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Schimpansen im Zoo - Tierquälerei?

01. Dezember 2011, 14:43

Anfang der Woche fand ich über Facebook einen Link im Profil Nic Franks, der mich auf die Seite tierschutznews.ch führte. Im verlinkten Artikel ging es um Epulu und Kitoto, zwei Schimpansen, die momentan im Wuppertaler Zoo beheimatet sind. Im Artikel ist auch ein youtube-Video eingebunden, das zeigt, wie sich das Weibchen Kitoto Haare ausreißt - ein Zeichen dafür, dass die Tiere leiden. Als ich den Artikel las, erinnerte ich mich an eine präzise passende Studie zum Thema, die ich mir schon vor einer Weile heruntergeladen hatte und buddelte ein wenig im mittlerweile entstandenen Paper-Chaos auf meinem Tablet und wurde fündig. Vermutlich werde ich irgendwann von einem Kaukasus-Leoparden gebissen, wenn ich dessen Situation hier noch weiter rausschiebe, aber hilft ja nix. Jetzt sind erstmal die Schimpansen dran.

Unter abnormalem Verhalten versteht man dabei zum Beispiel das Fressen von Kot, stereotype Bewegungen, Trinken von Urin oder auch das Ausreißen der eigenen Haare. Damit die Unterscheidung von normalen und nicht normalen Verhaltensweisen nicht völlig willkürlich wird, haben sich die Wissenschaftler der School of Anthropology and Conservation an der University of Kent einer Art Referenz bedient, die aus einer 1023-stündigen Beobachtung von wild lebenden Schimpansen in Uganda besteht, die die in der Studie publizierten Verhaltensweisen (Kotfressen, stereotype Bewegungen, Erbrechen und Nippelfummeleien) nicht zeigten. Für die Studie wurden insgesamt 40 Schimpansen aus verschiedenen Zoos beobachtet, die zur AZA bzw. BIAZA gehören. Alle Schimpansen lebten dabei in sozialen Gruppen.

Als Ergebnis der Studie kam heraus, dass gewissermaßen alle 40 Tiere eben jenes unnormale Verhalten zeigten, dass ich schon genannt habe, wobei das Fressen von Kot am häufigsten beobachtet wurde. Dabei lässt sich das Verhalten wilder und in Zoos lebender Tiere nicht unbedingt strikt trennen. Zitat:

The most prevalent form of ‘abnormal’ behaviour in this and other studies of captive populations – coprophagy – has been reported from at least six wild populations and it may also be transmitted by social learning. If this – or other – behaviour is ‘abnormal’ in captive chimpanzees, it may be the rate at which it is performed rather than simple occurrence that deviates from the behaviour of wild chimpanzees.

Interessant. Das reine Auflisten von Abnormalitäten reicht also nicht aus und nur weil ein Schimpanse im Zoo sich mal anders verhält als man es erwarten würde und sich beispielsweise den Finger in den Po steckt, muss er nicht gleich einen Knacks haben. Möglicherweise hat er oder sie sich das auch nur irgendwo abgeschaut und wollte das auch mal testen. Dabei kommt noch erschwerend hinzu, dass das Verhalten der Tiere im Zoo sich so oder so von jenem ihrer wild lebenden Artgenossen unterschiedet, da zB. die Nahrungssuche weitgehend wegfällt. Trotz aller Daten haben wir es doch immer mit Individuen zu tun, die alle ihre Eigenheiten und Macken haben und deshalb immer eine besondere Beurteilung brauchen, wobei es natürlich bei einem Schimpansen, der sich die Haare ausreißt und dann ausssieht wie ein gerupftes Huhn, wohl nicht viel zu beschönigen gibt.

Stellt sich natürlich die Frage, wie sich solche Verhaltenauffälligkeiten verhindern lassen. Nun, Schimpansen  - und nicht nur die - sind soziale Tiere, die in Gruppen leben. Diese Gruppen müssen funktionieren. Da ein Gruppenwechsel aus freien Stücken für im Zoo lebende Tiere etwas schwierig ist, kommt hier eine große Aufgabe bespielsweise auf Tierpfleger zu, die die Tiere regelmäßig sehen und daher gut kennen. Eine andere Variante wäre eine unregelmäßige Fütterung, um zumindest so eine Art Alltag zu vermeiden.  

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere daran, dass ich im März diesen Jahres ein Plädoyer für Zoos geschrieben habe. Daran hat sich meiner Ansicht nach bisher auch nichts geändert. Möglicherweise mag die sogenannte freie Wildbahn für Tiere trotz aller Widrigkeiten des täglichen Lebens irgendwie besser sein. Das ändert aber nichts daran, dass Zoos für viele Tiere eine Art Schutz ist, wo sie leben können, ohne von Wilderern erschossen zu werden. "Der Mensch" ist dabei ein ganz schlechter Aufhänger für Kritik. Ich für meinen Teil bin nicht dafür verantwortlich, dass Nashörner bis zum Ende gejagt werden, um ihr Horn für verdammt gutes Geld zu verkaufen. Das Gleiche gilt für Tiger, die für Hokus-Pokus gleich komplett verwendet werden oder Affen, die ihres Fleisches wegen gejagt werden - mit all dem habe zumindest ich nichts zu tun...




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Hühner im Klimawandel - eine Betrachtung

10. November 2011, 01:20

Die Tage hatte ich einen Artikel, den ich auf der Seite Animal Health Online fand, über Twitter verbreitet und mich danach ein Stück weit geärgert. Es geht um die verschiedenen Haltungsformen beim Geflügel und deren CO2-Bilanz. Wenn man sich die Meldung nämlich mal bei Licht besieht, stellt man schnell fest, dass dort einige wichtige Informationen fehlen. Das ist wohl auch Reuben C. aufgefallen, bekam aber nur die knappe Antwort, dass es die Studie lediglich gedruckt gäbe. Bevor ich näher darauf eingehe, zitiere ich die Meldung erstmal. Keine Sorge, viel ist das nicht...

Amsterdam/Gouda (aho) – Die ökologische Erzeugung von Eiern und Geflügelfleisch ist für die Umwelt weniger günstig als konventionelle Produktionsverfahren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie die die ABN-Amro Bank und die Blonk Umweltberatung erstellt haben. Die Untersuchungen betrachteten hierbei die CO2-Bilanz, den Energieverbrauch und die Ackerlandnutzung pro Kilogramm Produkt.

Die CO2-Emissionen pro Kilogramm Bio-Eier betragen demnach 2,39 Kilogramm. Bei Freilandhaltungen sind es 1,97 Kilogramm, in Bodenhaltung 1,95 Kilogramm und in der Kleinvoliere 1,74 Kilogramm CO2.

Ähnlich ungünstig sind die Werte laut Studie für die Landnutzung in der Bio-Eierproduktion. Für die Produktion von einem Kilogramm Bio-Eiern wird eine Fläche von 3,81 m² Ackerland benötigt, Bei Freilandhaltung sind es 3,28 m², bei Bodenhaltung 3,23 m² und in der Kleinvolierenhaltung 2,88 m² Ackerfläche.

Auch in der Geflügelproduktion hat die Bio-Branche mit hat mit 5,22 Kilogramm CO2 die höchsten Emissionen pro Kilogramm Geflügelfleisch. Weitaus günstiger ist die konventionelle Freilandhaltung mit 3,96 Kilogramm und die übliche Produktion im Stall mit 3,31 Kilogramm.

Die Bio-Geflügelfleischproduktion benötigt laut Studie 7,85 m² Ackerland pro Kilogramm Fleisch. In der Freiland sind es 5,52 m² und in der üblichen konventionellen Haltung 4,67 m² .

Durch eine ungünstige Zusammensetzung der Bio-Futtermittel ermittelten die Untersucher zudem höhere Emissionen der Treibhausgase Methan und Lachgas. Auch bei der Futterverwertung schnitten die Bio-Produzenten deutlich schlechter ab. Die Futterverwertung gibt an, wie viel Futter für ein Kilogramm Fleischzuwachs oder Eimasse nötig ist. Bei einer besseren Futterverwertung wird je Kilogramm Produkt weniger Futter benötigt, der Futterverbrauch sinkt also und die Effizienz der Fütterung steigt. Zur Steigerung der Futterverwertung werden in der konventionellen Produktion die Futtermittel so gut wie möglich an den Bedarf der Tiere angepasst.

Ich hätte mir hier noch ein paar ausführlichere Informationen zu Aufbau und Hergang sowie involvierter Faktoren in der Untersuchung gewünscht und natürlich hätte mich auch eine Rassen-Info gefreut. Wenn man diese Meldung einfach nur so liest, besteht in meinen Augen die Gefahr, dass man sich jetzt zurücklehnt, einen Rülpser des Wohlstandes in die Freiheit des Schrankwand-dominierten Wohnzimmers entlässt und konstatiert, dass wir angesichts dieser Daten zukünftig kaum um eine konventionelle Tierhaltung herumkommen.Und dann biegt Lars nebenan auch noch mit einem bedrückenden Szenario zum Klimawandel um die Ecke...

Das Problem ist nur, dass die konventionelle Geflügel-Haltung gerade unter dem Gesichtspunkt des Animal Welfare durchaus noch ausbaufähig ist. Konsequent überlegt: warum sollte nicht jedes Huhn über Sitzstangen, Heuballen, Pickstangen or whatever verfügen und dabei natürlich auch mehr Platz haben? Dazu mal ein paar Überlegungen: Da Platz allgemein recht endlich ist, sollte die Fütterung dabei "konventionell" erfolgen, ruhig auch unter Verwendung von Leistungsförderern, mit denen natürlich keine Antibiotika gemeint sind, welche - völlig zurecht - aus Gründen bakterieller Resistenzbildungen im Futter nichts mehr verloren haben. Alternativen, die einen ähnlichen Effekt erzielen, gibt es einige.

Da wären zum Beispiel verschiedene Enzymgruppen (Amylasen, Cellulasen, Proteinasen oder auch Phytasen). Ihre Aufgabe besteht darin, sich um sogenannte Nicht-Stärke-Polysaccharide (also Pentosen, Cellulosen oder Pektine, welche sich in Gerste, Roggen oder Weizen befinden) zu kümmern. Diese können die Hühner nämlich nicht problemlos verdauen, weshalb das Futter im Huhn dann aufquillt und aus diesem Grund länger als nötig im Verdaaungstrakt verweilt, dabei aber nicht unbedingt optimal resorbiert wird. Darüberhinaus ist diese aufgequollene Getreidepappe im Tier natürlich nicht sonderlich angenehm und fördert auch nicht unbedingt die Futteraufnahme. Hier kommen jetzt die Enzyme ins Spiel, die die NSPs mal ordentlich auseinandernehmen und dadurch eine deutlich verbesserte Verdaulichkeit von Fett, Stärke und Protein gewährleisten. Und wenn die Pappe einmal durch ist, kann man auch wieder besser zulangen. Ein anderes Enzym wäre noch die Phytase, die sich nicht im Geflügel findet. Setzt man sie dem Futter zu, können die Tiere das im Futter enthaltene Phosphor nutzen und daher die Ausscheidungen verringern.

So. Wenn wir also den Futteraufwand möglichst weit optimieren - sprich: gering halten, eine entsprechende Rasse vorrausgesetzt - sollte doch ein bisschen mehr Komfort in Form einer allgemeinen Anhebung des Standards drin sein.

PS: Ich bin ja nicht wirklich ein Freund von Siegeln. Die sollen für Transparenz sorgen, heißt es. Wenn aber die Verpackungen von Fleischprodukten irgendwann mehr Siegel aufweisen als ein hoch-dekorierter Karnevals-Jeck, läuft irgendwas schief...


Da sich Bücher aus Papier immer noch sehr schwer verlinken lassen, habe ich hier mal wieder eine online verfügbare Dissertation (PDF!) entdeckt, in der die Grundlagen gut vermittelt werden.

    



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Kleine Ergänzung zum World Rhino Day - Paper Review

04. November 2011, 14:52

Do you remember the World Rhino Day? Of course you do, because i published an article about a rhino paper concerning the differences between the northern white rhino and the southern form on that day. You know, i love those animals and already mentioned them a couple of times here in my blog - and I read even more about them for sure. So i´m feeling pretty good informed, concerning populations and so on.
When I started reading the paper, i was a bit confused in the beginning...

"As much a cause for celebration the conservation success of the Southern white rhino is, equally shocking and dire is the fate of the Northern white rhino. After recovering from a handful of survivors at the turn of the 20th century, the Southern form escaped relatively unscathed from the large-scale African rhino poaching epidemic of the 1980s. In contrast, the once tolerably numerous Northern form has been reduced to a tiny remnant (less than 20) in the Garamba National Park, Democratic Republic of Congo, and a similar number in two zoos. Teetering on the brink of extinction, its in-situ and ex-situ survival hang by a thread. Urgent and concerted effort is required to stave off its extinction. The taxonomic status of the Northern form is central to determining its conservation importance and will be a critical driver of efforts to save it."

Huh? I only knew about 7 remaining northern white rhinos. Four of them are living in the Ol Pejeta Conservancy in Keny, one is still at Dvur Kralove Zoo and 2 of them are in San Diego Zoo. So what about more of them? To make sure, i didn´t miss a few, i wrote an email to Colin Groves and felt instantly better, when he told me, that I was right. But in his opinion, there could be still a few nothern white ones out there – not many of course, but a few. Wouldn´t that be great? 

I really need such news, although it is not sure at all, but time is running. The last northern white rhinos in zoos are too old to reproduce and Sudan, Suni, Fatu and Najin don´t seem to feel (have?) any need to have some fun - from a scientist´s point of view it is all about sex in this case - or do it with southern ones like Sudan...It is hard for me to believe in a pregnancy within the next couple of months. You have to keep in mind that a rhino-pregnany takes 16 months and they are not getting younger.

I would be glad to read about researchers and ranchers, traveling to Africa to make sure, what´s up there and – in case there are still existing wild ones – to protect them...
 
Thanks to Colin Groves for taking time to answer my questions.

Kleine Anmerkung dazu: Als ich Colin fragte, ob ich diese kleine Ergänzung zum Paper schreiben dürfe, wollte er vorab einen Blick drauf werfen, weshalb der Artikel auf Englisch ist. All zu schwer verständlich sollte er aber nicht sein. Ansonsten fragen...
 


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Schweineunterhaltung - eher Enrichment denn Welfare

03. Oktober 2011, 11:45

Ich hatte ja unter einem meiner letzten Artikel angekündigt, dass ich mich mal ein bisschen mit dem momentan recht populären Schweinespielzeug beschäftigen werde. Allgemein beginne ich derlei Vorhaben mit Bedienen einer recht bekannten Suchmaschine, manchmal hau ich auch einfach eine Anfrage an einen verheißungsvollen Wissenschaftler raus und harre der Dinge, die da kommen. Letztere Variante wählte ich in diesem Falle und ich kann sagen, dass da so einiges kam. Genaugenommen hat mich Dr. Uwe Richter, seines Zeichens wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Kassel, derart mit Material eingedeckt, dass ich mich da erstmal zurechtfinden muss. Ein bisschen habe ich damit auch schon begonnen und dabei stellte ich etwas fest, was meine Aufmerksamkeit voll und ganz auf sich zog. Ob zurecht oder ob ich einfach nur eine Meise habe, das müsst Ihr mir dann sagen. Es geht um zwei Begriffe, darunter natürlich auch Animal Welfare. Here we go.

Wenn wir über Tierhaltung in menschlicher Obhut sprechen, gibt es zwei große Begriffe, um die sich gerade in den letzten Jahren (fast) alles dreht: Animal Welfare und Behavioral Enrichment. Ersterer Begriff wurde dabei in diesem Blog schon ziemlich oft erwähnt. Grob gesagt geht es hier um die Frage, wie sich das Tierwohl, welches sich nach den ebenfalls schon erwähnten fünf Freiheiten richtet, in der modernen Landwirtschaft möglichst gut im Geflecht anderer Ansprüche umsetzen lässt. Der zweite Begriff taucht dabei eher im Zoo-Bereich auf. Das Ziel dieser "Verhaltens-Bereicherung" ist eine Unterhaltung der Tiere, um sie in ihrem Lebensraum des zoologischen Gartens gemäß ihrer Fähigkeiten zu fordern und so Verhaltensstörungen entgegen zu wirken. Schließlich werden ihnen grundlegende Verhaltensweisen wie die ausgiebige Nahrungssuche oder die Überwachung des Territoriums abgenommen. Deshalb muss Ersatz her. Als Beispiele fallen mir da spontan Futterautomaten mit wechselndem Zeitschloss ein, sodass die Tiere immer wieder schauen müssen, wann es denn Futter gibt. Eine andere beliebte Variante ist Futter in Gegenständen, aus denen die Tiere ihre Mahlzeit dann erst herausbugsieren müssen, anstatt sie sich einfach aus der Schale in den Mund zu stecken. Alternativ kann man Futter auch im Lebensraum der Tiere verstecken - wenn sie nicht dabei sind.

Ok, soviel zu den beiden Begriffen, kommen wir jetzt mal zu den Schweinen, um die es hier ja gehen soll. Ich hatte mich schon mal in einem früheren Beitrag aus Dezember 2010 ein wenig mit diesen Tieren und ihrer Haltung beschäftigt. Es folgt ein Zitat der eigenen geistigen Kreation:

Um die Bedeutung und Rolle des Animal Welfare in der Landwirtschaft bzw. die Vor- und Nachteile verschiedener Haltungsmethoden zu erläutern, möchte ich noch ein wenig bei den Schweinen bleiben. Dabei beginnt alles mit der Frage, wann sich so ein Schwein denn wohlfühlt. Wirft man einen Blick auf die in unseren Wäldern lebenden Wildschweine, stellt man fest, dass diese in Rotten leben. Schweine sind also soziale Tiere. Ist eine Sau schwanger und stellt fest, dass die Geburt bevor steht, entfernt sie sich von der Gruppe und baut ein Nest, um dort ihre Jungen geschützt zur Welt zu bringen. In der Landwirtschaft mit ihren domestizierten Tieren sieht das dann meist etwas anders aus. Sauen werden einzeln gehalten, können sich nur bedingt bewegen und auch der Kontakt zu Artgenossen ist nur sehr eingeschränkt möglich. Nach der Geburt der Ferkel gelangen die Sauen dann in eine Art Käfig. Dort liegen sie auf der Seite, während die Ferkel an den Zitzen Milch saugen können. Für diese Art der Haltung spricht, dass die Tiere sich nicht streiten und gegenseitig verletzen können, was in einer Gruppe durchaus vorkommen kann, während der Sauenkäfig die Ferkel schützt. Er verhindert, dass die Sau beim Hinlegen versehentlich eins der Ferkel zerdrückt. Das klingt erstmal pragmatisch und durchaus plausibel. Wer möchte nicht, dass möglichst viele Ferkel überleben? Leider ist diese Art der Haltung nicht ganz unproblematisch. Dadurch können die Tiere viele natürliche Verhaltensweisen wie soziale Interaktion, Nestbau vor Beginn der Geburt oder schlichtes Wühlen im Boden nicht ausüben, was dann letztlich zu Verhaltensstörungen führt. Ein Signal für eine solche Störung ist zum Beispiel das Stangenbeißen. Lässt man die Tiere grundsätzlich draußen, kann das zu Parasitenbefall führen.*

Mit anderen Worten: bei dem Schweinespielzeug handelt es sich meiner bescheidenen Meinung nach eher um Behavioral Enrichment als um Animal Welfare. Nun, wie komme ich darauf? Wenn wir zum Beispiel über Kuhkomfort reden, geht es dabei überwiegend um Freilaufställe, Gummimatten als Liegeplätze, konstante Frischluftversorgung, Futter- und Melkautomaten oder auch Massagebürsten. Das ist zwar alles richtig und wichtig - und fördert darüberhinaus tatsächlich die Leistung der Tiere - hat aber irgendwie nichts mit Unterhaltung/Beschäftigung zu tun. Oder hat sich schon mal jemand mit dem Spielverhalten von Kühen auseinandergesetzt? Bei Schweinen sieht das schon anders aus.** Klar, wenn das Schwein zufrieden ist, fördert das auch den Aspekt des Tierwohls, das lässt sich kaum vermeiden. Trotzdem geht es hier weniger um grundlegende physiologische Aspekte, sondern vermehrt um die geistige Förderung der Tiere, was sich jetzt vermutlich wie ein Pädagogik-Fachbuch für Grundschüler liest. Aber genau das trifft es ganz gut: Schweine wollen beschäftigt werden, also Futter suchen oder ihren Lebensraum erkunden. Passenderweise gibt es zu meiner These, dass das Schweinespielzeug eher so ein "Zoo-Ding" ist, auch ein Video aus dem Zoo in Sacramento. In dem kleinen Clip sieht man, wie ein Pinselohrschwein ein Gerät herumschubst, um diesem Futter zu entlocken:

Aber dazu folgt natürlich noch ein ausführlicherer Artikel. Hier sollte es erstmal nur um die Überschneidung von Animal Welfare und Behavioral Enrichment gehen...

 


*Hier hat sich natürlich auch wieder einiges getan. So müssen auch Sauen in Abferkelhaltung mit zu untersuchenden Gegenständen unterhalten werden. Das Jahr 2013 wird spannnend!

** Die Sache mit dem Schweinespielzeug ist dabei gar nicht so neu. Die Idee, Tieren in einer reizarmen Umgebung ein wenig Ablenkung zu verschaffen existiert schon länger. Diese Info vielleicht noch als kleinen Teaser...

Wer sich für den oben zitierten Artikel interessiert, darf sich gerne Animal Welfare - die Zukunft der Landwirtschaft durchlesen.



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iPS-Zellen - Paarung post mortem

11. September 2011, 23:50

Nashörner - es war lange ruhig um sie in diesem Blog, was in nicht allzu geringem Maße an der plötzlichen Ausbreitung des landwirtschaftlichen Nutzgeflügels lag. Gut, vielleicht war die Stille auch der Tatsache geschuldet, dass die Zwischenmeldungen, welche mich regelmäßig erreichten, einfach nicht besonders erfreulich waren. So gibt es jetzt nur noch sieben nördliche Breitmaulnashörner. Eins der übrigen Tiere im Zoo Dvur Kralove ist verstorben. Und auch die Meldungen über neue Zahlen gewilderter Tiere in Südafrika wussten meine Laune zuverlässig zu verderben. Vor ein paar Tagen fand ich dann einen Artikel, der mich aus meiner Lethargie riss und nahezu elektrisierte. Damit Ihr nicht völlig ins kalte Wasser fallt, gibt es erstmal noch einen kleinen Rückblick.

Anfang diesen Jahres hatte es medial und auf den einzelnen Plattformen ziemlich begeisterte Nachrichten gegeben. Mating! Mating! Was wie ein Hilferuf klingt, heißt nichts anderes, als dass die nach Kenya gezogenen nördlichen Breitmaulnashörner nach langer Eingewöhnungszeit den Paarungsakt vollzogen haben. "The New Year starts with a bang" war natürlich eine ganz großartige Überschrift und hätte in dieser Form auch von mir stammen können. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass gerade Sudan, dieser alte Sack, die Sache mit dem Bang äußerst ernst nahm und gleich mal das Angebot feuriger Südländerinnen ausgiebig durchtestete. Jetzt war das natürlich erstmal nicht so gewollt. Nördliche und südliche Tiere können sich durchaus untereinander fortpflanzen, jetzt sollte aber eigentlich ein "rein" nördlicher Nachwuchs entstehen. Tja, da bestand dann wohl eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was Wissenschaftler und Experten wollten und dem, was Sudan wollte. Ersteren ging es um die Zukunft des nördlichen Breitmaulnashorns, Letzterem um den Spaß mit jungen Frauen. Dumm gelaufen, aber hilft ja nix.

Jetzt war ja auch der Tierarzt des Budapester Zoos schon ziemlich genau vor einem Jahr nicht sonderlich optimistisch, was diese ganze Aktion anbelangte und auch ich hatte da schon meine Fühler ausgestreckt, um nach Möglichkeiten zu suchen, die eventuell noch ein bisschen Hoffnung erhalten könnten - selbst, wenn alle bekannten Stricke reißen. Tatsächlich wurde ich fündig und berichtete natürlich auch:

"Die Idee dazu hatten Inbar Friedrich Ben-Nun und Jeanne Loring vom Scripps Research Institute in La Jolla, Kalifornien in Zusammenarbeit mit dem San Diego Zoo, der die Zellen von 800 verschiedenen Tierarten zur Verfügung stellt. Den beiden Wissenschaftlern war es gelungen, aus den Hautzellen eines Mandrillen sogenannte iPS-Zellen herzustellen. Dabei verwendeten sie Viren, die so programmiert waren, dass sie vier menschliche Gene transportierten, die in der Lage waren aus "erwachsenen" Zellen wieder embryonale Stammzellen herzustellen. Das langfristige Ziel dieser Forschung soll dann die Herstellung der oben erwähnen Gameten sein. 

Natürlich geht es den Wissenschaftlern weniger um die Rückkehr der Dinosaurier oder kuscheliger Mammuts. Vielmehr steht der Erhalt gefährdeter Arten und deren genetische Vielfalt im Vordergrund, da sich in einer kleinen Population natürlich auch die Inzucht erhöht und damit die Gefahr besteht, dass sich genetische Krankheiten in der Population manifestieren. Aber auch das Breitmaulnashorn ist ein potentieller Kandidat. Allerdings funktioniert hier der Trick mit den menschlichen Genen nicht. Ob es mit den Nashorn-Versionen klappt, ist noch offen."

Wenn ich die aktuelle Meldung zu diesem Thema aus dem Nature Magazine richtig interpretiere, stehen die Zeichen der Umwandlung in iPS-Zellen positiv. Zuvor hatte man Fatu, einem der beiden Weibchen, ein paar Millionen Zellen abgeluchst und gespeichert. Das hat übrigens den Vorteil, dass man auch nach Fatus Ableben noch auf ihr Material zurückgreifen kann. Das klingt jetzt nicht romantisch, ist aber ungemein praktisch, sollten weitere Durchbrüche noch etwas auf sich warten lassen. Bereitete die Umwandlung der Körperzellen in iPS-Zellen mithilfe menschlicher Gene zuvor noch Probleme, hat das jetzt endlich funktioniert. Das finde ich schon ziemlich erfreulich, auch wenn gewisse Zweifel natürlich immer irgendwie angebracht sind. Bei vielen Wildtieren fehlt das genaue Wissen über deren Fortpflanzungsphysiologie. Hinzu kommt, dass auch die Menge an verfügbaren "Versuchstieren" nicht besonders groß ist. Zudem wurde zwar schon erforscht, wie man ein Nashorn künstlch befruchtet, aber Super-Ovuationen sind wiederum völliges Neuland. Aber eigentlich möchte ich an all die potentiellen Probleme jetzt erstmal nicht denken. Als ich vor ein paar Wochen einen Artikel über Pharmanimals veröffentlichte, erzählte Gehirn-Blogger Helmut Wicht in den Kommentaren, dass er momentan an einer Laudatio säße - und zwar für jenen Mann, der die ersten transgenen Mäuse entwickelt hat. Wenn Ihr jetzt fragt, was der denn nun mit den Nashörnern zu tun habe, kann ich Euch sagen, dass das einiges ist. Mittlerweile forscht er nämlich an induzierten pluripotenten Stammzellen, womit die Kurve geschafft wäre.

Wenn ich das Feld so überblicke, gibt es da noch einiges zu erforschen und zu entdecken. Und ich hoffe, dass Prof. Dr. Jänisch hier weiter am Ball bleibt. Bleiben Sie doch, oder? Die Nashörner und ich werden es Ihnen danken!


Hier geht es zum Nature-Artikel, der nochmal einen aktuelleren Überblick über die Forschung auf diesem Gebiet gibt. Und hier geht es zur Homepage, rund um die vier ausgewanderten nördlichen Breitmaulnashörner.


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Pharmanimals - bunte Hunde und Euterapotheken

09. August 2011, 11:27

Zugegeben, manch wissenschaftliche Kreation offenbart dem geneigten Laien den tieferen Sinn ihres Daseins nur mit Mühe, tatsächlich braucht es bisweilen einen zweiten oder gar dritten Blick. So ging es mir bisher auch, wenn ich irgendwo die Neuigkeit eines leuchtenden Säugetieres las, welchem ein Quallengen "eingepflanzt" wurde. Ein anderer medialer Coup war chinesischen Wissenschaftlern vor kurzem gelungen, die Kühe "human milk" produzieren ließen. Bei der letzten derartigen Meldung schaute ich dann etwas genauer hin. Dort ging es um einen Beagle, der unter UV-Licht plötzlich grün leuchtet. Während ich auf den Sinn und Zweck eines solchen Tieres gleich komme, möchte ich jetzt schon mal vorweg nehmen, dass es durchaus derlei transgene Tiere gibt, deren Existenz durchaus leichter zu begreifen ist als jene des leuchtenen Beagles.

Die Idee der Veränderung unserer Nutz- und Versuchstiere durch gentechnische Verfahren ist gar nicht mal so neu. Schon in den 1980er Jahren wurden bestimmte Gene in Mäuse eingeführt. Ziel war es, die Anfälligkeit für eine Tumorbildung zu erhöhen. Hier ging es also erstmal um die Entwicklung von Tiermodellen, an denen dann krebserregende Substanzen und Arzneistoffe für die Behandlung von Krebserkrankungen erforscht werden konnten. Hier fällt die Verwendung transgener Tiere also eher in die Grundlagenforschung. Darüber hinaus ist "Gene Pharming" das Stichwort, also die Idee, dass transgene Nutztiere Medikamente in ihrem Körper herstellen. Die Quelle dieser Medikamente sind dabei vorzugsweise die Euter der Tiere, die Männer sind also mal wieder fein raus...Für jene, die sich das spontan nicht so vorstellen können mit den tierisch produzierten Mitteln, gibt es hier mal ein Beispiel: seit 2008 ist das erste aus transgenen Tieren gewonnene Arzneimittel unter anderem in Deutschland im Umlauf - Antithrombin 3. Es hemmt die Blutgerinnung und wird während Operationen von Menschen mit Antithrombinmangel eingesetzt, um sie vor lebensgefährlichen Thrombosen zu schützen. Gewonnen wird dieser Stoff aus den Milchdrüsen von Ziegen.

Die Richtung ist also klar, oder? Tiere sollen gentechnisch so verändert werden, dass sie für uns Menschen Nützliches produzieren. Die Idee dahinter steckt trotz erster Erfolge aber immer noch in den Kinderschuhen. An den Aufbau von Herden zum Beispiel ist bis jetzt kaum zu denken. Dabei ist die Idee, sich für die Behandlung von Krankheiten bei beliebten Nutztieren zu bedienen, gar nicht mal so neu. Eines der bekanntesten Mittel ist wohl Insulin, welches lange Zeit aus Schweinen gewonnen wurde, bevor diese Praxis durch gentechnische Verfahren ersetzt wurde (jetzt kann die Aufgabe der Produktion auch von Tieren übernommen werden, aber diese fallen nun wirklich nicht in meinen Wirkungsbereich).

Zurück zu unserem Beagle, der unter UV-Licht so grün leuchtet wie ein Baumsteigerfrosch bei Tageslicht. Gut, das kann ungeheuer praktisch sein, wenn sich ein solcher Hund beim Abend-Spaziergang ins Gebüsch verdrückt. Den Besitz einer UV-Lampe vorausgesetzt ist der Strolch schnell gefunden. Auch im Club wird so ein schimmernder Beagle sicher die Herzen aller tanz-freudigen Frauen erobern. Spaß beiseite: wie funktioniert das? Nun, grob gesagt in fünf Schritten: zuerst wird ein DNA-Fragment, welches für die Expression des grünen "Leuchtgens" verantwortlich ist, in Hundezellen eingesetzt. Dann wird die DNA aus einer Oocyte extrahiert und dafür die modifizierten Zellen "hineingestopft". Durch einen somatischen Zelltransfer wurde dann ein Embryo generiert (ich vermute mal, dass an dieser Stelle noch ein Impuls für die weitere Entwicklung nötig ist), der in eine Leihmutter eingepflanzt wurde. Nach einer Tragezeit von 60 Tagen kam dann der kleine Tegon zur Welt - ein leuchtender Beagle. Allerdings gibt es da noch eine kleine Einschränkung: Tegon leuchtet nicht einfach so unter UV-Licht, sondern benötigt noch ein bestimmtes Antibiotikum. Ok, das funktioniert also. Aber wofür das alles? Natürlich für uns Menschen. Die Idee dahinter besteht in der Markierung von Genen, die bestimmte Krankheiten auslösen, welche sich auf diese Art verfolgen lassen. So können dann womöglich auch weitere Behandlungsansätze erforscht werden.

Interessant wäre es auch mal herauszufinden, wo die Potentiale derartiger gentechnischer Verfahren für unsere Nutztiere in ihrer eigentlichen Funktion liegen könnten, also Fleisch, Milch, Legeleistung und so weiter.  Ach, und an die Idee einer kommerziellen Nutzung, also dass es bald leuchtende Haustiere für eine zahlungskräftige Kundschaft gebe, mag ich noch gar nicht denken. Völlig unrealistisch ist dieses Szenario allerdings nicht...


Hier gibt es den Ursprungs-Artikel über den leuchtenden Beagle und hier findet man bei transgen.de viele weitere Informationen zum Thema.

 



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Kolibris in Deutschland

24. Juli 2011, 16:37

In einem der vergangenen Sommer - für die, die das nicht kennen: das ist eine warme und sonnige Zeit, die auf den Frühling folgt - klingelte plötzlich das Telefon. Ich hatte zu der Zeit Semesterferien, war also zuhause, und nahm ab. "Hier fliegt ein Kolibri rum". Die aufgeregte Stimme am anderen Ende der Leitung kannte ich gut. Es war Verwandschaft. Der ist wohl im Urlaub, dachte ich noch, schließlich sind Kolibris hier nicht wirklich heimisch. Ich hatte zuvor einen kleinen Bericht über Kolibris gesehen und wusste daher grob das eine oder andere über diese possierlichen Vögelchen. "Der fliegt hier gerade von Blüte zu Blüte". Die Stimme überschlug sich fast. "Komma rüber". Wie bitte? Dieser flapsige Imperativ ließ mich dann doch etwas stutzen. Meine erste Vermutung geriet heftig ins Wanken. Ich tat, wie mir befohlen und stellte fest, dass das mit dem Urlaub Quatsch war. Zuhause war das Stichwort. "Du meinst also, dass Du hier in Deutschland einen Kolibri gesichtet hast?", fragte ich leicht skeptisch. "Ja sicher, und so ein Schnabel hatte der". Die Geste deutete auf ein Mehrfaches der Größe eines Kolibris hin. Leider war er dann auch abgetaucht, als ich da war.

Ich brauchte dann auch erstmal ein paar Minuten, um meine Gedanken zu sammeln. Sollte da wirklich jemand einen Kolibri als Ziervogel gehalten haben, der dann abgehauen ist? Völlig unrealistisch war dieses Szenario nicht. Andererseits war das gesichtete Flugobjekt durchaus noch agil. Nach einiger Zeit dämmerte es dann. Das war kein Kolibri - welch ein Quatsch. Das war ein Taubenschwänzchen. Dabei handelt es sich um einen Falter. Dazu passte auch dieser unglaublich lange Schnabel, der kein Schnabel ist, sondern ein Rüssel, welcher bei Nicht-Gebrauch einfach eingerollt wird. Taubenschwänzchen leben eigentlich in südlicheren Gegenden Europas. Sie mögen es wohl gerne warm. Doch dann hat es den einen oder anderen von ihnen über die Alpen gepustet und nun treiben sie sich sogar hin und wieder im Norden Deutschlands rum. Damit Ihr nicht auch irgendwann glaubt, einen Kolibri gefunden zu haben, empfehle ich Euch dieses kleine Video:

Auch auf dieser Seite finden sich einige Informationen zu den putzigen Faltern.

Kolibris, die dem Taubenschwänzchen tatsächlich sehr ähneln, sehen dagegen so aus (hier gibt es auch gleich noch interessante Informationen dazu). Wer lieber liest, kann hier vorbeischauen...

 

So, hoffen wir mal, dass das nächste Taubenschwänzchen auch eins bleibt! Tatsächlich gibt es auch hierzulande Kolibris, die man mit etwas Geduld und einem geschulten Auge im Zoo Wuppertal beobachten kann, wo sich diese in einer Freiflughalle befinden.



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Das liebe Federvieh in der Landwirtschaft

18. Juli 2011, 20:21

Das mit dem Geflügel und mir - das ist eine ganz seltsame Geschichte. Schon öfter überkam mich das Bedürfnis, doch mal darüber zu berichten und dabei blieb es dann. Durchbrochen wurde diese gefiederte Lethargie lediglich im Januar diesen Jahres, als im Zuge des Dioxin-Skandals so einiges drunter und drüber ging. Gerade der starke Absatz von Bio-Eiern erschien da etwas kurios. Da konnte ich meine Finger dann nicht stillhalten. Ganz anders erging es dem Artikel zur ökologischen Mastputen-Haltung - oft verschoben und mittlerweile schon ein Mythos. In letzter Zeit begegnete mir dann öfter der Wunsch nach einem grundlegenden Artikel zum Geflügel und werde das jetzt mal versuchen.

Bei Rindern werden die Rassen grob in Milch-, Fleisch- und Mehrnutzungsrinder eingeteilt. Nach dem gleichen Schema funktioniert das auch bei Hühnern, deren Rassen allgemein in Lege- und Fleischrassen (die Tiere heißen dann aber Masthühner und nicht Fleischhühner) kategorisiert werden. Womöglich regt sich jetzt bei dem einen oder anderen Widerspruch. Natürlich gibt es da auch noch Kampfrassen (Hahnenkämpfe sind seit dem 19. Jahrhundert verboten, finden sich aber noch in Asien) oder Dekorationsgeflügel, welches wohl eher Ziergeflügel heißt. Die Zuchtkritierien beziehen sich dann auch eher auf optische Feinheiten bei den Merkmalen und nicht um produktive Leistung. Aber hier soll es erstmal nur um jene Federviecher gehen, die in der Landwirtschaft von Bedeutung sind.

Eine weltweit beliebte Legerasse sind die Weißen Leghorn, die sowohl Konsum- als auch Bruteier produzieren. Enstanden ist diese Rasse aus italienischen Landhühnern und versorgt uns seit 1910 in Europa. Daneben gibt es auch Legehybriden, zum Beispiel Tetra S, eine "Kombination" aus Weißen Leghorn und Rhodeländer (welches eine Zweinutzungsrasse ist). Die Aufzucht einer Legehenne dauert 20-24 Wochen, während eine Legeperiode bis zu 15 Monate dauern kann. Da wir Menschen aber nicht nur Eier essen, sondern Fleisch, gibt es natürlich auch dafür eine entsprechende Rasse: White Cornish. Allerdings werden hier auch Zweinutzngsrassen wie die schon erwähnten Rhodeländer, Plymouth Rock oder auch New Hampshire verwendet. Hybride aus White Cornish und Plymouth Rock ergeben übrigens einen Broiler, dessen Mast 6-8 Wochen dauert.

Wenn ich Eier kaufe, habe ich in der Regel die Wahl zwischen drei "Sorten": Freiland-, Boden- und Käfighaltung. Gerade letzterer Stempel ist ein wenig verwirrend, denn die tatsächlich gruselige Haltung der Hühner in Käfigen ist in Deutschland schon seit einiger Zeit verboten. An ihre Stelle ist seit Januar 2009 die Kleingruppenhaltung getreten. Halte ich persönlich jetzt auch nicht so für den großen Wurf, aber das ist wohl wieder einer dieser Konflikte zwischen Tierwohl und Verbraucherwünschen. Wer möchte, kann hier auch noch eine vierte Kategorie ergänzen: Eier aus ökologischer Haltung...    

Bei der Putenmast geht es grundsätzlich um Fleischansatz und Futterverwertung. Auch hier unterscheidet sich das Geflügel nicht so sehr von Rindern oder Schweinen. Eine vorwiegend in der konventionellen Tierhaltung verwendete Rasse sind die BIG SIX, eine extreme Fleischrasse. Das Schlachtgewicht mancher Männchen kann da schon mal über 20 Kilo betragen. Zum Vergleich: "normalerweise" sind eher 11 Kilo üblich. Aus Sicht der Leistung sind die 20 kg also schon ziemlich beachtlich, bringen dann aber auch einige Probleme mit sich. So kann es zum Beispiel passieren, dass die Beinmuskulatur in ihrer Entwicklung nicht mit dem Rest des Körpers Schritt halten kann, was dann dazu führt, dass die Tiere kurz vor der Schlachtung nur noch liegen können. Auch das Herz hat mitunter seine liebe Not mit dem rasant wachsenden Körper. In starken Stress-Situationen kann es schon mal zum Tod kommen. In der ökologischen Freilandhaltung kommt die Rasse allerdings nicht zum Einsatz, da greift man lieber auf traditionelle Bronze-Puten zurück, die sich dann auch nicht so "extrem" entwickeln. (Die LMU München hat das mal vor einigen Jahren untersucht. Dabei wurden Tiere der BIG SIX und Kelly Bronze parallel ökologisch - also im Freiland - gehalten und dabei ihre Enwicklung, sprich die Zunahme und das Verhalten, verglichen. Die Ergebnisse sind tatsächlich recht interessant, hat diese diese Haltungsform den eigentlich für intensive Mast vorgesehenen Tieren der BIG SIX recht wenig ausgemacht).

Puten sind recht stressempfindlich. Damit sie sich während der Mast gut entwickeln können, gilt es, einige für die Tiere problematische Faktoren auszuschließen. Zugluft gehört zum Beispiel dazu. Verstehe ich gut, kann ich auch nicht ertragen. Dass eine mangelhafte Versorgung mit Wasser und Ernährung ganz grundsätzlich Stressfaktoren sind, welche nicht nur junge Puten belasten, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Auch das kann man sich als Mensch gut vorstellen. Auch das Betriebs-Personal sollte - zumndest während - der Mastphasen nicht wechseln. Bevor die nächsten Tiere kommen, ist das natürlich kein Problem. Bestenfalls leben die Tiere während der Mast in einer für sie gut klimatisierten Halle ohne Zugluft und werden über Wasserhähne regelmäßig mit frischem Wasser versorgt, welches regelmäßig kontrolliert wird.

So, das sind erstmal ein paar Grundlagen. Ich hoffe, der Artikel las sich einigermaßen interessant...  



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Antibiotika in der Landwirtschaft - eine Einordnung

07. Februar 2011, 16:54

Die Tage entstand bei Lars im Fischblog eine interessante Diskussion, angestoßen von Maulwurf, der auch schon hier bei mir für viele interessante und anregende Kommentare gesorgt hat. Grundlage der Diskussion war die Verwendung von Antibiotika in der Mast. Dabei ging so einiges drunter und drüber. Maulwurf merkte an, dass diese seit 2006 EU-weit verboten seien. Allerdings dauerte es nicht lange bis die ersten Artikel per Google gesucht wurden, die das Gegenteil belegen sollten. Es würden auch heute noch Antibiotika verwendet, so die Meinung. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, mal einen kleinen Artikel zu diesem Thema zu schreiben. Here we go...

Nun, Maulwurf hatte recht. Die Verwendung von Antibiotika in der Mast ist tatsächlich seit 2006 in der EU verboten. Zuvor wurden sie bereits 1988 in Schweden verboten, während in Dänemark seit 1998 bei Mastschweinen und seit 2000 bei Ferkeln freiwillig auf die Gabe von Antibiotika verzichtet wurde. Bis dahin stellten sie einen durchaus etablierten Teil der Futtermittelzusatzzstoffe dar. Besondern "gut" wirkten sie bei jungen Mastschweinen und ebensolchen Rindern, minimierten sie doch die Menge des aufgewendeten Futters pro zugenommenem Gewicht. Das wiederum schonte die Umwelt durch verringerte Gas- und Kotausscheidungen der Tiere. Bemerkenswert ist außerdem, dass die Antibiotika ihre leistungsfördernde Wirkung besonders effektiv unter schlechten Haltungsbedingungen entfalten konnten, womit nicht ausreichende Licht-, schlechte Klima-Verhältnisse und Hygienemängel gemeint sind. Mit zunehmendem Alter nahm der Effekt allerdings ab, bis er in der Schlussphase der Mast teilweise gar nicht mehr zu erkennen war. Die Abschaffung der Fütterungsantibiotika  geschah letztlich aus zwei Gründen: einerseits ist einigen Fachleuten mit der Zeit aufgegangen, dass damit nur die genannten Haltungsprobleme - typischerweise als Managementfehler bezeichnet - kompensiert wurden, andererseits bestand die berechtigte Sorge, dass sich durch den starken Einsatz von Antibiotika verstärkt resistente Bakterienstämme bilden können. 

Interessanterweise ist es nicht vollständig bekannt, worin genau der durchschlagende Effekt der Antibiotika in den Futtermitteln bestand bzw. besteht. Vermutet wird hier, dass sich die Wirkung bei Wiederkäuern vor allem im Magen-Darm-Trakt entfaltet, während das bei Nicht-Wiederkäuern im Dünndarm der Fall ist. Unstrittig ist allerdings, dass A. den Bakterienhaushalt im Körper beeinflussen. So werden ebensolche Populationen, die den Verdauungstrakt beeinflussen, möglichst klein gehalten, was dann möglichst vielen Nährstoffen ermöglicht, über die Mukosa (Schleimhaut) der Darmwände zu resorbieren - und eben nicht von Bakterien aufgenommen zu werden. Außerdem kann so verhindert werden, dass der Organismus durch Ausscheidungen der Bakterien "belastet" wird und sich somit voll und ganz auf die Gewichtszunahme konzentrieren kann. 

Dass Antibiotika in der Mast jetzt EU-weit verboten sind, bedeutet natürlich nicht, dass sie nicht trotzdem noch (berechtigt) verwendet werden. Wie geht das zusammen? Das Verbot bezieht sich lediglich auf die Verwendung von Antibiotika als Leistungsförderer, während sie natürlich weiterhin zum Einsatz kommen, um den Tierbestand gesund zu halten. Eine Beschreibung dessen, wie das im Alltag aussieht und vor allem, was das für uns Verbraucher bedeutet, habe ich in einem Beitrag einer Farmerin gefunden, in dem sie einige Argumente einer Kritikern aufgreift und Hintergründe erläutert. Lesenswert!

 

Now I should disclose, I grew up raising cattle and learned to give injections at an early age so we could take better care of the cattle. My family raises cattle today, too. And it was always my impression that the antibiotics we gave were good things; they made sick animals healthier. But I wanted to be sure, so I spoke with large animal veterinarian Shawn McKim. He says that while cattle and hogs may receive an antibiotic injection during their lifetime, each product has a specific withdrawal time to ensure no residue is left behind at harvest. Or in other words, if you give an antibiotic, you have to wait a certain number of days before slaughtering the animal and moving it into the food supply. This is true; we do this on our farm.

Further, McKim adds, "There are no real levels of antibiotics in our meat. If by some chance there were infinitesimal levels of antibiotics in your hamburger, it would be such a low level that it would not alter the microflora in your gut at all."

Ein anderer wichtiger Punkt, der in diesem wirklich schönen Brief angesprochen wird, ist die Verwendung der Antibiotiaka nur dann, wenn die Tiere auch krank sind, also keine regelmäßige Verabreichung, die sich sogar als kontraproduktiv herausgestellt hat.

Kleiner Ausblick, wie es weitergeht

Dunkle Ställe, in denen die Tiere unter schlechten klimatischen Bedingungen gehalten werden und mit Hygieneproblemen zu kämpfen haben, gehören ebenso wie Antibiotika zur Leistungssteigerung in der modernen Landwirtschaft der Vergangenheit an. Aber das bedeutet natürlich nicht, das alles super ist. Auch heute lebt manche Milchkuh noch in Anbinde-Haltung statt - wie ihre  Artgenossen - es sich aussuchen zu können, ob sie lieber draußen das Wetter genießt oder gerade deshalb lieber im Stall bleibt (David Harnasch schlug mir für diese Art der Haltung die Formulierung der "bovinen Selbstverantwortung" vor. Finde ich gut!). Die positiven Effekte der Fütterungsantibiotika werden jetzt durch andere Stoffe sichergestellt, denen ich gerne einen eigenen Beitrag widme, wenn es gewünscht ist. Insgesamt sieht die Zukunft also ziemlich gut aus - weder rosig noch perfekt, aber deutlich besser als die Vergangenheit.

 


Wer sich einfach mal ohne mich ziemlich umfassend über Zusätze in Futtermitteln beschäftigen möchte, kann das gerne mit dieser Arbeit tun (PDF). Den Artikel der in meinem Beitrag zitierten Farmersfrau kann man hier nachlesen. Eine weitere Quelle war das Buch Futtermittelzusatzstoffe - Technologie und Anwendung, Seite 27-31.

 



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Rinder: Stress, Entstehung und Vermeidung

05. November 2010, 21:05

Nachdem ich mich in meinem ersten Artikel zu Temple Grandin mehr mit ihrer Persönlichkeit beschäftigt habe, folgt jetzt der versprochene Artikel über ihre Beobachtungen und die von ihr angeregten Verbesserungen im Umgang mit landwirtschaftlichen Nutztieren - sei es nun im landwirtschaftlichen Betrieb oder im Schlachthof. Schaut man sich die Vorträge Temple Gradins an und liest sich ein wenig auf ihrer Seite ein, stellt man fest, dass dort ein Faktor immer wieder auftaucht: Stress. Ihre Ideen und letztlich auch umgesetzten Ideen basieren im Grunde alle auf einer bestimmten Frage: wie ist es möglich, den Tieren möglichst viel Stress zu ersparen. Und natürlich auch, warum es überhaupt wichtig ist, diese Stressfaktoren minimal zu halten.  » weiter

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