Von Adelaide Island in die Gerlache-Straße
Die Woche war ausgefüllt mit den Arbeiten auf dem Stationsgitter der Krillforscher westlich der Antarktischen Halbinsel. RMT und CTD/Wasserschöpfer, manchmal aufgelockert durch einen Epibenthosschlitten, bestimmten das Programm, das auf Grund der ruhigen Wetterbedingungen mit der Präzision eines Uhrwerks ablief. Ein seltener Fang gelang bei Station 196. Im Beutel des RMTs fanden sie mit 334.000 Exemplaren pro 1.000 m3 befischten Wassers eine extreme hohe Konzentration an Krilllarven (Abb. 1). Dies war die zweithöchste Konzentration, die seit 1980 gemessen wurde.
Neben den Krillforschern nutzten mehrere Gruppen das Stationsgitter, um ihre Untersuchungen anhand der Wasserproben, die mit dem CTD/Wasserschöpfersystem genommen wurden, fortzuführen. Die Wasserproben wurden unter anderem zur Bestimmung des Gehalts an gelöstem Kohlendioxid (CO2), anthropogenen und natürlichen Spurenstoffen und an Sauerstoff verwendet (Abb.2 und 3). Die Messungen des gelösten CO2 dienen dazu, die Rolle des Südlichen Ozeans im globalen Kohlenstoffkreislauf zu bestimmen. Dieser spielt eine besondere Rolle, da er durch die Aufnahme von CO2 aus der Atmosphäre als CO2-Senke zu betrachten ist. Dies erfolgt bei der Zwischen- und Bodenwasserbildung und durch die Primärproduktion des Phytoplanktons. Andererseits aber stellt der Auftrieb von CO2-reichem Zirkumpolaren Tiefenwasser eine CO2-Quelle für die Atmosphäre dar. Das Ziel der Chemiker, Physiker und Biologen ist es, dieses Wechselspiel der Prozesse zu quantifizieren, um die Netto-Wirkung zu bestimmen. Die anthropogenen und natürlichen Spurenstoffe erlauben es, den Austausch zwischen Atmosphäre und Ozean und die Ausbreitung der Wassermassen im Ozean zu verfolgen.
Das Sauerstoff-Projekt hat einerseits das Ziel, den im Wasser gelösten Sauerstoff zu messen, der ebenfalls Schlüsse über den Austausch zwischen Atmosphäre und Ozean zulässt, und andererseits Sensoren zu erproben und zu verbessern, die Sauerstoffmessungen mit großer Genauigkeit und hoher zeitlicher Stabilität ermöglichen. Dies ist die Voraussetzung, um diese Sensoren unbewacht auf autonomen frei driftenden Floats einsetzen zu können. Auf unserer Reise haben wir 8 Floats ausgesetzt, die mit Sauerstoffsensoren ausgestattet sind. Sie führen nun die Messungen fort, wenn Polarstern schon längst in anderen Gebieten aktiv ist.
Für die Phytoplankton-Gruppe war diese Woche ein voller Erfolg: Nach 6 Wochen Inkubationszeit wurde ein CO2-Eisen-Manipulationsexperiment (Abb. 4) beendet, in dem Artenzusammensetzung, Primärproduktion und Physiologie einer natürlichen Phytoplankton-Gemeinschaft untersucht wurden. Je nachdem, unter welchen Eisenkonzentrationen und CO2-Bedingungen (vorindustrielles, heutiges oder zukünftiges Szenario) die Algen gewachsen waren, setzten sich in dem Experiment unterschiedliche Phytoplanktonarten durch.
Die Walbeobachtungen wurden auf einem Gitter mit Hubschrauberflügen fortgesetzt. Die Biologen haben inzwischen 15.000 km auf Beobachtungsgittern abgeflogen, um die Präsenz von Walen und deren Artenverteilung zu erfassen. Dies erfolgt nach einem genau festgelegten Verfahren, um die Daten unterschiedlicher Arbeitsgruppen vergleichbar zu machen, und so großräumige Verteilungsmuster erkennen zu können. Große Freude herrscht, wenn besonders seltene Tiere oder Ereignisse dokumentiert werden können, wie z.B. eine Gruppe Orcas, die ein Minke-Wal-Kalb jagen, oder einen Blauwal (Abb. 5). Bislang wurde während unserer Reise nur ein Exemplar dieser selten gewordenen Art gesehen, von der in den dreißiger Jahren noch 30.000 Stück pro Jahr erlegt wurden.
Ein überraschendes Ereignis berichtete die Ozean-Akustik-Gruppe, die bei der Neumayer-Station die akustische Dauerbeobachtungsstation PALAOA mit Hydrophonen unter dem Schelfeis unterhält. Diese Hydrophone zeichnen nicht nur die Geräusche von Walen und Robben auf, sondern auch die von Eisbergen Eisschollen, die zerbrechen oder zusammenstoßen. Diese Hochstation war etwa 1,5 km von der Schelfeiskante entfernt. Am Dienstag erhielten wir von der Neumayer-Station die Nachricht, dass von der Schelfeiskante vor vier Tagen ein etwa 2.500 m x 800 m großes Stück abgebrochen sei. Nun ist PALAOA nur noch 800 m von der Schelfeiskante entfernt. Beim Gedanken, dass wir noch vor kurzem bei unserem Besuch der Neumayer-Station auf diesem Stück Schelfeis standen, empfinden wir Erleichterung, dass der Abbruch nicht während unserer Anwesenheit erfolgte.
Bei der Einfahrt in die Gerlache-Straße passierten wir die Goudier-Insel, auf der eine britische Sommerstation liegt. Die ehemalige Station „Base A“ wurde 1944 im Rahmen der Operation Tabarin errichtet und wird heute vom Antarctic Heritage Trust unterhalten wird. Eine der Stationsbewohnerinnen hat ihre Diplomarbeit in Bremerhaven geschrieben. Der freundliche Empfang, eingeschoben zwischen Kreuzfahrtschiffen, bildete kurz vor dem Ende unserer Reise einen weiteren Höhepunkt, auch wenn das Wetter schon ein Vorgefühl auf den norddeutschen Winter vermittelte.
Mit den herzlichsten Grüßen aller Fahrtteilnehmer
Eberhard Fahrbach
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Würde auch gerne mal einen Blauwal live erleben …