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Die Religion fiel nicht vom Himmel

von Edgar Dahl, 16. Mai 2008, 22:19

Konrad Lorenz hat einmal gesagt, dass sein Frühsport darin bestehe, jeden Morgen eine seiner Lieblingshypothesen aus dem Fenster zu werfen. Wie schwer es ist, sich von einer liebgewonnenen Theorie zu verabschieden, habe ich spätestens bei dem gestrigen Workshop „Evolution der Religionen“ in Frankfurt am Main bemerken müssen.


Wie jeder, so habe natürlich auch ich meine Theorie darüber, wie die Religion in die Welt gekommen ist. Ähnlich wie Feuerbach, Marx und Freud ging ich stets davon aus, dass der Glaube nicht einfach vom Himmel gefallen ist. Doch im Unterschied zu Feuerbach, Marx und Freud trug meine Theorie schon immer evolutionäre Züge. Ich bin davon ausgegangen, dass die Religion ein Nebenprodukt der Evolution des menschlichen Gehirns sei.

Wie all unsere Organe, so ist selbstverständlich auch unser Gehirn ein Produkt der Evolution. So wie unser Körper, so hat sich auch unser Geist in Anpassung an unsere Umwelt herausgebildet. Unser Geist ist, wie es in der von Konrad Lorenz, Donald Campbell, Karl Popper und Gerhard Vollmer entwickelten „Evolutionären Erkenntnistheorie“ heißt, an einen eng begrenzten Ausschnitt dieser Welt, an den sogenannten „Mesokosmos“ angepasst. Im Unterschied zum Makrokosmos (der Welt der großen Dimensionen, für die wir ein Teleskop benötigen) und dem Mikrokosmos (der Welt der kleinen Dimensionen, für die wir ein Mikroskop benötigen), ist der Mesokosmos eine Welt der „mittleren Dimensionen“, die wir weitgehend mit unserem bloße Auge erfassen können.

Dass unser Erkenntnisapparat von der natürlichen Selektion geformt worden ist, um uns ein Überleben im Mesokosmos zu erlauben, hat zumindest drei weitreichende Konsequenzen. Erstens lässt uns unser Vorstellungsvermögen nur allzu häufig im Stich, sobald wir die Grenzen unserer kognitiven Nische überschreiten: Ereignisse im Mikrokosmos und Makrokosmos können wir uns, so sehr wir uns auch bemühen mögen, einfach nicht mehr anschaulich vorstellen.   

Zweitens ist die Anpassung unseres Erkenntnisapparates wie alle Anpassungen nur unvollkommen. Das heißt, dass unser Erkenntsnisapparat zwar zuverlässig genug sein mag, um unser Überleben zu gewährleisten, doch nicht zuverlässig genug, um sicheres Wissen zu garantieren. Die Welt da draußen ist sehr wahrscheinlich nicht so, wie wir sie sehen. Wir sehen sie nur so, wie sie uns unser Erkenntnisapparat sehen lässt.

Und drittens ist auch die Art und Weise, wie wir die Welt zu beschreiben und zu erklären versuchen, beschränkt, weil sie an unseren durchaus fehlbaren Erkenntnisapparat gebunden ist. Dieser Erkenntnisapparat lässt uns die Welt in drei Dimensionen sehen und alle darin vorkommenden Ereignisse kausal und teleologisch betrachten, unabhängig davon, ob diese Welt tatsächlich drei Dimensionen hat und alle Ereignisse in ihr wirklich ursächlicher und zielgerichteter Natur sind.

Insbesondere diese dritte Konsequenz bietet uns nun eine mögliche Hypothese zur Entstehung von Religionen. Da uns unser Gehirn kausal und teleologisch denken lässt, können wir gar nicht anders, als unaufhörlich „Warum?“ und „Wozu?“ zu fragen: „Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?“ „Woher kommt diese Welt eigentlich her?“ „Wozu dient unser Leben?“ Und: „Wieso gibt es Alter, Krankheit und Tod?“

Meine Lieblingshypothese zur Evolution der Religion bestand denn auch immer darin zu sagen, dass die verschiedenen Religionen dieser Welt nur verschiedene Versuche einer Beantwortung dieser existenziellen Fragen sind. Irgendwann im Laufe unserer Urgeschichte müssen sich die Menschen diese Fragen erstmals vorgelegt und zu beantworten versucht haben. Und die Antworten, die nicht nur ihren intellektuellen Fähigkeiten, sondern auch ihren emotionalen Bedürfnissen am ehesten entsprachen, haben dann Eingang in die Religionen dieser Welt gefunden.

Insofern die sogenannten Weltreligionen – also der Hinduismus, der Buddhismus, das Judentum, das Christentum und der Islam – allesamt Erlösungsreligionen sind, hatte ich angenommen, dass sich alle Religionen letztlich der Frage nach der Herkunft unseres Leids und Elends verdanken. Schließlich betrachten all diese Religionen diese Welt als ein Jammertal und zeigen uns einen Weg, wie wir von diesem Dasein erlöst werden können.


Auf dem gestrigen Workshop hat Pascal Boyer nun aber leider kurzen Prozess mit meiner Lieblingshypothese gemacht. Wie er versicherte, gebe es Völker und Religionen, in denen die Herkunft des Bösen und die Erlösung von diesem Dasein nicht die geringste Rolle spielen. Was nun? Nun bich ich offenbar „so klug als wie zuvor“. Das einzige, was ich dazu gelernt habe, ist: Ich hasse Frühsport!

 





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