Heimat und Identität - eine individuelle Sicht
Wenn Sie mich als waschechte hamburger Deern fragen, was Heimat ist, was erwarten sie dann wohl zu lesen? Oder was sollte ich darauf schreiben? Dass Heimat ist, wenn man von der Wohnung aus den Michel sieht (bei mir nicht der Fall)? Oder wenn man einen Bummel über die Reeperbahn macht (die für einen Hamburger, glauben Sie mir, ungefähr so wichtig ist wie für China ein Reissack)? Wenn man am Hafen steht und auf die Kräne und großen Dampfer und die Blohm und Voss Werft blickt (kommt da nicht eher Fernweh auf?)?
Ist es vielleicht Heimat, wenn das hamburger Pflänzchen im Flugzeug mit Destination in die Hansestadt sitzt und ihm wohlige Gänseschauer über die Haut laufen, wenn es mal wieder heißt: bitte stellen Sie jetzt auch Ihre Sitzlehnen gerade und klappen Sie das Tischchen vor sich zurück-wir werden in Kürze in Hamburg landen?
Damit Sie im Bilde sind – ich bin zwar eine echte Hamburgerin, aber meine Familie kann leider nicht mit einem ellenlangen Stammbaum dienen, deren Vorfahren alle hamburger Pfeffersäcke waren. Meine Eltern haben sich sozusagen damals in der Mitte getroffen. Und da kam ich dann zur Welt, mitten in Hamburg-Barmbek. Hier bin ich aufgewachsen, zur Schule gegangen, hier habe ich studiert. Was anderes als Hamburg sollte meine Heimat sein?
Bis sich die Deern entschied, auf großes Abenteuer zu gehen und sich für das letzte Jahr ihres Studiums einfach nach México absetzte. Aus dem einen Jahr wurden dann drei und die Hamburgerin wollte nicht mehr zurück. Bereits beim Landeanflug auf die riesige Hauptstadt flossen Tränen der Rührung und als die junge Frau ein paar Schritte auf mexicanischem Boden gemacht hatte, überkam sie ein nie da gewesenes Gefühl von: hier bin ich zuhause! Und je länger sie dort war, desto stärker wurde das Gefühl. War es der Blick auf die riesige Straße Insurgentes, die sich einmal quer durch die ganze Stadt zieht? Der gemütliche Cafeschnack mit einer Freundin im schönen Künstlerviertel Coyoacán, in dem schon Frida Kahlo gelebt hatte? Oder war es gar die zweite Heimat, das staatliche Krankenhaus, in dem sie mehr Zeit verbrachte als woanders und wo sie in der Zeit tausende mexicanische Babys auf die Welt brachte?
Waren es die Freundschaften, die in der Zeit geknüpft wurden? Aber halt, was war mit den Freundschaften aus Hamburg? Und überhaupt, wo war eigentlich Hamburg? Ein winziger Fleck Erde ziemlich weit weg und ziemlich uninteressant. Wo war also die Heimat geblieben? Und konnte sie so schnell gegen eine neue ausgetauscht werden? Oder gab es jetzt zwei Heimaten? Die nebeneinander existieren konnten, weil sie unterschiedlicher nicht hätten sein können?
Jedesmal, wenn die Deern aus Mexico auf „Heimaturlaub“ war, wünschte sie sich wieder zurück ins ferne México. Nur neulich nicht. Neulich war sie zwei Monate in México. Es war schön, es fühlte sich immer noch an wie Heimat.
Aber als sie dann im Flugzeug saß und der Landeanflug auf Hamburg begann, da schlich sich zum allerersten Mal seit einer Rückkehr aus dem Land der Azteken ein überwältigendes Gefühl in ihr Herz und das sagte: guck mal, wie schön es hier ist. Hier bist Du zuhause!
Wenn Sie mich fragen, verehrte Leserschaft, so ist Heimat keine Stadt, kein Fleck Erde, vielleicht nicht einmal Menschen oder Freunde oder Familie. Es hört sich kitschig an, fast wie aus einem Groschenroman abgeschaut, aber für mich ist Heimat dort, wo mein Herz mir sagt, dass ich zuhause bin. Und wer behauptet, dass sich das im Laufe eines Lebens nicht auch einmal ändern kann?
Für mich ist Heimat nichts, was man hat. Es ist eher ein diffuses Gefühl, welches einen beschleicht, wenn man sich an einem Ort aufhält. Ist es Ihnen auch schon mal passiert, dass Sie an einem Ort waren, den Sie vorher nicht kannten, der Ihnen aber seltsam vertraut vorkam? Sozusagen ein Deja-vu-Erlebnis? An dem Ort überkommt einen zuweilen auch ein Gefühl von Heimat, als hätte man an diesem Fleckchen Erde schon einmal gelebt. Ist dieses Gefühl wirklich so unterschiedlich zu dem Gefühl, das man hat, wenn man an seine Heimatstadt denkt?
Vielleicht ist Heimat, Heimatgefühl, etwas flüchtiges. Etwas, das kommt und geht und auch von der Situation abhängig ist? Letzten Winter, als die Kälte so gar nicht weichen wollte und ich ständig fror und meine Spaziergänge mit dem Hund zur Qual wurden, da hätte ich meine Heimat Hamburg sofort gegen jedes andere Land eingetauscht, das 20 Grad mehr an Temperaturen aufzuweisen hatte. Hatte ich nun mein Heimatgefühl verloren oder war es nur überlagert worden durch den Unmut? Oder hatte mir die Kälte das Gehirn vernebelt?
Manchmal denke ich, Heimat ist Vertrautheit. Straßen, Plätze, Orte die man kennt und an die man Erinnerungen knüpft. Hier bei diesem Italiener habe ich mal ein erstes Date gehabt, an dieser Eisdiele hab ich das beste Eis meines Lebens geschleckt, in diesem Geschäft hat man mich mal um fünf Euro betrogen...Solcherlei Erinnerungen, Sie wissen schon. Erinnerungen, die einen Ort zu etwas machen, das fest in die eigene Geschichte eingewoben ist. Entsteht auch so Heimat? Vor ein paar Jahren habe ich ein zeitlang in Nürnberg gearbeitet. Ich kann Ihnen versichern, dass ich die Stadt nach kurzer Zeit kannte und nach etwas längerer Zeit war mir alles durchaus auch vertraut. Die Arbeitsatmosphäre war sehr angenehm, die Kollegen nett und immer bemüht, mich zu integrieren- aber ein Heimatgefühl ist in der ganzen Zeit trotzdem nicht aufgekommen. Nur an Vertrautheit kann es also auch nicht liegen.
Vielleicht ist es mit der Heimat wie mit der Neuroanatomie. Wir wissen immer mehr über die Funktionsweise des Gehirns, können sogar schon Emotionen entsprechende Ursprungsorte im Gehirn zuweisen und sehen buchstäblich in die Köpfe der Menschen hinein. Aber deshalb wissen wir noch lange nicht, warum jemand sich ausgerechnet jetzt freut oder ärgert oder wie er selbst dies empfindet.
Jeder Mensch ist anders und vielleicht ist auch für jeden Menschen Heimat etwas anderes. Aber es bleibt dabei: Heimat ist mehr Gefühl als Fakt, ist mehr Intuition als absolute Wahrheit. Heimat ist, wenn man Heimatgefühle hat. Egal wo immer auf der Welt man auch sein mag.
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Diesen Text kann ich direkt und intuitiv nachvollziehen. Paßt!
Hach - London... ;-)
Ein schöner Artikel mit einem tollem Schlusswort:
So sehe ich es auch.
Was ist eine Deern? So etwas wie ein Mädel?
Ja, Deern ist Norddeutsch für Mädchen. In Österreich sagt man wohl (so stehts im Duden) Dirn.
@Joachim Schultz: Nicht Dirn sondern Dirndl (bzw je nach Region Mentsch, Madl, Mözn, oder Gitschn)
Genau, Deern für Mädchen, so wie man es hier im hohen Norden noch manches Mal sagt, wenn auch nicht ganz ernst gemeint:-)
Im Übrigen freue ich mich über die positiven Kommentare, Danke dafür!