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Andere Länder, andere Sitten?

von Edgar Dahl, 17. Dezember 2009, 00:27

Im Parlament von Uganda wird derzeit das „Anti-Homosexualitäts-Gesetz 2009“ debattiert. Dieses Gesetz sieht vor, Lesben und Schwule mit der Todesstrafe zu bedrohen. Der ugandische Minister für Ethik, James Nsabo Butoro, erklärt die Forderung, Homosexuelle hinzurichten, damit, dass ihr Verhalten „gegen Gottes Willen verstoße“. Der gesellschaftliche Schaden, den Homosexuelle anrichten, sei derart groß, dass man sich sogar mit dem Gedanken trage, selbst Heterosexuelle ins Gefängnis zu werfen, wenn sie es verabsäumen, Schwule und Lesben bei den zuständigen Behörden anzuzeigen.

Ich will hier nicht schon wieder meine sattsam bekannte Hymne auf den segensreichen Einfluss der Religion und die moralischen Tugenden der Kirche anstimmen. Schließlich wissen wir alle, dass der Katholizismus eine Kraft zur Beförderung des Guten in der Welt ist. Zum Beweis siehe hier:



Die Vorgänge in Uganda erinnern mich vielmehr an meine Studienzeit. Neben Philosophie und Anthropologie habe ich Ende der 80er Jahre in Göttingen auch Ethnologie studiert. Ich entsinne mich noch gut der Schar von nach Patschuli duftenden Weltverbesserern, die sich einem von Gandhi inspirierten Pazifismus verschrieben hatten, aber nahezu jedem am Schlafittchen packten, der es wagte, die Kultur der Inuit, Eipo oder Yanomami als „primitiv“, „roh“ oder „rückständig“ zu bezeichnen.



„Kulturrelativismus“ war das gängige Schlagwort. Die Sitten anderer Kulturen zu kritisieren galt als ein Zeichen von „imperialistisch getriebenem Eurozentrismus“. Jede Kultur sei so gut wie eine andere. Und fremde Sitten zu kritisieren sei der Gipfel moralischer Anmaßung.



Ich hatte mich schon damals gewundert, wie diese Leute ihre relativistische Behauptung, wonach eine Kultur so gut wie jede andere sei, mit ihrer absolutistischen Forderung vereinbaren, dass niemand das Recht habe, die Sitten anderer Kulturen zu kritisieren.

Wenn ich das unstillbare Verlangen, gelyncht zu werden, verspürt hätte, hätte ich zu fragen gewagt, was sie Adolf Eichmann antworten würden, wenn er behauptete, das Juden zu vergasen nun einmal eine deutsche Sitte sei, die zu kritisieren, sich niemand anmaßen dürfe.



Ich denke, es ist höchste Zeit, bestimmten kulturellen Praktiken und theologischen Dogmen endlich den Denkmalschutz zu entziehen, unter dem sie stehen.





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Kommentare

  1. marco jansen Vielen Dank
    17.12.2009, 09:28

    Ja, vielen Dank erst mal für den Hinweis auf diese großartige Sendung der BBC. War mir bisher nicht bekannt. Das Format ist unterhaltsam und kontrovers - ich werde die Archive auf der Seite von intelligencesquared.com durchforsten.

    Was mich tief bewegt hat, war hier von dieser Gesetzgebung in Uganda zu lesen, von der ich bisher nichts wusste, und dann im Vortrag von Stephen Frey von dessen Liebe und Engagement zu eben jenem Land zu hören.

  2. Edgar Dahl Marco Jansen
    17.12.2009, 11:59

    Vielen Dank! Ich bin beruhigt zu hören, dass die Verbindung zwischen dem Text und den Videos doch nicht als so willkürlich empunden wird, wie ich zunächst befürchtet hatte.

    Es gibt eine weitere Intelligence-Square-Debate mit Richard Dawkins und A. C. Grayling zu dem Thema, ob der neue Atheismus der neue Fundamentalismus sei. Ich kann gerne mal den Link heraussuchen.

  3. Sören Schewe *kopfschüttel*
    17.12.2009, 16:50

    "Wenn ich das unstillbare Verlangen, gelyncht zu werden, verspürt hätte, hätte ich zu fragen gewagt, was sie Adolf Eichmann antworten würden, wenn er behauptete, das Juden zu vergasen nun einmal eine deutsche Sitte sei, die zu kritisieren, sich niemand anmaßen dürfe."

    Dieser Abschnitt ist genauso genial wie erschreckend, da er eigentlich genau das reflektiert, was ich über solche Ideen wie das oben beschriebene Gesetz denke.

    Außerdem fallen mir da noch die hellhäutigen Schwarzen - auch Albinos genannt - ein, die gejagt und umgebracht werden, weil ihren Körperteile irgendwie Glück versprechen.

  4. Balanus Grundsätzlich
    17.12.2009, 19:09

    sollte es schon so sein, dass ein Ethnologe kein moralisches Urteil fällt („primitiv“, „roh“, „rückständig“) über die Sitten und Gebräuche der untersuchten Völker.

    Da lag die "Schar von nach Patschuli duftenden Weltverbesserern" völlig richtig, wenn sie solche unwissenschaftlichen Werturteile ablehnten.

  5. Edgar Dahl @ - Balanus: Jenseits von Gut und Böse
    17.12.2009, 21:39

    In seiner Eigenschaft als Wissenschaftler ist ein Ethnologe natürlich dazu verpflichtet, rein deskriptiv zu bleiben und sich jedes präskriptiven Urteils zu enthalten. Das heißt aber nicht, dass er als Privatperson, neutral bleiben muss - geschweige denn, dass ANDERE Menschen kein Recht hätten, sich ein Urteil über die Sitten und Bräuche anderer Völker zu bilden.

  6. Edgar Dahl @ - Sören: Albinos
    17.12.2009, 21:44

    Das mit den Albinos ist mir neu! Weisst Du zufällig Näheres?

  7. Sören Schewe kein Betreff
    17.12.2009, 22:35

    Ich weiß dazu auch nur das, was ich immer mal wieder in den Medien aufschnappe. Hier ist mal ein Artikel, der recht erklärt, was es mit den Albinos auf sich hat:

    http://www.faz.net/...E~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  8. Jürgen Bolt Patschuli
    18.12.2009, 09:51

    Balanus Kritik scheint mir berechtigt, und ich möchte noch hinzufügen, daß auch die von ihm kritisierten Attribute unangemessen sind. Sie unterstellen eine kulturelle Teleologie, die von primitiven Gesellschaften zu den freien westlichen Zivilisationen führt. Aber, wie Popper im Schlußkapitel seiner 'Offenen Gesellschaft' ausführt: "Die Weltgeschichte hat keinen Sinn".

    Dennoch möchte ich Edgar Dahl zustimmen, wenn er sich, wie auch Popper, gegen kulturellen Relativismus ausspricht. Menschenrechte sind zwar kein Ziel kultureller Entwicklung, gelten aber für alle Menschen in allen Kulturen. Das hat ja gerade auch Obama in seiner Rede zum Empfang des Friedensnobelpreises betont. Ich halte es für fatal, diesen Anspruch als wstliche Arroganz zu diskreditieren. Einige Opfer von Menschenrechtsverstößen wurden ja in Edgar Dahls post und den Kommentaren erwähnt: Frauen, Homosexuelle, HIV-Infizierte, Albinos. Vielleicht sollte ich noch Angehörige von Religionsgemeinschaften hinzufügen, z.B. Christen in vielen islamischen oder kommunistischen Ländern, denen das Recht auf freie Religionsausübung verwehrt wird.

    Ich glaube, wir haben die Pflicht, Kulturen zu kritisieren, in denen solche Verstöße legitimiert werden. Und das muß unsere eigene Kultur einschließen. Auch in der katholischen Kirche gibt es keine Gleichberechtigung von Mann und Frau oder Homo- und Heterosexuellen, es gibt eine Polemik gegen den Gebrauch von Kondomen, obwohl sie der beste Schutz vor einer HIV-Infektion sind. Das muß kritisiert werden, und Stephen Fry (den ich bisher nur als Rezitator von Harry Potter Audiobooks kannte und schätzte) hat das in den eingebetteten Videos ja auch eloquent getan.

  9. Edgar Dahl Jürgen Bolt: Kulturelle Teleologie
    19.12.2009, 16:19

    Stimmt, es gibt keine "kulturelle Teleologie". Der Punkt, auf den ich aufmerksam machen wollte, war aber der Selbstwiderspruch, in den sich kulturelle Relativisten verstricken, wenn sie sich einerseits jede normative Kritik verbieten, sich dabei aber selbst einer normativen Forderung bedienen: "Niemand hat das Recht, andere Kulturen zu kritisieren!"

  10. Edgar Dahl Vom Lob des Tadels
    19.12.2009, 16:44

    Natürlich verstehen wir alle die "gute Absicht", die hinter der Forderung der kulturellen Relativisten steht. Viel zu lange haben Europäer jede fremde Sitte allein auf der Grundlage ihrer eigenen Vorurteile verteufelt. Für das viktorianische England waren insbesondere die nackten Brüste der Balinesinnen, die "Vielmännerei" der Nepalesinnen oder die "Vielweiberei der Muselmänner" ein Stein des Anstoßes.

    Man darf nur eben das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Es gibt durchaus Möglichkeiten, zwischen gerechtfertigter und ungerechtfertigter Kritik an fremden Sitten zu unterscheiden. So kann man beispielsweise problemlos zwischen der Polyandrie der Nepalesen und den Menschenopfer der Maya unterscheiden.

  11. Jürgen Bolt @Edgar Dahl: Selbstwiderspruch
    20.12.2009, 18:31

    Das habe ich auch so verstanden und ich gebe Ihnen recht.

    Dieses Argument, daß ein Anhänger des Relativismus Andersdenkende konsequenterweise nicht kritisieren könne, hatte Gadamer bereits gegen Derrida vorgebracht. Während meines (abgebrochenen) Philosophiestudiums wurde es allerdings von einem meiner Professoren, Josef Simon, widerlegt, und ich habe heute morgen beim Joggen eineinhalb Stunden versucht, mich an seine Begründung zu erinnern, leider ohne Erfolg. Wahrscheinlich war sie falsch.

  12. John D. Albinos @Edgar Dahl
    22.12.2009, 16:10

    Hallo Herr Dahl,

    hier erfahren Sie näheres zu dem ergreifenden Schicksal der Albinos in Tansania.

    http://www.spiegel.de/...aft/0,1518,667068,00.html

    Es ist für mich eines der eindrucksvollsten und anschaulichsten Beispiele dafür, warum Aufklärung und Wissenschaft insgesamt das Los der Menschen gegenüber vor-aufklärerischen Zeiten - mit all ihren Mythen und Aberglauben - doch verbessert haben.

  13. Edgar Dahl @ - Sören: Ethik des Glaubens
    25.12.2009, 12:45

    Lieber Sören, vielen Dank für den Link zu dem FAZ-Artikel. Das erinnert mich daran, dass ich mal einen Blog-Eintrag zur "Ethik des Glaubens" machen sollte. Meines Erachtens sollten wir Menschen nämlich auch für die Überzeugungen verantwortlich machen, auf deren Grundlage sie handeln. In meinen Augen ist es unverantwortlich, seine Handlungen auf Annahmen zu stützen, die man unbesehen und ohne jede Prüfung der Evidenz angenommen hat.

  14. Edgar Dahl @ - Jürgen Bolt: Selbstwiderspruch
    25.12.2009, 13:03

    Stimmt. Es gibt Formen des Relativismus, die sich keines Selbstwiderspruchs schuldig machen, wie beispielsweise der metaethische Relativismus. Insofern ich es bestreiten würde, dass es "absolut" geltende Normen in der Ethik gibt, bin ich selbst ein Relativist.

  15. Edgar Dahl @ - John D: Wider die Irrationalität
    25.12.2009, 13:21

    Ganz herzlichen Dank für den Link zum Spiegel-Artikel. Ich stimme selbstverständlich vollkommen zu, dass Wissenschaft und Aufklärung das Los der Menschheit verbessert haben. Nicht die Religion, sondern die Irrationalität (die freilich viele Religionen einschließt), ist das entscheidende Problem. Siehe z.B. hier: http://www.youtube.com/...B238A3639AD5&index=0

  16. Martin Schmidt wider die Rationalität
    03.01.2010, 11:33

    "Nicht die Religion, sondern die Irrationalität (die freilich viele Religionen einschließt), ist das entscheidende Problem"

    Ich habe nie verstanden wie man die Hypothese über die Beschaffenheit der Welt die einem die Religionen anbieten ernst nehmen kann, wenn sie so kläglich an der täglich erfahrbaren Realität scheitert.

    Danke für den Link von Dawkins

  17. Michael Blume Verlinkt
    04.01.2010, 21:24

    Hallo Edgar,

    ich habe Deinen Beitrag gerade in einem Beitrag zu Religionen - Konflikte verlinkt und getrackbacket, weil ich die Kritik gut und richtig fand.

    Andererseits aber frage ich mich, ob wir hier einmal von Dir Überlegungen auch zu den Verbrechen im Namen atheistischer Ideologien lesen werden - dem Terreur der franz. Revolution, den Massenmorden von Stalin, der Kulturrevolution in China, dem freiheitlichen Humanismus der DDR, der nordkoreanischen Diktatur, den Morden der RAF usw. usf. Auch die von Dir hier im Beitrag erwähnten "Kulturrelativisten" waren nun einmal keine fromme Christen, lieber Edgar - die fanden vielmehr die Kirchen auch so bäh wie Du und hielten es lieber mit dem atheistischen Sozialismus, libertären Experimenten usw...

    Also: Wäre Deine Kritik nicht etwas philosophisch glaubwürdiger, wenn Du auch hin und wieder die "eigenen Leute" (die Religionskritiker und deren Ideologien und Regime) im Visier hättest? Ist doch seltsam: Nirgendwo, wo man die Religionen unterdrückt hat, hat sich das aufgeklärte Paradies eingestellt - meist im Gegenteil...

    Beste Grüße für ein fröhliches 2010!

  18. Uwe Lehnert @Blume
    05.01.2010, 00:42

    Hier wird wohl etwas kurzschlüssig argumentiert. Wenn jemand Religionen ablehnt oder den herkömmlichen Gottesglauben verwirft, dann mag man ihn einen Atheisten nennen. Ein besserer Mensch ist er in der Tat damit nicht automatisch. Ich behaupte allerdings, dass er im Gegensatz zu den Anhängern praktisch aller Religionen die besseren Voraussetzungen mitbringt, den Idealen der Aufklärung und des Humanismus folgen zu können und damit den Menschenrechten Geltung zu verschaffen. Und zwar deswegen, weil ihm kein Prophet und kein heiliges Buch vorschreibt, den Un- und Andersgläubigen zu verfolgen und zu töten. Man schaue in die Bibel, zum Beispiel Lukas 19, Vers 24! Dort fordert Jesus wörtlich dazu auf, jene vor seinen Augen zu erwürgen, die ihn und seinen Glauben nicht anerkennen. Und im Koran wird immer wieder betont, dass Allah die Ungläubigen hasst und dass es die heilige Pflicht eines Muslim sei, die Rache Gottes an den Ungläubigen zu vollziehen. Siehe zum Beispiel Sure 8, 15-16; Sure 8, 55 oder Sure 9, 81 ff! Ich kenne keinen Humanisten oder Atheisten, der in seinem ''Credo'' solche barbarischen Forderungen aufstellt.

    Was soll die Erwähnung Hitlers? Hitler war Katholik, beschwor immer wieder die göttliche Vorsehung und fühlte sich als Vollstrecker ewig gültiger Gesetze. Auf dem Gürtelschloss der Soldaten der Wehrmacht stand "Mit Gott". Hitler ließ Atheisten und Freidenker verfolgen! Hitler wurde übrigens nie exkommuniziert, was ja wohl bei der ihm immer wieder unterstellten Gottlosigkeit nahe gelegen hätte. Die offizielle Kirche, sowohl die katholische wie die evangelische, hofierte ihn in ihrer Mehrheit bis zum Ende seiner Tage. Stalin, Mao, Kim-Il-Sung und wie sie alle heißen, waren bzw. sind ebenfalls Religionsführer. Sie waren bzw. sind Repräsentanten politisch-religiöser Glaubenssysteme mit "Propheten", heiligen Schriften und unantastbaren Wahrheiten. Sie verfügten und verfügen über eine Hierarchie von "Priestern", die mit Gewalt und ohne Gnade die jeweils einzig gültige Glaubenslehre durchzusetzen verstanden. Humanistische und atheistische Weltanschauung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie keine Propheten kennt, kein heiliges Buch verehrt und keine ewigen Wahrheiten verkündet. Sie setzt vor allem auf die – so oft geschmähte – Vernunft.

    Die Geschichte beweist, weder mit Gott noch ohne Gott sind politische Systeme von sich aus moralisch.

  19. Uwe Lehnert @Blume
    05.01.2010, 08:11

    'tschuldigung, Herr Blume, Hitler hatten Sie gar nicht erwähnt. Ich habe das mit einer Blogdiskussion verwechselt, an der ich parallel teilnehme. Dennoch fügt sich die Gestalt Hitlers nahtlos in die Reihe jener von Ihnen genannten Gewaltmenschen ein, die angeblich oder tatsächlich atheistisch eingestellt waren bzw. sind.

  20. Michael Blume @ Uwe Lehnert
    05.01.2010, 09:53

    Vielen Dank für Ihre Kommentare und die Klarstellung zum Hitler-Reflex. In der Tat hatte in seinem obigen Beitrag bisher nur Edgar Dahl einen NS-Bezug eingebracht, um "Kulturrelativisten" zu kritisieren (die übrigens ebenfalls überwiegend nichtreligiös waren und sind - aber das vergaß er zu erwähnen)... Seltsam, dass dieser NS-Vergleich hier keinen gejuckt hat...

    Sie schreiben: Ich behaupte allerdings, dass er im Gegensatz zu den Anhängern praktisch aller Religionen die besseren Voraussetzungen mitbringt, den Idealen der Aufklärung und des Humanismus folgen zu können und damit den Menschenrechten Geltung zu verschaffen.

    Das ist eine interessante These! Können Sie mir dann nicht einfach erklären, warum bislang keine einzige Gesellschaft auf Dauer ohne Religion(en) ausgekommen wäre? Und warum so viele Bewegungen und Regime, die sich auf "die Ideale der Aufklärung und des Humanismus" berufen haben, so furchtbar entglitten sind? Warum dagegen in den meisten demokratischen Parlamenten auch heute Angehörige von Religionsgemeinschaften überwiegen (im Gegensatz zu den häufiger konfessionslosen Vertretern extremer Parteien auf der Linken und Rechten)?

    Das ist doch eine wirklich empirische Frage, oder!? Und aufgeklärte, wissenschaftlich gebildete Menschen sollten doch in der Lage sein, nicht nur Andersdenkende strengster Kritik und Überprüfung zu unterziehen, sondern auch die eigenen Annahmen. Nicht wahr?

    Stalin, Mao, Kim-Il-Sung und wie sie alle heißen, waren bzw. sind ebenfalls Religionsführer. Sie waren bzw. sind Repräsentanten politisch-religiöser Glaubenssysteme mit "Propheten", heiligen Schriften und unantastbaren Wahrheiten.

    Interessant. Also, wenn böse = religiös, wenn gut = atheistisch. Der Stasi-Apparat, der sich (auch) auf den "wissenschaftlichen Humanismus" berief und schließlich maßgeblich auch aus den bedrängten Kirchen heraus überwunden wurde, wird also schnell zum Gläubigen umettikettiert! Der Mao-Anhänger, der in der Kulturrevolution einen buddhistischen Tempel in Schutt und Asche legt, tat das gar nicht, weil er Religion verachtete, sondern weil er selbst (unbewusst) religiös war!? Wow, DAS nenne ich mal eine Selbst-Immunisierung gegen jede Rückfrage. Dann war also auch die RAF ein religiöser Verein??? Und wie ist es mit der Giordano-Bruno-Stiftung? Und mit dem Blog Libertarian? Immerhin sind sich hier doch auch ganz viele einig, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, gerade in diesem Blogpost wird der Anspruch auf höhere, nicht relativierbare Wahrheit erhoben und interessanterweise werden stets auch nur die Überzeugungen anderer aufs Korn genommen. Mir wird zumindest sehr deutlich, welche "Freiheit" Andersdenkende noch zu erwarten hätten, wenn das hier deutscher Mainsream würde...

    Sollte ich hier also mitten unter Religiösen gelandet sein? Übt Edgar Dahl für das Prophetenamt? Da es hier ja fast ausschließlich um philosophische Religionskritik geht, müsste doch eine überzeugende Definition von Religion(en) verfügbar sein?

  21. Uwe Lehnert @Blume
    05.01.2010, 12:12

    "Können Sie mir dann nicht einfach erklären, warum bislang keine einzige Gesellschaft auf Dauer ohne Religion(en) ausgekommen wäre? Und warum so viele Bewegungen und Regime, die sich auf "die Ideale der Aufklärung und des Humanismus" berufen haben, so furchtbar entglitten sind?"

    Weil religiöse Systeme aller Art, auch solche, die nur vorgeben, solche zu sein, vor allem an die irrationale Seite der Menschen appellieren und dort unter weitgehender Ausschaltung der Vernunft, Menschen zu manipulieren trachten. Es ist hier jetzt nicht der Platz, um das tiefenpsychologisch näher erläutern zu können. Entscheidend scheint mir aber zu sein, dass es religiösen System immer wieder gelingt, die steuernde und reflektierende Rolle der Vernunft außer Kraft zu setzen. Deshalb mein tiefes Misstrauen jedweder Form von Glauben gegenüber. Logischerweise verlangt Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede 2006, dass der "Begriff der Vernunft aus seiner Selbstbeschränkung und Verengung durch Naturwissenschaft und Technik befreit werden müsse". (Mehr dazu in meinem Buch: Warum ich kein Christ sein will, 3. Auflage, S. 278)

    "Interessant. Also, wenn böse = religiös, wenn gut = atheistisch."

    Gerade diese Gleichsetzung habe ich doch in Abrede gestellt! Weder der Theist noch der Atheist ist zunächst mal der bessere Mensch, erst der kritische Gebrauch der Vernunft und der soweit wie möglich vorurteilslose Dialog eröffnet die Chance zur Entwicklung einer Gesellschaft mit mehr Menschlichkeit. Vernunftgebrauch im gesellschaftlichen Miteinander kann weder der Kirche über die Jahrtausende zuerkannt werden noch dem "Mao-Anhänger, der in der Kulturrevolution einen buddhistischen Tempel in Schutt und Asche legt". (Was übrigens die hochreligiösen Taliban ebenfalls fertig brachten!) Wer behauptet, im Besitz der Wahrheit zu sein, hat bekanntlich keinerlei Hemmung, im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen zu gehen. Bitte, lieber Herr Blume, nehmen Sie doch zur Kenntnis, dass Humanisten, wie sie z.B. in der Giordano-Bruno-Stiftung versammelt sind, nachweislich eben nicht behaupten, die endgültige Wahrheit gepachtet zu haben, sondern immer offen sind für neue Einsichten und daher auch immer bereit sind, sich neuen Erkenntnissen zu stellen. Erst aus dieser Grundeinsicht, dass wir in weiten Bereichen nur über vorläufiges und unvollständiges Wissen verfügen, begründet sich Toleranz gegenüber anderen Auffassungen. Toleranz ist jedoch eine gesellschaftliche Tugend, die praktisch keinem religiösen oder quasi-religiösen System attestiert werden kann.

    Dass Toleranz gegenüber Nicht-Toleranz an ihre Grenzen stößt, steht auf einem anderen Blatt und wirft schwierige philosophische Fragen auf. Ihre Beantwortung kann jedoch nur mit Mitteln der Vernunft in einem offenen Dialog erfolgen. Religiöse Systeme scheiden als Antwortgeber hier quasi per definitionem aus. Wir wären damit wieder am Ausgangspunkt dieser von Edgar Dahl angestoßenen Diskussion.

  22. Michael Blume @ Lehnert
    05.01.2010, 19:41

    Bitte, lieber Herr Blume, nehmen Sie doch zur Kenntnis, dass Humanisten, wie sie z.B. in der Giordano-Bruno-Stiftung versammelt sind, nachweislich eben nicht behaupten, die endgültige Wahrheit gepachtet zu haben, sondern immer offen sind für neue Einsichten und daher auch immer bereit sind, sich neuen Erkenntnissen zu stellen.

    Da rennen Sie bei mir ganz offene Türen ein, die Giordano-Bruno-Stiftung habe ich ausdrücklich gegen Kritik in Schutz genommen:
    http://www.chronologs.de/...iordano-bruno-stiftung

    Zu den klugen Sachen, die MSS eben auch sagte, gehört, dass es eben auch eine "Kriminalgeschichte des Atheismus" gebe, mit der sich der aufgeklärte Humanist ebenfalls befassen solle.

    Und nichts anderes habe ich hier bei Libertarian angefragt! Es ist doch auffällig, dass es hier religionskritische Posts im Dutzend gibt, aber Selbsthinterfragung atheistischer Geschichte nicht stattfindet.

    Sagen wir mal so: Wann immer ich auf Leute treffe, die über die eigene (religiöse oder weltanschauliche) Gruppe nur Gutes und über Andersdenkende nur Schlechtes zu sagen wissen, werde ich zurückhaltend - und frage nach. Die Antworten, die ich bislang erhalten habe und die sich eigentlich nur auf einer Abwehr der Anfrage beschränkten, haben mich offen gesagt in meiner Skepsis eher bestärkt... Naja, interessant auch das...

  23. Uwe Lehnert @Blume
    05.01.2010, 23:33

    "Wann immer ich auf Leute treffe, die über die eigene (religiöse oder weltanschauliche) Gruppe nur Gutes und über Andersdenkende nur Schlechtes zu sagen wissen, werde ich zurückhaltend - und frage nach."

    Ich denke, dass wir in dieser Art Skepsis absolut übereinstimmen!

  24. Edgar Dahl Dank
    20.01.2010, 21:02

    Lieber Herr Lehnert, haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihre ausgezeichnete Verteidigung gegenüber den Vorwürfen von Michael Blume.

    Da Michael in meinen Augen einem weit verbreiteten Irrtum aufsitzt, lohnt es sich meines Erachtens, mit einem eigenen Blog-Beitrag zu antworten.

    Vielleicht lassen sich ja auf diese Weise einige der vielen Missverständnisse über den Atheismus ausräumen.

  25. Edgar Dahl @ - Michael Blume
    20.01.2010, 21:08

    Lieber Michael, vielen Dank für den Link! Dein Kommentar enthält allerdings so viele ungerechtfertigte Unterstellungen, dass ich es für das Beste halte, mit einem eigenen Blog-Beitrag zu antworten.

  26. Edgar Dahl @ - Michael: Nazi-Vergleich
    20.01.2010, 21:22

    Hier nur soviel: Anders als Du in Deinem Kommentar vom 5. Januar unterstellst, habe ich die Kulturrelativisten nicht mit den Nationalsozialisten verglichen. Ich habe mich lediglich des Beispiels der NS-Diktatur bedient, um die Absurdität des Kulturrelativismus aufzuzeigen.

  27. Peter kein Betreff
    26.03.2010, 14:00

    ... "Nicht die Religion, sondern die Irrationalität (die freilich viele Religionen einschließt), ist das entscheidende Problem..."

    Was ich als Geschichtsdeutung der Moderne und Postmoderne identifiziere.

    Stark verkürzt wird die kulturelle Entwicklung der Menschheit als die Transformation der mythisch - irrationalen zur rational - vernunftbestimmten Weltsicht gedeutet. Dabei wird, ziemlich salopp, Humanität als integraler Bestandteil der Rationalität dargestellt. Das halte ich für ein Missverständnis.

    Am Anfang der politischen Umwälzungen in Folge der französischen Revolution, welche unter dem Banner der Rationalität angetreten war, die Welt zu verändern, stand die Massenmobilisierung (levee en masse), die Idee des totalen Krieges, der Mobilisierung aller Kräfte eines Volkes, um den Krieg zu gewinnen. Das ist eine rationale Handlungsweise.

    Die Rationalität bedarf keiner Moral.

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