Das Internet ist schuld, weil es so anonym und so transparent ist

9. August 2011 von Gunter Dueck in Allgemein

Die Politiker sagen, es sei gefährlich, im Internet die eigenen Daten preiszugeben. „Wenn ihr schon chatten müsst, verratet doch bitte nicht euren Namen, Kinder. Wenn ihr euch später um einen Job bewerbt, wird man nach euch googlen. Da kommt alles raus.“ Die Politiker sagen, dass die Anonymität im Internet die Verbrecher schützt. Deshalb soll die Anonymität ganz fallen. Jeder soll seinen echten Namen offenbaren. Ja, was nun? Sommerlochtheater.

Die Unternehmen im Internet nutzen die Ehrlichkeit der Kunden schamlos aus und handeln mit den Adressdaten. Man schaut in Datenbanken nach: Ist unter dieser Adresse ein Einfamilienhaus oder ein Plattenbau? Bei Google StreetView kann man sich das Haus sogar anschauen und die Interessen des Kunden berechnen. Hat er Unkraut am Straßenrand? Ist der Schnee geräumt? Oder der Rasen wie ein Golfplatzgrün gepflegt? Man sieht sofort, ob da ein Alternativer oder ein „ehrbarer Deutscher“ wohnt und wie viel Geld sie wofür haben. Das kindliche Geschwätz auf Facebook & Co kommt in jede Personalakte. Das Internet vergisst nichts. Das ist den meisten schon bejahrten Menschen nicht so klar, weil es vor dem Jahr 2000 kaum Einträge im Netz gibt, zum Beispiel keine älteren Doktorarbeiten – meine ist ja mit Kugelkopf geschrieben und besteht halb aus Tipp-Ex. Unsere Jugend aber, die Generation der Digital Natives, ist schutzlos den harten Sonnenstrahlen des Web ausgesetzt. Meine Mutter sagte wie jede Mutter damals noch: „Gott sieht alles!“ So etwas haben wir jetzt. Alles ist transparent. Davor muss man sich schützen, sagen die Politiker. Man muss Daten wieder löschen können, wenn sie einem nicht gefallen! Insbesondere „das Geschwätz von gestern“ der öffentlichen Personen, das sie angeblich nicht mehr kümmern will, ist auch heute und auf ewig mit ihnen.

Während sich auf der einen Seite die ehrlichen Menschen vor der Transparenz aktiv in Acht nehmen sollen, ist das bei unehrlichen ganz unerwünscht. Menschen, die etwas Böses vorhaben, müssen sich natürlich erst unter vollem Namen bei einer Behörde registrieren und beim Chatten eine IP-Fessel tragen. Man braucht volle Transparenz! Was ist etwas Böses? Wer weiß es, wer entscheidet das? Das weiß die Behörde oft selbst nicht so genau. Die Behörde in Ägypten fand die Verständigung des Volkes unter Facebook nicht so gut und hätte sich mehr Transparenz unter den Nutzernamen gewünscht. Oder: Ist es böse, pauschalen Unmut über Anhänger anderer Religionen zu äußern? Ja, das finde ich wie die meisten. Ist es böse, über andere Religionen karikaturistisch Witze zu machen? Das ist das festgestellte Recht des Karikaturisten, aber man kann über Pietät oder Geschmack streiten oder in der Bibel lesen (10 Gebote, Exodus) und Sympathie für andere zeigen: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist.“

Es geht um das Augenmaß, was was ist. Das müssen wir erreichen oder behalten. Das Internet entwickelt sich rasend schnell, und wir müssen mitten in der Bewegung ruhig und ausgleichend sein. Leider sind die Entscheider in Wirtschaft und Politik nicht im Internet! Sie reden darüber wie einst der spanische König über die neu entdeckten Länder in Südamerika, die ihm spanisch vorkamen.

Haben wir denn Transparenz im realen Leben? Wird denn jeder Link im Rotlichtmilieu aufgezeichnet? Rufen Chipimplantate in Jugendlichen ab 1,5 Promille oder 90 Nachtdezibel die Polizei? Werden die Parteispender veröffentlicht, die so sehr stolz zu ihrer wundervollen Partei stehen, sodass sie sie selbstlos unterstützen? Trauen sich Politiker, ihre eigene Meinung zu sagen, oder spülen sie sie nach den Sitzungen mit Bier weg? Werden die Personalien der Demonstranten vor den Kundgebungen und ihr Schimpfen währenddessen gespeichert – so wie es im Internet ja auch sein soll? Soll ein Unternehmen jedes Problem publizieren und sich damit eventuell selbst in den Abgrund reißen? Erzählen Sie Ihrem Lebenspartner alles?

Die Balance zwischen der wünschenswerten Transparenz und der wünschenswerten Privatsphäre muss kontinuierlich neu gefunden werden. Leider wird diese Balance immer wieder durch Sommerlochanschläge in Gefahr gebracht, wenn Einzelunglücke zum Anlass genommen werden, das Ruder jetzt wieder energisch ganz dramatisch herumzureißen und „Stimmung zu machen“, die jetzt im Sommer fehlt.

Im Netz liegt viel von unserer Zukunft. Das wissen wir alle. Warum machen sich Politiker und ältere Meinungsforscher einen Sport daraus, diese Zukunft schlechtzumachen? Warum diffamieren sie die Gewalt, den Sex, die Geschäftemacherei, die Werbung, die Abzocke, die Hetze im Netz? Gibt es das nicht alles schon allezeit im realen Leben? Und haben die Politiker nicht schon immer versagt, alles im Realen abzuschaffen? Haben sie etwa die Idee, dass es zu schaffen wäre, das Leben im Netz sündenfreier als im Leben 1.0 zu führen? Warum verbieten sie die realen extremen Parteien und Hetzer nicht? Warum gibt es ein reales industrialisiertes Sexgewerbe? Warum Waffen und Schießsport? Warum ist schon eine Ohrfeige bei Gefängnis verboten und dann übt man Boxen? Aber nein, immer ist das Netz für das Böse verantwortlich. Dass der norwegische Attentäter Waffen hatte, findet niemand verwunderlich, aber er hat anonyme Hetze im Internet gelesen. Also ist die Anonymität ist die Ursache! WikiLeaks deckt auf und macht transparent. Also ist die Transparenz die Ursache. Ach nein, es liegt nicht am Netz. Die Menschen sind in 1.0 und 2.0 doch dieselben. Aber 2.0 ist die Zukunft, wie gesagt – und die müssen wir gestalten und dürfen sie nicht als Sündenparkplatz missbrauchen.


9 Kommentare zu “Das Internet ist schuld, weil es so anonym und so transparent ist”

  1. Henrik Viebrock Antworten | Permalink

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    Ich muss sagen, ich denke absolut genau so!
    Die Ironie und insgesammt die Formulierungen hätte ich nicht besser wählen können

  2. Michael Blume Antworten | Permalink

    "Die Politiker"?

    Schon klar, sind ja alle gleich. Ebenso wie "die Unternehmer", "die Muslime", "die Frauen" und nicht zu vergessen "die Blogger" und "die Blog-Kommentatoren"... Wissen wir ja, alle gleich. Oder?

    Klar werden Medien, die sich verkaufen müssen, stets dazu tendieren, die differenzierteren Stimmen zu übergehen. Aber ich denke, dann könnten wir es doch als Bloggerinnen und Blogger auch besser machen. Nur ein Beispiel: Lars Fischer hatte mit seiner Petition für Open Access Erfolg bei Politikern verschiedener demokratischer Parteien.
    http://www.scilogs.de/...rfahren-ist-abgeschlossen

    Warum stärken wir nicht diesen den Rücken, statt pauschal über "die Politiker" her zu ziehen? (Und uns dann zu beschweren, dass "die Politiker" das Internet nicht differenziert genug sehen würden - oh, the irony! ;-) )

  3. Anton Maier Antworten | Permalink

    @all

    Sascha Lobo schlägt in die gleiche Kerbe auch mit satirischem Stil aber mit einer anderen Erklärung --> lesenswert
    http://www.spiegel.de/...web/0,1518,779289,00.html

    Das Hauptproblem ist doch, dass Politiker jedem "Cargo-Kult" (Link) anhängen dürfen ohne einen kompletten Gesichtsverlust zu erleiden. Es lohnt sich für einen Politiker jede noch so falsche und polemische Kampagne anzutesten. Hauptsache man hat etwas gesagt, wenns klappt gut, wenn nicht auch nicht weiter schlimm.
    Meiner Meinung muss man die Marktverhältnisse ändern, die dieses Verhalten möglich machen, da dieses Verhalten nicht nur die Meinungsfindung behindert sondern auch die Entscheidungsfindung massiv stört.

    Ich möchte da bspw. an Ursula von der Leyen erinnern, die versuchte das völlig harmlose Buch: "Wo bitte gehts zu Gott?" zu indizieren.
    (www.ferkelbuch.de) Glücklicherweise ist sie damit vor die Wand geknallt.
    In dem Fall der Netzsperren war Sie trotz Expertenausschuss und den Erklärungen von Providern "erfolgreich". Sie hat sogar die Provider öffentlich im Bundestag als inkompetent beschimpft, da die Provider ihr erklärt haben was für ein Unsinn das ist.
    Die Tatsache, dass eine Bundesministerin nicht in der Lage ist das DNS System zu verstehen, obwohl ihr eine Herrschar von Fachleuten zur Verfügung steht, die sich dann wiederum noch im Bundestag von ihr beschimpfen lassen müssen ist ein Skandal.

  4. Thomas Klaas Antworten | Permalink

    @Anton
    Langer aber unbedingt lesenswerter Artikel!
    Habe bei deinem Beitrag direkt daran gedacht. Der regt echt zum Nachdenken an wie es um die Medienkompetenz im Bundestag aussieht.

    @Topic, Gunter
    Der Beitrag spricht genau das aus was viele denken.
    Leider lesen die wenigsten Leute diese Texte und in der Zeitung / Fernsehen kommen oft nur die Beiträge aus der Politik an.
    Je mehr Beiträge dieser Art existieren umso größer ist die Chance das viele Leute erreicht werden.
    Anton hat schon zwei aufgezählt, dazu gehört ganz klar auch noch
    http://www.alexanderlehmann.net
    der mit "Rette deine Freiheit" oder "Du bist Terrorist" das Thema in Videos für extra3 angeht.

    Vielleicht ist es doch an der Zeit, dass die Piraten im Bundestag mitspracherecht bekommen. Deren Themen sind sicher nicht alle gut, aber dann sitz mal jemand im Saal der versteht wovon er redet...

    Noch ein paar Anregungen zum Nachddenken:
    - Wieso sollen sich Kinder im Netz verstecken? Bis jetzt hat im Berufsleben noch keiner gefragt wieviele Scheiben ich zerschossen habe oder wem ich einen Streich gespielt habe...

    - Wieso sollen Erwachsene sich im Netz verstecken? Auf der Straße lerne ich ganz schnell was ich sagen kann und was ich lieber lasse... und das ist im Internet nicht anders.

    - Wieso sollte man Daten nach einer Zeit im Netz löschen? Wir LACHEN heute dank youtube über Werbefilme die 10, 20, oder 50 Jahre alt sind.

    Das Netz ist erwachsen geworden, vielleicht ist die Bedrohung einfach greifbarer, wenn "ich laufe morgen Amok" von "Hans Müller" geschrieben wird statt von "kleineBiene84"... und genau das macht den Menschen Angst

  5. Stefan Freise Antworten | Permalink

    Lasst's doch mal gut sein.

    Hallo.

    Ein Freund hat mich auf diesen feinen Beitrag aufmerksam gemacht, nachdem er meinen auf last-voice.de gelesen hatte, der als Fazit hat: Lasst's doch mal gut sein.

    Prima, was Sie da schreiben und definitiv das, was Politiker und Gestalter sich annehmen sollten.

    Danke und Herzliche Grüße aus Paderborn

  6. Onlinespieler Antworten | Permalink

    Jeder weiß doch, das es heutzutage unumgänglich ist,irgendwelche Daten von sich zu hinterlassen. Wer auf diesen Zug nicht aufspringt, braucht keinen Rechner mehr

  7. chat welt Antworten | Permalink

    @all

    Jeder sollte so wieso überlegen welche Daten er wo hinterlegt bzw. welche Daten er ins Internet stellt. Die Fotos der eigenen Kinder und ähnlich Diinge sind privat und sollten auch genaus da bleiben. So viele sind sich auch nicht bewusst, dass das was einmal im Internet ist immer im Internet bleibt.

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