Heimat und Identität: "Wir lieben den Wald wie den eigenen Körper"
"Wohin ich auch gehe, trage ich den Wald in meinem Herzen." Diesen Satz
sprach Jane Goodall, die große alte Dame der Affenforschung, in ihrem
Film "Jane's Journey", der
momentan im Kino läuft. 300 Tage im Jahre ist sie in ihrer Rolle als
Naturschützerin, UNO-Sonderbotschafterin, Wissenschaftlerin und Autorin
in aller Welt unterwegs, um mehr Verständnis für die Nöte unseres
Planeten und unserer Mitbewohner auf der Erde zu wecken. In ihrem Herzen
trägt sie dabei stets den Wald von Gombe, wo sie vor
50 Jahren mit ihrer bald bahnbrechenden Verhaltensforschung an
Schimpansen begann - heute ist dieser Wald für sie die zweite Heimat, in
der sie immer wieder zurückkehrt, um Kraft zu tanken, wie sie im Film
erzählt.
Jane Goodall weiß sich sicherlich eins mit vielen Völkern, die Wälder zwingend benötigen, um ihre Kultur, ihre Identität zu bewahren oder gar um zu überleben: Sie sind die einzige Heimat, die sie haben. "Unser Land ist unser Erbe, ein Erbe, das uns beschützt", sagt beispielsweise Davi Kopenawa, Schamane vom Volk der Yanomami, das im brasilianischen Regenwald lebt und von Goldsuchern und Viehzüchtern bedrängt wird. Sie bringen unbekannte, tödliche Krankheiten ins Gebiet der Indianer, verseuchen die Flüsse mit Quecksilber (mit dem das Gold extrahiert wird) oder zerstören die Jagdgründe. "Wenn wir all das, was uns der Wald gibt, verlieren, werden wir sterben", erzählt der Penan Balai, dessen Volk von den sich ausweitenden Ölpalmenplantagen auf Borneo verdrängt wird. "Ohne den Wald sind wir nichts und haben keine Möglichkeit zu überleben", berichtet To'o vom Stamm der Awá, das ebenfalls in Brasilien von Holzfällern und Viehzüchtern in die Enge getrieben wird. Und der Pygmäe Mbendjele sagt: "Ein Pygmäe liebt den Wald wie den eigenen Körper." Sein Volk leidet unter Rassismus, Holzfällerei, Übernutzung der Wildtiere und Krieg im Kongo.
Mehr als 100 indigene Völker leben nach Angaben von Survival International, die sich um das Schicksal dieser Menschen kümmern, ohne Kontakt zur so genannten Außenwelt - vor allem im Amazonasbecken, aber auch auf Neuguinea und den Andamanen-Inseln im Indischen Ozean. Manche dieser Völker haben sich freiwillig zu diesem Schritt entschlossen, nachdem sie schlechte Erfahrungen mit Missionaren, Holzfällern, Jägern oder Soldaten und von diesen mitgebrachten Krankheiten gemacht haben. Sie gehören zu den verletzlichsten Bevölkerungsgruppen der Welt, zumal sich nur wenige um ihr Schicksal kümmern oder gar von ihnen Notiz nehmen wollen.
Der peruanische Präsident Alan Garcia etwa verleugnete die schiere Existenz unkontaktierter Völker auf dem Territorium seines Landes: Sie seien nur Erfindungen, um die Suche nach Öl zu verhindern, ließ er verlauten- bis Fotos aus einem Hubschrauber ihm das Gegenteil bewiesen. Im Nachbarland Brasilien, wo sich Noch-Präsident Lula da Silva gerne um das Schicksal von Benachteiligten kümmert, gelten Indigene ebenfalls oft als Entwicklungshindernis, die beispielsweise neuen Dammbauten im Amazonasgebiet im Weg stehen. Und in Paraguay setzen sich Agrarunternehmen sogar über Anweisungen der Regierung hinweg, die ihnen die Rodung von Land der Ayoreo-Totobiegosode verbieten. Im indonesischen Teil Neuguineas hilft das Militär dabei, das Land von Papuas zu kolonisieren, damit dort Ölpalmen angepflanzt werden können. Viele dieser Völker sind ständig auf der Flucht vor der so genannten modernen Welt, die sie elementar bedroht.
Raubt man ihnen die Heimat, nimmt man ihnen in der Regel auch die Identität - wie ebenfalls eine Szene aus Jane Goodalls Film eindrücklich dokumentiert: Sie spielt im Pine-Ridge-Reservat in South Dakota, wo die Lakota-Sioux angesiedelt worden waren, die nun vielfach in Resignation und Alkoholismus versinken. Ihre Suizidrate ist eine der höchsten weltweit, ihre Lebenserwartung eine der niedrigsten in der westlichen Hemisphäre. Ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Indigenen weltweit teilen, die vertrieben von ihrem Land zu oft in den Slums der Großstädte enden und dort kulturell zugrunde gehen.
Doch es gibt auch Licht am Horizont - und das Internet hilft den Völkern ihre Heimat und damit auch sich selbst zu bewahren: Mit Hilfe von Google Earth verfolgt das Volk der Surui aus dem brasilianischen Bundesstaat Rondonia, ob unerlaubterweise Goldsucher in ihr Territorium eindringen und dort nach dem Edelmetall schürfen. Entdecken sie verdächtige Stellen, melden sie dies an Google und bekommen von dort besser aufgelöste Satellitenaufnahmen - bestätigt sich der Verdacht, kontrollieren sie am Boden, ob dort Illegales vor sich geht. Die Surui wagen damit den Spagat zwischen ihrem traditionellen Leben im Wald und der Moderne, ohne dabei (zumindest momentan noch) ihre Identität aufzugeben. Anderen Völkern, die sich nach schlechten Erfahrungen mit der "modernen" Welt freiwillig in die Isolation begeben haben, bieten sich diese Chancen dagegen nicht. Ihr Schicksal liegt daher in der Hand einer Weltgemeinschaft, die im Zuge der Globalisierung zwar zunehmend wurzelloser, aber gleichzeitig immer informierter wird: Gerade das verpflichtet uns, dass die bedrohten Völker des Waldes ihre Heimat behalten dürfen und nicht zu Vertriebenen vom eigenen Land werden.
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Wir Deutschen brauchen übrigens auch den Wald.
http://www.bundestag.de/...Meinungen/18378570.html
Ja, da stimme ich völlig zu. Ich hatte mir auch überlegt, ob ich unserer Einstellung zum Wald auch noch einen Absatz gönne - damit der Blog nicht zu lange wird, habe ich dann doch Abstand davon genommen.
In der Oberpfalz, wo ich herstamme, sagt man den Menschen jedenfalls auch eine sehr innige Beziehung zum Wald nach - auch wenn diese Einstellung bisweilen gegen die Natur durchschlägt, wenn es darum geht den Wald (in diesem Fall den Bayerischen Wald) gegenüber dem Borkenkäfer und damit der natürlichen Dynamik zu "schützen".
Ich persönlich genieße es jedenfalls immer sehr, auf Heimatbesuch im Wald herumzulaufen :-).
geschrieben und beschrieben. aber frag mal den kollegen blume, der wird dir wohl schon erklären wollen, es gäbe eigentlich keine völker... sondern nur (etwa brasilianische) staatsbürger...
Kürzlich las ich ein Buch, wo ein Yanomami-Indianer selbst über sein Leben berichtet. Zu Deiner Aufzählung mit den Vermittlern schlechter Erfahrungen muß man auch so manch Anthropologen zählen. Das sind nicht alles edle Menschen.
Auch waren nicht alle Missionare schlecht. Es gibt genügend, die beispielsweise den Indianern medizinisch geholfen haben, damit sie mit den mitgebrachten Krankheiten fertig werden.
Wieso denn nur in der Oberpfalz? Hast Du hier keine Zeit oder Lust? Der Heidelberger Stadtwald ist so schön und es gibt viel zu entdecken. Ich bin sehr oft dort. Ein echtes Kontrastprogramm zum Büroalltag.
Hallo Martin,
ja, es gab durchaus auch Missionare, die Gutes für viele Völker geleistet haben - wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, haben beispielsweise Jesuiten viele Indianer vor den Bandeiras (http://en.wikipedia.org/wiki/Bandeirantes) in Brasilien geschützt. Das ist aber auch schon eine Weile her.
Mit dem heutigen Wissen sollte man aber Völker, die in Isolation leben wollen, in Frieden lassen - auch Missionare. Ich weiß aber, dass dies Missionaren jeglicher Religion wohl eher widerstrebt.
Ja, der Wald oberhalb vom Schloss ist auch sehr schön - und ich gehe dort leider viel zu selten hin.
Vielen Dank ;-)
Dann hätten die Yanomami quasi die doppelte Staatsbürgerschaft - denn sie scheren sich nicht um die Grenze zwischen Brasilien und Venezuela ;-)). Nein, ich finde es ist gerechtfertigt, dass man von verschiedenen Völkern sprechen kann: Sie haben schließlich auch unterschiedliche Kulturen, Sprachen, Aussehen...
"Wieso denn nur in der Oberpfalz? Hast Du hier keine Zeit oder Lust? Der Heidelberger Stadtwald ist so schön und es gibt viel zu entdecken. Ich bin sehr oft dort. Ein echtes Kontrastprogramm zum Büroalltag."
Ich kenne den Heidelberger Stadtwald zwar nicht, aber ich kann mir schon vorstellen, dass er schön ist. Allerdings, der Bayrische Wald ist nicht nur schön, sondern grandios. Ein Teil davon, nämlich eine Fläche von ca. 9000 Quadratkilometern sind seit 40 Jahren Nationalpark. In der Anfangszeit waren viele Nationalparkanrainer gegen das Projekt, auch wegen dem im Beitrag angesprochenen Waldschädling, dem Borkenkäfer, der im Nationalpark nicht bekämpft werden darf. Viele Waldbesitzer befürchteten, dass er auch ihr gesundes Holz befallen würde und sie es nicht mehr verkaufen könnten. Neuerdings hat man sich aber darauf geeinigt, dass der Borkenkäfer an den Rändern des Nationalparks bekämpft werden darf und die Bauern können wieder ruhig schlafen. Den Nationalpark möchte inzwischen allerdings keiner mehr missen, auch weil viele Menschen durch den Nationalpark Arbeit finden oder sie sich durch die Vermietung von Ferienquartieren einiges hinzuverdienen können.
Schauen Sie sich hier doch einmal paar Bilder vom Nationalpark an:
http://www.nationalpark-bayerischer-wald.de/
Ja, die Woidler haben ein sehr, sehr inniges Verhältnis zu ihrem Wald, dem "grünen Dach Europas" - bisweilen grenzte es schon fast an Fanatismus, wie sie gegen den Nationalpark eingestellt waren.
Der Borkenkäfer hat dort extrem gewütet, und das sah auf den ersten Blick fatal aus. Jetzt wächst unter den Baumruinen neuer, gesunder Wald heran und es entsteht eine echte Wildnis - ich sollte darüber vielleicht mal bloggen.
"Ja, die Woidler haben ein sehr, sehr inniges Verhältnis zu ihrem Wald, dem "grünen Dach Europas" - bisweilen grenzte es schon fast an Fanatismus, wie sie gegen den Nationalpark eingestellt waren."
Da ich mit dem Nationalpark näher befasst bin, sollte vielleicht auf die Gründe eingegangen werden, warum viele "Woidler" anfangs gegen den Nationalpark eingestellt waren:
Als die Idee des Nationalparks aufkam "vergaß" man leider, die Ortsansässigen in das Projekt mit einzubeziehen. Von heute auf morgen durften viele "Dörfler" ihre alten Flurwege nicht mehr benutzen und mussten mit dem Trecker Kilometerlange Umwege fahren, da es verboten ist den Nationalpark zu befahren. Es kamen "Spezialisten" an, die weder die Sprache der Leute sprachen noch mit ihren Problemen befasst waren, aber eine Menge Verbote aussprachen. Die Ortsansässigen, die seit Jahrhunderten dort lebten und sich um ihren Wald kümmerten, wurden wie Deppen behandelt. Niemand hatte ihnen erklärt warum sich der Borkenkäfer plötzlich ungehindert verbreiten durfte. Man sollte dabei nicht vergessen, dass viele Bauern selbst Waldbesitzer waren und sind. Wer sich mit dem Thema auskennt weiß, dass die Bauern sogar verpflichtet sind, den Borkenkäfer zu bekämpfen. Auch war es ihnen nur schwer zu vermitteln, dass umgefallene Bäume etc. nicht mehr beseitigt werden durften. Später lernten die Initiatoren dazu und merkten, dass die Anwohner ihren Wald liebten und es besser wäre sie sich zu Freunden zu machen. Viele Menschen sind in den letzten Jahren auch umweltbewusster geworden und merken, dass ursprüngliche Natur zur Rarität geworden ist und man sie schützen muss. Viele Projekte im Nationalpark sind ja noch nicht fertig, d.h. es kommt immer wieder etwas Neues dazu, zuletzt der Baumwipfelpfad. Allein von der Schönheit kann so ein Projekt halt auch nicht existieren, darum sollen sich Besucher einstellen, die etwas Geld dalassen.
http://www.nationalpark-bayerischer-wald.de/...htm
" - ich sollte darüber vielleicht mal bloggen."
Tun Sie dass, ich bin gespannt!
Sehr schön. Das sieht wirklich nach uriger Natur aus. So urig ist es bei uns nicht. Aber die abgesorbenen Bäume bleiben bei uns auch liegen, damit die vielen Kleintiere eine neue Heimat finden.
Hallo Mona,
ja, es stimmt, es wurden am Anfang sehr viele Fehler gemacht und die Bevölkerung vor Ort nicht entsprechend aufgeklärt/mit einbezogen. Leider gab es auch so ein paar Trittbrettfahrer, die meinten mit der (teils berechtigten) Kritik ihr eigenes Süppchen kochen zu können - etwa die Initiatoren des "Bundesverbands Nationalparkbetroffener" - und konsequent gegen Naturschutz zu reden.
@Daniel Lingenhöhl
Natürlich kann man es nicht allen recht machen, überall auf der Welt steht der Naturschutz gegen Wirtschaftsinteressen. Die Ursachen für die jetzigen Probleme liegen aber z.T. schon über hundert Jahre zurück. Zu der Zeit wurde nämlich der ursprüngliche Mischwald durch eine Fichtenmonokultur ersetzt, da man einen Wirtschaftswald für die Glasherstellung brauchte. Die Fichte ist aber ein Krallenwurzler und hat Probleme in die Tiefe zu wurzeln, da der Untergrund aus Gneis und Granit besteht.
Ursprünglich bestand der Wald aus Tannen, Fichten und Buchen, je nach Untergrund. Die Bäume hatten sich im Wachstum ergänzt, so wächst z. B. die Fiche schnell, bevor die Buche ihr Blätterdach entfalten kann, die Tanne dagegen kann Jahre unter der Buche existieren bis sie dann in die Höhe wächst.
Geschädigt wurde der Wald auch durch die Kohlekraftwerke der ehemaligen Tschechei, die ihren Pesthauch direkt in den Bayrischen Wald bliesen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bekam Tschechien Gelder von der EU, um umweltfreundlichere Technologien zu installieren.
Vor etwa zwanzig Jahren legte ein Sturm große Teile des Fichtenwaldes einfach um. Die Nationalparkverwaltung beschloss, diese Bäume einfach liegen zu lassen, damit ein neuer Mischwald nachwachsen könne. Jahrelang warteten die Menschen, da es viele nicht glauben mochten, dass sich der Wald von selbst erholen würde. Nun aber ist es nicht mehr zu übersehen, der Wald regeneriert sich.
Hallo Mona,
ich glaube, ich lasse Sie einen Gastbeitrag zum Bayerwald schreiben ;-)
"ich glaube, ich lasse Sie einen Gastbeitrag zum Bayerwald schreiben ;-)"
Nicht doch! Ich bin sicher Sie können viel Interessantes beitragen. Vielleicht tun sich da ja ganz neue Perspektiven auf. :-)