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Wir sind frei, denn alles ist vorherbestimmt

von Edgar Dahl, 26. März 2010, 22:41

Schluss mit der Religion und zurück zur Philosophie! Dank meines Gastes geht es ab heute um die Willensfreiheit. Andreas Müller verteidigt in seinem Beitrag eine Position, die sich nur schwer in die herkömmlichen Schubladen von Kompatibilismus und Inkompatibilismus stecken lässt. Doch lesen Sie selbst.

Andreas MuellerAndreas Müller ist Redakteur des Humanistischen Pressedienstes und Leitender Redakteur von darwin-jahr.de. Als Essayist und Kommentator ist er bekannt für seine spitze Feder. Seine als e-Book kostenlos erhältliche Harry-Potter-Parodie Terry Rotter und der Stein des Anstoßes gewann 2006 den Palm Paper Award als bester Roman. Erst kürzlich erschien sein Buch „Das Prometheus Trio“.

 

Wir sind frei, denn alles ist vorherbestimmt

Wir sind frei, weil Ursachen unsere Entscheidungen bestimmen. Und die libertarische Willensfreiheit würde zur Moral- und Gesetzlosigkeit führen. So lauten die beiden provokanten Thesen, die ich im Folgenden erörtern werde. Außerdem hoffe ich, mehr Klarheit in die Debatte über die Willensfreiheit bringen zu können.

Argumentationsfehler von Libertariern

Bücherregale mit ellenlangen Ausführungen wurden gefüllt mit Argumentationen, warum wir unbedingt an die libertarische Willensfreiheit glauben müssten. Wäre sie falsch, könnten wir angeblich niemanden mehr bestrafen, noch eine Ethik begründen. Tatsächlich trifft genau das auf den Libertarismus zu und nicht auf den Determinismus.

Der christliche Philosoph J.P. Moreland definiert in seinem Buch mit dem passenden Titel In Defense of Miracles: A Comprehensive Case for God's Action in History die libertarische Willensfreiheit wie folgt: „Hat man die Wahl, entweder A (die Hand heben und abstimmen) oder B (den Raum verlassen) zu tun, dann determiniert nichts, welche Wahl getroffen wird“ (137). Nichts, wohlgemerkt, auch nicht die eigenen Gründe der Person, bestimmt die Entscheidung. Es gibt also keinen Grund, warum wir entweder die Hand heben oder den Raum verlassen. Stattdessen wenden Agenten, so Moreland, ihre eigenen „kausalen Kräfte“ (137) an und entscheiden sich auf diese Weise für A oder B. Natur und Ursprung dieser „kausalen Kräfte“ erläutert Moreland nicht. „Wenn Agenten A gewollt haben, hätten sie auch B wollen können, ohne dass etwas innerhalb oder außerhalb ihres Wesens anders gewesen wäre“ (137-8), erfahren wir schließlich.

Das ist eine durchaus repräsentative Definition des Libertarismus, wie sie auch nicht-christliche Philosophen verwenden. Auf den Punkt gebraucht: Libertarier gehen davon aus, dass wir uns unter exakt identischen Bedingungen anders entscheiden könnten, als wir es tun. Wir selbst sind die unmittelbaren Ursachen unserer Entscheidungen und keine anderen Ursachen führen zu diesen Ursachen. Nun argumentiert Moreland allerdings, dass Personen ihre Entscheidungen „aufgrund irgendeines Grundes R“ treffen würden, wohl da die Ermangelnung eines Grundes jedweder Art für unsere Entscheidungen keine Meinungsfreiheit ermöglichen würde, wie sie irgendjemand anstreben könnte. Allerdings hat dieser Grund R, wie Moreland feststellt, nichts mit Wissen, Vernunft, Persönlichkeit, etc. der Person zu tun, welche die Entscheidung trifft, noch mit äußeren Einflüssen. Ein undefinierter Grund, der keinen Bezug hat zu unserer Person, ist jedoch ebenso wertlos wie gar kein Grund oder reiner Zufall, wenn man die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Taten begründen möchte.

Nehmen wir an, es gäbe zwei absolut identische Dimensionen und in beiden Dimensionen den gleichen Mann mit den gleichen Erfahrungen, einer identischen Persönlichkeit, identischen Interessen, etc., jeweils namens Frank. In einer Dimension raubt Frank eine Bank aus, in der anderen Dimension tut er das nicht. Ist der Libertarismus wahr, dann ist keiner der beiden Franks für seine Taten verantwortlich. Die Franks wissen nicht einmal, warum sie so gehandelt haben, wie sie es taten. Noch weiß dies irgendjemand sonst. Denn ihre jeweilige Entscheidung wurde durch etwas ausgelöst, was sich weder innerhalb noch außerhalb ihres Wesens befindet. Die Franks sind also nicht die Herren im eigenen Haus, denn ihre Entscheidungen werden von irgendeinem Grund R getroffen, der nichts mit ihnen und mit der Welt, in der sie leben, zu tun hat.

Wer könnte unseren Bankräuber Frank ruhigen Gewissens für seine Tat bestrafen? Und wozu? Schließlich hat Frank nicht die geringste Ahnung, warum er die Bank ausgeraubt hat. Er wollte das auch nicht, aber seine „kausale Kraft“, der ominöse „Grund R“, hat ihn dazu gezwungen. Wir könnten das Verhalten von Frank durch eine Strafe nicht verändern und niemanden vor ihm schützen. Wenn die Libertarier recht haben, dann könnte jeder Mensch jederzeit zum Bankräuber werden, oder zum Mörder, oder zum Tyrannen. Und keiner wüsste, wie es dazu kommt. Es würde einfach so passieren. Der Libertarismus führt also zur Gesetzlosigkeit, da Gesetze ihre Wirkung verlieren, wenn wir nicht mehr aufgrund von Gründen handeln. Aber nicht nur das: Ist der Libertarismus wahr, gibt es keine Grundlage mehr, auf derer wir eine Ethik gleich welcher Art begründen könnten. Menschen wären dann schließlich nicht in der Lage, ihr Verhalten selbst zu bestimmen und auch wenn ethische Argumente sie zu einem bestimmten Verhalten ermutigten, würden sie letztlich nicht aufgrund ihrer Überzeugung handeln, sondern ihr Verhalten würde ausgelöst von dem mysteriösen Grund R, von gar keinen Grund oder von der unerfindlichen „kausalen Kraft“.

Ist die Willensfreiheit eine Illusion?

Die Philosophin Dana Nelkin argumentiert in ihrem Essay The Sense of Freedom ebenfalls für die libertarische Willensfreiheit. Sie entwickelt ihr Argument auf Grundlage der Tatsachenbehauptung:

„Rationale Akteure haben aufgrund ihrer Natur als rationale Akteure einen Eindruck, dass sie frei sind.“ Ferner: „Diese Behauptung besitzt ein hohes Maß an intuitiver Plausibilität: Gerade, wenn wir rational überlegen, was wir tun sollen, wird uns mit der höchsten Wahrscheinlichkeit bewusst, dass wir uns als frei empfinden. Sogar Willensfreiheits-Skeptiker, die überzeugt sind, dass sie nicht frei sind, geben oftmals zu, ein Freiheitsgefühl zu empfinden, wenn sie darüber nachdenken, was sie tun sollen.“

Ich behaupte, dass dies falsch ist. Das zentrale Problem der Debatte über die Willensfreiheit ist die Terminologie. Die Libertarier meinen nämlich etwas mit „Willensfreiheit“, was kein normaler Mensch mit „Willensfreiheit“ meint. Das ist auch der Grund, warum sie selbst immer wieder vergessen, worüber sie sprechen. Erinnern wir uns an die Definition der libertarischen Willensfreiheit und übersetzen die Prämisse von Dana Nelkin entsprechend der Bedeutung des Libertarismus:

„Rationale Akteure haben aufgrund ihrer Natur als rationale Akteure einen Eindruck, dass sie ihre Entscheidungen nicht aufgrund wohlüberlegter Gründe treffen, sondern entweder auf Basis von irgendeinem Grund R, der nichts zu tun hat mit inneren und äußeren Ursachen wie den Wünschen der Akteure, oder wegen gar keinem Grund.“

Ich behaupte, dass kein geistig gesunder Mensch auf der Welt diesen Eindruck hat. Das Problem besteht darin, dass Nelkin offenbar vom kompatibilistischen Freiheitsbegriff ausgeht, ohne es zu bemerken. Was sie wahrscheinlich meint, ist:

„Rationale Akteure haben aufgrund ihrer Natur als rationale Akteure einen Eindruck, dass sie ihre Entscheidungen auf Grundlage ihrer eigenen Überlegungen treffen können.“

Das ist eine intersubjektiv nachvollziehbare Aussage. Und es ist eben das, was Deterministen sagen, denn die eigenen Überlegungen einer Person sind Ursachen, welcher ihrer Handlung vorausgehen und diese auslösen können. Unsere Fähigkeiten zur Rationalität, Selbstkontrolle und Selbstreflektion können selbstverständlich die Ursachen unserer Entscheidungen sein. Libertarier scheinen zu glauben, dass Deterministen dies bezweifeln würden und dabei sind sie es selbst, die das bezweifeln. Diese Fähigkeiten zur Rationalität, Selbstkontrolle und Selbstreflektion sind ein Teil unserer Natur und wirken in Interaktion mit unserer Umwelt.

Ein Beispiel: Wir denken darüber nach, ob wir unsere Tochter in die Hauptschule oder ins Gymnasium schicken sollen. Wir wägen ab, was dafür spricht und was dagegen. Sie war in der Grundschule nur durchschnittlich gut und das Gymnasium könnte darum sehr schwierig für sie werden. Andererseits ist eine hohe Bildung wichtig, wenn man einen guten Beruf finden möchte. Irgendwann gelangen wir zu dem Ergebnis, dass wir unserer Tochter die Entscheidung selbst überlassen, nachdem wir sie gründlich über ihre Optionen informiert haben. Dieses Ergebnis ist zustandegekommen in Folge einer Kausalkette.

Wir sind einem logischen Weg gefolgt, sind dabei einmal auf der Hauptschul-Straße gefahren und einmal auf der Gymnasium-Straße. Schließlich haben wir die Ausfahrt genommen auf die Tochter-Selbstbestimmungs-Straße. Aber niemals ist irgendwo ein unergründlicher „Grund R“ hereingekommen und hat uns dazu gebracht, eine uns völlig rätselhafte Entscheidung zu treffen. Ob dieses Ergebnis nun im Sinne des Determinismus von vorne herein feststand, in einer Weise, die kein Mensch wird jemals voraussehen können, ist für unser alltägliches Leben irrelevant, zugleich ist die Wahrheit des Determinismus an sich notwendig für unsere Fähigkeit zur Selbstbestimmung. Schließlich ist Selbstbestimmung nur dann möglich, wenn wir als Resultat vorangehender Ursachen, wie der Abwägung verschiedener Optionen, Entscheidungen treffen können.

Das, was die allermeisten Menschen mit „Willensfreiheit“ meinen, nämlich die Handlungsfreiheit (man kann so handeln, wie man möchte), ist also keineswegs eine Illusion – eben weil der Determinismus wahr ist und weil Geist und Körper identisch sind. Wären Geist und Körper nicht identisch, würde nämlich gerade dieser mysteriöse Grund R ins Spiel kommen, der unser Verhalten von inneren und äußeren natürlichen (von uns prinzipiell nachvollziehbaren) Ursachen unabhängig festlegen würde. In der Tat ist Libertarismus ohne Körper-Geist-Dualismus schwer vorstellbar, weil dieser Grund R empirisch alles andere als nachgewiesen oder auch nur naheliegend ist.

Die Relevanz für das Strafrecht

Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Debatte über die Willensfreiheit eine Relevanz für das Strafrecht hätte. Wie wir gesehen haben, könnte man ein Strafrecht jedweder Art als Libertarier gar nicht rechtfertigen. Es bleibt also eine Debatte unter Deterministen.

Was meinen Durchschnittsmenschen damit, wenn sie sagen: „Der Täter hätte auch anders handeln können“? Haben die Libertarier recht, dann meinen sie: „Der Täter hätte von einem mysteriösen Grund R oder von gar keinem Grund dazu gebracht werden können, anders zu handeln, als er das auf Grundlage seines Wissens, seiner Vernunft und Persönlichkeit getan hat.“ Habe ich recht mit meiner Vermutung, dass die meisten Menschen intuitiv vom Kompatibilismus ausgehen, dann meinen sie damit: „Der Täter hätte auch anders handeln können, wenn ihn seine Überlegungen zu einem anderen Ergebnis geführt hätten.“ Auch gehen die Fragenden davon aus, dass die Handlungsfreiheit des Täters nicht eingeschränkt war, etwa aufgrund von Zwang, Drogen, einer Geisteskrankheit, etc.

Die Menschen sind also bereits auf der richtigen Spur und so auch unser Strafrecht. Nun könnten wir allerlei Argumente zu Rate ziehen, warum man Menschen härter oder weniger hart bestrafen sollte: Abschreckung, Rehabilitation, Schutz der Öffentlichkeit, und so weiter. Wenn wir dabei nicht vom Determinismus ausgehen, können wir uns das alles ersparen, weil in einem solchen Falle ohnehin niemand aufgrund von nachvollziehbaren und beeinflussbaren Ursachen Verbrechen begehen würde, sondern aus gänzlich rätselhaften Gründen, die in keinem Verhältnis stehen zu Belohnungen, Strafen oder Präventionsmaßnahmen.

Fazit

Ein Strafrecht und eine Ethik lassen sich prinzipiell nur auf der Grundlage des Determinismus begründen. Libertarier und solche Deterministen, welche die Handlungsfreiheit prinzipiell leugnen – hier bezeichnet als „Inkompatibilisten“ – sind Fatalisten. Die meisten Menschen gehen intuitiv vom Kompatibilismus, wie er hier definiert wurde, aus, und haben damit aller Wahrscheinlichkeit nach recht. Also entspricht die Willensfreiheit der Handlungsfreiheit, wie sie im philosophischen Diskurs, etwa von Michael Schmidt-Salomon, vertreten wird. Diese ist in moralphilosophische Überlegungen und in die Debatte um das Strafrecht einzubeziehen, was ohnehin bereits geschieht.

Andreas Müller Empfehlung zum Thema: „Sense and Goodness Without God“ von Richard Carrier





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Der Quantenmechaniker: Meine Heizung hat einen freien Willen?

Kommentare

  1. adenosine kein Betreff
    27.03.2010, 07:47

    Ich würde eher sagen, ich fühle mich frei, wenn äußere Zwänge oder Pflichten meinen Handlungsspielraum nur wenig einschränken. Längst nicht alles ist so vorherbestimmt, wie Mondphasen oder Sonnenaufgang. In hoch komplexen und schwach kausalen Systemen ist fast nichts vorherbestimmt.

  2. Ingo-Wolf Kittel Empfehlenswerte Fachliteratur
    27.03.2010, 10:32

    Geert Keil "Willensfreiheit und Determinismus" Reihe "Grundwissen Philosophie", Reclam Stuttgart 2009 (Vorwort und einleitender Überblick hier)

    Diese Publikation habe ich dem "feuerbringenden" - und damit mehr als nur -tragenden, luziferischen... - Studenten der Germanistik und Anglistik Andreas Müller schon früher hier in seinem eigenen Blog empfohlen (wie ich ihn dort an anderer Stelle auch darauf aufmerksam machen musste, dass selbst sein Stand des Wissen von der aktuellen Hirnforschung, auf die er sich gerne beruft, nicht auf der Höhe der Zeit ist).

  3. Helmut Wicht @ Müller
    27.03.2010, 11:42

    Ja, schön, aber was wirklich Neues steht das imho nicht. Der libertarianische Denkfehler ist ein alter Hut. Und wenn ich mich recht entsinne, hat schon Cicero gesagt, dass ein vernünftiger Mansch nicht deshalb strafe, weil gesündigt wurde, sondern damit nicht mehr gesündigt werde.

    So what?

    Spannender fänd' ich es, sich mal die "Löcher im Determinismus" zu betrachten. Nein, kein Eso, keine libertarianische Ausserweltlichkeit - sondern ganz handfest z.B. die Spontaneität des Zerfalls eines radioaktiven Atomkernes, plötzlich, unverursacht in dem Sinne, dass man zwar sagen kann, warum er zerfiel, aber nicht, warum er es gerade zu dem Zeitpunkt tat, als er es tat.

    Bei Gott, nein: ich will daraus kein Programm zur Rettung der libertarianischen (libertarischen?) Gedankens stricken. Nur so, als Nadelstich gegen die Allgegenwart des Determinismus.

  4. Balanus Zu den "Löchern im Determinismus"…
    27.03.2010, 13:59

    …hat sich zum Beispiel Martin Heisenberg jüngst in Nature geäußert (Nature 459, 164-165; 14 May 2009) http://www.nature.com/...9/n7244/full/459164a.html

    Eine wie ich finde bemerkenswerte Antwort darauf hat der belgische Philosoph Etienne Vermeersch , geliefert, und zwar hier im nature network forum unter der Überschrift "Is free will an illusion".

    Vermeersch sagt, der Mensch ist umso freier, je (selbst)determinierter er ist (so zumindest habe ich es verstanden ;-) ).

    Vermeersch:
    "Let me therefore explain more thoroughly the reason for my reaction to Heisenberg’s Essay. It seemed immediately clear to me: (a) that he was influenced by the almost universal misunderstanding that freedom and determinism are mutually exclusive, (b) that he hopes to vindicate some freedom by referring, after others, to the indeterminedness at the quantum level.
    My position, which is, of course, inspired by Spinoza, is that freedom is impossible without determinism, in the strong sense: the more we are free, the more we are determined.
    According to Spinoza only God is really free, because only God, Spinoza’s God, is completely determined by himself. Take the example of an axiom system: the theorems follow with certainty from the axioms. In Spinoza’s conception whatever can be known is deducible from the first principles and whatever exists in the material world is caused by the basic laws of a general mechanics."

  5. Ingo-Wolf Kittel Real ein Todesstoß, Herr Wicht
    27.03.2010, 14:16

    Ein "Nadelstich" in einen aufgeblasenen Luftballon ist real sein Todesstoß...

    Erstens ist "der" Determinismus ja weiter nichts als ein logisches Konstrukt. Es zum Welterklärungsmodell zu überspannen heißt lediglich, Logik zur Weltanschauung zu überhöhen bzw. "aufzublasen"...

    Zweitens, Herr Wicht, erinnern Sie mit Ihrem Hinweis auf "Löcher" im deterministischen Denken ganz richtig daran, dass die ihm real zugrunde liegende "deterministische" Erklärungsweise (oder "wissenschaftlich": das sog. "deduktiv-nomologische" Erklärung- oder Kausalmodell, für das auch Bezeichnungen wie Subsumptionsmodell der wissenschaftlichen Erklärung oder Hempel-Oppenheim-Schema, kurz HO-Schema üblich sind), nicht einmal in der Physik überall anwendbar ist.

    Damit wäre eigentlich alles gesagt. – Um es eigens zu formulieren:

    Wir wissen seit dem 20. Jh., dass nicht einmal Vorgänge und Geschehnisse in den physikalisch erfassten Weltausschnitten durchgehend "deterministisch" (sc. erklärbar) sind! Wer heute also die Meinung oder gar Überzeugung - real: den Glauben... - vertritt, sämtliche Vorgänge in der Welt seien deterministisch (erklärbar), ist nicht auf der Höhe heutigen physikalischen, geschweige denn wissenschaftstheoretischen Wissens.
    Hartnäckige Metaphysiker, die in Unkenntnis seiner Wurzeln heute noch meinen, einen uralten Mutterkult namens "MATER"-ialismus verfechten zu können, nehmen wissenschaftliche Tatsachen also einfach nicht zur Kenntnis.

    Dass es durchaus eine vernünftige Auffassung von "libertarisch" gibt, zeigt der o.g. Aachener Philosoph Geert Keil. Er vertritt sogar einen, wie er es nennt, "fähigkeitsbasierten Freiheitsbegriff"! Damit vertritt er als einer der wenigen mir bekannten heutigen Philosophen der Tatsache, dass Willensfreiheit psychologisch gesehen schlicht eine Tat-Sache ist, und wir damit eben auch die Fähigkeit zu dieser Tat haben (müssen); nur ist diese viel umfassender als er in Betracht zieht. (s. hier oder hier den 1. zusammen mit dem 5.+ 9. Text.)

  6. Ingo-Wolf Kittel Nachtrag: Fehlende Links
    27.03.2010, 14:19

    hier und hier

  7. Sithil kein Betreff
    27.03.2010, 14:26

    "Libertarier und solche Deterministen, welche die Handlungsfreiheit prinzipiell leugnen – hier bezeichnet als „Inkompatibilisten“ – sind Fatalisten."

    Der Verwurf ist recht grotesk. Kompabilisten und Imkopabilisten vertreten IMHO exakt dieselbe Position - sie definieren nur schlicht den Begriff "Freiheit" anders!

    @adenosine
    "In hoch komplexen und schwach kausalen Systemen ist fast nichts vorherbestimmt."

    Das hat garnichts damit zu tun. Nur weil Vorrausssagen schwer sind und kleinste Faktoren einen großen Einfluss ausüben können, heißt das nicht, dass der Determinismus in irgendeiner Form nicht vorliegt. Entweder alles ist determiniert oder eben nichts.

    @Kittel
    "dass selbst sein Stand des Wissen von der aktuellen Hirnforschung, auf die er sich gerne beruft, nicht auf der Höhe der Zeit ist"

    Die Hirnforschung hat nichts mit der Frage des freien Willens zu schaffen. Ich habe das Gefühl bzw. die Gewissheit, sie verstehen genausowenig worum es hier eigentlich geht, wie besagter Hirnforscher, der diese recht absurden Tests durchgeführt hat.

    @Helmut Wicht
    "Nur so, als Nadelstich gegen die Allgegenwart des Determinismus."

    Na, Zufall rettet die "Freiheit" (was auch immer das sein mag) auch nicht. Ob es den gibt, ist es ein ganz, ganz anderes Thema.

  8. Sithil kein Betreff
    27.03.2010, 14:34

    "Erstens ist "der" Determinismus ja weiter nichts als ein logisches Konstrukt. Es zum Welterklärungsmodell zu überspannen heißt lediglich, Logik zur Weltanschauung zu überhöhen bzw. "aufzublasen"..."

    Wenn man nicht von der Logik als Wahrheit ausgehen würde, könnte man ja gleich alles über Bord werfen und sich dem schieren Irrsinn hingeben. Sonstige Alternativen zur Logik liegen nämlich nicht vor...
    Aber ein netter Einwurf - er zeigt recht deutlich auf, dass (libertarische) Willensfreiheit logisch nicht existiert - und wozu die Vertreter dieser Richtung greifen müssen, um diese Position verteidigen zu können.

    "Hartnäckige Metaphysiker, die in Unkenntnis seiner Wurzeln heute noch meinen, einen uralten Mutterkult namens "MATER"-ialismus verfechten zu können, nehmen wissenschaftliche Tatsachen also einfach nicht zur Kenntnis."

    Schade, dass man sich nicht selbst therapieren kann - ich wüsste da schon einen Kandidaten, angesichts der Absurditäten, die sie hier von sich geben.

  9. Andreas Müller Definitionen
    27.03.2010, 14:50

    @ Sithil: "Der Verwurf ist recht grotesk. Kompabilisten und Imkopabilisten vertreten IMHO exakt dieselbe Position - sie definieren nur schlicht den Begriff "Freiheit" anders!"

    Eben weil Kompatibilisten und Inkompatibilisten normalerweise unscharf getrennt sind, habe ich die Begriffe für diesen Beitrag wie folgt definiert:

    Kompatibilisten und Inkompatibilisten glauben an den Determinismus im Sinne des Kausalprinzips (Ursache und Folge; alles muss so geschehen, wie es geschieht). Kompatibilisten glauben außerdem an die Handlungsfreiheit und Inkompatibilisten tun das nicht.

    Akzeptiert man diese Definitionen (und offensichtlich würde man ansonsten Strohmänner angreifen), dann ergibt es durchaus Sinn, was ich geschrieben habe.

  10. Helmut Wicht @ Kittel @ Sithil
    27.03.2010, 14:53

    @ Kittel

    Lieber Herr Kittel,
    da sind wir uns ja mal einig! Dennoch - um das auch

    @ Sithil

    klarzumachen: ich will keineswegs die Spontaneität mancher mikrophysikalischer Ereignisse zur Quelle der "Freiheit" machen.

    Mir fällt da gerade noch ein verzwicktes antikes Paradox zum Thema "Determinismus" ein. Es trägt den seltsamen Namen: Der Satz von der Allgewalt. Er geht so:

    "Einer, der behauptet, dass alles mit Notwendigkeit, und nichts aus Freiheit geschehe, kann einen anderen, der behauptet, dass alles aus Freiheit geschehe, nicht kritisieren, weil er ja zugeben muss, dass auch jene Behauptung aus Notwendigkeit getätigt wurde."

  11. Sithil kein Betreff
    27.03.2010, 15:13

    @ Andreas Müller

    "Kompatibilisten glauben außerdem an die Handlungsfreiheit und Inkompatibilisten tun das nicht."

    ...weil diese nur anders interpretiert wird. Die Differenz liegt nur in der (vermaledeiten) Semantik. Ob sich Jemand Inkompabilist oder Kompabilistist nennt, hängt IMHO nach nahzu ausschließlich von der persönlichen Präferenz ab...
    (Gefällt einem der Begriff "Freiheit" oder eben nicht?)
    Ich persönlich würde mich z.B eher als Imkompabilisten bezeichnen - aber dennoch nicht behaupten, dass der Kompabilistismus falsch liegt.
    Es kommt eben nur auf die Definitionen an!

    @Wicht
    "Einer, der behauptet, dass alles mit Notwendigkeit, und nichts aus Freiheit geschehe, kann einen anderen, der behauptet, dass alles aus Freiheit geschehe, nicht kritisieren, weil er ja zugeben muss, dass auch jene Behauptung aus Notwendigkeit getätigt wurde."

    Dieser Aussage geht die Prämisse voraus, dass Aussagen, die aus Notwendigkeit getätigt werden, nicht kritisiert werden dürfen - eine Prämisse, der widerrum eine Differenz von Freiheit und Determinismus zugrunde liegt, und die daher für einen Menschen, für den eine solche "Freiheit" gar nicht existiert, bedeutungslos ist. Was daran verzwickt oder paradox sein soll, verstehe ich nicht.

  12. Sithil kein Betreff
    27.03.2010, 15:26

    Verdammte Wörter...Sind viel zu lang.
    Ich meinte natürlich:

    Ob sich Jemand Inkompatibilist oder Kompatibilist nennt, hängt IMHO nach nahzu ausschließlich von der persönlichen Präferenz ab...
    (Gefällt einem der Begriff "Freiheit" oder eben nicht?)
    Ich persönlich würde mich z.B eher als Inkompatibilisten bezeichnen - aber dennoch nicht behaupten, dass der Kompatibilist falsch liegt.
    Es kommt eben nur auf die Definitionen an!

    Aussprechen kann ich sie, aber schreiben werde ich sie wohl nie lernen...

  13. Dietmar Hilsebein kein Betreff
    27.03.2010, 15:54

    Wenn die Freiheit besteht, die Not zu wenden, so ist sie not-wendig. Wenn ein Mensch dieses behaupten kann, so ist dies aus Notwendigkeit geschehen und daher deterministisch. Wer darüber hinaus noch "die Einsicht in die notwendige Notwendigkeit" hat, der ist dann völlig verwirrt und darf ins Irrenhaus gehen. :-)

  14. Christoph Zehntner Das „Leben“ eines Luftballons
    27.03.2010, 16:48

    Apropos, @Herr Kittel: >>Ein "Nadelstich" in einen aufgeblasenen Luftballon ist real sein Todesstoß...>„Wir sind frei, weil Ursachen unsere Entscheidungen bestimmen. Und die libertarische Willensfreiheit würde zur Moral- und Gesetzlosigkeit führen.“>“Die libertarische Willensfreiheit würde zur Moral- und Gesetzlosigkeit führen.“

  15. Christoph Zehntner Das „Leben“ eines Luftballons
    27.03.2010, 16:53

    Apropos, @Herr Kittel: >>Ein "Nadelstich" in einen aufgeblasenen Luftballon ist real sein Todesstoß...>„Wir sind frei, weil Ursachen unsere Entscheidungen bestimmen. Und die libertarische Willensfreiheit würde zur Moral- und Gesetzlosigkeit führen.“>“Die libertarische Willensfreiheit würde zur Moral- und Gesetzlosigkeit führen.“

  16. Edgar Dahl @ - Ingo-Wolf Kittel: Geert Keil
    27.03.2010, 16:56

    Lässt sich Keils Argumentation in einigen, wenigen Sätzen zusammenfasen?

  17. Christoph Zehntner Dritter Versuch
    27.03.2010, 17:04

    Apropos: „Ein "Nadelstich" in einen aufgeblasenen Luftballon ist real sein Todesstoß...“

    Ja, „lebt“ er denn durch die Luft, mit der er gefüllt ist? Oder durch die Luft, die ihn umgibt? „Lebt“ er denn überhaupt?
    Richtig ist sicher: Ein Nadelstich und die Luft ist raus!

    Womit ich zu den Thesen von Herrn Müller komme:

    „Wir sind frei, weil Ursachen unsere Entscheidungen bestimmen. Und die libertarische Willensfreiheit würde zur Moral- und Gesetzlosigkeit führen.“

    Potz! Was sind denn das für „Thesen“?

    Richtig ist: Ursachen bestimmen unsere Entscheidungen. Das ist ein Allgemeinplatz, weil selbstverständlich. Doch sollten wir denn tatsächlich „DADURCH“ frei sein?
    Wo und wie immer wir unsere Freiheit bestimmen, nicht an dem vorbei, was selbstverständlich ist, dass nämlich ALLES was ist und geschieht, alles was wir denken und tun Ursachen hat.
    Na und? Diese Tatsache ist so BANAL, dass die Luft in einem Luftballon daneben geradezu BEDEUTUNGSSCHWER erscheinen mag.
    Ist sie aber nicht: Ein Nadelstich und –
    der Luftballon ist noch immer. Aber wie? Nicht lebendiger als zuvor, doch „tot“ wohl auch nicht. Er ist jetzt so, wie ein leerer Luftballon halt ist, klein und etwas schrumpfelig.

    “Die libertarische Willensfreiheit würde zur Moral- und Gesetzlosigkeit führen.“ Ach ja? – Und wenn meine Tante Eier hätte, wäre sie mein Onkel, oder was? Auch diese „These“ ist Luft!
    Ganz einfach, weil die REALITÄT den Konjunktiv allein als Sprachphänomen kennt.

  18. Edgar Dahl Kompatibilismus vs. Imkompatibilismus
    27.03.2010, 17:04

    Vieleicht bin ich ja einfach schon zu betagt, aber mir ist die traditionelle Unterscheidung zwischen "harten Deterministen" und "weichen Deterministen" weit lieber.

    Danach sind sowohl harte als auch weiche Deterministen tatsächlich Deterministen, insofern beide leugnen, dass ein Mensch unter den exakt gleichen Anfangs- und Randbedingungen auch anders hätte handeln können.

    Sie unterscheiden sich nur in der Frage, ob der Determinismus mit den traditionellen Begriffen von moralischer Schuld und Verantwortung vereinbar ist.

    Weiche Deterministen wie Moritz Schlick sagen "Ja!", harte Deterministen wie Paul Edwards sagen "Nein!"

    Ich selbst habe jahrelang geschwankt, mich jetzt aber dem Lager der harten Deterministen angeschlossen.

  19. Jürgen Bolt @Edgar Dahl
    27.03.2010, 17:43

    "Ich selbst habe jahrelang geschwankt, mich jetzt aber dem Lager der harten Deterministen angeschlossen."

    Und warum?

  20. Tolya Glaukos freiheit, zufall etc.
    27.03.2010, 17:43

    nur weil ich als mensch manche kausalität noch nicht begreife (z.b. mikrokosmische ereignisse), lässt sich eine zugrundeliegende kausalität nicht ausschließen. nur, weil ich phänomene konstatiere, die mir wie zufall erscheinen, ist eine kausalität nicht widerlegt. genau genommen muss ich sogar, um neues wissen zu schaffen, erscheinungen, die bei dem intellektuellen erstkontakt noch zufällig oder chaotisch wirken, analysieren und darin strukturen ausmachen. ist die struktur des chaos erkannt oder wenigstens eine tendenz erkennbar (zerfallsraten von atomen etc.), wird der grad der zufälligkeit reduziert, durch welterkenntnis ersetzt.

    interessant ist: dass der menschliche geist, der unterscheiden möchte zwischen sinn/unsinn, moral/amoral, gut/böse etc., seinerseits auf dem kausaldenken aufbaut. geist ist kausales denken. ein geist, der akausal organisiert wäre, wäre nur ein zufallsgenerator. er wäre diffus, nicht partiell geordnet.

    die eigentliche frage für mich ist: gibt es zufall? oder gibt es nur etwas, das für uns wie zufall aussieht, weil wir nicht genügend informationen zu dem ereignis haben? oder aber zu geringe rechenzeit haben, um prä-simulativ gute prognosen zu erstellen?

    (für zufall wiederum sollte in unserem universum eigentlich kein raum sein: man denke sich nur eine sekunde, in der die strukturen im gesamten universum nicht nach gesetzmäßigkeiten 'reagierten', sondern willkürlich-eigenständig 'agierten' - kein stein wäre mehr auf dem anderen, um metaphorisch zu sprechen, die atome dieses planeten erde wären willkürlich im gesamten universum verstreut; alles würde geschreddert.

    in einem menschlichen geist mit freiheit würde ähnliches geschehen: die über jahrmillionen evolvierten intellektuellen strukturen würden zu strukturlosem rauschen geschreddert ...)

  21. Dietmar Hilsebein @ Tolya Glaukos
    27.03.2010, 17:52

    danke!

  22. Tolya Glaukos @dietmar hilsebein
    27.03.2010, 18:33

    bitteschön.

  23. Ingo-Wolf Kittel Nochmals Keil – @ Dahl
    27.03.2010, 19:35

    Die Frage, ob sich Keil's Argumentation in "einigen, wenigen Sätzen" zusammenfassen lasse, gibt mir Anlass zur Frage, ob Sie sich Keil's Vorwort und Darstellung der bisherigen Diskussionslage, auf die ich in meinem Hinweis auf sein Büchl verlinkt habe, angesehen haben?

    Keil selbst fasst die Ergebnisse seiner analytischen Klärungen in "Zehn Thesen" zusammen. Am besten zitiere ich sie, so wie sie auf S.107-118 seines Taschenbuches gedruckt sind und erläutert werden:

    1. Unsere gewöhnliche vortheoretische Rede über Handlungen und Entscheidungen ist libertarisch imprägniert.
    2. Der Freiheitsannahme stehen bei näherer Betrachtung keine Tatsachen entgegen, sondern nur fehlinterpretierte Befunde und unhaltbare philosophische Doktrinen.
    3. Dass der menschliche Wille frei sei, bedeutet vernünftigerweise, dass Menschen bestimmte Fähigkeiten haben.
    4. Willensfreiheit ist die Fähigkeit zur hindernisüberwindenden Willensbildung.
    5. Der fähigkeitsbasierte Freiheitsbegriff erhält ein normatives Element. Ob die fragliche Fähigkeit vorhanden ist, ist eine empirische Frage(*); von der Fähigkeit Gebrauch zu machen ist eine normative Forderung an den Akteur.
    6. Wohlverstandene libertarische Freiheit ist keine 'tiefere' Freiheit, die zu gewöhnlichen, auch von Kompatibilisten anerkannten Freiheiten noch hinzukäme.
    7. Wohlverstandene libertarische Freiheit bedeutet nicht, dass Personen keinerlei Bedingungen unterworfen wären und losgelöst von ihren Wünschen Beliebiges wählen könnten.
    8. Das Erstauslösermodell des Handelns ist unhaltbar: Handelnde sind keine unbewegten Beweger.
    9. Nichtdeterminierte Entscheidungen und Handlungen sind etwas anderes als Zufallsereignisse.
    10. Die Hirnforschung hat aus einen Mitteln nichts Relevantes zum philosophischen Freiheitsproblem beizutragen.

    * Zusatz: Mein "Beweis der Existenz der 'Willensfreiheit'", auf den ich vorhin verwiesen habe, ist deswegen der Sache nach eigentlich ein (empirisch-psychologischer) Auf- oder Nachweis; wie ich bei Keil gelesen habe, ging der empiristische Philosoph John Locke vor gut 300 Jahren von dem dabei entscheidenden – wie er es genannt haben soll – "Suspensionsvermögen" wie selbstverständlich aus! "Beweisen" wollte ich damit, dass unsere Rede von feiwillig, aus freien Stücken, aus freier Entscheidung, aus eigener Entscheidung, selbstbestimmt, selbstdeterminiert und was es an gleichsinnigen Ausdrücken oder Redewendungen für das, was umgangssprachlich mit "Willensfreiheit" gemeint ist, sonst noch so gibt, wegen ihrer "Existenz" sehr wohl, weil empirisch begründet ist.

  24. Dietmar Hilsebein @ Ingo-Wolf Kittel
    27.03.2010, 19:53

    "Willensfreiheit ist die Fähigkeit zur hindernisüberwindenden Willensbildung."

    Der Satz ist Quark! Wo ein Wille _ist_, da ist auch ein Weg, ein Hindernis zu überwinden. Hier scheint einer den Zweifel zu haben, ob er überhaupt einen Willen besitzt -da er ihn erst bilden will.

  25. Ingo-Wolf Kittel @ Hilsebein
    27.03.2010, 20:13

    Ich habe den - im Buch, wie erwähnt, erläuterten! - Satz so zitiert, wie er gedruckt ist.

    M.E. ist dabei "Willensbildung" das entscheidende Detail der Aussage, die ich i.Ü. so verstehe: Willensfreiheit wird an (oder "in") den Details realer Willensbildung erkennbar - s. hier - mit weiteren Hintergrundinformationen zur aktuellen Debatte...

  26. Dietmar Hilsebein @ Ingo-Wolf Kittel
    27.03.2010, 20:25

    Alles steht und fällt mit der Definition des Willens. Im Rahmen unserer gegebenen Möglichkeiten sind wir frei, ein Handlungsmotiv zu wählen. Da wir aber zu wählen genötigt sind, kann von Willensfreiheit wohl nicht gesprochen werden. Denn selbst wenn wir uns ein Handlungsmotiv versagen, so ist dies doch Ausdruck des Willens -der, der da verneint.

  27. 27.03.2010, 21:07

    Nach meiner Kenntnis unserer Alltags- oder Umgangssprache beziehen wir uns bei der Verwendung des Verbs 'wollen' (und damit auch mit dem davon abgeleiteten Substantiv 'Wille') normalerweise auf vorgängige Entscheidungen.

    Meines Wissens ist nämlich der Ausdruck 'ich will' (etwas tun) gleichbedeutend mit der Wendung 'ich habe mich (dazu) entschieden'.

  28. Dietmar Hilsebein @ Ingo-Wolf Kittel
    27.03.2010, 21:32

    "Meines Wissens ist nämlich der Ausdruck 'ich will' (etwas tun) gleichbedeutend mit der Wendung 'ich habe mich (dazu) entschieden'."

    Ich kann mich für einen Weg, den ich gehen will entscheiden, aber ich kann mich nicht nicht entscheiden. Für mich ist Wille der Drang zum Gehen, der Drang zum Stehenbleiben, der Drang zu bejahen, der Drang zu verneinen. Hinter diesen Drang kann ich nicht gehen. Das ist natürlich alles Schopenhauer...Die Frage wäre dann nur: verneinen oder ein Ja, den Rahmen der uns gegebenen Möglichkeiten zu erweitern -den Menschen und darüber hinaus das Sein zu überwinden. Das ist der Wille zur Macht -so wie ich ihn nach Nietzsche verstanden habe.

  29. Ingo-Wolf Kittel Entscheiden
    27.03.2010, 22:25

    Klar, "Drang" kennen wir alle – z.B. Harndrang. "Müssen" Sie dann im Moment des Bewusstwerdens dieses Dranges beispielsweise laufen lassen, wozu "es" Sie dann drängt?

    Real entspricht dieser alltagspsychologischen Ausdrucksweise übrigens weiter nichts als das "Feuern" von Dehnungsrezeptoren in der Wand Ihrer Harnblase, wobei sie sich von Natur aus erst dann entleert, wenn ihre Spannung höher wird als die Spannkraft des zugehörigen Schließmuskels. Ich hoffe, Sie haben bereits als Kleinkind gelernt, dass Sie selbst schon lange davor reagieren können – und sind heute als Erwachsener fähig sich zu entscheiden und vor allem vorauszuplanen, wann und wo Sie dann gezielt Ihr "Wasser abschlagen"...

    Säuglinge und Kleinkinder wissen noch gar nicht, was das ist, sich bewusst zu entscheiden – und können das "natürlich" auch noch nicht, und zwar über Jahre nicht. Solange reagieren wir alle ausschließlich reflexhaft: erst auf der Grundlage angeborener Reflexe, dann immer mehr auch auf der von gelernten oder "konditionierten" Reflexen.

    Zu bewussten Entscheidungen werden wir dagegen grundsätzlich erst fähig, wenn unsere Vorstellungsfähigkeit herangereift ist.

    Vorstellungsfähigkeit ist nötig, damit wir zu mehr imstande sind als Bekanntes beim Wiedererleben wiederzuerkennen, nämlich von uns aus auch daran "denken" zu können. Erst unser Vorstellungsvermögen erlaubt uns, uns einmal Erlebtes – dann übrigens zu einem beliebigen Zeitpunkt! – "innerlich" vorzustellen, mithin das zu tun, was der Volksmund simpel "erinnern" nennt. (Unser "Gedächtnis" hat also zwei Komponenten!)

    Wir müssen unsere Vorstellungsfähigkeit zudem erst beherrschen lernen, bevor wir imstande sind, uns (Handlungs- oder Reaktions-)Möglichkeiten vorzustellen und zwischen diesen dann bewusst zu wählen. Was und wie wir es dann anstellen, uns für eine davon zu entscheiden, kann dabei höchst komplex sein.

    Willensbildung in allen möglichen Einzelheiten zu beschreiben, wäre sehr aufwändig; m.W. gibt es selbst in der (dann sog. Volitions-)Psychologie erst Ansätze dazu.

    Ich weiß auch nicht, ob sich jemals ein Philosoph ihrer Analyse gewidmet hat. (Dagegen hat Colin McGinn in "Mindsight", dt. "Das geistige Auge – Von der Macht der Vorstellungskraft" eine ganz hervorragende und sogar psychologisch stimmige Analyse unseres Vorstellungsvermögens vorgelegt!)

    Mich wundert als Fachmann keineswegs, dass kaum jemand genau sagen kann, worin Willensbildung besteht und erst recht nicht erkennt, wovon wir uns dabei "frei" machen. (Pardon dafür, dass ich deswegen immer auf eigene Online-Texte verweisen muss.)

  30. Dietmar Hilsebein @ Ingo-Wolf Kittel
    27.03.2010, 23:03

    Sie scheinen keinen Unterschied zwischen dem Willen an sich und den Willensmotiven zu machen. Ich schon. Welche Willensmotive ich erwähle, hängt von meiner Vernunft ab, die die mir zur Entscheidung vorgelegten Willensmotive hinterfragt. Damit habe ich mit Hilfe der Vernunft ein Vetorecht gegenüber dem Willen, der aber einem Flusse gleich sich neue Wege bahnt. Diesen Fluß kann ich nicht aufhalten. Ich kann nur eines: hier nicht! da auch nicht! Denn dies ist eine Sackgasse, die nicht zu mehr, sondern zu weniger Freiheit führt. Wenn ich alles tue, was ich will, so kann das mit Knast oder Tod enden oder zu einer Geldstrafe führen, wenn ich auf offener Straße uriniere oder masturbiere... -daher die Vernunft, die den Willen vernimmt und hinterfragt. Doch auch ohne Gericht bliebe mir bei manchen vorgestellten Handlungsmotiven ein Unbehagen noch vor der Ausführung. Warum ist das so? Weil der Wille "weiß" woher er kommt, vor dem Herabsinken zum Vieh warnt -in Form des Unbehagens? Hier wird der Wille zum Weltgeist...

  31. Edgar Dahl @ - Ingo-Wolf Kittel: Geert Keil
    27.03.2010, 23:13

    Ich habe Geert Keil auf der letzten Tagung der Deutschen Gesellschaft für Analytische Philosophie gehört, in dem es unter anderem einen "Workshop" zum Thema Willensfreheit gab. Im Gegensatz zu Henrik Walter und Reinhard Merkel hat Geert Keil keinen Eindruck auf mich gemacht. Und auch die zehn Thesen, insbesondere die zweite, scheint mir hoffnungslos verfehlt. Die einzige These, die ich unterschreiben würde, ist These 1.

    Doch wenn ich Andreas Müller richtig verstehe, würde er selbst Keils These 1 in Frage stellen.

  32. Edgar Dahl @ - Jürgen Bolt: Hart oder Weich?
    27.03.2010, 23:26

    "'Ich selbst habe jahrelang geschwankt, mich jetzt aber dem Lager der harten Deterministen angeschlossen.'

    Und warum?"

    Beide, also sowohl der harte Determinismus als auch der weiche Determinismus, gehen davon aus, dass wir zwar "Handlungsfreiheit", nicht aber "Willensfreiheit" besitzen.

    Handlungsfreiheit haben wir, wenn wir zun können, was wir wollen. Willensfreiheit haben wir, wenn wir auch wollen können, was wir wollen.

    Weiche Deterministen behaupten, dass die Handlungsfreiheit, also die bloße Fähigkeit, unserem Willen gemäß zu handeln, für die Zuschreibung von Schuld, Verantwortung und Strafe genügt.

    Harte Deterministen behaupten dagegen, dass die bloße Handlungsfreiheit nicht ausreicht, um einem Menschen moralische Vorwürfe zu machen.

    Harte Deterministen wissen natürlich genau wie wir, dass wir ohne Sanktionen nicht auskommen, dass wir Mörder, Diebe oder Vergewaltiger nicht einfach laufen lassen können. Sie sprechen sich daher für ein Maßnahmerecht im Unterschied zum Strafrecht aus.

    Welchen Unterschied das macht? Kann ich noch nicht verraten, weil hierzu schon bald ein eigener Essay in SdW erscheint.

  33. Balanus Harte Deterministen /@Edgar Dahl
    28.03.2010, 00:19

    » Harte Deterministen behaupten dagegen, dass die bloße Handlungsfreiheit nicht ausreicht, um einem Menschen moralische Vorwürfe zu machen.«

    Sind harte Deterministen zugleich heimliche Dualisten?

    Denn das könnte man aufgrund dieser Aussage vermuten. Als gäbe es im Menschen eine übergeordnete Instanz, die für sein Handeln verantwortlich ist—und nicht der Mensch selber.

    Ich denke mittlerweile nicht mehr, dass wir das Konzept "Schuld" aufgeben müssen, bloß weil das Gehirn deterministisch funktioniert. Es dürfte reichen, den Schuld-Begriff neu zu definieren.

  34. Edgar Dahl @ - Hilsebein: Motive
    28.03.2010, 01:24

    "Alles steht und fällt mit der Definition des Willens. Im Rahmen unserer gegebenen Möglichkeiten sind wir frei, ein Handlungsmotiv zu wählen."

    Genau dies würde ich in Abrede stellen. Wir können uns unsere Motive nicht aussuchen!

  35. Dietmar Hilsebein @ Dahl
    28.03.2010, 01:29

    warum nicht?

  36. Edgar Dahl @ - Balanus: Schuld
    28.03.2010, 01:37

    "Sind harte Deterministen zugleich heimliche Dualisten?

    Ich denke mittlerweile nicht mehr, dass wir das Konzept "Schuld" aufgeben müssen, bloß weil das Gehirn deterministisch funktioniert. Es dürfte reichen, den Schuld-Begriff neu zu definieren."

    Nein, harte Deterministen sind selbstverständlich keine Dualisten. Wie die Libertarier sagen sie, dass Strafe Schuld voraussetzt und Schuld in der Vorwerfbarkeit besteht. Im Gegensatz zu den Libertariern bezweifeln harte Deterministen, dass man den Menschen ihr Verhalen zum Vorwurf machen kann. Auch sie versuchen daher, Begriffe wie "Schuld" und "Verantwortung" neu zu definieren.

  37. Edgar Dahl @ - Hilsebein: Motive
    28.03.2010, 01:42

    Ah, da bin ich ja wenigstens nicht die einzige Nachteule!

    Warum Sie sich Ihre Motive nicht aussuchen können? Machen Sie mal die Probe aufs Exempel! Nehmen Sie sich einmal vor, einen Mann statt einer Frau zu begehren. Können Sie das?

  38. Dietmar Hilsebein @ Dahl
    28.03.2010, 01:56

    :-)

    Moral abschalten und Alkohol trinken -dann geht's.

    :-)

  39. Edgar Dahl @ - Hilsebein: Motive
    28.03.2010, 03:19

    Der Punkt ist, Sie sollen sich nicht dazu zwingen, mit einem Mann zu schlafen. Wenn ich Ihnen dafür € 50.000 gäbe, würden Sie es vielleicht tun. Mit dem Geld würde ich Ihnen auch das notwendige Motiv geben.

    Verstehen Sie, was ich meine? Sie sollen sich nicht unter besimmen Bedingungen bereit erklären, mit einem Mann zu schlafen, sondern einen Mann wirklich begehren.

    Oder anders gefragt: Können Sie statt mit einer Frau mi einem Mann Sex haben WOLLEN?

    Ich sage: Nein! Sie können dies nur, wenn Ihnen jemand ein Motiv dafür gibt, wie etwa Geld (oder um mich zu widerlegen!).

  40. Dietmar Hilsebein Motiv @ Dahl
    28.03.2010, 03:35

    Woher stammt aber dann mein Motiv zur Frau? Ich schrieb ja -im Rahmen der Möglichkeiten- Es ist also nicht unmöglich, mit einem Mann zu schlafen. Ich kann aber auch mit einer Frau _nicht_ schlafen -obwohl ich sie begehre. Mit dem Willen allein kommen wir nicht weiter, wenn wir nicht Mitgefühl (über Liebe will ich nicht reden, da ich mit dem Begriff nichts anfangen kann und die Verantwortung ist ein hohler Begriff) und Vernunft mitdenken.

  41. Edgar Dahl @ - Hilsebein: Motive
    28.03.2010, 03:56

    "Ich schrieb ja 'im Rahmen der Möglichkeiten'. Es ist also nicht unmöglich, mit einem Mann zu schlafen."

    Verstehe, doch das genügt nicht. Was einem Mörder vorgeworfen wird, ist, dass er sich im Moment der Tat auch gegen das Töten hätte entscheiden können. Kurz, dass er unter denselben inneren und äußeren Randbedingungen auch anders hätte handeln können.

    Dass es "im Rahmen seiner Möglichkeit" gelegen hätte, den Mord zu unterlassen, ist unbestritten. Wäre er, sagen wir, auf den Mann, den er getötet hat, nicht eifersüchtig gewesen, hätte er ihn selbstverständlich nicht umgebracht.

    Und um nun auf das Problem des Motivs zurückzukommen: Wenn der Mörder in der Lage gewesen wäre, sich seine Motive selbst auszusuchen, hätte er auf dem Weg zu dem Opfer beispielsweise kurzerhand beschließen können, ihm ein Bier auszugeben statt ihm den Schädel einzuschlagen. Doch war ihm das angesichts der Eifersucht, die ihn antrieb, wirklich möglich? Wohl kaum!

  42. Edgar Dahl @ - Hilsebein: Motive
    28.03.2010, 04:06

    Dass ein heterosexueller Mann nicht in der Lage ist, einfach homosexuelle Begierden zu entwickeln, würde selbstverständlich auch ein Libertarier zugeben.

    Der Libertarier wird sagen: Wir haben keine vollkommene Freiheit. Wer die Opern von Verdi schätzt und die von Wagner verabscheut, kann sich selbsversändlich nicht einfach dazu entschließen, von morgen an Wagner gegenüber Verdi zu bevorzugen. Dies steht einfach nicht in unserer Macht.

    Doch der Libertarier wird darauf bestehen, dass dies nicht für alle unsere Handlungen gilt, dass wir also zumindest in einem gewissen Maße "frei" sind.

  43. Dietmar Hilsebein @ Dahl
    28.03.2010, 04:17

    "Doch war ihm das angesichts der Eifersucht, die ihn antrieb, wirklich möglich? Wohl kaum!"

    Er war ein Getriebener ohne Raum für Mitgefühl und Vernunft. Er hinterfragte nicht, konnte sich in sein Opfer nicht hineinfühlen. Es blieb ihm nur der zutiefst vernunftlose schopenhauersche Drang. Der Mensch aber, wenn er sich als solches bezeichnen will, ist ein vom Willen angetriebenes, mitfühlendes und vernunftbegabtes Wesen. Daß Menschen auf unterschiedlichen Stufen der Evolution stehen und daher nicht gleich sind, steht für mich außer Frage. Letztlich kann ein Hirnforscher nur von sich selbst reden, so, wie jeder Einzelne nur von sich reden kann.

  44. Dietmar Hilsebein @ Dahl
    28.03.2010, 04:35

    Lieber Herr Dahl. Eine schöne Nacht, aber ich muß jetzt ins Bett -deidei machen. Wir lesen uns morgen.

  45. Edgar Dahl @ - Hilsebein: Motive
    28.03.2010, 04:35

    Nun, wenn man von Eifersucht beherrscht ist, ist in aller Regel kaum Raum für Mitgefühl. Der Täter verspürte offenbar keines. Und selbst wenn er Mitgefühl verspürte, muss seine Eifersucht offensichtlich größer gewesen sein als sein Mitgefühl, anderenfalls hätte er ihn ja nicht getötet. Wir müssen also davon ausgehen, dass der Täter im Moment der Tat so stark von Eifersucht beherrscht war, dass ihn weder das Mitgefühl für das Opfer noch die Angst vor der Strafe von seiner Tat abhalten konnten. Wenn er im Moment der Tat aber gar nicht anders handeln konnte, wie kann man es ihm dann aber zum Vorwurf machen, dass er nicht anders gehandelt hat???

  46. yoatmon Determinismus / Freiheit
    28.03.2010, 11:32

    Ich meine, zwei "Schubladen" in denen abgelegt werden kann, trägt der Komplexität unseres "Tun und Handeln" nur scheinbar Rechnung. Handlungsweisen die aus einem Bauchgefühl heraus getroffen werden unterliegen nicht der Ratio und wären dem Determinismus zu zuordnen. Wenn sich jemand die Nase putzt oder ein Geräusch verfolgt, so handelt er deterministisch. Jeder Mensch "verwaltet" (und nicht nur der Mensch)eine innere Datenbank. In ihr sind die Summe seiner Lebenserfahrungen gespeichert. Diese Erfahrungen erfolgten z. T. deterministisch (durch Schaden wird man klug) sowohl wie nach dem freien Willen. Im Laufe der Jahre wächst der Datenbestand und erlaubt einen immer genaueren "Abgleich" mit anstehenden Entscheidungen. Mann könnte auch sagen, der Mensch wird mit zunehmendem Alter immer kritischer und weniger leichtfertig.
    Es dauert einige Jahre bis sich ein Mensch mit der eigenen Ratio / Freiheit auseinander setzt; zum Beispiel Schulbildung. Keiner besucht die Schule freiwillig, sonder nur, weil hierzu die Pflicht besteht (keine freie Wahl). Es soll aber auch Menschen geben, denen das Lernen Spaß macht. Was einst Plicht (Determinismus) war wird zur Freiheit (Selbstentscheidung). Selbst die Erkenntnis die eigene Zukunft besser gestalten zu können beflügelt denjenigen die diese Erkenntnis erlangen.
    Die Bahnen der Planeten, der Kometen, die Positionen der Galaxien sind deterministisch vorbestimmt. Des Menschen Handlungen sind es z. T. auch; der Rest beruht auf freier Willensentscheidung. Ergo, nicht entweder oder sondern sowohl als auch.

  47. Dietmar Hilsebein @ Dahl
    28.03.2010, 12:36

    "Wenn er im Moment der Tat aber gar nicht anders handeln konnte, wie kann man es ihm dann aber zum Vorwurf machen, dass er nicht anders gehandelt hat???"

    Gar nicht. Ist die Tat begangen worden so ist es müßig, Vorwürfe zu machen. Sie machen die Tat ja nicht ungeschehen. Das Problem des Täters ist wohl eher darin zu suchen, daß er das Innehalten nicht gelernt hat. Der Impuls aus dem Mandelkern kann das eigene Leben retten, da das Nachdenken zu lange dauern würde. Doch jener Impuls kann auch morden. Vielleicht hat sich das Gehirn im weiteren Verlauf der Evolution so entwickelt, weil irgendein Vormensch sich besann und sich vor die Sonne stellte und fragte: Was habe ich getan? Heute fehlen die Lehrer nach dem Schlage Gurnemanz: "gebrochen das Aug', siehst du den Blick?"..."Er war uns hold; was ist er nun dir?"..."Wirst deiner (Sünden)tat du inne?"

  48. Tolya Glaukos @hilsebein & dahl;
    28.03.2010, 12:56

    Vielleicht hat sich das Gehirn im weiteren Verlauf der Evolution so entwickelt, weil irgendein Vormensch sich besann und sich vor die Sonne stellte und fragte: Was habe ich getan? Heute fehlen die Lehrer nach dem Schlage Gurnemanz: "gebrochen das Aug', siehst du den Blick?"..."Er war uns hold; was ist er nun dir?"..."Wirst deiner (Sünden)tat du inne?"

    schönes zitat - und es stammt von wem? wüsste ich doch gerne. bzw. meine neugier in mir wüsste das gerne, so ist sie veranlagt, die schelmische ;)

    was schuld, strafe etc. anbelangt, ist es mir beinahe ein rätsel, wieso man überhaupt noch einen strafbegriff braucht, und das unabhängig von jedweden freiheitsdiskursen.

    auch ich sehe eine tat als geschehen an, und nun gilt es, sie im kollektiv zu bewerten. der 'täter' wird zur verantwortung gezogen, denn er ist ein risiko, und das ziel der gesellschaft ist, interne risiken zu mindern. somit ergeht im falle einer 'untat' die aufforderung an die gesellschaft, den täter zu massregeln oder im extremeren fall auch zu erziehen.

    welcher libertarier könnte das nicht unterschreiben? wer hätte etwas gegen erziehung einzuwenden, einmal abgesehen von den befürwortern der todesstrafe?

    also, nach flauberts 'erziehung der gefühle' sollte allmählich eine 'erziehung der gedanken' bzw. 'intentionen' forciert werden ...

  49. Dietmar Hilsebein kein Betreff
    28.03.2010, 13:03

    "schönes zitat - und es stammt von wem? wüsste ich doch gerne. bzw. meine neugier in mir wüsste das gerne, so ist sie veranlagt, die schelmische ;)"

    Gurnemanz? R.Wagner, Parsifal, 1.Akt

  50. Edgar Dahl @ - yoatmon: Zwei Schubladen?
    28.03.2010, 13:11

    Ihre Ansicht entspricht meines Erachtens der der Libertarier, die behaupten, dass nicht alle, aber doch zumindest manche Handlungen frei sind. Ist da noch Raum für eine dritte Schublade? Und vor allem: Welche Handlungen halten sie für frei?

  51. Edgar Dahl @ - yoatmon: Libertarier
    28.03.2010, 13:29

    "Auch ich sehe eine tat als geschehen an, und nun gilt es, sie im kollektiv zu bewerten. der 'täter' wird zur verantwortung gezogen, denn er ist ein risiko, und das ziel der gesellschaft ist, interne risiken zu mindern. somit ergeht im falle einer 'untat' die aufforderung an die gesellschaft, den täter zu massregeln oder im extremeren fall auch zu erziehen.

    Welcher libertarier könnte das nicht unterschreiben?"

    Kein Libertarier würde das unterschreiben! Libertarier sind davon überzeugt, dass der Täter auch anders hätte handeln können. Da er aber nicht anders gehandelt hat, muss er jetzt für seine Tat büßen. Man setzt ihn nicht hinter Schloss und Riegel, um die Gesellschaft vor ihm zu schützen, sondern damit er die Strafe, die er VERDIENT habe, absitzt.

  52. Balanus Schuld, Verantwortung, Strafe /@Edgar D
    28.03.2010, 14:18

    » Wenn er im Moment der Tat aber gar nicht anders handeln konnte, wie kann man es ihm dann aber zum Vorwurf machen, dass er nicht anders gehandelt hat???«

    Ja, kann man. Wenn es einen Vorlauf gab, eine Phase der Abwägung und Entscheidungsfindung, wenn es also Handlungsalternativen gab. Wer in Kenntnis von Handlungsalternativen selbstbestimmt zur Tat schreitet, ist für diese Tat verantwortlich.

    Der Entscheidungsprozess, der zu einem bestimmten Handeln führt, kann letztlich doch nur dem selbstbestimmt Handelnden zugerechnet werden. Dabei spielt es keine Rolle, dass, wenn erst einmal diese Entscheidung zur Tat gefallen, ein gewisser Automatismus einsetzt und alles weitere Handeln dann wie von selbst zur Tat führt. Den jeweiligen Anteil der Fremdbestimmung bliebe im Einzelfall aber abzuklären.

    » Libertarier sind davon überzeugt, dass der Täter auch anders hätte handeln können. Da er aber nicht anders gehandelt hat, muss er jetzt für seine Tat büßen. Man setzt ihn nicht hinter Schloss und Riegel, um die Gesellschaft vor ihm zu schützen, sondern damit er die Strafe, die er VERDIENT habe, absitzt.«

    Da kommt wohl beides zusammen. Das Fehlverhalten, die Tat, hat ja stattgefunden. Und wenn es keine Fremdbestimmung gab, dann hat der Täter weitgehend selbstbestimmt gehandelt. Also muss er auch die Konsequenzen tragen. Sein Pech, dass er überhaupt zu dieser Tat fähig war. Dafür kann er aber nix. Deshalb wäre es falsch, von Schuld im christlichen Sinne zu sprechen.

  53. Edgar Dahl @ - Balanus: Schuld
    28.03.2010, 14:48

    Liegt hier nicht ein Widerspruch vor?

    Du hast auf die Frage:

    »Wenn er im Moment der Tat aber gar nicht anders handeln konnte, wie kann man es ihm dann aber zum Vorwurf machen, dass er nicht anders gehandelt hat???«

    mit

    "Ja, kann man!" geantwortet.

    Du sagst später aber, dass es "sein Pech" war, "dass er überhaupt zu dieser Tat fähig war. Dafür kann er aber nix. Deshalb wäre es falsch, von Schuld im christlichen Sinne zu sprechen."

    Können wir ihm sein Verhalten nun vorwerfen oder nicht?

  54. Tolya Glaukos kein Betreff
    28.03.2010, 14:54

    "Der Entscheidungsprozess, der zu einem bestimmten Handeln führt, kann letztlich doch nur dem selbstbestimmt Handelnden zugerechnet werden."

    ein beispiel: ich begehre den apfel am baum im garten meines nachbarn. wenn ich mich über den zaun strecke, kann ich ihn erreichen.
    ich schaue, ob mich jemand sieht. der nachbar ist nicht da, also spricht nichts dagegen, den apfel zu pflücken und zu verzehren.
    doch ich gehe ein risiko ein: der nachbar könnte um den apfel wissen und, wenn er dessen fehlen bemerkt, mich verdächtigen. wer sonst käme in frage?

    ich muss also ein risiko abwägen: zwar kann der nachbar mir nichts beweisen (sofern er seinen garten nicht videoüberwachen lässt ;-), aber ich muss doch auch befürchten, dass zumindest ein verdacht entsteht, der unser verhältnis belasten könnte. und schon mein eigenes wissen um den mundraub verändert mein eigenes verhalten dem nachbarn gegenüber.

    nun könnte man diese überlegung(en) vor einer handlung auslegen als einen ausdruck für ein 'selbstbestimmtes' handeln.
    aber handele ich wirklich selbstbestimmt? versuche ich nicht weit eher, so logisch wie möglich zu kombinieren, um die (für mich) beste lösung zu finden? ich wäge risiken ab, die durch mein begehren entstehen, und entscheide mich eigentlich immer für die mir am sinnvollsten erscheinende alternative.
    das heißt: ein mörder wählt ebenfalls die in seinen augen sinnvollste variante. man könnte sagen, er handele selbstbestimmt, aber letztendlich sind seine kriterien nur falsch. hätte er eine andere erziehung genossen, würde er andere kritieren von sinn in seiner aktuellen 'konfiguration' vorfinden, würde er anders handeln.

    der entscheidungsprozess ist also erst einmal eine individuelle sache, aber er läuft ab nach kriterien, die der handelnde im moment des handelns - und auch des abwägens - nicht selbst trifft. er hätte viel zu tun, das alles in frage zu stellen. er käme nie zu einer handlung, wenn er alles hinterfragen würde. da er also immer - aufgrund des zeitdrucks - irgendwann die hinterfragung abbrechen muss, kann er zu keinem idealen ergebnis kommen.

    also: wenn man individuen beim handeln beobachtet, werden deren entscheidungsprozesse immer individuell ablaufen (müssen).

    wenn die entscheidung eines individuums vom kollektiv als falsch befunden wird, macht es wenig sinn, den handelnden zu bestrafen - wie will man die entscheidungsprozesse denn selbst bestrafen?

    kann ich denn beispielsweise als informatiker eine spezielle programmroutine innerhalb eines automaten bestrafen? ich muss selbige, wenn ihre einbindung in das gesamtprogramm zu konflikten führt, überarbeiten, damit sie fortan mit dem system besser harmoniert ...

  55. Jürgen Bolt Strafen und durchwachte Nächte
    28.03.2010, 16:49

    @tolya glaukos: "wenn die entscheidung eines individuums vom kollektiv als falsch befunden wird, macht es wenig sinn, den handelnden zu bestrafen"

    Meinen Sie nicht, daß eine Strafe insofern sinnvoll sein kann, als ihre Androhung Teil des Entscheidungsprozesses sein und ihn in eine Richtung beeinflussen kann, die dem Kollektiv zuträglicher ist?

    Für die vollzogene Tat wäre die Strafe natürlich sinnlos, sie müßte aber dennoch vollstreckt werden, um die Drohung für zukünftige potentielle Taten aufrecht zu erhalten.

    @Edgar, Dietmar: Sind Eure Nachtwachen eigentlich ein Ergebnis Eurer freien Willensentscheidungen? :-)

  56. Tolya Glaukos @jürgen bolt ... erziehung
    28.03.2010, 18:05

    @jürgen bolt: "Meinen Sie nicht, daß eine Strafe insofern sinnvoll sein kann, als ihre Androhung Teil des Entscheidungsprozesses sein und ihn in eine Richtung beeinflussen kann, die dem Kollektiv zuträglicher ist?"

    ja und nein.
    ich glaube gut zu verstehen, was Sie meinen!
    ja, einem kleinen kind kann ich einen klaps geben, wenn es etwas 'verbotenes' tut, manchmal ist das die schnellste art des feedbacks. insbesondere, wenn ich nicht viel zeit habe, jetzt etwas zu erklären.
    mir scheint aber, dass die erziehungsmaßnahmen unter eigenem zeitdruck (oder gar stress) häufig extremer ausfallen.
    würde ich auf eine ohrfeige im affekt zurückschlagen, täte ich es einen tag später vermutlich nicht mehr - dafür würde ich dann andere maßnahmen ergreifen, also den schlagenden mit intellektuellen argumenten 'attackieren'.

    die abschreckende erzieherische wirkung etwa der todesstrafe ist meines wissens nicht belegt.

    allerdings schreiben Sie auch von 'androhung'. das wäre für sich noch nicht gleichzusetzen mit der tatsächlichen bestrafung. aber ich vermute, sie meinen nicht nur eine bloße androhung (im sinne einer präventiven abschreckung wie etwa im kalten krieg ... ).

    ängste wirken gewiss erzieherisch, da gebe ich Ihnen absolut recht. vermutlich gilt es hier abzuwägen: einen intellektuellen gegenüber kann man eher mit argumenten 'auf linie trimmen' (indem man ihn überzeugt, während man einen, mit verlaub, 'grenzdebilen' vermutlich besser konditioniert (was dann durchaus physisch ausagiert werden kann oder gar muss). weil letzterer eine argumentation jenseits von ich-tarzan-du-jane vermutlich nicht prozessieren kann ...

    das heißt wohl: augenmaß ist gefordert.

    oder wie sehen Sie das?

  57. Balanus @Edgar und Tolya
    28.03.2010, 18:25

    @Edgar

    » Können wir ihm sein Verhalten nun vorwerfen oder nicht? «

    Ich meine, ja. Der Vorwurf richtet sich nur gegen sein Handeln, nicht gegen seine Persönlichkeitsstruktur. Das gebietet doch auch die Achtung vor der Würde des Menschen. Das Verhalten einer Seescheide kann ich nicht bewerten, das Verhalten eines Menschen schon, mehr noch, ich muss es bewerten, weil ich es nicht mit einem Tier zu tun habe. Ich erkenne aber an, dass es mildernde Umstände gibt oder geben kann, die Selbstbestimmung eines Menschen kann erheblich eingeschränkt sein.

    @Tolya

    » der entscheidungsprozess ist also erst einmal eine individuelle sache, aber er läuft ab nach kriterien, die der handelnde im moment des handelns - und auch des abwägens - nicht selbst trifft.«

    Du meinst sicherlich, dass der Handelnde sich beim Entscheiden nicht aller seiner Kriterien bewusst ist. Muss er auch nicht. Auf jeden Fall aber ist er es selbst, der die Entscheidung trifft. Niemand anders kramt die Kriterien aus dem Unterbewusstsein hervor und reflektiert sie. Wir können den Entscheidungsprozess nicht von der Person, die entscheidet, trennen. Ein Mensch bzw. eine Person wird nicht durch Gehirnprozesse zum Handeln genötigt, die Gehirnprozesse _sind_ die Person.

    Die Selbstbestimmung ist natürlich nie absolut (das ist Gott vorbehalten). Aber ein geistig gesunder Mensch kann allemal selbstbestimmter handeln als ein Tier. Und wenn er aufgrund seiner Sozialisation und/oder genetischen Ausstattung falsche Entscheidungskriterien heranzieht, so kann das bei der Bewertung des Handelns berücksichtigt werden. Das ist ein ganz normaler Vorgang.

    » kann ich denn beispielsweise als informatiker eine spezielle programmroutine innerhalb eines automaten bestrafen? ich muss selbige, wenn ihre einbindung in das gesamtprogramm zu konflikten führt, überarbeiten, damit sie fortan mit dem system besser harmoniert ...«

    Das klingt, als würdest Du voraussetzen, dass ein Entscheidungsprozess bei einem Menschen nur _ein_ Ergebnis haben kann (wie bei einer Programmroutine). Über den Sinn und Unsinn von Bestrafungen will ich mich hier gar nicht auslassen.

  58. Jürgen Bolt @tolya Glaukos
    28.03.2010, 18:58

    "oder wie sehen Sie das?"

    Ich bin nicht sicher, ob Sie mich richtig verstanden haben. Ich wollte weder von Ohrfeigen von Kindern im Affekt noch von Todesstrafen sprechen, für die ich keine Sympathien habe.

    Ich meine, wir sprechen hier von zwei verschiedenen Freiheiten: des Handelns und des Willens. Letztere bestreite ich. Erstere verstehe ich so: Wir können uns zwischen Handlungsalternativen frei entscheiden, indem wir die möglichen Folgen antizipieren und unsere Handlungen damit begründen.

    Zu diesen möglichen Folgen kann auch eine Bestrafung zählen, so daß Strafandrohungen die Wahrscheinlichkeit antisozialen Verhaltens reduzieren sollten. Mir scheint daher ein Rechtssystem, das antisoziales Verhalten bestraft und das durch menschliche Handlungsfreiheit begründet, sinnvoll.

    Da ich Willensfreiheit bestreite, stimme ich Balanus zu, wenn er Vorwürfe gegen die Persönlichkeitsstruktur ablehnt. Hier scheinen mir auch erhebliche Verbesserungsmöglichkeiten zu bestehen. Auf dem Gebiet der persönlichen Lebensgestaltung wäre das möglicherweise ein "Amor fati."

  59. Tolya Glaukos @balanus & bolt,
    28.03.2010, 20:02

    „Wir können den Entscheidungsprozess nicht von der Person, die entscheidet, trennen. Ein Mensch bzw. eine Person wird nicht durch Gehirnprozesse zum Handeln genötigt, die Gehirnprozesse _sind_ die Person.“

    voll und ganz einverstanden, balanus.
    auch, dass ein mensch über größere handlungsspielräume verfügt als etwa ein tier – also insgesamt am differenziertesten auf seine aktuellen umweltbedingungen reagieren kann.
    (wiewohl auch innerhalb der spezies mensch enorme unterschiede zu konstatieren wären …)

    „Das klingt, als würdest Du voraussetzen, dass ein Entscheidungsprozess bei einem Menschen nur _ein_ Ergebnis haben kann (wie bei einer Programmroutine).“

    das ist definitiv meine meinung. man nehme gehirnkonfiguration g1 zum zeitpunkt z1, dann ergibt sich: g1(z1) -> g2(z2) -> g3(z3)
    nähme man etwas anderes an, hieße das m.e., dass das gehirn naturgesetze transzendieren kann (bzw. naturgesetze generell nichts definitives darstellen).

    @bolt,
    ja, ich bin ein wenig abgedriftet in der ersten hälfte meines statements, sorry. danke für die konkretisierung!

    „Erstere verstehe ich so: Wir können uns zwischen Handlungsalternativen frei entscheiden, indem wir die möglichen Folgen antizipieren und unsere Handlungen damit begründen.“

    ich würde es geringfügig anders formulieren: in uns können handlungsalternativen abgewogen werden, und während der abwägung werden auch die folgen antizipiert. die wahl fällt schließlich auf die als am sinnvollsten erscheinende handlung (und der sinn ist hierbei gleichbedeutend mit der begründung).

    „Mir scheint daher ein Rechtssystem, das antisoziales Verhalten bestraft und das durch menschliche Handlungsfreiheit begründet, sinnvoll.“

    ja, sanktionen sind unumgänglich.
    wir haben offenbar eine abweichende definition von STRAFE. so kann ja jemand eine erziehungsmaßnahme, die zu dessen nutzen gedacht ist, dennoch als strafe auffassen. weil sie von ihm verlangt, dass er etwas ändert … und ihm die einsicht fehlt, dass die änderung auch für ihn ein vorteil darstellen kann. ich denke bei strafe automatisch an folter, auch an rache – vermutlich ist das nicht korrekt ….

  60. Jürgen Bolt @tolya glaukos: Entschuldigung abgelehnt
    28.03.2010, 20:44

    Ich muß Ihre Entschuldigung für Ihr Abdriften ablehnen, denn ich halte es für genauso wahrscheinlich, daß ich mich schlecht ausgedrückt habe, wie daß Sie mich schlecht verstanden haben. Also muß ich mich bei Ihnen entschuldigen und für Ihre Geduld bedanken.

    Verstehe ich Sie richtig, dann betrifft Ihre Bemerkung zu Hirnkonfigurationen die Willensfreiheit, während Balanus von Handlungsfreiheit gesprochen hatte.

    Nehme ich richtig an, daß Sie diese Determiniertheit rein hypothetisch postulieren? Ein Laplacescher Dämon könnte zum Zeitpunkt z1 vielleicht g3 vorhersagen, wir Menschen versagen schon beim Wetter?

  61. Balanus Laplacescher Dämon /@Tolya u. @Bolt
    28.03.2010, 22:07

    » das ist definitiv meine meinung. man nehme gehirnkonfiguration g1 zum zeitpunkt z1, dann ergibt sich: g1(z1) -> g2(z2) -> g3(z3)
    nähme man etwas anderes an, hieße das m.e., dass das gehirn naturgesetze transzendieren kann (bzw. naturgesetze generell nichts definitives darstellen).
    «

    Von g1(z1) ausgehend gibt es schon zig Möglichkeiten von g2(z2) und noch mehr Möglichkeiten von g3(z3). Und all das völlig im Rahmen der Naturgesetze.

    Angenommen, das stochastische Öffnen mehrer Ionenkanäle oder die zufallsbedingte Ausschüttung von Transmittern aus den synaptischen Vesikeln bewirken in einem Neuron ein Aktionspotential, welches in der Folge dazu führt, dass eine bestimmte Erinnerung ins Bewusstsein gelangt—dann ist es schon aus mit der Vorhersagbarkeit zukünftiger Hirnzustände.

    Und somit, lieber Herr Bolt, wäre wohl auch der Laplacesche Dämon überfordert. Genauso wie beim deterministischen Chaos (Wetter) lässt sich der zukünftige Systemzustand des Gehirns kaum vorhersagen. Trotz deterministisch ablaufender Prozesse.

  62. Tolya Glaukos @jürgen bolt
    28.03.2010, 22:11

    "Verstehe ich Sie richtig, dann betrifft Ihre Bemerkung zu Hirnkonfigurationen die Willensfreiheit, während Balanus von Handlungsfreiheit gesprochen hatte."

    entschuldigen Sie, welche bemerkung meinerseits meinten Sie bitte? ich glaube, mir geht die übersicht verloren ... ;)

    (ich selbst habe bis vor diesem thread hier nicht zwischen willens- und handlungsfreiheit unterschieden ...)

    "Nehme ich richtig an, daß Sie diese Determiniertheit rein hypothetisch postulieren?

    ja. beweisen kann ich den determinismus nicht - ebensowenig wie er sich widerlegen ließe. so besehen ist jedwede äußerung zu diesem thema an sich hypothetisch.

    "Ein Laplacescher Dämon könnte zum Zeitpunkt z1 vielleicht g3 vorhersagen, wir Menschen versagen schon beim Wetter?"

    er könnte, wenn es ihn geben könnte.
    wir versagen beim wetter, richtig ... und wir werden auch versagen bei der vorhersage von verbrechen - eine disziplin, für die unsere lieben geheimdienste neuerlich eine extrem heiße leidenschaft hegen ... ;)

    ... doch bitte, verraten Sie mir noch eines: was war die intention ihrer anmerkung mit dem wetter? war das sibyllinische ironie ...?

  63. Tolya Glaukos @balanus
    28.03.2010, 22:25

    "Angenommen, das stochastische Öffnen mehrer Ionenkanäle"

    entschuldige, aber was ist ein 'stochastisches öffnen mehrerer ionenkanäle'?

    "... oder die zufallsbedingte Ausschüttung von Transmittern aus den synaptischen Vesikeln ..."

    und wer sagt, dass der zufall echter zufall ist? beweisen lässt sich das nicht ...

    angenommen jedoch, es wäre so, dass nahezu willkürlich eine zukunft ausgewürfelt wird, wie du schreibst, und das auch noch im rahmen der naturgesetze ... wozu wären dann die naturgesetze da? sie bilden den rahmen, in dem sich chaos ereignet? damit das chaos nicht aus dem kosmischen bild herausfällt?
    deute ich das richtig?

  64. Balanus Zufallsereignisse /@Tolya
    28.03.2010, 23:10

    » angenommen jedoch, es wäre so, dass nahezu willkürlich eine zukunft ausgewürfelt wird, wie du schreibst, …«

    Das habe ich nicht geschrieben. Ich stelle in den Raum, dass es auch im Gehirn höchstwahrscheinlich Zufallsereignisse gibt (weil es in lebenden Systemen auch quantenmechanische Ereignisse gibt), die das Denken beeinflussen und in eine bestimmte Richtung lenken können.

    Ionenkanäle haben die Eigenschaft, sich zufällig zu Öffnen und zu Schließen. Das bewirkt eine Art Grundrauschen. Wenn nun zufällig viele gleichzeitig offen sind, könnten diese Quanteneffekte in der deterministischen Welt Wirkungen haben und vielleicht der Auslöser für eine bestimmte Handlungsentscheidung sein. So etwas wäre durchaus möglich.

  65. Tolya Glaukos kein Betreff
    29.03.2010, 00:23

    nur, weil wir aktuell in mikrokosmischen 'ensembles' ein rauschen vorfinden, ist doch noch lange nicht gesagt, dass dieses rauschen tatsächlich auf 'reinem zufall' beruht. was, wenn wir die gesetzmäßigkeiten lediglich nicht kennen? und es wäre ja geradezu sonderbar, wenn wir NICHT in neuen forschungsgebieten auf 'rätsel' oder auch 'rauschen' stießen.

    aber selbst wenn diese ionenkanäle 'reinen zufall' generierten: sie sind dennoch organisiert innerhalb eines größeren systems. ihr zufallsverhalten könnte somit hin und wieder stören, ja es könnte auch auf diese weise für kreative effekte sorgen, die ein vollgeordnetes system nicht hervorbringen könnte ... nur wären sie letztlich doch immer eingebettet in ein stabiles übergeordnetes system, das so organisiert ist, dass in ihm diese ionenkanäle überhaupt 'existieren' können.

    doch retour zum thema: würde 'ionisch' gewürfelt, wäre das kein beleg für irgendeine freiheit des geists ... handlungsfreiheit oder auch willensfreiheit können ja schwerlich auf zufall beruhen, oder?

  66. Balanus @Tolya
    29.03.2010, 00:48

    » doch retour zum thema: würde 'ionisch' gewürfelt, wäre das kein beleg für irgendeine freiheit des geists ... handlungsfreiheit oder auch willensfreiheit können ja schwerlich auf zufall beruhen, oder? «

    Genau! Das zeigt nur, dass auch in einer deterministischen Welt nicht alles vorhersagbar bzw. vorherbestimmt ist.

    "Reiner" Zufall ist das Verhalten der Ionenkanäle sicher nicht. Ist wohl vergleichbar mit dem radioaktiven Zerfall.

  67. Tolya Glaukos @balanus
    29.03.2010, 01:31

    "Genau! Das zeigt nur, dass auch in einer deterministischen Welt nicht alles vorhersagbar bzw. vorherbestimmt ist."

    vorhersagbar nicht.
    aber zu 100% vorherbestimmt. sonst wäre es kein determinismus ... ein bisschen schwanger geht ja auch nicht, oda? ;)

  68. Balanus @Tolya
    29.03.2010, 02:55

    Gehe zurück auf Los!

  69. Jürgen Bolt @Tolya: Ironie
    29.03.2010, 09:00

    "war das sibyllinische ironie ...?" Sorry, ich kann nicht ohne Ironie, das ist aber bestimmt nicht abwertend oder zynisch gemeint, ganz im Gegenteil. Denken Sie vielleicht an Dante, der sein 'Sacrato poema' 'Commedia' genannt hat.

    Zu Eurer Diskussion. Sprechen stochastische Ereignisse gegen Determinismus? Darüber bin ich mir nicht im klaren. Ich neige dazu Euch zuzustimmen: "Das zeigt nur, dass auch in einer deterministischen Welt nicht alles vorhersagbar bzw. vorherbestimmt ist."

    Bin ich hier eigentlich der einzige Diskutant mit einem tageslicht-getriggerten Nucleus suprachiasmaticus?

  70. Tolya Glaukos @balanus, jürgen bolt
    29.03.2010, 10:48

    meinst du den spinoza, balanus?
    dazu hätte ich ein selbst'zitat' ;)

    oder die spontan zerfallenden atome?
    ich könnte recht leicht einen algorithmus schreiben, der sonderbare zahlen produziert, wie etwa

    10 - 412 - 22 - 1442 - 333 - 309 - 74 - ...

    aus denen du unmöglich die nächste zahl errechnen können wirst. es muss dir weitestgehend beliebig oder 'zufällig' oder 'spontan' erscheinen, welche zahl als nächstes kommt. und doch kann es nur eine sein.

    je komplexer der algorithmus, desto unmöglicher die prognose. aber dennoch steht in dem fall das ergebnis schon fest.

    @jürgen bolt,

    lichtscheu bin ich nicht, ich genieße die morgendliche applizierung von sonnenlicht auf meinem gesicht, wenn mein gehirn halbschläft. mein nuc.sup. ist allerdings durchaus eulengleich asynchronisiert ...

    jawohl, ich denke an dante, gerne. immer wieder.
    (was hat er zum wetter geschrieben? gibts da hartes oder strikt determiniertes 'höllenwetter'? ;)

  71. Balanus Determinismus
    29.03.2010, 12:02

    @Jürgen Bolt

    » Sprechen stochastische Ereignisse gegen Determinismus?«

    Ich denke, nein. Ereignisse, die nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auftreten, widersprechen nicht einem durchgängigen Determinismus. Aber sie haben zur Folge, dass nicht alles vorherbestimmt sein kann.

    @Tolya

    » ich könnte recht leicht einen algorithmus schreiben, der sonderbare zahlen produziert, wie etwa

    10 - 412 - 22 - 1442 - 333 - 309 - 74 - ...

    aus denen du unmöglich die nächste zahl errechnen können wirst. es muss dir weitestgehend beliebig oder 'zufällig' oder 'spontan' erscheinen, welche zahl als nächstes kommt. und doch kann es nur eine sein.«

    Dann meinst du also, jedes Atom hat sein eigenes (überkomplexes) Zerfallsprogramm und kann nur zum vorbestimmten Zeitpunkt zerfallen. Nur, weil wir das zugrunde liegende Programm nicht kennen, erscheint uns das Ereignis zufällig.

    Und dies ist ein durchgängiges Prinzip im Universum. Es gibt keine Zufallsmutationen und keine zufällige Verteilung der Gene auf die Keimzellen. Ergo steuert auch die Evolution auf ein vorbestimmtes Ziel zu, ein Ziel, das bereits beim vermuteten Urknall schon feststand.

    Wahrlich, das nenne ich einen harten Determinismus, der keine "Löcher" (Wicht) kennt.

  72. Helmut Wicht @ Balanus/Determinismus
    29.03.2010, 13:05

    "Ereignisse, die nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auftreten, widersprechen nicht einem durchgängigen Determinismus. Aber sie haben zur Folge, dass nicht alles vorherbestimmt sein kann."

    Womöglich verstehe ich die Physik und die Mathematik falsch, dann möge man mich lehren. Aber wenn ich einen einzelnen radioaktiven Atomkern beobachte, dann kann ich (im Gegensatz zu Halbwertzeiten ganzer Ansammlungen solcher Atome) keine stochastische Aussage darüber machen, wann er zerfällt. Er könnte jetzt, nie oder zwischendurch zerfallen.

    Ich weiss, dass er, wenn er zefallen ist, zerfiel, weil er instabil war. Die Instabilität ist aber nicht die Ursache des Zerfalls, denn er war es ja schon, bevor er zerfiel.

    Ich kann also keine Ursache für einen durchaus beobachtbaren Effekt nennen - Stabilität einerseits, Zerfall andererseits.

    Das erscheint mir als Verletzung des Prinzips des Satzes vom Grund. Und wenn man nun, zu dessen Rettung, darauf rekurriert, das irgendein verborgenes, "inneres Programm" in dem Kern liefe, dann muss ich

    - entweder meine Ignoranz zugeben (denn ich weiss nicht, ob die Physiker ein solches "Programm" nicht schon längst erkannt haben)

    - oder aber die Behauptung dieses Programmes als "petitio principi" zurückweisen, denn damit würde das, was bewiesen werden soll, unterstellt: die Determiniertheit des Zerfallszeitpunktes eben.

  73. Balanus Atomares Programm /@Wicht
    29.03.2010, 14:33

    Ein inneres Programm im Atomkern vermute ich als Nichtphysiker auch nicht (Tolya Glaukos vielleicht). Aber dennoch hat jedes Isotop eine ganz bestimmte Halbwertszeit. Die Instabilitäten unterschiedlicher Kerne sind verschieden. Der Zerfall (auch einzelner Kerne) ist also nicht völlig beliebig, sondern abhängig von den intrinsischen Eigenschaften des Elements.

    Ich stelle mir das—ganz unphysikalisch—so vor, dass es eine Art Isotop-spezifischen Schwellenwert gibt. Wenn der durch die ständig wirkenden inneren Kräfte im Kern überschritten wird, kommt es zum Zerfall.

    Auf diese Weise rette ich meine Vorstellung vom durchgängigen Determinismus. Der genaue Zerfallszeitpunkt ist dabei natürlich nicht determiniert—aber was ist schon ein Zeitpunkt?

  74. Helmut Wicht @ Balanus / Determiniertheit
    29.03.2010, 15:15

    Wir bräuchten 'nen Physiker.

    Eine Halbwertzeit eines EINZELNEN Kernes kann man nicht angeben - um das apodiktisch sagen zu können, reicht, so hoffe ich, meine mathematisch/naturwissenschaftliche Expertise aus.

    Und ja, wahrscheinlich laufen da im Inneren des Kerns alle möglichen Schrödingerquantenfeldgleichungssuperpositionsgeschichten ab, die kein normaler Mensch versteht und die irgendwann mal einen kritischen Wert übersteigen - boing.

    Nur sagen all diese Gleichungen eben auch nur etwas über die Wahrscheinlichkeit (also über viele Ereignisse hinweg), also nichts über Einzelereignisse.

    Irgendwo las ich mal, dass die Aussage: "ein Ereignis X tritt mit der Wahrscheinlichkeit Y auf" gar nicht wahr sei. Das Ereignis tritt entweder ein. Oder nicht.

    Gab' mir zu denken...

  75. Physiker Ansichten eines Physikers
    29.03.2010, 15:19

    Folgende Anmerkungen als Außenstehender und Naturwissenschaftler zu diesem Blog-Beitrag:

    Ich muss dem zweiten Kommentar (Ingo-Wolf Kittel) voll und ganz zustimmen: nach kurzem Einlesen in elementares Grundwissen zu diesem Thema wird klar, dass selbst Wikipedia (von Ingo-Wolfs Einführung ganz zu schweigen) tiefsinnigere Inhalte vorweisen kann als obiger Text. Da wird einfach die schrullige Definition eines x-beliebigen Philosophen, der wohl dem Libertarismus zugezählt wird, hergenommen und als allgemein anerkannt dargestellt, nur um damit dann anschließend scheinbar den gesamten Libertarismus zu widerlegen.
    Leser, die diese Strohmann-Argumentation nicht durchschauen, müssen schon sehr unterbelichtet sein.

    Zusätzlich verwundert mich der (fast schon missionarische) Eifer, mit dem der Autor seine weltanschauliche Sicht propagiert. Und ich dachte immer, philosophische Erkenntnisse ließen sich vornehmlich daraus schließen, sich in verschiedene Standpunkte hineinzudenken und voranzutreiben... stattdessen sehe ich nur ideologisch verbissene Grabenkämpfe.

    Nicht zuletzt wundere ich mich als Physiker auch noch über die hoffnungslos veraltete Vorstellung des Autors über eine derterministische Welt. Entschuldigung, aber selbst ohne Einführung in das Grundwissen zur Philosophie zum Thema "Willensfreiheit und Determinismus" ist jedem einigermaßen gebildeten Menschen klar, dass der Autor wohl die Erkenntnisse des gesamten 20.Jahrhunderts verschlafen hat.

  76. Physiker @ Balanus @ Helmut Wicht
    29.03.2010, 15:42

    Der radioaktive Zerfall eines Kerns ist nicht deterministisch. Wir Physiker können *beweisen* dass die Naturgesetze nicht deterministisch sind. Das ist kompliziert, geht aber. Die Stichwörter dazu lauten EPR-Effekt und Bellsche Ungleichungen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bellsche_Ungleichung
    Man kann also in einem Experiment nachprüfen ob es sog. "verborgene Parameter" gibt. Die Experimente wurden druchgeführt und die Ergebnisse sind eindeutig:
    Es gibt "echten Zufall". Es gibt keine verborgenen Parameter. Es läuft kein verborgenes Programm im Teilchen ab.

    N.B.:
    - die Angabe einer Halbwertszeit für ein einzelnes Teilchen ist sinnvoll
    - Wahrscheinlichkeiten für Einzelereignisse sind auch wohldefiniert (es gibt auch noch die sog. Bayes-Statistik)

  77. Helmut Wicht @ "Physiker"
    29.03.2010, 15:50

    ..aha. Danke.

    Beim "nota bene" verstehe ich was nicht. Wenn "Halbwertszeit" die Zeit ist, zu der die Hälfte der Kerne zerfallen ist - was ist dann die "Halbwertszeit" eines Einzelkernes? Kann ja schlecht "halbzerfallen" sein.

    Oder spielt mir da die Sprache einen Streich?

  78. Physiker @ Helmut Wicht
    29.03.2010, 16:12

    Die Sprache spielt uns sowieso einen Streich, denn in unserer makroskopischen Welt gibt es gar kein Analogon zu dem was im Mikroskopischen passiert. Wenn das Teilchen zu Beginn im Zustand
    |nicht zerfallen>
    war, dann ist es nach der Halbwertszeit im Zustand
    0,5*|nicht zerfallen> + 0,5*|zerfallen>,
    also genau das, was Sie intuitiv ausschließen ("halb zerfallen" -> siehe Schrödingers Katze). Erst die Messung projiziert den Zustand auf einen der beiden Möglichkeiten. Wenn Sie das Experiment oft genug wiederholen, erhalten Sie die gewohnte Häufigkeitsverteilung.

  79. Jürgen Bolt Determinismus
    29.03.2010, 16:26

    "Es gibt "echten Zufall". Es gibt keine verborgenen Parameter. Es läuft kein verborgenes Programm im Teilchen ab."

    Soweit ist das schon klar. Bohr hatte recht und Einstein nicht, trotz seiner ganzen Folklore vom nicht würfelnden Alten und Schrödingers Katze. Nur: auch die zufälligen Ereignisse folgen Regeln, die sie beschreib- und vorhersagbar machen, probalistischen Regeln. Es gibt für auch für den einzelnen Atomkern eine Wahrscheinlichkeit, mit welcher er in einer bestimmten Zeit zerfällt. Ob eine entspanntere Definition von Determinismus, die solche probalistische Regeln einschließt, sinnvoll ist, weiß ich eben nicht. Ich neige, wie oben gesagt, im Moment dazu.

    Und Einstein gegenüber habe ich dazu auch das Recht. Denn seine vierdimensionale, in sich gekrümmte Raumzeit finde ich genauso unverständlich wie Wahrscheinlichkeitswellen.

  80. Balanus @Physiker
    29.03.2010, 20:38

    Besten Dank auch von meiner Seite. :-)

    » Wir Physiker können *beweisen* dass die Naturgesetze nicht deterministisch sind.«

    Das klingt dramatisch. Aber was bedeutet das konkret für lebende Systeme?

    » Die Sprache spielt uns sowieso einen Streich, denn in unserer makroskopischen Welt gibt es gar kein Analogon zu dem was im Mikroskopischen passiert. «

    Für Organismen gelten sowohl mikro- als auch makroskopische Gesetzmäßigkeiten. Wenn wir von "Willensfreiheit und Determinismus" reden, bezieht sich das offensichtlich aufs Makroskopische. Oder doch nicht?

    Was für eine Rolle spielt es für die so genannte "Willensfreiheit", wenn es im Mikroskopischen nicht solche Kausalbeziehungen gibt wie im Makroskopischen? Ich vermute mal, keine. Weil "Willensfreiheit" ohnehin ein philosophisches Konstrukt ist, das keinerlei Bezug zu den Gesetzmäßigkeiten der physikalischen Welt hat.

    Vielleicht sollte man auch den physikalischen vom philosophischen Determinismus trennen.

  81. Ingo-Wolf Kittel @ Physiker
    29.03.2010, 20:57

    Ist Ihnen die Unterscheidung von Sukzessions- oder Verlaufsgesetzen und Koexistenzgesetzen geläufig?

    Keil weist auf S. 46 seines Büchls darauf hin, dass gerade die fundamentalsten "Naturgesetze", real die grundlegenden physikalischen "Gesetze" keine Aussagen über reale Abläufe sind - damit auch keine Beschreibungen von kausalen Zusammenhängen darstellen... - und als solche nichts darüber aussagen, was tatsächlich geschieht!

    Vielmehr würde es sich gerade bei diesen grundlegenden sog. "Gesetzen" real um Aussagen "über das Verhältnis physiklischer Größen" handeln.

    In diesem Zusammenhang verweist er auch auf die neuerdings diskutierte "gesetzesskeptische These" von Nancy Cartwright in ihrem Buch "How the Laws of Physics Lie", dass noch nie ein "uneingeschränkt wahrer Immer-Wenn-Dann-Satz über empirische Regularitäten", also eine immer zutreffende gesetzesartige Aussage über einen kausalem Zusammenhang von irgendjemandem jemals vorgelegt worden ist und noch stärker: "dass auch wenig dafür spricht, dass es solche Gesetze überhaupt gibt."

  82. Physiker @ Ingo-Wolf Kittel
    30.03.2010, 11:43

    Wie gesagt, ich bin nicht vom Fach und mir sind diese Begriffe nicht geläufig.

    Dass Naturgesetze angeblich keine Zeitentwicklung beinhalten sollen, klingt befremdlich, denn damit würden die fundamentalsten Naturgesetze wie z.B. die Thermo*dynamik*, die Elektro*dynamik* und Quanten[...]*dynamik* ignoriert. Offensichtlich ist etwas anderes gemeint - können Sie kurz erklären, was?

    Ansonsten erinnert mich die "gesetzesskeptische These" an ein wiederaufflammen des Cartesisen Skeptizismus.

  83. Ingo-Wolf Kittel Und ich bin kein Physiker ;- )
    30.03.2010, 12:52

    Ich habe von dem Ausdruck "Koexistenzgesetzt" erstmals bei Keil gelesen. Am besten zitiere ich ihn selbst:

    "Newtons Gravitationsgesetz sagt nicht, dass jeder Körper, der aus einem Meter Höhe auf den Boden fällt, mit der und der Geschwindigkeit unten ankommt. Es sagt überhaupt nichts darüber, was tatsächlich geschieht. Es sagt etwas über das Verhältnis physikalischer Größen, nämlich darüber, wie die Gravitationskraft, die zwischen zwei Körpern besteht, sich zu ihren Massen und ihrem Abstand verhält."

    In Kürzelform werden Koexistenzaussagen deswegen mit dem Gleichheitszeichen = geschrieben.

    Sukzessionsgesetze der Art "immer wenn A, dann B" sind schon formal von anderer Art. Logisch werden sie "Subjunktionen" genannt und in Kurzform mit Pfeil -> geschrieben.

    Kausalerklärungen sind wie alle "Erklärungen" noch komplexer. Hier wird eine Aussage über ein einzelnes Ereignis unter eine Kombination von wenigstens zwei weiteren Aussagen "subsumiert", zu der mindestens ein Verlaufs- oder Sukzessionsgesetz gehört. In dem von mir schon genannten Eintrag zum DN-Modell der wissenschaftlichen Erklärung in der Wikipedia wird das zu erläutern versucht.

    Üblicher als "subsumieren" ist der Ausdruck "reduzieren" für "zurückführen"; denn bei allen Ursache-Wirkungs-Behauptungen wird ein Ereignis oder eine Ereigniskette B unter Bezug auf ein "Gesetz", das sowohl für B wie für eine oder mehrere "Voraussetzungen" A (auch "Antezedensbedingungen" genannt) gilt und insbesondere ein nachgewiesenermaßen kausales und nicht bloß zeitliches Verhältnis beider zueinender beschreibt, auf ein real festgestelltes Ereignis dieser Art A bzw. eine ganze Reihe davon "zurückgeführt" oder "ursächlich" in Verbindung gebracht.

  84. Physiker @ Ingo-Wolf Kittel
    30.03.2010, 16:20

    "Newtons Gravitationsgesetz sagt nicht, dass jeder Körper, der aus einem Meter Höhe auf den Boden fällt, mit der und der Geschwindigkeit unten ankommt."

    Doch. Genau das sagen Newtons Gravitationsgesetze aus. Die Bewegungsgleichungen der klassischen Mechanik geben eine Zeitentwicklung (in Form von Differentialgleichungen) an. Und eine Zeitentwicklung lässt sich immer (durch Integration) in die Form
    "immer wenn A, dann B"
    bringen.

    Ich sehe jetzt zwei potentielle Einwände:
    (a) Die Bedingungen für die das Newtonsche Gravitationsgesetz streng genommen gelten, sind nirgendwo in unserem Universum realisiert.
    (b) Es handelt sich bei jedem Naturgesetz um ein Modell. Niemand weiß, wie die dahinter liegende Realität aussieht.

    Dazu meine Antwort:
    (a) ist ein Scheineinwand, denn die klassische Mechanik lässt sich natürlich (mit Hilfe der Mathematik) genau so formulieren, dass sich kein einziges Experiment im Rahmen des Gültigkeitsbereichs finden lässt, dass widersprüchliche Ergibnisse liefert. Das ist nämlich genau die Definition eines Naturgesetzes. Eine solche Formulierung ist dann eben nicht mehr so allgemeinverständlich wie die obige populäre Fassung und klingt dann auch nicht mehr so hypothetisch (Luftleerer Raum, keine weiteren Kräfte,...).

    (b) ist genau die Argumentation eines Cartesischen Skeptikers. Diese Position wurde aber inzwischen eindeutig widerlegt:
    http://gehirnimtank.de/

    Aus diesen Gründen (und weil ich bisher nur den Anfang des Buches gelesen habe) verstehe ich diesen Ausschnitt aus Keils Buch nicht.

  85. Edgar Dahl @ - Ingo-Wolf Kittel: Geert Keil
    31.03.2010, 15:21

    Lieber Herr Kittel, mir ist immer noch nicht ganz klar, wie Keil der Meinung sein kann, dass wir auch unter identischen inneren und äußeren Randbedingungen anders hätten handeln können, als wir tatsächlich gehandelt haben.

  86. Edgar Dahl @ - Physiker: Geert Keil
    31.03.2010, 16:31

    Lieber "Physiker", ich fände es schön, wenn Sie mich über Ihre Lektüre des Buches von Keil auf dem Laufenden halten könnten. Ihre Meinung würde mich wirklich sehr interessieren.

    Ich denke, dass es so oder so keine Willensfreiheit geben kann. Menschliches Denken, Fühlen und Wollen sind Funktionen unseres Gehirns. Unser Gehirn arbeitet entweder deterministisch oder indeterministisch. Arbeitet es deterministisch, bleibt für Freiheit kein Raum. Arbeit es indeterministisch, bleibt zwar Raum für Zufall, aber nicht für Freiheit. Würden sich unsere Handlungen dem Zufall verdanken, wären wir aber um keinen Deut freier. Im Gegenteil: Wir wären die Opfer unserer eigenen Taten!

    Natürlich kann jemand einen Cartesischen Geist beschwören. Doch meines Erachtens verschiebt sich das Problem dadurch nur. Selbst wenn der Dualismus wahr wäre und wir neben unserem Gehirn noch einen Geist haben sollten, stellte sich sofort wieder die Frage, ob unser Geist auch anders hätte entscheiden können, als er entschieden hat.

    Eine Frage: Soweit ich es verstehe, ist das Hauptproblem des Dualismus, dass man gar nicht weiß, wie eine immmaterielle Substanz eine materielle Substanz verändern kann und dass dies die Energierhaltungssätze verletzen würde.

    Letztlich behauptete auf diesem Blog jemand, dass die Energieerhaltungssätze problemlos verletzt werden könnten. Könnten Sie ganz kurz etwas dazu sagen?

  87. W. Kasemir @Dahl
    05.04.2010, 17:38

    Sehr geehrter Herr Dahl,

    eine tolle Diskussion, die Sie hier führen! Lese sie mit großem Interessen, verstehe allerdings nicht alles.

    MfG

    W. Kasemir

  88. Ingo-Wolf Kittel Denkvoraussetzungen
    05.04.2010, 23:48

    "Lieber Herr Kittel, mir ist immer noch nicht ganz klar, wie Keil der Meinung sein kann, dass wir auch unter identischen inneren und äußeren Randbedingungen anders hätten handeln können, als wir tatsächlich gehandelt haben."

    Bitte, Herr Dahl, berücksichtigen Sie doch, was Sie für Ihre Auffassungen voraussetzen. Schon rein logisch muss dann alles andere außerhalb Ihres "Horizonts" bleiben, kann Ihnen per definionem, also per Um- bzw. Begrenzung oder eben nach Voraussetzung "nicht ganz klar" sein. Wenn Sie Geert Keil verstehen wollen, werden Sie nicht umhin können, erst einmal das zur Kenntnis zu nehmen, wovon er ausgeht statt ihm nur Ihre Denkweise entgegen zu halten. Wenn Sie nicht berücksichtigen, was andere wie er einbringen, müssen Ihnen auch seine Darlegungen "unverständlich" sein und bleiben.

    Keil geht nicht wie Sie von dem Denkmodell des Determinismus aus! Er diskutiert es vielmehr - in dem genannten TB auf insgesamt 32 Seiten. Nach (nicht nur) seiner Analyse gehört es für ihn zu den "unhaltbaren philosophischen Doktrinen", auf die er pauschal in seiner 2. These (s. hier) hinweist.

    Wenn Sie diese Doktrin wider alle (m.W. übrigens seit langem, nämlich schon im griechischen Altertum bekannten und diskutierten) Argumenten als Ausgangspunkt aus welchen Gründen auch immer beibehalten, muss ich das respektieren, aber nicht für richtig halten.

  89. adenosine Indeterminismus
    06.04.2010, 09:14

    @Edgar Dahl: Macht es denn Sinn, den Freiheitsbegriff auf die Frage nach Determinismus, Indeterminismus oder Zufälligkeit zu reduzieren? Stellt sich nicht eher die Frage nach dem größten Freiheitsgrad, den ein lernendes, Information verarbeitendes System mit Selbstreflexion erreichen kann?

  90. Balanus Lernendes System /@adenosine
    07.04.2010, 09:19

    Bevor man sich mit den Freiheitsgraden eines Systems beschäftigt, sollte man vielleicht abgeklärt haben, welche der Prozesse im System deterministisch, welche indeterministisch und welche rein stochastisch sind.

    Setzt der Begriff "Freiheitsgrad" nicht ein deterministisches System voraus?

  91. adenosine Lernendes System /@Balanus
    07.04.2010, 12:23

    Ich tippe mal, dass unsere Entscheidungen auch durch Feedbackprozesse bestimmt werden, die deterministische, indeterministische und zufällige Elemente enthalten. Solange man nicht geklärt hat, wie Bewustsein oder Selbsreflexion funktionieren, kann man zu Notwendigkeit oder Stellenwert dieser Elemente nichts festlegen. Das Entscheidende an der Willensbildung wird aber nicht die Möglichkeit von Indeterminismus oder Zufälligkeiten sein, sonder die Eigenschaften der Feedbackprozesse. Aber auch die Evolution benötigt zu ihrer Funktion Zufälligkeiten.

  92. Joachim Feedbacksysteme @adenosine
    07.04.2010, 13:29

    Keine Frage, Entscheidungen entstehen auch durch Rückkopplungen in einem komplizierten System. Aber auch in solch einem System kann aus rein deterministischen Prozessen nichts indeterministisches entstehen. Eine zufällige Komponenten müsste extra hereingebracht werden. Und wie sich der Wille durch Rückkopplungen von Determinismus und Zufall befreien können soll, ist völlig unklar.

    Die Evolution kommt auch mit rein deterministischen Prozessen aus. Nur nichtlinear sollten sie sein.

  93. Edgar Dahl @ - Kasemir: Philosophie und Physik
    09.04.2010, 23:39

    "Eine tolle Diskussion, die Sie hier führen! Lese sie mit großem Interesse, verstehe allerdings nicht alles."

    Ehrlich gesagt, geht es mir genauso.

    Ich bin kein Physiker, sondern Philosoph. Und als Philosoph sehe ich nicht, wie man die Willensfreiheit mit Hilfe der Physik retten könnte. Ob unsere Handlungen nun deterministisch oder indeterministisch zustande kommen, macht keinen Unterschied. Wir hätten so oder so nicht anders handeln können, als wir tatsächlich gehandelt haben.

    Die einzige Möglichkeit, die Willensfreiheit zu retten, besteht meines Erachtens darin, dass man sich in einen Dualismus flüchtet. Und genau an dieser Stelle scheint mir auch die Physik ins Spiel zu kommen. Denn sie kann zeigen, welche Schwierigkeiten mit der Annahme eines Geirn-Geist-Dualismus verbunden sind.

  94. Edgar Dahl @ - adenosine: Freiheit des Willens
    09.04.2010, 23:47

    Die Frage ist, ob wir den Menschen ihr Handeln zum Vorwurf machen können. Ob sie auch anders hätten handeln können. Und ob wir sie für ihr Handeln zur Verantwortung ziehen dürfen.

    In meinen Augen können weder Determinismus noch der Indeterminismus - geschweige denn der Zufall - unsere Praxis des Lobens und Tadelns rechtfertigen.

  95. Edgar Dahl @ - Ingo-Wolf Kittel: Geert Keil
    10.04.2010, 00:43

    Lieber Herr Kittel, offenbar muss ich mir Keils Buch wohl oder übel doch zulegen, denn ich bin gespannt, wie er seine These 2 verteidigt:

    "2. Der Freiheitsannahme stehen bei näherer Betrachtung keine Tatsachen entgegen, sondern nur fehlinterpretierte Befunde und unhaltbare philosophische Doktrinen."

    Wie schon erwähnt, zeigt ja bereits die posthypnotische Suggestion, dass unser Freiheitsgefühl unbegründet sein kann. Daher sollten wir uns auch nicht auf unser bloßes Freiheitsgefühl verlassen.

  96. Chrys @ Edgar Dahl
    10.04.2010, 17:38

    Eine Überlegung zu Ihrer obigen Bemerkung:


    Ich bin kein Physiker, sondern Philosoph. Und als Philosoph sehe ich nicht, wie man die Willensfreiheit mit Hilfe der Physik retten könnte. Ob unsere Handlungen nun deterministisch oder indeterministisch zustande kommen, macht keinen Unterschied. Wir hätten so oder so nicht anders handeln können, als wir tatsächlich gehandelt haben.

    Wenn Sie diese These zur Zwangsläufigkeit des Handelns etwa im Diskurs mit Physikern vertreten, dann kommt früher oder später auch der Aspekt einer strikten Vorhersagbarkeit von Handelungsweisen ins Spiel. Die verwickelt nichtlinearen Funktionsabläufe in einem Gehirn setzen dieser Vorhersagbarkeit aber prinzipielle Grenzen dergestalt, dass wir grundsätzlich kein Modell werden entwickleln können, das Vorhersagen mit beliebig geforderter Genauigkeit liefert. Das ist durchaus vergleichbar mit der Problematik von Wettervorhersagen oder Klimamodellen, auch wenn es da noch ein paar signifikante Unterschiede zu einem Gehirn hat (Gedächtnis, Lernfähigkeit, ...). Einem System, dessen zukünftige Zeitentwicklung sich aber prinzipiell nicht beliebig exakt vorhersagen lässt, müssen wir andererseits vielleicht doch gewisse "innere Freiheiten" zugestehen. In diesem Sinne muss man keineswegs zwingend davon überzeugt sein, dass wir nicht anders hätten handeln können, als wir tatsächlich gehandelt haben, oder?

  97. Edgar Dahl @ - chrys: Max Planck
    10.04.2010, 21:00

    So hatte etwa Max Planck argumentiert und einen "epistemischen Indeterminismus" eingefordert. Doch ich sehe nach wie vor nicht ein, was die Vorhersagbarkeit mit der Willensfreiheit zu tun haben soll. Dass wir unser Handeln nicht vorhersagen können, bedeutet ja nicht, dass es deshalb frei wäre; und schon gar nicht, dass wir deshalb auch anders hätten handeln können.

    Zudem finde ich es ungeschickt, unseren "Freiheitsgrad" an die Unvorhersagbarkeit zu knüpfen. Denn das bedeuete, dass ein Mensch um so freier wäre, je unvorhersagbarer sein Verhalten ist. Danach wäre ein unberechenbarer Psychopath beispielsweise "freier" als wir.

  98. adenosine kein Betreff
    11.04.2010, 07:20

    Die Unschärfe, die dem Entscheidungsprozess im Gehirn zur Verfügung steht, erhöht eventuell die Anzahl der Optionen für die Entscheidung. Es ist aber sicher richtig, dass diese Möglichkeiten für die Angemessenheit von Strafrecht und Sanktionen irrelevant sind. Dort muss nur die Handlungsfreiheit beurteilt werden und dass Gefährdungsausmaß, das von sozial ungünstig motivierten Personen ausgeht. Generalprävention, Abschreckung und Erziehungsabsichten sind eine ausreichende Begründung für Sanktionen.

  99. Chrys @ Edgar Dahl
    11.04.2010, 11:22

    Als Frage formuliert: Können Sie einem System, dass sich stets exakt vorhersagbar verhält, sinnvoll eine Form von "Freiheit" zubilligen?

    Falls Ihre Antwort Nein lautet, dann ist das Fehlen einer solchen exakten Vorhersagbarkeit aber eine unabdingbare Voraussetzung für "Freiheit". Das wäre freilich noch keine Begriffsbestimmung von "Freiheit". Es würde zunächst nur bedeuten, dass ein (empirischer) Freiheitsbegriff auf natürliche Weise mit dem Begriff der exakten Vorhersagbarkeit verknüpft ist, was zu berücksichtigen wäre.

    Der Quantenmechaniker Joachim würde vermutlich die obige Frage mit Nein beantworten, und in gewisser Weise hat er das in seinem Blog mit dem exemplarischen Bezug auf seine Heizung auch bereits getan. Ein Philosoph mag ganz andere, weniger empirisch orientierte Vorstellungen mit dem Wort "Freiheit" verbinden und zu anderen Schlussfolgerungen gelangen. Falls also Ihre Antwort Ja wäre, dann ist allerdings wenig Hoffnung für einen halbwegs erfolgreichen interdiziplinären Gedankenaustausch.

    Auf eine simple Regel, derzufolge das Mass an Freiheit eines Systems direkt proportional zum seinem (wie auch immer definierten) Grad an Unberechenbarkeit sein sollte, würde ich das nicht komprimieren wollen. Das wäre auch eine quantitative Einschätzung, gegenwärtig bin ich mir noch nicht einmal über eine brauchbare qualitative Bestimmung von "Freiheit", geschweige denn "Willensfreiheit", im klaren. Ob ein unberechenbarer Psychopath mehr (oder vielleicht auch weniger) Freiheit besitzt als ein verhaltensnormaler Mensch, das zu beurteilen liegt irgendwo jenseits meines Horizontes.

    N.B. Es ist durchaus zulässig und üblich, etwa auch bei einem linearen System, das sich exakt vorhersagbar verhält, von der Zahl seiner Freiheitsgrade zu reden. Das ist dann aber ein Fachbegriff. Dies nur als Hinweis darauf, dass das Wort "Freiheitsgrad" für manche Leute eine sehr spezifische Bedeutung hat, die nicht mit der umgangssprachlichen Verwendung übereinstimmt, was auch zu Missverständnissen führen kann.

  100. rupert kein Betreff
    11.04.2010, 20:54

    Warum sollte ein unberechenbarer Psychopath nicht freier sein als wir?
    "Unberechenbar" bedeutet bei Psychopathen, daß Hemmungen wegfallen, die normalerweise gefährliche, schädliche Handlungen verhindern. Demnach ist ein unberechenbarer Psychopath durchaus freier, nämlich "befreit" von bestimmten natürlichen Hemmungen.
    Was folgt daraus? Dieses Mehr an Freiheit existiert, aber es ist nicht wünschenswert.

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