24. Januar 2011, 11:47
Zu den vielen Weltuntergangsszenarien, welche die Mythen um 2012 begleiten, zählt auch die Umkehrung des
irdischen Magnetfeldes, der so genannte Polsprung. Dabei, so die Befürworter, würde das irdische Magnetfeld zusammenbrechen und die Erde schutzlos der Strahlung der Sonne aussetzen. Mit all den Konsequenzen und Bildern, welche uns auch aus zweitklassigen Katastrophenfilmen bekannt sind. Vögel stürzen ab, die Kommunikation bricht zusammen und Brücken stürzen ein. Aber was ist wirklich dran, an den Katastrophenszenarien und dem Ende der Welt? Nicht viel. Denn die magnetischen Pole der Erde haben in der Erdgeschichte schon mehrfach gewechselt, durchschnittlich alle 250 000 Jahre kehrt sich das Magnetfeld der Erde um. Die letzte Umpolung liegt bereits 780 000 Jahre zurück, eine neue wäre also lange überfällig. Es hat aber auch schon erheblich längere Zeiten ohne Umpolung gegeben.
Muster des entgegengesetzt polarisierten Ozeanbodens. a) vor 5 Mio. Jahren, b) vor 2–3 Mio. Jahren, c) heute. Credit: USGS,
Woher wir das wissen? Die Richtung des magnetischen Feldes der Erde ist in den magmatischen Gesteinen gespeichert. Das ist besonders gut an den mittelozeanischen Rücken zu beobachten, also an den Stellen, an denen regelmäßig frisches Magma neue Erdkruste bildet. Wenn das Magma abkühlt, richten sich die magnetischen Minerale wie beispielsweise Magnetit entlang des magnetischen Feldes der Erde aus und behalten diese Richtung bei, auch wenn sich das äußere Feld umkehrt. Das führt dazu, dass sich parallel zur Achse des mittelozeanischen Rückens ein Streifenmuster abwechselnd „normaler“ und „umgekehrter“ magnetischer Richtung bildet. Die Entdeckung dieses magnetischen Streifenmusters war eine der Schlüsselentdeckungen, die der Theorie der Plattentektonik zum Durchbruch verholfen haben.
Das Magnetfeld der Erde entsteht durch Wechselwirkungen im Kern der Erde. Der eisenhaltige flüssige Erdkern umschlisst einen festen Kern, der ebenfalls hauptsächlich aus Eisen besteht. Der Erdkern ist sehr heiß, Schätzungen gehen von rund 5 000° C aus, was in etwa so heiß wie die Oberfläche der Sonne ist. Die Temperatur wird durch den Zerfall radioaktiver Elemente, aber auch durch die Kristallisation beim langsamen Erstarren des äußeren Erdkerns frei. Diese Hitze erzeugt Konvektionszellen. Heißes Material steigt auf und kaltes sinkt wieder hinab. Durch die Rotation der Erde werden die Konvektionsströme abgelenkt und verwirbelt.
Durch die Bewegung einer elektrisch leitfähigen Schmelze wird in einem schwachen Ausgangsmagnetfeld ein elektrischer Strom induziert, der seinerseits ein Magnetfeld aufbaut, was zu einer verstärkten Induktion führt und schließlich das irdische Magnetfeld entstehen lässt.
Der innere Erdkern rotiert rund 0,3 bis 0,5° pro Jahr schneller als die Erde selber. Das führt dazu, dass er alle 900 Jahre eine zusätzliche Drehung absolviert. Inwieweit diese als Superrotation bezeichnete höhere Rotationsgeschwindigkeit eine Folge bremsender Gezeitenkräfte ist, oder etwa durch den Geodynamo selber verursacht wird, wird zurzeit noch diskutiert. Die schnellere Umdrehung des inneren Erdkerns ist aber direkt über Erdbebenwellen messbar.
Die Rotationsachse des inneren Erdkerns ist gegenüber der Achse der restlichen Erde leicht verschoben, und er rotiert etwas schneller. Credit: NASA
Die Wirbel im äußeren Erdkern sind auch eine der Ursachen dafür, das das Erdmagnetfeld nicht überall auf der Erdoberfläche gleich stark ist. Außerdem liegt die Rotationsachse des inneren Kerns nicht exakt mit der Achse der Erde zusammen. Das führt dazu, dass die magnetischen Pole zwar in der Nähe, aber nicht direkt an den geographischen Polen liegen. Außerdem können sie wandern, und das mit einer teilweise enormen Geschwindigkeit. Dem Geological Survey of Canada zufolge, der den aktuellen Nordpol verfolgt, kann der Pol täglich bis zu einer Strecke von 50 Meilen „wandern“. Grob gesagt bewegt sich der Nordpol von Kanada, wo er sich aktuell befindet, in Richtung Sibirien.
Warum also kommt das Thema der „Polsprünge“ immer wieder auf die Tagesordnung der Weltuntergangspropheten? Nun, so ganz von der Hand weise lässt sich nicht, dass etwas mit unserem Magnetfeld passiert. Meist wird angeführt, dass die Stärke des irdischen Magnetfeldes in den letzten 100 Jahren abgenommen hat. Dabei muss man allerdings bedenken, dass Schwankungen in der Stärke des Magnetfeldes natürlich sind, und nicht unbedingt auf einen kommenden Wechsel der Pole hinweisen müssen. Tatsächlich ist das Magnetfeld immer noch relativ stark, wenn man es mit der durchschnittlichen Feldstärke der letzten 2 Millionen Jahre vergleicht. Dabei soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass es durchaus Zeichen gibt, die auf einen in geologischer Zeit nahen Polwechsel hindeuten (Schätzungen gehen vom Jahr 3 000 bis 4 000 aus). Es gibt beispielsweise Gebiete in der Kern-Mantel-Zone, in denen die vorherrschende Richtung des Magnetflusses entgegengesetzt zur in der Hemisphäre üblichen Richtung liegt. Eine, die größte unter ihnen, erstreckt sich vom südlichen Afrika bis unter das südliche Südamerika, die so genannte südatlantische Anomalie. Dieses Gebiet wird die südatlantische Anomalie genannt. Diese und weitere Gebiete vergrößern sich messbar und sie bewegen sich in Richtung der Pole. Die Flussumkehr entsteht, wenn sich auf der Kern-Mantel-Grenze durch Turbulenzen die Konvektionsströme und damit auch die magnetischen Feldlinien, die im Kern normalerweise horizontal verlaufen, zu vertikalen Schlaufen verbiegen. Tritt eine solche Schlaufe in einem Punkt aus dem Kern aus und in einem anderen wieder in ihn ein, so erhält man zwei räumlich nah beieinander liegende Orte mit unterschiedlicher Richtung des magnetischen Flusses.
Die Magnetosphäre schirmt die Erdoberfläche von den geladenen Partikeln des Sonnenwindes ab (nichtmaßstäbliche künstlerische Darstellung). Credit: NASA.
Aber selbst wenn der Polsprung stattfindet, bedeutet das noch lange keine Katastrophe, noch ist er das Ende der Welt. Wie ich oben schon erwähnt habe, fanden in der Erdgeschichte mehr oder weniger regelmäßig Umpolungen statt, augenscheinlich ohne dass die Erde untergegangen ist, denn ich kann diesen Artikel hier schreiben, und sie können ihn lesen.
Die Umpolung findet auch nicht plötzlich, oder gar von heute auf morgen statt, sondern sie zieht sich über einen längeren Zeitraum hin, meist zwischen 4 000 und 10 000 Jahre. Da hier das magnetische Feld deutlich abnimmt, besteht die Gefahr, dass die Erde dem Sonnenwind in dieser Zeit erheblich stärker ausgesetzt ist, als mit intaktem Magnetfeld. Wir müssen uns aber trotzdem keine Sorgen machen, dabei lebendigen Leibes gebraten zu werden. Zwar wechselt in den Sedimentschichten, die während eines Magnetfeldwechsels abgelagert wurden, die Artenzusammensetzung von Kleinstlebewesen vermutlich häufiger, aber es sind mit ihnen keine Aussterbewellen von größeren Lebewesen verbunden. Sie kommen augenscheinlich alle ziemlich ungeschoren durch diese Zeiten hindurch. Das gilt auch für Arten, die sich mit Hilfe des Magnetfeldes orientieren. Da die Feldumkehr über einen längeren Zeitraum stattfindet, können sich die entsprechenden Arten anpassen und ihre Orientierung an die sich verändernden Bedingungen gewöhnen. Außerdem benutzen sie meist mehrere Sinne zur Orientierung, so dass sie nicht alleine auf das Magnetfeld angewiesen sind.
Erdmagnetfeld während einer Polumkehr. Credit: NASA
Denn auch während einer Feldumkehr ist die Erde nicht komplett schutzlos der Strahlung der Sonne ausgesetzt. So entstehen durch die Wechselwirkung der Ionen des Sonnenwindes in der Ionosphäre magnetische „Schläuche“ (Filamente), die von der sonnenzugewandten Seite zur Schattenseite der Erde führen. Diese Selbstmagnetisierung führt zu einer magnetischen Abschirmung von ähnlicher Wirkung wie das heutige Magnetfeld. Außerdem verschwindet das irdische Magnetfeld auch während der Umpolung nicht ganz.
Eine Umpolung 2012 oder auch zu unseren Lebzeiten ist also recht unwahrscheinlich. Umpolungen sind aber in der Erdgeschichte schon häufig vorgekommen, der dahinterstehende Prozess ist aber bislang noch nicht vollständig verstanden. Hier besteht noch großer Forschungsbedarf.
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Geophysik
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