Auftakt einer Expedition zur Westantarktis
Der Eisschild der Westantarktis ist Ziel unserer Forschung auf dieser Polarstern-Expedition. Wie hat sich dieser Eisschild, der das Potenzial hat, den Meeresspiegel um 3-5 m ansteigen zu lassen, im Verlauf der Erdgeschichte entwickelt? Warum erfährt ein Teil des Eisschildes im Bereich der Amundsenmeeres zur Zeit einen enormen Rückzug? Gab es in der Vergangenheit Phasen, in denen der Eisschild vollständig abschmolz? Das sind die vordringlichen Fragen, die uns auf dieser Expedition beschäftigen werden. Aber gehen wir zunächst zum Anfang einer hoffentlich spannenden Expedition.
Neuseeland – Aotearoa – das Land der langen weißen Wolke. Zum ersten Mal seit ihrer Indienststellung vor 27 Jahren wird die Polarstern von Neuseeland aus in die Antarktis aufbrechen. Dieses ist dem Umstand zu verdanken, dass in dieser Antarktissaison 2009/10 zwei Fahrtabschnitte hintereinander im Südpazifik stattfinden und sich ein neuseeländischer Hafen als zeitsparendste Umsteigemöglichkeit für Besatzung und Wissenschaft anbietet. Der vorangehende Fahrtabschnitt ANT-XXVI/2 endete in Wellington am 26.1. und entließ eine glückliche Wissenschaftlergruppe, die in den Weiten des stürmischen südlichen Pazifiks eine rekordverdächtige Anzahl wertvollen geologischen Probenmaterials gesammelt hatte.
Der erstmalige Hafenaufenthalt der Polarstern in Wellington wurde zum Anlass genommen, einen Empfang auf dem Schiff auf Einladung des Deutschen Botschafters und der Direktorin des AWI zu veranstalten. Über 80 Gäste aus neuseeländischen Forschungseinrichtungen, Wissenschaftsorganisationen und Hafenbehörden ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, das Schiff zu besichtigen und einen Eindruck von der Leistungsfähigkeit der Polarstern zu bekommen. Am 28.1. fuhr der Bus mit den 52 neuen wissenschaftlichen Teilnehmern unseres Fahrtabschnitts ANT-XXVI/3 vor die Gangway. Koffer, Kisten und Rucksäcke wurden aufs Schiff geschleppt, die Kammern inspiziert und erste Rundgänge auf dem Schiff zur Orientierung gemacht. Die spannende Erwartung auf die kommende Expedition steht in den Gesichtern geschrieben. Am nächsten Tag traf die neue, 44 Personen starke Besatzung ein, und nach erfolgter Übergabe und Abschiednehmen lief die Polarstern bei herrlichsten Wetter aus der wunderschönen Bucht von Wellington aus, um sich zunächst auf den Weg nach Lyttelton, dem Hafen von Christchurch, zu machen. Aufgrund eines Problems mit der Treibstoffversorgung in Wellington musste das Schiff seinen Schiffsdiesel in Lyttelton bunkern. Zusammen mit den Zollangelegenheiten war am Nachmittag des 31.1. auch dieses geschafft, und Polarstern konnte wieder in See in Richtung Antarktis stechen.
Die
ersten Tage auf See waren belegt mit dem Auspacken der Container und
Expeditionskisten, dem Verteilen der Gerätschaften und
Laboreinrichtungen auf die Arbeitsräume und Labore. Genossen wir in
neuseeländischen Gewässern noch traumhaftes Sommerwetter, kündigte sich
auf hoher See nach wenigen Tagen der erste ordentliche Sturm an. Das
große Sturmtief zwang uns zu einem Kurswechsel, und damit leider auch
zu einer Änderung des Forschungsprogramms der ersten Tage, welches
geophysikalischen Voruntersuchungen für ein vorgeschlagenes
wissenschaftliches Bohrprojekt im Südwestpazifik gewidmet war. Anstelle
der favorisierten vorgeschlagenen Bohrlokationen werden nun alternative
Ziele westlich der ursprünglich geplanten Route auf dem Weg in das
Rossmeer der Antarktis angesteuert. Forschung im Südozean zwischen 50
und 60 Grad Süd ist eben immer ein Tanz zwischen den Tiefdruckgebieten,
die, wie an einer Perlenkette gereiht, diese Breiten umkreisen.
Seit
gestern sind wir in den antarktischen Gewässern, was deutlich am
Temperaturrückgang von Luft und Wasser zu messen und zu spüren ist.
Die ersten Eisberge füllen die Speicher der Digitalkameras ....
In
den nächsten Wochenbriefen werden wir die Arbeitsgruppen, ihre
Forschungsziele und Arbeitsmethoden vorstellen und vom Fortschritt
unserer Expedition berichten.
Mit herzlichen Grüßen
Karsten Gohl
(Fahrtleiter)
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