Apropos Lindau - ein Rückblick in Stichpunkten

09. Juli 2011, 19:36 by Marcus Jahnel

Eine Woche Promotionsalltag liegen nun zwischen mir und dem diesjährigen Treffen der Nobelpreisträger mit jungen Wissenschaftlern aus rund 80 Ländern. Zeit auch für mich zurückzublicken. Kurz gesagt, es war natürlich ein großartiges Erlebnis! Die perfekte Organisation der Konferenz ermöglichte einen wirklich freien Gedankenaustausch mit sehr interessanten Menschen aus aller Welt. Und man lernt ja nie so intensiv, wie von Menschen, die einen begeistern - seien es nun Nobelpreisträger oder andere Doktoranden.

Bei der Eröffnung der Konferenz wurde davon gesprochen, wie wichtig Wissenschaft für das Vertrauen unter den Staaten ist. Das scheint zunächst abstrakt, lässt sich aber auf konkrekter persönlicher Ebene leicht verdeutlichen. Zum einen an den fast nicht vorhandenen Berührungsängsten. Anscheinend schafft Neugier ein gewisses Grundvertrauen, eine Art gemeinsamen Nenner, der jedes Gespräch erleichtert. Kaum angekommen, wurde auch sofort in alle Richtungen drauf los gefragt: "Wo kommst du her? Woran arbeitest du? Was interessiert dich?" Und dieses große Interesse, das alle Teilnehmer allen anderen entgegen gebracht haben, hat sich während der Konferenz nicht erschöpft, es ist eher gewachsen. Wissenschaft kennt keine Grenzen. Zum anderen ist aber wohl immer noch der beste Indikator für gelungene wissenschaftliche Völkerverständigung, wenn man persönliche Einladungen bekommt, seine Kollegen - und nun Freunde - in ihren Heimatländern zu besuchen. An der Lösung der logistichen Herausforderung, in den nächsten Jahren nach Indien, nach Chile, nach Nepal, nach Sambia, nach China, nach Japan oder gar nach Tübingen zu reisen, wird intensiv gearbeitet…

Hier nun meine Eindrücke der Woche im Schnelldurchlauf - und ungeordnet.

Wissenschaftlicher Höhepunkt Nummer 1: Roger Tsien, Chemiker und Zellbiologe, stellt eine Methode vor, um Nerven, Blutgefäße und Krebsgewebe mit unterschiedlichen Leuchtstoffen sichtbar zu machen. Dies soll die Genauigkeit chirurgischer Eingriffe erhöhen und wurde bereits erfolgreich an Mäusen getestet.

Wissenschaftlicher Höhepunkt Nummer 2: Thomas Steitz berichtet von der Idee, verschiedene Antibiotikamoleküle chemisch zu verbinden, um in Bakterien die Ribosomen, die Proteinfabriken einer Zelle, effizienter zu attackieren. Dies würde deren Funktion so behindern, das die Bakterien nicht mehr wachsen könnten. Diese neue Strategie macht es auch unwahrscheinlicher, dass Bakterien durch eine einfache Mutation eine Resistenz gegen dieses Medikament entwickeln; so hofft man zumindest.

Persönlicher wissenschaftlicher Tiefpunkt: Ferid Murad's Video für Kinder über den Nobelpreis. "Wissenschaft ist Wettkampf, und am Ende gewinnt der Beste den Nobelpreis." Ist das wirklich alles?

Wissenschaftlicher Höhepunkt Nummer 3: Edmond "Eddy" Fisher hält eine einstündige Vorlesung über die Art, wie Zellen untereinander und mit ihrer Umwelt kommunizieren. Großartig! Die Klarheit der Erklärungen demonstrieren beeindruckend Fisher's 71 Jahre Lehrerfahrung. 

Kuriosestes Geschenk: Tischuhr aus gebürstetem Edelstahl, verschenkt vom Bundeministerium für Bildung und Forschung an alle Teilnehmer des Deutsch-Russischen Abends auf der MS Lindau am Vortag der Konferenz. Gravur der Tischuhr: "Annette Schavan"

Orthopädische Schreckstunde: Ausgabe des phantastisch schönen Photographiebuches von Peter Badge über die noch lebenden Nobelpreisträger. Zierliche asiatische Studentinnen tragen gekrümmt, aber stolz, die 8 kg schwere Umhängetasche auf einer Schulter nach draußen, um dann je stehen zu bleiben. Sich den Rücken haltend, hörte man sie oft fragen: "Gibt es davon auch eine PDF-Datei?" Die Last großer Kunst?!

Organisatorische Meisterleistung: 566 jungen Forschern aus 77 Ländern, mit ihren kleinen und großen Sorgen, mit ihren unterschiedlichen Erwartungen und Erfahrungen eine Woche lang einen beschwerdefreien Gedankenaustausch zu ermöglichen. Ein großer Dank an alle, die dies möglich gemacht haben!!!  

Beste organisatorische Idee: Eine 32-seitige Abschlusszeitung, die die Konferenz noch einmal Revue passieren lässt. Und sie enthält mit der Portraittafel aller Teilnehmer ein tolles Spiel für Bootsfahrten und andere lange Reisen: Verbinde alle Gesichter, mit denen du während einer Woche sprechen konntest, auf der großen Karte in der Mitte. Wenn dabei das Gesicht eines Nobelreisträgers oder eine Blume der Insel Mainau entsteht, gibt es Extrapunkte. 

Organisatorische Fehleinschätzung: Dass all' die jungen und so talentierten Nachwuchswissenschaftler ihre 10,- EUR Essensmarken auf die Insel Mainau mitbringen würden. Selbst der zweite Versuch, die Gutscheine auf dem Schiff zu verteilen, brachte keinen flächendeckenden Erfolg, da die jungen Leute einfach zu sehr ins Gespräch vertieft waren. Das führte in Mainau leider zu einiger Verwirrung an der Essensausgabe. 

Interessantester Blickwinkel auf die Tagung: Gespräch am letzten Abend mit einem Bewohner von Lindau, der seit 25 Jahren beobachtet, wie jeden Sommer der Nobelpreisträgertross über die Stadt kommt. Leider hatte er als Einwohner nie die Möglichkeit, auch mal zu gucken, was diese Wissenschaftler denn da so machen, mal die Atmosphäre zu spüren. Nicht einmal die Kinder hätten eine Chance zuzuschauen, meinte er. Unser Vorschlag: Vielleicht könnte man 20 - 30 Eintrittskarten für eine der Morgenveranstaltungen unter den Lindauern, zumindest unter den Schulkindern, verlosen. Da die letzten 2 Reihen während der Vorlesungen oft leer waren, wäre Platzmangel aus meiner Sicht kein Problem. Und man könnte der Stadt so über ihre Kinder etwas für die großartige Gastfreundschaft zurückgeben…

Oft gestellte politische Frage unter Teilnehmern: Wie kann eine Konferenz zum Thema "Globale Gesundheit" guten Gewissens offizielle Unterstützung von Süßwarenhersteller Mars Inc. und Rüstungskonzern Lockheed Martin Corp. annehmen? 

Beste Wissenschaftsgeschichte: Wie Oliver Smithies sich daran erinnert, mit seiner Mutter die Hemdkragen seines Vaters gestärkt zu haben. Das Auskochen der Stärke, ihr flüssiger und später fester Zustand, fällt ihm Jahre später wieder ein, als er vor der Aufgabe steht, den Massen- und Größenunterschied von Proteinen sichtbar zu machen. So erfand er die Gel-Elektrophorese, die wahrscheinlich meistbenutzte Methode der Biochemie.

Beeindruckendster moralischer Weckruf: Hans Rosling's Aussage, dass Überbevölkerung ein mediales Alibiproblem ist, das von wichtigeren Herausforderungen wie sauberer Energieproduktion oder der fehlenden Chancengleichheit in den Handelsbeziehungen zwischen Staaten ablenkt. Sein Beispiel von Bangladesch, in dem die Geburtenrate seit der Unabhängigkeit 1971 durchschnittlich von 7.0 auf rund 2.5 Kinder pro Frau gesunken ist, zeigt eindrucksvoll, wie Menschen in Ländern mit niedrigstem Einkommen ihre Familien planen können und wollen, wenn man ihnen die Chance dafür gibt. Ich kann mich noch daran erinnern, in der Schule viel über staatliche Geburtenkontrolle gelernt zu haben, um der angeblich drohenden Überbevölkerung Herr zu werden. Diesen Mythos, dass es einfach zu viele Menschen geben werde, widerlegte Hans Rosling mit demographischen Fakten. Seit 2005 werden auf der Welt jedes Jahr weniger Kinder gebohren. Überbevölkerung ist nicht unser dringstendstes Problem, weshalb Hans Rosling auch mit Blick auf den unterschwelligen Rassismus mahnte: "Ich finde die Aussage, dass es zu viele Menschen gibt, einfach eklig! Noch dazu ist sie intellektuell abstoßend." Es ist Zeit umzudenken!
 
gapminder birth rate over time 
Totale Geburtenrate ausgesuchter Länder während der letzten 100 Jahre. Man erkennt deutlich den Rückgang der Geburten pro Frau seit den 1970er Jahren in allen Ländern mit relativ stabilem Sozialsystem. In langjährigen Krisenherden wie Afghanistan und der Republik Kongo setzte die Entwicklung mit gleichem Trend 20 Jahre später ein. Quelle: Gapminder
 
gapminder_life_exp 
Lebenserwartung ausgesuchter Länder in den letzten 100 Jahren. Verbesserungen in Medizin, Hygiene und Nahrungsversorgung führten zu deutlichen Fortschritten in allen Ländern. Die noch bestehenden Unterschiede gilt es nun zu überwinden, indem man aus bereits begangenen Fehlern lernt. Starke Einschnitte brachten vor allem Kriege (siehe Deutschland und die Vereinigten Staaten), Naturkatastrophen in Verbindung mit wirtschaftlichen Fehlplanungen (siehe China um 1960) und nationale Fehleinschätzungen in der Bekämpfung schwerer Pandemien wie AIDS (siehe Südafrika nach 1990). Quelle: Gapminder
 
Die drei besten Ideen, um dem Motto der Konferenz, "Global Health", näher zu kommen: 

1. Baut und unterstützt hochkararätige Forschungsinstitute direkt in Entwicklungsländern. Dies würde talentierten jungen Forschern eine Perspektive im eigenen Land geben, und würde durch ihre Motivation sicher die Erforschung tropischer Krankheiten schnell voranbringen. 

2. Erstellt anonymisierte internationale Patientendatenbanken. Hier könnten Patientendaten anonym gesammelt werden, und die Ergebnisse von Diagnosen, Blutbildern, Krankheitsverlauf, Medikation, und Therapieverlauf etc. öffentlich für Forscher und Mediziner zugänglich gemacht werden. Denn jeder Patient ist anders und reagiert wieder neu auf ein altbekanntes Medikament. So könnte man aus den Fehlern und Erfolgen verschiedener Therapien für die Zukunft lernen.

3. Etabliert eines flexibleres Patentrecht für Medikamente. Ein Patent Pool, ein großer Patenttopf der bedeutende medizinischen Entwicklungen umfasst, kann sowohl sicherstellen, das Firmen die Entwicklungskosten ihrer Produkte erstattet bekommen, als auch, dass weiter an den Medikamenten und Produkten geforscht werden kann, um sie z.B. erschwinglicher für die ärmsten Länder zu machen. Freier Zugang zu medizinischem Wissen ist für viele Teilnehmer der Konferenz ein Menschenrecht. Des Weiteren könnte es für Medikamente verschiedene Preismodelle für unterschiedliche Regionen geben. Patienten in Europa und Nordamerika zahlen etwas mehr für das gleiche Medikament - und leisten so direkte Entwicklungshilfe auf Patientenebene.  

Und zum Schluss noch ein paar Zahlenspiele extrahiert aus persönlichen Gesprächen:

Zeitpunkt, zu dem am Bayerischen Abend die Gaudi in der Inselhalle mit Verweis auf das frühe Aufstehen am nächsten Morgen abgebrochen wurde: 22:00 Uhr.
Anzahl der Teilnehmer, die daraufhin in Lindau bis 1 Uhr die Kneipen stürmten: gefühlte 300.

Anzahl der Kellnerbesuche mit Häppchen während des Amerikanischen Abends am Tisch von Harry Kroto (mittig im Saal): 9.
Anzahl der Kellnerbesuche mit Häppchen während des Amerikanischen Abends am äußersten Tisch im Saal: 3.

Kürzester Weg für Teilnehmer vom Hotel zum Tagungsort Inselhalle: 34 Sekunden Fussmarsch.
Längster Weg für Teilnehmer vom Hotel zum Tagungsort Inselhalle: 57 Minuten Busfahrt.

Anzahl der Zugaben, die die großartige Band während der Abschlussfahrt auf der MS Sonnenkönigin für die jubelnd tanzende Wissenschaftsgemeinde spielte: 5 (!) Nochmal Applaus!!!

Applaus ist auch das beste Schlusswort. Noch einmal stehender Applaus für das gesamte Lindau Team!!!
 
Und nun an die gemeinsame Arbeit!

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Kommentare

  1. kein Betreff Sven

    Meiner Meinung nach der bisher beste, weil umfassendste und authentischste, Blog-Post eines Teilnehmers über das Meeting. Die spannendsten Talks und wichtigsten Kernpunkte sind hier zusammengefasst. @Lindau: bitte fertigt eine englische Übersetzung an, das lohnt sich hier!

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