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Bransfield Strait bis Larsen

von Polarstern, 08. März 2011, 10:02

Am Montagmorgen ist der Sturm wie weggewischt, nur eine leichte Dünung ist geblieben. Wir dampfen bei dunstigem Wetter durch ein graues Meer in Richtung Halbinsel. Abends hält Wolf einen Bildervortrag über die Magellanregion.


Das Dallmann-Labor an der argentinischen Antarktisstation Jubany. (Foto: A. Rose)
Am nächsten Morgen ist es beim Aufstehen noch dunkel, eine Folge unserer Zeitumstellung auf UTC. Draußen ist es schon wieder neblig, als sich das Tageslicht durchsetzt. Es regnet. Schemenhaft sieht man die Insel King George in etwa 2 Meilen Entfernung. Von der wichtigsten Landmarke, dem Felsmassiv „Tres Hermanos“, ist nichts zu sehen. Der Wind ist schwach, brist aber im Lauf des Tages auf.  Der Heli-Flug zum Dallmann-Labor kann erst um 11 Uhr stattfinden, weil wir den Argentiniern sonst um 7 Uhr Lokalzeit auf der Matte stünden. Der argentinische Stationskommandant und die deutschen Wissenschaftler begrüßen uns herzlich. Beim Kaffee im Dallmann-Labor erfahren wir, dass sich soeben die neue Mannschaft angemeldet hat, welche die 29 Argentinier abwechselt. Nun bricht Hektik aus; der Kommandant wird an allen Ecken und Enden gebraucht, und wir müssen uns beeilen, die Fracht per Helikopter vom Schiff ans Land und vom Labor auf die „Polarstern“ zu bekommen. Da der Wind weiter aufgefrischt hat und die Boote zunehmend Schwierigkeiten mit dem Anlegen haben, muss der gerade begonnene Schlauchboot-Shuttle abgebrochen werden. Das ist bitter für die Fahrtteilnehmer, die noch auf dem Schiff sind. Die bereits in Jubany Gelandeten helfen beim Verladen der Kisten, Fischbehälter und anderer Gegenstände in die Hubschrauber und die Netzbrook für die Außenlast.

Das Dallmann-Labor, das Doris Abele vorführt, wird sehr stark für die Flachwasserökologie und Physiologie genutzt. Mittlerweile sind dort auch Geologen und Glaziologen tätig. Die Laboreinrichtungen sind gegenüber unserem letzten Besuch erheblich verbessert, der Wohntrakt zeigt deutliche Abnutzungserscheinungen, was man aber auch als Hinweis auf das große Interesse an diesem Labor werten kann.


Schwertwal (Orca) in losem Packeis. (Foto: H. Robert)
 
Große Teile der argentinischen Stationsbesatzung sind indessen mit Sack und Pack am Strand aufgetaucht, um per Schlauchboot zur „Beagle“ überzusetzen, die in der Potter Cove liegt. Einige deutsche Kollegen aus Oldenburg werden an der chilenischen Station Frei abgesetzt und fliegen von dort aus nach Punta Arenas. Am Nachmittag kommt die neue Stationsbesatzung.

Es klart auf, aber es bleibt windig, und die Küste von King George bleibt im Dunst. Das ist schade, weil man von der Position unseres Schiffes aus hervorragend die Hänge fotografieren könnte, auf denen sich das Grün immer stärker durchsetzt. Wir sind gespannt, wie es am Ende der Reise auf Bouvet Island aussieht.

Die nächsten Tage arbeitet die „Polarstern“ in der Bransfield Strait, die weiterhin im Dunst liegt. Sigi findet im Plankton enorme Mengen an großen Diatomeen und anderem Phytoplankton, aber wenig kleines Zooplankton. Zwischen 200 und 500 m dominieren große Salpen, die wie ein Fahrstuhl ihre Nahrung (Phyto- und Zooplankton) zum Meeresboden transportieren, wo sie vom Benthos verwertet werden kann. Darunter finden sich viele Radiolarien, Einzeller mit kunstvollen Silikatgehäusen. Von den Videoaufnahmen des MG  wissen wir auch, dass große Krillschwärme in der Nähe des Meeresbodens stehen. Das Benthos auf 280 m ist enorm reich, mit Haarsterngruppen, vielen gestielten Seescheiden (Molgula), Schlangensternen und Lebensspuren im Sediment.

Ein AGT aus 450 m in der Bransfield Strait enthält neben reichlich Schlick enorme Mengen von Schlangensternen. Auch die riesigen Kolonien der salpenfressenden Lederkoralle Anthomastus bathyproctus, viele winzige Asselspinnen, irreguläre Seeigel und Haarsterne verdienen Erwähnung. Tomas zieht mit dem Greifarm des ROV eine Kolonie von Anthomastus aus dem Schlick und bringt sie in der Schublade des Geräts zur Hälterung an Deck. Die beiden GSN aus 460-480 m Tiefe sind – gemessen an der Größe des Netzes – bescheidene Fänge. Schon beim Hieven fällt uns auf, dass zahlreiche Salpen in den Maschen hängen. Die Fischfänge werden stark von den heringsähnlichen Pleuragramma dominiert, von denen viele in den Maschen stecken; auffällig auch einige Scheibenbäuche (Lipariden). Benthos ist kaum vertreten. Zwischendurch müssen wir wieder alle Arbeiten einstellen, weil der Wind auf 9 Bft auffrischt. Das Schiff bewegt sich im Schutz der Bransfield Strait nur wenig, aber der Wind lässt uns die Geräte buchstäblich um die Ohren fliegen.

Donnerstag, 24. Februar. Wenn wir gestern gedacht haben, das Wetter könnte nicht mehr scheußlicher werden, haben wir uns geirrt. Zwar ist der Wind etwas zurückgegangen, aber es will überhaupt nicht hell werden, es nieselt heftig, und die Umrisse der Insel verschwimmen im Dunst. Immerhin können wir die vorübergehende „Flaute“ von nur noch 7 Bft nutzen, um Henris Ampipodenfallen aus 1200 m bei der Admiralty Bay zu bergen. Die Fischköder sind sauber abgenagt, und zwei der Reusen enthalten hunderte der roten Riesenamphipoden Eurythenes gryllus, die wir hier schon früher gefangen haben. Die Reusen fangen auch einige Dutzend Aalmuttern. Diese Gegend ist ungewöhnlich reich und ein besonders interessanter Fall von benthopelagischer Kopplung.


Riesenflohkrebse (Eurythenes gryllus) in der belgischen Amphipodenfalle. (Foto: W. Arntz)
Dann kommt die Nachricht, dass unser Chief Probleme mit seinem Blinddarm hat und operiert werden muss. Dazu hätte unsere Ärztin gern die Assistenz der Kollegin auf Jubany, die sich dazu bereit erklärt. Während der Operation laufen wir in der Admiralty Bay unter Landschutz, um die Schiffsbewegung gering zu halten. Die Ärztinnen werden online vom Bremerhavener Krankenhaus Reinkenheide unterstützt. Abends kommt die Meldung, dass alles gut verlaufen ist.

Die Bergung von Claudios Kurzzeitverankerung, die vor der Admiralty Bay Zeitserien des bodennahen Planktons und Wasserproben einsammeln soll, klappt ohne Probleme. Der Wind hält sich auf hohem Niveau bis zum Abend, als wir uns nach Osten zum Antarctic Sound aufmachen. Viele Mitfahrer blicken mit Bedauern auf King George Island zurück, das allmählich hinter uns im Dunst verschwindet. Schade, dass das Wetter in dieser schönen Umgebung diesmal nicht mitgespielt hat.

Am Freitagmorgen sind wir bereits auf Südkurs. Die Sicht ist immer noch erbärmlich trotz des starken Winds, es schneit, aber im Windschatten der Halbinsel bleiben die Wellen niedrig. Dazu tragen auch die zahlreichen Eisberge und Growler bei, die das graue Meer um uns bedecken. Die Brücke meldet einzelne Walsichtungen. Krabbenfresserrobben sind jetzt häufig zu sehen, gelegentlich auch Seeleoparden und Pelzrobben. Später fahren wir in ausgedehnte Packeisfelder mit eingestreuten Eisbergen. Das Eis hier ist offensichtlich mehrjährig mit Schollenstärken um 3 m und hat eine dicke Schneeauflage. Die Sonne kommt endlich wieder heraus und verwandelt die Eisfläche in eine herrliche weiß-blaue Märchenlandschaft. Besonders die Neulinge an Bord sind tief beeindruckt –  auch von den Eisbrecher-Qualitäten der „Polarstern“, die sich langsam, aber stetig ihren Weg durch das Packeis bahnt. Als sich die Sonne mit einem spektakulären Untergang verabschiedet, werden die Packeisfelder dichter, unsere Fahrt wird langsamer. Da es am Morgen nur noch mühselig weitergeht, fliegt ein Helikopter zur Eiserkundung voraus. Der Fahrtleiter kommt mit der guten Nachricht zurück, dass es auf den restlichen 30 Meilen bis zur vorgesehenen Station keine Eisbarrieren gibt.

Heute, am Samstag, bewegen wir uns zwischen Eisbergen und vielen Growlern bei schönstem Sonnenschein südwärts. Die hohe Eiskante der Antarktischen Halbinsel flankiert das Panorama in etwa 20 Meilen Entfernung auf Steuerbord, eine Vielzahl kleiner Inseln auf Backbord. Der Plan für die erste Larsen-Station steht. Wie die Arbeiten verlaufen, erzählen wir im nächsten Wochenbericht.

Aus dem Sonnengebiet der Antarktischen Halbinsel grüßen im Namen aller Fahrtteilnehmer

Rainer Knust, Fahrtleiter und Wolf Arntz, Fahrtenschreiber





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