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Schuldengrammatik

26. März 2012, 13:40

Schon seit ein paar Monaten geht eine Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Keith Chen durch die englischsprachige Presse, in der behauptet wird, dass die wirtschaftliche Mentalität eines Volkes von seiner Sprache abhängt. Eigentlich hatte ich nicht vor, diese Studie zu kommentieren (zu den Gründen gleich mehr), aber vor zwei Wochen hat auch FAZ.net darüber berichtet und seitdem bin ich mehrfach gebeten worden, etwas dazu zu sagen, vor allem von Leser/innen, die im Sprachlog gerne generell mehr über den Zusammenhang von Sprache und Denken lesen würden. Deshalb hier doch ein paar Gedanken zu der Studie.

Zunächst kurz zum Inhalt (wer es ausführlicher wissen will, dem sei der oben verlinkte FAZ-Artikel empfohlen, wer es noch ausführlicher wissen will, kann die Studie selbst [PDF, 450 KB] lesen). Chen teilt zunächst die Sprachen der Welt in zwei Gruppen ein: die mit „schwachem Zukunftsbezug“ (weak future-time reference) und die mit „starkem Zukunftsbezug“ (strong future-time reference). Grob gesagt (es wird gleich noch feiner) unterscheiden letzere in bestimmten Zusammenhängen grammatisch zwischen Gegenwart und Zukunft, während erstere das nicht tun. Will ich z.B. auf Deutsch ausdrücken, dass ich für morgen Regen erwarte, kann ich dazu die Präsensform (1) oder die Futurform (2) verwenden: » weiter

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Frauen natürlich ausgenommen

14. Dezember 2011, 09:17

Nachdem ich vor einigen Wochen über die grundsätzlich diskriminierende Struktur von Sprache geschrieben habe, möchte ich heute auf ein spezielles Problem des Deutschen (und vieler anderer Sprachen) zurückkommen, das auch hier im Sprachlog schon mehrfach zu erhitzten Debatten geführt hat: Das sogenannte „generische Maskulinum“. Es hält sich, sowohl im Sprachgebrauch selbst als auch in der Diskussion über Sprache, hartnäckig das Gerücht, man könne bei geschlechtlich gemischten Gruppen von Menschen einfach maskuline Bezeichnungen verwenden, also etwa eine Gruppe von Studentinnen und Studenten einfach als Studenten bezeichnen, und die weiblichen Mitglieder dieser Gruppe seien dann „mitgemeint“.

Bemühungen, diese Art der sprachlichen Unsichtbarmachung von Frauen zu vermeiden -- etwa durch explizite Nennung beider Genera (Studentinnen und Studenten), durch kombinierte Formen wie die Schrägstrichform (Student/innen) oder das Binnen-I (StudentInnen) oder durch die Schaffung inklusiver Formen (Studierende) -- stoßen bei vielen Menschen auf Ablehnung.

Wenn überhaupt einmal sachliche Argumente für diese Ablehnung genannt werden, dann sind das normalerweise die folgenden:

  1. Das „generische Maskulinum“ sei nun einmal weit verbreitet und jeder wisse, dass Frauen hier eingeschlossen seien. Es sei deshalb albern/überflüssig/Teil eines Plans zur feministischen Weltherrschaft, auf sprachlichen Alternativen zu bestehen.
  2. Geschlechtsneutrale und geschlechtergerechte Formulierungen seien umständlich und behinderten das Leseverständnis.

Wenn diese Aussagen stimmen würden, wäre das nicht unbedingt ein Grund, auf eine sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter zu verzichten. Es ist auch umständlich und überflüssig, die Flagge eines Staatsgastes vor dem Reichstagsgebäude zu hissen, Menschen nett zu begrüßen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen oder mit Messer und Gabel zu essen. Trotzdem gelten diese Gesten als Zeichen von Respekt, Interesse und gutem Benehmen. Genauso könnte es umständlich und überflüssig sein, statt eines „generischen Maskulinums“ eine der anderen Alternativen zu verwenden -- ein Zeichen für das Ziel einer allgemeinen Gleichberechtigung wäre es trotzdem.

Aber stimmen die Aussagen denn überhaupt? Sagen wir es so: Die Forschungslage in diesem Bereich reicht aus, um beide Aussagen stark in Zweifel zu ziehen. » weiter

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Sprache diskriminiert

30. November 2011, 11:00

Gestern habe ich an einer Podiumsdiskussion der Bundeszentrale für politische Bildung mit dem Thema „Wort und Wirklichkeit: Kann Sprache diskriminieren?“ teilgenommen, deren Ergebnisse ich auf vielfachen Wunsch in einigen Blogbeiträgen aufarbeiten möchte. Ich beginne heute mit den Gedanken, die ich mir vor der Diskussion zu der Frage „Kann Sprache diskriminieren“ gemacht und notiert hatte.

Das lateinische Verb discriminare bedeutet „trennen“, „unterscheiden“, und in dieser Bedeutung wurde es im 17. Jahrhundert in verschiedene europäische Sprachen entlehnt. Im Deutschen findet es sich zunächst sehr vereinzelt, erst ab dem 19. Jahrhundert ist es häufig belegt, dann hauptsächlich in seiner heutigen Bedeutung („herabwürdigen“, „benachteiligen“).

Wie diese moderne Bedeutung entstanden ist, lässt sich im Englischen sehr gut nachvollziehen, weil das Wort dort seit dem 17. Jahrhundert durchgängig im Gebrauch war und bis heute neben der modernen auch die ursprüngliche Bedeutung hat. Der erste Beleg für die moderne Bedeutung im Oxford English Dictionary ist der folgende: » weiter

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Wortschatzerweiterungen

24. November 2011, 10:48

Ab und zu fehlen selbst den eloquentesten Mitgliedern einer Sprachgemeinschaft die Worte -- dann nämlich, wenn deren Sprache für einen bestimmten Sachverhalt schlicht kein Wort bereitstellt. In der Sprachwissenschaft spricht man hier allgemein von lacunae, oder, weniger latinisiert, von „lexikalischen Lücken“.

Interessant sind diese Lücken natürlich nur dann, wenn ein Wort für einen an sich bekannten Sachverhalt fehlt, und nicht dann, wenn ein Wort fehlt, weil das zu Bezeichnende selbst unbekannt ist. Das Deutsche hatte bis in die 1990er Jahre kein Wort für Sushi, aber weil niemand das damit bezeichnete Gericht überhaupt kannte, fehlte das Wort ja nicht im eigentlichen Sinne. Man könnte also etwas präziser von „Versprachlichungslücken“ sprechen (aber das ist eine Eigenkreation, kein anerkannter Fachbegriff).  » weiter

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Die unverträgliche Verträglichkeit des E10

08. April 2011, 10:34

Wollten die Deutschen das E10-Benzin einfach aus einem allgemeinen Wutbürgertum heraus nicht -- weil es neu ist (wie die Präimplantationsdiagnostik), oder weil es sich um einen Energieträger handelt (wie Uran), oder weil es eine Zahl im Namen trägt (wie Stuttgart 21)?

Oder war es am Ende sogar ein sprachliches Problem? Mit dieser Vermutung wurde letzte Woche der Direktor des Institus für Deutsche Sprache, Ludwig Eichinger, in einer dpa-Meldung zitiert:

Vor allem der offizielle Begriff „E10-Verträglichkeit“ sei ein gutes Beispiel für den großen Einfluss der Sprache - die Automobilindustrie hatte ihrer Liste mit Autos, die E10 tanken dürfen, den Titel „E10-Verträglichkeit“ gegeben. „Verträglichkeit klingt natürlich nach großer Vorsicht und ist daher auch nicht geeignet, die Sorgen der Nutzer zu zerstreuen - wenn sie denn begründet sind“, sagte Eichinger, dem neutralere Alternativen einfallen. „Da wäre so etwas wie ‚E10-Eignung‘ oder Ähnliches zweifellos eine positivere Variante gewesen.“

Dem Wissenschaftler zufolge schwingt bei „E10-Verträglichkeit“ immer mit, dass der Kraftstoff eben auch unverträglich sein kann und damit ein Potenzial für Schäden hat. Die offizielle Bezeichnung sei somit geradezu geeignet, Misstrauen hervorzurufen und Skepsis zu bestätigen. „Denn bei ‚E10-Verträglichkeit‘ hat der Konsument natürlich sofort die Idee: “Die formulieren so vorsichtig wie sie nur können, weil sie selber auch nicht genau wissen, wie es ist“, sagte Eichinger. „Es klingt nach einer Juristenformulierung.“ [sueddeutsche.de]

Wenn das Wort Verträglichkeit den Konsument/innen nahelegt, dass ein Kraftstoff für bestimmte Motoren auch unverträglich sein kann, dann muss man die Schöpfer des Begriffs eigentlich beglückwünschen, denn genau das ist ja bei E10 der Fall. Die Vorsicht, die bei dem Wort Verträglichkeit möglicherweise semantisch mitschwingt, ist absolut angebracht. Man muss sich also eher wundern, dass nicht von vorneherein ein positiv besetzter Ausdruck gewählt wurde -- so etwas wie „E10 Ready“ (in Analogie zu „HD Ready“, das immerhin offensichtlich sexy genug klingt, um erwachsene Menschen dazu zu bewegen, sich Fernseher mit einer Auflösung zuzulegen, in der wenig bis gar nichts gesendet wird).

Aber über diesen ungewohnten Anfall von anti-euphemistischer Behördenehrlichkeit zu sinnieren überlasse ich den Kollgen von neusprech.org (die sich immerhin schon mit dem Bio in Biosprit befasst haben). Stattdessen möchte ich mir Eichingers Argument aus sprachwissenschaftlicher Sicht näher ansehen.  » weiter

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Kein Bock auf nen interessantes grammatisches Phänomen?

06. Dezember 2010, 12:15

Vor einigen Wochen hat mir KathrinPassig die folgende, mit der Betreffzeile „Ich hab nen Haus, nenÄffchen und nen Pferd“ versehene sprachwissenschaftliche Fragegestellt:

Etwa einmal im Jahr versuche ich zu ergoogeln, ob inzwischen jemand eine Erklärung für den Vormarsch des „nen“ gefunden hat, das an die Stelle von „n“ tritt. Ich weiß nicht einmal, ob es sich um ein regionales Phänomen handelt; in Berlin ist es jedenfalls häufig zu hören. Leider bleiben meine Googleversuche ergebnislos bis auf das übliche Genörgel, das den Sprechern unterstellt, sie seien schlicht zu blöd zur korrekten Geschlechtsbestimmung.

Das ist es aber sicher nicht, erstens, weil das sowieso nie die Erklärung ist, zweitens, weil ausschließlich das Neutrum zum Maskulinum wird und andere Vertauschungen nie vorkommen und drittens, weil es nur in diesem einen Zusammenhang passiert. Ich hege die vage Vermutung, dass es sich eher um einen Versuch handelt, für mehr Ordnung und Deutlichkeit zu sorgen, und dass man sich als deutscher Sprecher (und Schreiber, denn das Netz ist voller schriftlicher Belege) mit einem so unklaren Einbuchstabenwort wie „n“ und dem damit einhergehenden Apostrophenverdacht leicht unwohl fühlt. Vielleicht haben Sie ja Lust, eines Tages Licht in die Angelegenheit zu bringen?

Als Beispiel des üblichen Genörgelsnennt sie unter anderem eine von Bastian Sicks Zwiebelfisch-Kolumnen,auf die ich gleich zurückkomme.

Wie der Zufall es wollte, hatte ich dasThema schon seit Längerem im Hinterkopf und so nahm ich die Anfragezum Anlass, einige Kolleg/innen zu kontaktieren, die sich mit derSyntax des gesprochenen Deutsch beschäftigen. Das Phänomen warnatürlich allen bekannt, aber eine Forschungsarbeit zu dem Themakonnte mir niemand nennen.

Einmal hervorgeholt konnte ich dasThema aber nicht wieder in meinen Hinterkopf verbannen. Hier deshalbmein Versuch, selbst Licht in die Angelegenheit zu bringen. EineWarnung vorweg: Der Beitrag ist lang, und ich tue letzten Endes nichtviel mehr, als Kathrin Passigs vage Vermutung zu bestätigen (dafürschreibe ich aber bald wieder etwas über Eskimos und Schnee!). » weiter

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Die Deutsche Bahn, Bewahrerin der englischen Sprache

08. März 2010, 08:41

Ich bin ja zurzeit viel mit der Deutschen Bahn unterwegs und nutze, um die Reisezeit optimal zu verwerten, die Durchsagen als Forschungsobjekt. Deshalb habe ich mich natürlich besonders über den aktuellen Beitrag in Kristin Kopfs „Schplock“ gefreut, in dem sie sich mit einer Besonderheit des Bahnenglisch befasst, die deutlich interessanter ist als die Frage, ob „Call-a-Bike“ besser „Ruf-ein-Rad“ heißen sollte:

Fast jedes Mal, wenn ich mit dem Zug unterwegs bin, fällt mir eine kleine Eigenheit im Bahnenglisch auf: “Ladies and Gentlemen, we arrive Berlin-Spandau ...“ Die Wendung scheint fest zu sein, äußerst selten höre ich Varationen mit einer Präposition, die to arrive ja eigentlich fordert: Man kann nur at (oder in) arriven, nackt ist das Verb nicht brauchbar. Ganz abgesehen davon, dass die Verbform eine andere sein müsste (we will be arriving ...).

Die Frage der Verbform würde ich etwas differenzierter sehen. Der grammatische Kontext ist ja normalerweise In a few minutes, we arrive... oder We arrive ... at 19:47, und da wäre es vorstellbar, dass die intendierte Aussage eine habituelle sein soll, also etwa „Zum Zeitpunkt X erreichen wir immer/jeden Tag ...“. In diesem Fall wäre die Form we arrive annehmbar. Wenn das spezifische Ereignis des Ankommens an diesem einen Tag um diese eine Zeit gemeint ist, dann wäre ein Futur nötig, entweder in der Verlaufsform, wie Kristin vorschlägt, oder in der einfachen Form, also we will arrive.... Tatsächlich könnte das we arrive einfach ein undeutlich ausgesprochenes einfaches Futur sein: we’ll arrive.

Aber um die Zeitform geht es ja auch gar nicht, es geht um die Frage, ob arrive ein direktes Objekt erlaubt (We arrive [Objekt Berlin-Spandau]), oder ob das Ziel als adverbiale Ergänzung in Form einer Präpositionalphrase benannt werden muss (We arrive [Adverbial at/in Berlin-Spandau]). Kristin geht davon aus, dass ein direktes Objekt nicht möglich ist, und erklärt den Fehler als Interferenz aus dem Deutschen:  » weiter

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