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Der Chef will immer Input und ist doch nie zufrieden!

06. Februar 2012, 15:25

Nerven Ihre Chefs auch immer so fürchterlich? Sie wollen Infos, Input und vor allem ganz genaue Zahlen, die es in der gewünschten Form fast nie gibt. Ein richtig hoher Chef macht mit seinen Inputsonderwünschen seine ganze Assi-Umgebung regelmäßig kopflos. „Daten! Sofort!“ Da wissen die Sekretäre und Assistentinnen, die Stabsleute, die Marketing- und Öffentlichkeitsarbeiter kaum anderen Rat, als das ganze Unternehmen so verrückt zu machen, wie sie es selbst gerade sind. Keine Zahlen zu haben ist vielleicht schlimmer als schlechte.

Kennen Sie dieses neurotische Zittern im Raum, wenn zwischen vielen Menschen ein einziger verzweifelt und in erkennbarer Eile seinen Schlüssel sucht, dabei immer lauter flucht und zetert? Er schaut oft nur zwei Drittel seiner Zeit tatsächlich nach dem Schlüssel, den Rest verbringt er mit wütend eindringlichen Blicken auf das gleichgültige Saupack um ihn herum! Das ist bösartig faul und bekommt den Hintern nicht hoch, um ihm beim Suchen zu helfen. Die im Raum Arbeitenden bekommen nach und nach die Krise, sie werden neurotisch angesteckt, sie können nicht mehr konzentriert denken. Erste von ihnen stehen auf und tun grimmig so, als würden sie suchen helfen – sie hoffen dabei nur inständig, dass der Schlüssel endlich auftauchen würde. Bald steht alles Kopf, man fragt immer drängender nach dem Sinn des Ganzen. Die Lage eskaliert. Bohrende Fragen nach möglichen Alternativen branden auf. „Gibt es andere Lösungen, als uns verrückt zu machen?“ Ein Witzbold wird für „Könnt ihr den Schlüssel nicht draußen suchen?“ mehrheitlich blickgetötet.
Und viel später, viele entsetzliche Minuten später: Da! Da! Da ist er! „Ach, ich bin so froh, es ist nämlich der Kellerschlüssel, ich brauche ihn nicht, aber es hätte mich das ganze Wochenende gequält, nicht zu wissen, wo er ist. Er war nur im Mantel verrutscht. Das ist noch nie passiert. Echt! Ich verliere ihn oft!“

So ein Schlüssel ist noch einfach, weil der Suchende mitten im Chaos dabei ist. Ein Chef aber ruft nur kurz aus Shanghai an, er brauche eilig Input. „Was genau?“, bebt der Assistent. „Zu eilig, seien Sie kreativ!“, da legt er auf. Alle fühlen sich, als ob eine zickige, launische, anspruchsvolle und sehr nachtragende Tänzerin in einem Roman von Balzac ohne näher erklärte Wünsche eine großartige Weihnachtsüberraschung erwartet, was ihre Anbeter in Traumata versenkt. Nun laufen sie los, alle diejenigen in der organisatorischen Nähe des Chefs, und üben das Spiel „Reise nach Jerusalem“. Alle hektisch von ihnen Angesprochenen fragen zurück: „Was genau sollen wir liefern?“ Das aber ist nicht bekannt, er muss nur eben einen wichtigen Vortrag vor einem Board halten, oder auch vor Mitarbeitern für eine kritische Situation. Er will Marktzahlen, Unternehmenszahlen, Jubelmeldungen, Lagedarstellungen.

Die Peripheriemitarbeiter lösen das Problem auf bewährt untaugliche Weise: Sie setzen ein Meeting an oder einen Call auf (Es gibt Versuche, bei denen ein Affe in der Nähe eines Tigers sitzen muss, nur durch ein grobes Gitter getrennt. Ihm passiert also nichts, aber er zittert ganz stark vor Angst. Wenn man ihm jedoch einen zweiten Affen hinzugesellt, trösten sich die beiden und haben sehr viel weniger Angst. Meetings werden so groß angesetzt, dass keiner Angst hat, so lange es dauert.). Im Meeting beratschlagen sie, wer welche Zahlen suchen muss, am besten haben sie überhaupt alle zusammen und konsolidieren den Input am Abend. Dann versuchen sie, etwas zu basteln, was so gut sein könnte, dass der Chef irgendwie zufrieden ist. Das geben sie ihm, er stöhnt oder haut es ihnen um die Ohren. Nichts passt ihm! Dabei haben sie alle Zahlen geerntet, die es gibt, alle Finessen erarbeitet. Der Chef hat keine Zeit, den „Mist“, wie er sagt, zu überarbeiten. Er ruft eine Beraterfirma an. Die verlangt eine Stunde Zeit und 3000 Euro. Sie schickt zwanzig Minuten später eine PowerPoint-Folie mit dem starken Satz „Wir werden aus der Krise gestärkt hervorgehen, weil sich der Beste durchsetzt und die anderen sterben.“ Der Chef freut sich, seine Nerven beruhigen sich. So hat er es sich vorgestellt! Triumphierend und verächtlich schaut er in die Runde. „Ich zahle für Euch sicher zusammen mehr als 3000 Euro, oder?“ Ein Controller wendet ein, dass es nicht so sicher sei, dass sie die Besten wären – der Chef solle einmal den von ihm geleisteten Input durchschauen. Der Chef rollt mit den Augen, er will ja nicht durchschaut werden, er will nun kurz böse werden, zuckt angesichts der allgemeinen gewohnten Dummheit um ihn herum die Achseln und geht auf die Bühne, um die Zuhörer zu begeistern.

Die hören wie immer, dass der Chef der Beste ist. Wie immer glauben sie es nicht, finden es aber vollkommen in Ordnung, zumindest wenn sie selbst Chefs sind – sie lieben dann ähnliche Folien. Die Umgebung des Chefs aber verzweifelt. Haben sie als Mitarbeiter einen Sinn, wenn alles verhöhnt wird, was sie liefern? Sie fühlen sich alle wie Trottel.

Hey, Leute, ich sehe so viele von Ihnen – ganz betrübt! Ich selbst bin übrigens auch oft betrübt. Meine Folien für MEINE Reden woll(t)en meine Chefs fast nie, weil ich PERSÖNLICH die Wahrheit und die Zukunft eines Unternehmens diskutieren würde, wenn ICH Chef wäre. Auf meinen Folien stehen fast nie „Zahlen“. Ich bin aber nicht der Chef! Und ich frage mich, ob ich als Chef dann nicht doch anders agieren würde. Mir hat ein Chef einmal gesagt – und das hat mir zu denken gegeben: „Dueck, Sie können bei Ihren Reden in Visionen schwelgen! Die finde auch ich wundervoll. Aber wenn ich Ihre Rede für mich selbst als eigene Rede übernähme, dann erwarten und verlangen die Mitarbeiter, dass ich mein Gesagtes umsetze. Das kann ich gar nicht, dazu müsste ich…“ Das habe ich verstanden und davon Abstand genommen, ihm Input zu geben, den ich selbst gerne für Reden gehabt hätte. Denn jeder Chef braucht Input, der zu ihm passt. Und dann muss ich doch den Input aus seiner von mir mitgefühlten Denkweise heraus erstellen?!
Was passt zu einem Chef? Manche Bosse wollen nur beeindrucken und brauchen Markiges. Andere wollen die Mitarbeiter ausschimpfen und brauchen schlechte Zahlen, um damit ins Publikum zu schießen. Wieder andere (das sind überraschend viele) haben beim Reden Angst vor einem lauten Murren der Zuhörer oder direkter Konfrontation mit einem Gewerkschaftler, sie wollen einfach etwas, was sie schmucklos über die Runden bringt – dazu sind alle Gemeinplätze herzlich eingeladen. Wieder andere kommen mit Marktzahlen aus dem Internet, die klingen so: „Der XY-Markt wird in hundert Jahren bei 772 Quadrillionen Euro angeschwollen sein (die Zahl plus minus 10 Prozent, je nachdem wie das Wetter in der nächsten Woche ist). Wir haben also beliebig gute Chancen, vielleicht zehn Prozent all dieser Quadrillionen abzugrasen, wir müssen nur raus, raus, raus! Der Markt ist da! Die Kunden war-ten! Geld regnet überall! Lassen Sie Ihr Unternehmen im Regen stehen!“ Noch andere reden angesichts bedrückend schlechter Zahlen lieber von neuen ethischen Werten, die als Abkürzung auf Tassen verteilt werden sollen. TOLL (Tatkraft Originalität Leistungs-Lust bedeutet es, aber die Rede ist Tugendhaft Old-fashioned Lebensfremd Langatmig). Technische Chefs lieben dagegen Vorstellungen von Großprojekten, die ganz kranke Abkürzungen haben, für die sich autistisch Angehauchte kindlich begeistern. „Unser Projekt TOLL CONNECT wird ein Milli-arden äh Grab-ber.“

Über diese Verschiedenheiten lässt sich natürlich leicht maßlos lästern! Tatsache ist: die Input-Zuträger denken insgesamt einfach zu wenig über die Persönlichkeit und die Notwendigkeiten des Chefs nach. Sie machen sich vielleicht sehr kundig darüber lustig! Und dann bringen sie ihm doch wieder Zahlen, mit denen sie selbst zufrieden sind und für die sie Lob erwarten. Im Grunde machen sich doch die Inputgeber lächerlich, wenn sie immer das Falsche bringen. Nicht einmal die Farben der Folien stimmen! Dabei hat doch der Chef eine Vorliebe für Krawatten, das sieht man doch, was er im Spiegel gut findet! Hey, wenn irgendwelche Berater für sehr viel Geld sofort und auf der Stelle Folien erstellen können, die dem Chef gefallen, dann muss das doch auch normalen Internen gelingen? Wozu sind die eingestellt?
Am besten ist es für den Chef und alle, er hat ein paar Leute um sich herum, die zu ihm passen. Die können dann wissen, welchen Input er braucht, und die dirigieren die Inputmeute. Dann sind die Reden immer in Ordnung! Problem gelöst! Hurra! Aber dann ist der Chef doch abgeschottet? Nie mehr auf dem Teppich? Da haben wir ein neues Problem.

Im Grunde brauchen nur gute Chefs PowerPoints, die zu ihnen passen. Alle anderen sollten fremdbestimmte benutzen, aber das tun sie nicht und bleiben so wie sie sind.



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Fehler machen, Fehler haben, Fehler sein – über Salami-Demontage und Politik

22. Januar 2012, 14:57

Es ist nicht schlimm, mal einen Fehler zu machen – das wissen wir alle, aber es stimmt irgendwie nicht. Es ist doch schlimm. Man darf Fehler begehen, aber nicht denselben zweimal, dann ist man dumm, sagen die Weisen. Man hat nämlich nicht aus einem Fehler gelernt. Ach – dumm! Das ist nicht der Punkt! Es gibt doch den feinen Unterschied, ob man Fehler macht oder Fehler hat, nicht wahr?

Darum geht es! Natürlich kann jeder Fehler machen. Der Fehlende wird darauf hingewiesen, er sieht es ein und handelt fortan richtig. So stellen wir uns das alle vor. Meistens aber begehen die Menschen immer dieselben Fehler. Ladendiebe klauen weiter, auch wenn sie erwischt wurden und bereuten. Temposünder bekommen den Führerschein zum wiederholten Male zurück und brettern los. Hilft es, Putzteufeln weniger häufiges Staubsaugen anzuraten? Schaffen Sie persönlich es denn, Ihrem Lebenspartner die Marotten auszutreiben? „Tür zu, Schuhe aus, Strom sparen, Rasen mähen, setz‘ dich doch mal hin, stress‘ nicht, wieder die Sahne beim Einkaufen vergessen, du Depp.“ Die Leute, die zu viel putzen, was vergessen, bestimmte Rechtschreibefehler begehen oder unfreundlich sind – die machen das immer! Sie bereuen den Fehler in jedem Einzelfall und machen weiter.

Dazu passt ein Zitat aus dem Aphorismenband von Marie von Ebner-Eschenbach: „Viele Leute glauben, wenn sie einen Fehler erst eingestanden haben, brauchen sie ihn nicht mehr abzulegen.“ Sehen Sie? Einmal geht es um einen isolierten Fehler, der in der Regel auch „freimütig“ eingestanden wird. Eine andere Qualität ist es, einen Fehler zu HABEN!
Wenn zum Beispiel ein Bundespräsident einen Fehler macht – wen kümmert’s? Er ist eine Lichtgestalt – und als solche wird er seinen Fehler natürlich nicht noch einmal machen, denn er ist nicht dumm und lernt aus seinen Fehlern. Ein Problem taucht auf, wenn jemand zwei ähnliche Fehler zum Beispiel der Unbescheidenheit oder der Verschleierung hart an der ethischen Grenze begeht. Zwei Fehler sind anders als einer! Wer zwei ähnliche Fehler macht, gerät in den Verdacht, einen Fehler zu HABEN. Und bei der Bundespräsidentendebatte geht es nur darum, ob unser Staatsoberhaupt einen Fehler HAT oder nicht. Wenn er einen Fehler HAT, müssen wir ihm in ganz anderer Qualität verzeihen als wenn er nur einen Fehler begangen hätte.
Da spürt der Präsident, dass man ihn verdächtigt, einen Fehler zu haben. Deshalb isoliert er die Fehler einzeln und entschuldigt sich für sie einzeln. Er beteuert in jedem Einzelfall, denselben Fehler nicht wieder zu begehen. Er muss vermeiden, dass ihm noch weitere Fehler unterlaufen, weil er dann Probleme bekommt, die Diskussion zu vermeiden, dass er einen Fehler hat. Das ist die Salami-Taktik – man muss Fehler isolieren! Es darf nie der Eindruck entstehen, dass es da ein Muster hinter verschiedenen Fehlern zu entdecken gibt. Bürger oder die Presse aber wollen wissen: hat er nun einen Fehler oder macht er nur welche? Sie graben dazu das Privatleben des Präsidenten ungebührlich gründlich um, um ein vermutetes Muster nachzuweisen oder eben keines sehen zu können. Sie wollen über den Verdacht entscheiden, ob der Präsident einen Fehler HAT.
Viele Menschen verstehen den Unterschied zwischen dem Fehlermachen und dem Fehlerhaben nicht so genau – da kann sich ein Politiker herauslavieren, wenn er sich genügend entschuldigt. Aber diejenigen, die finden, dass er einen Fehler hat, versuchen nun eine endlose Salamidemontage…es läuft ähnlich ab wie im Falle zu Guttenberg. Einmal nicht zitieren, also abschreiben? Kein Problem! Er entschuldigt sich, wir verzeihen, auch für das zweite und dritte Mal abschreiben. Lappalie! Aber bei der zwanzigsten bedenklichen Stelle ist ein klares Muster hinter allem sichtbar. Jetzt hat zu Guttenberg einen Fehler. Das haben wir alle eingesehen, darum musste er gehen. Er ist allerdings so beliebt – scheint es – dass wir ihn insgesamt auch mit einem Fehler als Minister akzeptieren würden. Viele sagen: „Er ist ein Mensch! Ein Mensch darf auch Fehler HABEN. Ich habe so einen geheiratet, ich weiß, wovon ich rede.“ Manchen Menschen verzeihen wir daher sogar, dass sie Fehler haben. Auch Präsidenten – ein Rundblick der letzten zehn Jahre in befreundete Länder genügt. Verzeihen wir nun unserem Präsidenten, dass er einen Fehler hat? Lieben wir ihn so sehr? Was schätzen wir an ihm so sehr? Eigentlich nur besonders, dass er keine Fehler hat. Wenn er aber welche hat, was schätzen wir dann?

Wenn wir jemandem nicht verzeihen, beginnt der Betreffende, ein Fehler zu SEIN! „Die Ehe mit dir war ein Fehler.“ Dann ist der Betreffende ein Fehler von UNS. Diesen unseren Fehler müssen wir dann einsehen, korrigieren und so viel daraus lernen, dass wir ihn nie wieder begehen. Wenn wir das nicht tun, haben WIR einen Fehler. Andernfalls SIND WIR(!) als Kollektiv im schlimmsten Falle ein Fehler aus der Sicht von außen. „Deutschland hat einen solchen Präsidenten“, sagen Fremde, so wie wir bis vor kurzem sagten: „Italien hat einen solchen Ministerpräsidenten.“ Darum geht es in den Diskussionen, in denen das Wort „beschädigen“ prominent vorkommt.


Nachtrag: Zu Beginn der Affäre habe ich bei Facebook und Google+ dies gepostet (am 14. Dezember 2011, als alles noch harmlos war, aber ich schon sehr unwillig wurde):

"Nicht gut, aber präsi!"

Die Mutter beschuldigt ihren Sohn, mit dem Nachbarsjungen heillos gesoffen zu haben. Der Sohn schwört Stein und Bein, dass "er nicht mit dem Nachbarsjungen gesoffen hat". Da ver-zeiht ihm die Mutter. Viel später erfährt sie, dass er mit der NachbarsTOCHTER unter ande-rem heillos gesoffen hat. Sie stellt ihn zur Rede. Er wiederholt seine Antwort, nicht mit dem Nachbarsjungen gesoffen zu haben. Die Mutter schäumt. Der Sohn lächelt bemüht: "Die Aus-rede ist nicht gut, aber präsi!" - "Was ist präsi, bitte?" - "Präsentabel." - "Und was bedeutet präsentabel?" - "Es ist kein Rückentritt erforderlich."


Nachtrag heute: doch.



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Über die typische Sinn-Blogger-Psyche oder über „INFP“

08. Januar 2012, 13:10

Was hat Sinn? Darum geht es in vielen Blogs. Was ist gerecht? Ethisch? Wertvoll? Alles wird unter die Lupe genommen, es wird gestritten und sinngehechelt. Mal sind alle empört und mal ist es allen aus der Seele gesprochen. Dieses Gefühl, „es ist mir aus der Seele gesprochen“ – dieses tiefwärmende Gefühl scheint das höchste und heiligste zu sein. Das sieht aus wie INFP, oder? Vor gut zehn Jahren schrieb ich mein erstes Buch „Wild Duck“ über die verschiedenen Arten menschlicher Psychen und deren täglichen Streit in Familie, Schule und Beruf. Daraus erwuchs dann ein Gesamtwerk aus fünf Bänden, die die artegerechte Haltung von Menschen thematisierten. Ich studierte die menschlichen Typen nach der Lehre C. G. Jungs, die später Eingang in psychologische Tests fanden (Keirsey, MBTI und viele andere). Statistiken der Testergebnisse vieler Menschen zeigten, dass viele Berufe nach psychischer Grundhaltung gewählt werden – das ist ja eigentlich klar, aber eine Statistik ist doch beruhigender, oder? Statistiken zeigen zum Beispiel, dass Leiter von Schulen in etwa zu zwei Dritteln „Ordnungshüter“ sind („jeder hat die Pflicht, wertvoll zu sein“) und einem Drittel „Menschheitsverbesserer“ („jeder Mensch ist wertvoll“).

Ich habe damals etliche Kolumnen über die Psyche der Techies verfasst und auf meiner Homepage gebeten, mir Testergebnisse zu schicken. Das haben so um das Jahr 2005 herum über 1000 Informatiker, Ingenieure etc. getan ... Seitdem tröpfeln nur noch alle paar Tage Antworten herein. Dann kam meine Rede auf der re:publica im April 2010. Die verlockte viele Tausend Besucher, sich meine Homepage anzusehen, und etwa 250 von ihnen schickten mir in der zweiten Aprilhälfte ihre Testergebnisse: INFP, INFP, INFP ... Ich staunte statistisch gesehen. Das Resultat ist an sich nicht erstaunlich, aber immer INFP? Konkret: Der Keirsey/MBTI-Test hat 16 verschiedene mögliche Ergebnisse! Und bei den Einsendungen nach der re:publica lauteten über 50 Prozent INFP. Dieser „Typ“ ist dabei ganz selten, man schätzt seine Häufigkeit um die drei Prozent, ich habe auch schon Schätzungen von einem Prozent gesehen. Er kommt bei Frauen deutlich häufiger vor als bei Männern.

Was bedeutet INFP? INFP = Introvertiert-Intuitiv-Feeling-„flexibel, schwach chaotisch, impulsfolgend, abwechslungsliebend“. Wollen Sie es genau wissen? Googeln sie einfach INFP oder machen Sie den Test gleich selbst! Hier ist eine ganz gute Beschreibung, finde ich (englisch, sorry, Sie finden im Netz auch viele deutsche Charakteristiken): TheMindBehind.Net

Die Beschreibung ist schön kurz und bündig, ich weiß nur nicht genau, was „original dressing style“ heißt – ich glaube, es ist so etwas wie Selbstgestricktes oder Kleinstboutiquisches in schwarz-grün-braun-lila gemeint, ganz bio und vegetarisch. INFPs sind in Menschenmengen eher unauffällig und kommen oft nicht zu Wort, da fressen sie gepressten Zorn über die Blasenpräsentierer in sich hinein, bis sie schließlich doch etwas dazu sagen MÜSSEN, was dann aber schon von fortgeschrittener Gesichtsröte durchzogen ist. Na klar, für andere meckern sie einfach ziemlich viel. Deshalb mögen INFPs lieber private Gespräche zwischen Ich und Du, wo das Zu-Wort-Kommen-Problem des Zaunkönigs unter den Vögeln nicht vorkommt und nur noch Sinnvolles mit dem anderen INFP besprochen werden kann. Und folglich, so sagt ja auch die Beschreibung, haben sie oft den Wunsch, sich wunderbar schriftlich auszudrücken.

INFPs sind die geborenen Blogger! Im Web ist Sinn satt!

So, und jetzt kommt ein Wassertsunami in den Wein: INFPs sind in der Bevölkerung selten, das sagte ich schon, und es steht auch neben der Beschreibung auf der empfohlenen Webseite. Und INFPs diskutieren den Sinn am liebsten unter sich.

Das muss nichts Schlimmes bedeuten, wenn das Bloggen so große Seelenfreude bereitet. Wenn aber ein INFP-Blogger WIRKUNG erzeugen will, muss er die Psyche der lauten sinnsorgloseren Anderen beeindrucken, so dass sie Follower werden und liken. Dann muss ein INFP in die feindliche Welt, dort aber gibt es viele auch feindlich-befremdliche Diskussionen, in denen fast keine Antwort wärmt oder „aus der Seele spricht“. Da wird der Zaunkönig traurig, dass der Adler ihn nicht hört und die Spatzen ihn laut verspotten. Da fliegt er wieder ins Unterholz, ins Web, wo die Blogger sind.

Die Blogger KENNEN den Sinn und die wertvolle Zukunft. Gleichzeitig fühlen sie sich unverstanden, nicht ernst genommen und wirkungslos in der Masse der Menschen. Diese Problematik ist eng verbunden mit der introvertierten Sinn-Psyche. Sie bringt Sinn hervor, preist ihn schriftlich oder künstlerisch oft erfolgreich an, verkauft ihn aber nicht an Kunden. Bloggen ist oft wie eine wertvolle Ausstellung von Wertvollem, das aber niemand im Wohnzimmer haben will. Dort aber gehört es hin. Hey, Blogger, geht mit Eurem Licht in Platons Höhle und zeigt es den im Dunkel Angeketteten. Macht aus Sinn eine Praxis! Predigt nicht nur Ethik, sondern bildet eine breite Kultur! Überschreitet den Rubikon zu den normalen Menschen!

Ich blogge ja auch ... Ich bin aber mehr Techie. Ich erfinde oft etwas, was keiner kauft. Ich stelle Visionen aus, die keiner im Wohnzimmer haben will. Ich habe mein Problem schon vor langer Zeit erkannt und mir Mühe gegeben ... Erfinder leiden unter Technology Enlightenment, nicht so sehr unter Sinnsehnsucht. Auch sie überschreiten nur selten den Rubikon zur Innovation (Innovation ist eine Erfindung, die wirklich gekauft wird). Das war schwer für mich, zur Tat zu schreiten, elend schwer, und ist immer noch schwer ... Ich habe noch immer die Worte eines Top-Managers über die Freiheit der Forschung im Ohr: „You know, there is a fine line between independence and irrelevance.“ Es hat etwas mit der Schullektüre von Raabes „Stopfkuchen“ zu tun: „Geh heraus aus deinem Kasten.“ Das haben die amerikanischen Managerschulen geschwind adaptiert, es heißt in Neudeutsch: „Leave your comfort zone.“ Dazu rufe ich hiermit auf. Lassen Sie uns bloggen, was nicht nur gehört wird, sondern „gekauft“. Hören wir auf, zu sehr Fundis zu sein – Realos braucht die Welt. Viele.



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Studie – Was Kinder lernen WOLLEN!

02. Januar 2012, 16:24

Nach PISA kommt jetzt PIAAC, eine Studie, bei der die Kompetenzen von Erwachsenen erfasst werden. Die Befragungen finden Anfang 2012 statt – und erste Ergebnisse gibt es Ende 2013 (!!). Dann kommt wieder heraus, dass einige nicht lesen und mitdenken können. Aber unser Bildungssystem ist sehr gut, nicht wahr? Außer, dass keinen interessiert, was da gelehrt wird, und es fast gewiss erscheint, dass das erworbene Wissen niemals angewendet werden kann. Ich fordere eine Studie, was Kinder denn lernen WOLLEN!

Immer wieder gibt es Studien, um den IST-Zustand zu verstehen, dann zu verharmlosen und schließlich weiter mit ihm zu leben. Woanders, so beruhigen uns die Studien, wird auch nur mit Wasser gekocht. Deutschland ist schwach durchschnittlich, aber eigentlich am besten. Im Grunde drücken nur unwillige Leute die PISA-Ergebnisse, die nicht lernen wollen, sich nicht integrieren, von ihrem Hintergrund her nicht gut erzogen wurden und so weiter. Deshalb wären die Zahlen viel besser, wenn wir nur die Besten messen würden, nicht alle. Damit aber diese Panne nicht wieder passiert, werden wir diese Schnittverderber ab jetzt gehörig schulen und schurigeln!

Zurzeit werden die ersten PISA-Befragten schon berufstätig. Was liegt näher, als sie nochmals zu befragen, ob sie als Erwachsene jetzt gute Kompetenzen haben? Welche Kompetenzen werden überhaupt verlangt? Welche wollen wir testen? Am besten testen wir nicht die, die Erwachsene haben SOLLTEN (Teamfähigkeit, Kreativität, Kommunikations- und Konfliktlösungsfähigkeiten, Verkaufen etc.), sondern die, die wir bei den Kindern gemessen haben, also Lesen, Rechnen, Problemchenlösen. Dann können wir alles schön statistisch vergleichen und stellen fest, dass Erwachsene nicht weiter gekommen sind, weil sie nur MIT ihren Mängeln gearbeitet haben anstatt AN ihnen.

Kinder, die ich kenne, WOLLEN doch lernen! Darauf reagieren wir kaum. „Das kannst du noch nicht.“ – „Das verstehst du noch nicht.“ – „Internet ist böse und hält dich vom Lernen ab.“ – „Bitte fass mein Handy nicht an, sonst raste ich aus. Das ist nichts für dich. Wenn du da etwas verstellst, kann ich es nicht mehr benutzen, so schwierig ist die neue Technik. Kind, ich weiß, wovon ich rede.“ Wieso bestehen die abgebrochenen Hauptschüler alle die theoretische Führerscheinprüfung? Wieso gibt es mehr Experten für Dinosaurier als für Kartoffelsorten oder Maler des Mittelalters? Warum interessieren sich Kinder für Planeten und Sterne und nicht für Baumblätter? Warum lesen sie so viel, bis sie zur Schule kommen und Iphigenie treffen? Die Kinder engagieren sich bei der Feuerwehr, beim Tischtennis, beim Rettungsschwimmen und im Harmonikaverein. Alles ist gut, wenn sie sich interessieren! Sie lernen dann zehn Mal so schnell!

Wenn das so ist, sollten wir sie einmal selbst fragen, WAS sie interessiert und WAS sie lernen WOLLEN! Das wissen wir auch so, aber ohne Studie ist es nicht offiziell evident und gilt nicht. Glauben Sie im Ernst, die Kinder würden nicht lesen und rechnen können wollen? Wahrscheinlich werden sie doch alles lernen wollen, was sie an Menschen in ihrem Umfeld bewundern, oder? „Das kann ich auch. Das kann ich schon!“ Kochen, Backen, Radfahren, Schwimmen, Malen, Singen, Fußballspielen, Mails schreiben, SMS schicken, Rechner bedienen. Dann könnten wir noch fragen, WIE sie es lernen WOLLEN, oder? Das Malen und Singen beginnen sie einfach und natürlich im Kindergarten, sie sträuben sich nicht! Man könnte aber das Malen mit dem Erlernen von Stilen und Techniken sowie dem Büffeln berühmter Malernamen beginnen! Wir könnten vor dem Singen erst das Notenlesen üben und vor das Schwimmen das Auswendiglernen der Stilarten und Sicherheitsvorschriften stellen! Wir lehren vor dem Simsen am besten die Telefonkunde, wie sie schon bis zum Jahr 1980 in Lehrbüchern beschrieben ist („Der Aufbau von Telefonhäuschen und ihre Benutzung durch Kinder, die erst mit Stelzen an den Hörer kommen“).

Kinder wollen erst Beispiele, dann Theorien. Lehrpläne predigen Theorie und merken, dass sie nicht verstanden werden (weil die Theorie zu trocken ist). Dann erklären Lehrer die Theorie der Lehrpläne mehrmals, was nicht weiterhilft – einfache Beispiele und Tun würden es ja bringen ... dafür ist aber keine Zeit, weil viele Schüler auch nach dem vierten Mal Theorie nichts verstanden haben. Als ich einmal in Göttingen Wirtschaft studierte, demonstrierten wir gegen den Schah von Persien und gegen Mikroökonomie II, die wir absolut nur lernen, aber nicht verstehen konnten. „Wo ist der Sinn?“, riefen wir, als schließlich zwei zögernde Assistenten herauskamen und uns beruhigen wollten: „Ihr Studenten, alle Studiengänge der Universität beginnen mit trockener Theorie, deren Sinn man erst im Hauptstudium versteht oder bei der Dissertation ganz bestimmt. Es braucht lange, die Grundlagen eines Fachs so sehr abstrakt vorzubereiten, dass man darauf aufbauend ganz redundanzfrei alle denkbaren Theorien beweisen kann. Da darf man am Anfang noch keine Fragen nach dem Sinn und einem ganzheitlichen Verstehen stellen. Der Sinn oder der Zusammenhang des Ganzen wird auch im Hauptstudium nie erklärt, aber er wird dann schon implizit klar, wenn man begabt genug ist, ihn von selbst zu erfassen. Das Wesen der Wissenschaft erschließt sich dem von selbst, der lange genug Bruchstücke davon in sich aufnimmt, Credit Point für Credit Point. So will es die Theorie.“ (Inzwischen hatten wir die Finanzkrise, die heute auch als eine der ökonomischen Wissenschaft begriffen wird – der Zusammenhang zwischen der Mikroökonomie II und der Realität hat sich immer noch nicht von selbst eingestellt.) Ach, ich spekuliere zu viel ... was ich mir jetzt selbst denke, was Kinder wollen oder was ich wollte, als ich Kind oder Student war. Wir sollten sie FRAGEN! Heute neu! Wahrscheinlich kommt etwas gut Brauchbares heraus. Wollen wir das Ergebnis einer solchen Befragung nicht einmal betrachten und im Herzen bewegen? Haben wir den Mut dazu? Haben wir Angst, dass sie vielleicht nicht selbst auf bundeseinheitliche Prüfungen kommen? Kennen Kinder den Stand der Technik bei Overheadfolien, Matrixdruckern und ausrollbaren Erdkundetafeln? Werden sie teure Schreibmaschinenkurse verlangen, die wir uns damals erst nach der Schulzeit leisten konnten?

Lasst uns sie fragen! Lasst uns gefasst sein! International Childrens‘ Assessment of Necessisties (I CAN).



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Kaum noch Ganzes im Meer von Portfolien von Einzelnem – oder ist das unsere Freiheit?

19. Dezember 2011, 22:10

Einst waren wir den Parteien treu, heute stimmen wir allenfalls mit Einzelpolitikern „überein“. Wir sind Fan Einzelner, nicht mehr Anhänger eines Ganzen. Wir kaufen Produkte, wie wir sie einzeln sehen, nicht mehr so sehr nach dem erzeugenden Unternehmen. Woran liegt das? Vereinzelt das Internet für uns durch die Suchmaschinen ein Ganzes in Menschen oder Dinge? Oder sind die Parteien und Unternehmen auf dem Irrweg?

Ich habe das Gefühl, dass das Wort „Portfolio“ aus dem Beraterwortschatz eine zentrale Vorstellung erzeugt. Firmen haben ein Portfolio von verschiedenen Marken, Parteien haben ein Portfolio von derzeitigen Positionen und Standpunkten. Die Markenprodukte eines Unternehmens werden von einem ganzen Portfolio von Zuliefer- und Produktionsfirmen hergestellt, die Positionen von Politikern von Agenturen, Beratern, Räten, Ausschüssen, Rechtsanwaltskanzleien, Ghostwritern und so weiter. Die Unternehmen sagen: „Wir bieten das und das an.“ Die Parteien sagen: „Unsere Politikrichtung konstituiert sich aus folgenden Einzelpositionen.“ Immer sind es „Portfolios aus Einzelposten“. Wir Kunden oder Wähler auf der anderen Seite haben früher ein Ganzes gewählt oder gekauft. Wir haben Tütensuppen nur von Maggi gekauft – alle! Oder eben alle nur von Knorr! Nicht gemischt! Wir waren „für Maggi“ oder „für Knorr“, wir waren Stammwähler der CDU, SPD usw., nicht gemischt mal so oder so! Wir waren bei unseren Diskussionen auch immer sehr polar, entweder immer rechts oder immer links, nicht durcheinander.

Was hat sich verändert? Unsere Einzelpositionen sind wie einzelne Produkte, nach denen wir im Internet suchen. Wir geben Produktnamen ein, Autoren oder Titel, und NICHT mehr zum Beispiel den Namen eines Verlages. Als es noch kein Amazon gab, mussten wir uns ganz ohne Internet einen Überblick über die Bucherscheinungen verschaffen. Ich bin damals alle halbe Jahre in eine große Buchhandlung gegangen und habe alle mir wichtigen Taschenbuchkataloge mitgenommen. Manche Verlage boten wundervolle Bücher, andere nur flachen Kram. Ich kannte die Verlage nach ihrem Charakter, wusste, wofür sie standen und was ich von Ihnen zu erwarten hatte.

Das hat mit Google oder Amazon aufgehört. Ich suche jetzt direkt nach dem, was ich will. Ich nehme nicht mehr an, dass ein Verlag als Ganzes mich als Leser versteht und für meinen Geschmack arbeitet. Ich sehe den Buchmarkt als ein Portfolio von Büchern oder Autoren an. Die Verlage stehen für mich nicht mehr als Orientierungspunkte im Meer der Lesemöglichkeiten. Ist das bei Ihnen anders? Suchen Sie nach einem Verlag bei Amazon?

Wir identifizieren uns allenfalls mit Autoren, Stars, Künstlern… Wir suchen nur noch das Einzelne und Punktuelle und bekommen es auch – einzelne Bücher, Videos, CDs.

Wir als Kunde wühlen nur noch im Portfolio, die Unternehmen bieten nur noch ein Portfolio. Die Größe „der für uns größten brauchbaren integrierten Sinneinheit“ sinkt. Wir hören immer weniger auf ganze Kirchen, Markenserien, Parteien – wir stückeln uns selbst zusammen. Wir sind kaum noch Jünger der Produkte bestimmter Unternehmen (Apple zum Beispiel ist da gegenwärtig eine Ausnahme). Wir als Wähler sehen nur noch die Einzelpositionen zu Griechenland, zum Euro, zum Irak oder zum Spitzensteuersatz. Wir selbst bilden uns Meinungen aus einem angebotenen Portfolio. Wir nehmen nicht mehr an, dass eine einzige Partei ganz für uns steht und wir für sie. Wir picken uns überall wie bei Amazon und Google das beste heraus, von der einen Religion ein bisschen, von der anderen auch. Wir selbst integrieren das Universum einzeln für uns selbst. Wenn wir das nicht können und überfordert sind, eine eigene Identität zu bilden, werden wir nicht mehr Anhänger einer großen Bewegung, sondern eher Fan eines einzelnen Idols wie Obama, zu Guttenberg, oder…oder…so viele Idole werden ja leider nicht angeboten, oder? Idole zur Identifikation sind heute die angesagten Fertiglösungen, so wie es früher Kirchen oder Parteien waren.

Die Chancen, uns zu verzetteln, nehmen zu. Die Integration allen Einzelnen wird schwerer. Es gibt kaum noch anerkannte Leitsterne oder allgemein als tauglich gesehene Lebenslehren. Wir haben die volle Freiheit, uns selbst aus einem unendlichen Portfolio zu gestalten. Diese Freiheit ist schön – bringen wir aber auch die Fähigkeiten mit, frei zu sein? Haben wir wenigstens das Bewusstsein, jetzt für unsere Entwicklung höchstselbst zuständig zu sein? Und dass dann die entsprechenden Fähigkeiten dazu haben müssen? Wissen wir überhaupt schon, dass wir frei sind? Manchmal denke ich, dass wir das persönliche Integrationsproblem allen Einzelnen in uns noch nicht als das Unsrige verstanden oder gar akzeptiert haben. Das höre ich aus dem Dauergejammer wie „Die Komplexität nimmt zu.“ Oder „Es wird immer schwieriger, in der Überfülle das Wichtige zu finden.“ Was wollen wir denn? Freiheit oder Einfügungspflichten in eine fertig vorgegebene Menschenvorlage? Vielleicht doch wieder mehr „Vorlage“ in Form eine Ethik, wie wir sie in der Ökonomie vermissen?



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Split Loyalty, Vollkundenäquivalente und das Emma-Enterprise

03. Dezember 2011, 17:54

Alle prahlen mit ihren Kundenzahlen herum. Facebook mit hunderten von Millionen und Google auch. Die Banken gewinnen immerfort Neukunden, der Weinversandhandel ebenso, und, ja – überhaupt alle prahlen. Das Wachstum der Kundenzahlen speist sich aus den Neukunden-An-Abwerbungsgeschenken, deren Wert von derzeit oft 50 Euro sich normalerweise am 1989er Begrüßungsgeld für DDR-Bürger orientiert. Jeder loyale Kunde ist da ein Depp.

„Tagesgeld zu 2 Prozent!“ und im Kleingedruckten „nur einen Monat und nur für Frischgeld“. Internet gibt es „drei Monate umsonst“, dann ziemlich viel teurer für 21 Mehrmonate. Wer schlau ist, beginnt mit dem persönlichen Illoyalty-Management und kündigt immerfort die Treue auf. Treuebruch der Kunden zahlt sich aus. Dumm, wer seinen Handyvertrag behält oder sein Tagesgeld nicht im Bankensystem rotieren lässt, damit es immer frisches Geld zum Sonderprozentsatz ist. Der gerissene Kunde benimmt sich nicht wie ein König, sondern wie eine zickige Geliebte, die nur mit Geschenken günstig gestimmt werden kann.
Vor etwa fünf Jahren habe ich die Kolumne „Gold Ass – Der treudoofe Bestandskunde“ für Sie geschrieben. Ich beklagte mich, dass die Bestandskunden schlechter als Neukunden behandelt würden. Das haben Sie jetzt alle verstanden? Dass Bestandskunden Goldesel sind? Oder eben Deppen? Und dass es deshalb bald keine treuen Kunden mehr gibt?

Tante Emma hat uns früher als Kunden geehrt. Wir haben uns nicht getraut, woanders zu kaufen. Wir konnten uns kaum vorstellen, ihr als illoyale Schufte unter die physischen Augen zu treten. Online aber können wir beliebig sündigen und die Untreue zum Prinzip erheben!
Wir splitten unsere Kundenloyalität auf und sind am besten überall Kunde…

Merken die Unternehmen das eigentlich? Ich habe oft bei Banken gefragt, wie viele „1/1 Kunden“ sie haben. Also echte Vollkunden, nicht ½-Kunden oder ¼-Kunden. Sie könnten doch anhand der Personendaten in etwa schätzen, wie viel Geschäft ein Maurermeister oder ein Krankenpfleger mit ihnen durchschnittlich tätigen würde, wenn er ein treuer Vollkunde wäre. Dann könnten sie vergleichen, wie viel Geschäft der konkrete Kunde wirklich mit ihnen macht und wüssten, wie viele Vollkundenäquivalente sie haben. Ich habe noch nie gesehen, dass ein Unternehmen so rechnet! Ich glaube auch nicht, dass es getan und mir verheimlicht wird – man sieht es doch an den unsäglich protzigen Neukundenanwerbestrategien. Da zerfleischen sich die Unternehmen, indem sie sich mit Schnäppchen übertrumpfen.
Wir verlieren gleichzeitig allen Glauben in Unternehmen und deren Treue zu uns. Gibt es so etwas wie „enterprise loyalty“? Google sagt: 31.000 Hits. Ich versuche „customer loyalty“ (beide Male mit Anführungszeichen eingegeben). Google findet 8.240.000 Ergebnisse. Unternehmen wünschen sich also das letztere ohne das erstere anzustreben, oder?

Weiß Ihr Unternehmen, wie viel Vollkundenäquivalente es bedient? Haben Sie die imposanten Facebook-Userzahlen gelesen, so dass Facebook mit zig Milliarden Dollar am Aktienmarkt bewertet wurde? Nun kam im Juli 2011 Google+ als Konkurrent dazu. Die Facebook-Userzahlen sinken jetzt nicht dramatisch. Nur wir Surfer haben nun zu gutem Teil zwei „Konten“ statt nur des einen. Wie viele Vollkundenäquivalente hat Facebook jetzt noch? Müssten wir nicht diese Zahl bei der Börsenbewertung wissen – so etwas wie Userzahl mal Facebook-Time?

Ich rufe alle Unternehmen auf, ihre Vollkundenäquivalente zu publizieren. Das wird so grausam sein, dass es bald wieder die ersten „Tante-Emma-Enterprises“ gibt, wo Unternehmen und Kunden sich gegenseitig liebhaben. Oder die Wissenschaftler könnten den „split loyalty effect“ untersuchen – drei (!) Treffer bei Google…

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Schande über die S21-Volksabstimmungsfrage!

12. November 2011, 23:10

Heute habe ich gelesen, worüber ich demnächst bei der Volksabstimmung in Baden-Württemberg als Volksteil befinden soll. Die Gretchenfrage auf dem Stimmzettel lautet: „Stimmen Sie der Gesetzesvorlage‚ Gesetz über die Ausübung von Kündigungsrechten bei den vertraglichen Vereinbarungen für das Bahnprojekt Stuttgart 21 (S 21-Kündigungsgesetz)‘ zu?“
Schande über die Politiker! Jetzt machen auch die Grünen so etwas, und zwar sofort, nachdem sie das erste Mal die Macht im Lande haben.

Wir wollen eine Zukunft, die uns Perspektiven gibt, integre Politiker, die uns dahin leiten, transparente Politik und Offenheit, damit wir auch über das Internet als Bürger partizipieren können. Das Stuttgarter Bahnhofsprojekt hat zu einem entsetzlichen undurchschaubaren Interessengewühl geführt, zu massiven Machtverschiebungen in den Parteien, zu blutigen Auseinandersetzungen und zu allgemeiner hektischer Erregtheit, die auch der Schlichter Heiner Geißler nicht beruhigen konnte, worauf er schließlich alles noch mit eigenen Vorschlägen toppte.
Am Ende retten sich die Politiker in eine Volksabstimmung, in der ich von Waldhilsbach aus absolut fachkundig über die Probleme der Einwohner Stuttgarts entscheiden soll. Da fällt mir ein, dass wir in Waldhilsbach eine vielleicht 600 Meter lange, ganz nigelnagelneue Straße nach Bammental gesperrt halten müssen, weil die Bammentaler es nicht mögen, dass wir zum Einkaufen heruntergefahren kommen. Wir müssen uns jetzt weiträumig mit dem Auto anschleichen und vier oder fünf Kilometer lang CO2 erzeugen. Wenn man also schon das ganze Volk über den Bahnhof in Stuttgart abstimmen lässt, warum stellt man dann nicht in einem Abwasch noch ein zweite Frage über Waldhilsbach?
Inhaltlich geht es simpel um „Schranke weg oder nicht“. Das ist natürlich für einen Stimmzettel zu volksgewöhnlich ausgedrückt. Ich muss eine andere Formulierung wählen. Ich will ja eigentlich nicht, dass darüber abgestimmt wird, sondern ich will, dass die Schranke wegkommt. Ich muss also die Frage so schlau stellen, dass sie alle Leute so sehr verwirrt, dass sie für mich stimmen. Ich schaue einmal, da gibt es doch bestimmt Gemeindeprotokolle. Da werde ich sicher fündig. Mir schwebt im Entwurf so etwas vor wie:

„Stimmen Sie zu, dass nach dem Streit über die teuren Idylle-Ferienhäuser gemäß Amtsblatt 34///http/KzAktenzeichen (kann von der Bevölkerung nach Anmeldung im Zentralrathaus in RNK-ZK-FL eingesehen werden, morgens von 6 bis 7 Uhr, Schlüssel an der Tankstelle ausleihen, ist noch keiner an der Arbeit) Klö##RT76gbBBBFF eine Maßnahme Schranketodauswegtrampel nach §§ 56z EStgVG rechtens nach 5000 Seiten Streitprotokoll in der noch ungenehmigten…“
Toll, oder? Das Problem ist, dass Bammental viel mehr Bürger hat als Waldhilsbach. Wenn nur die zwei Gemeinden abstimmen, bleibt die Schranke. Wenn aber überhaupt keiner die Frage versteht, dann geht die Abstimmung bei normaler Dummheit/Intelligenz fast genau 50 zu 50 aus. Dann habe ich also eine Erfolgschance von 50 Prozent, und das, obwohl ich einen kläglichen Minderheitenstandpunkt habe!


Ich schreibe mich in Rage. So eine Volksabstimmung muss (das werden die Politiker bestimmt sagen) rechtssicher sein, also darf sie offenbar so intransparent gemacht werden, wie es sich ein Politiker nur wünschen kann. Ich will gar nicht so sehr auf der Unverständlichkeit von juristisch versierten Menschen herumhacken, nein! Ich finde solche Fragestellungen bei Volksabstimmungen unethisch und manipulativ.
Da feilen offensichtlich Politiker aller Seiten an Fragwürdigkeitsformen, die Vorteile bei der Abstimmung bringen, oder? Jeder normale Mensch erwartet „Bist du für S21? Ja? Nein?“ Nun aber muss man Nein stimmen, wenn man bei der erwarteten „Für S21?“-Frage mit Ja antworten möchte.

Brauchen wir jetzt vereidigte unabhängige Beratungsstellen zu Aufklärung der Bürger über den Inhalt der Abstimmungsfragen? Ich werde bald 60, da weiß ich ja schon, dass ich irgendwann Helfer im Altersheim benötige, die für mich das Richtige auf den Wahlzetteln ankreuzen! Aber jetzt sind wir allesamt auf solche Hilfe angewiesen! Jubeln jetzt die Unklarpolitiker? „Endlich ist die Schranke zwischen den Wissenden und Unwissenden (nicht zwischen Waldhilsbach und Bammental) gefallen! Alle stehen gemeinsam gleich blöd vor denselben unverständlichen Fragen!“

Die Piratenpartei fordert Transparenz, Offenheit und Klarheit. Sie ist noch zu sehr „Fundi“, hat noch kein richtiges „Realo“-Programm, finde ich, aber wir fangen an, uns langsam in die gezeigte Richtung zu sehnen, oder?

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Leitlosigkeit in Deutschland – durch Tagesdenken

23. Oktober 2011, 20:39

Wer einen Charakter hat, handelt aus festen eigenen Prinzipien, Visionen und Überzeugungen heraus. Für andere ist ein Charakter transparent und in sich konsistent. Wir wissen, wie ein bestimmter Charakter handelt und denkt. Natürlich hat das einen Preis, „der Mensch ist in seiner Persönlichkeit gefangen“, er ist nicht mehr wirklich frei, sondern an sich selbst gebunden. Etwas in ihm leitet ihn.

Ein Charakter ist wie die Integration aller gefundenen Antworten zu einem Ganzen. Eine Persönlichkeit mit Charakter muss nicht mehr nach Antworten auf jede Frage suchen. Sie ruht schon in ihren gefundenen Antworten. Der „Konservative“, der „Heilige“, der „Arbeiterführer“, der „Grundlagenforscher“ oder neuerdings der „Pirat“ sind so ein System von Antworten oder Leitlinien. » weiter

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Direktglaube – Die Brücke sind wir!

09. Oktober 2011, 20:57

Der Papst will eine stärkere Entweltlichung der Kirche. Er ist als Papst der Pontifex für alle Gläubigen und Menschen überhaupt. Er baut die Brücke zu Gott. Die Kirche erweitert die Brücke zu Gott. Was leistet eine Brücke? Für welche oder wie gute Menschen ist sie bestimmt? Was tut man, wenn die Brücke nicht trägt? Geht es auch ohne Brücke?

„Glühende Heilige“ sollen wir alle nach dem Wunsch des Papstes sein, nicht nur die „lauen Christen“! Das verstehe ich – ja. Ich bin allerdings evangelisch, als einziger in meiner Familie – und ich erschauere bei einem solchen Appell nicht spontan. Aber die Forderung als solche macht mich nachdenklich. Sie ist berechtigt, aber sehr extrem.
Solche Forderungen werden in vielen Situationen gestellt. Taoisten sollen dem Weg folgen, nicht in die Weltordnung störend eingreifen, nur durch Weisheit ohne Handeln wirken, sich des eigenen Selbsts entäußern. Buddhisten sollen den Weg ins Nirwana verfolgen, aller Gier, allem Hass und eigener Verblendung entfliehen, ihr Selbst erlöschen lassen und kein Karma erzeugen. Konfuzius will extreme Lebensregeln des Edlen eingehalten sehen. Es gibt die Erzählung, dass es ein Schüler tatsächlich auf einige Wochen regelkonform sündenfreies Leben gebracht habe.

Der Wunsch nach Heiligkeit ist so alt wie die Welt. Die Erkenntnis, dass die meisten Menschen sich diesen Wunsch andächtig und auch wohlgefällig anhören, aber selbst nicht einmal entfernt so sind, ist bestimmt noch älter. Deshalb schwächen sich dann die puristischen „wahren“ Heiligkeitsforderungen so weit ab, dass sie tragfähige Kirchenordnungen zulassen. Die Buddhisten lassen vom reinen Nirwana ab und verlangen „nur“ noch das Gehen des Edlen Achtfachen Pfades (rechtes Handeln, rechte Rede, rechte Einsicht, …). Die Christen sehen sich schon dann auf gutem Wege, wenn sie wirklich gute Menschen sind. Sie lieben den Menschen dann zwar nicht wie sich selbst, aber doch hinreichend genug.
Immer gibt es die absolute heilige Auffassung und die für allgemeine Menschen vernünftige erwartbare Version, die sich mit Hilfe einer kirchlichen Organisation im praktischen Sinne „managen“ lässt.

Diese Unterschiede in den Versionen treten auch im profanen Leben auf. Manager wollen ausschließlich „glühend Begeisterte“ als Mitarbeiter, andere überhaupt nicht mehr. Sie wollen alle diese anderen, die „mitzuschleppenden Feierabendersehner“, am liebsten entlassen. Sie übersehen, dass die vernünftig erwartbare Version nur die sein kann, dass die Mitarbeiter einfach normal gut arbeiten.

Das Heilige ist immer extrem, auf seinem Pfad wandeln wenige. Für welche Menschen oder für wie viele ist eine Kirche oder ein Manager denn nun wirklich zuständig? Nur für Heilige bzw. Leistungsträger? Oder sollte man Anstrengungen unternehmen, überhaupt alle zu Heiligen oder Leistungsträgern zu machen? Wie soll das gehen? Dann müsste man jeden einzelnen Christen oder Mitarbeiter sorgfältig entwickeln, coachen und leiten – mit Hingabe und Liebe, Christ für Christ, Mitarbeiter für Mitarbeiter.
Welche dieser beiden Entweltlichungen will der Papst? Zurückziehen auf den Kern? Oder eine extreme Erhöhung der kirchlichen Anstrengungen, den Bereich des Heiligen auf Erden auszuweiten, Christ für Christ?

Genau um die Frage, wie es gemeint sein soll, drücken sich alle. Der Papst will uns als Heilige. Der Vorstandsvorsitzende appelliert an uns, Leistungsfanatiker zu sein und unsere Employability (unsere persönliche Beschäftigungsfähigkeit oder unsern Employee-Value) zu steigern. WIR sind allein für Heiligkeit und unsere Berufsfähigkeit verantwortlich. „It’s up to you!“, habe ich so oft gehört. Gleichzeitig werden die Bildungsanstrengungen gesenkt, die Kirchen ziehen sich auf Seelsorgeeinheitenzentralen zurück und lassen die Gläubigen im Dorf ohne stete Präsenz des Heiligen quasi allein.

Wo ist die Brücke? Sind wir das jetzt selbst? Müssen wir zum vermittlungslosen Direktglauben an Jesus übergehen? „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Sollen wir uns im Web 2.0 organisieren?

Das dachte ich beim hohen Besuch in Deutschland. Jetzt bekomme ich bestimmt Proteste, dass mich das als Protestanten nichts angeht. Ich gehöre aber zu den Besserverdienenden und zahle per Splitting ein Heidengeld per Steuer an die katholische Kirche. Das ist gern gegeben, aber dann darf ich doch berechtigterweise gesamtchristliche Fragen aufwerfen?

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Wählerstimmenvalue-Steigerung und der Unsichtbare Sinn

25. September 2011, 19:32

Jede Partei ist im festen Besitz von Stammwählern, deren Zahl sie stetig steigern muss. Das ist der Sinn einer Partei. Sie muss einen großen Wählerstimmenvalue erzeugen. Wir kennen das bei Unternehmen, die jedes für sich den Shareholdervalue steigern und dadurch automatisch und global den Wohlstand für alle Menschen generieren. Das ist dadurch wissenschaftlich bewiesen worden, indem es oft genug von Reichen gesagt worden ist. Der Wohlstand für alle kommt jetzt bald.

Es ist nun Zeit, die wissenschaftlichen Prinzipien der Ökonomie auch in der Politik anzuwenden und Politikwissenschaften wie harte Naturwissenschaften zu betreiben.
Die Wählerstimmen sind ein knappes Gut, das jede Partei einzuheimsen versuchen muss. Wenn alle Parteien vollkommen egoistisch und skrupellos den Wählerfang auf Biegen und Brechen betreiben, dann muss sich insgesamt ein bestmöglicher Staat mit dem höchstmöglichen Sinn für alle entwickeln. Genau wie die „unsichtbare Hand des Marktes“ die Wirtschaft in einem gesunden Gleichgewicht hält, so sorgt ein „unsichtbarer Sinn“ über den Wahlurnen für das Wohlergehen der staatlichen Gemeinschaft. Der Wähler hat in der Politik die Rolle des Marktes in der Ökonomie. Der Markt regelt die Wirtschaft ohne deren Zutun, der Wähler die Politik.

Diese Analogie zwischen dem Erfolgsmodell der Shareholdervalue-Ökonomie und der Politik wird erst neuerdings stärker beachtet und eingesetzt. Früher vertraten die Parteien bestimmte partikuläre Grundsätze, etwa christliche oder soziale, die automatisch jeweils gewisse Wählermengen anzogen. Bei zu festen Grundsätzen ist aber nicht möglich, den Wählerstimmenvalue einer Partei nachhaltig und langfristig zu steigern. Viele Parteien steigern daher die Anzahl ihrer Grundsätze. Ein vielbeachtetes Erfolgsmodell einer Partei in Bayern, die das Christliche UND das Soziale GLEICHZEITIG zum Grundsatz hat, unterstützt empirisch diesen theoretischen Ansatz.
Viele Parteien orientieren sich auch an wertsteigernden Automobilunternehmen, die vom Kleinstwagen bis zum Ferrari-Fake ein vollständiges Angebot für alle Wähler (dort heißt es Kunden) bereithalten. Eine Partei, die sich wissenschaftlich effizient verhält, wird also die Anzahl ihrer Grundsätze erhöhen und damit das vollständige Wählerstimmenpotential abschöpfen. Für eine komplette Wählerabdeckung ist es mathematisch gesehen optimal, überhaupt alle Grundsätze gleichzeitig zu vertreten, insbesondere zu jedem Grundsatz auch sein Gegenteil.

Die locker-entspannte Haltung, alle Werte gleichzeitig vertreten zu können, nennt man liberal. Herzblutpolitiker, die nur auf ihr Herz hören, haben in der neuen erfolgreichen Zeit keine Chance mehr, weil Herzen nicht liberal sind. Die ökonomisch-liberale Betrachtung einer wählervermehrenden Politik ist das Erfolgsmodell der Zukunft.

Bei den Autos hat die wertsteigernde Modellpolitik dazu geführt, dass die Autos sich im Aussehen immer mehr gleichen, also beliebig aussehen, so dass man ihren Typ fast nur noch an dem Schriftzug auf dem Kofferraum erkennen kann. Diese positive Entwicklung sollte sich nun auch in der Politik vollziehen. Die Parteien gleichen sich immer mehr an das Ideal der bestmöglichen Partei an, weil es ja nur eine mathematisch optimale Partei geben kann, eben diejenige, die alle Grundsätze vertritt.
Deshalb kommt es in unserem Lande zu einem hoffnungsverheißenden Kulturwandel. Die Menschen, die durch die beliebige Politik immer mehr begeistert werden, werden jetzt auch selbst als Menschen beliebig und wählen deshalb beliebig. Niemand muss mehr über Grundsätze streiten, weil jeder alle hat.
Die Wirtschaft löst sich in Wohlstand auf und die Demokratie in Wohlgefallen.


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