"Hat jemand in den letzten 30 Tagen ein lebendes Huhn angefasst?"
Ab 10.1.2010 ging es von unserer südlichsten Position wieder nach Norden mit Richtung Wellington (Neuseeland). Nur noch 15 Tage und wir würden wieder Land sehen. Die Rücksendung von Expeditionsgütern und Probenmaterial wird per E-Mail mit dem Schiffsagenten in Wellington vorbereitet. Sehr bunte Einreiseformulare werden verteilt. Man teilt uns mit, dass das Schiff im schwer gesicherten Containerhafen am Aotea Quay anlegen soll. Dort wird alles, war wir an Land tragen, peinlich genau kontrolliert. Hat vielleicht jemand Wanderschuhe, an denen noch Erde oder im schlimmsten Fall Samenkörner von anderen Kontinenten klebt? Hat jemand in den letzten 30 Tagen ein lebendes Huhn angefasst? Die Einfuhr von Lebensmitteln ist strengstens reguliert, das meiste ist untersagt. Beim Agent werden Lebensmittel für Verpflegung während des Hafenaufenthaltes bestellt, denn alle auf Polarstern mitgeführten Lebensmittel müssen weggeschlossen und versiegelt werden.
Noch zwei Wochen zur Fertigstellung des Fahrtberichtes, in dem alle wissenschaftlichen Aktivitäten während der Reise und Forschungsvorhaben dokumentiert und ausgeführt werden. Es liegt bereits ein detailliertes Konzept vor, wer schreibt was, welche Tabellen, welche Karten werden benötigt. Alles wird zusammen geführt und dann werden erste Entscheidungen gefällt werden, wie die verschiedenen Arbeitsgruppen and welchem Material am erfolgreichsten zusammenarbeiten können. Wo ergeben sich Verknüpfungen, wie lässt sich die versammelte Expertise am besten bündeln? Nach den gemeinsamen Anstrengungen während der Expedition, wo im Schichtbetrieb während 24 Stunden durchgearbeitet worden ist, und manche zum ersten Mal in schwerer See an ihre Grenzen gestoßen sind, wollen wir nicht wie ein Hühnerhaufen auseinander laufen. Die Zauberworte sind: Vertrauen, Kooperation, Multidisziplinarität, Verlässlichkeit.
Aber
bevor wir am 26.1. in Wellington aussteigen liegt noch ein über 1700
Meilen langer Untersuchungsschnitt vor uns, auf dem wir die
Wassermassen und die Sedimente von der im Winter meereisbedeckten Zone
des Südozeans bis zur Grenze zu den Subtropen beproben wollen. Darüber
hinaus wollen wir an mindestens vier Stationen weitere Vorarbeiten für
das Bohrprogramm durchführen. In der Eisbergzone, die im Winter mit
Meereis bedeckt ist, werden die Sedimente mit nur geringen Raten
aufgebaut. Die 10-17 m langen Sedimentkerne, die wir in dieser Zone
südlich des Pazifisch-Antarktischen Rückens gewinnen, reichen deshalb
zeitlich weit zurück, manche bis über 4 Millionen Jahre in das so
genannte Pliozän. Dies ist eine Zeit mit etwas höheren
Treibhausgaskonzentrationen als heute. Auf der Nordhemisphäre gab es
keine großen Eismassen wie heute auf Grönland und auch die
antarktischen Eisschilde waren kleiner. Der Meeresspiegel war bis zu 25
m höher als heute und das globale Klima wesentlich ausgeglichener. Wir
können diese interessante Klimageschichte, die durchaus Analogien mit
zukünftig wärmeren Klimazuständen aufweist, an diesen Sedimentkernen
untersuchen.
Auf dem Weg nach Norden setzen wir nun auch wieder
die CTD mit Rosette zur Messung der physikalischen Eigenschaften, der
biologischen Produktion und Beprobung der Wassersäule ein und fangen
parallel dazu mit einem Multinetz das mikroskopisch kleine Plankton in
den oberen 100 m der Wassersäule. Dieses Gerät wird vertikal durch die
Wassersäule gelassen und besteht aus 5 Netzen, die, gesteuert über
einen elektrischen Impuls, in verschiedenen Tiefen geöffnet und
geschlossen werden können. So können wir mit einem einzigen Einsatz das
Mikroplankton in verschiedenen Tiefenstufen fangen. Wir sind
hauptsächlich an solchen Mikroorganismen interessiert, die kalkige oder
kieselige Skelette oder Gehäuse aufbauen, die in den Sedimenten als
Anzeiger früherer Umweltbedingungen überliefert werden. Mit unseren
Untersuchungen wollen wir mehr über ihren Lebensraum und damit über das
von ihnen repräsentierte Umweltsignal lernen.
Im
Süden wird es nachts nicht mehr dunkel. An manchen Tagen sehen wir
einen farbenprächtigen Sonnenuntergang umrahmt von Eisbergen, der schon
2 Stunden später von einem noch farbenprächtigeren Sonnenaufgang
gefolgt wird. Obwohl wir auf unserem letzten Untersuchungsschnitt keine
seismischen Untersuchungen mehr machen, sie sind während des folgenden
Fahrtabschnittes geplant, müssen wir südlich 60 Grad Süd weiterhin
besondere Auflagen des Umweltbundesamtes zum Schutz von Walen
einhalten. Auf allen Beprobungsstationen muss zumindest ein
Wissenschaftler auf der Brücke sein, der nach diesen Tieren Ausschau
hält. Wir müssen sicherstellen, dass unsere akustischen Anlagen sofort
abgestellt werden wenn Wale näher als 100 m an das Schiff
heranschwimmen. So wird die Umgebung des Schiffes immer genauestens
beobachtet. In der „Nacht“ vom 10.1 zum 11.1. sichtete die Walwache
einen kleinen Eisberg auf dem ein riesiger schwarzer Stein zu liegen
schien. Das sprach sich wie ein Lauffeuer auf dem Schiff herum und die
Brücke füllte sich schnell mit weiteren neugierigen Beobachtern. Da der
Eisberg auf unserem weiteren Weg lag fuhren wir nach Ende der Station
und bei einem weiteren schönen Sonnenaufgang an ihm vorbei. Kein Stein
aus der Antarktis sondern dunkel gefärbtes Eis sahen wir da. Leider
konnten wir diesen Eisberg nicht beproben, um herauszufinden wie die
Färbung zu Stande kommt.
Wir sind erstaunt darüber, dass wir die
Zone mit geringen Salzgehalten im Oberflächenwasser, die wir an unserer
südlichsten Station angetroffen haben, auf unserem Weg nach Norden auf
einer Strecke von 900 km verfolgen können, immer verbunden mit einem
sehr hohen Planktonvorkommen. Unsere Messungen der Austauschraten des
Treibhausgases CO2 zeigen, dass in dieser Zone CO2 aus der Atmosphäre
in den Ozean gezogen wird. Der Kohlenstoff (C) wird hier vom Plankton
in organische Substanz umgewandelt. Wir fahren damit durch eine große
Kohlenstoffsenke.
Beim zweiten Anlauf nach Norden schafften wir es bis zur Subantarktischen Front, machten einen Sprung von 320 Meilen (ca. 600 km), immer gegen 8 Windstärken und 4 – 4.5 m hohe Wellen, aber ohne Chance für Stationsarbeiten. Dann hatten wir es (und es war wohl das letzte Mal auf unserer Reise) überstanden, das extreme Schlechtwetter war an uns vorbeigezogen. Wir fuhren erneut Jojo, hinter dem Schlechtwetter Richtung Süden, schafften noch drei Stationen und konnten so unser Beprobungsprofil zwischen Eisrandgebiet und Subantarktischer Front vollenden. Über 900 m Sedimentkern (Gewicht ca. 11 to) haben wir nun an 64 Stationen gesammelt und dem Schlechtwetter erfolgreich getrotzt.
Alle Mitreisenden sind wohlauf. Im Namen aller!
Rainer Gersonde
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Sehr interessanter Bericht. Irgendwann muss ich so ein Abenteuer auch mal veranstalten.
"Hat jemand in den letzten 30 Tagen ein lebendes Huhn angefasst?"
Ja, ich mich selber. Zählt das auch?
Dann musst du jetzt erstmal in Quarantäne und danach radikal enthuhnt werden. Tja...