Polarstern in den Tropen
Zu Beginn der Woche war die See weiterhin ruhig und der Himmel bewölkt. Der Montag, der 10. November, wurde für die letzten Tests der Posidonia-Anlage und des Scanfishs genutzt. Der Scanfish ist ein Gerät, das hinter dem Schiff geschleppt wird und von der Oberfläche bis zu einer Tiefe von 400 Metern regelmäßig rauf und runter taucht. Er misst dabei Parameter wie Temperatur, Salzgehalt, Chlorophyll, Trübung, etc. Um auch noch das Tiefenmessgerät zu testen, sind wir über einen unterseeischen Berg gefahren, der von einer Tiefe von über 4000 m bis zu 100 m unter der Wasseroberfläche auftaucht. Der Scanfish soll dann intensiv auf dem 3. Fahrtabschnitt eingesetzt werden.
Am 11.
November wurden die Teilnehmer, die in Las Palmas ausgestiegen sind,
mit einem Grillabend auf dem Arbeitsdeck verabschiedet. Es war ein sehr
schöner Abend bei gutem Wetter und warmen Temperaturen. Darum wird uns
sicherlich mancher zu Hause beneiden. Am nächsten Morgen tauchten dann
die Lichter von Las Palmas vor uns auf. Die Polarstern ging gegen 7:00
Uhr ca. 3 Seemeilen vor dem Hafen auf Reede. Eine Stunde später war
dann auch das kleine Boot längsseits, das die Aussteiger abgeholt hat.
Das Boot schaukelte heftig neben der ruhig in der See liegenden
Polarstern, so dass das Übersteigen eine sehr sportliche Angelegenheit
wurde. Gleich danach ging es weiter Richtung Süden.
Eine
große Gruppe von Wissenschaftlern aus mehreren Nationen befasst sich
mit der Zusammensetzung und der chemischen Charakterisierung der
gelösten organischen Substanzen im Meer. Diese Substanzen stellen eines
der größten aktiven Reservoire an organischem Kohlenstoff auf unserem
Planeten dar, vergleichbar mit der Menge an Kohlenstoff, der in allen
Landpflanzen oder im atmosphärischen CO2 gespeichert ist. Trotz der
enormen Menge ist die chemische Zusammensetzung dieses extrem komplexen
Materials bisher kaum entschlüsselt. Wir wollen herausfinden, wie das
ursprünglich von Algen produzierte gelöste organische Material durch
Sonnenstrahlung und bakteriellen Abbau in den verschiedenen Klimazonen
verändert wird, die wir auf dem Weg von Bremerhaven nach Kapstadt
durchqueren. Dazu werden jeden Tag gelöste organische Substanzen aus
großen Mengen Wassers aus der Oberfläche und den darunter liegenden
Wasserschichten mit Hilfe von verschiedenen Harzen angereichert.
Eine
besondere Form der Selektion von Substanzen findet an der
Meeresoberfläche statt. Es schäumt und blubbert dort wie in einem Glas
Champagner. Das sieht man besonders gut, wenn die Polarstern durch die
Wellen pflügt. Die kleinen Luftbläschen im Meerwasser ziehen
oberflächenaktive, organische Stoffe wie ein Lift durch die Flüssigkeit
nach oben, wo sie platzen, so dass diese Substanzen in die Atmosphäre
gelangen. Mit den Wasserproben wird nun das Gleiche hier im Labor
nachvollzogen. In einer Apparatur blubbert es ununterbrochen, und die
hoch spritzenden Tröpfchen werden aufgefangen. Alle diese im Meer
gelösten Substanzen, die mit den unterschiedlichsten Methoden
angereichert werden, werden dann in den Heimatlabors mit modernsten
Methoden analysiert. Mit den Ergebnissen erhofft sich die Gruppe neue
Erkenntnisse über die Herkunft und die Veränderung dieser Substanzen,
um neue Aussagen über die Rolle dieser großen Kohlenstoffmenge
bezüglich klimatischer Änderungen zu ermöglichen.
In
dieser Woche hat sich jetzt ein Rhythmus von flachen CTD-Stationen, bis
zu einer Tiefe von 200 m, und Stationen, an denen Wasserproben bis zum
Meeresboden genommen werden, eingespielt. Nachdem es zunächst etwas
windiger wurde mit um die 7 Windstärken bei bedecktem Himmel, ist es
zum Ende der Woche jetzt ruhiger und meist sonnig, so dass regelmäßig
vom Schlauchboot aus Lichtmessungen durchgeführt werden können.
Wind
und Strömung schieben uns nach Süden. Die ersten fliegenden Fische sind
gesichtet worden, und Luft und Wassertemperaturen liegen mittlerweile
bei 26-27°C.
Herzliche Grüße an alle zu Hause,
Gerhard Kattner
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