Zeiten des Aufruhrs
von Edgar Dahl, 08. Februar 2009, 04:28
Es ist überaus selten, dass ein Film besser ist als der Roman, auf dem er beruht. In den 70er Jahren ist es Mike Nichols mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ gelungen, Edward Albees gleichnamiges Meisterwerk zu übertreffen. Und in den 80er Jahren hat es Milos Forman mit „Amadeus“ geschafft, Peter Shaffers großartiges Bühnenstück in den Schatten zu stellen. Mit „Zeiten des Aufruhrs“ ist es nun auch Sam Mendes gelungen. Der Regisseur von „American Beauty“ hat mit der Verfilmung von Richard Yates’ Roman „Revolutionary Road“ eines der besten Dramen der letzten Jahre auf die Leinwand gebracht.
Viele Kritiker sehen in „Zeiten des Aufruhrs“ eine gelungene Demontage des American Dream. So meint etwa Roger Willemsen, dass hier „die Schattenseiten des amerikanischen Traums entlarvt“ werden. Tatsächlich aber haben weder der Roman noch der Film etwas mit der geradezu inflationär beschworenen „Gesellschaftskritik“ zu tun. Auch wenn die Geschichte in den 50er Jahren angesiedelt ist, geht es doch um ein durchaus zeitloses Thema, nämlich um das Thema „Selbstbetrug“.
Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, die in „Titanic“ noch ein vollkommen unglaubwürdiges Paar waren, spielen die Eheleute April und Frank Wheeler, die nach der Geburt ihres zweiten Kindes von einem Apartment in New York City in ein Einfamilienhaus in Connecticut ziehen. Um das Leben in der Vorstadtidylle zu finanzieren, muss Frank einer nervtötenden Büroarbeit in der Firma seines verstorbenen Vaters nachgehen. Jeden Tag, wenn er mit dem Zug zwischen Connecticut und Manhattan pendelt, fragt er sich: „Was, zum Teufel, ist das für ein Leben? Welchen Sinn und Zweck hat, in Gottes Namen, ein solches Leben?“
Obgleich er sich bewusst ist, nur ein anonymer Arbeiter in einem gigantischen Ameisenhaufen zu sein, meint er doch, dass zwischen ihm und den „ganzen Idioten, mit denen ich täglich im Zug sitze“ Welten liegen: „Keiner denkt oder fühlt oder interessiert sich mehr für irgendetwas; keiner begeistert sich mehr oder glaubt noch an irgendwas außer an seine eigene gottverdammte bequeme Mittelmäßigkeit.“
Franks feste Überzeugung, aus einem anderen Holz geschnitten zu sein als „all die Idioten“, wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, als April ihm ein unerwartetes Angebot macht. Sie schlägt ihm vor, der widerwärtigen Engstirnigkeit ihrer Nachbarn und der „hoffnungslosen Leere“ ihres Alltags zu entfliehen. Sie will nach Paris umziehen, wo sie als Sekretärin für die NATO arbeiten und so viel Geld verdienen werde, dass er getrost den lieben langen Tag zu Hause bleiben und seiner Leidenschaft nachgehen kann.
„Begreifst du nicht?“, fragt sie ihn. „Du wirst das tun, was du schon vor sieben Jahren hättest tun sollen. Du wirst zu dir selbst finden. Du wirst lesen, lange Spaziergänge machen und nachdenken. Zum ersten Mal in deinem Leben wirst du Zeit haben, herauszufinden, was du wirklich willst, und wenn du’s dann weißt, dann hast du die Zeit und die Freiheit, damit anzufangen.“
Frank bekommt es nun plötzlich mit der Angst zu tun. Um sich nicht eingestehen zu müssen, dass auch er es sich längst in der „gottverdammten bequemen Mittelmäßigkeit“ gemütlich gemacht hat, sucht er nun nach Vorwänden, um Aprils Traum zu vereiteln. Nachdem eine nicht unbeträchtliche Gehaltserhöhung April nicht umstimmen kann, nutzt er schließlich eine erneute Schwangerschaft, um sie von ihrem Plan abzubringen.
Doch April durchschaut sein Spiel. Als er sich auf seine Pflichten als Familienvater beruft, sagt sie ihm, er solle sich nicht hinter seiner „Verantwortung“ verstecken und doch endlich zugeben, dass er einfach nicht das Rückgrat habe, das Leben zu leben, nach dem er sich angeblich so sehr sehne. Aus der bloßen Angst, er könne scheitern, wolle er es nämlich gar nicht erst versuchen. Dies aber sei nichts anderes als Selbstbetrug.

In seinen berühmten "Aufzeichnungen aus einem Kellerloch" schrieb Fjodor M. Dostojewskij: "Jeder Mensch hat Erinnerungen, die er nicht jedem erzählen würde, sondern nur seinen Freunden. Anderes, was er im Sinn trägt, würde er noch nicht einmal seinen Freunden erzählen, sondern nur sich selbst, und das heimlich. Aber dann gibt es noch andere Dinge, die sogar sich selbst zu erzählen er Angst hätte, und jeder anständige Mensch hat eine Reihe solcher Dinge tief in seinem Geist vergraben."
Wie wir alle wissen, bildet Dostojewskijs Beobachtung gewissermaßen die Grundlage der Psychoanalyse, die es sich zum Ziel gesetzt hat, unbewusste Konflikte bewusst zu machen, um sie auf diese Art und Weise zu lösen. Oder, wie es Sigmund Freud geradezu programmatisch ausdrückte: "Wo Es war, soll Ich werden!"
Dass Frank Wheeler nicht ist, wofür er sich hält, ist offenbar eines jener Geheimnisse, von denen Dostojewskij sagt, dass man sie bestenfalls sich selbst eingesteht - und auch das nur äußerst selten und klamm heimlich.
Ich bin kein Anhänger der Psychoanalyse. Doch es ist sicherlich wahr, dass es Dinge gibt, die wir "verdrängen" und vor uns selbst geheim zu halten suchen. Insofern dies nur "menschlich-allzumenschlich" ist, gibt es auch keinen Grund, sich dessen zu sehr zu schämen.
Allein die Nichtigkeit unserer Existenz nötigt uns bereits dazu, uns in Illusionen zu retten. Um nicht unter der Sinnlosigkeit unseres Daseins – der Sisyphusarbeit des Lebens – zusammenzubrechen, sind wir geradezu gezwungen, unserem Tun eine weit größere Bedeutung beizumessen, als ihm tatsächlich zukommt.

Sobald wir zu genau erkennen, dass eigentlich alles eitel ist, werden wir sogar körperlich bestraft. Die Depression ist offenbar ein Symptom dafür, dass die psychologischen Verdrängungsmechanismen zusammengebrochen sind. Und die Evolution selbst hat uns diese Mechanismen eingepflanzt, nur damit wir unseren biologischen Pflichten umso willfähriger nachgehen.
Ohne ein Lob auf die Lüge singen zu wollen, muss man daher glücklich schätzen, wer seinem Leben durch eine Leidenschaft einen Sinn verleihen kann, den es, objektiv betrachtet, entbehrt. Eine Passion, eine Leidenschaft, ein Talent, kurz, etwas zu haben, wofür das Herz schlägt, ist vermutlich das größte Geschenk, das jemand besitzen kann. Anderenfalls ähneln wir der Gestalt aus Edvard Munchs „Der Schrei“ oder dem von der sinnlosen Leere angefressenen Frank Wheeler.

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Tja, Freiheit bedeutet nun mal zu allererst, die Konsequenzen seiner Entscheidung zu tragen. Da kriegt man leicht mal kalte Füße.
"...geht es doch um ein durchaus zeitloses Thema, nämlich um das Thema „Selbstbetrug“."
Um nichts anderes ging es je:
"Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts,
Es kehrt an das, was Kranke quält, sich ewig der Gesunde nichts,
Und wäre nicht das Leben kurz, das stets der Mensch vom Menschen erbt,
So gäb's Beklagenswerteres auf diesem weiten Runde nichts.
Einförmig stellt Natur sich her, doch tausendförmig ist ihr Tod,
Es fragt die Welt nach meinem Ziel, nach deiner letzten Stunde nichts.
Und wer sich willig nicht ergibt dem ehrnen Lose, das ihm dräut,
Der zürnt ins Grab sich rettungslos und fühlt in dessen Schlunde nichts.
Dies wissen alle, doch vergißt es jeder gerne jeden Tag.
So komme denn, in diesem Sinn, hinfort aus meinem Munde nichts!
Vergeßt, daß euch die Welt betrügt, und daß ihr Wunsch nur Wünsche
zeugt,
Laßt eurer Liebe nichts entgehn, entschlüpfen eurer Kunde nichts!
Es hoffe jeder, daß die Zeit ihm gebe, was sie keinem gab,
Denn jeder sucht ein All zu sein und jeder ist im Grunde nichts."
(August Graf von Platen, ca. 1823)
„Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück.“
Henrik Ibsen
„Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück.“
Quark. Wenn von "Glück" überhaupt gesprochen werden kann, so nur dann, wenn von "Glück gehabt" gesprochen wird. Und das heißt, vor einer Dummheit bewahrt worden zu sein.
„Keiner denkt oder fühlt oder interessiert sich mehr für irgendetwas; keiner begeistert sich mehr oder glaubt noch an irgendwas außer an seine eigene gottverdammte bequeme Mittelmäßigkeit.“
Genau! "Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können." Oder -der ist auch sehr schön:
"Nicht eure Sünde - eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz
selbst in eurer Sünde schreit gen Himmel!"
(von wem wohl?)
Sie sind zweifellos ein Jünger von Friedrich Nietzsche - einem grandiosen Psychologen, aber miserablem Philosophen.
Ich habe obigen Text jetzt ergänzt.
"Sobald wir zu genau erkennen, dass eigentlich alles eitel ist, werden wir sogar körperlich bestraft. Die Depression ist offenbar ein Symptom dafür, dass die psychologischen Verdrängungsmechanismen zusammengebrochen sind. Und die Evolution selbst hat uns diese Mechanismen eingepflanzt, nur damit wir unseren biologischen Pflichten umso willfähriger nachgehen."
;-)
Lieber Edgar,
schrammst Du nicht gerade selbst messerscharf am "naturalistischen Fehlschluss" vorbei? Wir müssen uns betrügen, weil wir nicht anders können? Und was sind "biologische Pflichten"? Ist das nicht eine Pflicht ein klassisches "Ought" das in diesem Falle von einem "Is" (dem Evolutionsgeschehen) abgeleitet wird? Und was ist das für eine - quasireligiöse - Konjektur von "Erkenntnis" und "Strafe" im ersten Satz? Das ist ja geradezu alttestamentarisch, frisch von der Obstwiese in Eden!
Aber natürlich hast Du in allem, was Du sagst, vollständig recht. Einsicht - sei sie psychologsicher, sei sie naturwissenschaftlicher Art, ist letztendlich stets Einsicht in die Nichtigkeit. Und von daher hat es ja seine Richtigkeit, wenn in der Beschreibung der "evolutionären" und der "psychologischen" Nichtigkeit sich die Worte der Psychologen und der Biologen untrennbar vermischen. Ja, "Schuld" und "Strafe" SIND Worte, die auch in den Naturwissenschaften vorkommen, sie verkleiden sich dort nur gerne als "Ursache" und "Wirkung".
Vor dem Hintergrund des universellen "Nichts" aber fallen diese Masken ab, und vor uns steht, in aller Nacktheit, hie wie da (im Subjekt und im Objekt und in den Beziehungen beider aufeinander) ein sinnloser Zwangszusammenhang, der stets nur eines will: sich selbst.
Hinaustreten kann man offenbar nur um den Preis der Vernichtung.
"non parvi puta nequititatem naturae"
(P. Roosen)
leinpicher Fipptehler:
"nequitia(m)" sollte das heissen: die "Bösartigkeit".
"Die Depression ist offenbar ein Symptom dafür, dass die psychologischen Verdrängungsmechanismen zusammengebrochen sind. Und die Evolution selbst hat uns diese Mechanismen eingepflanzt, nur damit wir unseren biologischen Pflichten umso willfähriger nachgehen."
Dem ersten Absatz kann ich zustimmen. (Zusammenbruch der Verdrängungsmechanismen) Die Schlußfolgerung daraus verstehe ich nicht. Bedarf es doch gerade der Aufrechterhaltung der Verdrängungsmechanismen, um den "biologischen Pflichten" nachzukommen. Doch was wird hier verdrängt? Der "Geist", die "Seele", gar "Gott"?
"Der Mensch ist ein Seil über einem Abgrund. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben."
Ja, wenn es nicht rein metaphorisch gemeint wäre, wäre dies ein typischer naturalistischer Fehlschluss. Der naturalistische Fehlschluss wird in der Biologie übrigens weitaus häufiger diagnostiziert als tatsächlich begangen. Die Biologie mit ihrer "telelogischen" Redewese bietet sich hierfür ja geradezu an. Doch letztlich dürfte es in der Anatomie auch nicht anders sein, schließlich erklärt man die Existenz bestimmter Zellen, Gewebe oder Organe eines Organismus aus pädagogischen Gründen gerne mit dem Hinweis darauf, WOZU sie da seien - als verfolge die Evolution "Zwecke" und hätten die Organe "Pflichten".
Habt ihr bei "Gehirn & Geist" zufällig irgendwelche Beiträge zum Thema "Selbstbetrug" gehabt?
Das ist nur ein Missverständnis. Abwehrmechanismen, die uns helfen, uns zu betrügen, sind zwar ein Teil unseres biologischen Erbes, können aber unter bestimmten Bedingungen zusammenbrechen.
Ihr Freund Nietzsche war ja ein Spezialist darin, menschlichen Selbstbetrug zu erkennen. Wie heißt es doch in einem seiner Aphorismen: "Das habe ich getan!, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben!, sagt mein Selbst. Endlich gibt das Gedächtnis nach" (oder so ähnlich.
Ich muß gestehen, daß mir eine Unachtsamkeit unterlaufen ist. Denn Sie sagten ja selbst, daß die Evolution der Abwehrmechanismen bedarf, um den "biologischen Pflichten" nachzukommen.
Ich möchte noch mehr bei den Depressionen verweilen. Sie interessieren mich! Was ist hier Ursache und was Wirkung? Sie sprachen die Verdrängung an. Was wird verdrängt? Wir hatten die Diskussion schon einmal an anderer Stelle. Damals ging es um das Sklavenhaus Ägyptens. Es ist schwer, die Wüste zu durchschreiten, Kreuzigung zu erleben, wenn das gelobte Land, die Auferstehung vielleicht nur ein Hirngespinst ist. Verstehen Sie das Symbol? Eine Freiheit, die sich über das Wovon definiert, muß in die Angst führen, wenn sie das Wozu nicht erkennt.
"Das habe ich getan!, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben!, sagt mein Selbst. Endlich gibt das Gedächtnis nach" (oder so ähnlich."
"Das habe ich getan", sagt mein Gedächtnis. "Das kann ich nicht getan haben" - sagt mein *Stolz* und bleibt unerbittlich. Endlich - gibt das Gedächtnis nach. (Jenseits von G.u.B. §68)
*Selbst* ist bei Nietzsche der hohe Gebieter, der das Ich dominiert. "hier fühle Schmerz...hier fühle Lust..."
Ach, natürlich: "Stolz". "Selbst" kam mir doch schon beim Schreiben suspekt vor. Danke für die Korrektur und vor allem auch für den Hinweis, wo ich den Aphorismus wiederfinden kann.
Was halten Sie eigentlich von Nietzsches "Übermenschen"? Da er sich mehr der Poesie als der Prosa bediente, ist Nietzsche ja "leider Gottes" immer wieder unterschiedlich, um nicht zu sagen, vollkommen konträr, interpretiert worden. Ich selbst habe Nietzsche immer so verstanden, dass er mit dem Übermenschen lediglich einen Menschen meint, der vor der Nichtigkeit des Daseins nicht zusammenbricht, dem der Tod Gottes nichts anhaben kann und der dem Leben am Rande des Universums dennoch einen Sinn zu verleihen vermag.
Offenbar gibt es ja auch in der Diskussion um die Ursachen der Depression keinerlei Einigkeit. Ist sie eine Reaktion auf unerträgliche äußere Umstände? Ist sie eine umgeleitete und gegen das eigene Ich gekehrte Aggression? Oder ist sie nur ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn?
Tatasache ist wohl, dass die Depression eher Menschen ereilt, die sich keinen Illusionen hingeben und sich selbst nichts vormachen. Untersuchungen sollen ergeben haben, dass "depressive Menschen die Welt realistischer einschätzen als nichtdepressive. [...] Auch in der Beurteilung ihrer Fähigkeiten sind depressive Menschen ehrlicher. [...] Sie sehen die Dinge, wie sie sind - ohne den rosaroten Filter der positiven Illusionen. Die Gefahr sich selbst zu belügen, sind depressive Menschen nicht ausgesetzt. Sie nehmen wahr, was andere gekonnt ausblenden, sie kennen ihre Grenzen und ihre Möglichkeiten - und sie finden keine Tröstung in falschen Schmeicheleien oder abwiegelnden Selbstberuhigungen. [...] Kranken Depressive also an ihrer Ehrlichkeit und ihrem Realitätssinn? Es klingt absurd, doch wie die verschiedenen Studien zeigen, ist es nicht ganz von der Hand zu weisen. [...] Depressive haben eine zu realistische Sicht der Dinge und müssen lernen, sich selbst etwas mehr vorzumachen. Keine schöne Vorstellung, dass wir unser Leben nur ertragen können, wenn wir Schönfärberei betreiben." (U. Nuber "Depression: Die verkannte Krankheit", 2008, S. 177ff).
Dienen all diese "Schmeicheleien" und die durchaus als Kompliment zu verstehenden Hinweise auf Bertrand Russell, Virginia Woolf und Vincent van Gogh vielleicht nur dazu, Depressive wieder aufzumuntern? Oder ist das schon wieder eine typische Frage eines Depressiven?
Lieber Edgar,
soeben sehe ich, daß die Kommentarfunktion zu Deinen beiden letzten zeitgeschichtlichen Beiträgen nicht mehr zur Verfügung steht.
Es dürfte kaum zu vermuten sein, daß das auf Deinem eigenen Mist gewachsen ist.
Und es ruft das, ehrlich gesagt, Gelächter bei mir hervor. Es zeugt von außerordentlich geringer Souveränität im Umgang mit geistiger Freiheit.
Mir fiel das nur auf, weil mir gerade noch der "Appell von Blois" vom letzten Sommer unter die Finger kam, den auch das Ehepaar Jan Assmann und Frau unterzeichnet hat, neben zahlreichen anderen prominenten Historikern. In ihm heißt es
http://www.welt.de/...n-die-Geschichtspolizei.html
"Die Geschichte darf kein Sklave der Aktualität sein noch unter dem Diktat konkurrierender Erinnerung geschrieben werden. In einem freien Staat steht es keiner politischen Autorität zu, die historische Wahrheit zu definieren und die Freiheit der Historiker unter der Androhung von Strafen einzuschränken.
Wir rufen alle Historiker auf, ihre Kräfte in ihren jeweiligen Ländern zu sammeln und unseren Strukturen vergleichbar aufzubauen. Jeder soll unverzüglich diesen Appell unterzeichnen, um die Pläne für Gesetze zum historischen Erinnern aufzuhalten.
Die verantwortlichen Politiker - die für den Erhalt der kollektiven Erinnerung eintreten - rufen wir dazu auf, sich bewusst zu machen, nicht durch das Gesetz und für die Vergangenheit staatliche Wahrheiten aufzustellen, deren juristische Anwendung schwerwiegende Folgen für die Historiker und die intellektuelle Freiheit im Allgemeinen haben.
In einer Demokratie ist die Freiheit der Geschichte die Freiheit aller."
Schade, daß ich das nicht an der sachhlich richtigen Stelle in Deinem Blog kommentieren kann.
Und wenn man zu diesem Appell im Netz recherchiert, stößt man sehr bald auf den Kommentar von dem pensionierten Vorsitzenden Richter Günter Bertram, in dem es weitergehend heißt:
"Der Appell von Blois ist 100 mal berechtigt!
Unser deutscher § 130 Strafgesetzbuch (Volksverhetzung) besaß Sinn und Legitimation, bis er 1994 mit der Pönalisierung der „Holocaustleugnung“ geschichtspädagogisch instrumentalisiert wurde. Das war zur Bekämpfung wirklicher antijüdischer Hetze unnötig, wie ich in einer Zuschrift an die FAZ vom 19. 08. 08 („Triftige Gründe“) skizziert hatte. Die nochmalige Ausweitung des Tatbestands durch Novelle vom Frühjahr 2005 raubt der Strafbestimmung jegliche Kontur (von mir dargelegt in der Neuen Juristischen Wochenschrift 2005, 1483: „Der Rechtsstaat und seine Volksverhetzungsnovelle“). Also müßte das deutsche Strafrecht (insoweit) dringlich zurückgeschnitten werden. Wenn nun aber – ganz im Gegenteil! – ein Rahmenbeschluß (dem m.E. jegliche europarechtliche Ermächtigungsgrundlage fehlt: wo wäre die denn??!) die verfehlte deutsche Bestimmung noch einmal ausweiten und europaweit okroyieren will, ist Protest und noch einmal Protest das Gebot der Stunde."
Protest und noch einmal Protest ist das Gebot der Stunde - und zwar durchaus auch nach meiner Meinung.
Tausend Dank für den Link! Ich werde mir die Artikel von Timothy Garton Ash und Günter Bertram heute abend gleich einmal näher ansehen.
Ich habe die Diskussion zu dem "unaussprechlichen" Thema selbst abgebrochen. So wie mit den Ewiggestrigen nicht zu reden ist, so ist leider auch mit den Bedenkenträgern nicht zu reden. Ich werde das Thema aber in nicht allzu ferner Zukunft noch einmal an einem anderen Ort aufgreifen.
Übermensch:
"Ich selbst habe Nietzsche immer so verstanden, dass er mit dem Übermenschen lediglich einen Menschen meint, der vor der Nichtigkeit des Daseins nicht zusammenbricht, dem der Tod Gottes nichts anhaben kann und der dem Leben am Rande des Universums dennoch einen Sinn zu verleihen vermag."
Das haben Sie schön geschrieben, doch ich denke, daß Nietzsche unmißverständlich eine neue Art meint.
Depression:
"Offenbar gibt es ja auch in der Diskussion um die Ursachen der Depression keinerlei Einigkeit. Ist sie eine Reaktion auf unerträgliche äußere Umstände? Ist sie eine umgeleitete und gegen das eigene Ich gekehrte Aggression? Oder ist sie nur ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn?"
Es mag ein chemisches Ungleichgewicht im Hirn vorliegen. Doch was ist hier Ursache, was Wirkung? Da ich nun einmal Idealist bin, so sehe ich die Depression als Ursache, das chemische Ungleichgewicht als Wirkung an. Große innere Veränderungen, die anstehen, aber aus Angst verdrängt werden, führen in die Depressionen. Und hier schließt sich der Kreis zur negativen vs. positiven Freiheit. Die Frage ist nicht, woher wir kommen, sondern wohin wir gehen! Die Frage ist nicht, ob wir einen "Gott" fürwahr halten, sondern, ob wir vertrauen können, das Vertrauen eines Kindes, wenn es das Laufen lernt.
Sorry, you just lost me again!
"Sorry, you just lost me again!"
Geht mir auch so mit mir. Manchmal stehe ich vor dem Spiegel, schaue mir ins Gesicht und sage: Hilsipilsi, du redest ein Zeuch daher, das versteht kein Mensch.
Auch die Glücksforschung hat inzwischen entdeckt, dass wir uns mit „Positive Illusions“ tragen und über einen „Positive Cognitive Bias“ verfügen. Das heißt, ein jeder von uns verfügt über einen psychologischen Mechanismus zum Selbstschutz, einen „Puffer gegen die Realität“, der es uns erlaubt, uns subjektiv glücklicher zu fühlen als wir objektiv Ursache haben.
Wie weithin bekannt, neigen wir dazu, uns in die eigene Tasche zu lügen. So glauben bekanntlich 85 Prozent aller Männer, ein überdurchschnittlich guter Autofahrer oder ein überdurchschnittlich guter Liebhaber zu sein. Wie dies mathematisch gehen soll, ficht sie dabei nicht an. Es muss sie auch nicht anfechten, weil sich ihre Überschätzung auf Qualitäten bezieht, die sich nur schwer falsifizieren lassen. Ganz ähnlich ist es offenbar mit den Lebenslügen, die uns helfen, unser subjektives Wohlbefinden konstant auf einem möglichst hohem Level zu halten. So weiß man inzwischen, dass sich nahezu alle Menschen für „besser als alle anderen“ halten. Ihre Überschätzung bezieht sich dabei aber natürlich wieder nicht auf überprüfbare Qualitäten wie etwa ein hervorragender Physiker, Goldschmied oder Schachspieler zu sein, sondern schlicht und einfach darauf, irgendwie glücklicher, zufriedener, freundlicher oder interessanter zu sein.
die Leidenschft oder das Talent, das dem Leben Sinn verleiht,triffst ziemlich genau,ohne wird alles ziemlich sinnlos.Bloß glaub ich, dass viele Menschen, so wie ich mit vielen kleinen Leidenschaften oder Talenten vorlieb nehmen müssen, auch das geht und wenn zwischendurch die Sinn- und Bedeutungslosigkeit unseres Daseins durchbricht, auch nicht so schlimm, ist vielleich ganz gut, sich dessen ab und zu auch bewußtzu werden