SciLogs International .eu.be.es.de
scilogs Libertarian spektrum.de

Fruchtloser Glaube

von Edgar Dahl, 14. April 2009, 01:59

In der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins FOCUS findet sich unter dem Titel „Fruchtbarer Glaube“ eine ausgezeichnete Besprechung von Michael Blumes und Rüdiger Vaas’ Buch „Gott, Gene und Gehirn: Warum Glaube nützt“. Die beiden Autoren haben die wohlwollende Rezension mehr als verdient. Denn es ist ihnen gelungen, einen wunderbaren Überblick zur Evolution der Religiosität zu geben. Zudem ist ihr Buch sehr einfach und sehr anschaulich geschrieben. 
 
Obgleich ich dem Buch eine große Verbreitung wünsche, möchte ich an dieser Stelle doch einige kritische Anmerkungen machen. In meinen Augen überschätzen die Autoren die Rolle der Religiosität! Gewiss, genau wie die Musikalität, so ist auch die Religiosität universal. Und: Genau wie die Musikalität, so ist auch die Religiosität genetisch verankert. Mit anderen Worten: Wir kommen fraglos alle mit einer gewissen Disposition zur Religiosität zur Welt. 
 
Dennoch: Wie bei der Musikalität, so ist es auch bei der Religiosität mehr als zweifelhaft, dass sie ein direktes Produkt der natürlichen Selektion darstellt. Vieles spricht dafür, dass sowohl die Musikalität als auch die Religiosität bloße Epiphänomene unseres kognitiven Apparates sind – biologische Nebenprodukte, die mit der Evolution des präfrontalen Cortex einhergegangen sind. 
 
Während Richard Dawkins und Pascal Boyer die Religiosität als ein bloßes Epiphänomen betrachten, behaupten Michael Blume und Rüdiger Vaas, dass die Religiosität eine echte Adaptation sei. Um die Adaptivität der Religiosität unter Beweis zu stellen, verweisen sie auf demographische Untersuchungen, die zeigen, dass religiöse Menschen nachweislich mehr Nachkommen hinterlassen als areligiöse. 
 
Obwohl ich an der Richtigkeit der religionsdemographischen Befunde in keiner Weise zweifle, beweisen sie in meinen Augen doch bei weitem nicht, was sie beweisen sollen. Warum? Ich will das an einem Beispiel aus dem Buch der Autoren erklären. Darin berichten sie unter anderem über die Sekten der Shaker und der Amish. Während die Gemeinden der Amish blühen, sterben die Gemeinden der Shaker aus. 
 
Nach der Logik des Buches von Blume und Vaas sollte dies daran liegen, dass die Shaker einfach weniger religiös sind als die Amish. Sind sie aber mit Sicherheit nicht. Die Shaker sind mindestens genauso fromm wie die Amish. Der wahre Unterschied zwischen den beiden Sekten besteht nicht in ihrer unterschiedlichen Religiosität, sondern in ihrer unterschiedlichen Moralität. Während die Amish dem Gebot „Seid fruchtbar und mehret euch!“ folgen, gehorchen die Shaker dem Gebot der Enthaltsamkeit. 
 
Es ist also nicht die Religiosität, sondern die Moralität – insbesondere die Sexualethik einer Religion – , die darüber entscheidet, ob sich ihre Anhänger erfolgreich fortpflanzen oder nicht. Zwischen der Moralität und der Religiosität liegen jedoch Welten. Anders als viele Menschen meinen, ist die Religiosität keineswegs die Grundlage der Moralität. Phylogenetisch betrachtet, dürfte es moralische Normen bereits lange vor religiösen Dogmen gegeben haben. 

Meine zweite kritische Anmerkung betrifft die Gleichsetzung der Fertilität und der Adaptvität einer Religion. Auf der Grundlage einer Volkszählung aus dem Jahr 2000 pflanzen sich in der Schweiz die Hindus am erfolgreichsten fort, gefolgt von den Muslimen, den Juden, den Buddhisten, den Katholiken und den Protestanten. Die Konfessionslosen bilden dagegen das Schlusslicht.

Was wollen uns die Autoren damit sagen? Dass der Hinduismus „adaptiver“ als der Katholizismus sei? Doch Religionen sind nicht adaptiv! Wenn die Anhänger verschiedener Religionen unterschiedlich viele Kinder zeugen, liegt dies nicht an den Dogmen ihrer Religion, wie etwa der Reinkarnation, der Transsubstantiation oder der Trinität, sondern an der Sexualethik ihrer Religion – an ihrer Einstellung zu Ehe, Familie, Kinder, Scheidung, Abtreibung und Verhütung. 
 
Wäre die Religion nicht ein Produkt der kulturellen Evolution, sondern ein Produkt der natürlichen Selektion sollten die Konfessionslosen, Agnostiker, Skeptiker und Atheisten längst am Aussterben sein. Schließlich zeugen sie weit weniger Kinder. Wir brauchen uns jedoch in Europa nur umzusehen, um zu entdecken, dass das genaue Gegenteil der Fall ist. Trotz ihrer reproduktiven Zurückhaltung sind die Ungläubigen in ganz Westeuropa auf dem Vormarsch.

Wie kommt das? Um noch einmal den Vergleich zwischen Religiosität und Musikalität zu bemühen: Auch wenn sich die Musiker von Heavy Metal Bands erfolgreicher fortpflanzen sollten als die von Rhythm and Blues Bands – es ist die kulturelle, nicht die natürliche Selektion, die über den „differentiellen Reproduktionserfolg“ dieser beiden Musikrichtungen entscheidet.  
 
Meine dritte und letzte kritische Anmerkung betrifft die von Michael Blume und Rüdiger Vaas angestellte Vermutung, dass die Religiosität möglicherweise auch ein Produkt der sexuellen Selektion sein könne. Was soll das bedeuten? Das soll bedeuten, dass sich die Religiosität im Laufe der Evolution vielleicht deshalb ausgebreitet hat, weil Frauen religiösen Männern gegenüber areligiösen Männern sexuell den Vorzug gegeben haben.  
 
So wird in der Rezension des FOCUS denn beispielsweise auch kurz auf die berühmte „Gretchenfrage“ angespielt. Im „Faust“ lässt Goethe das Gretchen fragen: „Nun sag, wie hast du es mit der Religion?“, und Mephistopheles kommentiert: „Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“  
 
Dass die Religiosität ein Produkt der sexuellen Selektion sein könnte, ist ein ebenso interessanter wie charmanter Gedanke. Doch ist es wirklich plausibel anzunehmen, dass der evangelische Bischof Huber auch nur annähernd so attraktiv auf Frauen wirkt wie der agnostische Schauspieler George Clooney? 
 
Glücklicherweise müssen wir uns hier nicht mit bloßen Spekulationen begnügen. Der Psychologe David M. Buss von der University of Texas at Austin hat im Jahre 1989 über 10.000 Männer und Frauen aus 37 verschiedenen Kulturen nach ihren Partnerwahlkriterien befragt. Während „freundlich“, „attraktiv“ und „intelligent“ auf der Wunschliste ganz oben standen, befanden sich „fromm“, „keusch“ und „religiös“ am Ende der Liste.



Ähnliche Artikel:

antworten

Artikel kommentieren
 authimage
 Bei neuen Kommentaren per E-mail benachrichtigen.

Kommentare

Artikel kommentieren
szmtag