Überfahrt zur Neumayer-Station
Die Woche beginnt genau so herrlich wie der letzte Sonntag; die Morgensonne taucht die Eisschollen, Eisbrocken, Eisberge wieder in alle Farbtöne von rot bis weiß. Wir sind auf dem Weg aus dem Larsen-Gebiet nach Norden, um Steffi an der chilenischen Station Frei abzuliefern, die einen Flugplatz hat. Um 10 Uhr Durchsage des 1. Offiziers: "Information für alle: In wenigen Minuten passieren wir eine große Eisscholle mit sehr vielen Robben!" Es sind Krabbenfresser, zu erkennen an der spitzen Hundeschnauze und der hellen Farbe des Fells. Weitere Eisschollen folgen, die mit Robben bepackt sind. Bei Annäherung des Schiffes erwachen sie, bewegen sich einige Meter von uns fort und fallen in ihren Verdauungsschlaf zurück. Auch einzelne Seeleoparden und Orcas sind zu beobachten, letztere aber nur aus der Ferne. Die Seeleoparden haben den typischen Schlangenkopf, einen kräftigen, langen Körper und sehen nicht ungefährlich aus. Viele der Krabbenfresser haben Bissnarben, vermutlich von den Schwertwalen, einige bluten aus frischen Wunden – der Kampf ums Dasein ist hart in der Antarktis! Um das Schiff flattern den ganzen Tag einzelne Schneesturmvögel; am Nachmittag tauchen auch zwei Scheidenschnäbel auf, die sich für die Aufbauten des Rettungsbootes interessieren.

Nach Mittag macht sich der Hubschrauber fertig, um Steffi nach King George Island zu transportieren. Die Strecke ist mit 160 Meilen eine Herausforderung für die Heli-Crew. Bevor sie losfliegen kann, muss erst die Spritbeschaffung für den Rückflug zum Schiff geklärt werden. Steffi wird mit großem Hallo verabschiedet, fast das ganze Schiff hat sich zum Winken versammelt. Da der Aktionsradius des Hubschraubers mit dem Flug nach Frei weitgehend ausgeschöpft ist, bleibt die „Polarstern“ einige Stunden liegen und nutzt die spiegelglatte See für ein weiteres Manöver mit den Rettungsbooten. Viele sitzen auf dem Hubschrauberdeck bis zum letzten Sonnenstrahl und genießen die Sonne und die strahlende Eislandschaft um uns herum.
Am Dienstag sind wir bereits in lockerem Eis auf dem Weg ins freie Wasser, das wir für den Weg ins südöstliche Weddellmeer nutzen wollen. Dafür fahren wir zuerst nach Nordosten und dann geradewegs auf Neumayer zu. Die Eisberge werden jetzt unregelmäßiger in ihrer Form, viele Eisbrocken sind stark angetaut. Die Robben zeigen sich seltener, aber Vögel – Schneesturmvögel, Kapsturmvögel, Antarktissturmvögel, Scheidenschnäbel, Seeschwalben und wenige Pinguine – sind immer noch zu beobachten. Das Bordleben ist gemächlicher, Proben und Daten werden aufgearbeitet, Vorträge gehalten, und auf Planungssitzungen wird die weitere Strategie besprochen. Wir haben erneut eine Sitzung zur Vorbereitung der Polartaufe.

Von Mittwoch bis Samstag geht es mit diesem Rhythmus weiter. Im offenen Weddellmeer ist es neblig oder dunstig, die Eisbrocken werden noch seltener, verschwinden schließlich fast ganz. Wind und Seegang machen sich erst am Samstag wieder bemerkbar. In der Nähe des Schiffes werden Buckelwale gesichtet, Kapsturmvögel bleiben die häufigste Vogelart. Die wenig arbeitsintensive Überfahrt ins südöstliche Weddellmeer gibt uns Gelegenheit, uns etwas mit den Planktonforschern an Bord zu befassen, die ihre leichteren Geräte normalerweise bei Nacht fahren müssen, weil dafür weniger Mann an Deck gebraucht werden als bei den Fischerei- und Benthos-Geräten. Dadurch wird ihren Fängen meist weniger Aufmerksamkeit zuteil als z.B. den Fängen des Agassiztrawls, zumal die Planktontiere meist klein sind.

Die Planktologen sind die einzige Gruppe, die auf dieser Überfahrt Proben nimmt. Am Mittwoch führen sie im zentralen Weddellmeer eine Tiefenstation durch. Das große Multinetz, das mit 9 Netzbeuteln ausgestattet ist, wird auf 2000 m heruntergelassen. Auf dem Weg nach oben werden diese Netzbeutel in verschiedenen Tiefen geöffnet und geschlossen, um ein Bild der Vertikalverteilung des Zooplanktons, insbesondere der für das Nahrungsnetz so wichtigen Ruderfußkrebse (Copepoden), in der Wassersäule zu bekommen. Es zeigt sich, dass die verschiedenen Copepodenarten sich stark in ihrer Vertikalverteilung unterscheiden. In den oberen Wasserschichten finden sich hauptsächlich die Arten, die das ganze Jahr über aktiv bleiben. In mittleren und tiefen treten dagegen Arten auf, die in einer Diapause überwintern, d.h. sie wandern in größere Wassertiefen, fressen nicht mehr, reduzieren ihren Stoffwechsel und halten eine Art Winterschlaf. Die aktiven Arten stellen sich auf vorwiegend tierische Nahrung um, andere – meist kleine – überwintern direkt im Meereis und ernähren sich von Eisalgen. Die meisten Tiere im Tiefen haben um diese Zeit schon viel Fett als Reservestoff gespeichert, sind aber noch nicht im Ruhezustand.
Unter dem Binokular werden die ca 5-7 mm großen Copepoden aus den verschiedenen Tiefenstufen nach Art, Entwicklungsstadium und Geschlecht bestimmt und aussortiert, um ihre Stoffwechselaktivität anhand von Respiration und Exkretion zu messen. Einiges von dem Getier, das von den Planktonnetzen aus der Tiefe geholt wird, fordert unseren Starfotografen Armin dazu heraus, weitere Proben seines Könnens zu geben: ein Tintenfisch (Sepia) mit roten Punkten, ein Muschelkrebs mit einer doppelklappigen Schale, die an eine Bohne erinnert, Ruderfußkrebse mit zerbrechlichen Antennen – auch im freien Wasser leben Wunderwesen, die man normalerweise nicht zu sehen kriegt.
Abb. 2-4: Tiere aus Multinetzfängen (Fotos von A. Rose)
Am Samstagabend wird mit Spanferkel, Caipirinha und Pisco Sour auf dem E-Deck das "Bergfest“ gefeiert, das die Mitte der Reise markiert und nun schon fast eine Woche überfällig ist. Wer zu lange gefeiert hat, verpasst den sehenswerten Sonnenaufgang am Sonntagmorgen um 06:30 Uhr UTC. Endlich ist es zur Frühstückszeit mal wieder hell! Wir machen überwiegend gute Fahrt durch dünnes Scholleneis mit vielen Lagunen. Dies ist der erste Tag des zweiten Schwerpunkts dieser Reise, der die Arbeiten am Experimentierfeld BENDEX umfasst, das etwa 20 Meilen voraus auf halber Distanz zwischen der Atka-Bucht und Kapp Norvegia liegt. Darüber werden wir in der nächsten Woche berichten.
Im Namen aller an Bord senden wir Grüße aus der Hochantarktis an alle daheim!
Rainer Knust – Fahrtleiter
Wolf Arntz - Fahrtenschreiber
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