Rückreise über Bouvet Island
Der größte Teil des Montags – wir liegen noch beim Eisbergrastplatz Austasen – vergeht mit der am Sonntag begonnenen Kalibrierung des Fischlots. Am Abend machen wir noch einen Hol mit dem GSN, der nichts Neues bringt außer zwei der seltenen Solenogastren (Wurmmollusken). Der letzte ROV-Einsatz zwischen den Eisbergen bestätigt die bisherigen Eindrücke aus stark gestörten Gemeinschaften. Interessant sind mehrere Stauromedusen, bodenlebende Quallen, die wir auch im Netz gehabt haben. Claudio und Thomas geht es mit ihrem ROV-Einsatz in erster Linie um die Filtrationsraten von Schwämmen.
Der Dienstag ist unser letzter Tag im BENDEX-Gebiet. Ein Tief nähert sich von Westen. Die Sonne scheint nur noch morgens und bildet eine Reihe von Seerauch-Regenbögen (Halos) mit den Schwaden, die aus den Lagunen aufsteigen, die das Schiff aufbricht. Das lockt viele Fotografen auf den Plan. Der Grund für die Zertrümmerung der inzwischen ca. 15 cm messenden Festeisdecke durch die „Polarstern“ ist Dieters Verankerung auf etwa 400 m. Nachdem die „Polarstern“ einen weiten Bereich um die Position freigebrochen hat, wird die Mooring hochgerufen, bleibt aber unter einer großen Scholle hängen. Mit Hilfe des Helis, der die Suche mit Sörens kalibriertem Echolot unterstützt, wird die genaue Position festgestellt. Das Schiff zertrümmert auch diese Scholle, bis die kleinen, orangenen Auftriebskörper unter den Eisstücken auftauchen. Selbst als sie schon 50 cm unter der Oberfläche schwimmen, sind sie in dem Eismatsch kaum zu sehen. Dieter ist zufrieden – einmal aufgerufen, wäre die Verankerung unwiederbringlich verloren gewesen, wenn wir sie nicht gefunden hätten. Aber wie meist folgt auch hier der Wermutstropfen auf dem Fuß; nur eine Sedimentfalle ist vorschriftsmäßig rotiert, die zweite hat nur zwei Proben gebracht.
Am frühen Nachmittag schließen wir die Arbeiten im BENDEX-Gebiet ab und wenden uns nach Norden. Der Himmel hat sich bezogen, die Eisberge verschwimmen im Dunst. Von der glitzernden Wunderwelt um uns herum ist nicht mehr viel zu sehen. So fällt uns der Abschied nicht so schwer. Vor uns liegen einige Tage Dampfzeit und die Arbeit bei Bouvet.
Während der Nacht passieren wir den Eisgürtel, was aber nur am gelegentlichen Kränken des Schiffes zu erkennen ist, wenn es über eine dickere Eisscholle fährt. Am Mittwochmorgen – wir haben nur noch -9°C Lufttemperatur - ist um uns herum freies Wasser, das so grau ist wie der Himmel über uns. Es ist sehr ruhig, keine Schaumkrone ist zu sehen. Nach Tagen ziehen wieder Schneesturmvögel und Antarktissturmvögel ihre Kreise um das Schiff; auch Buckelwale werden gesichtet. Eine kurze Unterbrechung dieser Überfahrt nach Bouvet Island bringt eine Plankton- und CTD-Station über 1000 m Wassertiefe, dann dampfen wir weiter. Kurz nach der Station kommen wir noch einmal in ein dichtes Treibeisfeld. Die Sicht bleibt miserabel.
Abends halten Katja und ihre Gruppe einen schönen Vortrag über die Fischbiologie auf dieser Reise unter Einschluss früherer Daten. Wir sind nun endgültig aus dem Eis heraus; der Wind nimmt zu, und zum ersten Mal seit Wochen ist wieder ein leichtes Rollen zu spüren.
Am Donnerstag nehmen Wind und Schiffsbewegung zu, bei 7-8 Bft aus Nordwest kommen die Wellen schräg von vorn auf der Backbordseite, es wird vorübergehend etwas unangenehm. Dann dreht der Wind aber auf Südwest zurück, und die „Polarstern“ fliegt mit Rückenwind förmlich auf Bouvet Island zu. Aber schon abends holt uns die harte Wirklichkeit dieser Breiten wieder ein, der Wind dreht erneut nach Nordwest und nimmt zu, und das kombinierte Rollen und Stampfen beginnt von neuem. So bleibt es, bis am Samstagnachmittag Bouvet Island vor uns auftaucht. Die Umrisse der Insel lassen sich im Dunst nur erahnen; immerhin ist zu erkennen, dass sie größtenteils schnee- und eisbedeckt ist. Die Lufttemperatur beträgt +2°C.
Dieses vulkanische Eiland von knapp 50 km2, das zu Norwegen gehört, ist eine der einsamsten Inseln der Welt. Die Entfernung zum Kap der guten Hoffnung beträgt 2500 km. Die Meeresfauna um die Insel ist nur unzureichend erforscht, obwohl Bouvet Island biogeografisch, als „Trittstein“ für die Verbreitung von Arten im Antarktischen Zirkumpolarstrom, möglicherweise von großer Bedeutung ist. Auch wir haben hier bisher erst wenige Proben nehmen können und wollen dieses Mal zwei volle Tage hier arbeiten.
Aber damit wird es nichts; wir sind vielleicht schon zu tief in den Herbst geraten. Die Wettermodelle unserer Meteorologen sagen für die nächste Woche einen Monstersturm von Orkanstärke mit 12, vielleicht 15 m Wellenhöhe voraus, der unseren Weg nach Kapstadt kreuzen wird, wenn wir erst am Montag hier ablaufen. Verstecken hinter der Insel, wie wir es schon manchmal gemacht haben, hilft nicht, weil kurz hinter dem ersten ein zweites Monster über unsere Route zieht. Resigniert ziehen Fahrtleiter und Kapitän die Konsequenz: Wir machen uns bereits am Samstagabend auf den Weg und versuchen, vor Eintreffen des Sturms so weit wie möglich nach Norden zu kommen.
So beschränken sich unsere Arbeiten bei Bouvet Island am Samstagnachmittag auf eine letzte CTD, zwei Grundschleppnetze in knapp 300 m Tiefe und eine Rauschertdredge, welche die belgischen Amphipodenforscher noch einmal glücklich macht. Die GSN-Fänge bringen eine ordentliche Portion an Fischen, insbesondere Eisfische, unter denen der langgestreckte, schlanke Bändereisfisch mit den metallisch glänzenden Querbändern besonders auffällt. Für die Fischbiologen haben die Arbeiten bei Bouvet Island noch gutes Material gebracht; der Benthosanteil der Fänge verdient keine weiteren Bemerkungen.
Die Nacht ist einigermaßen ruhig. Wir kreuzen die Polarfront; die Wassertemperatur steigt auf +4,5°C. Am Sonntag finden wir uns allein in der grauen Weite des Südatlantiks. Die meisten Seevögel, die bei Bouvet Island noch in großer Zahl um das Schiff kreisten, sind verschwunden. Ab heute heißt der einzige offizielle Programmpunkt „abschließen“: aufräumen, zusammenschreiben, packen.
Aus dem einsamen Südatlantik grüßen im Namen aller Fahrtteilnehmer
Rainer Knust, Fahrtleiter Wolf Arntz, Fahrtenschreiber
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