Halbzeit! Aber keine Pause
Eisbärenalarm! Nach der erstmaligen Sichtung in der vergangenen Woche
hatten wir nun zweimal in Folge das Glück den Ursus maritimus vor
unsere Kameras zu kriegen. Der Erste, ein typischer Einzelgänger, trieb
auf einer Eisscholle weniger als 50 m am Schiff vorbei und musterte uns
gelangweilt. Das zweite Mal handelte es sich dann um eine Mutter mit
Kind, die ebenfalls in weniger als 100 m an unserem Schiff vorbei
schwamm. Da diese Begegnung über die Bordlautsprecher angekündigt
wurde, gibt es wohl keinen mehr an Bord der Polarstern, der noch keinen
Eisbären gesehen hat.
In dieser Woche gab es nun doch einige
Veränderungen in den Wetterbedingungen. Der Nebel, der uns fast die
gesamte letzte Woche begleitete, hat sich gelichtet und erlaubt es der
Sonne nun öfters, uns mit ihren Strahlen zu erfreuen. Auch der
Schneefall hat seit dem Verlassen des Eises aufgehört; wir haben den "südlichsten" Punkt unseres Messgebietes erreicht. Von nun an geht es
wieder nach Norden und die Vorfreude auf ausgedehntes Packeis und einen
eventuellen Eisschollen-Spaziergang steigt. Um dies zu ermöglichen,
erstellen die Ozeanographen mit Daten der Universität Bremen 2x
wöchentlich eine aktualisierte Karte der Eisbedeckung in unserem
Arbeitsgebiet.
Das geophysikalische Messprogramm läuft noch
immer auf Hochtouren und die Luftpulser wummern ununterbrochen.
Mittlerweile nimmt die Erschütterungen, die dadurch alle 15 s das
Schiff erfassen, jedoch kaum noch jemand wahr. Da während der
seismischen Messungen das Schiff nicht gestoppt wird, sind für die
anderen Arbeitsgruppen, bis auf die Ozeanographen mit ihren
unabhängigen XCTD-Messungen, keine Stationen vorgesehen. Der richtige
Zeitpunkt, sich mit der Archivierung und einer ersten Analyse der
bisher gesammelten Daten zu beschäftigen! Die Geologen haben begonnen
ihre Sedimentkerne zu öffnen und sie fotographisch zu dokumentieren. Es
werden Röntgenbilder gefertigt, um Mikrostrukturen im Sediment zu
detektieren, sowie Anhaltspunkte für eine genauere Beprobung auf
Mikrofossilien wie z. B. Foraminiferen zu erhalten.
Diese können
später, auf Grund ihrer carbonathaltigen Schalen, für Altersdatierungen
über die Radiocarbon-Methode benutzt werden. Ein schlüssiges
Altersmodell ist die Grundlage jeder weiteren Arbeit an den Sedimenten.
Desweiteren können die Geologen eine Vielzahl erster Analysen direkt
hier an Bord durchführen. Dazu gehören z.B. die Messung physikalischer
Eigenschaften der Sedimente (u. a. Dichte und magnetische
Suszeptibilität), ein Farbscan der Kerne sowie die mikroskopische
Untersuchung der Grob- und Feinfraktion der Sedimente. Letzteres
erlaubt erste Aussagen über die Liefergebiete der Sedimente. Die
Geochemiker, als Teil der Geologie Arbeitsgruppe, beschäftigen sich
zurzeit mit der Analyse des in den Sedimenten enthaltenen Porenwasser,
um die chemische Prozesse innerhalb der Sedimente besser zu verstehen.
Die
Biologen filtrieren fleißig arktisches Ozeanwasser nach
Mikroorganismen, welches sie aus verschiedenen Tiefen entnommen haben,
während die jungen Damen der Bathymetrie den Meeresboden noch neuen,
noch nicht kartographierten Strukturen mit dem Hydrosweep-Fächerlot
scannen.
Trotz der zahlreichen Arbeiten, die Tag für Tag
anliegen, bleibt dennoch Zeit, sich mit sportlichen Aktivitäten auch
körperlich fit zu halten. So hat das Tischtennisturnier hier an Bord
mittlerweile seine heiße Phase erreicht und es wird verbissen um den
Einzug ins Achtelfinale gekämpft. Da der Wiege-Club, ein bordeigenes
Instrument zur freiwilligen Selbstkontrolle des Eigengewichtes, auf
Hochtouren läuft, ist es teilweise schwer, einen Platz an den Geräten
des Fitnessraumes zu ergattern.
Die Halbzeit der Expedition ARK
XXIII/3 wurde am 13.09. erreicht und trotz der langsam winterlich
werdenden Temperaturen (-3,9 °C) mit einem großen Grillfest gefeiert.
Anschließend wurde bei guter Musik und bester Laune bis in die
Morgenstunden getanzt.
Alle sind gesund und grüßen nach Hause.
Michael Schreck und David Naafs
