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Unter Schneeblinden

22. März 2012, 08:12

Es ist völlig egal, wie oft man den Mythos von den „vielen Eskimowörtern für Schnee“ widerlegt -- wie ausführlich man z.B. die Struktur der Ekimo-Aleut-Sprachen erklärt, wieviele alltagsmythologische Quellen man durchforstet, wievielen Ausweichmythen man nachgeht. Es gibt immer Leute -- einen drittklassigen Krimiautor, zum Beispiel, oder seine folklorisierende Bürokraft -- die das alles besser wissen. Denn sie kannten mal jemanden, der einen kannte, der vielleicht ein Eskimo war oder zumindest einen dicken Anorak besaß, und der hat es ihnen gesagt. Außerdem haben sie eine Liste! Mit ganz vielen Eskimoschneewörtern!

Nun könnte so eine Wörterliste ja sogar bei der Beantwortung der Frage weiter helfen, ob die Eskimos entgegen der detaillierten Auskünfte von Fachleuten vieleicht doch „viele Wörter für Schnee“ haben -- es könnte ja sein, dass es sich bei den Auskünften der Fachleute um eine Verschwörung handelt, um sich von staatlichen Forschungsgeldern ein faules Leben zu gönnen, so eine Art Wörtergate. Wäre es nicht toll, wenn der kleine Mann auf der Straße diese Verschwörung aufdecken könnte, in dem er die Wörterlisten öffentlich macht, die die Linguistik-Mafia so verzweifelt unter Verschluss zu halten versucht?

Einen Versuch wäre es wert. Nur reicht es dazu leider nicht, so eine Liste gedankenlos in einen aufgeblasen blubbernden Blogkommentar zu kopieren oder sie auf der eigenen gernegroßen pseudobildungsbürgertümelnden Langweilerwebseite vor der Welt zu verstecken. Man muss dazu auch mindestens drei Fragen beantworten können:

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Wortgewaltphantasien

14. März 2012, 08:43

Das mit den Eskimos und ihren Wörter für Schnee ist ja inzwischen abgefrühstückt – kein Mensch glaubt mehr an ein ausgedehntes, lexikalisch manifestes Interesse der Völker des nördlichen Polarkreises am kristallförmigen Nierderschlag. Höchste Zeit also für neue Varianten des zugrundeliegenden Mythos, dass Sprachgemeinschaften besonders viele Wörter für das haben, was ihnen besonders wichtig ist. » weiter

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No Shit!

02. März 2012, 08:49

When we selected Shitstorm as “Anglicism of the Year 2011” a few weeks ago, several US blogs quicky agreed that our choice was inevitable given our nationality: as Germans, we are “obsessed with poop” (Huffington Post), or even “infatuated with crap” (Death and Taxes). Only Slate’s Katy Waldman wondered why Germans, if they are obsessed with feces, would have to borrow scatological terminology from English.

This bit of amateur cultural psychology reminded me that I still owe a blog post to Kathrin Passig, who, prompted by an altogether brainless Vanity Fair article, asked me some months ago about scientific support for this supposed Teutonic obsession with human waste. So here is my answer, – in English, since I hope that it will be relevant not just for my usual German audience (who will no doubt be surprised to learn about their fixation on fecal matters), but also for the English-speaking audience for whom this fixation is so self-evident that they see the existence of the English word shitstorm as evidence for it. » weiter

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Auch in 2012 darf man „in 2012“ sagen

23. Dezember 2011, 08:42

Aussenstelle-NeufassungIm Zuge der Nominierungen zum Anglizismus des Jahres ist auch die Verwendung von in mit Jahreszahlen nominiert. „Es ist für mich der kleinste aber widerwärtigste Anglizismus, den jedes halbakademische Bullshitbingoopfer in jeder Besprechung allzu häufig verwendet“, schreibt der Nominierende. „Warum müssen wir in unserem Sprachgebrauch ein Wort einfügen, wo es bei uns gar nicht notwendig ist? Das hatten wir bereits 2010 diskutiert und nicht in 2010 – meinetwegen im Jahre 2010.“

Mit dieser Abneigung ist er nicht allein. Immer wieder wird behauptet, dass es sich dabei um einen „lästigen Anglizismus“ aus dem „Wirtschaftsjargon“ handelt, der von „schlechtem Stil zeugt“, und dass er zwar „weit verbreitet“ aber „tatsächlich falsch“ sei» weiter

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Swaghalsige Jugendwörter

06. Dezember 2011, 09:30

Der Langenscheidt-Verlag, der es als Herausgeber exzellenter Wörterbücher eigentlich nicht nötig hätte, macht sich seit 2008 jedes Jahr mit der Wahl zum „Jugendwort des Jahres“ zum Affen.

Nicht, weil es keine Jugendwörter gäbe -- die gibt es, und sie werden auch sprachwissenschaftlich untersucht (zum Einstieg empfehle ich Schlobinski 2002). Sondern, weil der Langenscheidt-Verlag kein Interesse an Jugendwörtern hat, und sich folgerichtig auch nicht bemüht, etwas über Jugendwörter herauszufinden -- oder wenigstens Jugendwörter zu finden.

Statt dessen wird einer Jury aus Jugendlichen (es geht ja um Jugendsprache) und Journalist/innen (es geht ja um, äh...) jedes Jahr eine beliebige Auswahl von Wörtern aus allen möglichen Funktionsbereichen der Sprache vorgelegt, aus denen die dann ein Siegerwort küren soll.

Und in diesem Jahr ist die Beliebigkeit der Auswahl sogar der Jury selbst aufgefallen. Ihre Begründung für die fünf Finalisten und deren Rangfolge liest sich wie eine einzige lange Distanzierung von dem, wozu sie sich da breitschlagen lassen haben. » weiter

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Der Mythos vom Tal zwischen den Brüsten

28. Oktober 2011, 11:56

Vor einiger Zeit habe ich hier im Sprachlog eine Reihe von „Sprachtipps“ von Bild.de diskutiert, unter denen auch diese Perle war:

Busen oder Brüste – wo liegt der feine Unterschied? Antwort: In der Mitte liegt er, genau in der Mitte. Denn der Busen ist in seiner Ursprungsbedeutung nichts anderes als das Tal zwischen den Brüsten. Das Dekolleté, mit anderen Worten. [10 falsch verwendete Wörter, Bild.de, 23. Mai 2011]

Ich habe diese Behauptung seinerzeit umfassend entkräftet und dem Verfasser der Sprachtipps dann vorgeworfen, die Geschichte vom Busen als „Tal zwischen den Brüsten“ von der Rückseite einer Cornflakespackung abgeschrieben zu haben. Ein besorgter Leser hat mich kurz darauf in einem Kommentar zu einem anderen Beitrag ermahnt, ich solle die „Gegenseite“ nicht immer „als nur aus Vollidioten bestehend hinstellen, denen jeglicher Sachverstand abgeht“.

Diese Ermahnung nehme ich natürlich sehr ernst, denn ich will keinesfalls für einen Verfall der hohen Diskussionskultur im Internet verantwortlich sein. Ich möchte mich für meine Gemeinheit deshalb entschuldigen: Verzeihung, liebe Cornflakes-Produzenten, ich weiß natürlich, dass ihr derartigen Unfug niemals auf eure Verpackungen drucken würdet.

Bleibt die Frage, woher die Idee vom Busen als „Tal zwischen den Brüsten“ denn dann kommt. » weiter

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Die Japaner haben kein Wort für Tsunami

07. September 2011, 11:03

Man muss nichts über die japanische Sprache -- oder Sprache überhaupt -- wissen, um über eine Ausstellung von Werken des japanischen Künstlers Katushika Hokusai zu schreiben. Aber man sollte dann eben auch nur über die Ausstellung, und nicht über die japanische Sprache schreiben. Wenn man es doch tut, kommt dabei dieser Artikel in der Main-Post heraus.

Er fängt schon wenig vielversprechend an:

In Japan nennt man die Dinge nie gern beim Namen, das zeigte sich bei den Mitteilungen der Regierung zum Reaktorunglück in Fukushima. Aber das war auch schon früher so, als Katsushika Hokusai (sprich: Hok'sai, 1760-1849) lebte, der als 13-Jähriger seine Künstlerkarriere begann...

Ja, so kennen wir sie, die Japaner -- wollen sich einfach der Realität nicht stellen. Ganz anders als wir Deutschen. Unsere Regierung nennt ja die Dinge gerne beim Namen -- außer, wenn es um akademischen Betrug, Panzer für Saudi-Arabien oder den Erfolg wirtschaftlicher Sanktionen gegen libysche Diktatoren geht. Aber sonst -- immer ganz auf die Realität fixiert.

Aber ich schweife ab, Fukushima war ja nur der unvermeidliche Einstieg, der auf absehbare Zeit obligatorisch für alle Artikel über Japan ist. Eigentlich geht es aber um ein berühmtes Bild des eben genannten Katushika Hokusai, nämlich dieses hier:  » weiter

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Schneechaos im Wörterbuch

07. Januar 2011, 17:18

Wenn Sie wegen Anja Wässerbachs Artikel „Inuit und der Schnee von gestern” in den Stuttgarter Nachrichten oder im Schwarzwälder Bote hier gelandet sind und nun mehr über Schnee und Eskimos wissen möchten, empfehle ich Ihnen die folgenden Artikel aus meinem alten Blog, dem „Bremer Sprachblog“):

Außerdem hoffe ich, dass Sie sich auch hier in meinem neuen Blog umsehen und empfehle Schneefreunden folgende Beiträge:  » weiter

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Wahlaufruf zum Anglizismus des Jahres 2010

21. Dezember 2010, 11:14

Alle hassen englische Lehnwörter. Wir nicht. Wir geben jedem neuen Wort, egal, woher es stammt, zunächst einmal die Gelegenheit, seinen kommunikativen Nutzen unter Beweis zu stellen und vertrauen darauf, dass die Sprachgemeinschaft überflüssige Wörter schnell wieder aussortiert.

Um den mehr oder weniger aufschlussreichen Wahlen zum Wort und/oder Unwort des Jahres, mit denen uns verschiedene Sprachgesellschaften und -vereine uns zum Jahreswechsel beglückt haben oder dies noch tun werden, eine weitere hinzuzufügen, möchten wir den Beitrag, den die englische Sprache zur Entwicklung des Deutschen macht, angemessen würdigen.

Wir bitten deshalb um Nominierungen für den „Anglizismus des Jahres 2010“.

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Verzerrte Realitäten

29. Oktober 2010, 13:31

An vielen Orten der Welt bemühen sich Sprachwissenschaftler/innen darum, sterbende Sprachen zu dokumentieren. Das ist nicht nur für die Sprachwissenschaft wichtig, sondern manchmal auch für die betroffenen Sprachgemeinschaften, wenn die nachfolgenden Generationen die Sprache ihrer Vorfahren wiederbeleben möchten. Wer die Dokumentation sterbender Sprachen unterstützen möchte, kann das z.B. durch eine Spende an die Gesellschaft für Bedrohte Sprachen tun.

Ab und zu entdecken die Forscher/innen bei ihrer Dokumentationsarbeit sogar bislang unbekannte Sprachen. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist das besonders besonders spannend, weil immer die Möglichkeit besteht, dass die neu entdeckte Sprache Eigenschaften hat, die wir vorher für unwahrscheinlich oder sogar für unmöglich gehalten hätten. So zum Beispiel, als der Missionar und Feldforscher Desmond Derbyshire im Rahmen seiner Missionstätigkeit die Sprache Hixkaryana entdeckte, deren grundlegender Satzbau die bis dato für unmöglich gehaltenen Reihenfolge Objekt-Verb-Subjekt aufwies (Derbyshire 1961).

Aber als ich die folgende Schlagzeile in meinem Feedreader sah, war ich dann doch überrascht: „Linguisten entdecken neue Sprache, die unsere Realität verzerrt“, schreibt das Technikblog „Gizmodo“ (nur, damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich lese Gizmodo nicht, aber mein Feedreader durchsucht für mich Google News nach Wörtern wie „Anglizismus“, „Sprachwandel“ und eben auch „Linguisten“). » weiter

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