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Unwort des Jahres: Döner-Morde

17. Januar 2012, 09:45

Mein Verhältnis zur alljährlichen „Unwort-des-Jahres“-Wahl ist etwas gemischt. Wie ich gerne sage, als Sprachwissenschaftler kann man zu „Unwörtern“ etwa genausoviel sagen, wie ein Zoologe zu „Untieren“. Andererseits erkenne ich natürlich an, dass es Beispiele manipulativer und verzerrender Sprache gibt, die die öffentliche Diskussionskultur verzerren, verbiegen und manchmal auch vergiften -- die Kollegen von Neusprech.org sezieren solche Wörter ja regelmäßig. Wenn man möchte, kann man hier also wahrscheinlich von „Unwörtern“ sprechen (der Duden definiert Unwort als „schlecht, falsch gebildetes, unschönes Wort“ oder als „schlimmes, unangebrachtes Wort“).

Die „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ hat m.E. eine gemischte Erfolgsbilanz beim Auffinden solcher „Unwörter“. Manchmal werden Wörter gewählt, die irgendjemand in irgendeinem obskuren Zusammenhang verwendet hat und die ohne die Auszeichnung zum „Unwort des Jahres“ niemandem aufgefallen wären (z.B. betriebsratsverseucht 2009), manchmal werden Wörter gewählt, deren Unwortcharakter darin besteht, dass die Jury den ironischen Unterton des Wortes nicht verstanden hat (z.B. Herdprämie 2007).

Aber manchmal hat die Jury auch ein gutes Händchen, z.B. als sie 2010 das unselige alternativlos der Merkelschen Nicht-Politik zum Sieger kürte. Auch in diesem Jahr hat die Jury ein „schlimmes, unangebrachtes Wort“ gefunden: Döner-Morde. Dieses Wort war im Prinzip schon in dem Moment unangefochtener Spitzenreiter der Unwörter, als es im November 2011 durch eine Pressemeldung der Generalbundesanwaltschaft in die Medien geriet: » weiter

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For You, Verbohrt

26. Oktober 2011, 12:51

Deutsche Firmen, die sich für englische (oder deutsch-englische) Firmenmottos und Werbeslogans entscheiden, könnten natürlich einfach dazu stehen. Sie werden sich ja etwas dabei gedacht haben.

Nehmen wir zum Beispiel die Firma Schlecker, die mit dem Motto „FOR YOU. VOR ORT.“ von sich reden gemacht hat. Wenn denen jetzt jemand einen empörten Brief schreiben würde, in dem die mögliche Rolle dieses harmlosen Wortspiels bei einem endgültigen Untergang der deutschen Sprache angesprochen und eine sofortige Ersetzung desselben durch einen rein deutschen Werbespruch gefordert würde, könnte Schlecker wie folgt antworten:

Vielen Dank für Ihre Anfrage. Wir verstehen, dass nicht jeder unseren deutsch-englischen Slogan mag, aber uns und unseren Kunden gefällt er. Er ist einzigartig, er fällt auf, er bleibt im Gedächtnis hängen -- kurz, er erfüllt alle Anforderungen an ein prägnantes Firmenmotto. Die deutsche Sprache hat die Aufnahme hunderter von lateinischer, französischer und englischer Fremdwörter glänzend überstanden, und wir glauben nicht, dass sie ausgerechnet an diesem harmlosen Wortspiel zugrunde gehen wird. [Hypothetischer Antwortbrief der Fa. Schlecker]

Aber man muss natürlich nicht zu seinen Slogans stehen. Man könnte beim Erhalt eines sprachkritischen Briefes auch sofort einknicken, dem Briefschreiber zustimmen, dass die Pflege der deutschen Sprache ein hohes gut ist, dass die eigenen Kunden aber leider zu dumm sind, um das einzusehen. Dass die Kunden in ihrer Beschränktheit eben auf deutsch-englischem Sprachmischmasch bestehen und man nicht umhin komme, ihnen genau das zu liefern.  » weiter

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Cereal Offenders

21. September 2011, 10:12

Es gibt Lehnwörter, über die regt sich nur der Verein Deutsche Sprache auf, während der Rest der Welt sie entweder ganz selbstverständlich verwendet (wer würde ernsthaft „Klapprechner“ statt Laptop sagen) oder längst vergessen hat (wer würde überhaupt noch Laptop sagen).

Und dann gibt es Lehnwörter, die lösen selbst bei toleranten Menschen Abscheu oder sogar Rage aus. Ein solches Wort ist Cerealien. Ich bin bisher niemanden, wirklich niemandem begegnet, der bereit wäre, dieses Wort auch nur zu tolerieren (außer mir selbst, aber kann man sich selbst begegnen?). » weiter

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Von Sprachpanschern und Faktenpanschern

06. September 2011, 11:13

Die Wahl des „Sprachpanschers des Jahres“ vom Verein Deutsche Sprache stellt mich jedes Jahr vor ein Dilemma: Darüber schreiben, und die vom VDS euphemistisch als „Schmähpreis“ bezeichnete Desinformationskampagne durch diese Aufmerksamkeit adeln, oder sie mit der Missachtung strafen, die sie verdient, und den Sprachnörglern damit die mediale Deutungshoheit über den Gebrauch von Lehnwörtern überlassen?

Wohin diese Deutungshoheit führen kann, zeigt das traurige Beispiel der Deutschen Bahn, der der Titel „Sprachpanscher“ zweimal verliehen wurde -- 1999 musste der damalige Vorstandsvorsitzende Johannes Ludewig sich so schimpfen lassen [VDS, 1.9.1999], 2007 dann sein Nachfolger Hartmut Mehdorn [VDS, 31.8.2007]. Bequemerweise war die Begründung in beiden Fällen dieselbe: Fahrkartenschalter würden „Ticket Counter“ genannt, Informationsstände „Service Point“ und Bahnhofstoiletten „McClean“. Und statt auf die Denkfehler hinter dieser Begründung hinzuweisen, gelobte die Deutsche Bahn im letzten Jahr dann tatsächlich Besserung (wobei unklar ist, ob tatsächlich die Quengeleien des VDS dafür verantwortlich waren, oder eher die sprachpuristischen Scheinattacken des Verkehrsministers Peter Ramsauer.

In diesem Jahr zeigte sich dagegen schon früh, dass dem Verein Deutsche Sprache bei seinen billigen Versuchen, sich auf ihre Kosten bekannter Namen und Institutionen als Bewahrer der deutschen Sprache darzustellen, ein etwas rauerer Wind ins Gesicht wehen würde. Als im Mai die Nominierungen bekanntgegeben wurden [VDS, 26.5.2011], war unter den Kandidat/innen auch der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Wiese. Ihm wurden Wörter wie Jobcenter, Start-Up-Coaching und Businesstalks angekreidet. Und statt zerknirschte Besserung zu geloben, wies die BfA in einer Pressemeldung auf etwas hin, das der VDS nie verstehen wird: Lehnwörter sind ein Teil der deutschen Sprache, und wer verstanden werden will, wird sie deshalb verwenden. » weiter

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Der wundersame und geheimnisvolle Fall des Sprachpanschers Nikolaus S.

07. Juni 2011, 10:43

Vor ein paar Tagen habe ich über die Nominierungen für den „Sprachpanscher des Jahres“ gesprochen, einen Negativpreis mit dem der Verein der Drögen Sprachmythen (VDS) alljährlich Prominente auszeichnet, um so auch mal wieder ins Gespräch zu kommen.

Berichtenswert war dabei nicht die Nominierung selbst (die angesichts der sonst meistens gut funktionierenden Pressearbeit des VDS in den Medien erstaunlich dürftig aufgenommen wurde, aber dazu später mehr), sondern die Tatsache, dass eine der Nominierten, die Bundesagentur für Arbeit, den Verein wegen seiner schlampigen und faktisch falschen Nominierungsbegründungen öffentlich vorführte.

Ein weiterer Nominierter schweigt dagegen beharrlich, obwohl er noch deutlicher widersprechen könnte: Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rates der evangelischen Kirche Deutschlands, der laut Pressemeldung des VDS

... seine Gläubigen mit „LutherActivities“ wie „Wellness für die Männerseele“, „marriage weeks“ oder „worship summerpartys“ bei der Stange halten will. [Pressemeldung des VDS]

Will er das wirklich? Nun traue ich dem Rat der EKD jede Narretei und jedes Fehlverhalten der Welt zu (und man gibt sich ja auch immer wieder kräftig Mühe, mein Vertrauen nicht zu enttäuschen), aber trotzdem hatte ich beim Lesen der Pressemeldung das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. » weiter

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Die unverbesserliche Seichtigkeit der Sprachnörgler (Teil 3)

03. Juni 2011, 10:35

Kommen wir heute zur dritten und letzten Folge unserer kleine Reihe zu den „10 am häufigsten falsch verwendeten Wörtern“ von Andreas Busch und BILD.de. Uns fehlen in der Diskussion noch drei Wörter, wollte, verstorben und Reifenwechsel, und fehlt noch die Ermahnung, Berufsbezeichnungen wie Arzt für Männer zu reservieren und für Frauen immer die weibliche Form Ärztin zu nehmen. Heute beschränke ich mich auf die drei Wörter, die Frage nach den Berufsbezeichnungen ist zu komplex um sie im Busch’schen Paradigma von „richtig“ und „falsch“ auch nur anzureißen. Ich komme aber in nächster Zeit umfassender darauf zurück.

In der ersten Folge ging es ja darum, dass Sprachnörgler wie Busch nicht in der Lage sind, Sprachwandel zu verstehen und zu akzeptieren, in der zweiten Folge ging es daneben auch noch um ihre Schwierigkeiten mit der Erkenntnis, dass Wörter normalerweise mehr als eine Bedeutung haben, von der keine die „richtige“ ist. Die heute diskutierten Fälle zeigen ein drittes Problem: Die sprachliche Intelligenz der Sprachgemeinschaft wird systematisch unterschätzt. » weiter

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Die unverbesserliche Seichtigkeit der Sprachnörgler (Teil 2)

01. Juni 2011, 09:30

Nachdem ich mich im ersten Teil unserer kleinen Serie über Andreas Buschs Liste der „10 am häufigsten falsch verwendeten Wörter“ mit sorgen, Kult und Busen beschäftigt habe, komme ich im zweiten Teil zu irritiert und Sympathie. BILD.de hat die Liste ja unter der Überschrift „Mit Fremdwörtern können Sie mir nicht imprägnieren!“ veröffentlicht und so unterstellt, dass es vorrangig um Verwechslungen eben dieser ginge, aber tatsächlich sind nur vier der zehn Wörter überhaupt Fremdwörter -- Public Viewing (das ich in dieser Serie nicht behandle, siehe aber hier und hier), Kult (das ich am Montag bereits behandelt habe), und eben irritieren und Sympathie.

Der Grund, warum ich die beiden Wörter heute gemeinsam bespreche, liegt aber nicht in ihrer lateinischen bzw. griechischen Herkunft, sondern daran, dass sie das zweite der drei Grundprobleme des Sprachnörgelns demonstrieren: Die Vorstellung, dass Wörter nur eine Bedeutung haben (dürfen).  » weiter

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Die unverbesserliche Seichtigkeit der Sprachnörgler (Teil 1)

30. Mai 2011, 07:58

Die ganze lange und trübsinnige Tradition der Sprachnörgelei entspringt einem bedauerlichen Missverständnis: Die Sprachnörgler unterschätzen sowohl die Komplexität von Sprachen als auch die Intelligenz von Sprecher/innen (ob letzteres darin begründet liegt, dass sie von sich auf andere schließen, sei dahingestellt).

Drei Vorstellungen sind für den Sprachnörgler nicht fassbar. Erstens, Sprache verändert sich. Zweitens, Wörter (und andere sprachliche Zeichen) können mehr als eine Bedeutung haben. Drittens, Verstehen besteht nicht in einem mechanischen Dekodieren von Wortbedeutungen, sondern in einem aktiven Deuten von Äußerungen in konkreten Situationen und im sprachlichen Zusammenhang.   » weiter

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Die Sprachpanscher schlagen zurück

28. Mai 2011, 11:34

Der Verein der Dortmunder Sprachnarren hat die Liste der Kandiaten für den „Sprachpanscher des Jahres“ bekanntgegeben, mit dem die Anglizismenjäger jedes Jahr versuchen, parasitär von der Medienpräsenz bekannter Mitmenschen zu profitieren, indem sie diese beschuldigen, mittels englischer Lehnwörter den Untergang alles Deutschen voranzutreiben.

Wie nicht anders zu erwarten werden die Nominierungen mit den selben substanzlosen und schwer bis gar nicht überprüfbaren Behauptungen untermauert, die auch die sonstigen Aktivitäten des Vereins charakterisieren. » weiter

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Quantensprung in der Platte*

20. Mai 2011, 17:07

Beatrice Lugger, ehemals Community Manager bei unseren Erzfeinden von den ScienceBlogs.de, bloggt seit heute bei uns (bzw. bei unseren Todfeinden von den Brainslugs BrainLogs). Das freut mich natürlich, und ich heiße sie herzlich willkommen, aber das war’s dann auch erstmal mit den Nettigkeiten. Denn für ihren ersten Beitrag hat sie sich aus irgendeinem Grund dafür entschieden, ein bisschen Sprachnörgelei zu betreiben.

Stein ihres Anstoßes ist die alltagssprachliche Verwendung des Wortes Quantensprung» weiter

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