“Papa, kann eine Bank ethisch sein?”

3. November 2008 von Gunter Dueck in Allgemein

Warum sind denn so viele Unternehmen in die Wirren verwickelt, die den Finanzmarkt erschüttern und das Jahr 2008 in die Nähe von 1929 rücken? Wir haben zuerst nur geglaubt, es seien einzelne schwarze Schafe. Dann aber gingen uns die Augen über. Hey, Leute, Sie verstehen die Mathematik von Gut und Böse nicht! Es ist gar nicht so einfach, gut zu sein. Es kann sogar umbringen.

„Eine Bank kann ethisch sein, mein Sohn. Aber sie muss das aushalten können. Stell dir vor, die Immobilienpreise steigen wie verrückt. Ein Haus, das heute 300.000 Euro kostet, wird in wenigen Jahren – so spekulieren alle – 400.000 Euro wert sein. Vor zwei Jahren war das Haus noch 200.000 Euro wert. Ein Sparer hat 50.000 Euro auf der Bank und möchte von der Bank 250.000 Euro Kredit bekommen.

Da schüttelt der Bankberater der ethischen Bank den Kopf und rechnet vor, dass ein Sechstel Eigenkapital unseriös wäre. Normal wäre ein Drittel. Außerdem seien die Hauspreise sehr hoch und könnten jetzt sogar fallen. Wenn die Bank 250.000 Euro Hypothek gäbe und der Hauspreis auf 240.000 Euro wieder zurückfalle, müssen eventuell zwangsversteigert werden. Dann hätten die Bank und der Hausbesitzer gemeinsam einen erheblichen Schaden.

Der Sparer argumentiert: Das weiß ich. Ich habe es mir ausgerechnet. Ich müsste eigentlich ein Drittel Eigenkapital haben, also 100.000 Euro. Ich muss also noch 50.000 Euro ansparen. Dazu brauche ich zwei oder drei Jahre. Dann aber kostet das Haus 400.000 Euro und ich müsste 133.000 Euro Eigenkapital haben. Verstehen Sie? Die Häuserpreise steigen schneller als ich sparen kann. Deshalb muss ich den Kredit jetzt sofort haben. Jetzt oder nie.

Der ethische Bankberater antwortet: Da alle annehmen, dass die Preise sehr schnell steigen, wollen alle jetzt sofort kaufen, weil sie sonst fürchten, nie mehr ein Haus zubekommen. Wenn aber alle jetzt sofort kaufen, steigen die Preise unseriös hoch an. Danach haben alle ein Haus gekauft und dann will keiner mehr eines. Deshalb fallen die Preise bald wieder. Ich muss Ihnen also raten, jetzt nicht zu gierig zu sein. Gier führt in den Untergang. Davor bewahre ich Sie und verweigere Ihnen den Kredit. Sparen Sie in Ruhe weiter. Sie haben in drei Jahren 100.000 Euro gespart und bekommen das Haus für 250.000 Euro. Dann ist alles gut.

Der Sparer schreit: Ich will jetzt! Das hier ist meine Hausbank und muss Kredit geben!

Der ethische Bankberater schüttelt den Kopf. Nein, ich schütze Sie vor Ihnen selbst.

Da rennt der Kunde davon und bekommt einen Kredit von einer unethischen Bank. Verstehst Du das?“

„Papa, ja, da hat der Berater recht. Aber er hat mit seiner Ethik den Kunden ja nicht gerettet, sondern nur in die Arme des Bösen getrieben. Das ist nicht gut. Das Ethische hat ja jetzt nichts genützt, oder?“ – „Nein, mein Sohn, nichts. Die ethische Bank verliert jetzt alle Kunden, die nach Krediten fragen. Die laufen ärgerlich in der Stadt herum und klagen die ethische Bank an, die nur an ihre Sicherheit denkt und damit nur an sich selbst. Sie schreien: Diese Bank ist egoistisch und geht für uns treue Stammkunden keinerlei Risiko ein, nicht das klitzekleinste! Diese Bank ist böse. Sie handelt unethisch. Wer bei ihr die Verbindung unterhält bekommt keinerlei Hilfe und niemals ein Haus. Sie horten ihr Geld, diese fetten ekligen Pfeffersäcke.“ – „Aber Papa! Da sehen sie es alle jetzt falsch herum!“ – „Ja, richtig! Und die ethische Bank verliert ihren guten Ruf und geht pleite.“

„Und die andere gehen dann an den faulen Krediten pleite, oder? Papa, das ist schrecklich, alle gehen pleite, aber die Guten sterben zuerst, dann erst die Bösen.“

„Ach, nein, Sohn, die unethischen Banken sind so viele, die muss man retten, weil sonst die Gesellschaft gefährdet ist.“

„Dann sterben nur die Guten?“ – „So ist es.“

„Papa, das kann nicht sein, oder?“ – „Schau dir doch einmal den Radsport an. Stell dir vor, da ist ein ethischer Radfahrer, der gar nicht dopt. Nicht bis an die Grenzwerte aller Substanzen – einfach gar nicht. Was passiert mit dem?“ – „Er kann nicht mithalten. Oh, das stimmt. Er ist wie eine ethische Bank, Papa. Oder?“ – „Er wird seinen Beruf aufgeben. Die anderen nehmen Substanzen bis an alle Grenzwerte. Oft auch mehr. Sie spekulieren darauf, dass das Radrennen ja nicht als Ganzes untergehen darf. Deshalb sind sie nicht so streng, wenn alle dopen.“ – „Wenn die Bösen allein übergeblieben sind, hat es ja keinen Sinn mehr, einzelne zu bestrafen, oder? Aber, Papa, das kann doch nicht sein!“

„Beim Radsport muss die Aufsicht immer stärker und stärker Dopingproben nehmen und immer genauer untersuchen. Das ist das einzige Mittel. Man muss Polizei und Kontrolle auffahren. Das haben sie bei den Banken irgendwie nicht gemacht.“ – „Warum nicht, Papa?“ – „Bei den Banken waren die Kontrollen nicht so stark, weil man ihnen Vertrauen geschenkt hat. Banken waren der Inbegriff für Vertrauen und Sicherheit. Früher war das bei Radfahrern auch so. Niemand hat je gedacht, dass Eddy Merckx gedopt wäre, oder Rudi Altig. Das war genauso unwahrscheinlich wie wenn eine Staatsbank spekuliert. Man muss jetzt die Dopingkontrollen auch bei den Banken einführen.“

„Papa? Wäre es nicht besser, alles würde wie früher, als alle noch gut waren?“ – „Ach ja, schön wäre das! Die Radfahrer gehen bis an die Grenzwerte und werden dann später Sportinvaliden. Da es alle tun, gibt es keinen Vorteil. Nur den Nachteil, dass sie krank werden. Sie müssten alle gleichzeitig aufhören.“ – „Und das tun sie nicht. Das verstehe ich. Einer macht es heimlich weiter und besiegt die anderen. Was machen wir da? Warum waren die Leute früher gut?“ – „Sie haben sich geschämt, wenn sie unethisch oder gierig waren.“ – „Heute schämt sich keiner, Papa. Was machen wir denn nun?“

„Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Alle vertrauen und haben keine Polizei. Oder alle suchen ihren Vorteil auch gegen andere und müssen dauernd kontrolliert werden. Irgendwie schwappt es hin und her. Gute Zeiten, schlechte Zeiten.“ – „Papa, wir sind jetzt selbst wieder ab sofort ethisch und zeigen allen anderen, dass wir ein Vorbild sind. Ich will ethisch sein und beim Bösen nicht mitmachen.“ – „Aber du siehst an der ethischen Bank, dass sie damit pleite geht?“ – „Sagst du mir als Vater, ich soll böse sein?“ – „Ach Kind, nicht böse, nur realistisch. Ich will doch nur dein Bestes. Die Zeiten, mein Kind, die Zeiten. Das Gute ist nur gut, wenn es in der Mehrheit ist. Und das ist es heute nicht.“ – „Wir überzeugen alle!“ – „Ach Kind, das geht nur im Kino. Dort besiegt das Gute das Bösen durch nur-gute Methoden, damit es immer rein gut bleibt. Sonst wird der Film nicht wirklich schön, nur realistisch. In Wirklichkeit muss das Gute irgendwann auch das Messer ziehen und kämpferisch und unduldsam werden.“

„Dann ist das Gute nicht mehr gut. Wie aber wird alles gut, wenn das Gute nicht mehr gut bleibt?“

„Hilfe! Ich weiß es nicht! Ich meine nur, dass das Gute einmal wirklich böse werden müsste!“


9 Kommentare zu ““Papa, kann eine Bank ethisch sein?””

  1. wissenslogs@futuremagic. Antworten | Permalink

    Sehr schön

    Sehr passend. Und da das Gedächtnis der Leute allenfalls ein paar Jahre hält, ist der nächste Crash schon vorprogrammiert, so in 10 oder 20 Jahren.

  2. Heike Antworten | Permalink

    Wahrhaft Hilfe!

    Lieber Herr Dueck,
    das, was Sie da schreiben sticht mich!
    Versuche ich doch gerade normal-gut zu werden. Ihr Artikel klingt so ein bisschen nach Jedi-Jesus...
    In ihren Büchern schreiben Sie immer wieder sehr eindringlich, dass der Mensch auf seine Hirnwellen achten soll. Stetig im entspannten Alpha-Wellen-Zustand soll er sein.
    Und nun soll ich kämpfen und böse sein?
    Ich kann ja verstehen, dass es nicht leicht ist in einer bösen Welt. Und ich habe angefangen meine neu erbaute Machina schätzen zu lernen. Aber doch nur, wenn sie mich ruhiger sein lässt, als die reine Seele mit Wunde drin.

    Und mein Mann feiert gerade fast furore bei seinen Kunden. Eben weil er sein Eigentliches tut, also ein guter Mensch de facto ist!

    Also verstehe ich Sie wohl nicht so ganz, Entschuldigung. Erklären Sie's noch mal?

  3. Jessy Schaefer Antworten | Permalink

    Bewegend.

    Sie haben im grunde genommen vollkommen Recht. Wenn man sich in einer so komplexen und zusammenhängenden Welt nicht anpasst geht man unter.

    Ihr Text hat nur eine große Schwäche, er geht vom persönlichen Vorteil bzw. "Überleben" aus.

    Ist es nicht wahr das wenn niemand jemals anfängt ethisch zu handeln wir immer in einer Welt wie dieser leben müssen?

    Meiner Ansicht nach bedarf es demnächst einer neuen Bewegung ähnlich der Aufklärung um den ewigen Kreislauf in dem sich unsere Gesellschaft befindet zu durchbrechen, denn ohne eine Umwälzung des kollektiven Bewustseins wird es keinen Wandel geben.

  4. Gunter Dueck Antworten | Permalink

    Kritische Masse!

    Sie sind zu erschrocken von diesem Artikel, oder? Ich sage nur, es ist nicht so leicht, EINZELN gut zu sein, es kann zum Ruin führen. Gutsein braucht eine kritische Masse, wenn es gut aushaltbar sein soll. Gutsein bezieht sich auf etwas in der Gemeinschaft - und ganz ohne Gemeinschaft ist Gutsein nur etwas für Asketen, Fakire oder Säulenheilige, eventuell Wissenschaftler. Gutsein wird nur gut, wenn wir wirklich gemeinsam dem Bösen böse werden. Ist das nicht klar? Und schon immer so gewesen? Sie wollen dem nicht in die Augen schauen und denken, Sie kommen davon, wenn Sie nur selbst für sich allein nicht böse werden. Sie kommen aber nicht davon - sie müssen helfen, eine kritische Masse zu bilden, also eine Gemeinschaft. Ein bisschen Böses unter uns schadet nicht viel, ein bisschen Gutes unter und nützt nicht viel.

  5. Jörg Helbing Antworten | Permalink

    Der ethische Banker

    Ist der gute Banker wirklich gut? Beim dem geplanten Hauskauf kann man seiner Reaktion durchaus etwas abgewinnen. Aber wenn kein Banker bereit ist die Gründung eines Unternehmens oder die geplante Ausweitung von Geschäften zu finanzieren? Was dann? Wo wären wir als Menschen heute ohne die uns innewohnende Bereitschaft Risiken oder sehr hohe Risiken einzugehen? Unterstellt, die Immobilienpreise hätten sich entwickelt wie dargestellt, dann hätte die gute Bank die Entstehung von Vermögen verhindert. Ein Stück verhinderte Wohlfahrt für alle. Insofern gibt es Unterschiede zum Radfahrer. Dass er siegt mag ein Vorteil für ihn sein. Für die Gemeinschaft allenfalls ein paar Brosamen.

  6. Jörg Helbing Antworten | Permalink

    Eine struktur, um Gut zu sein

    > Gutsein braucht eine kritische Masse, wenn es gut aushaltbar sein soll.
    Um gut zu sein, bedarf es einer Struktur. Ich nehme an, dass sie bei IBM über eine derartige Struktur haben und bestätig geprüft wird, ob sie hält was sie verspricht.

    Wo aber war die Struktur bei den Banken? Die waäre daoch in erster Linie durch ein gutes Risiko-Management gegeben. Nach (fast) jeder Wirtschaftsordnung ist ein funktionierende Risiko-Management einzurichten. Dies ist soger durch externe Prüfer zu prüfen und darüber ist in einem Testat zu befinden. Für mich die Hauptfrage in der Finanzkrise. Was haben die Wirtschaftsprüfer getan, als sie bescheinigt haben, dass die Bank eine ausreichende Risikovorsorge getätigt hat und über ausreichende Strukturen zum Erkennen von Risiken verfügt. In der öffentlichen Diskussion spielt das so gut wie keine Rolle.

  7. Gisbert Dahmen-Wassenber Antworten | Permalink

    Böse Börse

    Der gduldige Vater hat da aber einen kleinen idealistischen Grundsatzfehler sich einschleichen lassen.
    Natürlich verweigert der "ethische Banker" dem Kunden den Kredit. Nachdem er ihn verabschiedet hat,geht eraber zurück an seinen Bildschirmarbeitsplatz und verzockt mal eben als "Anlage" für seine treuen, edlen Kunden z.B. Zuhälter, Autohändler, Beamte, Mc Donalds-Franchiser etc. ein paar Milliönchen an der Börse: uuuuppps.
    Das summiert sich natürlich aufgrund der allgemeinen Qualifikation, Fortbildung und Mc Kinsey-Beratung und führt nun dazu, dass die Aktionäre der chinesischen Offerte, die klebrige deutsche Bank für ein Taschengeld einzustreichen dankbar nachgeben uuuppps und dann stellt da der Controller fest, dass man so ein schwaches Geschäft ja auch mit einem guten Server und 10% der gutbezahlten Beleghschaft betreiben kann und dabei noch mehr verdient, wenn man auf die stillen Teilhaber Mc Kinsey und Co verzichtet, und dann steht unser lieber guter ethischer Banker plötzlich neben dem lieben schönen guten unethischen Banker der unethischen Bank und fragt sich wie man Hartz IV schreibt und warum er nun raus ist aus dem gemütlichen Spiel und fängt langsam an zu begreifen. Hoffentlich, denn an der Ethik liegts nicht!

  8. Ebel Antworten | Permalink

    Finanzkrise

    Der Bankerzwiespalt ist nur ein Symptom, nicht die Ursache. Die Produktivität ist gestiegen, so daß die benötigte (steigende) Gütermenge in immer kürzerer Zeit produziert wird. Ohne Anpassung der Arbeitszeit entstehen dadurch horrende virtuelle Geldmengen, die eine Blase produzieren, die irgendwann platzen muß! und dann die Realwirtschaft mehr oder weniger beeinträchtigt.

    Auch die besten Kontrollen und Regeln nützen nichts, wenn die Ursache nicht beseitigt wird. (Eine richtige Therapie erfordert eine richtige Diagnose.)

    Das Platzen der Blase ist doch durch die beginnende Konjunkturabschwächung eingeleitet worden.

  9. Manolo Antworten | Permalink

    Korrekt

    Einfach noch 2-3 Jahr warten und dann kann Ihr Artikel wieder aus der Schublade rausgeholt werden. Ein paar Namen tauachen, ein paar Begriffe durch neue ersetzen und dann gibts kombinierte Finanmzmarkt -und Schuldenkrise reloaded

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