06. Januar 2011, 22:43
Den aktuell recht kernigen Winter hatte ich hier ja auch schon einmal zum Thema. Die kalten Winter werden ja gerne von so manchem der so genannten Klimaskeptiker gerne als Widerlegung des vom Menschen verursachten Klimawandels gesehen. Dabei übersehen sie nicht nur, dass ein oder auch mehrere kalte Winter in einer Ecke der Welt den globalen Klimawandel kaum repräsentieren, wenn es in anderen Gegenden außergewöhnlich warm ist. So wie im Dezember 2010 zwar Teile Nordamerikas und auch Mitteleuropas unter einem (eigentlich gar nicht mal so hartem) Winter stöhnten, waren Teile des östlichen Kanadas, Neufundlands und südlichen Grönlands hingegen ungewöhnlich warm für die Jahreszeit. Global gesehen war es auf unserem Planeten sogar immer noch wärmer als im Durchschnitt.
Und es gibt ja auch Zusammenhänge. Es kann durchaus in Teilen der Arktis wärmer werden, und im Gegenzug uns dann härtere Winter blühen. Ein gutes Beispiel, wie die Vorgänge und der Klimawandel im Norden uns hier auch betreffen, zeigt ein Paper von Petoukhov und Semenov vom 5. November 2010. Dazu wurde sich ein Teil des arktischen Meeres angeschaut, die Barents-Kara-See, und verschiedene winterliche Bedeckungsgrade mit Meereis dieses Seegebietes in ein Zirkulationsmodell eingegeben. Ihnen war nämlich aufgefallen, dass der in Nordasien und Mitteleuropa recht harte Winter 2005-2006 mit ungewöhnlich warmen Temperaturen und geringer Meereisbedeckung der Barents-Kara-See einherging. Vermutlich war das auch für die kalten Winter 2009 – 2010 -2011 der Fall, aber diese Werte sind noch nicht in die Simulationen eingegangen.
Verringerte sich die Bedeckung mit Meereis von 80 – 100 % auf 80 – 40 %, so hatte das dramatische Auswirkungen. Es zeigte sich dabei, dass eine Erwärmung der Barents-Kara-See nicht nur dort das Meereis schmelzen ließ, sondern dass sich dadurch auch eine starke, antizyklonale (Hochdruck) Strömung über der Arktis bildet, die gleichzeitig kalte arktische Luft bis nach Mitteleuropa transportiert.
Die durchschnittlichen Lufttemperaturen an der Erdoberfläche (oben) und die 850 hPa Strömungsanomalien bei verschiedenen Bedeckungsgraden der Barents-Kara-See mit Eis. Die für uns Mitteleuropäer interessante Region ist rot markiert. Nach Petoukhov und Semenov (2010), verändert.
Dabei steigt die Wahrscheinlichkeit für extrem kalte Winter auf das dreifache. Nahm das Meereis noch weiter ab und verschwand schließlich ganz, kehrte die Zirkulation weitgehend wieder auf die Werte der hohen Meereis Bedeckung zurück. Die Abkühlung für Europa findet also wohl nur bei teilweise bedecktem Meer in der Barents-Kara-See statt. Um den Grund hierfür zu verstehen, besteht noch weiterer Forschungsbedarf.
Auf jeden Fall wichtig ist die Feststellung von Petoukhov und Semenov:
Our results imply that several recent severe winters do not conflict the global warming picture but rather supplement it, being in qualitative agreement with the simulated large-scale atmospheric circulation realignment.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass (auch) mehrere strenge Winter nicht im Widerspruch zum Bild der globalen Erwärmung stehen, sondern im Gegensatz dieses noch unterstützen, sie (die strengen Winter) stimmen überein mit den simulierten großräumigen Neuordnungen der atmosphärischen Strömungen (Übersetzung Ries).
Es ist sicher interessant zu sehen, wie sich das Meereis in diesem Jahr und in den nächsten Jahren verhält, und welchen Einfluss man auf die Luftströmungen messen kann. Auffällig ist doch, dass auch für die aktuellen Winter eine sehr niedrige Bedeckung mit Meereis in der Arktis festgestellt wurde.
Die Daten des National Snow Ice Data Center (NSIDC) zeigen an, dass das arktische Meereis dieses Jahr einen erneuten Tiefststand erreicht hat und nur noch 12 Milllionen Quadratkilometer bedeckt. das ist gegenüber dem vorherigen negativrekord eine erneute Abnahme um 270,000 Quadratkilometer.
NOAA/NSIDC: December Arctic Sea Ice Lowest on Record - AGU Blogosphere
V. Petoukhov, & V. A. Semenov. (2010). A link between reduced Barents-Kara sea ice and cold winter extremes over northern continents. Journal of Geophysical Research, 115 : 10.1029/2009JD013568.
Der Artikel ist als .pdf unter http://eprints.ifm-geomar.de/8738/ zu finden.
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Atmosphäre / Klima
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