Als das Kind schrie, er sei nackt, fror der Kaiser

23. Mai 2010 von Gunter Dueck in Allgemein

Die Spekulanten, die sich gegen das hoch verschuldete Griechenland verbünden, bereinigen angeblich den Markt. Dafür – so sagen viele – müssten wir ihnen dankbar sein. Denn nun kann Griechenland wieder zur Ordnung zurückkehren. Diese neu entstehende Ordnung sei am Ende die Folge der Spekulation. Das Problem ist, dass auch nur naiv aufgedeckte Wahrheit das, was wieder in Ordnung kommen soll, oft in großen Wirren verwickelt. Das geschieht besonders dann, wenn mit der Wahrheit nicht ordentlich umgegangen wird, sondern aus ihrer Aufdeckung ein Problem höherer Ordnung entsteht.

Version 1: Eine Mutter hat Zwillingssöhne in der Schule, der eine lernt mit Fleiß und Mühe und gilt als ganz befriedigend, der andere schreibt gerissen alles ab und schlängelt sich so durch. Das fliegt eines Tages auf. Die Familie berät sich, auch mit den Erziehern. Sie zeigen sich gemeinsam mit dem schwarzen Schaf geduldig, geben ihm Nachhilfe, zwingen ihn durch zeitweilige Strafen, ermutigen ihn und fordern ihn heraus. Trotzdem bleibt er einmal sitzen. Seine erste Freundin rümpft später nur einmal die Nase über seine Noten und leitet eine gewisse Wandlung ein, die immerhin einen passablen Schulabschluss ermöglicht. Alles wird brauchbar gut.

Version 2: Eine Mutter hat Zwillingssöhne, einer fleißig, einer lebenslustig gerissen. Das erkennen einige Spekulanten beim analysierenden Durchforsten der Klassenarbeitsbilanzen und Punktelisten. Da verhandeln sie mit einigen Bankkunden im Ort, die keine Ahnung von den schlechten Zahlen haben und große Stücke auf die Familie halten, eine Wette. Sie wetten darum, dass beide Söhne gleichzeitig den Schulabschluss ohne Sitzenbleiben schaffen. Beide Seiten setzen eine Million Euro ein. Topp, die Wette gilt!

Sofort stürmen die Spekulanten los und decken die kleinen Betrügereien des einen Jungen auf. Sie interviewen alle Klassenkameraden und finden viele neue Anhaltspunkte für Unsauberkeiten. Manche ahnen noch Dunkleres, was sich später nicht bewahrheitet, aber gut genug zum Niederziehen ist. Die Spekulanten setzen die Vermutung in den Raum, dass auch der fleißige Junge wohl etwas zu verbergen hätte.

Darüber ist die Familie sehr erschrocken. Noch schlimmer, sie bekommt jetzt Vorwürfe von ihren Freunden, die eine Million Euro auf den Erfolg der Zwillinge gesetzt haben. Die dringen auf sofortige Mobilmachung aller Kräfte. Die Zwillinge werden zum Tagesgespräch. Der gerissene Junge zieht sich zurück, der fleißige leidet unter Stress und Scham und empört sich über den anderen. Die Zwillinge entzweien sich, der Fleißige will, dass sofort alles in Ordnung kommt. „Was macht es schon, wenn ich einmal sitzen bleibe?“, streikt nun trotzig das schwarze Schaf und findet, dass noch gar nichts verloren ist. Die Familie kocht, die Freunde werden ungeduldig. Das Sitzenbleiben ist zwar keine Katastrophe, aber angesichts der eingegangenen Wette ist sie nun sehr wohl eine für die Freunde. „Sitzenbleiben ist keine Option mehr!“ Die wohl gesonnenen Wettfreunde schimpfen. Das kommt den Spekulanten zu Ohren. Sie jubeln diese Nachricht überall hinaus – nämlich, dass die Gegenwetter offenkundig nun ganz und gar nicht mehr hinter ihrer Wette stünden und sich auf hohe Verluste einrichten müssten.

Nun überstürzen sich die Ereignisse. Die Mutter macht der Schule Vorwürfe, die Lehrer bloggen Gegendarstellungen im Internet. Wettbüros eröffnen Schalter im Dorf und nehmen weitere Wetten an. Durch den Widerhall im Internet beginnen sich auch Einwohner aus den umliegenden Dörfern an den Wetten zu interessieren. Kinder, die die Zwillinge als Insider kennen, werden bestochen, etwas über die Zwillinge zu verraten.

Die Freunde der Familie fürchten nun ernsthaft um ihr Geld und leiten Hilfsprogramme ein. Die Kinder werden Tag und Nacht gedrillt, sind aber psychisch völlig überfordert. Der fleißige Junge verstockt, er findet, er habe gar nichts damit zu tun. Er werde ja immer normal versetzt, und nun solle er zur Sicherheit mehr lernen und ebenfalls gedrillt werden, damit er seinem Bruder helfe? Der andere kommt irgendwann auf die Idee, sich selbst am Gewinn der Parteien beteiligen zu lassen. „Bekomme ich eine halbe Million, wenn ich einfach nichts mehr tue und sitzen bleibe?“ Dieser feine Gedanke setzt weitere Wellen in Gang. Der Arbeitgeber der Mutter sieht sie völlig überlastet und droht mit Entlassung. Die Bank fürchtet jetzt um das Hausdarlehen und fragt unruhig nach. Die Wellen schlagen immer höher, weil die Wetten Schwindel erregende Summen angenommen haben. Das Fernsehen untersucht, ob es ein Verbrechen wäre, wenn einer der Söhne absichtlich sitzen bleiben würde. Es häufen sich Meldungen, dass etwas mit der Schule nicht stimmt und wahrscheinlich auch nicht mit dem Ort, der von Journalisten wimmelt. Imbissbuden sprießen an Straßenrändern. Sie hoffen darauf, dass es zum Sitzenbleiben kommt und danach ein weiteres Jahr hindurch zu neuen Wetten, anschließend zu einer Börsennotierung der Zwillinge. Eine Immobilienspekulation beginnt. Makler reden Alteinsässigen den Niedergang des Ortes ein und reichen die verkauften Häuser gleich an Spekulanten weiter, die ihre Wetten ausweiten…

Und irgendwann stand da ein großäugiges kleines Mädchen, hatte den Daumen im Mund und fragte alle treu und unschuldig: „Was ist eigentlich das Problem?“ Und sie schrieen durcheinander, dass das ganze System und die weltweite Ordnung gefährdet seien. Da fragte das Mädchen: „Welche Ordnung?“


4 Kommentare zu “Als das Kind schrie, er sei nackt, fror der Kaiser”

  1. lehmOS Antworten | Permalink

    (Sport-) Wetten

    Erinnert mich stark an Wetten beim Sport - dort versucht auch allerlei windiges Gesindel Einfluss auf den Ausgang zu nehmen, oder auf die Entscheider (Schiedsrichter)...

  2. Elena Gerter Antworten | Permalink

    Welche Ordnung eigentlich?

    Das ist also wirklich die entscheidende Frage. Unser mogelnder Schuljunge Griechenland darf kein Sündenbock sein, sondern ist in gewisser Hinsicht ein "Opfer" eines missratenen Systems.

  3. Dirk Staudinger Antworten | Permalink

    Ein schöner Vergleich. Und mittlerweile wissen wir ja, dass es immer mehr "lebenslustige Kinder" gibt, als wir eigentlich annahmen. Aber wer kann das ganze System eigentlich noch überschauen?

  4. Timo Antworten | Permalink

    Wie es ein Jahr später aussieht...

    ... kann man ja derzeit in allen Medien beobachten. Sehr schöner Artikel und leider zu wahr...

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