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Herbst im BENDEX-Gebiet

von Polarstern, 17. April 2011, 10:26

Unsere zweite BENDEX-Woche beim Eisbergrastplatz Austasen ist extrem kalt. Am späten Montagnachmittag messen die Meteorologen -25°C Lufttemperatur, bei dem kräftigen Wind entspricht das einer Chilltemperatur von -54°C. Um das Schiff ist Neueisbildung in vielen verschiedenen Formen zu beobachten, Pfannkuchen in allen Größen driften vorbei. Der Wind treibt Wellen in den noch offenen Lagunen vor sich her, überall werden Eisnadeln in Fronten zu Eisbrei zusammengetrieben, und Schwaden von Seerauch zeigen den ozeanischen Wärmeverlust in den Lagunen. Mit Ausnahme des Mittwochs, an dem morgens dichter Nebel herrscht, bleibt uns die Sonne treu, und der Wind geht stark zurück.

Am Freitagnachmittag klettert die Temperatur in der Sonne auf milde -12°C, aber am Samstagmorgen sind es schon wieder -27°C. Abends wird es hier jetzt gegen 19 Uhr unserer Bordzeit dunkel, kurz nachdem die letzten Sonnenstrahlen die Eisberge nicht mehr erreichen. Die Sonnenauf- und –untergänge in dieser Eislandschaft sind weiterhin spektakulär; in manchen Nächten zeigen sich Polarlichter.


Grundschleppnetzfang aus 250 m Tiefe beim Eisbergrastplatz Austasen: viel Benthos, v.a. Schwämme, und wenig Fisch. (Foto: M. Damerau)

Die Eisdecke wächst bis zum Ende der Woche zu und gewinnt an Dicke. Sie ist völlig eben; es wird einen sehr starken Sturm brauchen, um sie zu zerbrechen und die Schollen zu Packeis übereinander zu schieben. Da es keine dicken Eisschollen um uns herum gibt, fehlen leider auch die Pinguine und Robben. Die letzten Zwergwale hat Henri, der nebenher „whale watching“ betreibt, vor einer Woche gesichtet, Kaiserpinguine kann man fast an den Fingern einer Hand abzählen. Gegen Ende der Woche scheint die geschlossenen Eisdecke ephemere Lagunen nur noch dort zu enthalten, wo die „Polarstern“ sie aufbricht, aber am Sonntag kommen wir auch mal wieder in offenes Wasser vor dem Schelfeis. Völlig geschlossen ist die Polynja also noch nicht, obwohl wir so gut wie keinen Wind haben und die Wassertemperatur unter dem Schiff -2,1°C beträgt.

Unter Wasser bleibt es interessant. Der Geräteeinsatz erfordert allerdings bei den niedrigen Lufttemperaturen besondere Schutzmaßnahmen, und viele Proben sind bereits gefroren, wenn sie an Deck kommen – schlechte Zeiten für die Lebendhälterung!

Die drei ROV-Einsätze außerhalb des Versuchsgebiets zeigen ein vielfältiges Mosaik der verschiedenen Sukzessionsstadien von Benthosgemeinschaften und insgesamt ein hohes Maß an Störung durch Eisbergkratzer. In ungestörten Gebieten, häufig in Lee der Eisberge, wird das Bild von großen Glas- und Kohlkopfschwämmen oder Hornkorallen beherrscht, die meist dem Flaschenbürstentyp angehören. Wo Störungen schon etwas längere Zeit zurückliegen, dominieren Moostierchen (häufig auch als Schill), insbesondere die sichelförmige Melicerita, Hydrozoen, Seescheiden, kleinere Schwämme, Röhrenwürmer sowie Hornkorallen, unter denen die breiten Spreiten von Ainigmaptilon besonders auffallen.

Überall zwischen und auf diesen sessilen Formen finden sich Haarsterne, See- und Schlangensterne sowie Seegurken, während Seeigel eher selten sind. Das Extrem zu den dichtbesiedelten Stadien bilden Bereiche, teils wüstenhaft glatt wie im BENDEX-Gebiet, teils mit chaotischen Verwerfungen, die offensichtlich frisch gestört sind. Großskalig betrachtet, ist das Mosaik der verschiedenen Stadien sehr artenreich, wie auch die Schleppnetzfänge belegen.


Die tiefstehende Sonne wirft den Schatten der Polarstern auf einen Eisberg. (Foto: F. Lauber)
Oft stehen die Schwämme in Haufen, wie wir sie im Experimentierfeld gesehen haben. Der Schwammnadelfilz ist streckenweise wurstähnlich zusammengerollt. Die lebenden Schwämme sitzen auf diesem Substrat, das grau und tot erscheint. Ist das wie in einem Korallenriff, in dem die lebende Komponente auf einer toten sitzt, die viele tausend Jahre alt sein kann? Angesichts des hohen Alters, das viele Schwämme anscheinend erreichen, ist das durchaus denkbar. Möglicherweise ist das scheinbar tote Filzsubstrat aber noch Teil der lebenden Schwammfauna, die z.T. enorm lange „Wurzeln“ ausbildet.

Das erste ROV auf ca. 200 m Tiefe östlich des Versuchsfelds lockt mit seinen Scheinwerfern große Mengen an Jungfischen an, vermutlich Antarktische Silberfische (Pleuragramma), die in Oberflächennähe nicht sehr häufig waren. Am Donnerstagabend versucht Katja, sie mit dem Bongo zu fangen, das mit Beleuchtung ausgestattet ist, aber ohne Erfolg.

Ebenso wenig gelingt es uns, mit dem ROV eine alte, liegengebliebene Verankerung aufzuspüren und womöglich zu bergen, die zuvor geortet wurde. Der Einsatz wird zu einer unbeabsichtigten Demonstration von Planktonorganismen in ihrem Element, die von Sigi und Holger begeistert kommentiert wird. Vielgliedrige Salpenketten und kleine Medusen gleiten im Scheinwerferlicht vorüber, Rippenquallen haben zwei lange Tentakel ausgefahren, Flügelschnecken rudern vorbei, große Ruderfußkrebse springen zur Seite, kleine produzieren einen immerwährenden Regen auf dem Bildschirm. Ein Versuch am Sonntagmorgen, den Draht der Verankerung mit dem Draggen zu erfassen, misslingt ebenfalls.


Pfannkucheneis-Bildung (Foto: W. Arntz)

Die sechs Fänge mit dem Grundschleppnetz in dieser Woche machen den Benthosforschern mehr Freude als den Fischbiologen. Sie sollen eigentlich aus überwiegend gestörten Bereichen außerhalb des Versuchsgebiets kommen, bringen aber durchweg größere Ansammlungen von Schwämmen, Hornkorallen, See- und Haarsternen, Seegurken sowie von den dicken Kissen unserer „verwandten“ Pterobranchier. Mehrfach fangen wir große, weiße Hinterkiemerschnecken ohne Schale, die vermutlich für die häufigen Fraßstellen an Schwämmen verantwortlich sind. Die Fische in den Fängen sind überwiegend klein, wie nach den ROV-Bildern zu erwarten. An Besonderheiten erscheinen der Schwarze Seehecht Dissostichus mawsoni, die Schwesterart von D. eleginoides, und ein großer Rochen. Kraken sind selten.

Die großen Gewinner dieser Woche sind die Corer-Forscher, die zu sehr guten Proben- und Bildserien innerhalb und außerhalb des BENDEX-Felds kommen, und die CTD-Nutzer und Planktonforscher, die oft zu unüblichen Zeiten arbeiten, weil sie weniger Deckshände brauchen. Dieter hat mit dem MG sieben Stationen im Versuchsfeld und zwei draußen abgearbeitet, insgesamt nun bereits 13 Stationen. Er lobt die hervorragende Positionierung seitens der Schiffsführung. Der große Vorteil beim MG ist, dass er die Gemeinschaft filmt, bevor er Proben nimmt. Aus den Bildern und Proben ist zu ersehen, dass es doch mehr Neubesiedlung gegeben hat, als wir nach den ersten Aufnahmen vermutet haben. So siedeln die „Pilzköpfe“ der Seescheide Synoicium bevorzugt auf den Schwammhaufen, die der Trawl seinerzeit aufgeworfen hat, und der kleine Schwamm Tethyopsis, dessen Papillen wie Siphonen aussehen, lebt auf den gestörten Flächen stellenweise mit bis zu vier Individuen auf der Fläche einer Probe (12x20 cm). Von anderen Pionieren auf Eisbergkratzern fehlt aber weiterhin jede Spur.


Bei ruhigem Wetter bildet sich eine glatte geschlossene Eisfläche zwischen den Eisbergen. (Foto: W. Arntz)

Zwei interessante Vorträge in dieser Woche von Sabine und Enrique bringen uns die planktologischen, ozeanografischen und sedimentologischen Forschungsprojekte näher, die zum Gesamtbild der Prozesse bei Larsen und BENDEX beitragen. Ansonsten ist noch zu erwähnen, dass nach Tritons Auftreten am Freitagabend am Samstag die Polartaufe von 28 Kandidaten stattfindet. Wegen der klirrenden Kälte muss das gewaltige Gematsche und Geplatsche nach der Pastorenrede auf dem E-Gang im großen Nasslabor über die Bühne gehen. Abends feiern Täufer, Täuflinge und Unbeteiligte das Ereignis friedlich vereint im ausgeräumten Lagerraum des E-Decks, von dem aus der Grill an Deck gut zu erreichen ist. Matthias und seine Mannschaft aus der Kombüse sorgen einmal mehr dafür, dass es an nichts fehlt.

Morgen, am Montag, erledigen wir hier noch Restarbeiten, bevor wir die großartige Eislandschaft in Austasen verlassen und uns etwas wärmeren Gefilden zuwenden. Der kräftige Herbsteinbruch hat es uns hier diesmal nicht ganz leicht gemacht, aber auf einem so tüchtigen Schiff wie der „Polarstern“ halten sich die Ausfälle in engen Grenzen.

Noch einmal einen Gruß aus der Kälte senden im Namen aller an Bord

Rainer Knust, Fahrtleiter             Wolf Arntz, Fahrtenschreiber





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