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Nichts ist mehr wahr – dank TV-Gladiatoren-Polar-Talk

06. Mai 2012, 19:58

Ist Zucker schädlich? Sind Arbeitslose faul? Sind Manager gierig? Ist privater Waffenbesitz wichtig, weil der Schützenverband eineinhalb Millionen Mitglieder hat, von denen 99,9 Prozent nie Amok laufen? Sind Schießspiele gemeingefährlich oder machen sie nur dumm? Ist Facebook unser Feind? Soll die Kirche den Opfern 5000 Euro zahlen oder reicht die Hälfte nicht auch? Jeden Abend werden solche wichtigen Fragen im TV diskutiert. Ist eine davon je oder nur irgendwie beantwortet worden? Oder schauen wir uns die Talks wie Fußballübertragungen an?

Mir ist neulich das passiert. Ich wurde angerufen, ob ich eine bestimmte Meinung, die man mir erklärte, in einer TV-Sendung vertreten könnte. Ich bot meine eigene an, die ich besser fand. Der Anrufer legte routiniert entschuldigend auf. Er suchte Kontrahenten mit polar entgegengesetzten Ansichten, damit sie sich schön unter den interessierten und manipulierenden Augen einer Moderatorin wie Hähne bekämpfen.
Wozu ist das gut? In der Schule haben wir die Grundzüge der Dialektik gelernt, die Kunst, ein klärendes Gespräch zu führen. Der eine vertritt seine Ansicht, die er These nennt, der andere vertritt vielleicht sogar das ganze Gegenteil, die Antithese. Beide, These und Antithese, sind irgendwie wahr und beide irgendwie falsch, das wird den beiden im Verlaufe des Gespräches klar, und so finden sie unter Mühen schließlich etwas auf einer höheren Ebene, was sie Synthese nennen. Nicht einen Kompromiss – das wäre etwas, was falsch ist, aber für beide akzeptabel klingt. Nein, etwas Höheres, was dann beiden (!) als wahr gelten kann.

Gladiatorenkämpfe aber führen zu keiner Synthese, sie ist gar nicht beabsichtigt. Da sollen sich die polar ausgesuchten Kontrahenten argumentativ zerfleischen und gegeneinander dauernd ins Wort fallen, besonders wenn der jeweils andere vielleicht Wertvolles zu sagen hat. Das muss durch Zwischenreden verhindert werden! Krach soll es geben! Gaudi ja auch, wir sollen uns an Blamagen und strammen Sprüchen laben und die Quote heben – was denn sonst?
Viele Politiker sieht man nicht mehr in den Talkshows, weil sie ja Gefahr laufen, Verletzungen davon zu tragen, weil es nur um das Verletzen geht. Einige Veteranen sind inzwischen unverwundbar geworden, wie Norbert Blüm und Heiner Geißler, denen man sogar eine eigene Meinung erlaubt, weil sie goldig authentisch ist, also ziemlich extrem. Der Trigema-CEO ist aus naheliegenden Gründen unverwundbar, Gregor Gysi auch, und Ursula von der Leyen kann alles durch Einflechten von „zu Hause“ entschärfen. „Hat nicht die CDU im Jahr 19xy versagt?“ – „Ach, ich erinnere mich, da ging ich mit dem zten Kind schwanger!“ In Filmen gibt es ab und zu die Szene eines Geistlichen, der eine nicht arg bekleidete Schönheit ansehen muss. Da betet er schwer atmend das Vaterunser. Genauso kommen mir die Politiker vor, die man ab und an im Ringen um den Sieg vor harte Fragen stellt. Dann beten sie ihr Parteiprogramm runter… Unter Stress muss man sofort offiziell werden – das ist in einem anderen Kontext, bei Tieren, so etwas wie totstellen.

„Na und?“, könnten Sie sagen, „Es sind eben die Medien mit den Quoten!“ Das weiß ich ja, aber wenn es nun gar keine Synthesen mehr im Fernsehen gibt? Wenn die Welt bei jedem Fitzelchen in These und Antithese unversöhnlich gespalten bleibt? Kann uns eine Welt gefallen, in der nichts mehr wahr und nichts mehr falsch ist? In der wir uns in nichts einig sind und auch nicht sein wollen? In der wir über alles herfallen, anstatt etwas einmal auch stehen zu lassen und zu respektieren? Haben wir noch Werte, über die nicht mehr in TV-Talks hergefallen wird? Christlichkeit? Solidarität? Gemeinschaft? „Ja, ja, aber das Leben sieht anders aus, es ist keine Sozialstation, es ist ein Kampf um das Überleben, damit die Überlebenden die Evolution und den Fortschritt vorantreiben…“

Die Mächtigen haben seit eh und je dadurch geherrscht, dass sie die Wahrheiten besser kannten und unter sich behielten. Das tumbe Volk, das nicht mit Wahrheit verrückt gemacht werden darf, bekam Brot und Spiele. Heute gibt es kein Brot mehr, nur noch die Spiele. Wir sehen Leuten zu, wie sie mit den möglichen Wahrheiten, Werten und Überzeugungen ihr Spiel treiben. Und wenn unsere Ansicht gerade nicht gewinnt (im Falle, dass wir eine haben)? Zapp-zapp.



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Genehm(igt)es Reden im Parlament, Piraten & Trolle

23. April 2012, 19:08

Die beiden großen Fraktionen, dazu auch eine, die es bald nicht mehr gibt, beantragen, dass Redner im Bundestag nur noch nach ihrer vorherigen Genehmigung auftreten dürfen. Wie geht das? Redner müssen wohl die Redemanuskripte schriftlich einreichen, korrigieren und auf einen in der Regel konform-langweiligen Inhalt verkürzen, damit nur die Reden ihrer Anführer in den Fernsehnachrichten vorkommen können. Stellen Sie sich das Desaster vor, ein Wasserträger rafft sich zu einem reißerischen Spruch oder gar zu einem schlagenden Argument auf, der dann die ganze Airtime im TV verbrät! Wozu haben sich dann die Anführer ihre Reden schreiben lassen?

Darf man im Bundestag einfach so reden, nur weil man von seinem Wahlkreis als Vertreter bestimmt wurde? Ist die Rede frei? Das Wort „frei“ wird in diesem Zusammenhang in zwei Kontexten benutzt. §13(1) der Geschäftsordnung des Bundestages legt fest: „Jedes Mitglied des Bundestages folgt bei Reden, Handlungen, Abstimmungen und Wahlen seiner Überzeugung und seinem Gewissen.“ Der Abgeordnete soll also (soll, nicht darf!) nach seiner eigenen Überzeugung reden. Und §33 lautet: „Die Redner sprechen grundsätzlich in freiem Vortrag. Sie können hierbei Aufzeichnungen benutzen.“ Ich würde das naiv so lesen: Die Redner dürfen nicht ablesen, sondern sie müssen eine freie Rede halten, zu der sie sich vorbereitete Stichpunkte auf länglichen Zetteln mitbringen dürfen.
Jetzt wird beides irgendwie umgedreht. Die Rede wird schriftlich zur Genehmigung eingereicht, und sie muss exakt vorgelesen werden. Freiheit + Freiheit ade.

Die Piraten machen das anders! Da darf jeder, aber absolut jeder seine freie Meinung äußern. Das begeistert, das zieht uns sympathisch an. Da wird getweetet, gepostet, commentet und gevotet. Jeder soll mitmachen, nicht nur der Abgeordnete, auch alle Mitglieder und sonstigen Menschen! Die Piraten beginnen ein großartiges Experiment als Gegenentwurf zum Machtdiktat gewisser Parteien.

Jetzt branden die Wogen hoch. Alles frei oder alles unter Kontrolle? Wieder wird polar alles in Gutes und Böses geschieden. Dabei geht es darum, – nur darum – eine verantwortungsvolle Debattenkultur zu pflegen. Die können Bla-Bla-Redner ruinieren, und es wäre gut, sie würden schweigen. Die Debatten werden oft von Schwätzern, Blendern und Aufmerksamkeitshäschern missbraucht oder einfach nur kaputtgeredet. Zitat von Cipolla: „Dummheit ist, wenn man anderen schadet, ohne sich selbst zu nützen.“ Unter diesem Gesichtspunkt sollte man einmal die Reden neu anhören…
Es geht einfach darum, wie eine gute Kultur geschaffen und erhalten werden kann. Das werden die Piraten auch bald spüren! Solange der echte Kern sich noch kennt, solange sie noch wenige sind, die sich gegenseitig zu Verantwortung und Konstruktivität mahnen können, kann man alles im Internet transparent und geduldig abwickeln, aber dann? Was dann, wenn wirklich alle mitmachen? Dann kommen die Trolle, Abweichler und Zerstörer, die Extremen und Langweiler – vor allem solche, die immer neu in eine schon fortgeschrittene Debatte eintreten und wieder alle Argumente von vorne beginnen. Wenn zu viele unorganisiert reden und kommen und gehen, kann man keine tieferen Argumente mehr debattieren. Unorganisation hält Diskussionen zwangsläufig an der Oberfläche. Das merkt man schon vereinzelt bei den Piraten, die mit ihren Urheberrechtspositionen à la „alles ist frei im Netz“ von anderen vollkommen undifferenziert wahrgenommen werden, nur weil es Einzelne bei ihnen gibt, die das so undifferenziert verbreiten… Wenige Trolle genügen, alles wieder auf Stammtischniveau zu vereinfachen. Auch die Piraten werden dieses Problem irgendwie lösen müssen.

Das Ziel muss doch immer die fruchtbare Debatte sein! Bei den schon lange etablierten Parteien scheint es immer weniger um Fruchtbarkeit und Regierungsverantwortung zu gehen, sondern um kontrollierte Machtstrategien. Die alten Parteien hatten vor Jahrzehnten sichere Positionen, aus denen heraus sie in gewisser Ruhe auch vernünftig regieren und debattieren konnten. Jetzt agieren sie im Stress-Survival-Modus und kommen womöglich auf die Idee, dass die Redenschreiberhundertschaft des Parteivorsitzenden gleich für alle seine Abgeordneten massenweise Reden verfasst, die zu Vorlesen an die Abgeordneten nach Gutsherrenart zugeteilt oder vielleicht sogar ganz gerecht verlost werden.
Auf der anderen Seite denken die Piraten noch zu naiv, dass alles besser wird, wenn ganz viel diskutiert wird. Ich weiß ja nicht, irgendwann kommt „viele Köche verderben den Brei“ zum Vorschein.

Es geht doch nur um halbwegs verantwortungsvolle Leitung der Debatte, damit sie fruchtbar bleibt und zu Ergebnissen und Konsensbildungen auf möglichst hohem Niveau führt. Die geplanten Redegenehmigungsprozeduren zielen darauf überhaupt nicht! Schäme sich, wer die will! Aber diese Prozeduren werden ihr eigentliches Ziel voll erreichen, nämlich das Betreiben von Machtpolitik. Die Piraten zielen auf das eigentliche Ziel der fruchtbaren Debatte, aber mit zu extremen Konzepten. Die einen haben ein schlimmes Ziel und erreichen es, die anderen ein gutes Ziel und erreichen es so bald nicht…

Unser Bundestagspräsident Lammert ist so einer der verantwortungsvollen Menschen, die es ja in jeder Partei noch gibt. Man könnte ihm alles weiterhin anvertrauen… Reicht das aber, wenn sonst Verantwortungslose die Macht ausüben? Reicht es, wenn ein paar Menschen die ganze Kultur hochhalten müssen, wie ein einziger Atlas-Titan den Himmel? Ich hoffe, die Piraten finden dann doch ein gesundes Konzept… das brauchen wir ganz nötig, wir alle, deren Politikverdrossenheit bestürzende Ausmaße angenommen hat.

Altparteien: Zurück zum Sinn des Ganzen! Piraten: Vorwärts zum Sinn des Ganzen!


Zur Abschreckung lesen Sie am besten jetzt noch den Artikel „Filibuster“ in der Wikipedia. Ich zitiere einen Abschnitt daraus, damit Sie es echt auch tun:

Die längste Einzelrede mit einer Gesamtlänge von 24 Stunden und 18 Minuten hielt Senator Strom Thurmond aus South Carolina am 28. August 1957, um den Civil Rights Act von 1964 zu verhindern, der Afroamerikanern die Wahrnehmung des Wahlrechts erleichtern sollte. Nach Ausführungen zur Sache zitierte er unter anderem die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, die Bill of Rights und die Wahlgesetze sämtlicher Bundesstaaten. Auch über Kuchenrezepte seiner Großmutter referierte er im Rahmen dieser Rede. Thurmond hatte seinen Filibuster angekündigt und vorbereitet. So war er zuvor in einer Sauna gewesen, um während der Rede nicht auf die Toilette zu müssen. Falls dies doch eintreten würde, stand im Nebenraum ein Mitarbeiter mit einem Eimer bereit, so dass der Senator seine Notdurft hätte verrichten können, während er immer noch mit einem Bein im Senat anwesend war. Auch die Senatskollegen hatten sich auf die lange Rede eingestellt und Decken mitgebracht. Am Ende seiner Rede wurde seine Sprache undeutlich und monoton. Die New York Times schrieb darüber, dass die zitierten Gesetzespassagen „genauso gut aus dem Telefonbuch“ hätten sein können. Insgesamt dauerten die Beratungen für das Gesetz 57 Tage, in denen der Senat keine anderen Beschlüsse fassen konnte. Thurmonds Einsatz war letzten Endes vergebens, da schon kurz nach seiner Rede das Gesetz verabschiedet wurde, aber seine Anhänger bejubelten ihn dafür.

 



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Der Mensch als Googlekopfmaschine oder Smartbrain

01. April 2012, 22:55

Heute ist ja der erste April, da ist alles nicht so ernst gemeint. Ich habe gerade beim Googeln gelesen, dass es bald Festplatten im Gehirn geben soll, sodass die Menschen gleich mit dem gesamten Wissen der Menschheit vorinstalliert werden können. Das kann ja heiter werden! Wenn ich mir das vorstelle…

Es muss ein Aprilscherz sein, weil man doch heute privat gar keine Festplatten mehr braucht! Die sind alle im Netz oder in der „Cloud“. Wenn schon Zugang zum Wissen der Menschheit, dann würde ich gleich das ganze Internet im Kopf zuschalten. Das Web könnte sich nach und nach in mich einfühlen und auch alle anderen Inhalte im Netz speichern, die ich im Laufe der Zeit selber aus meinem Leben heraus bilde. Dann ist im Wesentlichen das ganze Gehirn bei Facebook. Nur noch der Körper ist lokal. Das ist die konsequente Weiterentwicklung der Gedanken Platons zum „Leib-Seele-Problem“, zu dem ich in der Wikipedia finde:
Der Kern der Philosophie des Geistes ist das Leib-Seele-Problem, das manchmal auch „Körper-Geist-Problem“ genannt wird. Es entsteht durch die Frage, wie sich die mentalen Zustände (o-der der Geist, das Bewusstsein, das Psychische, die Seele) zu den physischen Zuständen (oder dem Körper, dem Gehirn, dem Materiellen, dem Leib) verhalten. Handelt es sich hier um zwei verschiedene Substanzen? Oder sind das Mentale und das Physische letztlich eins? Dies sind die zentralen Fragen der Philosophie des Geistes. Jede Antwort wirft jedoch zahlreiche neue Fragen auf. Etwa: Sind wir in unserem Denken und Wollen frei? Könnten Computer auch einen Geist haben? Kann der Geist auch ohne den Körper existieren? Die Philosophie des Geistes ist daher mittlerweile ein enorm differenziertes Projekt.
Die Geisteswissenschaftler knobeln da noch überangestrengt („enorm differenziert“), trotzdem ist ihr Fortschritt über die Jahrhunderte minimal gewesen, ja, und die noch schwierigeren Fragen zum Computer sind in letzter Zeit glatt obendrauf dazugekommen. Jetzt müssen die überforderten Geisteswissenschaftler wohl die Philosophie ganz und gar aufgeben, weil neue Philosophie nun nicht mehr um Computer herumkommt, von denen Geisteswissenschaftler aber keine Ahnung haben (wollen). Wie üblich wird jetzt das Problem von der Naturwissenschaft konstruktiv gelöst. Der Googlekopfmensch oder die Googlekopfmaschine (das erinnert mich an eine Erfindung von IBM…) wird so konstruiert, dass der Geist (im Netz) und der Körper einfach technologisch getrennt werden. Die Frage, ob Computer einen Geist haben, ist damit ebenfalls positiv geklärt, und nebenbei auch, ob sie einen Körper haben können.

Im welchem Alter bauen wir denn die Netzwelten in den Menschen ein? Gleich dem Säugling? Das muss doch schrecklich sein, wenn er die ganze Entwicklungspsychologie schon im ferngelenkten Kopf hat, wenn er also schon weiß, dass er später arbeiten, Spinat essen und Jägerzäune imprägnieren muss. Oder bekommt der Säugling nur ein minimales Betriebssystem, das alle paar Tage upgegraded wird? Dazu muss aber die Telekom endlich doch einmal volles Internet in Waldhilsbach anbieten. Waldhilsbach wird dieses Jahre 700 Jahre alt, so lange warten wir schon. Wer bestimmt denn, was im Kindhirn wann zugelassen wird? Reich-Ranicki? Kostet das etwas? Sollen wir den Piraten und Christian Wulff nachgeben, die immer alles umsonst haben wollen?
Dürfen Menschen ein eigenes privates Wissen bilden, oder muss es gleich vom Internet als Allgemeingut abgesaugt werden? Die Prinzipien des Knowledge-Managements propagieren ja das altruistische Sharing allen Wissens. Dürfen private Anbieter proprietäre Gehirne mit Werbung anbieten und sich gegenseitig innovativ Konkurrenz machen, damit sich der Mensch in toto schneller weiterentwickelt? Werden die Kirchen auf Sondergoogleköpfen bestehen, die dafür lebenslang Kirchensteuer zahlen müssen? Wird es gegen Aufpreis Design-Religionen geben oder blaublütige Kunstköpfe mit elitärer Gesinnung? Lassen wir uns von Parteien und Arbeitgebern überreden, Hirn-Addons zu benutzen? Was passiert am Flughafen beim Einwandern in die USA? Wie oft muss ein Gehirn gewaschen werden? Muss es weiß sein (ein Persil-Scherz)? Bekommt man eine Garantie? Kann man es umtauschen?

Persönlichkeitsentwicklung kann als Fernwartung betrieben werden. Traurige Erlebnisse werden gelöscht, Versagensängste in Erfolgsstolz verdreht – alles eine Frage des Geldes. Wer sich private Hirnfernwartung leisten kann, wird sich glücklich programmieren lassen. Im Fußballstadion kann man das Hirn im Fußballstadium betreiben, bei langweiliger Arbeit dimmen, es lässt sich beim Fernsehen mit dem dort angebotenen Niveau synchronisieren. Ich schaue das tausendste Mal hochgespannt „Die Zeugin der Anklage“, weil sich das Hirn nicht mehr an den Schluss erinnert, bei Liebesfilmen vergesse ich identifizierend, wie ich selbst wirklich bin, und ich schluchze. Bei den neuen Möglichkeiten der Fern-Demokratie noch mehr.
Solange das Internet nicht ausfällt, ist mein Kopf unsterblich. Er kann ja in immer neue Körper rein. Vielleicht sogar in Spatzen, die ja das sprichwörtlich kleinste Spatzenhirn haben – ein Netzchip aber geht immer! Meine Kinder müssen dann keine Erbschaftssteuer zahlen – ach, habe ich überhaupt Kinder? Sind die mir ähnlich? Wie geht es technisch, dass sie dasselbe denken wie meine Frau und ich gleichzeitig, was ich ja selbst nicht schaffe? Welche Smartbrains empfiehlt meine hirnintegrierte Werbung, die auf mein Konto sehen kann und weiß, was meine Frau wünscht?

Der größte Luxus der Reichen wird wohl darin bestehen, dann doch wieder Geisteswissenschaftler anzuheuern, die mit den neuen technologischen Mittel eine neue Synthese von Geist, Seele und Leib herzustellen versuchen, weil das einen enormen Lustvorteil bringen könnte. Können das die Geisteswissenschaftler? Bisher sind sie dafür zuständig, die bisher erkannten allereinfachsten 5 Prozent des Weltgeistes enthüllt zu haben, aber: Werden sie einen 100 Prozent lustvoll-integrierten Prototypen erzeugen können? Können sie überhaupt von einer 100 Prozent „kritischen Denk- und Arbeitsweise“ auf 100 Prozent Arbeit umschalten müssen? Von „Kritik der reinen Vernunft“ auf „Konstrukt der praktischen Vernunft“? Oh, das wird seeehr teuer werden und wird den Nachteil der Sterblichkeit haben. Netzköpfe können ja in neue Körper geklont werden, aber voll im Körper integrierte Programme müssen wohl im Doppelpack vergehen. Das wäre das größte Gut – einer solchen Welt auch einmal Tschüss sagen zu können. Mit Leib und Seele den Geist aufgeben!



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Der Oberschicht-Code

21. März 2012, 09:31

Die Chancen eines Kindes hängen sehr stark vom Elternhaus ab. Das zeigen alle Statistiken, die danach fragen. Oberschichtkinder schaffen fast alle das Abitur und sehr viele von ihnen studieren. Selbst wenn man vergleicht, wie sich junge Leute nach einem mit gleicher Note bestandenem Studium entwickeln, schneiden Oberschichtkinder viel besser ab. Pfui, schimpfen alle! Gebt den anderen eine Chance! Dazu müsste man aber doch einmal nachdenken, was jeweils richtig oder falsch läuft, oder?

Die Oberschichtkinder haben angeblich ach so irrwitzig viele Verbindungen, sie sind in gegenseitig unterstützenden Zirkeln organisiert, sie kennen Einflussreiche, benehmen sich gewandter, können schön daher reden. Die Eltern vermitteln ihnen gute Arbeitsstellen und kungeln für ihre Kids. Es muss bestimmt einen Oberschicht-Code geben, so könnte man meinen. Dieser Code gibt Zugang, der den anderen verwehrt wird. In meiner Jugend gab es wilde Gerüchte, wonach Personalmanager bei Einstellungen achten würden. Man dürfe keinen Bart tragen (zeigt linke Gesinnung, wenigstens Nonkonformismus) und man werde gefragt, welchen Wein man gerne trinke: „Lieber St. Julien oder St. Estèphe? Wie beurteilen Sie die Unterschiede?“ An solchen kleinen Zeichen wittere man, ob wir für eine Einstellung geeignet wären. Und dann geistert natürlich auch noch eine These aus der Soziolinguistik herum, die schon fünfzig Jahre auf dem Buckel hat, nämlich die Bernsteinhypothese. Sie lautet (aus Wikipedia):

„Die Angehörigen der sozialen Mittel- und Oberschicht einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft verwenden eine Variante der gemeinsamen Einheitssprache, die sich sehr von der Variante der sozialen Unterschicht (Arbeiterklasse) unterscheidet. Die Mittel- und Oberschicht bedienen sich eines elaborierten (formal language), die Unterschicht eines restringierten Codes (public language). Da beide Codes als unterschiedlich leistungsfähig angesehen werden, wird auch ein Unterschied beider Gesellschaftsschichten hinsichtlich ihrer Wahrnehmung und ihres Denkens unterstellt.“

Da wird doch alles klar? Die Oberschichtkinder bekommen bestimmt eine andere Geheimsprache eingetrichtert, mit der man besser denken und arbeiten kann – und die bei der Einstellung ausschlaggebendes Kriterium ist!

Huh, da schüttele ich mich! Ich fürchte, keiner von denen, die da forschen oder so etwas wissen, hat je Einstellungsgespräche geführt oder Bewerbungsakten gelesen (in denen der Beruf des Vaters ja nicht wirklich vorkommt). Bei Einstellungen schaut man hauptsächlich, ob der Bewerber den Eindruck vermittelt, dass er seinen Job eigenverantwortlich locker hinbekommt, ohne dass man als Chef dauernd eingreifen und helfen muss. Und die neuen Mitarbeiter sollen bitte nicht herumzicken und Probleme bei der Arbeit und im Team vernünftig selbst regeln, am besten so, dass gar keine Probleme entstehen oder gar auftreten. Die Arbeit soll einfach wie von selbst laufen! Ja, liebe Leute, wonach stellen Sie denn ein?

Können wir auf dieser Basis einmal nachdenken, warum Oberschichtkinder bevorzugt werden? Der Schlüssel muss doch mehr im Bereich „Teamarbeit, Eigenverantwortlichkeit, Herumzicken, im Ganzen denken und arbeiten, zum Gelingen beitragen“ liegen – oder? Wer in solchen Rubriken im Elternhaus die richtige Haltung beigebracht bekommt, wird bevorzugt – und irgendwo zu Recht, weil diese Arbeitshaltungen zu wesentlich besseren Arbeitsergebnissen führen. Wer aber im Elternhaus nicht diese positive Grundhaltung des Beitragens und Gelingens mitbekam, hat schlechte Karten – zu Recht irgendwie. Das Problem ist doch, wie wir es schaffen, allen Kindern bis zum Schulabschluss diese professionelle Grundhaltung als Prägung mitzugeben. Nichts wäre den Einstellenden lieber, als wenn alle jungen Leute konzentriert am Gelingen interessiert wären, sich selbst verantwortlich kümmern und mit allen Mitmenschen auskommen.

Die positive Einstellung und Haltung zum Leben haben sicher alle „da oben“ und sie fehlt eher „da unten“. Also ist DORT die Baustelle. Das Problem liegt nicht in einem mysteriösen Geheimcode, schon gar nicht in der Kenntnis bester Bordeaux-Lagen.
Nein, es geht einfach um gutes Arbeiten in Berufen der Zukunft. Wer kann an dieser Baustelle arbeiten? Man kann diejenigen Eltern aktivieren und wachrütteln, die sich bisher nicht so stark um ihre Kinder gekümmert haben. Die sagen leider oft: „Dafür ist die Schule da.“ Und dann fühlen sie sich nicht verantwortlich. Die Schule kann im Prinzip zu einer vernünftigen Arbeitseinstellung erziehen, sie sieht aber generell die Eltern in der Pflicht. „Wir erwarten Lernbereitschaft, Neugier, Interesse und Fleiß von unseren Schülern. Diese Grundvoraussetzungen müssen fertig mitgebracht werden.“ Die benachteiligten Schüler aber kommen oft ohne einen Sinn für „Neugier, Interesse und brennendem Lernwunsch“ in den Klassenraum. Genauso werden sie später genau diese Haltungen auch nicht zum ersten Arbeitgeber mitbringen. DAS ist das Problem.

Unser ganzes Verständnis von Erziehung, Persönlichkeitsentwicklung, Mitarbeiterentwicklung, Führung und Ausbildung muss die positive eigenverantwortliche Grundhaltung stärker ins Zentrum rücken. Die neuen Berufe des Wissenszeitalters brauchen nicht mehr vorrangig Arbeitsdrohnen, die im Fließbandtakt funktionieren. Sie brauchen den voll erblühten Menschen. Unsere Schulen aber produzieren tendenziell Funktionsmenschen, die vorgeschriebene und eher dienende Rollen ausfüllen. Das kommt besonders gut in den Kopfnoten der Zeugnisse zum Ausdruck. Die werden immer wieder einmal verändert, aber der Geist der Schule hat immer noch diese Rubriken im Sinn:


•    Betragen
•    Fleiß
•    Mitarbeit
•    Ordnung
•    Zuverlässigkeit/Sorgfalt
•    Sozialverhalten

Diese Wörter sind nicht mehr der richtige „Code“ für die neue Arbeitswelt. Sie sind nicht (mehr) die Zauberwörter für den Menschen, der die besten Chancen hat. Wie wären folgende Kopfnoten in der Schule?

•    Kreativität, Originalität, Sinn für Humor
•    Konstruktiver, freudiger Wille
•    Initiative, die auf andere ausstrahlt
•    Gemeinschaftssinn, der auch andere aktiviert
•    Gewinnendes Erscheinungsbild und Offenheit
•    Ausgewogenes Selbstbewusstsein
•    Vorfreude auf eine gute eigene Zukunft
•    Auch andere inspirierende Neugier
•    Positive Haltung zur Vielfalt des Lebens 
•    Liebende Grundhaltung zu Menschen

Wenn es einen „Code“ gibt, dann könnte es solch einer sein. Und dann sollten wir unser Verständnis von „guten Kindern“ neu ausrichten und nicht immer über Chancenungleichheit jammern nichts tun und paranoide Zugangsbeschränkungstheorien verschwörerisch diskutieren.
Lassen Sie uns Zeichen setzen! Ändern wir die Kopfnoten, die das neue Menschenverständnis ausdrücken! Ich meine wirklich ändern, nicht feige weglassen.



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Das Unpro-Prinzip oder wie wir alle unfähig oder überbezahlt werden

07. März 2012, 09:18

Es gibt so wunderbar satirische Bücher wie das Peter-Prinzip und das Dilbert-Prinzip. Das Petersche sagt, dass Menschen so lange befördert werden, bis sie zum ersten Mal nicht mehr fähig sind, den neuen Job zu stemmen. Nach Dilbert versucht man, die Unfähigen dadurch zu entsorgen, dass man sie befördert, am besten ins Management, damit sie ja nicht arbeiten und somit Schaden anrichten! Da muss ich nachlegen: Ich behaupte, dass wir alle bald unfähig oder überbezahlt sein werden, wenn wir einfach nur tüchtig arbeiten.

Viele junge Leute, das habe ich auf Nachfrage bemerkt, kennen das Peter-Prinzip nicht! Es wurde erstmals 1969 im Buch The Peter Principle  Laurence J. Peter und Raymond Hull fornuliert. Original: „In a hierarchy every employee tends to rise to his level of incompetence.“ Oder auf Deutsch: „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ Die Logik ist bestechend einfach. Wenn jemand in seinem Beruf gut arbeitet, wird er befördert. Wenn sie weiterhin gut arbeitet, wird sie wieder befördert. Wenn er nochmals gut arbeitet, wird er neuerlich befördert. So geht das weiter. Irgendwann aber kommt der Tag, wo sie oder er mit dem jetzt schon ziemlich verantwortungsvollen Job überfordert ist. Dann wird sie/er nicht mehr befördert, weil sie/er unfähig ist. Deshalb steigt die Anzahl der Unfähigen mindestens nach oben hin immer stärker an. In den hohen Positionen sind fast nur noch Unfähige, unten warten noch einige Fähige darauf, endlich in einen höheren Job befördert zu werden, den sie nicht ausfüllen können.

Darüber haben wir damals alle gelacht, als das Buch ein viel zitierter Bestseller war. Wir waren überrascht, wie gut diese witzige Theorie die Lebenswirklichkeit trifft. Warum eigentlich? Die Antwort: Es gibt viele Beförderungen, die in eine Stelle führen, in der andere persönliche bzw. charakterliche Fähigkeiten verlangt werden, die nicht mehr bei der Arbeit erworben werden oder sogar nicht mehr gut erworben werden können. Zum Beispiel könnte man (das kommt gaaanz oft wirklich vor!) den besten Lehrer in der Schule zum Direktor der Schule befördern. Dann betritt er beruflich ein neues Gebiet, was ihm meist nicht klar ist. Ein Lehrer muss die vielen hyperaktiven, unzuverlässigen und störenden Kinder für Bildung interessieren und charakterlich auf den Pfad der Tugend bringen. Dazu hat er eine gewisse Autorität, die ihm die Kinder und Eltern meist noch zugestehen. Wird er aber Direktor, so muss er sich mit einem „Lehrerkollektiv“ auseinandersetzen, also mit Leuten, die von Amts wegen oder in ihrer Selbstvorstellung immer Recht haben… Ich will jetzt nicht drastisch werden – Sie verstehen, dass man leicht mit Lehrern überfordert sein kann, wenn man bisher nur mit Kindern üben durfte? Sie verstehen auch, dass es nur EINEN Direktor gibt und sehr viele Lehrer unter ihm auf die Chance lauern, die Stufe ihrer Unfähigkeit zu erklimmen? Die sind dauersauer und eben nicht teamglücklich.
Dieses Phänomen sehen wir sehr oft in der Politik. Da sind wundervolle Politiker, die sofort kläglich versagen, wenn sie Minister werden. Manche schaffen es nach 100 Tagen, in den größeren Schuh hineinzuwachsen, die meisten aber nicht. Es ist eher selten, dass sie im Amt wachsen, also die neu verlangten charakterlichen Führungsfähigkeiten ausreichend schnell erwerben. Wer zögert, wer also vor einer Beförderung zittert, weil er das Peter-Prinzip kennt, wird immer in Watte gepackt: „Ach, sei nicht feige, das schaffst du schon.“ Und schwupps, ist wieder ein wertvoller Mensch für die Menschheit erledigt. Es ist ja nicht so, dass unfähige Beförderte lediglich ein Ausfall sind – oh nein, schlimmer! Immer weiter hinauf schaden sie der Menschheit enorm! Wer unfähig ist, wird ja nervös und aggressiv und nutzt seine Macht, respektiert zu werden, obwohl man ihn in seiner Rolle nicht mehr respektieren kann…

So. Und jetzt das Unpro-Prinzip. Ich behaupte, dass wir alle mehr oder weniger unfähig oder überbezahlt enden und auf jeden Fall geprügelt werden. Das steht im Prinzip in meinem Buch Professionelle Intelligenz. Die Technisierung und Industrialisierung aller Arbeiten beschleunigt sich noch immer. Die einfachen Arbeiten erledigt ein Computer schon fast von selbst, zum Beispiel alle einfachen Reisebuchungen, Rechtsfragen, Diagnoseprobleme, Wissensfragen, Steuerlagen usw. Eine regionale Bank hier in der Gegend gab gerade bekannt, dass sie allen Geldkleinkram bis vielleicht 10.000 Euro einfach „auslagert“, also von Billigkräften woanders erledigen lässt, die dann alles mit guter Software und einem Flachbildschirm hinbekommen. Dann verbleibt in der Bank oder im Reisebüro nur noch der schwierige Teil für die Berater übrig. Die haben bisher zu großem Teil einfache Arbeiten erledigt  und zum kleineren Teil komplizierte Anfragen beantwortet. Jetzt sind aber nur noch schwierige Aufgaben für die nicht Ausgelagerten da!
Folglich erkennt man nun bei der Zweiteilung der Arbeit, wer eigentlich wirklich fähig ist, wer also den ganzen Tag ohne Hilfe anderer Kollegen  mit schwierigen Arbeiten fertig wird, die ja auch höhere charakterliche Fertigkeiten verlangen: Kundenansprache, emotionale Intelligenz, Verkaufstalent! Einfache Arbeiten lassen sich fast allein mit Fachkenntnissen schaffen, die man erlernen kann, aber bei Top-Kunden sollte man zusätzlich noch Sympathieträger usw. sein, oder? In einer normalen Teammischung gibt es praktisch kaum Mitarbeiter, die locker den ganzen Tag erfolgreich nur schwierige Arbeiten erledigen können. DAS ist das Problem! Auf der höheren Stufen der vollen Professionalität gibt es kaum genügend Professionelle.

Da behilft man sich so, dass die weniger guten Leute NUR  noch die einfachen Aufgaben bekommen. Dafür sind sie aber eigentlich überqualifiziert! Trotzdem, sie dürfen nur noch Einfaches machen. Deshalb sind sie überbezahlt! Und jetzt werden sie gequält, doch Lohnverzicht zu üben und Niedriglohnjobber mit Zeitvertrag zu werden.
Die besseren Leute dagegen müssen jetzt NUR noch schwierigen Arbeiten erledigen. Das können sie von der Persönlichkeit her meist nicht, sie sind überfordert, reagieren gereizt und nervös und versuchen, vom Kunden und vom Chef respektiert zu werden, obwohl es da Gegenargumente gäbe. Dadurch, dass sie nur noch schwierige Anfragen beantworten, sind sie OHNE JEDE Beförderung dem Peter-Prinzip zum Opfer gefallen und jetzt unfähig geworden.

Ich fasse zusammen: Die Aufteilung einer Arbeitsanfallserie in den einfachen Teil (der ausgelagert oder outgesourct wird) und in einen schwierigen Teil, der viel Kraft und Persönlichkeit erfordert, teilt die Menschen implizit in Überbezahlte und Überforderte.
Auf beide Teile wird nun eingedroschen. Die Überbezahlten sollen weniger verdienen, die Überforderten mehr leisten („Employability“).
Ja, und was bedeutet das für uns? Wir müssen eigentlich entscheiden, ob wir Boreout mit Geldmangel bevorzugen oder Burnout mit Karotten-Bonusversprechen vor der Eselsnase.
Das ist das Unpro-Prinzip. Unpro wie Unprofessional. Niemand hat eine Chance. Das ist die effizienteste Lösung der so genannten Arbeitsteilung, die den Menschen vom Tier unterscheidet.



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Ökonomie erzeugt planmäßig Tütensuppenniveau – das ist Ökopathie, oder?

23. Februar 2012, 13:31

Die Segnungen der Menschheit sind natürlich zu einem guten Teil der Wissenschaft und dem effizienten Umgang mit den Ressourcen zu verdanken. Das verstehe ich schon! Zuerst erfinden Genies wundervolles Einzelnes, ein Unikat. Das wird analysiert und massenproduziert. Aus jeder Kunst wird am Ende weiße Ware im Discount. Aber geht das nicht zu weit?

Aus Bildungsreisen werden Pauschaltrips, aus Villen Plattenbauten, aus Menschen „bricks in the wall“. Alles wird auf notwendige Invarianten hin untersucht, auf den Kern zurückgestutzt und standardisiert, genormt, vereinheitlicht und „commoditized“. Berufe erfüllen immer mehr nur die Eingabebedürfnisse der Computer, die uns sehr schnell anlernen können.
Wissenschaft und Management wirken offenbar zusammen, alles besonders Seiende zu… – wie soll ich sagen?

Es fängt mit Wundervollem an, so etwa mit Viktualienmarkttomaten, Olivenöl extra vergine, Knoblauch, Croûtons, Zwiebeln, Mozzarella – und der Chefkoch sagt: „Das Geheimnis liegt in der klaren Einfachheit.“
Dieser Satz wird sofort analysiert und ökonomisiert, und mit bestechender Einfachheit steht hinten auf einer Tütensuppentüte: „Beutelinhalt mit ausfaltbarem Einwegminischneebesen, den Sie der Tüte vorweg entnehmen, in 500 ml (1/2 l) kaltes Wasser einrühren. Unter Rühren zum Kochen bringen und bei geringer Wärmezufuhr 1 Min. kochen. Dabei gelegentlich umrühren. Ergibt 2 Teller oder 500 ml Suppe. Der ausströmende Geruch symbolisiert Mittelmeer (blau), Provence (rot) oder Kreta (oliv). Beachten Sie die Farbmarkierung auf der Tütenvorderseite.“

Ich glaube, vor lauter Industrialisierung haben wird das Erschaffen von Neuem zu sehr heruntergefahren. Hatten wir nicht einst viel mehr bekannte Dichter, Denker, Künstler und Schauspieler? Hatten wir nicht früher gute Politiker? Industriemagnaten und Unternehmer? Berühmte Maler? Komponisten? Erfinder? Diven? Komiker? Designer?
Heute wird aus jeder guten Idee gleich ein „Format“, eine Serie, eine Staffel, eine Schablone, ein Rezept – husch von Schuhbeck zum Nürnburger oder so. Das Höhere wird immer schneller plattgeklopft.

Na, im Grunde wissen Sie das. Man verwertet die Originale und verwurstet sie zu einem Standard. Alles Kulturgut der Menschheit wird daraufhin angeschaut, ob sich eine Massenserie daraus fertigen lässt. Aber das wirklich für mich Bedrückende ist, dass die wenigen Menschen, die noch das Originale und Authentische erschaffen können und wollen, so langsam immer stärker beim Erschaffen schon darauf achten, dass das Original kostengünstig und einfach zu einer Massenserie oder eine Tütensuppe werden kann. Ist es patentierbar? Formatierbar? Sind die Charaktere zeichentricktauglich? Sind die Geschmacksnuancen auch durch Pilzkulturen simulierbar? Erzielt der Neuwert Impact Points?

Was als Werteverwertung begann, mündete in Originalfakedesign. Man kreiert erst die Fakes und liefert sie gegen Aufpreis als personalisierte Goldversion. Auch die Genies, die eigentlich Originale erschaffen wollen, beginnen bald mit Plattform basierter Produktion, Multifunktionsmodularkunst und Multi-Channel-Strategie. Richtige originale Originale ergibt das nicht mehr. Ökonomie soll eigentlich mit Ressourcen und Anstrengungen effizient umgehen, aber sie erzieht oder zwingt uns, die Ressourcen effizient und anstrengungslos zu verbrauchen… das muss Ökopathie sein.



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Der Chef will immer Input und ist doch nie zufrieden!

06. Februar 2012, 15:25

Nerven Ihre Chefs auch immer so fürchterlich? Sie wollen Infos, Input und vor allem ganz genaue Zahlen, die es in der gewünschten Form fast nie gibt. Ein richtig hoher Chef macht mit seinen Inputsonderwünschen seine ganze Assi-Umgebung regelmäßig kopflos. „Daten! Sofort!“ Da wissen die Sekretäre und Assistentinnen, die Stabsleute, die Marketing- und Öffentlichkeitsarbeiter kaum anderen Rat, als das ganze Unternehmen so verrückt zu machen, wie sie es selbst gerade sind. Keine Zahlen zu haben ist vielleicht schlimmer als schlechte.

Kennen Sie dieses neurotische Zittern im Raum, wenn zwischen vielen Menschen ein einziger verzweifelt und in erkennbarer Eile seinen Schlüssel sucht, dabei immer lauter flucht und zetert? Er schaut oft nur zwei Drittel seiner Zeit tatsächlich nach dem Schlüssel, den Rest verbringt er mit wütend eindringlichen Blicken auf das gleichgültige Saupack um ihn herum! Das ist bösartig faul und bekommt den Hintern nicht hoch, um ihm beim Suchen zu helfen. Die im Raum Arbeitenden bekommen nach und nach die Krise, sie werden neurotisch angesteckt, sie können nicht mehr konzentriert denken. Erste von ihnen stehen auf und tun grimmig so, als würden sie suchen helfen – sie hoffen dabei nur inständig, dass der Schlüssel endlich auftauchen würde. Bald steht alles Kopf, man fragt immer drängender nach dem Sinn des Ganzen. Die Lage eskaliert. Bohrende Fragen nach möglichen Alternativen branden auf. „Gibt es andere Lösungen, als uns verrückt zu machen?“ Ein Witzbold wird für „Könnt ihr den Schlüssel nicht draußen suchen?“ mehrheitlich blickgetötet.
Und viel später, viele entsetzliche Minuten später: Da! Da! Da ist er! „Ach, ich bin so froh, es ist nämlich der Kellerschlüssel, ich brauche ihn nicht, aber es hätte mich das ganze Wochenende gequält, nicht zu wissen, wo er ist. Er war nur im Mantel verrutscht. Das ist noch nie passiert. Echt! Ich verliere ihn oft!“

So ein Schlüssel ist noch einfach, weil der Suchende mitten im Chaos dabei ist. Ein Chef aber ruft nur kurz aus Shanghai an, er brauche eilig Input. „Was genau?“, bebt der Assistent. „Zu eilig, seien Sie kreativ!“, da legt er auf. Alle fühlen sich, als ob eine zickige, launische, anspruchsvolle und sehr nachtragende Tänzerin in einem Roman von Balzac ohne näher erklärte Wünsche eine großartige Weihnachtsüberraschung erwartet, was ihre Anbeter in Traumata versenkt. Nun laufen sie los, alle diejenigen in der organisatorischen Nähe des Chefs, und üben das Spiel „Reise nach Jerusalem“. Alle hektisch von ihnen Angesprochenen fragen zurück: „Was genau sollen wir liefern?“ Das aber ist nicht bekannt, er muss nur eben einen wichtigen Vortrag vor einem Board halten, oder auch vor Mitarbeitern für eine kritische Situation. Er will Marktzahlen, Unternehmenszahlen, Jubelmeldungen, Lagedarstellungen.

Die Peripheriemitarbeiter lösen das Problem auf bewährt untaugliche Weise: Sie setzen ein Meeting an oder einen Call auf (Es gibt Versuche, bei denen ein Affe in der Nähe eines Tigers sitzen muss, nur durch ein grobes Gitter getrennt. Ihm passiert also nichts, aber er zittert ganz stark vor Angst. Wenn man ihm jedoch einen zweiten Affen hinzugesellt, trösten sich die beiden und haben sehr viel weniger Angst. Meetings werden so groß angesetzt, dass keiner Angst hat, so lange es dauert.). Im Meeting beratschlagen sie, wer welche Zahlen suchen muss, am besten haben sie überhaupt alle zusammen und konsolidieren den Input am Abend. Dann versuchen sie, etwas zu basteln, was so gut sein könnte, dass der Chef irgendwie zufrieden ist. Das geben sie ihm, er stöhnt oder haut es ihnen um die Ohren. Nichts passt ihm! Dabei haben sie alle Zahlen geerntet, die es gibt, alle Finessen erarbeitet. Der Chef hat keine Zeit, den „Mist“, wie er sagt, zu überarbeiten. Er ruft eine Beraterfirma an. Die verlangt eine Stunde Zeit und 3000 Euro. Sie schickt zwanzig Minuten später eine PowerPoint-Folie mit dem starken Satz „Wir werden aus der Krise gestärkt hervorgehen, weil sich der Beste durchsetzt und die anderen sterben.“ Der Chef freut sich, seine Nerven beruhigen sich. So hat er es sich vorgestellt! Triumphierend und verächtlich schaut er in die Runde. „Ich zahle für Euch sicher zusammen mehr als 3000 Euro, oder?“ Ein Controller wendet ein, dass es nicht so sicher sei, dass sie die Besten wären – der Chef solle einmal den von ihm geleisteten Input durchschauen. Der Chef rollt mit den Augen, er will ja nicht durchschaut werden, er will nun kurz böse werden, zuckt angesichts der allgemeinen gewohnten Dummheit um ihn herum die Achseln und geht auf die Bühne, um die Zuhörer zu begeistern.

Die hören wie immer, dass der Chef der Beste ist. Wie immer glauben sie es nicht, finden es aber vollkommen in Ordnung, zumindest wenn sie selbst Chefs sind – sie lieben dann ähnliche Folien. Die Umgebung des Chefs aber verzweifelt. Haben sie als Mitarbeiter einen Sinn, wenn alles verhöhnt wird, was sie liefern? Sie fühlen sich alle wie Trottel.

Hey, Leute, ich sehe so viele von Ihnen – ganz betrübt! Ich selbst bin übrigens auch oft betrübt. Meine Folien für MEINE Reden woll(t)en meine Chefs fast nie, weil ich PERSÖNLICH die Wahrheit und die Zukunft eines Unternehmens diskutieren würde, wenn ICH Chef wäre. Auf meinen Folien stehen fast nie „Zahlen“. Ich bin aber nicht der Chef! Und ich frage mich, ob ich als Chef dann nicht doch anders agieren würde. Mir hat ein Chef einmal gesagt – und das hat mir zu denken gegeben: „Dueck, Sie können bei Ihren Reden in Visionen schwelgen! Die finde auch ich wundervoll. Aber wenn ich Ihre Rede für mich selbst als eigene Rede übernähme, dann erwarten und verlangen die Mitarbeiter, dass ich mein Gesagtes umsetze. Das kann ich gar nicht, dazu müsste ich…“ Das habe ich verstanden und davon Abstand genommen, ihm Input zu geben, den ich selbst gerne für Reden gehabt hätte. Denn jeder Chef braucht Input, der zu ihm passt. Und dann muss ich doch den Input aus seiner von mir mitgefühlten Denkweise heraus erstellen?!
Was passt zu einem Chef? Manche Bosse wollen nur beeindrucken und brauchen Markiges. Andere wollen die Mitarbeiter ausschimpfen und brauchen schlechte Zahlen, um damit ins Publikum zu schießen. Wieder andere (das sind überraschend viele) haben beim Reden Angst vor einem lauten Murren der Zuhörer oder direkter Konfrontation mit einem Gewerkschaftler, sie wollen einfach etwas, was sie schmucklos über die Runden bringt – dazu sind alle Gemeinplätze herzlich eingeladen. Wieder andere kommen mit Marktzahlen aus dem Internet, die klingen so: „Der XY-Markt wird in hundert Jahren bei 772 Quadrillionen Euro angeschwollen sein (die Zahl plus minus 10 Prozent, je nachdem wie das Wetter in der nächsten Woche ist). Wir haben also beliebig gute Chancen, vielleicht zehn Prozent all dieser Quadrillionen abzugrasen, wir müssen nur raus, raus, raus! Der Markt ist da! Die Kunden war-ten! Geld regnet überall! Lassen Sie Ihr Unternehmen im Regen stehen!“ Noch andere reden angesichts bedrückend schlechter Zahlen lieber von neuen ethischen Werten, die als Abkürzung auf Tassen verteilt werden sollen. TOLL (Tatkraft Originalität Leistungs-Lust bedeutet es, aber die Rede ist Tugendhaft Old-fashioned Lebensfremd Langatmig). Technische Chefs lieben dagegen Vorstellungen von Großprojekten, die ganz kranke Abkürzungen haben, für die sich autistisch Angehauchte kindlich begeistern. „Unser Projekt TOLL CONNECT wird ein Milli-arden äh Grab-ber.“

Über diese Verschiedenheiten lässt sich natürlich leicht maßlos lästern! Tatsache ist: die Input-Zuträger denken insgesamt einfach zu wenig über die Persönlichkeit und die Notwendigkeiten des Chefs nach. Sie machen sich vielleicht sehr kundig darüber lustig! Und dann bringen sie ihm doch wieder Zahlen, mit denen sie selbst zufrieden sind und für die sie Lob erwarten. Im Grunde machen sich doch die Inputgeber lächerlich, wenn sie immer das Falsche bringen. Nicht einmal die Farben der Folien stimmen! Dabei hat doch der Chef eine Vorliebe für Krawatten, das sieht man doch, was er im Spiegel gut findet! Hey, wenn irgendwelche Berater für sehr viel Geld sofort und auf der Stelle Folien erstellen können, die dem Chef gefallen, dann muss das doch auch normalen Internen gelingen? Wozu sind die eingestellt?
Am besten ist es für den Chef und alle, er hat ein paar Leute um sich herum, die zu ihm passen. Die können dann wissen, welchen Input er braucht, und die dirigieren die Inputmeute. Dann sind die Reden immer in Ordnung! Problem gelöst! Hurra! Aber dann ist der Chef doch abgeschottet? Nie mehr auf dem Teppich? Da haben wir ein neues Problem.

Im Grunde brauchen nur gute Chefs PowerPoints, die zu ihnen passen. Alle anderen sollten fremdbestimmte benutzen, aber das tun sie nicht und bleiben so wie sie sind.



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Fehler machen, Fehler haben, Fehler sein – über Salami-Demontage und Politik

22. Januar 2012, 14:57

Es ist nicht schlimm, mal einen Fehler zu machen – das wissen wir alle, aber es stimmt irgendwie nicht. Es ist doch schlimm. Man darf Fehler begehen, aber nicht denselben zweimal, dann ist man dumm, sagen die Weisen. Man hat nämlich nicht aus einem Fehler gelernt. Ach – dumm! Das ist nicht der Punkt! Es gibt doch den feinen Unterschied, ob man Fehler macht oder Fehler hat, nicht wahr?

Darum geht es! Natürlich kann jeder Fehler machen. Der Fehlende wird darauf hingewiesen, er sieht es ein und handelt fortan richtig. So stellen wir uns das alle vor. Meistens aber begehen die Menschen immer dieselben Fehler. Ladendiebe klauen weiter, auch wenn sie erwischt wurden und bereuten. Temposünder bekommen den Führerschein zum wiederholten Male zurück und brettern los. Hilft es, Putzteufeln weniger häufiges Staubsaugen anzuraten? Schaffen Sie persönlich es denn, Ihrem Lebenspartner die Marotten auszutreiben? „Tür zu, Schuhe aus, Strom sparen, Rasen mähen, setz‘ dich doch mal hin, stress‘ nicht, wieder die Sahne beim Einkaufen vergessen, du Depp.“ Die Leute, die zu viel putzen, was vergessen, bestimmte Rechtschreibefehler begehen oder unfreundlich sind – die machen das immer! Sie bereuen den Fehler in jedem Einzelfall und machen weiter.

Dazu passt ein Zitat aus dem Aphorismenband von Marie von Ebner-Eschenbach: „Viele Leute glauben, wenn sie einen Fehler erst eingestanden haben, brauchen sie ihn nicht mehr abzulegen.“ Sehen Sie? Einmal geht es um einen isolierten Fehler, der in der Regel auch „freimütig“ eingestanden wird. Eine andere Qualität ist es, einen Fehler zu HABEN!
Wenn zum Beispiel ein Bundespräsident einen Fehler macht – wen kümmert’s? Er ist eine Lichtgestalt – und als solche wird er seinen Fehler natürlich nicht noch einmal machen, denn er ist nicht dumm und lernt aus seinen Fehlern. Ein Problem taucht auf, wenn jemand zwei ähnliche Fehler zum Beispiel der Unbescheidenheit oder der Verschleierung hart an der ethischen Grenze begeht. Zwei Fehler sind anders als einer! Wer zwei ähnliche Fehler macht, gerät in den Verdacht, einen Fehler zu HABEN. Und bei der Bundespräsidentendebatte geht es nur darum, ob unser Staatsoberhaupt einen Fehler HAT oder nicht. Wenn er einen Fehler HAT, müssen wir ihm in ganz anderer Qualität verzeihen als wenn er nur einen Fehler begangen hätte.
Da spürt der Präsident, dass man ihn verdächtigt, einen Fehler zu haben. Deshalb isoliert er die Fehler einzeln und entschuldigt sich für sie einzeln. Er beteuert in jedem Einzelfall, denselben Fehler nicht wieder zu begehen. Er muss vermeiden, dass ihm noch weitere Fehler unterlaufen, weil er dann Probleme bekommt, die Diskussion zu vermeiden, dass er einen Fehler hat. Das ist die Salami-Taktik – man muss Fehler isolieren! Es darf nie der Eindruck entstehen, dass es da ein Muster hinter verschiedenen Fehlern zu entdecken gibt. Bürger oder die Presse aber wollen wissen: hat er nun einen Fehler oder macht er nur welche? Sie graben dazu das Privatleben des Präsidenten ungebührlich gründlich um, um ein vermutetes Muster nachzuweisen oder eben keines sehen zu können. Sie wollen über den Verdacht entscheiden, ob der Präsident einen Fehler HAT.
Viele Menschen verstehen den Unterschied zwischen dem Fehlermachen und dem Fehlerhaben nicht so genau – da kann sich ein Politiker herauslavieren, wenn er sich genügend entschuldigt. Aber diejenigen, die finden, dass er einen Fehler hat, versuchen nun eine endlose Salamidemontage…es läuft ähnlich ab wie im Falle zu Guttenberg. Einmal nicht zitieren, also abschreiben? Kein Problem! Er entschuldigt sich, wir verzeihen, auch für das zweite und dritte Mal abschreiben. Lappalie! Aber bei der zwanzigsten bedenklichen Stelle ist ein klares Muster hinter allem sichtbar. Jetzt hat zu Guttenberg einen Fehler. Das haben wir alle eingesehen, darum musste er gehen. Er ist allerdings so beliebt – scheint es – dass wir ihn insgesamt auch mit einem Fehler als Minister akzeptieren würden. Viele sagen: „Er ist ein Mensch! Ein Mensch darf auch Fehler HABEN. Ich habe so einen geheiratet, ich weiß, wovon ich rede.“ Manchen Menschen verzeihen wir daher sogar, dass sie Fehler haben. Auch Präsidenten – ein Rundblick der letzten zehn Jahre in befreundete Länder genügt. Verzeihen wir nun unserem Präsidenten, dass er einen Fehler hat? Lieben wir ihn so sehr? Was schätzen wir an ihm so sehr? Eigentlich nur besonders, dass er keine Fehler hat. Wenn er aber welche hat, was schätzen wir dann?

Wenn wir jemandem nicht verzeihen, beginnt der Betreffende, ein Fehler zu SEIN! „Die Ehe mit dir war ein Fehler.“ Dann ist der Betreffende ein Fehler von UNS. Diesen unseren Fehler müssen wir dann einsehen, korrigieren und so viel daraus lernen, dass wir ihn nie wieder begehen. Wenn wir das nicht tun, haben WIR einen Fehler. Andernfalls SIND WIR(!) als Kollektiv im schlimmsten Falle ein Fehler aus der Sicht von außen. „Deutschland hat einen solchen Präsidenten“, sagen Fremde, so wie wir bis vor kurzem sagten: „Italien hat einen solchen Ministerpräsidenten.“ Darum geht es in den Diskussionen, in denen das Wort „beschädigen“ prominent vorkommt.


Nachtrag: Zu Beginn der Affäre habe ich bei Facebook und Google+ dies gepostet (am 14. Dezember 2011, als alles noch harmlos war, aber ich schon sehr unwillig wurde):

"Nicht gut, aber präsi!"

Die Mutter beschuldigt ihren Sohn, mit dem Nachbarsjungen heillos gesoffen zu haben. Der Sohn schwört Stein und Bein, dass "er nicht mit dem Nachbarsjungen gesoffen hat". Da ver-zeiht ihm die Mutter. Viel später erfährt sie, dass er mit der NachbarsTOCHTER unter ande-rem heillos gesoffen hat. Sie stellt ihn zur Rede. Er wiederholt seine Antwort, nicht mit dem Nachbarsjungen gesoffen zu haben. Die Mutter schäumt. Der Sohn lächelt bemüht: "Die Aus-rede ist nicht gut, aber präsi!" - "Was ist präsi, bitte?" - "Präsentabel." - "Und was bedeutet präsentabel?" - "Es ist kein Rückentritt erforderlich."


Nachtrag heute: doch.



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Über die typische Sinn-Blogger-Psyche oder über „INFP“

08. Januar 2012, 13:10

Was hat Sinn? Darum geht es in vielen Blogs. Was ist gerecht? Ethisch? Wertvoll? Alles wird unter die Lupe genommen, es wird gestritten und sinngehechelt. Mal sind alle empört und mal ist es allen aus der Seele gesprochen. Dieses Gefühl, „es ist mir aus der Seele gesprochen“ – dieses tiefwärmende Gefühl scheint das höchste und heiligste zu sein. Das sieht aus wie INFP, oder? Vor gut zehn Jahren schrieb ich mein erstes Buch „Wild Duck“ über die verschiedenen Arten menschlicher Psychen und deren täglichen Streit in Familie, Schule und Beruf. Daraus erwuchs dann ein Gesamtwerk aus fünf Bänden, die die artegerechte Haltung von Menschen thematisierten. Ich studierte die menschlichen Typen nach der Lehre C. G. Jungs, die später Eingang in psychologische Tests fanden (Keirsey, MBTI und viele andere). Statistiken der Testergebnisse vieler Menschen zeigten, dass viele Berufe nach psychischer Grundhaltung gewählt werden – das ist ja eigentlich klar, aber eine Statistik ist doch beruhigender, oder? Statistiken zeigen zum Beispiel, dass Leiter von Schulen in etwa zu zwei Dritteln „Ordnungshüter“ sind („jeder hat die Pflicht, wertvoll zu sein“) und einem Drittel „Menschheitsverbesserer“ („jeder Mensch ist wertvoll“).

Ich habe damals etliche Kolumnen über die Psyche der Techies verfasst und auf meiner Homepage gebeten, mir Testergebnisse zu schicken. Das haben so um das Jahr 2005 herum über 1000 Informatiker, Ingenieure etc. getan ... Seitdem tröpfeln nur noch alle paar Tage Antworten herein. Dann kam meine Rede auf der re:publica im April 2010. Die verlockte viele Tausend Besucher, sich meine Homepage anzusehen, und etwa 250 von ihnen schickten mir in der zweiten Aprilhälfte ihre Testergebnisse: INFP, INFP, INFP ... Ich staunte statistisch gesehen. Das Resultat ist an sich nicht erstaunlich, aber immer INFP? Konkret: Der Keirsey/MBTI-Test hat 16 verschiedene mögliche Ergebnisse! Und bei den Einsendungen nach der re:publica lauteten über 50 Prozent INFP. Dieser „Typ“ ist dabei ganz selten, man schätzt seine Häufigkeit um die drei Prozent, ich habe auch schon Schätzungen von einem Prozent gesehen. Er kommt bei Frauen deutlich häufiger vor als bei Männern.

Was bedeutet INFP? INFP = Introvertiert-Intuitiv-Feeling-„flexibel, schwach chaotisch, impulsfolgend, abwechslungsliebend“. Wollen Sie es genau wissen? Googeln sie einfach INFP oder machen Sie den Test gleich selbst! Hier ist eine ganz gute Beschreibung, finde ich (englisch, sorry, Sie finden im Netz auch viele deutsche Charakteristiken): TheMindBehind.Net

Die Beschreibung ist schön kurz und bündig, ich weiß nur nicht genau, was „original dressing style“ heißt – ich glaube, es ist so etwas wie Selbstgestricktes oder Kleinstboutiquisches in schwarz-grün-braun-lila gemeint, ganz bio und vegetarisch. INFPs sind in Menschenmengen eher unauffällig und kommen oft nicht zu Wort, da fressen sie gepressten Zorn über die Blasenpräsentierer in sich hinein, bis sie schließlich doch etwas dazu sagen MÜSSEN, was dann aber schon von fortgeschrittener Gesichtsröte durchzogen ist. Na klar, für andere meckern sie einfach ziemlich viel. Deshalb mögen INFPs lieber private Gespräche zwischen Ich und Du, wo das Zu-Wort-Kommen-Problem des Zaunkönigs unter den Vögeln nicht vorkommt und nur noch Sinnvolles mit dem anderen INFP besprochen werden kann. Und folglich, so sagt ja auch die Beschreibung, haben sie oft den Wunsch, sich wunderbar schriftlich auszudrücken.

INFPs sind die geborenen Blogger! Im Web ist Sinn satt!

So, und jetzt kommt ein Wassertsunami in den Wein: INFPs sind in der Bevölkerung selten, das sagte ich schon, und es steht auch neben der Beschreibung auf der empfohlenen Webseite. Und INFPs diskutieren den Sinn am liebsten unter sich.

Das muss nichts Schlimmes bedeuten, wenn das Bloggen so große Seelenfreude bereitet. Wenn aber ein INFP-Blogger WIRKUNG erzeugen will, muss er die Psyche der lauten sinnsorgloseren Anderen beeindrucken, so dass sie Follower werden und liken. Dann muss ein INFP in die feindliche Welt, dort aber gibt es viele auch feindlich-befremdliche Diskussionen, in denen fast keine Antwort wärmt oder „aus der Seele spricht“. Da wird der Zaunkönig traurig, dass der Adler ihn nicht hört und die Spatzen ihn laut verspotten. Da fliegt er wieder ins Unterholz, ins Web, wo die Blogger sind.

Die Blogger KENNEN den Sinn und die wertvolle Zukunft. Gleichzeitig fühlen sie sich unverstanden, nicht ernst genommen und wirkungslos in der Masse der Menschen. Diese Problematik ist eng verbunden mit der introvertierten Sinn-Psyche. Sie bringt Sinn hervor, preist ihn schriftlich oder künstlerisch oft erfolgreich an, verkauft ihn aber nicht an Kunden. Bloggen ist oft wie eine wertvolle Ausstellung von Wertvollem, das aber niemand im Wohnzimmer haben will. Dort aber gehört es hin. Hey, Blogger, geht mit Eurem Licht in Platons Höhle und zeigt es den im Dunkel Angeketteten. Macht aus Sinn eine Praxis! Predigt nicht nur Ethik, sondern bildet eine breite Kultur! Überschreitet den Rubikon zu den normalen Menschen!

Ich blogge ja auch ... Ich bin aber mehr Techie. Ich erfinde oft etwas, was keiner kauft. Ich stelle Visionen aus, die keiner im Wohnzimmer haben will. Ich habe mein Problem schon vor langer Zeit erkannt und mir Mühe gegeben ... Erfinder leiden unter Technology Enlightenment, nicht so sehr unter Sinnsehnsucht. Auch sie überschreiten nur selten den Rubikon zur Innovation (Innovation ist eine Erfindung, die wirklich gekauft wird). Das war schwer für mich, zur Tat zu schreiten, elend schwer, und ist immer noch schwer ... Ich habe noch immer die Worte eines Top-Managers über die Freiheit der Forschung im Ohr: „You know, there is a fine line between independence and irrelevance.“ Es hat etwas mit der Schullektüre von Raabes „Stopfkuchen“ zu tun: „Geh heraus aus deinem Kasten.“ Das haben die amerikanischen Managerschulen geschwind adaptiert, es heißt in Neudeutsch: „Leave your comfort zone.“ Dazu rufe ich hiermit auf. Lassen Sie uns bloggen, was nicht nur gehört wird, sondern „gekauft“. Hören wir auf, zu sehr Fundis zu sein – Realos braucht die Welt. Viele.



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Studie – Was Kinder lernen WOLLEN!

02. Januar 2012, 16:24

Nach PISA kommt jetzt PIAAC, eine Studie, bei der die Kompetenzen von Erwachsenen erfasst werden. Die Befragungen finden Anfang 2012 statt – und erste Ergebnisse gibt es Ende 2013 (!!). Dann kommt wieder heraus, dass einige nicht lesen und mitdenken können. Aber unser Bildungssystem ist sehr gut, nicht wahr? Außer, dass keinen interessiert, was da gelehrt wird, und es fast gewiss erscheint, dass das erworbene Wissen niemals angewendet werden kann. Ich fordere eine Studie, was Kinder denn lernen WOLLEN!

Immer wieder gibt es Studien, um den IST-Zustand zu verstehen, dann zu verharmlosen und schließlich weiter mit ihm zu leben. Woanders, so beruhigen uns die Studien, wird auch nur mit Wasser gekocht. Deutschland ist schwach durchschnittlich, aber eigentlich am besten. Im Grunde drücken nur unwillige Leute die PISA-Ergebnisse, die nicht lernen wollen, sich nicht integrieren, von ihrem Hintergrund her nicht gut erzogen wurden und so weiter. Deshalb wären die Zahlen viel besser, wenn wir nur die Besten messen würden, nicht alle. Damit aber diese Panne nicht wieder passiert, werden wir diese Schnittverderber ab jetzt gehörig schulen und schurigeln!

Zurzeit werden die ersten PISA-Befragten schon berufstätig. Was liegt näher, als sie nochmals zu befragen, ob sie als Erwachsene jetzt gute Kompetenzen haben? Welche Kompetenzen werden überhaupt verlangt? Welche wollen wir testen? Am besten testen wir nicht die, die Erwachsene haben SOLLTEN (Teamfähigkeit, Kreativität, Kommunikations- und Konfliktlösungsfähigkeiten, Verkaufen etc.), sondern die, die wir bei den Kindern gemessen haben, also Lesen, Rechnen, Problemchenlösen. Dann können wir alles schön statistisch vergleichen und stellen fest, dass Erwachsene nicht weiter gekommen sind, weil sie nur MIT ihren Mängeln gearbeitet haben anstatt AN ihnen.

Kinder, die ich kenne, WOLLEN doch lernen! Darauf reagieren wir kaum. „Das kannst du noch nicht.“ – „Das verstehst du noch nicht.“ – „Internet ist böse und hält dich vom Lernen ab.“ – „Bitte fass mein Handy nicht an, sonst raste ich aus. Das ist nichts für dich. Wenn du da etwas verstellst, kann ich es nicht mehr benutzen, so schwierig ist die neue Technik. Kind, ich weiß, wovon ich rede.“ Wieso bestehen die abgebrochenen Hauptschüler alle die theoretische Führerscheinprüfung? Wieso gibt es mehr Experten für Dinosaurier als für Kartoffelsorten oder Maler des Mittelalters? Warum interessieren sich Kinder für Planeten und Sterne und nicht für Baumblätter? Warum lesen sie so viel, bis sie zur Schule kommen und Iphigenie treffen? Die Kinder engagieren sich bei der Feuerwehr, beim Tischtennis, beim Rettungsschwimmen und im Harmonikaverein. Alles ist gut, wenn sie sich interessieren! Sie lernen dann zehn Mal so schnell!

Wenn das so ist, sollten wir sie einmal selbst fragen, WAS sie interessiert und WAS sie lernen WOLLEN! Das wissen wir auch so, aber ohne Studie ist es nicht offiziell evident und gilt nicht. Glauben Sie im Ernst, die Kinder würden nicht lesen und rechnen können wollen? Wahrscheinlich werden sie doch alles lernen wollen, was sie an Menschen in ihrem Umfeld bewundern, oder? „Das kann ich auch. Das kann ich schon!“ Kochen, Backen, Radfahren, Schwimmen, Malen, Singen, Fußballspielen, Mails schreiben, SMS schicken, Rechner bedienen. Dann könnten wir noch fragen, WIE sie es lernen WOLLEN, oder? Das Malen und Singen beginnen sie einfach und natürlich im Kindergarten, sie sträuben sich nicht! Man könnte aber das Malen mit dem Erlernen von Stilen und Techniken sowie dem Büffeln berühmter Malernamen beginnen! Wir könnten vor dem Singen erst das Notenlesen üben und vor das Schwimmen das Auswendiglernen der Stilarten und Sicherheitsvorschriften stellen! Wir lehren vor dem Simsen am besten die Telefonkunde, wie sie schon bis zum Jahr 1980 in Lehrbüchern beschrieben ist („Der Aufbau von Telefonhäuschen und ihre Benutzung durch Kinder, die erst mit Stelzen an den Hörer kommen“).

Kinder wollen erst Beispiele, dann Theorien. Lehrpläne predigen Theorie und merken, dass sie nicht verstanden werden (weil die Theorie zu trocken ist). Dann erklären Lehrer die Theorie der Lehrpläne mehrmals, was nicht weiterhilft – einfache Beispiele und Tun würden es ja bringen ... dafür ist aber keine Zeit, weil viele Schüler auch nach dem vierten Mal Theorie nichts verstanden haben. Als ich einmal in Göttingen Wirtschaft studierte, demonstrierten wir gegen den Schah von Persien und gegen Mikroökonomie II, die wir absolut nur lernen, aber nicht verstehen konnten. „Wo ist der Sinn?“, riefen wir, als schließlich zwei zögernde Assistenten herauskamen und uns beruhigen wollten: „Ihr Studenten, alle Studiengänge der Universität beginnen mit trockener Theorie, deren Sinn man erst im Hauptstudium versteht oder bei der Dissertation ganz bestimmt. Es braucht lange, die Grundlagen eines Fachs so sehr abstrakt vorzubereiten, dass man darauf aufbauend ganz redundanzfrei alle denkbaren Theorien beweisen kann. Da darf man am Anfang noch keine Fragen nach dem Sinn und einem ganzheitlichen Verstehen stellen. Der Sinn oder der Zusammenhang des Ganzen wird auch im Hauptstudium nie erklärt, aber er wird dann schon implizit klar, wenn man begabt genug ist, ihn von selbst zu erfassen. Das Wesen der Wissenschaft erschließt sich dem von selbst, der lange genug Bruchstücke davon in sich aufnimmt, Credit Point für Credit Point. So will es die Theorie.“ (Inzwischen hatten wir die Finanzkrise, die heute auch als eine der ökonomischen Wissenschaft begriffen wird – der Zusammenhang zwischen der Mikroökonomie II und der Realität hat sich immer noch nicht von selbst eingestellt.) Ach, ich spekuliere zu viel ... was ich mir jetzt selbst denke, was Kinder wollen oder was ich wollte, als ich Kind oder Student war. Wir sollten sie FRAGEN! Heute neu! Wahrscheinlich kommt etwas gut Brauchbares heraus. Wollen wir das Ergebnis einer solchen Befragung nicht einmal betrachten und im Herzen bewegen? Haben wir den Mut dazu? Haben wir Angst, dass sie vielleicht nicht selbst auf bundeseinheitliche Prüfungen kommen? Kennen Kinder den Stand der Technik bei Overheadfolien, Matrixdruckern und ausrollbaren Erdkundetafeln? Werden sie teure Schreibmaschinenkurse verlangen, die wir uns damals erst nach der Schulzeit leisten konnten?

Lasst uns sie fragen! Lasst uns gefasst sein! International Childrens‘ Assessment of Necessisties (I CAN).



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