Der Einstieg in die Wissenslogs vor einem halben Jahr war ein Experiment, das mir unheimlich viel Arbeit, aber auch Freude, Erfahrungen und wissenschaftlichen Gewinn (z.B. aus Diskussionen, Hinweisen und auch Begegnungen, ja Freundschaften) gebracht hat. Und ja, ich würde es wieder tun! Danke für Ihr Interesse und Ihre Beiträge!
Für viele, gerade auch wissenschaftlich interessierte Menschen ist Religion offensichtlich auch ein sehr emotionales Thema. Und wenn die empirischen Daten und Thesen nicht dem eigenen Weltbild entsprechen, wird auch schnell mal die Qualifikation oder persönliche Motivation des Wissenschaftlers in Frage gestellt - nicht etwa durch das Aufzeigen alternativer Daten oder Studien, sondern schlicht als Behauptung, gegen die sich der Blogger dann verteidigen soll. Dieser Trend, der zudem sehr zeitaufwändig ist, hat mir zuletzt die Freude an den vielen, großartigen Diskussionen hier - viele, etwa mit Edgar Dahl und Beate T., durchaus kritisch und über Hunderte Einträge hinweg, aber immer in gegenseitigem Respekt - doch etwas verdorben und es war meinerseits wohl falsch zu glauben, man könnte durch noch mehr Daten und Studien dagegen anargumentieren.
Nach entsprechenden Erfahrungen habe ich mich daher entschlossen, die Präsentation empirischer Artikel und die Diskussion religionswissenschaftlicher Thesen erst einmal hintan zu stellen und mich hier erst einmal auf die Präsentation religiöser Phänomene der Vergangenheit und Gegenwart zu beschränken. Für jene Leser, die den bisherigen Stil geschätzt haben, lasse ich die meisten empirischen Beiträge gerne stehen - und hoffe, dass einige "Natur des Glaubens" treu bleiben. Und in der echten Forschung, den Veröffentlichungen und Tagungen, bleibt die Chance zum interdisziplinären Gespräch auch über empirische Befunde ja bestehen. Denn Fußball und Religionswissenschaft haben auch dies gemeinsam: Sie machen solange Freude, solange fair, nach Regeln und mit gegenseitigem Respekt gespielt wird.
Phänomen 1: Religiosität und Musikalität - Der gregorianische Gesang
Haben sich Religiosität und Musikalität in der Evolution des Menschen wechselwirkend ausgeprägt? Dafür sprechen nicht nur Beobachtungen berühmter Religionswissenschaftler (wie des Religions- und Musiksoziologen Max Weber), sondern auch das Phänomen, dass weltweit religiöse Kulturen eigenständige Musikstile hervorbringen. Anbei der gregorianische Gesang, mit dem ein Zisterzienserkloster, die Abtei Heiligenkreuz, derzeit sehr bekannt wird - ohne auf Instrumentalmusik oder Special Effects zurück greifen zu müssen. Viel Spass beim Hören und Schauen.
Auch Menschenaffen und Elefanten trauern und kehren an Orte zurück, an denen sie Angehörige verloren haben. Aber erst Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis begannen, ihre Toten zu bestatten, sie mit Gaben für das Jenseits auszustatten und mit Jenseitigen rituell in Kontakt zu treten. Heute, kaum 6.000 Generationen später, gibt es kein einziges Menschenvolk, in dem kein religiöses Verhalten zu beobachten wäre. Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, wie und warum eigentlich der Mensch ein zu Religion(en) befähigtes Gehirn evolvierte? » weiter