einschränkung wieder die ungelöste (und m.E. kaum lösbare) Grundfrage: Was ist Vernunft? Und auch Rationalisten kennen darauf keine Antwort...

    Auch dass Tiere keine Interesse und nur abgeleitete Rechte haben sollen, halte ich für eine normative Setzung, die sich kaum empirisch-wissenschaftlich ableiten lässt. Ein menschlicher Embryo soll, wenn ich Dich richtig verstanden habe, nur abgeleitete Schutzrechte (und keine gegenüber den Eltern) haben, ein Neugeborenes dann aber eigene, auch gegenüber den Eltern durchsetzbare, solange es unmündig ist oder in einer "unmündigen Gesellschaft" aufwächst, muss es sogar vor sich selbst geschützt werden: Dagegen können Embryos und Neugeborene von Elefanten und Delfinen niemals eigene Rechte besitzen.

    Ich achte das, wirklich. Nur sehe ich nicht ein, warum man nicht aus sehr guten Gründen jeden dieser normativen Punkte auch anders sehen könnte.

    Letzlich liegt hier m.E. ein schlichter Natur-Mensch-Dualismus vor, wie ihn auch die Kreationisten zu verteidigen versuchen. Rein naturwissenschaftlich gesehen sind wir Menschen aber auch Teil der Natur und evolvieren nach den gleichen Regeln. Insofern unterliegen auch unsere Normen, Gesellschaften, Glaubensannahmen etc. idealerweise der Evolution und Falsifikation. Die hohe Geltung der Freiheit, als Voraussetzung genau dieses Prozesses, lässt sich daraus wunderbar ableiten.

    Ein Liberalismus, der sich dagegen auf vermeintlich unhinterfragbare rationalistische und individualistische Dogmen stützt, opfert nicht nur große Teile seiner Adaptivität, sondern auch seiner pragmatischen Erkenntnisfähigkeit.

  23. Edgar Dahl @ - Michael: Viele Fragen
    07.05.2008, 12:30

    Du schriebst: "Wer bestimmt, wann ein Mensch und vor allem wann eine Gesellschaft "mündig" ist? Wie lauten die objektiven Kriterien? War es der Magier im YouTube-Video? Ist es eine Gesellschaft, die solche Sendungen produziert? Oder eine Gesellschaft, die ihre ökologischen Grundlagen verzehrt und vernichtet?"

    Dafür, wann ein Mensch "mündig ist, gibt es keine objektiven, sondern nur pragmatische Kriterien. Der Gesetzgeber legt "willkürlich" (aber natürlich nicht ohne guten Grund) ein Lebensalter fest, ab wann ihre Bürger an einer Wahl teilnehmen, ein Auto fahren, Alkohol trinken oder heiraten dürfen. Bei uns liegt dieses Lebensalter bekanntlich bei 18 Jahren, in anderen Ländern bereits bei 14 Jahren oder, wie in vielen englischsprachigen Staaten, erst bei 21 Jahren.

    Die Frage, wann eine Gesellschaft als "mündig" zu betrachten ist, hat sich inzwischen mehr oder weniger erübrigt. Mill hatte, als er diesen Satz vor 150 Jahren schrieb, natürlich die "Hottentotten" und ähnliche Völker vor Augen, in denen die Menschen nicht lesen und sich kein eigenes Urteil bilden können.

  24. Edgar Dahl @ - Michael: Naturalistischer Fehlschlus
    08.05.2008, 00:06

    "Auch dass Tiere keine Interesse und nur abgeleitete Rechte haben sollen, halte ich für eine normative Setzung, die sich kaum empirisch-wissenschaftlich ableiten lässt."

    Nun, das Problem ist, dass sich keine einzige normative Setzung "empirisch-wissenschaftlich ableiten lässt".

  25. Edgar Dahl @ - Michael: Tierethik
    08.05.2008, 00:18

    "Dagegen können Embryos und Neugeborene von Elefanten und Delfinen niemals eigene Rechte besitzen."

    Ich selbst hätte nichts dagegen, nicht nur Delphinen und Elefanten, sondern auch Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans eigenständige Rechte einzuräumen. Mehr noch: Ich würde sogar Schweinen, Schafen, Rindern und Hühnern ein eigenständiges Recht auf Leben verleihen. Doch wie rechtfertigen wir dies gegenüber all denen, die ein gutes Steak lieben? Moral predigen ist leicht, Moral begründen ist schwer.

  26. Edgar Dahl @ - Michael: Mitgeschöpflichkeit
    08.05.2008, 00:46

    "Nur sehe ich nicht ein, warum man nicht aus sehr guten Gründen jeden dieser normativen Punkte auch anders sehen könnte."

    Kann man auch. Nur musst Du den Menschen, deren Freiheit Du einschränken willst (etwa durch das Verbot einer Tötung von Tieren), einen einsehbaren und nachvollziehbaren Grund dafür geben, warum sie Deinen und nicht ihren eigenen Standpunkt einnehmen sollten.

    Die christliche Religion, die sich fast zweitausend Jahre lang nicht für das Schicksal vermeintlich niederer Kreaturen interesierte - "Sorgt sich Gott etwa um Ochsen?", fragte schon Paulus -, hat ja unlängst auch ihr "Herz für Tiere" entdeckt. Sie seien unsere "Mitgeschöpfe" und verdienen als solche auch unsere Achtung und unseren Respekt. Das hört sich freilich schön an, zumal an einem Sonntagmorgen, wenn man in der Kirche sitzt und fromme Lieder singt, während der Braten in der Röhre schmort. Doch was heißt hier schon "Mitgeschöpf"? Sind Ratten, Kakerlaken, Blutegel, Wanzen, Zecken, Milben, von Bakterien ganz zu schweigen, nicht auch unsere "Mitgeschöpfe"?

  27. Edgar Dahl @ - Michael: Rationalismus
    08.05.2008, 01:06

    "Ein Liberalismus, der sich dagegen auf vermeintlich unhinterfragbare rationalistische und individualistische Dogmen stützt, opfert nicht nur große Teile seiner Adaptivität, sondern auch seiner pragmatischen Erkenntnisfähigkeit."

    Ich wollte schon mehrmals darauf hinweisen, habe es aber immer wieder vergessen, dass es natürlich verschiedene Formen des "Rationalismus" gibt. Für gewöhnlich meint man mit den "Rationalisten" Philosophen wie Descartes, Leibniz oder Kant, also die Kontrahenten des "Empirismus" wie etwa Hobbes, Locke oder Hume. Wenn wir in der Gegenwart von Rationalismus sprechen, meinen wir dagegen zumeist den "kritischen Rationalismus" von Karl R. Popper, dem sich auch Hayek zugehörig fühlte. Dieser kritische Rationalismus, dem ich mich auch zuzähle, ist der Rationalismus, der auf die engen Grenzen unserer Vernunft und die Vorläufigkeit all unseres Wissens hinweist.

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