Bransfield Strait bis Larsen
Am Montagmorgen ist der Sturm wie weggewischt, nur eine leichte Dünung ist geblieben. Wir dampfen bei dunstigem Wetter durch ein graues Meer in Richtung Halbinsel. Abends hält Wolf einen Bildervortrag über die Magellanregion.

Das Dallmann-Labor, das Doris Abele vorführt, wird sehr stark für die Flachwasserökologie und Physiologie genutzt. Mittlerweile sind dort auch Geologen und Glaziologen tätig. Die Laboreinrichtungen sind gegenüber unserem letzten Besuch erheblich verbessert, der Wohntrakt zeigt deutliche Abnutzungserscheinungen, was man aber auch als Hinweis auf das große Interesse an diesem Labor werten kann.

Es klart auf, aber es bleibt windig, und die Küste von King George bleibt im Dunst. Das ist schade, weil man von der Position unseres Schiffes aus hervorragend die Hänge fotografieren könnte, auf denen sich das Grün immer stärker durchsetzt. Wir sind gespannt, wie es am Ende der Reise auf Bouvet Island aussieht.
Die nächsten Tage arbeitet die „Polarstern“ in der Bransfield Strait, die weiterhin im Dunst liegt. Sigi findet im Plankton enorme Mengen an großen Diatomeen und anderem Phytoplankton, aber wenig kleines Zooplankton. Zwischen 200 und 500 m dominieren große Salpen, die wie ein Fahrstuhl ihre Nahrung (Phyto- und Zooplankton) zum Meeresboden transportieren, wo sie vom Benthos verwertet werden kann. Darunter finden sich viele Radiolarien, Einzeller mit kunstvollen Silikatgehäusen. Von den Videoaufnahmen des MG wissen wir auch, dass große Krillschwärme in der Nähe des Meeresbodens stehen. Das Benthos auf 280 m ist enorm reich, mit Haarsterngruppen, vielen gestielten Seescheiden (Molgula), Schlangensternen und Lebensspuren im Sediment.
Ein AGT aus 450 m in der Bransfield Strait enthält neben reichlich Schlick enorme Mengen von Schlangensternen. Auch die riesigen Kolonien der salpenfressenden Lederkoralle Anthomastus bathyproctus, viele winzige Asselspinnen, irreguläre Seeigel und Haarsterne verdienen Erwähnung. Tomas zieht mit dem Greifarm des ROV eine Kolonie von Anthomastus aus dem Schlick und bringt sie in der Schublade des Geräts zur Hälterung an Deck. Die beiden GSN aus 460-480 m Tiefe sind – gemessen an der Größe des Netzes – bescheidene Fänge. Schon beim Hieven fällt uns auf, dass zahlreiche Salpen in den Maschen hängen. Die Fischfänge werden stark von den heringsähnlichen Pleuragramma dominiert, von denen viele in den Maschen stecken; auffällig auch einige Scheibenbäuche (Lipariden). Benthos ist kaum vertreten. Zwischendurch müssen wir wieder alle Arbeiten einstellen, weil der Wind auf 9 Bft auffrischt. Das Schiff bewegt sich im Schutz der Bransfield Strait nur wenig, aber der Wind lässt uns die Geräte buchstäblich um die Ohren fliegen.
Donnerstag, 24. Februar. Wenn wir gestern gedacht haben, das Wetter könnte nicht mehr scheußlicher werden, haben wir uns geirrt. Zwar ist der Wind etwas zurückgegangen, aber es will überhaupt nicht hell werden, es nieselt heftig, und die Umrisse der Insel verschwimmen im Dunst. Immerhin können wir die vorübergehende „Flaute“ von nur noch 7 Bft nutzen, um Henris Ampipodenfallen aus 1200 m bei der Admiralty Bay zu bergen. Die Fischköder sind sauber abgenagt, und zwei der Reusen enthalten hunderte der roten Riesenamphipoden Eurythenes gryllus, die wir hier schon früher gefangen haben. Die Reusen fangen auch einige Dutzend Aalmuttern. Diese Gegend ist ungewöhnlich reich und ein besonders interessanter Fall von benthopelagischer Kopplung.

Die Bergung von Claudios Kurzzeitverankerung, die vor der Admiralty Bay Zeitserien des bodennahen Planktons und Wasserproben einsammeln soll, klappt ohne Probleme. Der Wind hält sich auf hohem Niveau bis zum Abend, als wir uns nach Osten zum Antarctic Sound aufmachen. Viele Mitfahrer blicken mit Bedauern auf King George Island zurück, das allmählich hinter uns im Dunst verschwindet. Schade, dass das Wetter in dieser schönen Umgebung diesmal nicht mitgespielt hat.
Am Freitagmorgen sind wir bereits auf Südkurs. Die Sicht ist immer noch erbärmlich trotz des starken Winds, es schneit, aber im Windschatten der Halbinsel bleiben die Wellen niedrig. Dazu tragen auch die zahlreichen Eisberge und Growler bei, die das graue Meer um uns bedecken. Die Brücke meldet einzelne Walsichtungen. Krabbenfresserrobben sind jetzt häufig zu sehen, gelegentlich auch Seeleoparden und Pelzrobben. Später fahren wir in ausgedehnte Packeisfelder mit eingestreuten Eisbergen. Das Eis hier ist offensichtlich mehrjährig mit Schollenstärken um 3 m und hat eine dicke Schneeauflage. Die Sonne kommt endlich wieder heraus und verwandelt die Eisfläche in eine herrliche weiß-blaue Märchenlandschaft. Besonders die Neulinge an Bord sind tief beeindruckt – auch von den Eisbrecher-Qualitäten der „Polarstern“, die sich langsam, aber stetig ihren Weg durch das Packeis bahnt. Als sich die Sonne mit einem spektakulären Untergang verabschiedet, werden die Packeisfelder dichter, unsere Fahrt wird langsamer. Da es am Morgen nur noch mühselig weitergeht, fliegt ein Helikopter zur Eiserkundung voraus. Der Fahrtleiter kommt mit der guten Nachricht zurück, dass es auf den restlichen 30 Meilen bis zur vorgesehenen Station keine Eisbarrieren gibt.
Heute, am Samstag, bewegen wir uns zwischen Eisbergen und vielen Growlern bei schönstem Sonnenschein südwärts. Die hohe Eiskante der Antarktischen Halbinsel flankiert das Panorama in etwa 20 Meilen Entfernung auf Steuerbord, eine Vielzahl kleiner Inseln auf Backbord. Der Plan für die erste Larsen-Station steht. Wie die Arbeiten verlaufen, erzählen wir im nächsten Wochenbericht.
Aus dem Sonnengebiet der Antarktischen Halbinsel grüßen im Namen aller Fahrtteilnehmer
Rainer Knust, Fahrtleiter und Wolf Arntz, Fahrtenschreiber
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