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Wer ist Mutter Natur?

von Sören Schewe, 12. Juli 2009, 20:04

Hier mal ein Artikel über eine youtube-Diskussion. Leider lief diese Diskussion über den privaten Nachrichten-Bereich und ich habe bis heute keine Antwort auf meine Anfrage bekommen, ob ich denn Teile der Argumentation veröffentlichen dürfe. Deshalb verzichte ich auch auf Zitate und gehe lediglich in ungeordneter Reihenfolge auf die Gedanken meines Diskussionspartners ein.

Der Haupttenor seiner Ansicht lag dabei in der Argumentation, dass alles Natürliche gut sei. Auch mein Einwand, dass sämtliche Krankheiten schließlich auch natürlich seien, wurde als Bestätigung seiner These ausgelegt. Schließlich dienten Krankheiten der Auslese, was wiederum die Populationen begrenzte. Nun, das mag nicht ganz falsch sein. Aber wer möchte zB freiwillig an der Pest erkranken? Oder wer ist schon ganz scharf darauf, in einigen Jahren an Krebs zu sterben? Niemand. Und weil das so ist, hat der Mensch schon seit Jahrtausenden geforscht, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen – in den letzten 100 Jahren übrigens mit beeindruckendem Erfolg. Dafür lohnt sich aber schon fast wieder ein eigener Eintrag. Kommen wir zurück zu meinem Diskussionspartner, der immer wieder die gute Mutter Natur erwähnte. Gleichzeitig befürwortete er eine Symbiose zwischen Mensch und Natur. Aua. Das hatten wir viele Jahrtausende lang. Eine Zeit, in der die Menschen gar keine Zeit hatten, um sich derlei philosophische Dinge Gedanken zu machen, da sie im Alter heutiger Abiturienten schon wieder tot waren. Und das lag nicht unwesentlich daran, dass es keine medizinische Versorgung gab und auch die Ernährung war eher bescheiden. Aber nicht nur der Mensch kämpfte – und tut es leider noch heute in einigen armen Ländern – mit den Widrigkeiten, die die gute Mutter Natur ihm auferlegte. Gerade im Frühling kann man immer wieder beobachten, wie die Kleinsten der geschlüpften Vogelkinder einfach von den Geschwistern aus dem Nest geschubst werden und kläglich verhungern. Selektion und Population hin oder her: für das kleine Küken dürfte das ziemlich grausam sein. Spontan fallen mir noch Opfer eines Waranbisses ein, die dann aufgrund des giftigen Speichels einige Tage später an einer Blutvergiftung sterben. Schön? Nicht wirklich! Ein weiter spannender Punkt meines virtuellen Gegenüber war, dass Tiere lediglich funktionieren, während der Mensch einen freien Willen hätte. Natürlich könnte man zu dem Schluss kommen, wenn man sich ausschließlich mit Schmetterlingen beschäftigt (als Beispiel). Hier könnte man jetzt eine ewig lange Liste mit Tierarten einsetzen, die diese gewagte These widerlegen oder einfach eine Reihe von skurrilen Anekdoten aus dem Tierreich erzählen.  Nehmen wir mal Elefanten. Diese Tiere sind unbestritten sehr intelligent und legen großen Wert auf soziale Bindungen. Sie haben ein sehr gutes Gedächtnis und helfen sich auch gegenseitg. Von Funktionieren kann da keine Rede sein. Leider kommt es auch hier vor, dass “Elefantenkinder” die langen Wanderungen nicht überstehen und langsam dahinsiechen. Für derartige Situationen hat der Mensch doch durchaus komfortablere Lösungen, die beim Menschen selbst aber noch umstritten sind, wenn es tatsächlich nichts mehr zu retten gibt.

Wie sollen wir also mit der Natur verfahren? Fakt ist, dass wir nicht ohne sie leben können. Wir sollten sie aber auch nicht zu sehr als den ausschließlich guten Gegensatz zum Menschen glorifizieren, denn die Natur kann ebenso atembraubend schön wie unglaublich grausam sein.



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Kommentare

  1. Martin Huhn unsichtbarer Text
    12.07.2009, 21:55

    So, nun ist der Beitrag auch lesbar. Du hattest ein div-Tag verwendet mit einer CSS Anganbe, da wurde der Text nicht angezeigt. Im Quelltext hingegen war er vorhanden. Komisch, das habe ich noch nie gesehen.

  2. Sören Schewe @ Martin
    12.07.2009, 22:28

    Ja, ich hatte mich auch gewundert, was da los war. Danke fürs "Lesbarmachen"

  3. Siegfried Hoppe Mutter Natur
    12.07.2009, 22:54

    Speziell an den "Diskussionspartner":
    Schließlich hat "Mutter Natur" ja auch den Menschen hervorgebracht mit all seinen Möglichkeiten und Fehlern. Sollen wir ihn da immer gewähren lassen, weil "Mutter Natur" so gut ist?

  4. KRichard Sichtweise
    13.07.2009, 05:43

    Wir sollten aufhören, die Natur zu vermenschlichen: Mutter Natur.
    Der Natur ist der Mensch egal. Umweltprozesse laufen nach physikalisch/chemischen Gesetzmäßigkeiten ab, ganz egal ob es den Menschen gibt oder nicht.

    Allerdings kann man die Abläufe manchmal beeinflussen: z.B. das Abholzen von Wäldern und das massive Verbrennen von fossilen Bodenschätzen beeinflusst die klimatischen Ereignisse.

  5. adenosine kein Betreff
    13.07.2009, 06:53

    Nun ja, Natur inklusive deren Mutter ist das, was nicht von intelligenten Lebewesen geschaffen oder verändert wurde, also 99,99999999999999999999?% des Universums. Das Nichtnatürliche ist also sehr selten und sollte geschützt werden.

  6. tammy komische Fragestellung
    13.07.2009, 08:04

    Die Natur ist nichts, was wir von außen betrachten. Wir selbst sind Natur, zu 100%. Da gibt es keinen Gegensatz und die Natur ist alles: gut und böse, wunderschön und gleichzeitig an Grausamkeit kaum zu übertreffen.
    Die "gute Mutter Natur" ist nur ein Teilaspekt. Der Tod ist ein anderer Aspekt.

    Es wundert mich immerwieder, wie sich manche Leute als Gegensatz zur Natur sehen ... komisch.

    Sogar 'ne Plastiktüte ist Natur - was sonst? - Langkettige Polymere.

  7. Mona Eins ist Alles- Alles ist Eins.
    13.07.2009, 09:16

    In der Natur gibt es kein "gut" oder "schlecht", "nützlich" oder "unnütz", all diese Unterscheidungen entspringen nur unserem dualistischen Denken.

  8. Arnd kein Betreff
    13.07.2009, 09:19

    Das Vermenschlichen der Natur indem man sie "Mutter" nennt ist schon das Hauptproblem. Damit macht man die Natur zu so einer Art Ersatzgöttin. Und als echte Göttin kann sie natürlich belohnen und bestrafen und ihr Wille ist unergründlich.

    Ich hoffe die Menschen werden endlich erwachsen.

  9. Sören Schewe Danke Euch!
    13.07.2009, 10:45

    Ui, gerade mal der zweite Artikel hier und schon eine Reihe von Kommentaren. Das freut mich.

    Damit es da keine Missverständnisse gibt: ich sehe die Natur auch nicht als Mutter, sondern eben wie die meisten hier als ein komplexes chemisches und biologisches System. Ich fand die Überschrift aber recht passend...

    @ Mona:
    Dass es in der Natur kein "gut" oder "schlecht" gibt, sehe ich ein wenig anders...wenn ein Tier an einer Krankheit stirbt oder fehlentwickelt ist, fühlt sich das Tier bestimmt nicht gut. Außerdem können fast alle Tiere Schmerz fühlen, der auch nicht gerade als Glücksgefühl bekannt ist.

  10. Wilhelm Druben Nachhaltigkeit und mutter natur
    13.07.2009, 11:40

    Ich stimme grundsätzlich mit deinen aussagen überein.

    Als naturwissenschaftler ist der Mutter-Natur-Begriff wie auch das gaia-konzept wertlos, weil es nichts erklärt. Aus ihr kann keine testbare hypothese abgeleitet werden, auch wenn ich für Lynn Margulis weg viel innere sympathie hege. (Die Homöostase ist kein aus­reichendes kriterium und recht umstritten.) Das gleiche gilt jedoch auch dafür, dass der mensch einen Freien-Willen habe.
    Das sind mentale konzepte und keine wissenschaftlichen. Wissenschaftliche konzepte sind zwar mental verankert, haben jedoch bewährte interpersonale konventionen, die nicht vereinbar sind mit Gaia, einer Seele oder dem Freien-Willen.
    Diese konzepte entspringen der personalen struktur, das soweit ich das sehe, ein altes mentales konzept ist, das vermutlich den sozialen umgang der menschen miteinander regelt. Vielleicht eine art vertragsbindung zwischen individuen.

    Wir sollten auf diese personalen konzepte im gesellschaftlichen umgang nicht verzichten, auch wenn sie keinen erklärungswert in wissenschaftlichen sinn haben. „Wir sollten den umgang mit der natur nicht vermenschlichen.“ ist eine aussage, die mit dem konzept, dass es keinen unterschied zwischen mensch und natur gib, nicht vereinbar ist, weil der mensch im kern natur ist. Trotzdem würde ich beide aussagen grundsätzlich unterschreiben.
    Im erste absatz der grundgesetztes steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dies beschreibt einen bindenden gestaltungsauftrag im umgang miteinander und vor allem der drei staatlichen mächte gegenüber seinen bürgern.
    Insofern - denke ich – sollte auch der natur eine gewisse, wenn auch anders geartete, würde zugestanden werden. Die maxime unseres umgangs mit der natur, gestaltet die voraussetzung unserer existenz. Diese maxime mag mit dem unwissenschaftlichen begriff der Mutter-Natur umschrieben sein, was insbesondere den schutz einer bestimmten form der natur ausdrückt. Die natur existiert immer und kann auch nicht geschützt werden. Gemeint ist aber doch der schutz einer das leben des menschen ermöglichenden natur.

  11. Mona Mitgefühl
    13.07.2009, 12:52

    "...wenn ein Tier an einer Krankheit stirbt oder fehlentwickelt ist, fühlt sich das Tier bestimmt nicht gut. Außerdem können fast alle Tiere Schmerz fühlen…".
    Bestreitet ja auch niemand! Nur Schmerz und Tod sind nun mal Teil unseres Lebens, ob es uns passt oder nicht.

  12. Sören Schewe Antworten
    13.07.2009, 16:22

    @ Mona
    "Nur Schmerz und Tod sind nun mal Teil unseres Lebens, ob es uns passt oder nicht."
    Das sind wir dann wieder auf einer Linie^^

    @ Wilhelm:
    Natürlich gibt es in der "menschlichen" Gesellschaft Probleme und Grundsätze, die man nicht naturwissenschaftlich angehen oder gar lösen kann. Von daher vielen Dank für diesen bereichernden Kommentar.

  13. Adam Begriffe ...
    23.08.2009, 19:36

    Der Begriff "Mutter Natur" leitet genauso in die Irre wie der Ausdruck "Vater Staat".

  14. Sören Schewe Mutter Natur/Vater Staat
    24.08.2009, 10:34

    @ Adam:

    Da liegen Sie völlig richtig. Die Überschrift sollte auch nur das Interesse wecken. Ich hoffe doch, dass der Artikel nicht so rüber kommt, dass ich die Natur tatsächlich für eine Mutter halte.

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